Karl May.

Die Sklavenkarawane





Ich verlange losgebunden zu werden, und fordere meine Waffen und alles zur?ck, was deine Leute mir abgenommen haben! ?brigens ist der Emir von Kenadem mein Freund, und was ihr ihm thut, rechne ich so, als ob es mir geschehen sei. Er wird ebenso ger?cht werden, wie man mich r?chen w?rde!

Er mu?te sofort erkennen, da? er zu weit gegangen war, denn Abd el Mot fuhr zornig auf:

Mann, nimm dich in acht! Wenn einer hier zu fordern und zu gebieten hat, so bin ich es allein! Wer ?berzeugt mich denn, da? du die Wahrheit redest! Wer hindert mich, anzunehmen, da? du mich bel?gst, um freizukommen! Ist alles, was dem Emir geschieht, f?r dich so gut, als ob wir es an dir gethan h?tten, nun so betrachte ich alles, was er gethan hat, auch so, als ob es von dir begangen worden sei. Soll ich ihn als deinen Freund behandeln, nun gut, so behandle ich auch dich als den seinigen. Du wirst also ganz dasselbe Schicksal haben wie er, und ich will ruhig abwarten, ob es wirklich so m?chtige Leute gibt, welche ihn und dich an mir r?chen k?nnen. Bringt auch f?r diesen Christenhund eine Schebah und bindet sie dann beide aneinander!

Es wurde eine zweite Schebah gebracht und die Gabel derselben Schwarz um den Hals befestigt. Die Enden der beiden Stangen band man dann vorn an den Spitzen zusammen. Als dies geschehen war, h?hnte Abd el Mot:

So! Jetzt seid ihr als Freunde vereint, und ich will es gern erlauben, da? ihr euch euer Schicksal gegenseitig so viel wie m?glich erleichtert. Es thut mir sehr leid, da? es euch unm?glich wird, die Belanda vor uns zu warnen. Da ihr darauf verzichten m??t, werde ich euch als Ersatz daf?r eine andre Freude bereiten. Ihr sollt n?mlich dabei sein, wenn wir das Dorf ?berfallen. Ich werde euch einen Platz anweisen, an welchem ihr alles genau beobachten k?nnt. F?r jetzt aber wird man euch an einen Baum binden, damit euch nicht etwa der Gedanke kommt, mitsamt der Schebah lustwandeln zu gehen!

Schwarz und Barak el Kasi wurden zu einem Baum gef?hrt und dort angebunden. In dieser Situation an Flucht zu denken, w?re geradezu Wahnsinn von ihnen gewesen. Man denke sich zwei Menschen, welche an einen Baumstamm gefesselt sind, und dazu zwei schwere, h?lzerne Deichseln, zwischen deren hintern, gespaltenen Teilen ihre H?lse stecken; diese Deichseln sind vorn in spitzem Winkel zusammengebunden, und au?erdem hat man den M?nnern die H?nde an dieselben gefesselt, so da? jeder von ihnen die Last seiner Deichsel halten und tragen mu?.

So standen Schwarz und Barak el Kasi jetzt im Lager der Sklavenj?ger.

Die einzige Erleichterung gew?hrte ihnen der Umstand, da? man sich jetzt nicht mehr um sie zu bek?mmern schien. Die Leute waren mit den Vorbereitungen f?r den heutigen Abend besch?ftigt, und keiner stand nahe genug, um h?ren zu k?nnen, was die beiden miteinander sprachen.

Welch ein Unterschied! knirschte der Emir. Wie ganz anders hatte ich mir den Augenblick gedacht, an welchem ich den R?uber meines Kindes sehen w?rde! Ich wollte ihm als Richter und R?cher gegen?bertreten, und nun befinde ich mich in seinen H?nden! Statt da? er den Tod von meiner Hand empf?ngt, wird er mich langsam und grausam zu Tode martern!

Ob er es wagt! warf der Deutsche ein, weniger weil er Hoffnung hegte, sondern um den Gef?hrten zu tr?sten.

Er wird es wagen; darauf kannst du dich verlassen.

Allah hat es gewollt; ich ergebe mich darein. Aber es betr?bt meine Seele, da? ich dich mit in das Verderben gezogen habe.

