Karl May.

Die Sklavenkarawane





Auch ich habe einen Tschibuk hier am Halse h?ngen, aber keinen Tabak.

Ich bringe auch f?r dich welchen mit.

Er stand auf und eilte fort. Schon war er weit entfernt, da erinnerte er sich an seine Pflicht. Er blieb stehen, drehte sich um und rief zur?ck:

Du entfliehst doch nicht? Du hast es mir versprochen!

Ich bleibe! antwortete der Tschausch.

Bedenke wohl, da? dich die Kugel des W?chters sofort treffen w?rde, denn du bist mein Gefangener!

Ich halte mein Wort! Aber sage keinem, was du von mir geh?rt hast!

Nein; auch w?rde es mir wohl niemand glauben!

Er ging weiter. Der Tschausch r?hrte sich nicht von seiner Stelle. Er hatte die Kisrah und die Fische verzehrt. Jetzt strich er sich mit beiden H?nden den grauen Bart und murmelte vergn?gte, leise Worte vor sich hin.

Bald kehrte der Buluk wieder. Er hatte seinen Tabakbeutel in der Hand, dem man es ansah, da? er nicht viel enthielt. Der Tabak ist in den Seriben ein teurer Artikel. Dennoch reichte er, als er sich niedergesetzt und seine Pfeife gestopft hatte, auch dem Tschausch hin. Dieser griff hinein, lie? den zu Mehl zersto?enen und mit weniger wertvollen Pflanzenbl?ttern vermischten Tabak durch die Finger gleiten, machte ein pfiffig bedauerndes Gesicht, begann auch seinen Tschibuk zu stopfen und fragte:

Wem geh?rt dieser Tabak?

Mir, antwortete der Buluk verwundert.

Woher hast du ihn?

Hier gekauft nat?rlich!

So hast du vorhin allerdings ganz richtig gesprochen: Dein Verstand ist weg!

Wieso? fragte der Buluk, indem er mit dem Stahle Feuer schlug.

Hast du keinen andern und bessern Tabak?

Nein.

O Allah! Hat dir denn Abd el Mot nicht die ganze Seribah ?bergeben?

Ja.

Auch die Tukuls[Tokuls] mit den Vorr?ten?

Ja. Ich soll sie wohl verwahren. Es h?ngen Schl?sser vor den Th?ren.

W?hrend n?mlich kein Tukul[Tokul] verschlossen ist, sind diejenigen, welche als Magazine benutzt werden, mit h?lzernen Th?ren und Vorlegeschl?ssern versehen.

Aber die Schl?ssel hast du doch? fragte der Tschausch.

Ja, sie sind mir ?bergeben worden.

So kannst du hinein, wo die F?sser mit dem k?stlichsten Tabak stehen, den nur Abu el Mot und Abd el Mot rauchen, und dennoch begn?gst du dich mit diesem letzten, schlechten Rest?

Der Buluk ?ffnete wieder den Mund, starrte den andern eine ganze Weile an und fragte dann:

Du meinst ?

Ja, ich meine!

Allah, wallah, tallah! Es w?re freilich sch?n, wenn ich meinen Beutel f?llen k?nnte, ohne ihn sp?ter bezahlen zu m?ssen!

Nur Tabak? Alles, alles kannst du nehmen, ohne es zu bezahlen. Du vernichtest diese Seribah Omm et Timsah und legst eine andre an.

Wo?

Im S?den, wo die Waren teurer und die Sklaven billiger sind.

Das w?re bei den Niam-niam?

Ja. Dort sind geradezu gl?nzende Gesch?fte zu machen.

Der Buluk rieb sich an den Armen, an den Beinen, an allen Teilen seines K?rpers.

Es war ihm h?chst unbehaglich zu Mute, und doch f?hlte er sich dabei so wohl wie noch nie in seinem ganzen Leben. Er w?re gar zu gern reich geworden, aber nach l?ngerem Nachdenken gestand er aufrichtig:

Ja, wenn ich deinem Vorschlage folgte, so k?nnte ich sehr leicht eine Seribah gr?nden; aber ich bin nicht klug genug dazu.

Du hast ja mich! Ich will doch Teilnehmer werden!

Ah ja! Das ist wahr!

?brigens lernt sich so etwas ganz von selbst.

Meinst du?

Gewi?, du bist ja schon jetzt Kommandant einer ganzen Seribah!

