Heinrich Seidel.

Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande





I.

Mein Freund Adolf Martens und ich k?nnen wohl sagen, dass wir unsere Knabenjahre an und in und auf dem Wasser verbracht haben. Von dieser Zeit w?rde wenig zu erz?hlen sein, wollte man den See aus ihr streichen, an dessen Ufern wir als kleine Knaben die bewunderungsw?rdigsten Hafen und Kanalbauten ausf?hrten, in dessen Gew?ssern wir sp?ter wie die Fischottern herumschwammen, in dessen stillen Buchten wir Barsche angelten und Krebse griffen. Einsame waldige Inseln lagen in ihm, selten nur von eines Menschen Fuss betreten und wohl geeignet, dort fremde L?nder zu entdecken und die Schauer unber?hrter Einsamkeit zu empfinden; in seinen m?chtigen Rohrbreiten nisteten die Wasserv?gel in ungez?hlten Scharen, und wenn ich an das Geknarre und Geschw?tz der Rohrs?nger denke, das diese raschelnden W?lder erf?llte, so gellt es mir noch heute in den Ohren.

Das Kirchdorf Steinhusen, in dem wir wohnten, lag an einer Bucht dieses Sees; der Vater meines Freundes Adolf Martens war Gutsbesitzer und mein Vater, Eberhard Flemming, Pastor dort. Die grossen G?rten der beiden H?user grenzten aneinander und an den See; wir beiden Knaben waren in einem Alter, genossen denselben Unterricht und waren darum naturgem?ss Gespielen, um so mehr, als wir auch in vieler Hinsicht einerlei Meinungen und Liebhabereien hatten.

Eine alte, morsche Jolle war vorhanden, die wir als unsern gr?ssten Schatz betrachteten, obwohl sie Wasser zog und einer von uns mit der Wasserkelle fortw?hrend lenzpumpen musste, wenn wir sie benutzen wollten. Denn, obwohl der Rademacher sie allj?hrlich flickte, so gut er es verstand, und ob wir sie auch mit grossem Eifer und mit Werg und Teer kalfaterten, so war ihr die Unart, sich allm?hlich vollzutrinken, nicht mehr abzugew?hnen, wie das ja auch bei Menschen vorkommt, die sich an den Genuss gewisser Fl?ssigkeiten gew?hnt haben. Dass dieses Fahrzeug sach und fachgem?ss aufgetakelt gewesen w?re, konnte man auch nicht sagen, aber es hatte einen Mast und ein altes geflicktes Segel, und wenn man Geduld und Zeit hatte, konnte man ?berall damit hinkommen, und das gen?gte uns. Wir waren auch von seinen Vorz?gen so ?berzeugt, dass wir es auf den pomphaften Namen Albatros getauft hatten, der, mit ?lfarbe hingemalt, an Bug und Heck prangte, obwohl die Bezeichnung Wasserschnecke den wirklichen Eigenschaften dieses alten Wrackes besser entsprochen haben w?rde als irgend eine andre.

Eines Sonnabends in den grossen Ferien hatte sich in der Familie meines Freundes Adolf Martens ein starkes Bed?rfnis nach Krebsen herausgestellt, denn zum Sonntag wurde Besuch aus der Stadt erwartet, der diese k?stlichen Leckerbissen besonders sch?tzte, und so wurde uns der willkommene Auftrag, eine gen?gende Menge dieser wohlschmeckenden Panzertr?ger herbeizuschaffen. In einer etwa eine Meile entfernten, sehr steinreichen Seebucht, wo sie reichlichen Unterschlupf fanden, gab es eine Menge dieser Tiere, und dieses Ortes Gelegenheit wollten wir wahrnehmen.

