Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Aber da wir selbst Organismen sind, so beginnt f?r uns der Vollklang der Natursymphonie erst so recht eigentlich mit dem Organischen, mit der Vegetation. Wir steigen hinab von den Bergw?nden und haben die Wahl zwischen Wiesen, G?rten und Dschungeln. Hat die Natur hier ganz selbst?ndig gewaltet? haben Menschenh?nde mitgeholfen, um die ?ppigkeit noch zu ?berraffinieren? Ans?tze von Gartentechnik scheinen vorhanden, hier und da schimmert ein Promenadenweg, ein Pavillon, ein Springbrunnen durch das Gewirr. Aber diese Nachhilfen haben ersichtlich nur den Zweck, zu verh?ten, da? eine Sch?nheit die andere erdr?cke; sie sollen d?mpfen, nicht erh?hen; sie treten nicht mit der Selbstbewu?theit auf, wie in den Landsitzen mit feenhafter Ausstattung, die Tasso und Ariost in ihren Gedichten feiern. Man hat sich nicht angestrengt, und man brauchte auch keinen besonderen Flei? aufzubieten, denn hier waren schon tausend nat?rliche Feen am Werke, um den Zauber der Kunst ?ber die elementaren Sch?pfungen auszugie?en. Alle Erinnerungen an jemals erlebte ?ppigkeiten verbla?ten vor dieser Verschwendung. Ich versuchte zur?ckzudenken an die Palmen von Bordighera, an die florentinischen G?rten, an die G?rten von Pallavicini und von Mortola, allein ich gab es bald auf, Vergleichspunkte herbeizuholen. Wo blieben die flammenden Rhododendren, die ungeheuren Magnolien der Villa Carlotta bei Bellaggio? Das waren stammelnde Andeutungen einer Natur, die erst hier vegetative Sprache gewonnen hatte. Und welch ein Leben zwischen den Fiederbl?ttern der Palmen, ?ber den Dolden und Kelchen! Die Luft jonglierte mit unwahrscheinlichen Schmetterlingen, mit V?geln, die vom Kolibri die Zierlichkeit, vom Paradiesvogel die Pracht, von der Nachtigall den Gesang entliehen zu haben schienen, mit Gesch?pfen, die sich in Zephyr badeten, aber nach Gestalt und Eigenart in der uns bekannten Klassifikation nicht unterzubringen waren. Wie denn hier nichts in die gewohnte Ordnung der Dinge pa?te; weder die eingeschnittenen Buchten mit nordischem Fjordcharakter, die trotzdem Ausblicke auf vorgelagerte Inselchen wie Isola Bella gew?hrten, noch die Einzelheiten, welche die Szenerie belebten. Gewi?, es w?hrte einige Zeit, bis wir uns von der Verwirrung erholten und unsere Empf?nglichkeit auf die neuen Eindr?cke umzustellen vermochten. Dann aber ?berkam es uns wie eine zum ersten Male erlauschte Sph?renharmonie, wie ein jenseitiges Gl?ck, das ins Diesseits ?bergriff, mit einer Gr??e und Sch?nheit des Stils, die in uns die Mitt?tigkeit der unbekannten Sinne erweckte.

Erst allm?hlich gelangten wir zu der Erw?gung, wie fruchtbar wohl die Insel sein m?sse, im Sinne des praktischen Nutzens. Wenn irgendwo, so war hier das Gel?nde, auf dem man ernten konnte ohne zu s?en, und wo das Bibelwort vom Schwei?e des Angesichts seine Geltung verlor. Ich entsann mich der d?rftigen Analogien aus dem Boden der alten Welt: in Ceylon w?chst eine Banane, die 130 mal mehr Nahrungsstoff erzeugt als Weizen auf gleichem Boden; aber dieser Multiplikator war sicherlich verschwindend gegen die Ergiebigkeit der Gew?chse auf Vl?ha. Sonach war anzunehmen, da? die Bewohner, unber?hrt von jeder materiellen Sorge dem Genu? leben durften, h?chstens auf Ma?regeln bedacht, wie sie sich des wuchernden ?berflusses zu erwehren h?tten.

