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Das Erdbeben in Chili von Heinrich von Kleist: Reclam Lektüreschlüssel XL

Heinrich von Kleist
Das Erdbeben in Chili
Lektüreschlüssel XL
für Schülerinnen und Schüler
Von Mathias Kieß
Reclam
Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:
Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili. Hrsg. von Martin C. Wald. Stuttgart: Reclam 2019. (Reclam XL. Text und Kontext, Nr. 19409.)
Diese Ausgabe des Werktextes ist seiten- und zeilengleich mit der in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8002.
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unter www.reclam.de/e-book
Lektüreschlüssel XL | Nr. 15528
2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2021
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961825-8
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015528-8
www.reclam.de
1. Schnelleinstieg
Autor Heinrich von Kleist, geb. 18. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder), gest. 21. November 1811 am Kleinen Wannsee, Berlin Entstehungszeit und Veröffentlichung Entstehung vermutlich 1806 Erstveröffentlichung im Morgenblatt für gebildete Stände, einer Literaturzeitschrift der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung im Jahr 1807 (unter dem Titel: Jeronimo und Josephe. Eine Scene aus dem Erdbeben zu Chili vom Jahr 1647) 1810 Veröffentlichung im Band Erzählungen (unter dem heutigen Titel) Gattung Erzählung/Novelle Handlung Eltern eines unehelichen Kindes entgehen dank eines Erdbebens ihrer Strafe und werden im Anschluss von einer wütenden Meute getötet. Handlungszeit Zwei Tage und eine Nacht, mit zwei Rückblenden Handlungsorte St. Jago, Hauptstadt des Königreichs Chili (Santiago, Chile), und Hügel vor der StadtHeinrich von Kleist wurde nur 34 Jahre alt. Zu seinen Lebzeiten kommt seine literarische Karriere nur schwer ins Rollen. Zwar schreibt er einige mehr oder weniger bekannte Dramen, aber er schafft es nicht, Förderer für sich zu gewinnen oder Kritiker von sich zu überzeugen. Nachdem er sich 1811 am Kleinen Wannsee das Leben nimmt, dauert es noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, bis seine Werke wiederentdeckt und von der Kritik Kleists literarischer Erfolggelobt werden. Oft erhalten die Dramen den Vorrang vor den Erzählungen und finden schnell den Eingang in den Kanon der Schulliteratur.
Erst viel später ist dies auch den Erzählungen vergönnt. Besonders die kunstvollen und informationsreichen Schachtelsätze machen ihren Charme aus, und dank der relativen Kürze der Prosa eignen sie sich gut für den Deutschunterricht. Auch Kleists Das Erdbeben in ChiliErzählung Das Erdbeben in Chili ist nicht sehr umfangreich und kann in wenigen Unterrichtsstunden behandelt werden. Trotzdem gelingt es Kleist, mehrere philosophische Themen parallel zu behandeln und seine Leserinnen und Leser von Beginn an zu fesseln.
Die Erzählung spielt im Jahre 1647 und wurde 1807 in der Literaturzeitschrift Morgenblatt für gebildete Stände veröffentlicht. Demnach liegen etwa 160 Jahre zwischen der behandelten Zeit und der Gegenwart des Autors. Die Literaturwissenschaft spricht in einem solchen Fall von einer Doppelte Historizitätdoppelten Historizität. Wollen Leserinnen und Leser aus dem 21. Jahrhundert das Werk in Gänze verstehen, so müssen sie sowohl mit den Besonderheiten der Mitte des 17. Jahrhunderts als auch mit den Besonderheiten des beginnenden 19. Jahrhunderts ein wenig vertraut sein.
