Karl May.

Die Sklavenkarawane





Allah segne ihre R?cken und Fu?sohlen! Die F?nfhundert sind ihnen gewi?.

Faschodah ist keine Stadt zu nennen, sondern ein elender, wenn auch sehr alter Ort. Es steht an der Stelle der fr?heren Schillukresidenz Denab, welches als Danupsis, Hauptstadt der nubischen ?thiopen, bereits von Plinius erw?hnt wird. Der Ort nimmt sich wegen der Regierungsgeb?ude von au?en nicht ?bel aus, doch verschwindet dieser Eindruck beim Betreten sofort.

Das Haus des Mudir und die Kaserne sind von Mauern umgeben und aus Ziegeln gebaut. Auf den Mauern stehen einige Kanonen, und des Nachts patrouillieren die Wachtposten, eine gegen die stets rebellischen Schilluk gerichtete, gar nicht ?berfl?ssige Ma?regel.

Um diese Geb?ude stehen mehrere H?user und zahlreiche Tokul, welche meist von Soldaten, die mit ihren Familien in der Kaserne keinen Platz haben, bewohnt werden. Faschodah hat n?mlich eine ungef?hr tausend K?pfe z?hlende Besatzung. Dieselbe besteht aus einer Anzahl von Arnauten, dann aber aus lauter Gehadiah, die ein h?chst liederliches Leben f?hren, aber dennoch leichter zu disziplinieren sind als die Dongolaner, Berberiner, Scheiqieh und ?gypter, aus welchen die sonstige sudanesische Soldateska sonst besteht.

Au?er den angegebenen Geb?uden sieht man nur liederlich gebaute H?tten, halbverfallene Baracken, Erdl?cher, ?belriechende Lachen und ganze Berge von Unrat, welche die Luft verpesten. Rechnet man dazu, da? der eine Flu?arm au?erhalb der Regenzeit versumpft und da? der Uferdamm aus Pfl?cken besteht, zwischen denen man Erde, Gras und Mist angeh?uft hat, so l??t es sich sehr leicht erkl?ren, warum das Klima des Ortes ein h?chst ungesundes ist, und warum die nach hier verbannten Verbrecher zwar nicht zum Tode verurteilt, aber demselben doch geweiht sind. Faschodah ist n?mlich Verbannungsort.

Au?erhalb desselben gibt es einige wenige Gartenanlagen, in denen man Rettiche, Zwiebeln, Knoblauch, Melonen, Gurken, K?rbisse und das hier gebr?uchliche Gr?nzeug baut.

Einen Bazar gibt es freilich da, aber was f?r einen! Zwei oder drei Griechen oder ?gypter treiben einen kleinen Handel. Sonst sind die Bewohner auf die umher ziehenden Dschelabi angewiesen.

Es wohnen auch Schillukneger in dem Orte. Als diese die Karawane zu Gesicht bekamen, erhoben sie ein eben solches Geschrei wie die ihnen stammesverwandten Dorfbewohner. Sie wagten unter den Kanonen der Festung und den Augen des Mudir zwar keine Feindseligkeiten, aber sie liefen drohend und schimpfend hinter dem Zuge her. Ihr Gebr?ll machte, da? sich ihnen andre und wieder andre anschlossen, so da? die Begleitung der Reiter, als diese am Thore der Befestigung anlangten, aus mehreren hundert l?rmenden Menschen bestand.

Eine unter dem Thore stehende Wache fragte nach dem Begehr der Ank?mmlinge. Schwarz antwortete, da? er sich im Besitze eines Hattischerif befinde und den Mudir sprechen wolle. Der Posten schlo? das Thor, um sich zu entfernen und Meldung zu machen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er mit einem Onbaschi zur?ckkehrte, welcher dieselbe Frage aussprach und dann davonging, um einen Buluk Emini zu holen, der ganz dasselbe wissen wollte und nach empfangener Antwort einen Tschausch suchte, welcher die Frage wiederholte und dann nach einem Basch Tschausch eilte, der sich nach ganz demselben Gegenstande erkundigte, worauf er auch hinter dem Thore verschwand, um die wichtige Angelegenheit einem M?lasim mitzuteilen.

Dieser eilte zu seinem J?sbaschi, welcher, nachdem er Schwarz gefragt hatte, was er wolle, einen Kol Agassi schickte. Dieser endlich lie? die Wartenden in den Hof.

