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Wie man uns das Sterben beibrachte
„Sie werden mich sowieso töten“, sagte er.
Lebedew hockte jetzt an der Wand, weit genug entfernt, um ihn nicht durch eine Bewegung zu provozieren.
„Wenn wir dich nur töten wollten, wäre das Gespräch kürzer.“
„Die Russen foltern Gefangene.“
Matthias wartete auf das gewohnte Dementi. In der Schule hatte man ihnen beigebracht, die Lügen des Feindes zu erkennen: Er werde seine eigene Grausamkeit selbstverständlich leugnen, Sicherheit versprechen, Vertrauen verlangen. Doch Lebedew sagte nicht „Nein“.
„Im Krieg tun Menschen viele schreckliche Dinge“, antwortete er nach einer Pause. „Auch Gefangenen. Ich kann dir nicht versprechen, dass irgendwo auf der Welt nie ein sowjetischer Soldat etwas Böses getan hat. Aber im Augenblick sitze ich vor dir. Und ich sage: Leg die Granate weg.“
„Warum sollte ich Ihnen glauben?“
„Sollst du nicht.“
Matthias war verblüfft. Beinahe fühlte er sich beleidigt. Sein ganzes Leben hatte darauf beruht, dass Erwachsene Glauben verlangten. Der Lehrer, der Führer der Organisation, die Stimme im Radio, der Mann auf der Tribüne, das Plakat, die Zeitung. Selbst der Vater, der mit vielem gestritten hatte, blieb der Vater — man glaubte ihm, weil er der Vater war. Es gab Menschen, die das Recht zu sprechen hatten, und andere, deren Pflicht es war zuzuhören. Dieser Russe schien sich zu weigern, den ihm zugedachten Platz einzunehmen.
„Warum reden Sie dann überhaupt?“
„Damit du eine Wahl hast.“
Matthias lachte kurz auf. Das Lachen zog schmerzhaft durch seinen Rücken.
„Ich habe keine Wahl.“
„Wer sagt das?“
„Deutschland ergibt sich nicht.“
„Ich habe nicht nach Deutschland gefragt. Wer sagt, dass ausgerechnet du heute sterben musst?“
„Alle.“
„‚Alle‘ ist ein bequemer Mensch. Später kann man ihn für nichts zur Verantwortung ziehen.“
Der Satz machte ihn wütender als Spott.
„Der Führer weiß, was er tut.“
„Glaubst du noch, dass Deutschland gewinnt?“
„Ja.“
Das Wort klang leiser, als Matthias wollte. Er hörte es selbst und schämte sich. Vor einem Monat hätte er es ohne Zögern gesagt. Vor einer Woche noch. Doch seit Tagen wichen die Erwachsenen zurück, verbrannten Papiere, nahmen Abzeichen ab, verschwanden nachts. Das Radio sprach weiter von Standhaftigkeit, die Straßen erzählten etwas anderes. Matthias zwang sich, das Kinn zu heben.
„Sieg kann unterschiedlich aussehen.“
„Kann er“, stimmte Andrej zu.
„Sie glauben also, wir haben verloren?“
„Ja.“
„Und Sie freuen sich darüber?“
Andrej antwortete nicht sofort.
„Darüber, dass der Krieg zu Ende geht — ja.“
„Und über Deutschland?“
„Was ist mit Deutschland?“
„Dass Sie es vernichtet haben.“
„Ich sehe kein vernichtetes Deutschland. Ich sehe eine zerstörte Stadt.“
„Das ist dasselbe.“
„Nein.“
Zum ersten Mal lag Festigkeit in der Stimme des Russen. Matthias spürte eine merkwürdige Gereiztheit: Warum weigerte sich der Feind, Deutschland so zu hassen, wie es sich gehörte? Viel einfacher wäre es gewesen, wenn Lebedew gesagt hätte: Ja, wir sind gekommen, um euch zu vernichten. Dann wäre die Welt wieder an ihrem Platz gewesen. Und die Granate hätte wieder einen Sinn gehabt.
„Du bist fünfzehn?“, fragte Andrej.
„Ja.“
„Hast du eine Mutter?“
Matthias schwieg.
„Eine Schwester?“
Er hob ruckartig den Blick.
