
Полная версия:
Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang Goethe: Reclam Lektüreschlüssel XL

Johann Wolfgang Goethe
Iphigenie auf Tauris
Lektüreschlüssel XL
für Schülerinnen und Schüler
Von Mario Leis und Marisa Quilitz
Reclam
Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:
Johann Wolfgang Goethe: Iphigenie auf Tauris. Hrsg. von Max Kämper. Stuttgart: Reclam, 2017 [u. ö.]. (Reclam XL. Text und Kontext, Nr. 19019.)
Diese Ausgabe des Werktextes ist seiten- und zeilengleich mit der in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 83.
E-Book-Ausgaben finden Sie auf unserer Website
unter www.reclam.de/e-book
Lektüreschlüssel XL | Nr. 15493
2018 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2018
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961407-6
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015493-9
www.reclam.de
1. Schnelleinstieg

Am 29. April 1890 schrieb Theodor Fontane über Johann Wolfgang von Goethes Schauspiel Iphigenie auf Tauris Folgendes: »Wer mir sagt: ›Ich war gestern in Iphigenie, welch Hochgenuß‹, der lügt oder ist ein Schaf und Nachplapperer.«1
Doch man kann – auch bei berechtigter Kritik an Goethes Schauspiel – dem großen Fontane sehr wohl widersprechen. Die Lektüre oder Aufführung der Iphigenie auf Tauris kann auch heute ein ästhetischer »Hochgenuß« sein, und das Drama vermag auch durch seine moralische und völkerrechtliche Aktualität zu überzeugen.
Iphigenie auf Tauris ist zwar in der Von der Antike bis ins 21. JahrhundertAntike angesiedelt, bezieht sich aber auch auf die Klassische Literaturepoche Deutschlands und berührt seine Leser auch noch im 21. Jahrhundert, weil das Stück genügend dramaturgisches Potenzial besitzt.
Im Mittelpunkt des Dramas steht die Griechin Zentralfigur IphigenieIphigenie, die notgedrungen in der Fremde, auf der Insel Tauris, als Priesterin dient. Sie sehnt sich nach ihrer Heimat, aber der König der Taurer, Thoas, hält um ihre Hand an, sie lehnt ab, deshalb führt er aus Rache wieder Menschenopfer ein: Jeder Fremde, der Tauris betritt, soll von der Priesterin geopfert werden. Prompt tauchen zwei Ausländer auf der Insel auf, die Griechen Orest und Pylades. Orest ist Iphigenies Bruder und er wird von den Rachegöttinnen verfolgt, weil er seine Mutter Klytemnestra getötet hat, um ihren Mord an seinem Vater Agamemnon zu rächen. Iphigenie müsste also ihren eigenen Bruder töten und seinen Freund, ein furchtbares Dilemma für sie, auch weil Thoas kategorisch Gehorsam von ihr einfordert. Der listige Pylades möchte Thoas betrügen, um Iphigenie, sich und seinen Freund Orest, der fast schon wahnsinnig geworden ist, zu retten.

Abb. 1: Orestes wird von Furien gehetzt. Ölgemälde von William-Adolphe Bouguereau, 1862
Iphigenie schwankt zwischen der Lüge – dem geplanten Fluchtversuch – und der Wahrheit; schließlich entscheidet sie sich für die »Iphigenie entscheidet sich für die WahrheitWahrheit« (V. 1919) und beichtet Thoas den Fluchtplan. Er, der »rohe Scythe, der Barbar«, vernimmt ihre »Stimme / Der Wahrheit und der Menschlichkeit« (V. 1937 f.) und schenkt ihr, Orest und Pylades die Freiheit. Dieses gewaltfreie Ende ist erstaunlich, aber passt zu Goethes Sicht: »Darum verzichtete er völlig auf die überlieferten Strafmechanismen mythischer Mächte in Gestalt der Furien. […] Sein herausforderndes Vertrauen in die ethische Verantwortung jedes einzelnen ermöglichte es ihm, die Tragödie göttlicher Schicksalsfügungen umzuwandeln in ein dramatisches Exempel gelingender Humanität.«2 Hier handelt es sich indes um eine humanistische Utopie, die zwar erstrebenswert ist, aber windschief zur Wirklichkeit steht.