Sprich nicht so! Auch ich trage die Schuld. Wir sind so unbegreiflich unvorsichtig gewesen, da? ich mich ?ber das, was geschehen ist, gar nicht wundern kann. Wir h?tten, bevor wir lagerten, die Umgegend absuchen sollen. Und sodann hatten wir uns ungeschickter Weise gerade so gesetzt, da? wir der Richtung, aus welcher allein eine Gefahr kommen konnte, den R?cken zukehrten. Ich habe unter wilden V?lkerschaften gelebt und wei? ganz genau, was man in einer Lage, wie die unsrige war, zu beobachten hat.

Wenn sie uns nur nicht gar so pl?tzlich ?berfallen h?tten!

Wir w?ren dennoch verloren gewesen. Einer Schar Neger h?tten wir wohl widerstehen k?nnen, nicht aber mehreren Hundert solcher Teufel, die so gut bewaffnet sind. Ein Gl?ck ist es, da? man uns wenigstens unsre Kleider gelassen hat. Nimmt man uns auch diese noch, so wird die Lage doppelt schlimm und grausam.

Bei Allah, ich w?rde gern sterben und gern alle Qualen erdulden, welche dieser Mensch sich nur ersinnen kann, wenn mein Sohn nicht ebenso wie ich zu leiden h?tte!

Du glaubst also, was Abd el Mot dir von ihm sagte?

Du etwa nicht?

Nein.

Ich zweifle nicht!

Und ich halte seine Worte f?r L?ge. Er hat die Unwahrheit gesagt, um dich zu qu?len, um dich doppelt ungl?cklich zu machen.

Meinst du? Es w?re ihm wohl zuzutrauen.

Glaube mir, es ist so, wie ich sage. Ich bin vollst?ndig ?berzeugt, da? der Sohn des Geheimnisses dein Mesuf ist. Ich hoffe sogar, dir beweisen zu k?nnen, da? Abd el Mot gelogen hat.

Wie willst du das anfangen?

Warte nur, bis er wieder mit uns spricht!

Du spannst meine Seele auf die Folter. Und wenn du recht h?ttest, wenn der Sohn des Geheimnisses der Gesuchte w?re, was k?nnte es mir nun n?tzen? Ich bekomme ihn nun doch nicht zu sehen, und er wird niemals erfahren, wer sein Vater war. Wir beide werden ermordet, und da wir die Einzigen sind, welche davon wissen, so kann dann niemand es ihm sagen.

Noch sind wir nicht tot; noch leben wir!

Jetzt, heute, ja! Aber wie lange?

An eine Flucht ist unter den jetzigen Umst?nden freilich nicht zu denken; aber Abd el Mot selbst hat uns die Hoffnung gemacht, da? man sich w?hrend einiger Tage nicht an uns vergreifen werde. Er will dich mit Genu? martern, was doch nur daheim in der Seribah geschehen k?nnte. Bis dahin mu? er bestrebt sein, uns die zum Marsche n?tigen Kr?fte zu erhalten. Heute wird Ombula ?berfallen; morgen gibt es einen Fest und Jubeltag, und ?bermorgen hat man noch vollauf mit der Vorbereitung zum R?ckzuge zu thun, welcher jedenfalls l?nger dauert, als der Ritt hieher. Sieben oder gar acht Tage sind also von heute an n?tig, um die Seribah zu erreichen. So lange Zeit h?tten wir Frist. Aber nun bedenke, was auf der Seribah geschehen ist! Wir werden uns nat?rlich h?ten, Abd el Mot auch nur ein Wort davon zu sagen.

Meinst du, da? uns daraus ein Vorteil erwachsen k?nne?

Ganz nat?rlich! Wenn die Absicht gelingt, welche wir dem alten Feldwebel unterlegen, so ist es um Abd el Mot geschehen und wir sind frei.

Allah kerihm Gott ist gn?dig! Du tr?ufelst Balsam in mein Herz.

Vielleicht k?nnen wir uns von der Schebah befreien. Dazu ist weiter nichts n?tig, als da? es einem von uns beiden gelingt, die H?nde los zu bekommen.

Das ist bei mir unm?glich. Man hat die meinigen so fest an das Holz gebunden, da? der Strick mir in das Fleisch schneidet.

Dies ist auch bei mir der Fall; aber der Strick wird nach und nach locker werden, und lieber werde ich mir das Fleisch von den H?nden w?rgen, als mich t?ten lassen, ohne wenigstens den Versuch zu machen, dem Tode zu entgehen.

