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Joana - deutsch
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Joana - deutsch

Wir gehen in die Gaststätte. Ich bin dort Pächter. Der Besitzer ist ein Bauer. Er arbeitet in der LPG als Traktorist, Techniker und Elektriker. Wenn ich komme, steht der schon hinter den Gardinen und beobachtet mich. Heute auch.

Er könnte uns sicher genau erzählen, wie viele junge Mädchen bei mir hier mit übernachteten. Heute sieht er einen Unterschied. Meine halbe Familie will das Restaurant sehen.

Vor seinem Haus steht auch ein Krankenwagen. Die Jungbäuerin lief aufgeregt auf dem Hof umher. Frank, der mit mir befreundete Krankenwagenfahrer, sah mich und kam sofort zu uns.

„Die Altbäuerin ist gestorben.“

„Oh. Das ist schade. Sie war die Einzige, mit der ich mich besonders gut verstanden habe.“ Sie war in dieser Gaststätte die Gastwirtin.

Der Jungbauer wollte sein Restaurant eigentlich selbst bewirtschaften oder für mehr Geld verpachten. Er war deshalb ein ziemlich unfreundlicher Zeitgenosse. Seine Frau, die Bäuerin, hätte er bei mir auch gern als Hilfe gesehen. Sie hat das Restaurant früher schon mit ihrer Mutter betrieben und wegen der Geburt einer Tochter, dem zweiten Kind, aufgegeben. Die beiden Jungbauern hatten sich ein neues Haus gebaut. Im Haus des Restaurants wohnte die Altbäuerin. Ihre Wohnung wird jetzt frei.

Trotz des tragischen Ablebens, bietet sich damit die Chance, ihre Wohnung zu mieten. Das würde die Nächte im Gastraum auf Stühlen und Luftmatratzen überflüssig machen. In der Trauer ist doch ziemlich oft auch etwas Freude versteckt.

Der Jungbauer kommt und stellt sich mit Jürgen vor. Das erste Mal seit Monaten. Die Jungbäuerin ist dabei. Sie hat entzündete Augen. Schluchzend stellt sie sich mit Andrea vor. Ihren Namen kannte ich aber schon von meinen Stammgästen her. Die fragten mich oft, warum ich sie nicht bei mir arbeiten lasse. Ganz einfach. Sie wollte zu viel Geld. Wenn sie meine Gäste bedient, bekommt sie auch das Trinkgeld. Das hätte ich ihr nicht zahlen können. Ich sparte auf ein Auto. Meinen Kleineinkauf musste ich immer noch mit einem Rucksack und dem öffentlichen Verkehr erledigen. Das war nicht einfach und ziemlich zeitaufwendig.

Die Familie geht mit mir und Joana zusammen in das Restaurant. Herbert gefiel das sofort. Ich hatte die Gaststätte neu tapeziert und gestrichen. Die Küche hatte ich mit Haushaltgeräten ausgestattet. Im Hinterzimmer habe ich ein Billard aufgebaut. Das war ein Geschenk meines Vaters. Er hatte es in seinem Gasthof abgebaut. Meine Eltern brauchten den Platz für ihre Gäste. Sie wollten auch den damit verbundenen Krach los werden.

Am Billardtisch wurde ziemlich oft gestritten. Unsere Bauern spielten nicht selten um Teile ihres Viehbestandes oder um diverse Liegenschaften.

„Und Du machst das ganz allein?“, fragt mich Herbert.

„Ja. Das ist eine ziemliche Rennerei. Der Stammtisch will natürlich bedient werden. Die Anderen, vor allem jüngeren Gäste, setzen auf eine Art Selbstbedienung. Das funktioniert.“

„Und wenn hier voll ist?“

„Hin und Wieder habe ich eine Abrechnung vergessen. Das kann zu bestimmten Zeiten ziemlich hektisch werden.“

Brigitte staunt bei der Schilderung. Sie kann sich schlecht vorstellen, wie das ein Mann allein erledigen kann. Ich konnte mir schlecht vorstellen, wie eine Frau, fünf Kinder groß ziehen kann und das bei einer Vollzeitarbeit im Büro. In der DDR ging das eben.

Im Westen ist so etwas unvorstellbar. Außer vielleicht bei unseren Gastarbeitern heute. Die müssen das bringen. Sie bekommen auch grundsätzlich den halben Lohn und die doppelte Miete. Das nennt sich westdeutsche Gastfreundschaft.