„Woher wissen Sie das?“
„Weiß ich nicht. Geraten.“
Sofort sah er Lotta vor sich. Zerzauste Zöpfe, Sommersprossen, die Gewohnheit, seine Bücher ohne Erlaubnis zu nehmen. Zum letzten Mal hatte er sie im Keller gesehen, nachdem die Mutter ihn während eines Beschusses beinahe mit Gewalt hinuntergezerrt hatte. Lotta hatte gefragt, ob er wirklich kämpfen werde, und Matthias hatte etwas Feierliches geantwortet. Was, wusste er nicht mehr. Er erinnerte sich nur an ihr Gesicht: Sie hatte ihn nicht stolz, sondern ängstlich angesehen. Die Mutter hatte daneben gestanden und geschwiegen. Warum hatte sie geschwiegen? Bisher hatte er dieses Schweigen für Zustimmung gehalten. Zum ersten Mal fragte er sich nun, ob sie vielleicht einfach Angst gehabt hatte, etwas zu sagen, das nichts mehr ändern konnte.
„Mein Vater ist für Deutschland gefallen“, sagte Matthias.
Er wusste selbst nicht, warum. Der Satz hatte ihm lange als Universalantwort gedient. Wenn ein Gespräch zu weit ging, konnte man dem anderen immer den Tod des Vaters entgegenstellen.
„Wo?“, fragte Lebedew.
„Im Osten.“
Andrej sah beiseite. Matthias bemerkte es.
„Dann muss ich es auch.“
„Warum?“
„Weil sonst sein Tod …“
Er brach ab. Den Satz zu Ende zu sprechen war erschreckender, als die Granate zu halten. Was, wenn sein Vater für einen Irrtum gestorben war? Wenn dieser Krieg keine Verteidigung gewesen war? Wenn ihn dieselben Menschen in den Osten geschickt hatten, die heute vom Sohn dasselbe verlangten? Was blieb dann von den Worten „den Heldentod gestorben“? Nur ein Mann, dem kalt gewesen war, der nach Hause geschrieben hatte und zurückkehren wollte — und dann weit entfernt vom Fluss, vom Haus, vom Klassenzimmer gestorben war? Nein. Matthias spürte den Widerstand in sich beinahe körperlich. Das durfte nicht sein. Der Vater konnte nicht umsonst gestorben sein. Wenn Matthias das zugab, verschwand nicht nur der Sinn des Krieges. Dann verschwand auch der Vater selbst — jenes Bild, das Matthias zwei Jahre lang aufgebaut hatte, damit er die eigene Ohnmacht nicht fühlen musste.
„Sein Tod hängt nicht davon ab, was du jetzt tust“, sagte Andrej leise.
„Sie haben leicht reden.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Andrej sah lange zu Boden.
„Meine Mutter ist wegen der Deutschen gestorben.“
Matthias hob den Kopf.
„Dann müssen Sie mich hassen.“
„Manchmal tue ich das.“
Die Antwort war erschreckender als jede korrekte Güte. Matthias hatte erwartet: „Nein, ich verstehe doch, dass du ein Kind bist.“ Dann hätte er den Russen wegen seiner Schwäche verachten oder ihm einfach nicht glauben können. Doch Lebedew bekannte seinen Hass — und saß trotzdem da, ohne zu schießen.
„Meine Schwester auch“, fügte Andrej hinzu. „Sie war elf.“
„Wo?“
„In Leningrad.“
Matthias kannte den Namen. Er kannte die Karten, die Wehrmachtsberichte, die Erzählungen über die Stadt, die man aushungern müsse, weil ein Sturmangriff zu viele Kräfte kosten würde. Militärische Wörter waren sauber. „Blockade.“ „Festung.“ „Militärische Notwendigkeit.“ Ein elfjähriges Mädchen kam darin nicht vor. Matthias spürte den Drang, sich zu verteidigen.
„Ich war nicht dort.“
„Ich weiß.“
„Und mein Vater vielleicht …“
„Ich weiß nichts über deinen Vater.“
„Warum haben Sie es dann erzählt?“
„Du hast gefragt, warum ich dich nicht töte.“
„Und warum?“
Andrej fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Plötzlich wirkte er älter, als er war.