Jetzt begannen die Sklavenj?ger den Pferden, Kamelen und Ochsen die Reit und Packs?ttel aufzulegen. Man r?stete zum Aufbruche, denn es waren nicht zwei volle Stunden mehr bis zum Anbruche des Abends. Abd el Mot kam zu den beiden und fragte:

Ich darf euch wohl h?flich um Verzeihung bitten, da? ich euch nicht erlauben kann, zu reiten? Ihr werdet gehen m?ssen. Daf?r aber soll euch die gro?e Auszeichnung widerfahren, da? ihr an mein eigenes Pferd gehangen werdet. Ich liebe euch so sehr, da? ich euch in meiner N?he haben mu?. Du, Emir, kannst dich dabei deines Sohnes erinnern, welchen ich damals in ganz derselben Weise transportiert habe.

Das wissen wir, antwortete Schwarz in ruhigem Tone.

Du, Giaur? Was willst du wissen?

Was du mit dem Knaben Mesuf vorgenommen hast.

Abd el Mot warf einen langen, forschenden Blick auf den Deutschen und sagte dann h?hnisch:

Du tr?umst! Wo warst du denn zu jener Zeit?

Daheim in meinem Vaterlande. Doch Allah ist allm?chtig und allweise und leitet die Menschen durch tausend Wunder. Ich kenne den Knaben, den du raubtest.

Unm?glich! rief der Sklavenj?ger, indem er einen Schritt zur?cktrat.

Ich sage die Wahrheit; ich l?ge nicht wie du. Du hast deinen Zweck nicht erreicht, sondern das Gegenteil. Indem du den Emir kr?nken wolltest, hast du ihm das gr??te Entz?cken bereitet.

Ich verstehe dich nicht!

So will ich deutlicher sprechen. Ich kenne den Emir erst seit drei Tagen, nicht aber seine fr?heren Schicksale. Da sprachst du vorhin mit ihm von seinem Sohne; das erweckte meine Aufmerksamkeit; nachdem wir hier angebunden worden waren, fragte ich ihn, und er erz?hlte mir alles. Allah hat es gewollt, da? ich seinen Schmerz in Freude verwandeln konnte, denn ich kenne seinen Sohn.

Abd el Mot vermochte nicht, sich zu beherrschen; er machte eine Bewegung der ?berraschung und rief aus:

Wo ist er? Wo befindet er sich?

Nicht dort, wo du sagtest.

Wo sonst?

In sehr guten H?nden, n?mlich bei meinen Freunden und Gef?hrten. Er ist nicht blind und krank; er kann auch sprechen, denn du hast ihm die Zunge nicht herausgerissen! Er ist ein pr?chtiger J?ngling geworden, und sein Vater wird ihn mit Wonne an das Herz dr?cken.

Das soll er bleiben lassen! brauste Abd el Mot auf. Noch seid ihr meine Gefangene, und ich werde daf?r sorgen, da? Vater und Sohn sich erst jenseits dieses Lebens zu sehen bekommen. Wer konnte ahnen, da? das Weib des F?rsten mit dem Knaben fliehen werde!

Schwarz hatte ihn dahin, wohin er ihn hatte haben wollen. Der Zorn entrei?t dem Menschen manches unbedachte Wort; darum war der Deutsche bestrebt, den ?rger des Sklavenj?gers zu erh?hen, indem er sagte:

Du hattest es nicht klug genug angefangen. Da? du den Knaben nicht weiter fortschafftest, l??t mich vermuten, da? Allah dir ein sehr kleines Gehirn gegeben hat.

Schweige, Schakal! Liegt der Mukambasee nicht weit genug von Dar Runga? Mu? man nicht mehrere Monate reisen, um von da bis zu dem Volke der Matwa zu gelangen?

Das bestreite ich nicht. Aber der Erfolg sagt dir, da? du ihn noch weiter nach dem S?den h?ttest bringen sollen. Es war eine Dummheit, ihn an den F?rsten der Matwa zu verkaufen.

Schimpfe nicht, sonst sollst du noch vor mir zittern! Der F?rst zahlte den Preis von zehn schwarzen Sklaven f?r ihn; er wollte ihn m?sten, um einmal das Fleisch eines Wei?en kosten zu k?nnen. War ich schuld, da? sein Weib ihn nicht liebte, weil er sie geraubt hatte, da? sie ihm entfloh und den Knaben mitnahm, den sie liebgewonnen hatte?

