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Pummelland

PUMMELLAND Lidija Ogurzowa
Im Kindergarten "Pummellütt"
Es war einmal ein Land, das war so winzig, dass es auf keiner Landkarte zu finden war. Dieses Land hieß Pummelland und war trotzdem ein richtiges Land. In ihm wohnten drollige kleine, rundliche Menschlein – die Pummelaner. Der König von Pummelland, Seine Pummellenz, begleitete jeden Morgen seine Kinder – Prinzessin Pummelinchen und Prinz Pummelino – zu den Palasttoren. Diese marschierten alsdann frohen Mutes in Begleitung ihrer Kinderfrau zum Kindergarten. Und wenn die Kinder anderswo auf der Welt gar nicht gerne in den Kindergarten gingen und vielleicht sogar auf dem Weg dorthin plärrten und bockig waren, so träumten in Pummelland alle Kinder davon, im Kindergarten zu sein. Es war nämlich so, dass der König seine Kinder so lieb hatte, dass er, als es an der Zeit war, sie zu erziehen, folgenden Befehl erließ:
"Im Namen des Königs!
Vom heutigen Tage an müssen alle Wünsche der Kinder im Kindergarten 'Pummellütt' unverzüglich erfüllt werden. Wer meinem Befehl nicht Folge leistet, wird hingerichtet."
Nach einigem Nachdenken fügte er noch hinzu "unverzüglich".
Die kleine Prinzessin wusste nicht, was das Wort "unverzüglich" bedeutet. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, da sie gerade erst begonnen hatte, silbenweise das Lesen zu lernen. Als aber die alte Kinderfrau Fräulein Pummelmeier das Wort vernahm, entgegnete sie, dass sie um keinen Preis in diesem Kindergarten arbeiten wolle. Das muss wohl bedeuten, dachte die kleine Prinzessin, dass das Wort "unverzüglich" sehr wichtig und entscheidend sein muss. Hatte nicht die Kinderfrau gesagt, dass die Erziehung von kleinen Prinzessinnen und Prinzen eine sehr wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe sei?
Der Hund Pusso lief neben der Prinzessin her und wedelte munter mit dem Schwanz. Er war klein und rundlich und hatte winzige, weiche Tatzen. Als die Kinderfrau, die Kinder und der Hund am Eingang des Kindergartens "Pummellütt" angekommen waren, hörte man von drinnen heraus bereits die lauten Rufe der älteren Zöglinge:
"Wir wollen Coca-Cola, Coca-Cola!"
Sie verlangten von den Erziehern, dass man ihnen die süße Limonade zum Frühstück gebe. Irgendwo von weiter oben hörte man die lärmenden Stimmen der Kinder aus der Mittleren Gruppe:
"Eis-creme! Eis-creme!"
Und das ohrenbetäubende Gebrüll der Kleinen:
"Lol-li-pops! Lol-li-pops!"
Plötzlich trippelte die Kindergartenleiterin auf ihren kleinen dicken Beinchen schnell an ihnen vorbei, ein feuchtes Tuch um den Kopf geschlungen. Pusso wedelte munter mit dem Schwanz und schlüpfte durch die offene Tür. Der Prinz und die Prinzessin liefen fröhlich hinter ihm her.
Kapitel 2
Der Tagesablauf
Jeder echte Kindergarten braucht einen geregelten Tagesablauf. Dieser unterschied sich im Kindergarten "Pummellütt" in nichts von dem anderer, gewöhnlicher Kindergärten. Es gab Frühsport, es wurden Spaziergänge mit den Erziehern gemacht und es wurde sogar Mittagsschlaf gehalten. Weil aber wegen des Befehls des Königs die Erzieher den Kindern nicht widersprechen durften, waren die Kinder, ach diese unvernünftigen Kinder…! Zum Frühstück verlangten sie Coca-Cola anstelle von Tee mit Milch und statt Grießbrei wollten sie Eiscreme. Den ganzen Tag riefen sie nur: Ich will! Ich will! Ich will! Und ihre Wünsche erfüllten sich sofort – wie von Zauberhand.