„Weil ich mir, wenn ich einen fünfzehnjährigen Jungen nur deshalb töte, weil Deutsche meine Familie getötet haben, später erklären müsste, worin ich besser bin als die Menschen, die ich hasse.“
Matthias wollte erwidern: Sie töten doch trotzdem Deutsche. Doch den Unterschied begriff er, noch bevor er den Einwand formulieren konnte. Draußen wurde gekämpft. Dort schossen Bewaffnete aufeinander. Hier konnte er sich nicht mehr bewegen und hielt die Granate nur fest, weil er Angst hatte, am Leben zu bleiben. Er hasste diesen Unterschied. Er nahm ihm den schönen Ausweg.
„Leg die Granate weg“, sagte Andrej.
„Ich ergebe mich nicht.“
„Gut. Dann nenn es nicht Ergebung.“
„Wie denn sonst?“
„Eine Entscheidung, heute nicht zu sterben.“
Matthias sah auf das Metall in seiner Hand. Man hatte ihm beigebracht, Mut bedeute, die Faust zu schließen, wenn man Angst hatte. Nicht zurückzuweichen. Keine Schwäche zu zeigen. Lieber zu sterben, als um Gnade zu bitten. Alle Beispiele für Mut führten in dieselbe Richtung — zur Überwindung der Todesangst. Niemand hatte von der Angst vor dem Leben gesprochen. Und plötzlich verstand Matthias, dass er genau davor Angst hatte. Wenn er überlebte, musste er seine Mutter wiedersehen. Lotta antworten. Erfahren, was aus den Kameraden geworden war. Damit leben, dass er auf Menschen geschossen hatte. Hören, dass Deutschland verloren hatte. Vielleicht erfahren, dass sein Vater nicht an alles geglaubt hatte, woran der Sohn sich gezwungen hatte zu glauben. Der Tod war einfacher. Er hätte Matthias für immer recht behalten lassen. Das Leben konnte das Gegenteil beweisen.
„Ich bin kein Feigling“, flüsterte er.
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Sie denken es alle.“
„Ich denke, du bist verwundet und hast Angst.“
„Ich habe keine Angst.“
Andrej sah ihm direkt in die Augen.
„Warum hältst du dann die Granate fest?“
Matthias öffnete den Mund und fand keine Antwort. Sein Körper gehorchte ihm längst nicht mehr. Die Finger zitterten. Er spürte, dass er weinte, und darüber wurde er so wütend, dass er für einen Augenblick tatsächlich den Splint ziehen wollte — nur damit niemand die Tränen sah. Andrej sagte nichts. Er wandte den Blick nicht ab und kam nicht näher. Er wartete einfach. Nach einigen Sekunden begriff Matthias: Niemand würde diese Entscheidung mehr für ihn treffen. Nicht Becker. Nicht sein Vater. Nicht der Führer. Nicht dieser Russe. Wenn er jetzt starb, wäre es kein Befehl mehr. Es wäre seine eigene Wahl. Und genau deshalb konnte er sie nicht treffen. Seine Finger öffneten sich. Die Granate fiel mit einem leisen metallischen Schlag zu Boden. Alle erstarrten.
„Ich ergebe mich nicht“, wiederholte Matthias beinahe flüsternd.
„Ich habe es gehört.“
Lebedew kam langsam näher und schob die Granate mit dem Stiefel fort. Erst da merkte Matthias, wie erschöpft er war. Die Spannung, die ihn seit Stunden aufrechtgehalten hatte, verschwand. Der Schmerz kehrte sofort zurück — schwer, heiß, erbarmungslos. Er versuchte sich aufzurichten und konnte es nicht. Andrej war neben ihm.
„Sanitäter hierher!“
Matthias wollte ihn wegstoßen, doch sein Arm hob sich nur wenige Zentimeter.
„Fass mich nicht an …“
„Zu spät.“
In einer anderen Lage hätte es wie Spott klingen können. Jetzt lag darin nur Müdigkeit. Das Zimmer verschwamm. Matthias sah noch Goethe auf dem Boden, dann Lebedews Gesicht, und dachte noch, er habe das Buch dem Feind überlassen. Sein letzter Gedanke war weder Erleichterung noch Angst. Nur kindliches Staunen: Er lebte noch. Während der Sanitäter und zwei Soldaten ihn unter dem Balken hervorzogen, kam Matthias mehrmals zu sich und versank wieder in Dunkelheit. Jedes Mal kehrte die Welt in Bruchstücken zurück: eine fremde Hand unter seiner Schulter, ein stechender Schmerz im Kreuz, ein deutsches Schimpfwort, von einem Russen mit grauenhaftem Akzent ausgesprochen, der Geruch von Blut und Kalkstaub. Er wartete auf einen Schlag. Niemand schlug ihn. Er wartete darauf, dass man ihm draußen eine Waffe an den Hinterkopf hielt. Stattdessen schimpfte jemand ungehalten, die Trage solle gefälligst gerade gehalten werden.