Tatsächlich gab es im Jahr 1647 in Chile (in der Erzählung: »Chili«) ein Das Erdbeben von LissabonErdbeben, das auch die Hauptstadt Santiago (in der Erzählung: »St. Jago«) getroffen hat. Geistesgeschichtlich bezieht sich Kleist jedoch auf das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755. Nach dieser Naturkatastrophe gab es zahlreiche Debatten in Philosophie und Theologie, die sich der Frage nach einem gerechten Gott und dem Sinn von Religion im Allgemeinen widmeten. Dieses Erdbeben fand direkten Eingang in die Schriften von Voltaire, Rousseau und Kant und beeinflusste Literaten bis zur Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert.
2. Inhaltsangabe
Kleists Erzählung ist nicht weiter in Kapitel, jedoch in der diesem Lektüreschlüssel zugrunde liegenden Ausgabe in 31 Absätze unterteilt (zur Absatzeinteilung verschiedener Textfassungen siehe Kapitel »Form und literarische Technik«, S. 54). Diese durch den Autor vorgegebene Einteilung hilft bei einer inhaltlichen Annäherung an die Erzählung kaum, da die Absätze zu zahlreich sind. Deshalb soll hier eine Einteilung in sieben Sinnabschnitte erfolgen, die zwar unterschiedlich lang sind, aber jeweils einem neuen Handlungsteil entsprechen.
(1) Erster Satz (S. 5, Z. 2 – S. 5, Z. 8)
»In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken.« (S. 5)
In nur einem – wenn auch sehr langen – Satz gelingt es Kleist, Handlungszeit und -ort, eine der Hauptfiguren und die Ausgangssituation zu benennen. Und diese hat es in sich: Ein junger Sträfling will sich selbst töten, als ein Erdbeben einsetzt. Unweigerlich drängen sich den Leserinnen und Lesern Zwei Fragenzwei Fragen auf. Wie kam der Mann in diese Situation? Und wie wird sie sich auflösen? Die erste Frage betrifft die Vergangenheit und Gegenwart des Häftlings. Man will erfahren, welches Verbrechen er begangen hat und warum er sich umbringen will. Die zweite Frage betrifft seine Zukunft. Die Leserinnen und Leser fragen sich, wie es ihm ergehen wird, ob er sich befreien kann, ob er weiterhin an seinem Wunsch zu sterben festhalten wird.
(2) Die Vorgeschichte (S. 5, Z. 8 – S. 6, Z. 31)
Nach diesem komprimierten Beginn erhalten die Leserinnen und Leser zunächst Antworten auf den ersten Fragenkomplex. Um Spannung aufzubauen, erzählt Kleist zunächst die Vorgeschichte des Protagonisten. Jeronimo war Hauslehrer bei einem der reichsten Adligen der Stadt und wird entlassen, weil er eine Affäre mit der Tochter des Hauses, Josephe, hat (S. 5).
Josephe im KlosterJosephe wird von ihrem Vater in ein Kloster geschickt. Doch Jeronimo findet weiterhin Wege, sie zu treffen. Josephe wird schwanger und ihre Wehen setzen während der Feierlichkeiten zu Fronleichnam ein. Hat sie es bisher anscheinend geschafft, ihre Schwangerschaft geheim zu halten, so erregt sie nun »außerordentliches Aufsehn« (S. 5) und wird ohne Rücksicht auf ihren Zustand in ein Gefängnis gesperrt. Eine schwangere Nonne ist ein Skandal zu dieser Zeit, und der Erzbischof macht ihr gleich nach der Entbindung ihres Kindes den Prozess. Weder ihre einflussreiche Familie noch die ihr gut gesinnte Klostervorsteherin schaffen es, die Todesstrafe für Josephe abzuwenden. Lediglich der Feuertod soll ihr erspart bleiben, denn der Vizekönig setzt sich dafür ein, dass Josephe enthauptet werde. So ist der Verurteilten zumindest ein schneller Tod vergönnt (S. 6).
Verglichen mit seiner Geliebten ist es Jeronimo relativ gut ergangen. Er wurde lediglich ins Jeronimo im GefängnisGefängnis gesperrt. Dort erfährt er vom Schicksal Josephes, denn die Hinrichtung ist ein großes Event. Fenster und Dächer, von denen aus man einen guten Blick auf das Geschehen hat, werden vermietet, und die »frommen Töchter der Stadt luden ihre Freundinnen ein« (S. 6). Jeronimo misslingen Ausbruchsversuche und so beschließt er, zeitgleich mit seiner Geliebten durch die eigene Hand zu sterben.