So h?ttest du sp?ter nach ihr und ihm forschen sollen!

Gib mir keinen Rat! Ich brauche ihn nicht; ich wei? selbst, was ich zu thun habe. Die Frau ist niemals zu ihrem Volke zur?ckgekehrt. Ich war bis jetzt ?berzeugt, da? sie unterwegs mit dem Kinde umgekommen sei.

Nun. so kann ich dich eines andern belehren: sie leben beide, und die Frau hat erz?hlt, da? du ihn an den F?rsten verkauft hast. Sie hat dich vor einiger Zeit gesehen und erkannt.

Wo? Wo ist sie jetzt?

Da? ich ein Narr w?re, dir das mitzuteilen.

Sprich, ich befehle es dir!

Dar?ber brauche ich dir keine Auskunft zu geben. Ich liebe den Knaben, welcher zum J?ngling herangewachsen ist, und nun ich ganz zuf?llig seinen Vater gefunden habe, werden beide bald vereinigt sein.

In die tiefste H?lle werden sie miteinander fahren, und du mit ihnen, Giaur! schrie Abd el Mot, indem er sein Messer zog und gegen Schwarz z?ckte.

Dieser blickte ihm gro? und ruhig in die Augen und sagte:

Sto? zu, wenn du es wagst! Dieser Sto? aber w?rde auch dein Leben mit vernichten, denn indem du mich t?test, ermordest du den einzigen, der dich retten kann!

Es war ein ganz au?erordentliches Staunen, mit welchem der Knabenr?uber fragte:

Retten? Du mich, du? Vor wem und vor was denn?

Vor der Rache Mesufs, des von dir entf?hrten Knaben. Dieser Rache wegen ritt ich dir nach, um die Belanda zu warnen und dich zu verderben. Du h?rst, da? ich ohne Furcht und aufrichtig bin. Allah f?gte es, da? ich dabei auf seinen Vater traf, welchen er bisher vergeblich gesucht hatte. Er hat m?chtige Besch?tzer bei sich, welche sich seiner angenommen haben, weil er der Sohn eines Emirs ist. Kehrst du zur?ck, so bist du des Todes, und dein Ende wird ein doppelt schreckliches sein, wenn man mich nicht wiedersieht und im Gegenteil erf?hrt, da? ich von deiner Hand gefallen bin.

Der Deutsche sagte das in einer so ?berzeugenden Weise, da? Abd el Mot eine ganze Weile in schweigender Best?rzung dastand. Dann sagte er halb fragend, halb behauptend:

Du l?gst, um dich zu retten?

Denke, was du willst, antwortete Schwarz, indem er die Achsel zuckte. Dein Schicksal steht in deiner Hand!

So wartet man also auf mich?

Ja.

Wo?

Wie kannst du Fragen aussprechen, die du selbst an meiner Stelle nicht beantworten w?rdest! Meinst du, ich sei weniger klug wie du?

Ja, klug bist du, so klug und listig, da? man nicht wei?, ob du die L?ge oder die Wahrheit sagst.

Er blickte finster vor sich nieder. Gern h?tte er die Behauptungen des Deutschen angezweifelt; aber diese wurden in einer solchen Weise und mit solchem Nachdrucke gegeben, da? es schwer war, ihnen nicht zu glauben. Dann hob er langsam den Kopf, fixierte Schwarz mit einem durchbohrenden Blicke und fragte:

Wenn es so ist, wie du sagst, wie wolltest du mich retten k?nnen. Wo will ich hin, wenn dieser Zug beendet ist? Ich mu? zur?ck zu Abu el Mot, zur Seribah, denn dort habe ich mein Verm?gen. Wollte ich auf deine Worte hin von hier entfliehen, so w?re ich zum Bettler geworden.

Schwarz jubelte innerlich auf; er glaubte schon gewonnen zu haben und antwortete:

Nun man einmal entdeckt hat, da? du der Entf?hrer bist, nun man wei?, da? Abd el Mot der damalige Ebrid Ben Lafsa ist, kannst du nicht mehr entkommen. Du k?nntest gehen, wohin du wolltest, man w?rde dich finden. Es sind f?nfzehn Jahre des Jammers, des Ungl?cks an dir zu r?chen; bedenke das! Sage ich aber den Meinen, da? wir uns in deiner Gewalt befanden und du uns dennoch verschontest, so wird man auch gegen dich mild sein.