Dar?ber war fast eine Stunde vergangen, w?hrend welcher die schreiende Menge sich verdreifacht und das Gebr?ll sich verzehnfacht hatte.

Nun stiegen die Reiter ab. Waren sie aber der Meinung gewesen, da? sie nun zum Mudir gef?hrt w?rden, so hatten sie sich geirrt. Der Adjutant holte vielmehr einen Alai Emini, dieser einen Bimbaschi, der wieder einen Kamaikam und dieser dann einen Mir Alai herbei, welch letzterer endlich die richtige Person zu sein schien, denn er forderte dem Deutschen seine Papiere ab und entfernte sich mit denselben. Nach ungef?hr zehn Minuten kehrte er zur?ck. Diesmal war er bem?ht, die gr??te H?flichkeit zu zeigen. Er lud Schwarz mit einer tiefen Verbeugung ein, ihm zu folgen und f?hrte ihn nach dem Hause des Mudir.

Der Mudir kam seinem Gaste an der Th?r entgegen, kreuzte die H?nde ?ber der Brust, und begr??te ihn mit einem ausf?hrlichen Salam ale?k, welches Schwarz mit Wale?k issalam erwiderte. F?r den letzteren war der Gru? des Mudir eine Ehrenerweisung, da der strenge Moslem einem Christen gegen?ber nur das erste Wort des Gru?es, Salam, gebraucht.

Der Mudir f?hrte ihn, was eine noch viel gr??ere Auszeichnung war, selbst nach dem Salamlik, wo er ihn bat, auf einem Diwan von ihm gegen?ber Platz zu nehmen. Gesprochen wurde noch nicht, sondern der Beamte klatschte in die H?nde, worauf einige junge Neger erschienen. Der erste trug ein Seni?h, ein sechs Zoll hohes Tischchen mit polierter Kupferplatte, welches er zwischen die beiden Herren stellte. Der zweite gab die Fenagin herum, sch?ttete gesto?enen Kaffee hinein und go? kochendes Wasser darauf. Als die Herren den Kaffee getrunken hatten, brachte der dritte Pfeifen, welche bereits gestopft waren, und der vierte reichte gl?hende Kohlen dar, die Pfeifen anzustecken. Dann zogen sich die Schwarzen schweigend zur?ck.

Der Mudir rauchte aus einem gew?hnlichen Tschibuk; Schwarz aber hatte einen sehr kostbaren erhalten. Das Rohr desselben war von echtem Rosenholze, mit Golddraht umwunden, und mit Perlen und Brillanten ausgelegt. Die Spitze bestand aus einem gro?en, herrlichen St?cke rauchigen Bernsteines, welchen die Orientalen dem durchsichtigen vorziehen.

Je h?her der Gast geehrt wird, desto kostbarer die Pfeife, welche man ihm pr?sentiert. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, konnte der Deutsche mit der ihm gezollten Hochachtung zufrieden sein.

Nun erst, da die Pfeifen brannten, war der Augenblick des Sprechens gekommen. Der Mudir nahm die Legitimationen des Deutschen, welche neben ihm auf dem Diwan lagen, gab sie ihm zur?ck und sagte:

Du stehst unter dem Schutze des Khedive, dessen Wille uns erleuchtet. Ich habe deinen Namen gelesen und wei? nun, da? du derjenige bist, den ich erwartet habe.

Du wu?test, da? ich kommen w?rde? fragte Schwarz.

Ja. Mumtas Pascha, der Gouverneur, mein Vorgesetzter, welchen Allah segnen wolle, hat es mir geschrieben. Er hat dich in Chartum kennen gelernt und lieb gewonnen. Du bist mir von ihm sehr empfohlen worden, und ich harre deiner W?nsche, um sie dir zu erf?llen, soviel es mir m?glich ist. Auch wartet bereits ein Bote auf dich, der dir einen Brief zu ?berbringen hat.

Von wem?

Von deinem Bruder, welcher im Lande der Niam-niam verweilt, und dich dort erwartet.

So ist er schon dort? rief Schwarz schnell und erfreut. Er ist von Sansibar nach Westen vor gedrungen, w?hrend ich von Kairo aus nach dem S?den ging. Bei den Niam-niam wollten wir uns treffen. Er versprach mir, als wir uns trennten, mir sofort, wenn er sich am Ziele befinde, Nachricht nach Faschodah zu senden. Und ich kam heute meist aus dem Grunde hierher, nachzufragen, ob ein Bote von ihm angekommen sei.