Auf der Treppe öffnete Matthias die Augen. Über ihm glitt eine verkohlte Wand vorbei, dann ein Stück Abendhimmel. Plötzlich begriff er, dass sie ihn genau denselben Weg hinuntertrugen, den er wenige Stunden zuvor mit dem Gewehr entlanggerannt war. Auf einem Absatz lagen Hülsen. Seine Hülsen. Ihm wurde übel bei dem Gedanken. Irgendwo hier hatte er auf Menschen geschossen, die ihn jetzt trugen. Er wollte nach dem verwundeten Russen fragen — nach dem Mann am Telegrafenmast —, doch seine Lippen gehorchten kaum. Es kam nur ein heiseres Geräusch heraus.
„Was?“, fragte Lebedew und beugte sich zu ihm hinunter.
Matthias schloss die Augen. Zu fragen hätte bedeutet zuzugeben, dass es ihm nicht gleichgültig war. Draußen traf ihn kalte Luft. Über den Häusern hing Rauch, doch der Himmel wurde bereits ruhig und beinahe frühlingshaft dunkel. Matthias hatte erwartet, eine geplünderte Stadt zu sehen, rasende Soldaten, all das, womit man sie in den Schulungen erschreckt hatte. Er sah einen Sanitätswagen, Soldaten, eine Frau mit weißer Armbinde, einen alten Mann an einer Mauer. Gerade diese gewöhnlichen Einzelheiten reizten ihn stärker als jeder Schrecken. Schrecken hätten alles bestätigt. Bevor sie ihn in den Wagen hoben, beugte Lebedew sich zu ihm.
„Das Buch nehme ich mit. Später bekommst du es zurück.“
Matthias öffnete die Augen.
„Fass es nicht an.“
„Dann müsste ich es unter den Trümmern liegen lassen.“
„Es gehört meinem Vater.“
„Das habe ich verstanden.“
„Sie haben kein Recht dazu.“
Andrej schwieg kurz.
„Vielleicht nicht. Aber vorläufig bewahre ich es auf.“
Matthias wollte widersprechen, doch der Wagen setzte sich ruckend in Bewegung. Der Schmerz verdrängte die Worte. Im Halbschlaf sah er wieder seinen Vater. Nicht den gefallenen Soldaten auf dem Foto, sondern einen lebenden Mann im Hemd zu Hause, der einmal wütend geworden war, weil Matthias eine Seite aus einem Buch gerissen hatte. „Ein fremder Gedanke wird nicht zu deinem Eigentum, nur weil du das Papier in der Hand hältst“, hatte der Vater damals gesagt. Nun hielt ein Russe das Buch. Matthias empfand es als letzte Demütigung. Und zugleich beruhigte ihn etwas daran: Wenn das Buch weiterexistierte, wenn man es zurückgeben konnte, dann musste es irgendein „später“ geben. Über später wollte er nicht nachdenken. Dem Jungen, dem man das Sterben beigebracht hatte, hatte niemand erklärt, was man am Tag danach tun sollte, wenn man sich für das Leben entschieden hatte.
Als Matthias für einen Moment auf dem Verbandsplatz wieder zu sich kam, sprachen ringsum alle schnell Russisch. Die fremde Sprache floss für ihn zu einem einzigen Strom zusammen; er verstand kein Wort. Jemand schnitt sein Hosenbein auf. Kaltes Metall berührte die Haut. Er zuckte zusammen.
„Ruhig, ruhig“, sagte eine fremde Stimme mit starkem Akzent.
Matthias wollte fluchen: Befehlt mir nicht, ruhig zu sein. Doch dazu fehlte ihm die Kraft. Dann kam der Schmerz — hell, beinahe weiß. Er schrie. So laut, dass er in seiner eigenen Stimme ein Kind hörte und sich augenblicklich schämte.