Andrea bot mir im Beisein Joanas, umgehend an, die Wohnung der Mama zu räumen, damit wir einziehen können. Ich soll mir die Wohnung selbst etwas frisch machen. Und schon war die Mietverhandlung beendet.

Gesagt getan. Wir waren uns sofort einig. Jürgen, der Jungbauer, wurde langsam etwas gelöster. Damit ist ja schon mal der Hausstand gegründet. Herbert wollte gleich ein Bier probieren. Ein Fassbier. Brigitte wollte einen Kaffee. Den hat Joana für sie gekocht. Unweit der Gaststätte gab es eine Bäckerei. Der Bäcker war ein Mal mein Gast. Seine zwei Kinder waren bei mir fast Stammgäste. Sie gehörten der gut organisierten Jugendgruppe des Ortes an. Ich renne schnell hin, um uns ein paar frische Windbeutel zu holen. Windbeutel waren in der DDR äußerst beliebt. Die Bäckerin bietet mir noch ein paar Liebesknochen an, die sie heute auch frisch gemacht hatten. Liebesknochen war die Bezeichnung für einen mit Sahne gefüllten Eclair. Die Liebesknochen wurden mit reichlich Schokoladenüberzug versehen und waren vergleichbar mit einer Portion Stracciatella. In dem Fall, durften wir die Verpackung aber mit essen.

Unser Kaffeetrinken ist damit schon mal gerettet und ich habe meinen zukünftigen Schwiegereltern sicher ein gutes Bild abgeliefert.

Nach dem Kaffeetrinken macht Herbert einen Rundgang durch meine Gaststätte. Er bewunderte das Billard.

„Spielen mer ne Runde?“, hab ich ihn gefragt.

„Das kann ich nicht“, antwortet mir Herbert. Herbert war ein leidenschaftlicher Skatspieler. Das hat sicher mit seinem Beruf zu tun. Herbert ist Brigadier in der Straßenbaufirma. Bei schlecht Wetter haben die eher geknobelt oder Skat gespielt. Billards gab es nur in wenigen Gaststätten.

Gebäck wollte er keins. Herbert ist zuckerkrank. Schon in den kommenden Minuten durfte ich miterleben, wie er sich spritzte.

„Wie oft musst Du Dich spritzen am Tag?“

„Ein bis zwei Mal. Kommt darauf an, was ich esse und trinke.“

Andrea die Bäuerin kommt herein.

„Oh. Das sieht recht gut aus hier. Hast du frisch tapeziert?“

„Ja. Gefällt‘ s Dir?“

„Das ist schön! Willst Du oben die Wohnung sehen?“

„Gerne.“

Wir gehen im Haus zur ersten Etage hinauf und sie schließt uns die Wohnung auf.

„Ich räume aus, was Du nicht brauchst.“

„Ich brauche eigentlich nur ein Zimmer und ein Badezimmer.“

Sie zeigt uns das Badezimmer. Der Badeofen ist elektrisch. Der geht auch als Durchlauferhitzer.

„Im Grunde reicht das. Den Rest haben wir Unten.“

„Übermorgen ist das fertig ausgeräumt.“

„Danke. Wollt Ihr die Miete offiziell oder schwarz?“

„Am liebsten offiziell. Das Andere gibt Probleme. Die wollen wir nicht. Gib uns das mit der Gaststättenmiete.“

"Gut! Das kann ich dann absetzen."

Schön, dass wir uns so schnell einig sind. Das wäre sozusagen, unser erstes gemeinsames Nest. Joana freut sich darüber.

Eigentlich wäre es jetzt die Zeit, mein Motorrad mit hier her zu nehmen. Das erleichtert mir den Einkauf. Joana ist begeistert. Gelegentlich können wir so auch auf den Automarkt fahren und schauen, ob für uns ein Auto da steht. Ein gebrauchtes. Am besten, ein Kombi.

Nach der Besichtigung fahren wir wieder nach Hause zu Joana. Ich bekomme einen Platz mit ihr zusammen im Kinderzimmer. Der wurde frei, als ihre Schwestern in die BRD umsiedelten. Sie sind mit ihren Männern ausgewandert.