An der Tür zur Mittleren Gruppe traf Pummelinchen den kleinen Pummelplatsch. Er hielt drei Kugeln Eiscreme in der Hand und schleckte mit seiner rosa Zunge eifrig nacheinander die drei schmelzenden Kugeln ab. "Harro, Pummerinchen", sagte Pummelplatsch und wurde rot dabei. Er konnte das "L" noch nicht so gut sprechen und war deshalb der kleinen Prinzessin gegenüber etwas schüchtern. "Grüß Dich", erwiderte Pummelinchen lächelnd. Plötzlich stürzte Pusso wie vom Blitz getroffen in das Zimmer und stieß mit Pummelplatsch zusammen. Der stolperte und ließ eine Kugel Eis auf den Boden fallen. "Tja, so ist das immer. Sogar die Hunde schubsen mich", dachte er betrübt und machte sich auf, eine neue Kugel Eis zu holen.
Die Prinzessin blieb mitten im Zimmer stehen. Sie suchte ihre Freundin. Es war ganz ruhig, weil alle Kinder noch damit beschäftigt waren, die letzten Reste Eis aus ihren Schälchen zu schlecken. Die klebrigen, verschmierten Eishände wischten sie an der schneeweißen Tischdecke ab. Den Erziehern juckte es in den Händen beim Anblick der bekleckerten Kindergesichter, aber sie durften die Kinderlein unter Androhung der Todesstrafe nicht ohne deren Erlaubnis sauber machen. Und so schauten sich die Erzieher diese Zustände weiterhin schweigend an.
"Wo ist nur Pummelette? Ich muss ihr was erzählen", fragte sich sie Prinzessin und schaute sich nach allen Seiten um.
"Pummelinchen, ich bin hier!", rief die schwarzhaarige Pummelette ihrer Freundin mit heiserer Stimme zu. Sie lief auf die Prinzessin zu, bahnte sich einen Weg durch die Kinder und stieß dabei ein paar Stühle zu Boden. "Willst Du etwas Eiscreme mit Nüssen?", krächzte sie. Pummelinchen mochte Nußeis überhaupt nicht, wollte aber ihre beste Freundin auch nicht vor den Kopf stoßen. Pummelette reichte ihr zwei riesengroße, süße Kugeln Eis. Die Prinzessin schaute den Eisbecher freudlos an und begann, das Eis zu löffeln.
Kapitel 3
Ein Spaziergang an der frischen Luft
Nach dem Frühstück zogen die Kinder aus der Mittleren Gruppe sich etwas über und machten sich zu einem Spaziergang auf. Hinter ihnen watschelte mit seinen kurzen Beinchen der beleibte Dr. Tut-nich-weh, der vorsichtig eine große Flasche Jodtinktur in seinen Händen trug.
Pummelinchen setzte sich mit einem soeben gepflückten Kamillensträußchen auf eine Bank. Pummelette ließ sich neben ihr nieder und steckte ihre Stupsnase in den Blumenstrauß.
"Wie das duftet", schwärmte sie.
"Pummelette, Pummelette – hast Du die blauen Ratten gesehen?", begann die Prinzessin, ihre Freundin auszufragen.
"Ratten? Was für Ratten?", wunderte sich Pummelette.
"Erinnerst Du Dich etwa nicht? Du hast Teller und Untertassen nach ihnen geworfen. Dann haben wir uns an den Händen gefasst, sind los geflogen und lange um das Schloss gekreist."
"Wir sind geflogen?", fragte Pummelette und schüttelte voller Zweifel den Kopf, "Das war doch ein Traum."
"Ein Traum?"
"Natürlich, ein Traum. Ich erinnere mich nämlich an nichts. Das kann nur heißen, dass Du es geträumt hast."
Die Prinzessin wandte sich beleidigt ab.
"Sind die Teller denn kaputt gegangen?", fragte Pummelette versöhnend.
"Nein", antwortete die Prinzessin, ohne sich umzudrehen.
"Na, da siehst Du's – dann war es ein Traum. Der Pummelplatsch hat gestern einen Teller fallen lassen, der dabei in tausend Stücke zersprungen ist."
"Ja, das stimmt." Die Prinzessin drehte sich zu ihrer Freundin um, "Erinnerst Du Dich wirklich an nichts?"