„Schon gut“, sagte Lebedew irgendwo neben ihm auf Deutsch. „Schrei ruhig.“
Diese zwei Worte machten ihn wütender als der Schmerz.
„Tue ich nicht.“
„Schon geschehen.“
Matthias versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm schlecht. Später würde er sich an diese Szene als den ersten Augenblick erinnern, in dem jemand ihm erlaubte, keinem Bild entsprechen zu müssen. Nicht „Sei ein Mann“, nicht „Halt durch“, nicht „Ein deutscher Junge weint nicht“. Einfach: Schrei, wenn es weh tut. Damals konnte er das noch nicht begreifen. Er fürchtete nur, die Russen würden sich an seinen Schrei erinnern. Kurz bevor er wieder in die Narkose glitt, fragte er:
„Der Soldat … am Mast …“
Lebedew beugte sich zu ihm.
„Safonow?“
Zum ersten Mal machte ein Name aus dem Verwundeten einen Menschen.
„Lebt er?“
„Er lebt.“
Matthias schloss die Augen. Die Erleichterung kam schneller, als er sie sich verbieten konnte. Und genau das machte ihm Angst. Wenn es ihn freute, dass der Feind überlebt hatte — verriet er dann schon diejenigen, die auf deutscher Seite gefallen waren? Die Logik war kindlich, aber mächtig. Man hatte ihm beigebracht, Mitgefühl nach Zugehörigkeit zu verteilen: den Eigenen Schmerz, den Fremden höchstens Verachtung. Nun hatte das Mitgefühl die Grenze ganz von selbst überschritten, ohne um Erlaubnis zu fragen. Mit diesem Verstoß schlief Matthias ein. Im Sanitätswagen war es dunkel. Neben ihm stöhnte jemand schwer, und Matthias hielt ihn zunächst für einen Russen. Dann hörte er auf Deutsch „Mama“ und begriff, dass der Verwundete ganz in seiner Nähe lag, vielleicht in einer Uniform wie seiner. Er versuchte den Kopf zu drehen, doch Gurte hielten seine Schultern fest.
„Wo sind wir?“, fragte er auf Deutsch.
Niemand antwortete. Der Wagen rumpelte durch einen Granattrichter. Der Schmerz schoss durch seinen Rücken. Matthias biss sich auf die Lippe, um nicht zu schreien. Seit seiner Kindheit hatte man ihm beigebracht, Schmerzen schweigend zu ertragen. Im Lager hatten die Jungen über denjenigen gelacht, der auf einem Marsch als Erster um eine Pause bat. Becker hatte gesagt, der Körper müsse dem Willen gehorchen. Nun gehorchte der Körper nicht. Und das war kein moralisches Versagen, sondern schlicht eine Tatsache. Zum ersten Mal empfand Matthias ein schwaches, beinahe beschämendes Mitgefühl mit sich selbst. Kein Selbstmitleid — das hätte er verachtet. Eher Verwunderung: Warum hatte er von einem fünfzehnjährigen Körper überhaupt verlangt, sich so zu verhalten, als müsse er einer fremden Legende entsprechen? Als der Wagen anhielt, wurde die Tür aufgerissen. Licht traf ihn in die Augen. Jemand fragte nach seinem Alter. Lebedew antwortete: fünfzehn. Matthias wollte rufen, dass das Alter nichts bedeute. Er war Soldat. Er hatte gekämpft. Er war für eine Stellung verantwortlich gewesen. Doch er sagte nichts. Das Wort „fünfzehn“ klang plötzlich nicht wie eine Beleidigung, sondern wie eine Zahl, die viel zu vieles erklärte.
Sie trugen ihn hinein. Kurz bevor er erneut das Bewusstsein verlor, sah er, dass Lebedew nebenherging und den Goethe-Band unter dem Arm trug. Sein Vater hätte sich vermutlich über den Staub auf dem Einband geärgert. Dieser absurde Gedanke war sein letzter.