In der DDR war das scheinbar nicht einfach. Funktioniert hat es aber trotzdem, wie wir sehen durften. Und sie haben das sogar lebend geschafft. Und das, ohne arbeitslos zu werden oder gar in Not leben zu müssen. Ausreisewillige wurden in der DDR von ihren Kollegen eher etwas heimlich belächelt. Von ihren Freunden hingegen, wurden sie bewundert. Witzigerweise sind jene, von denen wir dachten, sie würden sicher gehen wollen, geblieben.

Unseren ersten Arbeitstag verbringen wir zusammen. Joana will sich bei mir als Gaststättenhilfe anmelden und bei sich auf Arbeit, kündigen. In der DDR gab es dafür keine Fristen. Auf der neuen Arbeitsstelle, konnte der Betreffende, sofort neu anfangen. Ich weiß jetzt nicht mehr wie das hieß. Ich schätze, wir haben einen Aufhebungsvertrag gemacht. In aller Regel wurden beliebte Mitglieder eines Kollektives, mit einem kleinen Fest verabschiedet. Das wurde von den Kollegen organisiert. Wir feiern das nachträglich bei uns in der Gaststätte, die wir auf die Art auch gleich den Kollegen vorstellen.

Als Gastwirt war ich natürlich selbstständig. Uns blieb also nicht erspart, die Anmeldung selbst durchzuführen. Und schon da zeigte Joana ihre besondere Fähigkeit, mit Beamten umgehen zu können. Schon in der DDR war mir das ein Graus. Obwohl mir dort Beamte, jede erdenkliche Hilfe gewährten. Irgendwie bin ich zu einer Art Eigenbrötler erzogen worden von meinen Eltern. Vielleicht komme ich auch zu sehr nach meinem Vater. Der hatte grundsätzlich Probleme damit, Beamte zu mögen.

Abends reden wir gern über unsere Pläne, träumen zusammen von einer Zukunft und versprechen uns, keine Kinder zu wollen. In der DDR ging das leicht zu realisieren. Wobei ich eigentlich einen großen Fehler gemacht habe. Ich hätte mich sollen sterilisieren lassen. Zwei Kinder aus der ersten Ehe sind eigentlich schon Belastung genug für einen Vater. Für die Mutter natürlich auch. Aber in der DDR fiel das nicht so gravierend auf, wie heutzutage im Kapitalismus. Die Belastung des Vaters trägt natürlich auch seine neue Frau mit. Und das ist eigentlich das Böse an diesem System. Zuerst müsste also die Frage gestellt werden: Wer wollte die Kinder? Und genau das sollte auch ein Vertragsgegenstand einer Ehe sein.

Wir Zwei wollen keine Kinder und Joana steht dazu. Und das ist ein Liebesbeweis, den ich selten von einer Frau erwarten kann. Frauen bevorzugen Kinder als Erpressungsmittel. Ob ausgesprochen oder nicht. Deren Ehe steht sozusagen, auf einer kriminellen Basis. Erpressung. Auf Grundlage dieser Basis, kann sich unmöglich eine feste Liebe entwickeln. Auf dieser Basis entwickelt sich eine Zweckgemeinschaft. Das kennen wir aus den Rechtsformulierungen. Dort wird das Zugewinngemeinschaft genannt. Die Ehe wird damit ein Sachgegenstand. Liebe ist in so einer Ehe, Zufall.




Joana als Gastwirtin


Weil Joana Verkäuferin gelernt hat, lag es uns natürlich am Herzen, dass sie die Bedienung und den Service übernimmt. Die Entscheidung ist gar nicht so übel. Joana bekommt einfach mehr Trinkgeld als ich. Zu aller Erst musste meine Joana lernen, Bier zu zapfen. Das Anschreiben und Abrechnen ist ihr eine Leichtigkeit. Joana verliert auch nicht den Überblick. Zusehens spüren wir, der Beruf macht Joana extrem glücklich. Sie findet es einfach besser als im Laden zu stehen. Meine Gäste finden das auch besser. Von einem Tag zum Anderen, bin ich nicht mehr ihr Ansprechpartner. Sie verlangen immer Joana als Bedienung von mir.

Dadurch kann ich mich endlich mehr um die Küche bemühen. Im Nu sind wir Gesprächsthema Nummer zwei im Ort. Also, kurz nach den aktuellen Neuigkeiten.