Er ist da und hat einen langen, langen Brief f?r dich. Er ist ein sehr junger, aber auch sehr kluger Mensch. Allah hat ihn mit einem sch?rferen Verstande ausgestattet, als Tausende von M?nnern in hohem Alter besitzen. Er wohnt seit mehreren Tagen bei mir, um dich zu erwarten. Du kommst nicht direkt von Chartum?

Nein. Ich ging von dort aus nach Kordofan und Darfur, um die Menschen, Tiere und Pflanzen dieser L?nder kennen zu lernen. Ich habe eine Sammlung angelegt, welche mehrere Kamellasten betr?gt, und will sie von hier nach Chartum senden.

?bergib sie mir; ich werde sie sicher dorthin bringen lassen. Aber du und dein Bruder, ihr m??t sehr k?hne Leute sein. Hast du nicht gewu?t, da? dein Leben in Kordofan, und ganz besonders in Darfur, in steter Gefahr schwebte?

Ich wu?te es; aber die Liebe zur Wissenschaft war gr??er als die Furcht.

So hat Allah seine Hand ?ber dich gehalten. Ihr Christen seid furchtlose, aber unbegreifliche Leute. Ein Moslem dankt Allah f?r sein Dasein und bringt es nicht wegen einiger Gew?chse oder K?fer in Gefahr. Du scheinst b?sen Leuten gar nicht begegnet zu sein?

O doch; aber ich wei?, wie man solche Menschen zu behandeln hat. Der letzten und wohl gr??ten Gefahr entging ich gestern abend, als ich ermordet werden sollte.

Gestern abend? fuhr der Mudir auf. Von wem? Wer hat es gewagt, dir nur ein Haar kr?mmen zu wollen? Zu dieser Zeit hast du dich doch schon im Bereiche meiner Macht befunden!

Es war am Brunnen des L?wen.

Dieser Ort geh?rt zu meiner Mudiri?h. Wer ists, ?ber den du dich zu beklagen hast? Nenne ihn mir, und ich werde ihn finden, wohin er sich auch verkrochen hat!

Es sind die Arab el Homr, welche ich gemietet hatte, mich nach hier zu begleiten.

Die Homr stehen nicht unter mir. Ich kann sie nur dann bestrafen, wenn sie sich innerhalb meiner Grenzen befinden.

Sie sind hier, unten im Hofe, gefesselt. Ich habe sie als Gefangene mitgebracht, um sie dir zu ?bergeben.

Wie? Du hast sie mit? Sind sie mit dir gegangen, nachdem sie dich ermorden wollten? Wie ist das zu glauben? Sie mu?ten doch wissen, was hier ihrer harrt?

Ich habe sie gezwungen.

So erz?hle, erz?hle!

Er war ganz in Feuer geraten. Er war Beherrscher einer Gegend, wo es eines kr?ftigen Armes und einer ungew?hnlichen Energie bedurfte, den Ehrlichen gegen den Unehrlichen in Schutz zu nehmen. Beides besa? er in hohem Grade.

Schwarz erz?hlte das gestrige Erlebnis, auch den Kampf mit den L?wen. Der Mudir h?rte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu und sprang, als der Bericht zu Ende war, von seinem Sitze auf. Die Pfeife, die ihm l?ngst ausgegangen war, von sich werfend, rief er aus:

Zwei L?wen hast du get?tet und ihr Junges gefangen genommen! Du bist ein Held, ein wirklicher Held! Und doch haben diese Hunde es gewagt, sich an dir vergreifen zu wollen! Sie werden zu mir und Allah um Gnade schreien, aber weder er noch ich werden sich ihrer erbarmen. Und diesen Abu el Mot hast du genannt? Kennst du ihn?

Nein, doch habe ich geh?rt, da? er ein ber?chtigter Sklavenj?ger ist.

Das ist er, der schlimmste von allen. Wehe ihm, wenn er in meine H?nde f?llt! Warum hat dieser Vater des Gel?chters dich verhindert, ihn zu ergreifen! Nun mu? ich f?r lange Zeit darauf verzichten, ihn zu erwischen; denn er wird nach der fernen Seribah Omm et Timsah gehen, und erst nach vielen Monaten zur?ckkehren.

Wei?t du, wo diese Seribah liegt?