Es war ein sehr heisser Morgen, dessen Glut aber ein leichter Wind angenehm milderte. Dieser Wind hatte eine zweite vortreffliche Eigenschaft dadurch, dass er halb war zu unserm Kurs und uns des l?stigen Gebrauches der Riemen f?r die Hin und auch f?r die R?ckfahrt ?berhob, vorausgesetzt, dass er anhielt oder seine Richtung nicht ?nderte. Wir machten deshalb, mit trefflichem Proviant von Herrn Martens Mamselling versehen, guter Hoffnungen voll, den Albatros klar und gingen unter Segel. W?hrend wir nun bei dem leichten Winde im langsamen Schritt dahinsausten, wie man von dem Fuhrwerk meines Grossonkels zu sagen pflegte, der seine Pferde allzusehr schonte, sass Adolf Martens am Steuer, w?hrend ich von Zeit zu Zeit die Wasserkelle kr?ftig handhabte, denn der Albatros hatte wegen der grossen Sommerhitze einen mehr als gew?hnlichen Durst.

Der langgestreckte, buchtenreiche See hatte in dieser Gegend in seinem mittleren Teile eine Landerhebung, die sich wohl dreiviertel Meilen weit erstreckte und sich an manchen Stellen nur als eine stellenweise mit Rohr bewachsene Untiefe dem Auge zeigte, an ihren h?chsten Punkten aber in drei hintereinander liegenden Inseln ?ber den Wasserspiegel hervorragte. Die erste dieser Inseln, die zu dem Gute des Herrn Martens geh?rte, sch?tzten wir sehr, und obwohl sie Rosenwerder hiess, nannten wir sie nur die Robinsonsinsel, denn unser Traum war, dort einmal einige Wochen gleich Robinson und Freitag in der Einsamkeit zu leben. Zu diesem phantastischen Plane hatten wir aber die h?here Einwilligung bis jetzt leider nicht erreichen k?nnen. Die zweite Insel, an der unsre Fahrt vor?berging, war nur klein und bestand zum grossen Teil aus Wiesenland. Auf ihrem h?chsten Punkte, der nur wenige Meter ?ber den Wasserspiegel emporragte, lag unter einer uralten Weide zwischen allerlei Buschwerk eine halb verfallene, unbewohnte Fischerh?tte. In deren Dachraum wurde das auf der Insel geworbene Heu aufbewahrt, um gelegentlich zu Kahn nach einem am benachbarten Ufer liegenden Dorfe abgeholt zu werden. Auch dieses kleine Eiland war ein beliebtes Ziel unsrer Fahrten, denn die alte, verlassene H?tte darauf, deren Th?r schief hing, und deren kleine schwarze Fensterh?hlen wie t?ckische Augen unter einem uralten, riesenhaften Holunderbusch auf uns hinstarrten, hatte etwas h?chst angenehm Schauerliches f?r uns. Wir nannten sie nur das Hexenhaus.

Dann aber tauchte die gr?sste dieser drei Inseln vor uns auf, der Uhlenberg genannt, nach einem stattlichen H?gel, der dort emporragte. Sie hatte den Umfang eines sehr grossen Bauerngutes und war fast ganz mit Wald bedeckt. Das Innere dieser Insel kannten wir zu unserm Leidwesen nicht, obwohl es ungemein fabelhaft und merkw?rdig sein sollte. Denn dort wohnte ein ganz richtiger Robinson, ?ber den die wunderlichsten Geschichten in der Gegend verbreitet waren. Man war sich nicht ganz einig, ob er fr?her als Sklavenh?ndler oder Seer?uber oder in einem ?hnlichen interessanten Berufszweig th?tig gewesen sei; das aber erz?hlte man f?r gewiss, dass er mit seinem Schiffe an einer einsamen Insel im Weltmeer gescheitert und ausser ihm nur ein junges M?dchen gerettet worden sei. Dieses habe er geheiratet und dann mit seiner Frau jahrelang auf der einsamen Insel gelebt. Als dann ein Schiff in diese sonst gemiedene Gegend gekommen sei, seien sie mit einer wundersch?nen Tochter wieder nach Europa zur?ckgekehrt. Dem Herrn Wohland habe aber der Robinson schon so in den Gliedern gesteckt, dass er absolut auf einer Insel habe leben m?ssen, wozu er denn in unserm See die Gelegenheit gefunden und sich den Uhlenberg k?uflich erworben habe. Nun war er schon ein alter Mann und seine Frau bereits vor Jahren gestorben. Seine Tochter hatte sich an den Gutsbesitzer von Borna verheiratet, das auf einem H?henzuge lag und dessen Kirche man so weit im Lande und auch von unserm Dorfe aus sehen konnte. Herr Wohland lebte auf der Insel ganz allein mit einem Diener und einer alten Wirtschafterin; man sagte aber, dass er sich an jedem Morgen, wenn die Luft klar sei, zu bestimmter Zeit von einem Turm aus durch Flaggensignale mit seiner Tochter unterhalte.