Unsere Staatsführung gibt das alte Preisniveau teilweise auf. Wir Gastwirte bekommen plötzlich das Angebot, eine neue Preisstufe beantragen zu können. Wir sollen das neue Delikatsortiment in unsere Kalkulationen einfließen lassen. Das ist natürlich auch abhängig von der Preisklasse. Ich kann also nicht über Nacht, Champignons auf alle Gerichte schmeißen. Auf die Art, versuchen viele Kollegen, ihr Angebot etwas zu verteuern. Es lockt eine etwas größere Handelsspanne. Plötzlich gibt es wieder endlos beliebte Likörsorten. Leider gibt es wenig Nachfrage; bei den Preisen. Dafür gibt es aber harte Diskussionen am Stammtisch. Joana kann diese Diskussionen gut abmildern. Im Grunde bleibt Alles beim Alten. Der Einkauf wird für mich etwas komplizierter.

Neuerdings kommen zu uns unsere vietnamesischen Freunde. Sie haben oft Dinge im Gepäck, die bei uns am Stammtisch ziemlich gefragt sind. Es entwickelt sich ein kleiner Zusatzmarkt. Sozusagen, Straßenverkauf mit Prämien als Zusatzangebot. Darunter sind auch Körpersprays aus dem Westen oder zumindest mit einem Westmarkenname. Unsere vietnamesischen Freunde haben praktisch die Überschüsse der DDR Lizenzproduktion an den Mann gebracht. Die Produkte sind nicht billig. Zudem sind sie wirklich schwer absetzbar. In der DDR gibt es Besseres zu günstigeren Preisen. Aber damit wird am Stammtisch eine Welle erzeugt, die ernstere Folgen provozierte. Ich bekomme jetzt häufiger Besuch von unserer Volkspolizei auf der Suche nach Schwarzhändlern. Ich wurde auch erwischt beim Verkauf. Sämtliche Waren wurden konfisziert und ich durfte mir einige Tage lang, schwere Vorwürfe, Schulungen und Belehrungen anhören.

Die Volkspolizei ist sehr engagiert, uns Sündenböcke nachhaltig aufzuklären.

Montags, zu unserem Ruhetag, finden jetzt komische Versammlungen auf unseren großen Plätzen der Kreisstadt statt. Teile unserer Stammgäste luden uns zu so einem Treffen ein. Wir gingen einmal mit. Als Sprecher und Sprecherin stehen ausgerechnet Ärzte auf dem Podium. Und die schwätzten etwas von Demokratie. In einer Demokratie, von der die da schwärmen, wären sie nie Arzt geworden. Das verschweigen die uns. Die Leute machten sich damit lächerlich. Die knapp zweihundert Zuhörer gehen kopfschüttelnd vom Platz. Wahrscheinlich werden solche Treffen, wöchentlich abgehalten. Ehrlich gesagt, Gastwirte haben für so einen Stuss, einfach keine Zeit.

Mittwochs ist das natürlich Thema bei uns im Lokal. Es gibt auch ein paar Antragsteller auf Ausreise in den Westen. Zwei meiner Stammgäste waren da und geben sich alle Mühe, die Leute von der Realität im Westen zu überzeugen. Joana kann etwas mitreden bei dem Thema. Sie hat Westverwandtschaft und auch eigene Geschwister da.

Bei uns treffen sich immer mehr junge Paare und junge Leute. Wir diskutieren über Partys, Konzerte, gemeinsame Abende und anstehende Feiern. Es entwickeln sich gute Freundschaften. Wir glauben das zumindest. Zwei der Paare wollen schließlich in den Westen und hatten einen Antrag zu laufen. Es kann also jeden Tag die Nachricht eintreffen, dass deren Ausreise genehmigt wird.