Freilich bemerkten wir zuerst nicht allzuviel von der paradiesischen Frohlaunigkeit, die bei der Bev?lkerung als selbstverst?ndlich vorauszusetzen war. Allein wir hatten ja anf?nglich mit der Betrachtung der Naturwunder so viel zu tun, da? wir kaum irgendwelche Aufmerksamkeit f?r die Menschen zu er?brigen imstande waren. Es war ja auch nicht n?tig, da? diese die Symbole ihres Gl?ckes wie eine Kokarde heraussteckten, wenn sie nur innerlich so zufrieden waren, wie sie bei solcher Freigebigkeit des Himmels Ursache hatten, es zu sein.

Es gibt in der Stadt Vl?ha leidlich eingerichtete Gasth?fe, in der Umgebung Rasth?user und primitivere Bungalows mit und ohne Verpflegung, nach Art der ostindischen, und diese Unterk?nfte sind den Bed?rfnissen einer Reisebev?lkerung angepa?t, die auf der Insel keine unbetr?chtliche Rolle spielt. Denn Vl?ha genie?t im ganzen Archipelagus verdiente Ber?hmtheit und lockt aus minder gesegneten Eilanden Touristen, die in ihrer Heimat jahr?ber hart arbeiten, um hier einige freudige Ferienwochen zu genie?en. Hieraus erkl?rt sich auch, da? das Gebiet von Verbindungsmitteln durchzogen ist, bis hinauf zu Steil und Drahtseilbahnen, welche die alpinen Herrlichkeiten f?r rasche und bequeme Besichtigung erschlie?en. Aus eigenem Antrieb h?tten die Vl?hanesen desgleichen wohl kaum angelegt, ja nicht einmal an ihnen werkt?tig mitgewirkt; aber sie hatten auch nichts dagegen, da? die Fremden, will sagen die Insulaner aus der Ferne, mit ihren Kapitalien, Maschinen und Menschenkr?ften hier eingriffen. Sie selbst benutzten die Kommunikationsmittel nur in sehr sp?rlichem Grade, da sie f?r Ausfl?ge, und nun gar f?r Hochgebirgstouren urspr?nglich nur geringes Interesse besa?en.

Was uns selbst anlangt, die wirklich Fremden, die Entdecker, so f?hlten wir uns hier, wie fast durchweg auf unserer Expeditionsfahrt, kaum als Objekt der Neugier; wie wir auch reziprok keinen erheblichen Anla? zum Erstaunen hatten, da diese Insulaner in Aussehen und Tracht von den uns bereits bekannt gewordenen Typen nicht sonderlich abwichen. Sie waren um eine Schattierung dunkler als die Bal?utenser, in den Bewegungen l?ssiger, im Gesichtsausdruck k?hler. Ihre Bekleidung war dem Klima angepa?t, zumal die der Frauen und M?dchen, auf deren Stoffe die Bezeichnung des Petronius pa?te: gewebter Wind. Sie trugen ihre gewirkten Nebel mit unstudierter Anmut, ohne sich dessen bewu?t zu werden, da? von ihnen ein sinnlicher Reiz ausstrahlte. Unklar blieb die Optik ihrer Augen, die hin und wieder seelischen Ausdrucks f?hig, bisweilen gl?sern erschienen. Tritt der Mensch dem Menschen als eine Ladung von Energien gegen?ber, so hatte ich den Eindruck, als ob diesen Leuten in ihren Energien eine Dimension fehlte.


* * *

Wir installierten uns fl?chtig in einem Gasthof, der zuf?llig viel freie R?ume darbot, und Herr Mac Lintock hielt es f?r angebracht zwei ganze Stockwerke zu belegen, mehr der Repr?sentation als der Notwendigkeit wegen. Denn wir wollten uns wesentlich nomadisch einrichten, unter Mitwirkung von Zelten, f?r deren Transport wir Tr?ger zu finden hofften. Aber der Amerikaner wollte auch eine Residenz in der Stadt haben und hier den Leuten etwas zu verdienen geben. Er fragte deshalb nach den Preisen und stie? auf Taxen von m?rchenhafter Billigkeit. Da herrschten patriarchalische Zust?nde, im Haus f?r Wohnung und Verpflegung, entsprechend den Marktpreisen, die ich eigentlich in einer Tabelle hierhersetzen m??te, um bei den Lesern ein Gef?hl woll?stigen Neides zu erwecken. Es war wie eine Reise in l?ngstvergangene Jahrhunderte, wo man nach den ausf?hrlichen Rechnungsbelegen des Albrecht D?rer f?r etliche Wei?pfennige in den Herbergen sich mit Schmaus und Gezech fr?hliche Tage machen konnte. Mac Lintock erkl?rte durch Dolmetsch, er behielte sich vor, die ihm genannte Taxe merklich zu erh?hen und bei befriedigender Leistung eventuell zu verzehnfachen. Aber der erwartete Effekt blieb aus, unsere Wirtsleute, ein Ehepaar in mittleren Jahren, trafen nicht die geringsten Anstalten zu freudiger Dankes?u?erung. Im Gegenteil entgegnete der Wirt ganz ruhig: wenn der fremden Gesellschaft die Preise nicht gefielen, so st?nde es ihr ja frei, anderswo Einkehr zu suchen.