(3) Wie Jeronimo das Erdbeben erlebt (S. 6, Z. 31 – S. 9, Z. 27)
Die Vorgeschichte geht sanft und ohne klaren Schnitt in die Gegenwart der Erzählung über. Nur durch das Textsignal »wie schon gesagt« (S. 6) bemerken die Leserinnen und Leser, dass nun wieder die Situation des ersten Satzes erreicht ist. Dieser erste Satz hätte an dieser Stelle stehen müssen, wenn der Erzähler sich an die chronologische Reihenfolge der Ereignisse gehalten hätte. Da er jedoch am Anfang steht, dient er als Vorausblende.
Zu Beginn des Erdbebens setzt sich der Überlebensinstinkt Jeronimos gegen seinen Todeswunsch durch und er klammert sich an den Pfeiler, an dem er sich eigentlich erhängen wollte (S. 7). Aus dem zerstörten Gefängnis kann der Häftling nach draußen flüchten.
Anschließend beschreibt der Erzähler das Darstellung des ErdbebensErdbeben und wie es Jeronimo glückt, aus der Stadt zu entkommen. Es gelingt dem Autor durch zahlreiche Personifikationen und zwei parallel gestaltete Sätze, die Gleichzeitigkeit und die Grausamkeit zahlreicher Einzelbeobachtungen darzustellen (S. 7); eine genaue Analyse folgt in Kapitel 4 (S. 57–59).
Außerhalb der Stadt sinkt Jeronimo für eine Viertelstunde bewusstlos nieder. Als er aufwacht, stellt er seine Jeronimo kommt mit dem Leben davonUnversehrtheit fest. Glücklich genießt er die blühende Landschaft, die St. Jago umgibt. Einzig die »verstörten Menschenhaufen« (S. 8) stören die Idylle. Er dankt Gott für sein Leben und beginnt vor Glück zu weinen. Als er sich an Josephe und die geplante Hinrichtung erinnert, ändert sich seine Einstellung Gott gegenüber zum Negativen: »fürchterlich schien ihm das Wesen, das über den Wolken waltet« (S. 8). Sofort begibt sich Jeronimo auf die Suche nach seiner Geliebten.
Obwohl eine Passantin auf die Nachfrage, ob die Hinrichtung vollzogen wurde, behauptet, Josephe sei enthauptet worden, Suche nach Josephesucht Jeronimo nach kurzem Wanken unbeirrt weiter (S. 8 f.). Die Wege um die Stadttore sind mittlerweile voller Menschen, die sich aus der Stadt retten. Andere haben sich bereits vor der Stadt niedergelassen. Jeronimo sucht die gesamte Umgebung ab, und als die Sonne schon wieder unterzugehen droht, findet er Josephe, die gerade ihr gemeinsames Kind Philipp in einer Quelle wäscht (S. 9). Sie umarmen sich glücklich.
(4) Wie Josephe das Erdbeben erlebt (S. 9, Z. 28 – S. 11, Z. 8)
Nun durchbricht der Erzähler ein zweites Mal die chronologische Reihenfolge der Ereignisse und springt einige Stunden in die Vergangenheit, indem er berichtet, wie die zweite Hauptfigur das Erdbeben er- und überlebt.
Josephe befindet sich auf dem Weg zum Richtplatz, als das Erdbeben einsetzt. Die Prozession wird durch das Beben auseinandergesprengt, und sie flüchtet Richtung Stadttor, als sie sich an ihren Josephe rettet ihren SohnSohn Philipp erinnert, der noch im Kloster ist. Sie findet das Kloster in Flammen vor, und die Äbtissin schreit um Hilfe, da das Baby noch im Inneren ist. Unerschrocken geht Josephe in das Klostergebäude und rettet das Baby aus Flammen und Rauch.