Das brachte 1980 der Literaturkritiker Hellmuth Karasek pointiert auf den Punkt: »Denn das Stück, das mit seinen makellos schönen Versen zum Deklamieren einlädt, ist eine Mischung aus klassizistischer Griechenbegeisterung und dem Goetheschen Goethes »Kavaliersglauben«Kavaliersglauben, wilde Männer würden durch zarte Frauenworte gezähmt, die ihnen mit edler Sanftmut die krause Stirne glätten, sie sogar manchmal das blutdurstige Schwert aus der Hand legen lassen.«3
2. Inhaltsangabe
Das Schauspiel Iphigenie auf Tauris besteht aus fünf Aufzügen (Akten).
Erster Aufzug
1. Auftritt: Iphigenie betritt den Schauplatz der gesamten Handlung, den Hain vor dem Tempel der Göttin Diana. Sie beschreibt ihr Schicksal als »zweiten Tod[ ]« (V. 53), weil sie ihre griechische Heimat und ihre Familie schmerzlich vermisst: »Das Land der Griechen mit der Seele suchend« (V. 12). Außerdem erfüllt sie ihren Dienst als Priesterin bei dem Taurerkönig Thoas nur mit »stillem Widerwillen« (V. 36), aber pflichtbewusst.
Sie beklagt auch den »Zustand« (V. 24) der Unterdrückte FrauenFrauen: Sie müssen ihr Leben den Männern unterordnen, die wiederum können sich beweisen und Ehre einheimsen: »Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann / Und in der Fremde weiß er sich zu helfen. / Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg« (V. 25–27).
Iphigenie bittet am Ende des Auftritts ihre Gönnerin Diana um Hilfe: »Und rette mich, die du vom Tod errettet, / Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode.« (V. 52 f.)
2. Auftritt: Thoas, der seinen letzten Sohn im Krieg verloren und ihn inzwischen gerächt hat, fürchtet um seine Erbfolge, deshalb schickt er Arkas, seinen Vertrauten, zu Iphigenie, um seinen Thoas’ HeiratswunschHeiratswunsch vorzutragen.
Außerdem bittet Arkas sie, ihre Identität, die sie bisher verheimlicht hat, zu Iphigenie soll ihre Abstammung offenbarenoffenbaren; doch Iphigenie verschweigt ihre Herkunft aus der fluchbeladenen Familie des Tantalos. Arkas’ Werbung im Dienst des Thoas lehnt sie ab, nicht nur wegen des bedrohlichen Familienfluches, sondern auch, weil sie ihr »Frauenschicksal« (V. 116) als ein »unnütz Leben« (V. 115) bezeichnet. Arkas wirft ihr auch ihre Verschlossenheit vor: »Noch bedeckt / Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes; / Vergebens harren wir schon Jahre lang / Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust.« (V. 66–69)
Iphigenie lehnt das Iphigenie lehnt eine Heirat trotz Drohung abHeiratsangebot ab, obwohl Arkas hervorhebt, wie segensreich ihr Wirken für die Taurer ist. So hat sie zum Beispiel den Brauch abgeschafft, jeden Fremden, der die Insel betritt, Diana zu opfern. Arkas setzt Iphigenie schließlich weiter unter Druck und droht, dass Thoas den Opferritus wieder einführen könnte; sie indes bleibt standhaft.
3. Auftritt: Thoas hält, wie von Arkas angekündigt, nun persönlich um Iphigenies Hand an; sie weicht aber aus: »Der Unbekannten bietest du zu viel« (V. 251).