Pummelette schüttelte den Kopf.
"Das bedeutet, dass es wirklich ein Traum war", flüsterte die Prinzessin kaum hörbar und atmete auf.
"Ha, ha, ha – Du hast eine gelbe Nase", brach plötzlich der direkt hinter ihnen stehende Pummelplatsch in Gelächter aus. Er streckte seinen kurzen Finger aus und stupste Pummelette damit fast an die Nase.
"Sie ist gar nicht gelb", erwiderte Pummelette beleidigt, "Warum schleichst Du überhaupt hinter uns her?"
"Gelbnase, Gelbnase", neckte Pummelplatsch weiter.
Die mit Blütenstaub bedeckte Nase von Pummelette erschien plötzlich noch gelber in ihrem Gesicht, das vor Unmut ganz rot geworden war.
"Neck uns nur weiter", krächzte die verärgerte Pummelette und jagte hinter dem ungeschickten, dicklichen Jüngelchen her.
Als sie ihn am Sandkasten erwischte, schlug sie mit ihren kleinen Fäusten auf ihn ein. Und plötzlich fielen sie beide in den feuchten Sand. Das freundschaftliche Gebrüll der Kleinen verkündete allen anwesenden Personen, dass der Kindergarten "Pummellütt" gerade seinen Spaziergang machte. Die erschrockenen Erzieher versuchten, die Kinder auseinander zu bringen und der Arzt begann mit der für ihn alltäglichen Arbeit, die Schrammen in den Gesichtern und Kratzer an den Knien der ausgelassenen Kindergartenkinder mit seinem Mittelchen zu versorgen.
"Aua, aua – oh weh, oh weh", war überall zu hören. Alles war wie immer. Am Ende des Spaziergangs sahen die Kinder nicht mehr wie normale, anständige Kinderlein aus, sondern vielmehr wie angemalte Clowns.
Kapitel 4
Gesangsunterricht in der Großen Gruppe
Es war langsam Zeit für das Mittagessen. In der Großen Gruppe fing der Musikunterricht an. Der Musiklehrer Herr Pummelkowski war ein großer Mann. Er sah überhaupt nicht wie die anderen Pummelaner aus. Seine langen Beine und dünnen Arme waren auch der Grund, warum die rundlichen Pummelaner ihn verspotteten.
Der Musikunterricht in der Großen Gruppe fing unmittelbar vor dem Mittagessen an.
"F-Dur, bitte", wandte sich Herr Pummelkowski an den Kapellmeister. Die Finger des Pianisten tanzten über die Tasten und Musik schwang durch das ganze Zimmer. Die Kinder fingen an zu singen, allerdings nicht sehr schön.
"Stopp, stopp", der Lehrer klatschte in die Hände, "Ihr singt nicht richtig. Ab hier noch mal, bitte", und er sang eine Zeile richtig vor. Er drehte sich zum Prinzen um und sagte: "Ihr singt unrein, mein Herr. Probiert es noch einmal…"
Er hatte schon den Arm geschwenkt und Musik begann, den Raum zu erfüllen, als er plötzlich hörte:
"Ich werde nicht singen. Ihr unterrichtet uns falsch!"
Die Röte schoss dem Prinzen ins Gesicht. Pummelino blickte Herrn Pummelkowski mit böse funkelnden Augen finster an.
"Falsch unterrichten? Ich?", erwiderte bestürzt Herr Pummelkowski.
"Ja, Ihr", rief der Prinz und zeigte mit dem Finger auf ihn.
"Falsch, falsch", fingen nun auch die anderen Kinder der Großen Gruppe an zu rufen. Sie wollten nicht mehr singen. Sie schrieen und stampften mit den Füßen.
"Entfernt diesen Lehrer von uns, er unterrichtet uns falsch!"
Die Kindergartenleiterin schaute ängstlich durch die spaltbreit geöffnete Tür.
"Er macht nicht das, was wir wollen", brüllten die Kinder.
"Er muss hingerichtet werden", schlussfolgerte der Prinz unbarmherzig.
"Hinrichten, hinrichten", wiederholten die Anderen.