Anschließend muss sie mit ansehen, wie die Äbtissin und einige Schwestern unter Trümmerteilen begraben werden. Die junge Mutter bleibt kurz zurück, um der Klostervorsteherin die Augen zu schließen. Auf ihrer Flucht aus der Stadt findet sie die Die am Prozess Beteiligten sind totLeiche des Erzbischofs (S. 10) – er hat Josephe zuvor den Prozess gemacht (S. 5). Auch die Gebäude, die ihren Leidensweg verdeutlichen, sind zerstört: das väterliche Haus, das Kloster, die Kathedrale des Erzbischofs, der Palast des Vizekönigs und der Gerichtshof, in dem das Urteil gesprochen wurde (S. 10).
Während die eben erwähnten zerstörten Gebäude in rascher Folge aufgezählt werden, erhält das zerstörte Auch das Gefängnis ist zerstörtGefängnis mehr Raum in der Erzählung: Zunächst sinkt Josephe nieder, da sie davon ausgeht, ihr geliebter Jeronimo liege unter den Trümmern begraben. Doch dann wird sie sich bewusst, dass dieser Schluss nicht notwendigerweise wahr sein muss. An einer Gabelung wartet sie auf Jeronimo. Mit der Zeit gibt sie die Hoffnung jedoch auf und begibt sich in ein »dunkles, […] beschattetes Tal«, in dem sie auf Jeronimo trifft und das für sie so zum »Tal von Eden« (S. 11) wird.
(5) Liebesglück und soziale Utopie (S. 11, Z. 9 – S. 15, Z. 23)
Geschickt leitet Kleist wieder in die Gegenwart der Erzählung über: »Dies alles erzählte sie jetzt voll Rührung dem Jeronimo« (S. 11). Sie verbringen die erste Nacht nahe der Quelle, an der sie sich wiedergefunden haben, und denken darüber nach, »wie viel Elend über die Welt kommen musste, damit sie glücklich würden« (S. 11). Bevor sie im Morgengrauen einschlafen, entscheiden sie sich, schnellstmöglich in die nahegelegene Hafenstadt La Conception zu reisen, um von dort aus nach Spanien einzuschiffen, wo Jeronimos Verwandte wohnen. Das Liebespaar scheint sich also bewusst, dass sein Glück nur so lange anhält, wie die Wirren des Erdbebens die Stadt im Griff haben.
Am nächsten Tag passiert etwas Unerwartetes. Das junge Liebespaar wird in eine Familiengemeinschaft eingeführt: Als Don Fernando Ormez und seine FamilieDon Fernando Ormez, ein angesehener Bürger der Stadt, fragt, ob sein Sohn Juan an Josephes Brust gesäugt werden könne, da seine Frau Donna Elvire schwer verletzt sei, gibt Josephe ihre Zustimmung (S. 12). Schnell lernen sie beim Frühstück auch den Rest der Familie kennen. Das sind Don Pedro, Fernandos Schwiegervater, und dessen drei Töchter; die eben erwähnte Donna Elvire mit ihrem Säugling Juan, sowie Donna Elisabeth und Donna Constanze. Rasch entwickelt sich eine Vertrautheit zwischen dem wiedervereinten Liebespaar und der Familie. (Eine Übersicht über die Familie findet sich auch im Figurenverzeichnis des dritten Kapitels dieses Lektüreschlüssels, S. 26.)
Immer wieder wird betont, mit welcher Freundlichkeit (S. 12) die Stimmung der Überlebenden untereinanderÜberlebenden miteinander umgehen und wie liebreich (S. 13) ihre Blicke sind. Nur Donna Elisabeth schaut bisweilen verträumt auf Josephe. Sie war von einer Freundin zur Hinrichtung von Josephe eingeladen worden, ist dem Spektakel jedoch ferngeblieben.