Als wir an dieser Insel vor?bersegelten, waren unsre Blicke mit einer gewissen sehns?chtigen Spannung auf sie gerichtet, denn die Geheimnisse ihres Innern h?tten wir gar zu gerne ergr?ndet. W?re nicht die kleine Landungsbr?cke gewesen, an der ein Boot und einige K?hne lagen, und die weissen Warnungstafeln am Ufer, auf denen stand: Das Betreten dieser Insel ist streng verboten! so h?tte man sie f?r g?nzlich unbewohnt halten k?nnen, denn von einem Hause war an keiner Stelle etwas zu sehen. Und doch sollte ein wundervolles Schl?sschen dort liegen, mit Turm, Erkern und Giebeln und ganz ?berrankt mit Rosen und wunderlichen Schlingpflanzen. Auch ein Robinsonh?uschen sollte es dort geben, aus rohen Steinbl?cken und unbehauenen Baumst?mmen erbaut, ganz wie es auf jener einsamen Ozeaninsel gewesen war, und ein Gew?chshaus mit Pflanzen, deren Blumen aussahen wie Schmetterlinge oder Kolibris. Wir w?ren schon zufrieden gewesen, h?tten wir nur einen von den Papageien und andern ausl?ndischen V?geln zu sehen bekommen, die dort in halber Freiheit leben und sogar in den alten hohlen B?umen der Insel nisten sollten; allein nichts dergleichen zeigte sich, nicht einmal ein fremder, unbekannter Schrei war vernehmlich. Nur der Pirol oder Vogel B?low, wie wir ihn nannten, rief unabl?ssig aus den hohen Baumwipfeln, und zuweilen t?nte der schrille Ruf eines Pfaues. Dass Papageien sich dort aufhielten, wussten wir ganz gewiss, denn sie verflogen sich zuweilen in die Umgegend, und einmal war sogar ein derartiges rot und gr?nes Fabelwesen in unsern Garten gekommen und hatte sich an unsern Herzkirschen delektiert. Der Papagei that sehr vertraut, und als ich ihm vorsichtig nachkletterte, um mich seiner zu bem?chtigen, liess er mich ganz nahe kommen; im Augenblicke aber, da ich die Hand nach ihm ausstreckte, sagte er: Spitzbub! und hob sich davon. Ich war ?ber diese wenig schmeichelhafte, aber treffende Anrede so erschrocken, dass ich beinahe vom Baum gefallen w?re.