"Hinrichten? Weswegen? Ich mache doch nur meine Arbeit. Ich wollte ihnen die wunderbare Welt der Musik nahe bringen. Aber vielleicht bin ich ja wirklich ein schlechter Lehrer", dachte Herr Pummelkowski und ließ den Kopf niedergeschlagen hängen.
Die Wache war augenblicklich zur Stelle und führte den vom Unglück verfolgten Musiklehrer ab. Er ging mit niedergeschlagenem Blick und verbarg seine langen Arme auf dem Rücken.
Die Musikstunde war vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hatte.
Kapitel 5
"Stille Stunde" im Kindergarten
"Das ist wirklich sonderbar", flüsterte Prinzessin Pummelinchen ihrer Freundin ins Ohr. Sie lagen nebeneinander auf ihren Bettchen und schmiegten sich eng aneinander. Im Kindergarten "Pummellütt" war gerade "Stille Stunde".
"Der Musiklehrer ist wirklich ein guter Lehrer. Wie sie es nur wagen konnten, die Wache zu rufen", entrüstete sie sich weiter.
"Ja, er ist ein guter Lehrer. Er hat uns doch das feine Liedchen beigebracht", erwiderte Pummelette und fing mit ihrer erkälteten Stimme an zu singen:
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter!
Du grünst nicht nur zur Sommerszeit,
nein auch im Winter, wenn es schneit
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter!
Fröhlich stimmte Prinzessin Pummelinchen ein und sang mit:
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum,
du kannst mir sehr gefallen!
Wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit,
ein Baum von dir mich hoch erfreut.
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum,
du kannst mir sehr gefallen!
Sie vergaßen vollkommen, dass gerade "Stille Stunde" war und neben ihnen die Kinder schliefen. Sie richteten sich auf ihren Bettchen zu voller Größe auf und sangen zu zweit lauthals weiter. Um sie herum wurden die Kinder wach. Erst waren sie etwas verstimmt, aber dann sangen alle gemeinsam das Lied zu Ende:
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren:
Die Hoffnung und Beständigkeit
gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit.
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren.
Als die Kinder alle Strophen des bekannten Weihnachtsliedes gesungen hatten, sprangen sie auf ihren Betten auf und ab, bewarfen sich mit Kissen und schlugen Purzelbäume auf dem Boden. Die "Stille Stunde" in der Mittleren Gruppe ging ihrem Ende entgegen.
"Wir werden ihn retten", verkündete die Prinzessin unerfindlicherweise flüsternd.
"Natürlich werden wir das!", rief Pummelette und schmiss mit einem Kissen.
Kapitel 6
Der Palastkerker
Es war Nacht geworden. Wie kleine Laternen blinkten die Sterne am samtenen Himmelsgewölbe. Eine Sichel des zunehmenden Mondes schaute hinter dem alten Palastturm hervor. Im Kerker war es kalt. Der Musiklehrer schlief, den Kopf auf seine Hände gebettet, auf einem Lumpensack. Ein Kerzenstummel erleuchtete die Zelle des Gefangenen nur spärlich. Eine große, finstere Ratte hatte es sich am Eingang zu ihrem Loch gemütlich gemacht und erwartete den Moment, an dem die Kerze endgültig erlöschen würde. Im Schlüsselloch der Tür drehte sich ein Schlüssel, dann öffnete sie sich knarrend. Der Lehrer wischte sich die schlaftrunkenen Augen und rief überrascht aus:
"Eure Hoheit!"
Auf der Schwelle der Kerkerzelle stand der König von Pummelland. Aber was war das? Der König wurde plötzlich immer kleiner. Er wurde vollkommen winzig. Die Krone auf seinem Kopf geriet ins Wackeln und plumpste auf den Boden. Und aus dem königlichen Mantel heraus blickten zwei grinsende Gesichter. Es waren die Prinzessin Pummelinchen und ihre beste Freundin Pummelette!
"Ach, kleine Prinzessin!", wunderte sich der Lehrer noch mehr, "Ich muss wohl träumen."
"Nein, Ihr träumt nicht", krächzte Pummelette erkältet.
"Schnell, schnell, raus hier", trieb die Prinzessin zur Eile an.