Da schlug sich der Buluk an die Brust und rief:

Ja, das bin ich! Bei Allah, das bin ich! Wer das leugnen wollte, den w?rde ich peitschen lassen!

Wenn Abd el Mot dich zum Kommandanten gemacht hat, so wei? er gewi?, da? du der richtige Mann dazu bist. Er kennt dich also weit besser als du selbst.

Ja, er kennt mich; er kennt mich ganz genau! Er wei?, da? ich der richtige Mann dazu bin! Also du meinst ?

Ja, ich bin ?berzeugt, da? wir beide in k?rzester Zeit die reichsten und ber?hmtesten Sklavenj?ger sein w?rden.

Ber?hmt, das m?chte ich werden, nickte der Buluk.

So folge mir! Ich habe dir den Weg dazu gezeigt. Und wenn du noch nicht wissen solltest, welche Vorteile dir erwachsen, falls du auf meinen Vorschlag eingehst, so will ich sie dir deutlich machen und erkl?ren. Komm!

Wohin? fragte der Buluk, als der Feldwebel w?rdevoll aufstand.

Zu den Vorr?ten. Ich will sie dir zeigen und ihren Wert berechnen.

Ja, komm! stimmte der Buluk eifrig bei. Ich habe die Schl?ssel in der Tasche und m?chte wissen, wie reich wir sein w?rden.

Er ergriff den Tschausch am Arme und f?hrte ihn fort. Der Posten wagte nat?rlich nicht zu schie?en, weil der jetzige Kommandant selbst seinen Gefangenen fortf?hrte.

Die f?nfzig Soldaten waren zerstreut, teils in der Seribah selbst, teils drau?en bei den Herden besch?ftigt. Einige von den ersteren sahen zu ihrem nicht geringen Erstaunen den Buluk mit dem Feldwebel, welchen sie im Gef?ngnisse wu?ten, gehen, doch sagten sie nichts. Es war ihnen ganz recht, da? der interimistische Gebieter nicht so streng verfuhr, als er eigentlich sollte. Erst als dieser sich mit seinem Begleiter beim ersten Vorratstukul[Vorratstokul] befand und die Th?r desselben schon ge?ffnet hatte, fiel ihm ein, was er laut seiner Instruktion zu thun hatte.

w Allah! fuhr er zornig auf. Ich lasse den Hund peitschen!

Wen? fragte der Tschausch.

Den Gef?ngnisposten.

Warum?

Weil er dich nicht erschossen hat! Ich habe es ihm doch befohlen!

Aber du selbst hast mich ja weggef?hrt. Er sah also, da? du mir erlaubtest, mich zu entfernen, und so w?re es ein Ungehorsam gegen dich gewesen, wenn er geschossen h?tte, nicht nur Ungehorsam, sondern Auflehnung und Aufruhr! Du bist ja der Kommandant!

Der bin ich allerdings, und ich will keinem raten, gegen mich aufzur?hren! Beim Scheitan, ich w?rde den Hund totpeitschen lassen, wenn er auf dich geschossen h?tte. Jetzt komm herein und zeige mir die Sachen, deren Wert du besser kennst als ich!

Sie blieben ziemlich lang in dem Tokul; aus diesem gingen sie auch in die ?brigen Vorratsh?user. So oft der Buluk aus einem derselben trat, sah man sein Gesicht gl?ckseliger strahlen. Als er das letzte verschlossen hatte, legte er dem Feldwebel die Hand auf die Achsel und sagte:

Jetzt schw?re mir bei deinem Barte, da? du von dem Gelingen deines Planes vollst?ndig ?berzeugt bist!

Der Anblick der reichen Vorr?te hatte ihn f?r den Tschausch vollst?ndig gewonnen.

Ich schw?re es! antwortete dieser, indem er die Hand erhob.

Und du r?tst mir wirklich, ihn auszuf?hren?

Ja, das rate ich dir, und wenn du sp?ter eine Million Abu Noqtah besitzest, so wirst du mir es Dank wissen, dir diesen Rat gegeben zu haben.

Aber wir allein k?nnen es doch nicht unternehmen?

Wir beide? Nein. Wir m?ssen unsre Soldaten dazu haben.

Werden sie es thun?

Ganz gewi?. Daf?r la? mich sorgen. Ich werde mit ihnen sprechen.

Dann aber werden sie die Beute mit teilen wollen.