Als wir die Insel Uhlenberg hinter uns hatten, that sich zur Seite die von hochansteigendem Buchenwald umgebene Bucht auf, die das Ziel unsrer Fahrt war, und eine Viertelstunde sp?ter scharrte unser Kiel auf dem Sande des Ufers. Wir zogen die Jolle ans Land, machten sie fest und freuten uns dann eine Weile der schattigen K?hle des Buchenwaldes, indes wir, auf zwei Steinen am Rande eines glasklaren Baches sitzend, Mamsellings mit Schafk?se und Mettwurst belegten Butterbroten alle Ehre anthaten, wozu wir unsern Durst aus dem k?hlen Rinnsal l?schten und uns dabei jenes Gef?sses bedienten, das Diogenes in seiner letzten, bed?rfnislosesten Periode zu verwenden pflegte. Nachdem wir dann eine kleine Entdeckungsreise in die Umgegend ausgef?hrt hatten, kehrten wir an den See zur?ck, zogen uns barfuss aus bis an den Hals und gingen an unsre Arbeit. Das sehr weit ausgedehnte flache Vorland des Sees war in dieser weiten Bucht mit einer Unzahl von grossen und kleinen Felsbl?cken bestreut, die sich zum Teil ?ber den Wasserspiegel erhoben, zum gr?sseren Teil aber, von der leicht bewegten Flut bedeckt, mit wechselnden Umrissen und ver?nderlicher Gestaltung aus dem wallenden Krystall hervorschimmerten. Unter diesen Steinen fanden die Krebse unz?hlige Schlupfwinkel, und da zu jener Zeit das grosse Sterben noch nicht durch die deutschen Gew?sser gegangen war, so hatte fast jede dieser kleinen H?hlen auch ihren Bewohner. Bei schw?lem Wetter gehen die Krebse gern spazieren, und so sahen wir auch bald deren auf dem weissen Sandgrunde herumwandern. Ein lustiger Anblick war es, wenn sie bei unserm Nahen mit kr?ftigen Schwanzschl?gen sich eilig wie der Blitz r?ckw?rts zu ihren Schlupfwinkeln fl?chteten. Doch es half ihnen nichts, denn wir waren hinterher und holten sie hervor, ob sie sich noch so sehr str?ubten und uns mit den kr?ftigen Scheren in die Finger zwickten. Die Jagd lohnte, und als wir das kahnf?rmige durchl?cherte Holzgef?ss, das hinter unsrer Jolle schwamm, zur H?lfte gef?llt hatten, sagte Adolf Martens: Junge di, das fluscht heut! Und was f?r Bengel sind dabei, Kerls wie kleine Hummern.

Aber unsre Zahl war noch nicht voll, und indem wir das schwimmende Gef?ss mit uns zogen, begaben wir uns an eine andre Stelle der Seebucht in der N?he des Rohrs, wo wir m?chtige F?nge machten, so dass unser Gef?ss bald fast gef?llt war und wir genug hatten. Als mein Freund Adolf dann in dem knietiefen Wasser noch eine Weile leise watete und sich umschaute, rief er pl?tzlich: Horre, was n Tier! st?rzte platschend davon und langte unter einen m?chtigen Stein. Ich hab ihn, ich hab ihn! schrie er. Au, au, das Untier hat mich! Der wehrt sich aber! Nach einer Weile zog er ihn aber doch hervor, einen riesigen Krebs, der sich mit m?chtiger Schere in seinen rechten Daumen verbissen hatte, und tanzte eine Weile teils vor Freude, teils vor Schmerz in dem platschenden Wasser herum. Dann fasste er den Krebs mit Daumen und Zeigefinger der Linken sanft um den Leib und hielt ihn mit beiden H?nden unter Wasser, worauf das Tier, um zu entfliehen, den Daumen freigab. Wir bewunderten diesen Riesenkrebs noch eine Weile, w?hrend er klatschend mit dem Schwanze seinen Bauch peitschte und mit den gewaltigen Scheren fruchtlos in die Luft schnitt, und thaten ihn dann zu den ?brigen.