Donath brachte die Sache rasch und taktvoll in Ordnung und erkundigte sich noch nebenbei nach einer Einzelheit, die ihm am Herzen lag. Auf einer Insel, die schon von weitem gesehen, einen so durchaus tropischen Eindruck machte, m??te man doch auch gewisse zoologische Zugaben bef?rchten, etwa Schlangen und Skorpione, und er w?nsche zu wissen, wie man sich gegen derartige Besuche in den Zimmern am besten sch?tzte.

Der Wirt begriff die Frage nicht recht, und er konnte sie auch nach Ma?gabe seiner zoologischen Kenntnisse nicht ausreichend verstehen. Denn die angedeuteten Tiersippen, die sonst als so wesentliche Begleiter extravaganter Natur erscheinen, fehlen fast g?nzlich im Register dieser Insel. Ihre Gebelaune findet hier eine Begrenzung, und ihre Fauna reicht eben nur so weit, als die Species f?r den Menschen mit Nutzen und Erfreulichkeit in Betracht kommen. Von Schlangen insbesondere erzeugt Vl?ha nur eine einzige Art, eine Klapperschlange, die wie wir sp?ter erfuhren in den mit jungem Nachwuchs gesegneten Haushaltungen als lebendige Kinderklapper beliebt ist. Giftz?hne? ein unbekannter Begriff. Allerdings bes??en diese Tiere Zahndr?sen, die eine eigent?mliche Substanz absondern, n?mlich ein Opiat, das sich herausziehen l??t und bei Schlaflosigkeit gute Dienste leistet.

Wir machten uns auf die Wanderschaft, um uns zuerst einmal mit den gro?en Eindr?cken zu s?ttigen, die mit Sicherheit zu erwarten waren. Die Bekanntschaft mit den Menschen, ihren Denkarten und Einrichtungen, das hatte Zeit und trat f?r uns zur?ck, besonders f?r mich, der ich von tiefem Mi?trauen durchdrungen bin gegen den Chorsatz des Sophokles Vieles Gewaltige lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch! Hier vollends h?tte es hei?en m?ssen nichts ist nebens?chlicher als der Mensch; seine Kleinheit, seine Schw?che und Unwichtigkeit konnte nirgends so evident sein, als in einer Natur, die sich selbst au?ermenschlich so gewaltig in Szene setzte.

Auf dem Marktplatze bemerkten wir einen Trauerzug mit einem Wagen in der Mitte, der zwei mit Blumen umwundene S?rge trug. Sollten wir das etwa f?r ein unangenehmes Omen halten? Ich war zu solch tr?bseliger Erw?gung nicht recht aufgelegt, zumal ich in dem sp?rlichen Gefolge die menschen?bliche Andacht vermi?te. Die Leute schlenderten, und der Kondukt verlor sich in eine Seitenstra?e, um dort vor einem tempelartigen Bau haltzumachen. Wahrscheinlich sollten hier die beiden Leichen mit irgendwelchen Formalit?ten eingesegnet werden, und es w?re interessant gewesen, diesen Ritus kennen zu lernen. Allein unser Programm wies uns gebieterisch aus der Stadt hinaus und verstattete keine Abzweigung in Raum und Zeit. Da waren wir schon bei den letzten Ausl?ufern des Ortes, die sich malerisch am H?gel hinauflehnten. Und hier gab es auch wirklich, von uns als unverhoffte Bequemlichkeit begr??t, einen Triebwagen, der uns rasch weiter bef?rderte; erst in sanfter Hebung, dann steiler anstrebend zu jenen alpinen H?hen, deren Magie jeden Kulturmenschen so unwiderstehlich beeinflu?t. An einer Haltestelle stiegen wir aus und teilten unseren Trupp. Die Mehrzahl der Herren vermutete ganz mit Recht in der N?he noch besondere Aussichtspunkte und begab sich zur Rekognoszierung ?ber eine Halde, die mit edelwei?artigen Sternchen bestickt erschien. Ihr Ziel war ein isolierter Gipfel, den der Kapit?n, nach Augenma? zu urteilen, als in einer Stunde ersteigbar erachtete. Eva und ich blieben zur?ck, da sie einen Horizontalweg bevorzugte, dessen Eigenart sie noch sympathischer ansprach. Die Wiedervereinigung wurde nicht chronometrisch vereinbart; Zufall und Laune sollten ein wenig mitspielen, man w?rde sich schon wieder treffen.