Aus der Stadt wird von Unfrieden und Gewalt berichtet: So beschwören Geistliche das Ende der Welt, und der Vizekönig hat Galgen errichten lassen, um Plünderern Einhalt zu gebieten. Da für gerichtliche Verfahren und der damit einhergehenden Wahrheitsprüfung der Anschuldigungen keine Zeit ist, sind auch Unschuldige der Anarchie und Lynchjustiz in der StadtLynchjustiz zum Opfer gefallen. So findet ein Mann den Tod, der sich durch ein brennendes Haus zu retten versucht, weil dessen Besitzer ihn für einen Dieb hält (S. 13). Auch anarchische Tendenzen sind zu erkennen: Bewohnerinnen und Bewohner behaupten, »es gäbe keinen Vizekönig von Chili mehr!« (S. 13).
Nicht nur innerhalb der Familie, sondern unter allen Überlebenden, die außerhalb der Stadt verweilen, ist die Stimmung trotz oder gerade wegen des erlebten Unglücks positiv. Was der Erzähler beschreibt, gleicht einer Eine soziale Utopie?sozialen Utopie: Der »menschliche Geist« gehe »wie eine schöne Blume« (S. 14) auf und das Unglück habe alle »zu einer Familie gemacht« (S. 14). Die Ständegesellschaft scheint überwunden, wenn »Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuerinnen, Staatsbeamte und Tagelöhner, Klosterherren und Klosterfrauen« (S. 14) nebeneinanderliegen und sich gegenseitig helfen. Die oberflächlichen Gespräche, die man sonst beim Teetrinken führt, weichen nun Erzählungen von echtem Heldentum, und es gibt nicht eine einzige Figur, die nicht Großes erlebt oder geleistet hat (S. 14).
Josephe pflegt währenddessen die Wunden von Donna Elvire (S. 13). Die beiden Frauen kommen dabei ins Gespräch, und Josephe lässt sich vom optimistischen Geist der anderen anstecken und Josephe öffnet sich Elvire?erzählt möglicherweise, dass sie die verurteilte Straftäterin ist und wie ihre kleine Familie wieder zusammengefunden hat. Der Erzähler bleibt hier vage: »Und da Josephe ihr, mit beklemmten Herzen, einige Hauptzüge davon angab« (S. 13), ergriff Donna Elvire »ihre Hand und drückte sie, und winkte ihr, zu schweigen« (S. 14). Auch wenn die Leserinnen und Leser nicht explizit erfahren, wie viel Josephe von sich preisgibt, so wird doch angedeutet, dass Elvire darum weiß, dass es sich bei ihrer Gesprächspartnerin um die zum Tode Verurteilte Josephe handelt.
Jeronimo und Josephe sind von der Stimmung unter den Menschen im Tal vor der Stadt so überwältigt, dass sie ihren Jeronimo gibt Fluchtplan aufFluchtplan noch einmal überdenken. Jeronimo hofft auf eine Begnadigung durch den Vizekönig und im Anschluss auf ein friedvolles Familienleben in Chili. So schnell wie möglich will er den Herrscher sprechen und vor ihm auf die Füße fallen. Josephe ist zuversichtlich, sich mit ihrem Vater versöhnen zu können. Jedoch ist sie etwas vorsichtiger und schlägt vor, ein schriftliches Gnadengesuch von La Conception aus einzureichen, damit man bei einer negativen Antwort schon in Hafennähe sei und nach Europa aufbrechen könne. Jeronimo stimmt zu (S. 15).
(6) Gottesdienst und Lynchjustiz (S. 15, Z. 24 – S. 21, Z. 19)
Als am Nachmittag auch die kleinen Nachbeben aufgehört haben, verbreitet sich die Kunde über einen Gottesdienst, der in der Stadt abgehalten werden soll. Die Messe soll in der Dominikanerkirche stattfinden, die das Erdbeben als einziges Gotteshaus überstanden hat. Der Prälat des Klosters will die Messe selbst halten und Gott anflehen, ein weiteres Unglück zu verhindern (S. 15). Schon machen sich zahlreiche Menschen auf den Weg in die Stadt.