Den holt sich morgen Onkel Scholz, meinte Adolf. Weisst du, dann sagt er: ,Bei Krebsen ist es erlaubt, nach dem gr?ssten zu greifen. Und steht auf, so lang er ist, und sieht sich die Sch?ssel von oben an. Und f?hrt zu wie ein Stossvogel und hat den gr?ssten gefasst, der in der Sch?ssel ist. Wir hatten in unserm Jagdeifer nicht darauf geachtet, dass unterdess der Wind sich gelegt hatte und eine br?tende Stille eingetreten war. Pl?tzlich schwand der Sonnenschein hinweg, und der See lag in einem seltsamen, bleifarbigen Lichte da, w?hrend das gegen?berliegende ferne Ufer noch in sonnigem Gr?n gl?nzte. ?ber die Buchenwipfel sahen die schimmernden weissen R?nder eines m?chtigen Wolkengebirges hervor.

Da kommt ja wohl ein Wetter auf? sagte Adolf.

Eine ferne, tiefe, grollende Stimme murrte ganz sanft hinter den Bergen wie zur Bejahung dieser Frage.

Nun rasch nach Hause! rief mein Freund. Wenn das nur gut geht! Wir banden unser Gef?ss mit Krebsen an die Jolle, st?rzten an Land und fuhren so schnell wir konnten in unsre Kleider. Dann griffen wir zu den Riemen und ruderten eilig in den See hinaus. Ein finsteres, lauersames Schweigen hatte sich ?ber seine glatte Fl?che gebreitet, und das sonnige Gr?n des gegen?berliegenden Ufers war ausgel?scht. Je weiter wir hinauskamen, je h?her stieg das Wolkengebirge mit den schimmernden R?ndern hinter der dunkelgr?nen Buchenwand empor, und sein dunkelblaugrauer Kern kam zum Vorschein, w?hrend aus ihm ein stetes Murmeln und Rollen unheimlich in die bange Stille t?nte.

Dass wir mit dem Leichtsinn unsrer dreizehn Jahre uns unter diesen Umst?nden auf den See hinaus begaben, war sehr th?richt; vern?nftig w?re es gewesen, am Lande das Wetter abzuwarten, doch als uns diese Erkenntnis kam, war es schon zu sp?t, denn mit einem Male entstand ein gewaltiges Rauschen und Sausen in den Wipfeln des schon ziemlich fernen Buchenwaldes, von dem Rande des d?steren Wolkengebirges l?ste sich ein weisslicher Dunst, der mit rasender Schnelligkeit den Himmel ?berzog, und dann, wie mit tausend kleinen F?ssen das Wasser kr?uselnd, sauste die Gewitterb?e heran und st?rzte sich schwer in das Segel, so dass die alte Jolle auf der Seite lag und einiges Wasser ?bernahm. Aber Adolf Martens hatte gut auf das Segel gepasst, und w?hrend ich nun wie wahnsinnig das Wasser aussch?pfte, sausten wir dahin in einem Tempo, wie wir das bei dem gebrechlichen Fahrzeug noch nicht erlebt hatten, indes der Regen in Str?men auf uns niederklatschte und das gewaltige Knattern und Rollen des Donners endlos war.

Junge di, wie das kitscht, sagte Adolf Martens, solche Fahrt hat der Albatros sein Lebtag noch nicht gemacht. Wenn dies nur gut geht. Kommt nun noch ne tollere B?e, dann ist der Teufel los! Ich glaube, das beste ist, wir laufen beim Uhlenberg auf den Strand!

Als wir nun unsre Blicke auf diese Insel richteten, sahen wir durch den Regenschleier zwei M?nner, die auf der Landungsbr?cke standen und Zeichen machten und uns offenbar etwas zuriefen, denn sie legten von Zeit zu Zeit die H?nde an den Mund. Wir verstanden aber nicht, was sie wollten. Der Sturm hatte etwas nachgelassen, da wir in den ?berwind eines sehr hohen bewaldeten Uferh?gels gekommen waren, und wir fingen schon an, Mut zu sch?pfen, zumal das Gewitter auf der H?he war und Blitz und Schlag sich in kurzem Zeitraume folgten; da wendete ich pl?tzlich meinen Blick nach der Windseite, und in demselben Augenblick rief ich auch schon: Adolf, pass auf! die B?e, die B?e!