Schließlich drängt Thoas sie, ihre Abstammung offenzulegen; und in der Hoffnung, dass er durch die Preisgabe ihrer fluchbeladenen Familiengeschichte abgeschreckt werde, Iphigenie offenbart ihre Abstammungoffenbart sie dem König ausführlich ihre wahre Identität: »Vernimm! Ich bin aus Tantalus’ Geschlecht.« (V. 306)
Doch Thoas lässt sich durch den grausamen Fluch, der auf ihr lastet, nicht abschrecken – er wiederholt sogar seinen Heiratsantrag. Iphigenie entgegnet, die Ehe sei ihr nicht möglich, denn nur Diana, ihre Retterin, habe das »Recht auf […] geweihtes Leben« (V. 439).
Der enttäuschte Thoas reagiert auf die Absage trotzig: Er befiehlt, die Thoas führt das Opferritual wieder einMenschenopfer wieder einzuführen. Zwei Fremde, die zuvor »in des Ufers Höhlen« (V. 532) festgenommen wurden, soll Iphigenie Diana opfern: »Mit diesen nehme deine Göttin wieder / Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer! / Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst.« (V. 535–537)
4. Auftritt: Iphigenie wendet sich mit einem Gebet an Diana; sie bittet die Göttin, die beiden Fremden und auch sie selbst zu verschonen: »O enthalte vom Blut meine Hände! / Nimmer bringt es Segen und Ruhe« (V. 549 f.). Ihre Hoffnung gründet auf der Überzeugung, dass die Götter den Menschen wohlwollend gesinnt seien: »Denn die Unsterblichen lieben der Menschen / Weit verbreitete gute Geschlechter« (V. 554 f.).
Zweiter Aufzug
1. Auftritt: Orest und Pylades, die beiden Fremden, diskutieren ihre prekäre Lage, den möglichen Opfertod und die Flucht. Obendrein erfährt der Leser, dass Orest der Bruder Iphigenies und Pylades sein Freund ist.
Orest, den quälende Schuldgefühle plagen und der sich von Rachegöttinnen verfolgt glaubt, weil er die Ermordung seines Vaters Agamemnon gerächt und deshalb dessen Mörderin, seine Mutter, getötet hat, gibt sich seinem Schicksal hin: Er ist bereit, in Tauris als »Opfertier« (V. 577) zu Orests Todeswunschsterben.
Pylades dagegen ist davon überzeugt, durch Der listenreiche und optimistische Pyladeslistiges Verhalten gemeinsam mit dem Freund fliehen zu können. Optimistisch stimmt ihn auch das Orakel, das Rettung in Aussicht stellt, wenn das Bildnis der Diana von Tauris nach Delphi gebracht werde: »So wird für diese Tat das hohe Paar / Dir gnädig sein, sie werden aus der Hand / Der Unterird’schen dich erretten.« (V. 725–727)
Außerdem hofft Pylades, Iphigenie für seine Zwecke benutzen zu können: »Wohl uns, dass es ein Weib ist! […] / Allein ein Weib bleibt stät auf Einem Sinn, / Den sie gefasst. Du rechnest sicherer / Auf sie im Guten wie im Bösen.« (V. 786–793)
2. Auftritt: Iphigenie nimmt Pylades, den sie sofort als Griechen, als Landsmann, identifiziert, die Fesseln ab. Pylades Pylades täuscht die Priesterinbelügt Iphigenie, er behauptet, dass er und Orest Brüder seien, Cephalus und Laodamas. Lediglich der Hinweis, dass auf seinem Bruder eine Blutschuld laste, entspricht der Wahrheit; allerdings sei Orest nicht für einen Mutter-, sondern für einen Brudermord verantwortlich. Pylades bleibt aber auch seinerseits über die wahre Identität Iphigenies im Unklaren, da sie sich nur als »Priesterin« (V. 815) bezeichnet. Von Pylades erfährt Iphigenie, dass Troja gefallen ist und ihre eigene Mutter ihren Gatten getötet hat: »Klytemnestra hat / Mit Hülf Ägisthens den Gemahl berückt, / Am Tage seiner Rückkehr ihn ermordet! –« (V. 880–882)
Iphigenie verhüllt vor Schmerz ihr Angesicht und Pylades hofft, sie könne ihm und Orest helfen: »Und lass dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt, / Mit frohem Mut uns klug entgegen steuern.« (V. 924 f.)