Auch Don Fernandos Familie diskutiert, ob sie die Diskussion, ob man an der Messe teilnimmtMesse besuchen soll. Donna Elisabeth, die vorhin bereits eine Weile scheinbar in Gedanken vertieft auf Josephe gestarrt hat, spricht sich gegen eine Teilnahme aus. Sie führt an, dass solche Feste wiederholt werden würden und dass es, in Anbetracht der Unruhen am Vortag, nicht sicher sei, in die Kirche zu gehen. Sie begründet ihre Sicherheitsbedenken jedoch nicht. Wahrscheinlich will sie nicht schlecht über Josephe und ihre kleine Familie reden. Josephe selbst möchte unbedingt gehen, da sie Gott für ihr neu gewonnenes Glück danken will. Donna Elvire stimmt ihr zu und überredet den Rest ihrer Familie. Elisabeth jedoch zögert immer noch aufgrund eines unguten Vorgefühls, das sie nicht näher beschreibt. Schließlich entscheidet sie sich, bei ihrem kranken Vater und der verletzten Schwester Donna Elvire zurückzubleiben. Josephe will ihr den kleinen Juan geben, doch dieser hat sich bereits an Josephe gewöhnt und beginnt zu weinen, als er von ihr getrennt zu werden droht. Schließlich nimmt Josephe ihn mit (S. 16).
Nun brechen vier Erwachsene und zwei Kinder auf. Sie laufen in folgender Konstellation: Josephe trägt den kleinen Juan und Don Fernando führt sie am Arm. Jeronimo geht derweil mit Donna Constanze und trägt seinen eigenen Sohn Philipp (S. 17). Unbeteiligte würden vermutlich annehmen, es handle sich um zwei Paare, die jeweils einen Säugling dabeihaben.
Als sich die Gruppe gerade fünfzig Schritte entfernt hat, unternimmt Elisabeth äußert erneut BedenkenElisabeth noch einen Versuch, die Gruppe aufzuhalten. Zuvor hat sie sich angeregt mit Elvire unterhalten und diese bestätigt ihr ungutes Gefühl wahrscheinlich, indem sie sie auf Josephes Geheimnis hinweist. Nun flüstert Elisabeth Don Fernando etwas ins Ohr (S. 17). Dieser stellt Rückfragen und entgegnet schließlich, Donna Elvire möge sich beruhigen. Die Gruppe geht wie geplant zum Gottesdienst.
Die Kirche ist brechend voll und auch auf dem Vorplatz haben sich Gläubige versammelt. Der Gottesdienst beginnt mit einer Predigt, die einer der ältesten Chorherren hält. Bei seinen Ausführungen nimmt er Die Predigt peitscht die Menge aufkein Blatt vor den Mund. Er sagt, das Jüngste Gericht könne kaum schlimmer sein als das Erdbeben des Vortages und deutet das Unglück als Strafe Gottes für den Sittenverfall in der Stadt. Es sei nur der unendlichen Geduld Gottes zuzuschreiben, dass St. Jago noch nicht völlig untergegangen sei (S. 18).
Als Beispiel für den sittlichen Verfall führt der Chorherr schließlich das Verhältnis Jeronimos und Josephes und den Vorfall im Klostergarten der Karmeliterinnen an. Er nennt die beiden »Täter« (S. 18) beim Namen und zeigt sich auch entsetzt über das weltliche Gericht, das Josephe einen schnellen Tod zugesprochen hat. Nun wird Donna Constanze klar, mit wem ihre Familie den letzten Tag verbracht hat, und sie ruft entsetzt »Don Fernando!« (S. 18) Dieser reagiert ruhiger, da er dank Elisabeth und Elvire einen Wissensvorsprung hat. Ohne viel Aufsehen will er die Gruppe aus der Kirche evakuieren. Doch dies scheitert, weil jemand Jeronimo und Josephe erkannt zu haben glaubt und ruft, dass die »gottlosen Menschen« (S. 18) mitten unter ihnen seien.