Der stattliche H?gel, der uns bis dahin einigen Schutz gew?hrt hatte, fiel nun ziemlich steil ab, und dadurch that sich am Ufer eine ziemlich breite Schlucht auf, die dem Winde ungehinderten Durchgang gew?hrte. Dergleichen Bildungen, die sich h?ufig finden, sind es, die das Segeln auf den meist langgestreckten, aber wenig breiten norddeutschen Seen so gef?hrlich machen und bei b?igem Wetter die stete Aufmerksamkeit des Seglers erfordern. Ein neuer Vorstoss des Windes kam nun mit ungeschw?chter Kraft durch diese L?cke dahergesaust, man sah an der kurz gekr?uselten See, wie er gelaufen kam, und pl?tzlich war er da. Meines Freundes Segelkunst war zu Ende. Der Albatros legte sich ganz auf die Seite, nahm eine ungeheure See ?ber, sch?ttete uns ganz sacht aus und kenterte, so gr?ndlich wie ein Boot nur kentern kann; er sah sich den Himmel mit dem Kiel an.

Zum Gl?ck konnten wir, wie schon gesagt, schwimmen wie die Fischottern, hatten alsbald jeder einen der treibenden Riemen erfasst und schnaubten und pusteten ziemlich in dem tosenden Wirrwarr, wo uns alle Augenblicke eine der schaumgekr?nten Wellen ?ber die K?pfe hinwegging. Junge di, was n Hoppei! sagte Adolf Martens.

Schneller, als man es sagen kann, waren die beiden M?nner auf der Landungsbr?cke, Herr Wohland und sein Diener, in ein bereitliegendes Boot gesprungen und trieben es nun mit starken und kunstgerechten Ruderschl?gen durch Schaum und Gischt und Wellengewoge auf uns zu. Es dauerte nicht lange, so wurden wir von kr?ftigen Armen in das Boot gezogen und unsre beiden Riemen, die wir nat?rlich nicht fahren lassen wollten, ebenfalls geborgen Unsre Jolle und unsre Krebse! rief Adolf, indem er dem kieloben davontreibenden Fahrzeuge nachsah. Der Diener des Herrn Wohland stiess ein kurzes, h?ssliches Lachen aus, und um seinen bartlosen Mund zog ein Grinsen. Er starrte mit kleinen gr?nlichen Augen, die tief unter gelblichen Augenbrauenw?lsten hervorglimmerten, auf uns hin, spuckte mit grosser Virtuosit?t einen gelblich gef?rbten Strahl seitw?rts in den See, rollte mit der Zunge etwas Klumpiges, das er in seinen Backentaschen trug, an einen andern Ort und knurrte dann: Dei J?ll ward woll einerwegt andrieben. Un von wegen dei Krewt, dor freut Jug man, dat Jug dei Krewt nich hebben!

Dies schien er f?r einen trefflichen Witz zu halten, denn er lachte noch einmal in seiner fatalen Weise, und ich gewann die ?berzeugung, dieser von ihm angedeutete Ausgang unsers Abenteuers w?re seinem Herzen weit sympathischer gewesen.

Dieser Mensch zog meine Augen mit d?monischer Kraft auf sich, und ich konnte nicht von ihm wegsehen, obwohl ich mich f?rchtete, seinem Blick zu begegnen. Er trug weder M?tze noch Hut, und seine graugelblichen Haare standen ihm buschig um den Kopf, w?hrend ein Backen und Kinnbart von gleicher Farbe sein erdiges Gesicht gleich einer M?hne umgab. Alles dies, die H?cker ?ber den wulstigen Augenbrauen, der sehr vortretende untere Teil seines Gesichtes mit dem breiten, schlitz?hnlichen Munde und den schmalen Lippen, die ?bernat?rlich langen Arme, aus deren ?rmeln langfingerige, rotbraune, mit Haaren bewachsene H?nde weit hervorschauten und die Ruder f?hrten, alles dies brachte mich auf den verr?ckten Gedanken, Herr Wohland habe sich einen der grossen Menschenaffen gez?hmt und ihm sogar mit wunderbarer Kunst das Sprechen beigebracht.