Darauf gehen wir nicht ein. Es w?rde jeder gleichviel erhalten, und so h?tten wir die Mittel nicht, eine neue Seribah anzulegen. Ich verspreche einem jeden den doppelten Sold, wenn sie uns dienen wollen, und ihnen allen die Beute, welche Abd el Mot zur?ckbringen wird. Auf diese Weise bleibt uns alles, was sich hier in Omm et Timsah befindet.

Die Beute, welche Abd el Mot bringt? Wie kannst du ihnen diese versprechen? Du hast sie ja nicht!

Aber ich werde sie haben, denn ich nehme sie ihm ab.

Allah kerihm Gott ist gn?dig! Er wird dir doch nicht den Verstand verwirrt haben!

Nein, das hat er nicht. Mein Plan geht weiter, als du meinst. Ich werde Abd el Mot entgegenziehen und ihn w?hrend seiner R?ckkehr ?berfallen.

Deinen eigenen Vorgesetzten!

Schweig! Er hat mir meinen Rang genommen und mich in das Gef?ngnis werfen lassen; das mu? er b??en.

Aber es sind f?nfhundert Krieger bei ihm!

Ich verhei?e auch ihnen doppelten Sold, und au?erdem d?rfen sie in Gemeinschaft mit unsern f?nfzig Mann die Beute, welche sie in Ombula gemacht haben werden, unter sich teilen. Darauf werden sie ein und zu mir ?bergehen. Wer das nicht thut, der wird get?tet, oder er mag laufen, wohin er will.

Bist du toll? Wenn sie nun alle Abd el Mot treu bleiben wollen, so sind wir verloren. Sie sind uns zehnfach ?berlegen.

Das schadet nichts. Ich wei? schon, in welcher Weise ich ohne alle Gefahr an sie kommen werde. Die Hauptsache ist, da? wir nicht s?umen. Abu el Mot will viele Nuehrs anwerben und mitbringen. Trifft er mit diesen hier ein, w?hrend wir noch da sind. so ist es aus mit unsrem sch?nen Plane.

Dieser wird ?berhaupt nicht ausgef?hrt werden, meinte der Buluk.

Warum?

Weil er zu gef?hrlich ist. Du willst weiter gehen, als ich dachte.

So ziehst du dich zur?ck?

Ja. Ich w?re sehr gern reich geworden; aber ich sehe ein, da? unser Leben verloren ist. Ich mache nicht mit.

So wird mein Plan doch ausgef?hrt!

Von wem?

Von mir!

Von dir? Das ist ja ganz unm?glich, da du mein Gefangener bist!

Ja, der bin ich freilich. Aber ich werde mit deinen Leuten sprechen und bin ?berzeugt, da? sie mir sofort zustimmen werden. Dann aber wirst du mein Gefangener sein, falls du dich feindlich gegen uns verh?ltst.

Allah, Allah! rief der Buluk erschrocken. Du hast mir ja versprochen, nicht zu entfliehen!

Ich halte auch mein Wort. Ich habe nicht die mindeste Lust zur Flucht. Ich will vielmehr von hier fortziehen als Sieger, als Besitzer alles Eigentums, aller Herden und auch aller Sklaven, die sich hier befinden und nat?rlich mitgenommen werden.

Du bist ein schrecklich entschlossener Mensch!

Ja, entschlossen bin ich, und ich w?nschte sehr, da? auch du es w?rest. Jetzt ist es noch Zeit f?r dich. Sage ja dazu, so wirst du Mitbesitzer. Sagst du aber nein, so wirst du ausgesto?en oder darfst h?chstens als gew?hnlicher Asaker mit uns gehen. Ich m?chte nicht gern hart gegen dich verfahren, mu? es aber thun, wenn du mich dazu zwingst. Also entscheide dich schnell! Willst du nichts wagen und von uns ausgesto?en sein, oder willst du mutig auf meinen Plan eingehen, mein Unterbefehlshaber sein und reich werden?

Der Buluk blickte einige Zeit zur Erde nieder. Dann antwortete er in entschlossenem Tone:

Nun wohl, ich bin mit dir einverstanden. Ich sehe ein, da? ich es bei dir und auf deine Weise weiter bringen kann als bei Abu el Mot, bei welchem ich h?chstens das bleiben werde, was ich jetzt bin, ein armer Buluk. Wir werden Sklaven machen, Tausende von Sklaven, und wenn wir reich genug sind, gehen wir nach Kahira, kaufen uns Pal?ste und f?hren ein Leben wie die Gl?ubigen im Paradiese.