Wir beide ?berschritten eine Alm und gelangten nach einer Pfadbiegung an einen Vorsprung, der einen ganz neuen Prospekt entschleierte. Eva meinte, er erinnere weitl?ufig an einen bestimmten, sehr ber?hmten Punkt in den Rocky Mountains. Was mich betrifft, so meinte ich gar nichts. Mir hatte die Gewalt des Eindrucks die Sprache verschlagen. Eine Steinbank lud uns zum Sitzen, und die Amerikanerin, die kleines Malger?t mitgenommen hatte, schickte sich an, eine Skizze zu entwerfen, was mir im Moment ganz erw?nscht war, da ich dadurch der Verlegenheit ?berhoben wurde, Unaussprechbares konventionell in Worte zu fassen.

Nach einiger Zeit kam ein ?lterer graub?rtiger Mann einher, auf Sandalen schreitend, in der Tracht der Insulaner; er ging barh?uptig, besa? indes eine auf den R?cken zur?ckgeklappte, an einer Halsschnur befestigte Mitra, die auf besondere Standesw?rde schlie?en lie?. Beim langsamen Dahinwandern las er aufmerksam in einem Buche und er schritt vor?ber, ohne von uns Notiz zu nehmen, obschon ein fl?chtiger Seitenblick verriet, da? er uns bemerkt hatte. Nach etwa zwanzig Sekunden z?gerte er, ?berlegte, senkte das Buch, kehrte um, blieb vor uns stehen und sagte:

Beg Your pardon, I was inattentive. I was obliged to willcom You. I do it now.

Mit stummer Bewegung erwiderten wir diesen auff?lligen Gru?. Er lie? sogleich die Erkl?rung folgen, indem er in leidlichem Englisch erg?nzte:

Ich wei?, wer Sie sind, und darf nicht annehmen, da? Sie unsere Landessprache ausreichend verstehen. Aber ich selbst war einstmals drau?en in der weiten Welt und habe viel studiert.

Ich entgegnete, da? seine ?berlegene Sprachkenntnis uns allerdings sehr willkommen w?re, und da? wir es dankbar begr??en w?rden, wenn er einige Minuten bei uns verweilen wollte.

An Zeit fehlt es mir nicht, sagte der Eingeborene. Meine Gesch?fte lassen mir sehr viel Mu?e, obschon sie mich nach europ?ischer Auffassung stark beanspruchen m??ten. Wof?r halten Sie mich?

Nach Ihrer Mitra zu urteilen, d?rften Sie Priester sein; andere Anzeichen lassen auf einen weltlichen Gelehrten schlie?en.

Beides ist richtig und wir k?nnen es dabei bewenden lassen. Aber da Sie uns von weither aufsuchten, um Land und Leute kennen zu lernen, f?ge ich hinzu: ich bin der h?chste Beamte dieses Landes.

Oh, der Pr?sident von Vl?ha! Vorausgesetzt, da? wir uns hier in einer Republik befinden.

Auf das Wort kommt es nicht an, nicht einmal auf den Begriff. Wir besitzen keine urkundlich niedergelegte Verfassung; nur ein gewisses Gewohnheitsrecht, worin der Titel gar keine und die Funktion eine variable Rolle spielt. Wollen Sie mich Pr?sident nennen? Nichts dagegen einzuwenden. Ebensogut w?re zu sagen: ich bin hier K?nig.

Beides geht doch nicht zusammen. Entweder Republik oder Monarchie.