Einstweilen hatte ich aber keine Zeit, diesen wunderlichen Betrachtungen weiter nachzuh?ngen, denn wir hatten das Land erreicht und stiegen aus.

Herr Wohland, der bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte, sagte auch nun nichts, sondern forderte uns nur durch eine Handbewegung auf, ihm zu folgen. Ich wechselte einen Blick mit Adolf, dem ich anmerkte, dass es ihm gefiel, durch diese Wendung der Dinge in das geheimnisvolle Innere der Insel zu gelangen. Die unterdr?ckte Freude leuchtete ihm aus den Augen. Fein! sagte er nur ganz leise und nickte mir zu.

Der Fahrweg, sichtlich seit lange nicht benutzt, war mit Gras bewachsen und stieg langsam bergan, mit seinen Windungen den tiefsten Bodenstellen zwischen zwei benachbarten H?geln folgend. Es war dort dunkel, obwohl die Sonne schon wieder schien, denn ein unglaublich dichter Baumwuchs schloss ihn ein und w?lbte sich dar?ber hin. Einzelne alte Eichen und riesenhafte, knorrige wilde Obstb?ume bildeten den Bestand, und dazwischen waren als Unterholz Dornb?sche aufgeschossen, die ein undurchdringliches Dickicht bildeten und sich mit starken, schwarzen, gewundenen St?mmen und dunklen Kronen zu uralten B?umen ausgewachsen hatten. Nach dieser dumpfigen Urwaldsdunkelheit war es um so wirksamer, als wir pl?tzlich von einem schmalen Seitenpfade aus auf eine sonnengl?nzende Lichtung traten und vor uns auf der Anh?he ein Haus mit vielen Giebeln und einem Turm erblickten, das ?berall mit dem mannigfachsten Rankenwerk bis zur Galerie des Turmes ?berwachsen war, so dass man an keiner Stelle etwas vom Mauerwerk erblicken konnte. Selbst ?ber die steilen schwarzen Schieferd?cher spannen sich hier und dort die schnurgeraden Ranken des wilden Kletterweines dahin. Doch hatten wir jetzt keine Zeit, noch weitere Beobachtungen zu machen, denn Herr Wohland ging mit uns rasch auf das Haus zu und stellte an uns das energische Verlangen, uns auszuziehen und ins Bett zu gehen. Dies war nun allerdings ungeheuer gegen unsre Ehre, denn wenn wir einmal im Sommer ins Wasser fielen oder vom Regen durchn?sst waren, wie es oft geschah, so hielten wir es f?r die einzige m?nnerw?rdige Methode, unsre leinenen Anz?ge an Sonne und Luft wieder trocknen zu lassen, w?hrend wir darin blieben. Wir schlugen vor, zur Beschleunigung dieses Trockenverfahrens draussen im Sonnenschein allerlei Dauerl?ufe und akrobatische Kunstst?cke wie Radschlagen und dergleichen zu verrichten, und beschworen, dass wir die Erspriesslichkeit dieses Verfahrens in unz?hligen F?llen schon erprobt h?tten, allein das half uns alles nichts. Herr Wohland l?chelte zwar ein wenig, aber er f?hrte uns in ein Zimmer, in dem ein grosses breites Bett, wahrscheinlich sein eignes, stand, blitzte uns mit seinen dunkelgrauen Augen an und sagte nur, indem er auf das Bett deutete: Rein! Halbe Stunde drin bleiben. In f?nf Minuten komm ich wieder. Damit ging er hinaus.





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