Kapitel 3. Der Gefangene
Matthias kam in einem Klassenzimmer zu sich. Er erkannte es an der Tafel. Unter grauen Schlieren zeichneten sich noch Reste deutscher Wörter ab; daneben hatte jemand mit Kreide ein Schema zur Verbkonjugation begonnen, und über der Tür hing ein Metallhaken, an dem früher vermutlich das Schild mit der Klassennummer befestigt gewesen war. Jetzt standen Feldbetten an den Wänden, auf dem Lehrerpult lagen Verbände und Instrumente, und statt nach Kreide und nassen Mänteln roch der Raum nach Karbol, Blut, Rauch und feuchter Wolle. Der erste Gedanke war sofort da: Gefangenschaft. Der zweite: die Beine. Er versuchte sich zu bewegen. Der rechte Fuß reagierte, der linke kaum. Matthias hielt inne und versuchte es noch einmal. Die Zehen bewegten sich. Das Knie nicht. Panik erfasste ihn so heftig, dass er für einige Sekunden weder an die Russen noch an Deutschland dachte. Sterben war einfach gewesen. Eine Bewegung, ein Blitz, Ende. Wie man als Mensch weiterlebt, der nie wieder gehen kann, konnte er sich nicht vorstellen. Er riss sich stärker zusammen. Der Schmerz zog vom Kreuz in die Seite, vor seinen Augen wurde es dunkel.
„Liegen bleiben!“
Die Stimme gehörte einer Frau. Eine Frau in Uniform trat an sein Bett. Das helle Haar steckte unter einem Kopftuch, die Ärmel waren hochgekrempelt, die Haut ihrer Hände vom kalten Wasser gerötet. Matthias spannte sich sofort an. Die Frau kontrollierte seinen Verband, sagte etwas auf Russisch zu einem anderen Sanitäter — er verstand kein Wort — und zeigte dann auf einen Becher.
„Wasser?“
Ihr Akzent war so stark, dass das Wort beinahe komisch klang. Matthias wandte sich ab. Von den Russen würde er kein Wasser nehmen. Der Gedanke verschaffte ihm eine unerwartete Erleichterung: Solange er noch ablehnen konnte, hatte er wenigstens über irgendetwas Macht. Die Frau versuchte nicht, ihn zu überreden. Sie zuckte mit den Schultern, stellte den Becher auf den Hocker und ging zu einem anderen Verwundeten.
Zehn Minuten später hatte Matthias alles bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken. Heimlich, obwohl er genau wusste, dass niemand ihn beobachtete. Das Wasser war lauwarm und schmeckte nach Metall. Nie hatte er etwas Köstlicheres getrunken. Danach schämte er sich. Nicht wegen des Durstes. Sondern weil er Gift im Wasser erwartet hatte, Spott, die Forderung nach Dankbarkeit. Nichts davon geschah. Die Frau bemerkte den leeren Becher nicht einmal, bis sie wiederkam, um den Verband zu wechseln.
„Noch?“, fragte sie und deutete auf das Wasser.
Nach kurzem innerem Kampf nickte Matthias. Das war seine zweite Niederlage an diesem Tag. Lebedew erschien gegen Abend. Er setzte sich auf die Fensterbank, als wären nach dem Unterricht nur zwei Schüler im Klassenzimmer geblieben und nicht ein sowjetischer Soldat und ein deutscher Gefangener.
„Du lebst.“
„Sehe ich.“
„Schon mal nicht schlecht.“
„Für wen?“
Andrej seufzte.
„Es geht wieder los.“
Matthias hasste diese ruhige Art. Er wollte einen Sieger sehen: selbstzufrieden, grausam, triumphierend. Er wollte einen Beweis dafür, dass man ihnen alles richtig erzählt hatte. Doch Lebedew sah nur müde aus. Bläuliche Schatten unter den Augen, die Uniform schmutzig, das Handgelenk verbunden. Er wirkte nicht wie ein Mann, dem soeben eine glänzende neue Welt zugefallen war. Eher wie jemand, der sehr lange gegangen war und noch nicht wusste, ob er schon stehen bleiben durfte.
„Wo bin ich?“
„Auf einem Verbandsplatz. Früher war das eine Schule. Der Arzt hat dich untersucht.“
Matthias spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Die Beine?“
„Die Wirbelsäule ist nicht durchtrennt. Ein Splitter und eine schwere Prellung. Die Schwellung drückt auf die Nerven. Der Arzt sagt, die Chancen stehen gut, dass du wieder normal laufen kannst.“
Matthias brauchte einen Moment, um die Worte zu begreifen.