Herr Pummelkowski verlor keine Zeit mehr mit leerem Gerede und schlüpfte durch die geöffnete Tür. Die alte Ratte piepste unzufrieden und verbarg sich wieder in ihrem Loch.
Von den Wachen war draußen nichts zu sehen. Die Kinder versteckten sich im Schatten der Palastmauer und liefen schnell zu den Toren. Schon nach einigen Minuten standen die Prinzessin Pummelinchen, ihre Freundin Pummelette und der Musiklehrer vor den Toren des Palastes.
"Was passiert denn jetzt? Der König wird sowieso erfahren, was passiert ist und dann…", der Lehrer kam nicht dazu, auszureden, weil ihn die Prinzessin unterbrach.
"Beeilt Euch, Herr Pummelkowski. Ihr müsst Euch in der Hütte im Wald verstecken und dürft Euch keine Sorgen machen. Ich werde mir schon was einfallen lassen."
Der Lehrer drückte die zerzausten Köpfe der Mädchen für einen Moment an sich und rannte in Richtung Wald davon. "Diese feinen Kinderlein! Wenn nur der König auch weiterhin nichts davon erfährt!", dachte er, als er sich im Gestrüpp eines Busches versteckte.
"Komm, wir gehen in den Palast – wir müssen noch den Mantel und die Krone zurück bringen", stellte die kleine Prinzessin fest.
Kapitel 7
Die Verkleidungsaktion
Eine Stunde früher, nachdem sie aus dem Kindergarten nach Hause gekommen war, hatte sich die Prinzessin den Plan für die Befreiung des Musiklehrers ausgedacht. Der Plan war ziemlich einfach: man brauchte sich nur als König zu verkleiden, den Kerkerschlüssel zu beschaffen und die Tür zu öffnen, hinter der der Lehrer schmachtete. Die Prinzessin schlüpfte unbemerkt in das königliche Schlafzimmer und ging in den geheimen Wandschrank hinein. Hinter dem war die Tür, die zu den Geheimgängen des Palastes führte. Nachdem sie einige Meter durch diese gelaufen war, stieß sie auf eine weitere Tür. Sie führte zu einer Kammer, in der alte, ausgemusterte Sachen aufbewahrt wurden. In der Kammer war es dunkel. Der schwache Schein einer Kerze flackerte in der Hand der Prinzessin.
"Pummelette hat gesagt, dass es nur ein Traum war. Dann gibt es also gar keine blauen Ratten", dachte Pummelinchen und erinnerte sich an ihr morgendliches Gespräch mit der Freundin.
"Manchmal kann ein Traum schrecklich sein", flüsterte die Prinzessin und schaute sich nach allen Seiten um. Aber es war ganz ruhig um sie herum und nichts Außergewöhnliches passierte.
Mitten in der Kammer stand ihr kleines Kinderbettchen mit der rosafarbenen, weichen Decke. Auf dem Boden lag eine blauäugige Puppe mit abgebrochener Nase herum. In der Ecke stand das kaputte Schaukelpferd des Prinzen. Und dann erblickte Pummelinchen die große Krone ihres Großvaters in der Ecke. Die Edelsteine, die sie einst zierten, waren längst heraus gefallen und an ihrer Stelle klafften große schwarze Löcher in der Krone.
"Nun", überlegte Pummelinchen und probierte die Krone auf, "das wird schon niemand merken. Draußen ist es ja dunkel." Nachdem sie noch etwas in den alten Sachen herum gekramt hatte, fand sie einen alten, unmodernen königlichen Umhang. Sie versteckte die alte Krone und den Mantel in ihrem Rucksäcklein und schlüpfte durch die Tür hinaus. Den Schlüssel zum Kerker, in dem der Musiklehrer saß, zu beschaffen und die Wache abzulenken, würde wesentlich schwieriger werden.
Pummelette und der treue Hund Pusso warteten am Eingang des Turmes bereits auf die Prinzessin.
Es waren drei Wachen dort.