Oder ein drittes, das keinen Namen hat und keinen zu haben braucht. Es ist Vl?ha, das gen?gt. Die Gesetze schweben in der Luft, und es steht keine erzwingende Gewalt hinter ihnen; aus dem einfachen Grunde, weil hier von unwesentlichen Ausnahmen abgesehen keine Willenstr?ger existieren, die irgend etwas erzwingen wollen. Die Meinungen und W?nsche finden sich wie von selbst zusammen, ohne Reibung, ohne Aufregung. Einer dieser W?nsche geht dahin, da? einer bestimmten Person Verehrung erwiesen wird. Seit etwa drei?ig Jahren bin ich diese Pers?nlichkeit. Bes??e ich einen Sohn, so w?rde dieser vermutlich nach meinem Tode als Objekt der n?mlichen Verehrung in Betracht kommen.

Und damit w?re der Tatbestand der erblichen Monarchie erf?llt.

Doch nicht. Zu irgend einer Zeit k?nnte sich jener Verehrungswunsch ?ndern oder g?nzlich erl?schen. Sie denken gewi? dabei an Verfassungsumsturz oder Staatsstreich. Aber wie soll eine Verfassung st?rzen, die als solche gar nicht vorhanden ist? Ebensowenig wie bei den Singv?geln, die unsere W?lder bev?lkern und die ganz ertr?glich dahinleben, ohne eine Magna Charta zu besitzen.

Das ist doch nicht dasselbe. Sie selbst sagten, Sie seien hier K?nig. Sie m?ssen also k?nigliche Funktionen aus?ben und betr?chtliche Machtvollkommenheiten innehaben.

Nein. Ich bin nur darum K?nig um bei Ihren Vokabeln zu bleiben , weil auf der Insel kein Mensch lebt, der mehr K?nig w?re als ich. Und die k?niglichen Funktionen beschr?nken sich darauf, da? ich gewisse Dinge anordne, die sich auch ohne mich als allgemein einleuchtend und selbstverst?ndlich ergeben w?rden. Man traut mir die Weisheit zu, die priesterliche Begabung, heute als zweckdienlich zu erkennen, was morgen von allen anderen als zweckdienlich erkannt wird. Es ist also wesentlich eine zeit?konomische Betrachtung, welche die Leute veranla?t, mir diese Funktion zuzuweisen. Sie glauben, da? ich etwas rascher denke, als sie.

Und wenn dieser Glaube eines Tages schwindet?

Dann erlischt die Funktion; wie eine Flamme, deren Brennstoff aufgezehrt ist. Ob zugunsten eines anderen, das l??t sich nicht vorhersagen und macht uns auch nicht die geringste Sorge. Es wird schon irgendwie weiter gehen. Vorl?ufig ist es, wie es ist. Was vielleicht nach Jahren wird, kann uns gleichg?ltig erscheinen. Lebt doch der Mensch in die Zeit hinein, ohne auch nur die Ereignisse der n?chsten Sekunde zu erfassen. Unser Inselboden wird unterirdisch geheizt, und diese Heizung kommt in dem gro?en Vulkan Atrato sichtbar zum Vorschein. W?hrend wir hier reden, kann uns eine vulkanische Katastrophe ?berfallen und ganz Vl?ha vernichten. Sollen wir dagegen Vorkehrungen treffen?

Das ist doch ein Unterschied, sagte Eva; im Ablauf der Menschenexistenzen ist doch sehr viel voraussehbar, und man kann rechtzeitig Ma?nahmen ergreifen, um ?bles zu verh?ten.

Unbestreitbar, meine Dame, und wir nehmen auch auf solche Ma?nahmen Bedacht. Nur da? wir sie nicht in eine Verfassung verlegen, in ein Schema von paragraphierten Einrichtungen, sondern in die Menschenseele. Wir verh?ten das ?bel, indem wir die M?glichkeit des ?bels ?berhaupt beseitigen. Und dazu gibt es Methoden, die sich bei uns seit vielen Jahrhunderten vollkommen bew?hrt haben. Er hielt inne und bog scheinbar ab: eine Frage, Fr?ulein, mit was waren Sie eben besch?ftigt, als mein Vor?berkommen Ihre Hantierung unterbrach?

Ich entwarf eine Skizze, oder vielmehr, ich versuchte zu skizzieren; denn was man von solcher Landschaft in Strichen und Farben festh?lt, m??te ja selbst dem gr??ten Meister ganz ?rmlich geraten.

Und weshalb versuchten Sie?