Ja, denn sie ist durch ihre Schandthaten ber?hmt geworden. Sie liegt weit von hier im S?den, im Lande der Niamniam.

Was? horchte Schwarz erschrocken auf. Wo mein Bruder sich befindet?

Ob er sich gerade in diesem Teile des Landes, welches gro? ist, befindet, wei? ich nicht. Sie liegt im Gebiete des Makrakastammes.

Dieser Stamm ist mir unbekannt.

Der Bote, den dein Bruder gesandt hat, geh?rt zu demselben.

Dann befindet sich mein Bruder dort. Es wird sich auf ihn doch nicht etwa die Drohung beziehen, welche ich aus dem Munde des Abu el Mot h?rte? Er hat erfahren, da? sich zwei Europ?er dort befinden, welche auch Pflanzen und Tiere sammeln, und will sie ermorden.

Hat dein Bruder einen Begleiter mit?

Nein. Soviel ich wei?, ist er allein.

So kann er nicht gemeint sein. Du darfst also ruhig sein. Wir sprechen sp?ter dar?ber, und der Bote wird dir sichere Nachricht geben. Jetzt aber wollen wir Gericht halten ?ber diese Homr. Ich werde erst die Dschelabi und dann sie vernehmen.

Er klatschte in die H?nde, und als darauf ein schwarzer Diener erschien, gab er ihm einige Befehle. Schon nach kurzer Zeit erschienen mehrere Offiziere, welche als Beisitzer des Gerichts still zu beiden Seiten des Mudirs Platz nahmen. Dann wurden die Dschelabi hereingef?hrt. Sie mu?ten kurz erz?hlen, was geschehen war und traten dann zur Seite. Ihre Aussage stimmte nat?rlich mit derjenigen des Deutschen genau ?berein.

Die Homr waren unter milit?rischer Bedeckung im Hofe zur?ckgeblieben. Nachdem man ihnen dort die Fu?fesseln abgenommen hatte, brachte man sie jetzt herbei. Sogar der Verwundete wurde hereingetragen und bei ihnen niedergelegt. Hinter ihnen stellten sich mehrere Kawassen auf, welche mit Kurbatschen versehen waren.

Die Homr hatten unterlassen, den Mudir zu gr??en, und zwar nicht etwa aus Befangenheit. Der freie Araber d?nkt sich vornehmer und besser als der angesessene; noch stolzer blickt er auf den ?gypter herab, den er den Sklaven des Pascha nennt. Der Schech nahm jedenfalls an, da? er im gleichen Range mit dem Mudir stehe. Vielleicht hielt er es f?r angemessen, demselben durch Trotz zu imponieren. Er wartete gar nicht ab, bis er angeredet wurde, sondern er rief dem Beamten in zornigem Tone zu:

Wir sind hinterlistigerweise ?berfallen und gebunden worden; da wir in der Minderzahl waren, haben wir es uns gefallen lassen m?ssen. Nun aber befinden wir uns an einem Orte, wo wir Gerechtigkeit erwarten k?nnen. Wir sind freie Arab el Homr, und niemand hat uns etwas zu befehlen. Warum nimmt man uns die Stricke nicht von den H?nden? Ich werde dem Khedive melden lassen, wie die Beni Arab von seinen Dienern behandelt werden!

Er erzielte einen ganz andern Erfolg, als er erwartet hatte. Die Brauen des Mudir zogen sich zusammen. Er antwortete in jenem ruhigen, aber schneidenden Tone, welcher gef?hrlicher ist als zorniges W?ten:

Hund, was sagst du? Frei nennst du dich? Mich willst du beim Pascha anzeigen? Wenn du es nicht wei?t, da? du ein schmutziger Wurm gegen mich bist, so will ich es dir beweisen. Ihr seid hier eingetreten, ohne eure K?pfe auch nur einen einzigen Zoll vor mir zu beugen. Es gibt keinen Offizier oder Effendi, welcher mir den Gru? versagt, und ihr stinkenden Hy?nen, die ihr als Verbrecher zu mir gebracht werdet, wagt es, dies zu thun? Ich werde euch zeigen, wie tief ihr euch zu verbeugen habt. Werft sie nieder und gebt jedem zwanzig Hiebe; der Schech aber soll als Lohn seiner Frechheit vierzig bekommen!