Gut, so gib mir die Schl?ssel!

Mu? das sein?

Ja, denn ich bin jetzt der Herr von Omm et Timsah.

Er bekam die Schl?ssel zu den Magazinen und ging dann mit dem Buluk, welchem das Herz au?erordentlich klopfte, nach der Stelle, an welcher die weithin schallende Trommel an einem Pfahle hing. Auf den Schall derselben mu?ten alle zu der Niederlassung Geh?rigen, sogar die drau?en bei den Herden befindlichen W?chter, auf dem Versammlungsplatze in der Mitte der Seribah erscheinen.

Er r?hrte selbst die Trommel, und binnen wenigen Minuten befanden sich alle zur?ckgebliebenen Sklavenj?ger auf dem Platze. Sie wunderten sich nicht wenig, als sie den gefangenen Tschausch neben dem Buluk stehen sahen. Aber ihre Verwunderung ging noch auf ganz andre Gef?hle ?ber, als er zu sprechen begann.

Er stand unbewaffnet vor ihnen, ohne alle Furcht und Sorge, da? sein k?hnes Unternehmen mi?lingen k?nne. Er kannte seine Leute. Sie geh?rten, wie ja er auch selbst, dem Abschaume der Menschheit an; sie besa?en weder Gef?hl noch Gewissen oder Religion, denn was sie von der letzteren hatten, das bestand nur in der Befolgung ?u?erer Formen, deren Bedeutung sie kaum kannten. Ein abenteuerliches Leben hinter sich und auch vor sich, waren sie an alle Gefahren gew?hnt und schreckten vor nichts zur?ck, was ihnen irgend einen Vorteil bringen konnte. Sie waren also ganz die Leute, f?r welche der Plan des alten Feldwebels pa?te.

Er schilderte ihnen ihr jetziges, resultatloses Leben, entwickelte ihnen seinen Plan, soweit er dies f?r n?tig hielt, nannte ihnen die Vorteile, welche ihnen derselbe bringen mu?te, versprach ihnen, solange sie in seinem Dienste bleiben w?rden, einen doppelt h?heren Sold als denjenigen, den sie jetzt erhielten, und sagte ihnen endlich, da? Abd el Mot die ganze Beute abgenommen werden sollte, um verteilt zu werden. Als er sie dann fragte, ob sie bereit seien, ihm zu dienen, sagten sie dies jubelnd zu. Kein einziger schlo? sich aus; kein einziger schien auch nur das allergeringste Bedenken zu hegen. Nur verlangten sie Merissah, um diesen gl?cklichen Tag feiern und sich berauschen zu k?nnen.

Ohne ihnen zun?chst eine Antwort zu geben, nahm er sie in Eid. Da kein Fakir oder andrer Geistlicher zugegen war, holte er aus Abu el Mots Tokul einen f?r solche Zwecke vorhandenen Koran, auf welchen jeder einzelne die rechte Hand zu legen hatte. Ein solcher Schwur war ihnen als Moslemim heiliger als einer, welcher ihnen von einem Imam abgenommen worden w?re. Dann erst, als sie nun fest zu ihm geh?rten, versagte er ihnen die Erf?llung ihres Wunsches nach dem bet?ubenden Getr?nk.

Er stellte ihnen vor, da? kein Augenblick zu verlieren sei, da Abu el Mot noch heute mit den angeworbenen Nuehr eintreffen k?nne. Er ?berzeugte sie von der Notwendigkeit, sofort an das Werk zu gehen, und verhie? ihnen aber f?r dann, wenn sie sich in gen?gender Entfernung bef?nden, nicht nur einen, sondern mehrere Freudentage.

Sie mu?ten einsehen, da? er recht hatte, und ergaben sich in das Unvermeidliche. Um sie f?r diese Entsagung zu belohnen, verteilte er eine solche Quantit?t Tabak unter sie, da? sie auf Wochen hinaus mit dem geliebten Genu?mittel versehen waren.

Nun wurden die Waren und alles, was mitgenommen werden konnte, vor die Umz?unung geschafft und die Rinder herbeigeholt, um sie zu beladen. Das war eine lange und schwere Arbeit, die erst gegen Mittag ?berw?ltigt war. Dann befestigte man die Sklaven und Sklavinnen, von denen gegen drei?ig da waren, mit gebundenen H?nden an ein langes Seil, und der Zug war zum Aufbruche bereit.