Dieser da aber nicht!

Er deutete auf den Emir, welcher bisher kein Wort gesagt hatte und auch jetzt keine Antwort gab. Darum richtete er nun direkt an ihn die Frage:

Was w?rdest du thun, wenn ich dir jetzt die Freiheit schenkte? W?rdest du dich dann an mir r?chen?

Diese Frage wog schwer. Die Antwort darauf konnte, oder vielmehr sie mu?te ?ber das Schicksal der beiden Gefangenen entscheiden. Wenn der Emir seinem Feinde Verzeihung verhie?, so stand zu erwarten, da? dieser sie beide freigab. Aber sollte er auf seine Rache verzichten? Sollte der elende Misseth?ter straflos ausgehen? Nein, lieber sterben!

Allah wei? es! murmelte der Emir zweideutig.

Das ist weder ein Ja, noch ein Nein, antwortete Abd el Mot. Ich frage dich im Namen des Propheten und der Kalifen und fordere dich auf, die Wahrheit zu sagen! W?rdest du mir verzeihen oder dich dennoch r?chen?

Allah wei? es! wiederholte der Gefragte.

Ist das die einzige Antwort, welche du f?r mich hast?

Ja.

So habe ich nichts mehr zu fragen. Allah entscheide zwischen dir und mir! Er wendete sich ab und ging fort. Da holte der Emir tief, tief Atem. Er mu?te sich bezwingen, nicht laut auf zujubeln:

Freund, Bruder, du hattest recht! Mein Sohn lebt; er lebt! Er ist nicht tot und auch nicht verst?mmelt!

Ich wu?te es, nickte Schwarz, selbst bis ins tiefste Herz erfreut. Und wie sch?n hat er uns alles gesagt, ohne zu ahnen, da? wir gar nichts wu?ten!

Ich sage dir, da? ich an seiner Stelle mir auch alles h?tte entlocken lassen. Du bist wirklich listiger als Talab, der heimlich Schleichende. W?rst du ein Kadi, so w?rdest du alle Verbrechen entdecken. Aber sage, lebt die Frau wirklich noch, die mit meinem Sohne von ihrem Manne floh?

Das wei? ich nicht. Ich habe von ihr ja gar nichts gewu?t! Aber warum beantwortetest du seine letzte Frage nicht?

Weil ich unm?glich konnte.

Ein Ja h?tte uns vielleicht die Freiheit sofort wiedergegeben!

Und ein offenes Nein h?tte zum sichern Tod gef?hrt. Ich konnte keins von beiden sagen. Oder meinst du, da? ich meine und sogar auch deine Rettung einer L?ge verdanken m?chte?

So kannst und wirst du nicht vergeben?

Nie!

Auf keinen Fall?

Niemals! Es w?rde eine S?nde gegen das Gesetz der W?ste, ja gegen das Gesetz des Propheten sein. Und selbst wenn ich diese beiden Vorschriften ?bertreten wollte, so w?rde mich mein Schwur daran verhindern. Ich habe Rache geschworen, und ich werde mich r?chen. Was th?test du an meiner Stelle?

Nein. Unser Kitab el mukaddas befiehlt uns, die Rache Gott zu ?berlassen.

Auch wenn ihr geschworen habt?

Kein frommer Christ thut einen solchen grausigen Schwur, denn Isa Ben Marryam hat uns befohlen: Liebet eure Feinde, segnet die, welche euch fluchen; thut wohl denen, die euch beleidigen und verfolgen! Und h?tte jemand dennoch einen solchen Schwur gethan, so w?rde er Gott bitten, ihn zur?cknehmen zu d?rfen.

Eure Lehre ist sch?n; sie ist gut f?r euch, falls ihr eure Feinde wirklich zu lieben verm?gt; aber sie pa?t nicht f?r diese L?nder, nicht f?r die W?ste, nicht f?r uns. Auge um Auge, Blut um Blut, Leben um Leben, das ist unser Gesetz; wir m?ssen ihm gehorchen, und du darfst mir nicht z?rnen, wenn ich es erf?lle.

So bleiben wir also gefangen!

Ja. Ich habe dich lieb, aber ich kann selbst dich nicht durch eine S?nde retten. Werde ich schuld an deinem Tode, so mag Allah es mir vergeben, der ja auch der Gott der Christen ist.