Dritter Aufzug
1. Auftritt: Iphigenie trifft Orest, den sie ebenfalls von den Ketten befreit. Sie weiß noch nicht, dass der Gefangene ihr Bruder ist. Orest berichtet ihr vom Mord an Agamemnon und über ihre Geschwister Elektra und Orest: »Sie leben.« (V. 982) Ihr Bruder schildert Iphigenie auch den Mord an Klytemnestra: »Hier drang sie [Elektra] jenen alten Dolch ihm auf, / Der schon in Tantals Hause grimmig wütete, / Und Klytemnestra fiel durch Sohnes-Hand.« (V. 1036–1038)
Als er schließlich erregt schildert, wie ihn die Furien verfolgen, und Iphigenie dies in Zusammenhang mit dem vermeintlichen Brudermord bringt, entschließt sich Orest, die Orest lüftet sein Geheimnis: »Ich bin Orest!«Wahrheit zu sagen: »Ich kann nicht leiden, dass du große Seele / Mit einem falschen Wort betrogen werdest« (V. 1076 f.), und gibt sich als Orest zu erkennen. Iphigenie ist überglücklich und dankt den Göttern dafür.
Orest dagegen hadert nach wie vor mit seinem Schicksal; er sehnt den Orests TodeswunschTod herbei: »Durch Rauch und Qualm seh ich den matten Schein / Des Totenflusses mir zur Hölle leuchten.« (V. 1142 f.) Iphigenie möchte ihm helfen, sie könne schließlich die »Götter vom Olympus rufen« (V. 1167), aber er schenkt ihr keinen Glauben und vermutet, sie sei eine »Rachegöttin« (V. 1169).
Nun muss die Priesterin ihre Identität Iphigenie gibt sich zu erkennenoffenbaren: »Orest, ich bin’s! sieh Iphigenien!« (V. 1173) Orest indes vertraut Iphigenie nicht: »Ich traue dir und deinem Schmeicheln nicht.« (V. 1202) Er steigert sich mehr und mehr in seinen Wahn hinein, schließlich sinkt er ohnmächtig zusammen. Iphigenie begibt sich sofort auf die Suche nach Pylades, um seine Hilfe zu erbitten.
2. Auftritt: Orest erwacht aus seiner Ohnmacht und denkt, er sei tot. Er beschreibt eine Orests UnterweltvisionUnterweltvision, in der ihm seine toten Familienmitglieder – bis auf Tantalos – in Harmonie vereint erscheinen, auch die von ihm getötete Mutter Klytemnestra. Die Aufhebung des Fluches scheint, so suggeriert es die Vision, nur im Tode möglich.
3. Auftritt: Als Iphigenie und Pylades eintreffen, glaubt Orest immer noch, er sei im Totenreich: »Seid ihr auch schon herabgekommen?« (V. 1310)
Die Priesterin fleht Apoll und Diana an, ihren Bruder von seinen Orest erwacht aus seinem HeilschlafWahnvorstellungen zu erlösen: »O lass den einz’gen spätgefundnen mir / Nicht in der Finsternis des Wahnsinns rasen!« (V. 1325 f.), und Pylades appelliert an die Vernunft und sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit Orests: »Fühlst du den Arm des Freundes und der Schwester, / Die dich noch fest, noch lebend halten?« (V. 1334 f.)
Doch plötzlich, wie von Zauberhand, »löset sich der Fluch« (V. 1358); Orest ist von den Rachegöttinnen befreit, nun strebt er nach »Lebensfreud und großer Tat« (V. 1364). Pylades drängt pragmatisch auf »schnellen Rat und Schluss« (V. 1368), um aus der Gefangenschaft zu flüchten.
Vierter Aufzug
1. Auftritt: Iphigenie dankt den Göttern in einem Monolog für ihre Hilfe. Pylades mobilisiert unterdessen das Schiff, mit dem die Griechen in Tauris angelangt sind, damit er, Iphigenie und Orest fliehen können.