Einer der Kawassen holte sofort eine h?lzerne Vorrichtung herein, welche einer Bank glich, die nur an der einen Seite zwei Beine, an der andern aber keine hat. Sie wurde auf den Boden gelegt, und zwar so, da? die beiden Beine emporstanden. Dann ergriffen die Kawassen einen der Homr, zogen ihn nieder, legten ihn mit dem R?cken auf die Bank und schnallten ihn da fest. Seine nach aufw?rts gerichteten Beine wurden fest an die Beine der Bank gebunden, so da? seine Fu?sohlen nach oben blickten. Die pantoffel?hnlichen Schuhe hatte man ihm nat?rlich ausgezogen. Dann ergriff ein Kawa? einen fingerstarken Stock und gab ihm auf jede Fu?sohle zehn kr?ftige Hiebe.

Der Homr hatte sich wehren wollen, doch ganz vergeblich. Er bi? die Z?hne zusammen, um nicht zu schreien; aber als nach den ersten Schl?gen die Fu?sohlen aufsprangen, erhob er ein f?rchterliches Lamento. Als er losgeschnallt war, konnte er nicht auf den F??en stehen; er blieb wimmernd am Boden sitzen.

Ganz ebenso erging es seinen Kameraden. Der Schech erhielt die doppelte Anzahl Hiebe; nur der Verwundete blieb verschont, denn der Mudir sagte:

Er hat vor mir auf der Erde gelegen, zwar nicht aus H?flichkeit, sondern infolge seiner Verletzung. Ich will ihn aber mit meiner Gnade erleuchten und annehmen, er habe sich aus Demut vor mir niedergeworfen. Diese Hundes?hne sollen sich nicht ungestraft gegen mich erheben und mir gar drohen, mich beim Pascha zu verklagen! Jetzt mag der Schech mir sagen, ob er den fremden Effendi kennt, welcher hier an meiner Seite sitzt!

Auch dieser, der Schech, konnte seinen Schmerz nicht still ?berwinden. Er st?hnte noch lauter als die andern. Als er jetzt z?gerte, die verlangte Antwort zu geben, drohte der Mudir:

Wenn du nicht sprechen willst, werde ich dir den Mund ?ffnen. F?r eine jede Antwort, welche mir einer von euch verweigert, lasse ich ihm zwanzig Hiebe geben. Nun sag, ob du den Effendi kennst!

Ja, ich kenne ihn, stie? der Schech hervor, wohl wissend, da? der Mudir seine Drohung wahr machen werde.

Du gibst zu, da? ihr ihn ?berfallen und t?ten wolltet?

Nein. Wer das behauptet, der ist ein L?gner.

Ich selbst behaupte es, und also hast du mich einen L?gner genannt, wof?r ich deine Strafe sch?rfen werde. Kennst du einen Sklavenj?ger, welcher Abu el Mot hei?t?

Nein.

Du hast gestern in der Nacht mit ihm gesprochen.

Das ist nicht wahr!

Dieser Effendi hat, als du am Feuer sa?est, sich an die Gum geschlichen, und das Gespr?ch dieser Leute belauscht. Dann sah er dich zu Abu el Mot gehen, und sp?ter brachtest du die Gum gef?hrt. Das haben auch diese ehrlichen Dschelabi gesehen. Willst du noch leugnen?

Ich war es nicht, sie haben mich verkannt.

Du bist ein sehr verstockter S?nder. Wei?t du nicht, da? man mich Abu hamsah miah, den Vater der F?nfhundert, nennt? Da du leugnest, was eine gro?e Beleidigung f?r mich ist, weil du mich damit f?r einen leichtgl?ubischen Menschen erkl?rst, welchen Allah den Verstand versagt hat, so werde ich f?r dich ein Abu sittah miah, ein Vater der Sechshundert sein. Schafft ihn hinaus in den Hof, und gebt ihm die sechshundert auf den R?cken!

Das wage nicht! schrie der Schech auf. Sechshundert kann kein Mensch aushalten. Du w?rdest mich t?ten. Denke an die Blutrache! Die Krieger meines Stammes w?rden die Schmach mit deinem Leben s?hnen!

So m?gen sie vorher erfahren, da? ich auch Abu sabah miah, der Vater der Siebenhundert sein kann. Gebt ihm also siebenhundert, und f?r jedes Wort, welches er noch spricht, soll er einhundert mehr bekommen!

Das war in einem so bestimmten Ton gesprochen, da? der Schech den Mund nicht wieder zu ?ffnen wagte. Er wurde von den Kawassen fortgeschafft, und bald h?rte man sein Geschrei erschallen.