„Gut?“
„Das heißt mehr als fünfzig Prozent, falls du eine genaue Zahl brauchst.“
„Ist er ein deutscher Arzt?“
„Ein sowjetischer.“
Matthias schwieg.
„Sie behandeln mich?“
„Wie du siehst.“
„Warum?“
Andrej sah zu den benachbarten Betten. Dort lagen sowjetische Verwundete, zwei deutsche Soldaten und ein älterer Zivilist mit verbundenem Kopf. Ein Russe schlief und stöhnte leise. Ein anderer saß da und versuchte mit der linken Hand Brei zu essen, weil der rechte Arm an die Brust gebunden war.
„Weil du verwundet bist.“
„Ich bin der Feind.“
„Ein Verwundeter ist zuerst ein Verwundeter. Feind kommt später.“
Matthias hielt das für einen schönen Satz, den man für Verhöre gelernt hatte. Vielleicht arbeitete man so mit Gefangenen: Güte zeigen, den Widerstand brechen, sie zum Reden bringen. Er begann zu beobachten. Stundenlang fragte ihn niemand nach seiner Stellung, seinen Kameraden oder Befehlen. Die Frau mit dem Kopftuch — Andrej nannte sie Anna — wechselte die Verbände bei Russen und Deutschen mit derselben Sachlichkeit. Als der ältere Deutsche Wasser verlangte, brachte sie welches. Als ein sowjetischer Verwundeter vor Schmerzen fluchte, fuhr sie ihn genauso an wie Matthias, als er aufzustehen versucht hatte. Am meisten ärgerte ihn das Fehlen jeder Siegespose. Er hatte erwartet, dass die Sieger seine Hilflosigkeit genossen. Dafür waren sie viel zu beschäftigt. Der Soldat gegenüber, der mit dem Verband an der Schläfe, bemerkte, dass Matthias auf das Brot sah. Er brach die Hälfte ab und hielt sie ihm hin. Matthias wandte den Kopf weg.
Eine Minute später lag das Brot noch immer am Rand seines Bettes.
„Weiß er, wer ich bin?“, fragte Matthias Andrej.
„Natürlich.“
„Warum dann?“
„Vielleicht teilt er einfach sein Brot.“
Das Wort „vielleicht“ ärgerte ihn wieder. In der alten Welt hatte alles genau eine Ursache. Ein Russe handelt so, weil er Russe ist. Ein Deutscher, weil er Deutscher ist. Ein Held, weil er mutig ist. Ein Feigling, weil er schwach ist. Ein Jude, weil … Matthias brach den Gedanken ab. Noch nie war ihm aufgefallen, wie bequem es war, einen Menschen mit einem einzigen Wort erklären zu können. „Vielleicht“ ließ die Grenzen verschwimmen. Es ließ zu viel Luft hinein. Gegen Abend aß Matthias das Brot schließlich doch. Nicht aus Dankbarkeit, sagte er sich. Aus Hunger.
In der Nacht schlief er fast gar nicht. Sein Rücken schmerzte. Jemand schrie im Schlaf. Draußen fuhren Fahrzeuge vorbei, hin und wieder waren Schüsse zu hören. Matthias lag wach und dachte an die Granate. Nicht daran, dass er beinahe gestorben wäre. Daran, dass er sie selbst losgelassen hatte. Das beunruhigte ihn mehr. Hätte Lebedew sie ihm aus der Hand geschlagen oder wäre Matthias vorher bewusstlos geworden, hätte er sagen können: Sie haben mich daran gehindert, meine Pflicht zu erfüllen. Aber er selbst hatte die Finger geöffnet. Warum? Angst? Dann war es Feigheit. Oder war es dem Russen gelungen, ihn zu täuschen? Diese Version gefiel ihm besser. Matthias überzeugte sich beinahe davon, auf einen psychologischen Trick hereingefallen zu sein. Dann erinnerte er sich daran, dass Lebedew mehrmals gesagt hatte: Glaub mir nicht. Ein Betrüger, der einen aufforderte, ihm nicht zu glauben, war unbequem.
Am Morgen prüfte der Arzt die Empfindlichkeit in seinen Beinen. Er stach mit einer Nadel in den Fuß und fragte über Andrej, ob Matthias etwas spüre.