Doch schnell wird der Priesterin bewusst, dass sie, auf den eindringlichen Rat des Pylades, lügen soll: »O weh der Lüge! Sie befreiet nicht, / Wie jedes andre Iphigenie und die Wahrheitwahrgesprochne Wort, / Die Brust« (V. 1405–1407). Als Arkas, der Bote des Königs, sich nähert, um das Menschenopfer einzufordern, befindet sie sich in einem moralischen Dilemma, da sie Arkas nur ungern belügen möchte.
2. Auftritt: Zunächst aber verhält sich Iphigenie so, wie sie es mit Pylades abgesprochen hat. Sie erfindet vermeintliche Hindernisse, welche die Opferung verzögert hätten.
Arkas erinnert sie daran, dass sie die Menschenopfer verhindern könne, wenn sie die Thoas’ HeiratsangebotWerbung des Königs annehmen würde. Sie aber schiebt die Götter vor: »Ich hab es in der Götter Hand gelegt.« (V. 1462) Dieses vermeintliche Ausweichmanöver akzeptiert Arkas nicht: »Ich sage dir, es liegt in deiner Hand.« (V. 1465) Iphigenie aber lässt sich nicht umstimmen.
3. Auftritt: Arkas’ eindringliche Worte bleiben nicht ohne Wirkung auf Iphigenie: »Von dieses Mannes Rede fühl ich mir / Zur ungelegnen Zeit das Herz im Busen / Auf einmal umgewendet. Ich erschrecke! –« (V. 1503–1505). Ihr wird bewusst, dass sie Pylades’ Plan nicht ausführen kann, weil sie das Volk der Taurer, das sie edelmütig behandelt hat, nicht betrügen darf: »Doppelt wird mir der Betrug / Verhasst.« (V. 1525 f.)
4. Auftritt: Pylades taucht wieder auf und berichtet Iphigenie von der möglichen Rettung; nun möchte der listenreiche Freund das Bildnis Dianas aus dem Heiligtum rauben. Iphigenie zögert und behauptet, dass Arkas jeden Augenblick kommen könne. Pylades aber will verhindern, dass dieser den Tempel betritt.
Plötzlich fällt ihm auf, dass »[e]in stiller Trauerzug die freie Stirne« (V. 1634) Iphigenies überschattet. Pylades versucht, sie zu überzeugen, List und Betrug seien die einzigen Mittel, um sich zu retten. Er setzt Iphigenie massiv unter Druck und macht ihr Vorwürfe: »Man sieht, du bist nicht an Verlust gewohnt, / Da du dem großen Übel zu entgehen / Ein falsches Wort nicht einmal opfern willst.« (V. 1674–1676) Während ihre Iphigenie zaudertEntscheidung noch in der Schwebe hängt, begibt sich Pylades auf den Weg, um seine Pläne zu vollenden, in der Hoffnung, dass Iphigenie lügen werde.
5. Auftritt: Die Priesterin denkt über ihre verzweifelte Lage nach: Würde sie den Plan des Pylades umsetzen, so wären die drei Griechen zwar gerettet, aber Iphigenie würde sich gegenüber den Taurern schuldig machen und den Fluch, der auf ihrer Familie lastet, fortsetzen. Sie hofft schon – seit sie auf Tauris lebt – den Fluch zu bannen: »Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen / Die schwer befleckte Wohnung zu entsühnen.« (V. 1701 f.)
Hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Möglichkeiten erinnert sie sich an das »»Lied der Parcen«Lied der Parcen« (V. 1720), das sie schon als junges Mädchen kannte; es zeichnet ein schreckliches Götterbild: »Es fürchte die Götter / Das Menschengeschlecht!« (V. 1726 f.) Das Lied erzählt, wie der König Tantalus – Iphigenies Ahnherr – von Zeus und den olympischen Göttern in die Unterwelt gestoßen und das alte Göttergeschlecht der Titanen somit ausgelöscht wurde. Iphigenie indes vertraut den Olympiern, sie ist davon überzeugt, dass sie den Menschen wohlgesinnt sind, deshalb bitte sie die Götter um Hilfe: »Rettet mich, / Und rettet euer Bild in meiner Seele!« (V. 1716 f.)