Nun, was das betrifft, so brauchst du dir jetzt noch keine Vorw?rfe zu machen. Ich wei?, da? meine Worte und Vorstellungen bei Abd el Mot haften geblieben sind; sie werden sicher, wenn auch langsam wirken. Ich habe ihn in Zwiespalt mit sich selbst versetzt, und wir m?ssen nun das Ergebnis in Ruhe erwarten.

Er hatte die Worte kaum gesagt, so zeigte sich schon die erste der Wirkungen. Abd el Mot kam wieder herbei und fragte:

In einigen Minuten brechen wir auf. Habt ihr Hunger oder Durst?

Nein, antwortete Schwarz.

Unterwegs erhaltet ihr nichts. Ihr seid also selbst schuld, wenn euch w?hrend des Marsches hungert oder d?rstet.

Er band sie los und f?hrte sie zu den Lasttieren. Er selbst schlang einen Strick um die Spitze der beiden Halsgabeln und band denselben an den Sattel eines Lastochsen. Schwarz warf seinem Gef?hrten einen befriedigten Blick zu. Ohne die Mahnungen des Deutschen h?tte der Sklavenj?ger ihnen wohl nicht Speise und Trank angeboten und sie auch jetzt nicht an den Ochsen gebunden, nachdem er vorher gesagt hatte, da? er sie an sein eigenes Pferd fesseln werde. Es war also wohl Grund vorhanden, die Hoffnung auf Befreiung nicht ganz aufzugeben.

Jetzt erteilte Abd el Mot seine Befehle, und zwar laut, da? die Gefangenen es h?ren konnten. Von jetzt an befolgte er die Taktik, von welcher der Emir gesprochen hatte. Zwanzig Sp?her mu?ten auf den schnellsten Pferden voranreiten; ihnen folgten hundert andre, welche nach ihrer Ankunft das Dorf in weitem Kreise zu umstellen hatten. Darauf setzten sich die ?brigen in Bewegung, teils zu Fu?, teils auf Ochsen reitend.

Diese Ochsen sind nicht die langsamen st?rrigen Tiere wie die unsrigen. Sie besitzen ein intelligenteres Auge und einen viel schnelleren und dabei sehr sicheren Schritt. Sie sind das Ergebnis hundertj?hriger Zucht und d?rfen keineswegs mit dem wilden B?ffel verglichen werden.

Die Gefangenen mu?ten ziemlich rasch ausschreiten, um mit ihrem Ochsen Schritt zu halten. Die Schebah, welche jeder von ihnen trug, war von hartem, unzerbrechlichem Holze und wog wohl ?ber drei?ig Pfund. Diese Last war nicht ?berm??ig; aber die Gabel ber?hrte bei jedem Schritte den nackten Hals und rieb ihn in der Folge wund. Sp?ter stellte sich noch ein zweiter ?belstand ein. Die vom Ellbogen aufw?rts an die Schebah gefesselten Vorderarme waren diese Stellung oder Haltung nicht gewohnt und schliefen ein. Im ?brigen war der Marsch mit keiner Beschwerde verbunden.

Abd el Mot hielt sich stets in ihrer N?he und ritt meist hinter ihnen her, schien jedoch auf das, was sie sprachen, gar nicht zu achten. ?brigens unterhielten sie sich wenig, und wenn sie es thaten, nur mit ged?mpfter Stimme. Er hatte das Gewehr des Deutschen ?bergeh?ngt und dessen Revolver in seinen G?rtel gesteckt. Mit diesen Waffen lieb?ugelte er so flei?ig, da? man merken konnte, wie stolz er auf dieselben war. Das Fernrohr blickte aus der Satteltasche hervor, und die Uhr, den Geldbeutel und das ?brige Eigentum Schwarz hatte er auch an sich genommen.

Man kam ?ber ?des, langsam ansteigendes Land. Von fernher winkten kahle Berge. Als man ihren Fu? erreichte, stand die Sonne am Horizont, und es wurde angehalten und zum Mogreb abgestiegen. Diese gef?hllosen Barbaren beteten zu Gott, obgleich sie im Begriff standen, eine himmelschreiende That auszuf?hren. Auch der Emir kniete trotz der ihn hindernden Sklavengabel nieder, um sein Gebet zu verrichten, und Schwarz folgte seinem Beispiele, vielleicht auch um die Moslemin nicht gegen sich aufzubringen, meist aber aus wirklichem Herzensbed?rfnis.