Jetzt wurde Feuer an die Tokuls gelegt. Der Noqer, welchen Abu el Mot zu seinen Sklavenjagden per Wasser zu gebrauchen pflegte, wurde auch in Brand gesteckt. Die gl?hende Sonne hatte das Material so vollst?ndig ausged?rrt, da? sich das Feuer mit rasender Schnelligkeit verbreitete, und bald auch den gro?en, ?u?eren Dornenzaun ergriff. Es war vorauszusehen, da? die Seribah nach Verlauf einer Stunde in einen gl?henden Aschenhaufen verwandelt sein werde. Die gro?e Glut trieb Menschen und Tiere fort. Der Zug bewegte sich in derselben Richtung, in welcher heute fr?h die Ghasuah nach S?den gezogen war.

Die erste Abteilung der letzteren, die Reiter, waren so schnell wie m?glich der F?hrte der beiden entflohenen Neger gefolgt. Der Flu? machte hier eine bedeutende Biegung nach links, also nach Osten; die Spur f?hrte in fast schnurgerader Linie in eine baumlose Steppe hinein, deren kurzes Gras, von der Sonne verbrannt, wie vom Winde zerstreutes Heu am Boden lag. Der weit sich hinausdehnende Horizont war ringsum durch keinen einzigen erhabenen Punkt markiert.

Die Stapfen der Neger waren auf der harten Erde nicht zu erkennen; aber der Hund war seiner Sache gewi?, und geriet nicht f?r einen einzigen Augenblick in Unsicherheit.

Stunde um Stunde verrann. Die Strecken, welche man zur?cklegte, wurden immer bedeutender, und noch immer war von den Fl?chtigen nichts zu sehen. Sie mu?ten, wenn auch nicht im Galopp, doch immer im scharfen Trabe gelaufen sein, eine ganz au?erordentliche Leistung, wenn man bedachte, da? sie einen Zeitvorsprung von nur zwei Stunden gehabt hatten.

Freilich waren die Pferde der Sklavenj?ger bei weitem keine Radschi bak. Im Sudan verkommt die beste Pferderasse sehr schnell, teils infolge der Feuchtigkeit zur Regenzeit, mehr noch aber durch die unvern?nftige Behandlung seitens der dortigen V?lker und der au?erordentlichen Stechfliegenplage. Ber?chtigt sind die Baudah und Surrehtafliegen.

Zur hei?en Jahreszeit trocknet der Boden so aus, da? die Pferde kein Futter finden. Da ziehen sich die Fliegen an die Fl?sse zur?ck. Dann aber, wenn sich die Vegetation zu regen beginnt, entwickelt sich die Insektenwelt, und besonders die Familie der Dipteren zu einer geradezu entsetzlichen Landplage. Ungeheure Schw?rme stechender M?cken und Fliegen erf?llen die Luft und peinigen Menschen und Tiere auf das f?rchterlichste. Die Pupiparen bedecken dann die Pferde, Rinder, Kamele und andre Tiere in so ungeheurer Menge, da? die Haut gar nicht zu sehen ist. Die Surrehta wird den Tieren geradezu lebensgef?hrlich; dasselbe sagt man auch von der ber?chtigten Tsetse. Doch darf man ja nicht denken, da? der Stich oder Bi? eines oder einiger dieser Insekten den Tod herbeif?hrt. Diese weitverbreitete Anschauung ist grundfalsch.

Geradezu undurchsichtige Mengen von Tabaniden, Culicinen, Sippobosciden, Musciden und wie sie alle hei?en, h?llen die armen Tiere f?rmlich ein, so da? der ganze K?rper derselben eine einzige gro?e Wunde wird. Das unaufh?rliche Ausschlagen, Stampfen und sich B?umen erm?det das befallene Tier, raubt ihm jede Ruhe und benimmt ihm auch den Appetit. Eine solche Tage, Wochen und Monate w?hrende Tortur mu? es krank machen, und schlie?lich umbringen. Der geringste Hautri? oder Satteldruck wird da zur jauchigen, von Maden wimmelnden Wunde, welche den Untergang des Tieres nach sich zieht. Die Pferde, Rinder und Kamele besitzenden St?mme ziehen um diese Zeit, um ihre Tiere zu retten, nach dem Norden.