Fünfter Aufzug
1. Auftritt: Arkas berichtet Thoas von seinem Argwohn, den er gegenüber den Gefangenen und Iphigenie hegt. Zudem geht das Gerücht um, das Schiff der Gefangenen läge abfahrbereit in der Bucht. Deshalb befiehlt der König, die Fremden gefangen zu nehmen, den Hain der Göttin zu bewachen und Iphigenie herbeizubringen.
2. Auftritt: Thoas ist über das Verhalten Iphigenies enttäuscht: »Entsetzlich wechselt mir der Grimm im Busen; / Erst gegen sie, die ich so heilig hielt« (V. 1783 f.). Er bedauert, dass er zu gütig war und sie nun »List und Trug« (V. 1802) einsetze.
3. Auftritt: Iphigenie und Thoas führen einen langen Disput. Der König ist misstrauisch, weil die Priesterin die Opferung verzögert. Sie wirft ihm sein grausames Verhalten vor: »Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke« (V. 1816). Thoas begründet sein Verhalten damit, dass »[e]in alt Gesetz« (V. 1831) ihm sein Handeln vorschreibe, und will sich so aus der Verantwortung stehlen. Auch Iphigenie bezieht sich auf die Götterwelt in der Person Dianas, die Thoas und ihr angeblich die »Frist« (V. 1808) gewährt habe, die Wiedereinführung des Opferrituals zu überdenken.
Im Verlauf der Auseinandersetzung ringt sich die Priesterin zur Iphigenie entscheidet sich für die WahrheitWahrheit durch: Sie erzählt Thoas vom geplanten Betrug (vgl. V. 1919–1936) und erhebt sich damit über die taktisch angelegte Diskussion und die grausame Götterwelt des Parzenliedes.
Damit Die Priesterin untermauert ihre Freiheitrebelliert sie aber auch gegen die dominante Männerwelt: »Ich bin so frei geboren als ein Mann.« (V. 1858) Sie möchte wie die Männer tatkräftig sein: »Hat denn zur unerhörten Tat der Mann / Allein das Recht?« (V. 1892 f.) Iphigenie bittet Thoas um »Gnade« (V. 1983), der aber ist voller »Zorn« (V. 1981) gegenüber ihren Worten.
4. Auftritt: Orest tritt mit Waffen auf, er und seine Mitstreiter wurden von den Taurern entdeckt und sind im Begriff, sich gegen die Feinde zu wehren. Auch Thoas greift zum Schwert, doch Iphigenie gebietet Einhalt, weil das Heiligtum der Diana nicht durch Mord entheiligt werden dürfe. Sie gesteht ihrem Bruder, dass sie die Fluchtpläne ihrem »zweite[n] Vater« (V. 2004) Thoas verraten habe: »Gestanden hab ich euern Anschlag / Und meine Seele vom Verrat gerettet.« (V. 2007 f.) Orest möchte von ihr wissen, ob der König ihnen die Freiheit geschenkt habe, sie bittet ihn aber vorher, das Schwert einzustecken.
5. Auftritt: Arkas und Pylades treten mit ihren Schwertern auf. Thoas bietet einen Waffenstillstand an: »Gebiete Stillstand meinem Volke! Keiner / Beschädige den Feind, so lang wir reden.« (V. 2022 f.) Orest nimmt ihn an.
6. Auftritt: Thoas verlangt Beweise, um zu belegen, Orest sei wirklich der Sohn Agamemnons. Orest präsentiert das Schwert seines Vaters, mit ihm möchte er im Kampf gegen den besten Taurer beweisen, dass er Agamemnons Sohn ist. Thoas selbst will den Kampf aufnehmen, doch Iphigenie gebietet kategorisch Einhalt: »Mit nichten! Dieses blutigen Beweises / Bedarf es nicht, o König!« (V. 2064 f.) Sie will Orests Identität durch zwei körperliche Besonderheiten beweisen: ein Hautmal »an seiner rechten Hand« (V. 2082) und eine »Schramme« (V. 2087) zwischen einer »Augenbraue« (V. 2088).