H?rt ihr ihn? rief der Mudir den Homr zu. Wenn er es ?berlebt, so mag er zum Pascha gehen, und mich verklagen! Ich werde daf?r sorgen, da? im Bereiche meiner Macht ein jeder ungef?hrdet seinen Weg verfolgen kann. Menschen, wie ihr seid, achte ich den Raubtieren gleich, welche ausgerottet werden m?ssen. Wer mich bel?gt, oder mir gar droht, dem wird die Peitsche zeigen, da? ich sogar ein Abu alfah, ein Vater der Tausend sein kann. Also sage du mir, ob ihr diesen Effendi habt t?ten wollen?

Er zeigte auf denjenigen Homr, welcher ihm am n?chsten kauerte.

Ja, gestand der eingesch?chterte Mann.

Und du? fragte er einen zweiten.

Ja, antwortete auch dieser.

Ebenso gestanden die andern ihr Verbrechen ein. Sie erkannten, da? sie durchs Leugnen ihre Lage nur verschlimmern w?rden. Sie w?ren am liebsten ?ber den Mudir hergefallen; sie konnten trotz aller M?he den Grimm, welcher sie beherrschte, nicht ganz verbergen.

Da ihr es gesteht, m?chte ich euch ein gn?diger Richter sein, sagte der Mudir. Aber ihr legt dieses Gest?ndnis nicht aus Reue, sondern vor Angst ab, und auf euern Gesichtern sehe ich den Ha? und die Rache wohnen. Ihr sollt nicht mehr und nicht weniger bekommen, als der Name besagt, den man mir gegeben hat. F?nfhundert werden gen?gen, euch zu belehren, da? es gegen das Gesetz des Propheten und die Satzung seiner heiligen Nachfolger ist, einen Mann zu ermorden, welcher sich vertrauensvoll in euren Schutz gegeben hatte. Nur dieser Verwundete soll f?r heute verschont werden. Er mag im Sidschnah liegen, bis sein Bein geheilt ist; dann soll, wenn er es erlebt, das gleiche Urteil an ihm vollstreckt werden. Das Gericht ist beendet. Ich habe nach Recht und Gerechtigkeit gesprochen. Allah ist mit allen Gl?ubigen, welche seine Gesetze befolgen; die Misseth?ter aber wird er mit seinem Zorne vernichten!

Er erhob sich von seinem Sitze, zum Zeichen, da? die Gerichtsverhandlung zu Ende sei, und die Offiziere thaten dasselbe. Sie entfernten sich, indem sie mit tiefen Verbeugungen Abschied nahmen, und dann erlaubte der Mudir den Dschelabi, die Homr in den Hof zu schaffen und dort Zeugen der Exekution zu sein. Als dann Schwarz sich wieder allein mit ihm befand, fragte der Beamte:

Dir ist Gerechtigkeit geworden. W?re das in deinem Lande ebenso schnell geschehen?

Das Urteil w?re allerdings sp?ter gef?llt worden, da man den Fall eingehender untersucht h?tte.

Was sollte das n?tzen? Man h?tte sich doch jedenfalls ?berzeugt, da? die Homr schuldig sind?

Allerdings.

Nun, soweit bin ich viel schneller gekommen. Welche Strafe h?tte sie nach euern Gesetzen getroffen?

Eine vielj?hrige Gefangenschaft.

Auch da bin ich k?rzer. Die Schuldigen erhalten ihre Hiebe und k?nnen dann gehen.

F?r Raubm?rder ist diese Strafe au?erordentlich milde, n?mlich wenn sie die Schl?ge aushalten.

?ber das Gesicht des Mudir ging ein vielsagendes L?cheln, als er antwortete:

Ob mein Urteil zu hart oder zu milde ist, das ist Allahs Sache. Er hat dem Verbrecher Glieder gegeben, welche es entweder aushalten oder nicht. Auch bei euch kommt es auf die Gesundheit und St?rke an, ob der Verbrecher die lange Gefangenschaft ?berwindet oder nicht. Mache dir keine Sorge um die Homr! Ihr Leben ist im Buche verzeichnet; ich kann es ihnen weder nehmen noch erhalten. Erlaube mir, dich zu dem Boten deines Bruders und dann in die Gem?cher zu f?hren, welche f?r dich bestimmt worden sind.