Aus diesem Grunde und noch andern Ursachen wird man im Sudan selten ein gutes Pferd zu sehen bekommen. Auch diejenigen, auf denen die Truppe Abd el Mots ritt, waren von der letzten Regenzeit und der jetzigen D?rre so mitgenommen, da? gro?e Anspr?che an sie nicht gemacht werden konnten. Man mu?te sie ?fters langsam gehen lassen; sie trieften von Schwei? und hatten kurzen Atem. Diesem Umstande allein hatten die beiden Neger es zu verdanken, da? sie nicht so schnell eingeholt wurden.

Gegen Mittag r?ckte der ?stliche Horizont n?her. Ein schwarzer Strich, welcher sich dort zeigte, lie? auf Wald schlie?en. Der Bahr Djur-Arm des wei?en Niles kehrte von seinem Bogen zur?ck. Die Gr?ser waren hier weniger d?rr, und endlich traten einzelne Suffarahb?ume vor die Augen. Diese Akazienart hat eigent?mliche Anschwellungen an der Basis der Stacheln, aus denen sich die sudanesischen Jungens Pfeifen zum Spielen machen. Suffar hei?t im sudanesischen Dialekte pfeifen; daher der Name dieses Baumes.

Der Hund lief, mit der Nase immer am Boden, ohne irre zu werden, zwischen den B?umen hin, welche immer enger zusammentraten und endlich einen ziemlich dichten Wald bildeten, so da? die Pferde nun langsamer gehen mu?ten.

Hie und da gab es eine tr?be Wasserlache, in deren N?he der Boden feucht war. An solchen Stellen konnte man die Fu?spuren der beiden Neger deutlich sehen. Ein Indianer oder Prairiej?ger h?tte aus diesen Eindr?cken leicht bestimmen k?nnen, vor welcher Zeit die Fl?chtigen hier gewesen seien. Dazu aber reichte der Scharfsinn der Sklavenj?ger nicht aus.

Leider befanden die Verfolgten sich gar nicht weit vor den Verfolgern. Sie waren bis zum Tode erm?det. Als sie den Wald gesehen hatten, war ihnen der Gedanke gekommen, da? sie nun gerettet seien. Sich umschauend, hatten sie da aber am n?rdlichen Horizonte den Reitertrupp bemerkt, was sie zu einer letzten gro?en Anstrengung spornte.

Sie rannten in den Wald hinein, um sich dort zu verstecken. Freilich mu?ten sie sich sagen, da? dies vergebens sei, da Abd el Mot jedenfalls einen oder mehrere Hunde bei sich hatte. Sie suchten das Ufer des Flusses auf. Lieber wollten sie ertrinken, als sich ergreifen lassen. Da aber sahen sie die ekelhaften K?pfe von Krokodilen aus dem Schlamm ragen. Nein, doch lieber gefangen und erschlagen, als von diesen Scheusalen zerrissen und verschlungen! Sie huschten, so schnell es ihre Kr?fte erlaubten, weiter.

Da begann Tolo, welcher zwar scharfsinniger und kl?ger, aber k?rperlich schw?cher als Lobo war, zu wanken.

Tolo kann nicht weiter! klagte er keuchend.

Lobo wird dich halten, antwortete sein Gef?hrte.

Er legte den Arm um ihn und zog ihn m?hsam weiter.

Rette dich allein! bat Tolo. Sie m?gen Tolo finden, und du wirst entkommen.

Nein. Du mu?t lieber gerettet werden als Lobo. Du bist kl?ger, und wirst dich leichter nach Ombula finden, um sie zu warnen.

So ging es eine kleine Strecke weiter, bis Tolo stehen blieb.

Der gute Schech im Himmel will es nicht haben, da? wir leben sollen, sagte er. Er will uns zu sich rufen. Tolo kann nicht mehr gehen; er mu? hier liegen bleiben.

So wird Lobo dich tragen.

Der selbst furchtbar ermattete Neger nahm den Freund auf seine Arme, und trug ihn fort; aber kaum war er zwanzig Schritte gegangen, so konnte er selbst nicht mehr. Er legte den Kameraden sanft auf die Erde nieder, blickte trostlos umher und klagte:

Das Leben ist zu Ende. Bist du wirklich ?berzeugt, da? es da oben bei den Sternen einen guten Schech gibt, der uns lieb hat und bei sich aufnehmen wird?

Ja, das ist wahr, antwortete Tolo. Man mu? es glauben.