Noch aber stört Thoas der Raub des heiligen »Bild[es] der Göttin« (V. 2100): »Friede seh ich nicht.« (V. 2098) Orest klärt schließlich den Raub als ein Missverständnis (V. 2108–2117) auf, als eine falsche Auslegung des Orakels: Mit der »Schwester« (V. 2113), die von Tauris nach Griechenland gebracht werden sollte, ist nicht das Bildnis der Diana, der Schwester Apollons, gemeint, sondern die Schwester des Bittstellers Orest. Schließlich lässt Aufklärung des OrakelsThoas: »So geht!«Thoas die drei mit den Worten »Lebt wohl!« (V. 2174) in ihre Heimat ziehen.
3. Figuren

Abb. 2: Figurenkonstellation4
Das Personenverzeichnis, das vor dem Schauspiel steht, charakterisiert die Figuren nicht, ordnet sie aber nach ihrer Bedeutung im Stück hierarchisch an:
IPHIGENIE
THOAS, König der Taurier
OREST
PYLADES
ARKAS
Die Figurenkonstellation in Iphigenie auf Tauris ist Symmetrische Figurenanordnungsymmetrisch. Im Mittelpunkt der Handlung steht Iphigenie; Orest und sein Vertrauter Pylades, Thoas und Arkas flankieren die Priesterin paarweise. Durch die symmetrische Anordnung der Figuren erfüllt Goethe das klassische Gebot nach Harmonie, Klarheit und Ordnung.
Die Dramaturgie zwischen den Figuren entwickelt sich in zwei Zwei KonfliktsphärenKonfliktsphären, die sich überschneiden und gegenseitig Impulse geben: der Auseinandersetzung zwischen Iphigenie und Thoas und der Orest-Handlung.
Iphigenie zeichnet sich durch ihr Streben nach Wahrheit und Humanität aus, Orest und Thoas lassen sich darin von ihr belehren: ihr Bruder durch die Lösung von seiner Schuldverstrickung und Orest und Thoas lernen HumanitätThoas, was sein menschliches Verhalten angeht.
Arkas und Pylades = taktische BeraterArkas und Pylades, die auch symmetrisch einander zugeordnet sind, fungieren als pragmatisch-taktische Berater von Thoas und Orest, ihnen bleibt der Bereich reinen sittlichen Verhaltens im Schauspiel verwehrt, grundsätzlich sind sie, denkt man an die utopisch-humane Botschaft Iphigenies, aber auch für die sittliche Sphäre empfänglich. Arkas und Pylades haben keine Beziehung zueinander, sie treten nur in einem Auftritt (V.5) gemeinsam auf, reden aber nicht miteinander.
4. Form und literarische Technik

Abb. 3: Werkaufbau
Merkmale des geschlossenen Dramas
Schon die Entstehungsgeschichte zeigt, wie Goethe um die Form und Harmonie des Werkes gerungen hat. 1779 schrieb er die erste Prosafassung, mit der er wegen ihrer »schlotternden« Form unzufrieden war, in freirhythmischen Jamben um, aber auch diese Überarbeitung genügte ihm nicht. 1781 entstand seine zweite Prosafassung; schließlich vollendete Goethe 1786 eine Versfassung, die dritte Fassung des Dramas, und war damit zufrieden. Seither gilt Iphigenie auf Tauris als Musterbeispiel des klassischen Schauspiels; die Blankversfassung, fünfhebige Jamben, trägt dazu erheblich bei: »Das ›Umgießen‹ seines prosaischen Dramentextes in den Text durchformende Blankverse […] bewirkte […] eine entscheidende Veränderung der dramatischen Sprechsituation. Die Monologe und Dialoge des Schauspiels verlieren infolge der durchgängig gleich gebauten Versanordnung den Charakter des natürlichen Sprechakts.«5