Die Schwester eines befreundeten Ehepaares hatte sich bereits verhurt im Westen und galt als deren Vorbild. Sie hat sich einem windigen Geschäftsmann geangelt und haut gewaltig auf die Welle. Eine alte Kollegin von Joana, auch eine Verkäuferin, war dadurch in den Verwandtschaftskreis dieser Dame geraten. Sie kommt mit ihrem Mann häufig zu uns. Er ist Hilfsarbeiter und Heizer. Ein gut bezahlter Beruf in der DDR. Man feiert praktisch, ein halbes Jahr lang, den endgültigen Abschied von der DDR. Von diesen Feiern lassen sich natürlich auch ein paar vereinzelte, trinkfeste Stammgäste anstecken. Die wollen plötzlich auch ausreisen. Die alten Bergmänner und Genossen an meinem Stammtisch winken ab: „Um die ist es nicht schade.“ Ein alter Lehrer sagt: „Das Ventil hätten wir eher öffnen sollen.“

In unserem Vereinszimmer, in dem mit dem Billard, treffen sich neuerdings zwei Züchtervereine. Der eine züchtet Rassekaninchen und die anderen sind eine Gartengemeinschaft. Viele oder gar alle Mitglieder dieser Vereine sind Mitglieder der Staatssicherheit. Sie haben zu mir entweder Vertrauen oder sie überwachen Teile meiner Kunden. Das erfahre ich leider erst zum Ende unserer Gaststätte. Die Mitarbeiter haben mir das erst gestanden, als es bereits zu spät war für die DDR.

Der wirklich rege Betrieb bescherte uns die Möglichkeit, ein gebrauchtes Auto kaufen zu können. Es war ein Trabant mit vergrößertem Tank, extra Geräuschdämmung zum Motorraum und einem Faltdach. Den bekam ich für runde zehntausend Mark. Ab jetzt war der Einkauf einfacher und zudem ein mancher Ausflug möglich. Endlich können wir mit Herbert und Brigitte zusammen, Ausflüge unternehmen. Die Zwei haben sich das wirklich verdient. Herbert wird Zusehens stolzer auf Joana und mich.

Es gibt einen Nachteil, den wir schnell abstellen wollen. Joana hatte noch keinen Führerschein. Sie kam nach ihrer Mutter. Die wollte keinen. Herbert hatte auch keinen. Es hat einige Zeit gedauert, Joana davon zu überzeugen, einen Führerschein zu erwerben.

Doch plötzlich stehen wir am Stammtisch, hören mit unseren Gästen Radio und hören von einem Zug aus Dresden in Richtung Prag. In Prag würden DDR Bürger begehren, in den Westen zu kommen. Kaum kommt die Nachricht im Radio, springen ein paar Stammgäste auf und wollen mit diesem Zug fahren oder zumindest, den Insassen zuwinken. Ich dachte, jetzt wäre ich endlich die problematischsten Trinker für immer los. Wenn die in den Westen gehen, müsste bei mir kein Volkspolizist mehr stehen und die Polizeistunde durchsetzen.

Die Freude war etwas zu früh. Am Tag darauf sind wieder Alle da. Ab dem Tag bestehe ich darauf, nicht mehr anzuschreiben. Die Anschreiber müssen sofort zahlen. Das wirke besser als die Revolution von 1917. Ab da, muss ich nie wieder einen Gast rausschmeißen. Disziplin zog ein.

Nach der Öffnung der Grenzen sterben mir viele Genossen weg. „Dafür haben wir jeden Samstag Subotniks gemacht?“ „Für diese Verräter?“ Das sind die Aussagen der Enttäuschten. Binnen drei Wochen sterben mir vier echte Genossen; Bergmänner der ersten Stunde. Beste Freunde. Ich kann zusehen, wie sie von ihren zwei Bier auf ein Bier und eine Limo und später, nur auf eine Limonade um bestellen. Kein Bier mehr, kein Schnäpschen. Schon am folgenden Tag kommen die Meldungen über deren Ableben. Der Schock ist überwältigend.

Plötzlich kommt die Meldung, die Grenze wäre offen. Man könnte in den Westen fahren und bekäme noch Geld dafür. Joana sagt mir, wir könnten ja unsere Verwandtschaft besuchen fahren. „An unserem Ruhetag, ja.“



Die Grenzöffnung


Unser Stammtisch ist leer. Zwei alte Bergmänner sitzen bei uns und wir reden von der offenen Grenze.