"Sie klopfen die ganze Zeit Karten auf den Tisch und rufen 'Reh'", flüsterte die Freundin der Prinzessin ins Ohr. Sie hatte auf Bitten der Prinzessin die letzte halbe Stunde die Wachen beobachtet. Pummelette hatte die durch das Kartenspiel abgelenkten Wachen aufmerksam beobachtet. Aber ein Reh hatte sie nirgendwo gesehen.
"Ein komisches Spiel", erwiderte die Prinzessin, "Wir müssen sie mit irgendetwas ablenken." Direkt am Rand des Tisches lag ein Beutel mit Münzen, um den die Wachen spielten. Die Prinzessin streichelte den vor Freude winselnden Pusso, zeigte auf den Beutel und flüsterte "Fass!" Was dann passierte, dauerte nur ein paar Sekunden. Pusso verbiss sich stürmisch in dem Beutel, riss ihn zu Boden und rannte damit weg. Die überraschten Wachleute liefen hinter ihm her und brüllten "Haltet den Dieb!" Nun war der Weg in das Verlies frei. Die Prinzessin setzte die Krone auf, hielt sie mit den Händen fest und stieg auf die Schultern ihrer Freundin. Sie hatte sich einen Schnurrbart ins Gesicht gemalt, der sie ihrem Vater ähnlich sehen ließ. Sie warf den Umhang um, versteckte Pummelette darunter und wandte sich der Stube des Hauptmanns der Wache zu.
"Wache! Wo ist die Wache?", krächzte Pummelette auf Geheiß der Prinzessin unter dem Mantel hervor, "Warum ist der Gefangene ohne Bewachung?"
"Eure Hoheit", stotterte der Hauptmann erschrocken und kam ihnen entgegen, "Ich werde sofort, auf der Stelle…"
"Raus hier!", befahl Pummelette krächzend und stampfte wütend mit den Füßen.
Die Krone auf dem Kopf der Prinzessin begann zu wackeln. Vor lauter Angst, sie könne ihr herunterfallen, blickte Prinzessin Pummelinchen finster drein. Der Hauptmann sagte kein Sterbenswörtchen mehr und schoss wie eine Kugel aus seiner Wachstube.
Die kleine Prinzessin griff sich den Schlüssel, der an der Wand hing. Am anderen Ende des Palasthofes war Pussos wütendes Gebell und das Geschrei der Wachen zu hören. Als Pummelinchen die Tür öffnete, wusste sie, dass ihr Plan geglückt und der Musiklehrer so gut wie befreit war.
Kapitel 8
Die Krankheit der kleinen Prinzessin
Die ersten Sonnenstrahlen erhellten das Gemach der kleinen Prinzessin. Pummelinchen, die noch schlief, hatte im Schlaf ihre Decke weggestrampelt. Ihre wunderschönen blonden Haare lagen über das ganze Kissen verteilt. Schweißtröpfchen standen ihr auf der Stirn. Wie kleine Bächlein rannen sie die glühenden Wangen der kleinen Prinzessin hinunter. Während sie mit ihrer Zunge über die ausgetrockneten Lippen fuhr, flüsterte sie etwas. Die alte Kinderfrau beugte sich gähnend über Pummelinchens Köpfchen:
"Durst, Durst", flüsterte die Prinzessin.
"Sofort, sofort", erwiderte die Kinderfrau geschäftig. Und die Prinzessin fuhr fort:
"Wache, wo ist die Wache? Schnell, Pummelette – wir müssen ihn retten!"
"Sie fantasiert", erschrak sich die Kinderfrau, "Einen Doktor! Schnell, schickt einen Doktor! Prinzessin Pummelinchen ist krank!"
Die Nachricht über die Erkrankung der Prinzessin verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Palast. Der erschrockene König kam als erster ins Schlafgemach der Prinzessin gerannt. Hinter ihm, auf seinen kurzen Beinen heftig hin und her schwankend, trippelte Dr. Tut-nicht-weh. Dieses Mal hatte er anstelle der großen Flasche Jodtinktur einen kleinen Koffer dabei. Aus diesem zog er ein Thermometer, Hustensaft sowie einige Pillen und beugte sich über die Prinzessin:
"Rettet ihn!", flüsterte die Prinzessin, "Schnell, rettet ihn!"
"Sie glüht ja. Ach, was für ein Unglück!"