Nun gibt sich Don Fernando als Sohn des Kommandanten der Stadt, also als Angehöriger einer hochrangigen Militärperson, zu erkennen. Doch ein nahestehender Schuster mit Namen Pedrillo Josephe wird entdeckterkennt Josephe und fragt, wer der Vater des Kindes in Josephes Arm sei. Don Fernando zögert, denn tatsächlich hält Josephe ja seinen eigenen Sohn in den Händen. Josephe beteuert, das Baby sei nicht ihr eigenes, und bekräftigt, dass es sich bei ihrem Nachbarn um Don Fernando handelt.
Der Schuster fragt daraufhin, ob jemand der Umstehenden den vor ihm Stehenden kennt, doch ehe jemand antworten kann, wendet sich der kleine Juan von Josephe ab und will zu Don Fernando. Die Leute in der Kirche nehmen nun richtigerweise an, er sei der Vater des Kindes. Don Fernando und Jeronimo werden verwechseltFälschlicherweise denken sie jedoch auch, er müsse darum Jeronimo sein. Sofort wird die Tötung der drei gefordert. Nun erst gibt sich Jeronimo zu erkennen und verlangt, Don Fernando gehen zu lassen (S. 19).
Erst als ein Marineoffizier, Don Alonzo, die Identität Fernandos bestätigt, lässt der Mob von ihm ab. Es herrscht allgemeine Verwirrung. Diese will Don Fernando kämpft für Jeronimo und JosepheDon Fernando nutzen, indem er fordert, Josephe und Jeronimo zu ihrer eigenen Sicherheit zu verhaften. Auch versucht er, Jeronimo zu schützen, indem er Jeronimos Bekenntnis der eigenen Identität als Nothilfe darstellt: Der junge Mann habe sich nur als Jeronimo ausgegeben, um ihn selbst aus seiner Bedrängnis zu befreien. Auch der Schuster Pedrillo, so schlägt Fernando vor, soll abgeführt werden, weil er den Aufruhr ausgelöst habe. Doch die Menge ist von der Identität Josephes überzeugt, nachdem der Marineoffizier Don Alonzo nicht entschieden genug reagiert, als er vom Schuster zu ihr befragt wird. Diese übergibt kurzentschlossen beide Säuglinge an Don Fernando und sagt, er solle seine beiden Kinder retten. Doch Fernando bittet um den Degen des Marineoffiziers und bahnt seiner Gesellschaft den Weg ins Freie.

Abb. 1: Lithografie von Alois Kolb zum Erdbeben in Chili, die Jeronimo im Kampf gegen die Meute zeigt (1921)
Auch der Platz vor der Kirche ist voller aufgebrachter Leute. Einer von ihnen schreit: »dies ist Jeronimo Rugera, ihr Bürger, denn ich bin sein eigner Vater!« (S. 20) Danach streckt er Jeronimo und Constanze werden getötetJeronimo mit einem Keulenschlag nieder. Donna Constanze, die neben ihm stand, wird fälschlicherweise für Josephe gehalten, als »Klostermetze« (S. 20) beschimpft und nur wenige Sekunden später ebenfalls getötet. Direkt im Anschluss wird sie als Donna Constanze identifiziert.
Der Schuster Pedrillo hetzt den Mob sogleich erneut auf und fordert den Tod von Josephe. Eine Zeit lang gelingt es dem wutentbrannten Don Fernando, den Mob von den Kindern fernzuhalten. Mit den Worten »hier mordet mich, ihr blutdürstenden Tiger« (S. 20 f.) Josephe opfert sichwirft sich Josephe schließlich in den Mob und hofft so, den beiden Jungen und Fernando zumindest etwas Zeit zu erkaufen. Es ist Pedrillo persönlich, der sie erschlägt. Anschließend fordert er die Ermordung des Bastards, gemeint ist Josephes Sohn Philipp.