„Das bringt nichts Gutes!“, seufzt Kurt. „Ich muss da nicht hin. Die haben Angehörige meiner Familie jahrelang eingesperrt, weil sie Kommunisten waren.“

„Du bist doch gar kein Kommunist, Kurt.“

„Ich habe die Vereinigung mit der SPD nicht mit gemacht.“

„Ja. Aber Du bist ja Verfolgter des Naziregimes.“

„Mich graust bei der Vorstellung, die kommen jetzt ungestraft hier her.“

Joana hat Kurt einen Kirschlikör ausgegeben. Kurt trinkt keine harten Schnäpse. Er, mit seiner Bergmannslunge, kommt dabei fürchterlich ins Husten. Kurt hat mir immer seine Monatsration von Bergarbeiterschnaps verkauft. Ich habe den zu Kirschlikör gemacht. Schwarz. Das Zeug hat sich gut verkauft. Mitunter habe ich daraus mit Puddingpulver, Eierlikör hergestellt. Der verkaufte sich zeitweise, extrem gut in Schokobechern. Unsere Frauen waren verrückt nach diesem Gesöff. Viele Kollegen fragten mich neidvoll, woher ich die Schokobecher habe. Das war zeitweise Mangelware wegen der hohen Nachfrage. Jetzt, da Joana da ist, finde ich bisweilen die Zeit, ein paar Dutzend zu gießen.

In den kommenden drei Tagen konnten wir uns auf unseren Einzug konzentrieren. Andrea hat uns mit Jürgen zusammen, die Wohnung geräumt. Neben einem Bett, einem Schrank und dem Fernseher brauchten wir nicht viel für unsere erste gemeinsame Wohnung. Unser Leben spielte sich in den Gasträumen und beim Einkauf ab.

Zwischendurch fanden wir schon die Zeit, an unseren Ruhetagen im Sommer, baden zu gehen. Wie fast alle DDR Bürger, bevorzugten wir FKK. In unserer Nähe gab es reichlich Badeseen und Bäder mit diesem Angebot. Unser neues Auto war dafür das beste Bewegungsmittel.

Im Spätherbst fuhren wir eher in die CSSR, um uns da Dinge zu kaufen, die wir bei uns eher seltener fanden. Ölsardinen und Dorschleber sind bei uns Zweien eine beliebte Schmuggelware. Schon deshalb, weil wir die selbst gern essen. An Ruhetagen fahren wir nach Prag, in den Harz oder ins Erzgebirge.

Mit der Grenzöffnung ändert sich das. An den ersten drei bis vier Tagen gab es hundert kilometerlange Staus in Richtung Franken. Wir haben mit dem Ruhetag nach der Grenzöffnung das Glück, nicht endlos im Stau stehen zu müssen. Es liegt eine Woche dazwischen. Im Grunde wollen wir nur etwas Westgeld holen und dabei Land und Leute kennen lernen. An zwei Ruhetagen ist kaum mehr möglich. Bei uns am Stammtisch treffen schon die Ersten ein, die Drüben waren. Die Gesichter zeigen uns keine Begeisterung. Den Erzählungen nach, könnte das eher am Stau und den Warteschlangen vor den Geldausgabestellen gelegen haben. Das erste Mal in meinem Leben, höre ich, wie DDR Bürger, Ihresgleichen schlecht machten. Ein Tag und die Gesellschaft ist gespalten. Das setzte sich am Stammtisch rege fort. Wir werden neugierig, was es da zu sehen gibt, das so viel Streit auslöste.

Am Wochenende gibt es wieder eine Trauerfeier. Unser Nachbar wurde beerdigt. Er wurde keine siebzig Jahre. Seine Kinder leben im Westen. Sie sind zugegen.

„Wieso habt Ihr zwei Ruhetage? Unsere Gastwirte machen einen pro Woche.“

„Wir haben bei uns die Vierzig-Stunden-Woche. Sie nicht?“

Joana und ich sind schockiert von dieser Frechheit. Was glaubt dieser Trottel, wer er ist?

„Sind Gastwirte keine Menschen?“

Praktisch vergeht kaum ein Tag ohne Trauerfeier. Das wird langsam zu unserem Stammgeschäft. Trauerfeiern wurden in der DDR ziemlich üppig gefeiert. Wir haben den Hinterbliebenen unserer Stammgäste natürlich auch den gefüllten Umschlag gegeben. Damit wurde der Kauf des Grabsteines gestützt und ein angemessener Respekt bezeugt. Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich als Gastwirt die helfende Hand des Abganges war. Obwohl mir manchmal der Verdacht unterlief. Auf alle Fälle, war ich der Ersatz für einen Pfarrer. Bei den Lebenden genauso, wie bei den Toten. Viele meiner Stammgäste bekamen am Stammtisch einen Platz nach ihrem Ableben. Ihre Bilder wurden langsam zu einer Galerie der Unvergessenen. Zwei meiner Stammgäste waren im Spanienkrieg. Andere an der Ostfront. Auf beiden Seiten. Und genau diese Bilder säumten meinen Stammtisch. In meinen Augen, ist das die Galerie von Helden. Die haben unser Land wieder aufgebaut und uns erzogen.