"Sie hat zuviel Eis gegessen", mutmaßten die Hofdamen, die um das Bett der Prinzessin herumstanden.
"Pummelette, hilf, Pummelette," flüsterte die Prinzessin mit völlig trockenen Lippen.
"Ich bin schon bei Dir, Pummelinchen", drängte sich Pummelette, vollkommen außer Atem, durch die Menge an das Bett der Prinzessin. Sie nahm die heiße Hand der Prinzessin in die ihre und versicherte ihr: "Ich bleibe bei Dir. Ich gehe nirgendwo hin."
Aber die kleine Prinzessin hörte nichts. Sie hatte wieder einen Alptraum. Im Traum versuchte sie, die Tür zum Kerker zu öffnen. Aber diese ging irgendwie überhaupt nicht auf. Und plötzlich zog die alte Ratte, die sich im Mantel verbissen hatte, die treue Freundin Pummelette weg.
"Pummelette, rettet Pummelette!", flüsterte die kleine Prinzessin im Fieberwahn.
Der König blickte niedergeschlagen auf seine Tochter herab. Da wurde plötzlich die Zimmertür aufgerissen.
"Eure Hoheit, jemand hat den Gefangenen frei gelassen. Die Tür zum Kerker steht offen. Der Gefangene ist geflohen."
Auf der Türschwelle stand Pummellands Erster Minister. Der König warf dem Minister einen zornigen Blick zu.
"Ich befehle, den Palast zu umstellen und alle Erzieher des Kindergartens 'Pummellütt' zu verhaften!"
Einige Minuten später leerte sich das Schlafgemach der Prinzessin. Fräulein Pummelmeier saß schnaufend in einem tiefen Sessel. Durch das Fenster hörte man, wie der Hauptmann der Wache seinen Soldaten Befehle entgegenbrüllte.
Die verängstigte Pummelette schmiegte sich an ihre Freundin.
"Was wohl jetzt wird?", fragte sie flüsternd.
Die Sonne hatte sich verzogen. Über dem Palast hingen bleigraue Wolken. Es war kalt und unangenehm geworden. Aus dem Kaminrost im Schlafgemach der Prinzessin lugte eine große blaue Ratte hervor.
Kapitel 9
Das Königreich der Blauen Ratten
Tief unten in den Kellern des königlichen Schlosses war es kühl und feucht. Lange, dunkle Tunnel erstreckten sich in Richtung des Waldes und endeten an einem verlassenen Schacht. In einem dieser düsteren unterirdischen Flure befand sich eine quadratische, über und über mit Grünschimmel überzogene Halle. In der Mitte dieser Halle stand ein steinerner Thron, auf dem eine abscheuliche schnurrbärtige Ratte saß. Mit ihren schwarzen Augen, groß wie Untertassen, schaute sie feindselig drein. Die Ratte hatte eine komische blaue Farbe. Zu Füßen des Throns hatten sich, auf den Hinterläufen sitzend und die Vorderläufe über der Brust verschränkt, ihre Untertanen niedergelassen. Wahrhaftig, diese grausige Ratte war die Königin der Blauen Ratten.
"Alle mal herhören!", hob sie an zu sprechen. Sie streckte ihre Rattenschnauze in die Höhe und schaute über die Versammelten hinweg. Die schwarzen Untertassen-Augen blitzten so, als ob sie alle Umstehenden verhexen und ihnen ihren Willen aufzwingen wollten.
"Alle mal herhören! Ich, Eure Königin, befehle Euch, diese ungeschickten Pummelaner zu vernichten. Diese widerlichen, kleinen dicken Menschlein. Nur wir, die Blauen Ratten, sind wahrhaft weise. Wir, die großartigen Ratten! Wir sind im Krieg unbesiegbar! Wir sind die Boten des Bösen! Wir selbst sind das Böse und wir überbringen diese Botschaft auf direktem Wege. Wir tun nicht so, als ob wir gut wären, so wie sie. Wir richten die Erzieher unserer Kinder nicht hin. Unsere Kinder sind Kämpfer, die wissen, was das Wort 'Disziplin' bedeutet. Deshalb sind wir unbesiegbar!"