Immer öfter kommen Westautos. Vor allem, an Wochenenden. Meist sind es Familienangehörige von Ortsansässigen. Selbst ganze Familienfeiern werden in Osten verlegt. Das war billiger für die Westler, die uns abfällig als Ossis oder Zone bezeichneten. Bei den Tauschsätzen. Die haben praktisch für das eh preiswerte Bier, ein Viertel bezahlt. Es war damit billiger als sie und die Preise in ihren Kaufhallen. Büchsenbier war praktisch nur noch eine Geschenkgabe in den verhungerten Osten. Wir sammeln auch noch die leeren Büchsen. Damit werden wir schon zeitig zur Müllgrube des Westbesuchers. Die Sammelwut lässt blitzartig nach.

Mit den Westbesuchern kommen auch reichlich Leute mit Fotoapparaten. Als Hobbyfotograf wundere ich mich, warum die ausgerechnet Häuser und Motive wählen, die kaum einen Fotografen interessieren. Zu der Zeit, kostet ein entwickeltes Foto, zwei Mark. Und die Filme sind auch nicht gerade billig. Kurt gab mir mal den Hinweis. "Die haben hier zeitweise gewohnt. Die sind nach dem Krieg in den Westen gegangen."

"Was? Was wollen die hier?"

"Das ist die Familie, denen mal Deine Gaststätte gehörte. Ich glaub, das sind Juden." Kurt neigt etwas zur Spekulation. Er glaubt, die Leute zu erkennen.

"Die wurden von Adolf enteignet."

"Wieso sind die dann in den Westen gegangen?"

"Propaganda bewirkt Wunder, Karl. Jeder sucht sich seinen Henker selbst."

Kurt wirkt etwas bissig.

"Ich hab bissl Hunger. Mach mir mal ne Scharfe Sache."

Die "Scharfe Sache" war eine Kreation meiner Mutter. Es war Schweinebraten, kalt, auf einer doppelten Schwarzbrotschnitte, die mit Senf bestrichen, mit Meerrettich und saurer Gurke gefüllt wurde. Das Gericht hatte ich in meine Gaststätte mitgenommen. Das Gericht wurde mit Schweinebraten der Keule kalkuliert und mit Braten der Schulter serviert. Auf diese Art, konnte ich mir ein paar Pfennige extra verdienen. Zumindest gab es mir die Möglichkeit, meine Verluste zu verringern. Die Kontrolleure der ABI haben das großmütig übersehen. ABI war die Arbeiter- und Bauerninspektion, welche die Preise und ihre Einhaltung kontrollierten. Die ABI bestand zu achtzig Prozent aus Frauen. Mit denen war kein gut Kirschen essen. Die waren unbestechlich. Trotzdem waren die Frauen realistisch. Verluste konnte ich ihnen gut erklären. Alles lag im Rahmen.

Kurt isst langsam. Er hatte erst frisch einen Stiftzahn bekommen. Den soll er noch etwas schonen, sagt er. Kurt kommt fast täglich. Er trinkt immer ein Bier. "Gemütlich", sagt er. Mit einem Bier ist der halbe Liter gemeint. Zu besonderen Anlässen, genehmigt er sich einen Kirschlikör. Heimlich, wenn er allein bei mir ist, darf es auch ein Eierlikör sein. Vor seinen Kollegen schämt er sich, das Weibergetränk zu konsumieren. Joana gibt ihm manchmal ein Stück Kuchen vom Bäcker. Kurt ist ein heimlicher Süßhahn. Seit Joana bei mir ist, bleibt er länger. Seit einem Jahr, ist er allein zu Hause. Seine Frau, Berta ist gestorben. Sie war auch eine Spanienkämpferin. Sie war aus dem Ruhrpott und ist nach dem Krieg bei Kurt geblieben. Sie wurde im Westen schwer verfolgt und saß auch ein paar Mal ein. Berta trug immer das Abzeichen der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft am Revers.

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