Um ein Andenken zu behalten. Wer ein bi?chen k?nstlerisch veranlagt ist, der w?nscht doch ein Abbild zu gewinnen.

Das Abbild h?tte Ihnen auch ein Spiegel geliefert; und ein weit getreueres.

Aber ein Spiegelbild kann man doch nicht mitnehmen!

Gerade darin liegt sein Wert. Es zeigt sich dem K?nstlerbild ?bergeordnet dadurch, da? es sofort verschwindet. Wenn der Spiegel denken k?nnte, so w?rde er urteilen: es verlohnte sich nicht, das festzuhalten; ich verliere es auf immer, und darin ruht die Garantie, da? es mich nie wieder behelligen wird. In der Seele des Spiegels besteht die Ma?nahme, sich von allen Eindr?cken, denen sie unterliegt, in der raschesten Weise zu befreien

Sie wollen vielleicht darauf hinaus, da? auch die Menschenseele eine ?hnliche Ma?nahme treffen k?nnte. Erstens bestreite ich das, und zweitens, wenn es gel?nge, w?re es doch ein unerme?liches Ungl?ck. Der Mensch w?rde einfach aufh?ren, Mensch zu sein.

Er w?rde anfangen, einer zu werden. Um dies einzusehen, bedarf es freilich einiger Umwege. Bleiben wir einstweilen bei der Landschaft. Sie schw?rmen daf?r und saugen aus ihr ein Gl?cksgef?hl. Weil Sie sich triebhaft den Eindr?cken ?berlassen, und die Intelligenz ausschalten. Spr?che n?mlich der Intellekt mit, so m??te er Ihnen sagen, da? diese Eindr?cke sich aus Elementen zusammensetzen, von denen nicht ein einziges die geringste Wesensprobe aush?lt. Sie sehen zun?chst Linien und Bergkonturen

Und was f?r welche!

Entz?ckende, so meinen Sie; absolut gleichg?ltige, so sage ich. Pr?fen wir: Zugrunde liegen geometrische Dinge, die sich optisch auf Ihrer Netzhaut in Miniaturen abmalen. Diese winzigen Linien und farbigen Fl?chen sind in Zahlen aufl?sbar, nach Verlauf und Lichtschwingung, ja sie sind ?berhaupt gar nichts anderes als die Verh?ltnisse der Zahlen, die sich in ihnen objektivieren. Hier n?hern wir uns der Wahrheit, die ja auch ihr Europ?er und Amerikaner, wenn es euch gerade so pa?t, ?ber den leeren Schein stellt. Denn so wie es in Wahrheit unter den Zahlen au?er dem Gr??er und Kleiner keine Rangordnung gibt, wie die Million nicht wichtiger, nicht edler, nicht sch?ner ist, als die sieben, so beansprucht auch kein Zahlenbild, keine Figur einen Vorrang vor einer anderen.

Nur dann nicht, wenn im empfangenden Organ die Romantik fehlt und die ?sthetik.

Also Zust?nde, die gewisse Kulturmenschen erfunden haben, und von denen andere Kulturmenschen nichts wissen. Dem Aristoteles galt der Kreis als vollendete Figur, das war die ?sthetik des Aristoteles. Ein f?r Tonschwingung empf?nglicher Denker preist die Sinuslinie, die Wellenlinie als die edelste aller Figuren, das ist die Romantik eines Pythagor?ers. Eines so sinnlos wie das andere. Unz?hlige der verst?ndigsten, und auch vergleichsweise gl?cklichsten Menschen, haben gelebt in den sogenannten wundervollsten Gegenden, welche die Eigenart der Berglinien nicht einmal bemerkten, geschweige denn w?rdigten.

Das lag eben an dem Mangel einer noch nicht voll entwickelten Kultur.

Die Sie nat?rlich inne zu haben glauben, weil Sie zuf?llig zweihundert Jahr nach Rousseau leben, der diese Kulturform aufgebracht hat, wie eine geistige Mode, wie eine Tracht f?r die Seele. Alle Wahrscheinlichkeit spricht daf?r, da? diese Tracht in weiteren zweihundert Jahren ins Museum abwandern wird, wenn nicht in die Rumpelkammer der Kuriosit?ten. Denn der Ruf zur?ck zur Natur!, wenn wir ihm Folge geben, bedeutet ja gerade: los von der ?sthetisierenden Schwarmgeisterei, zur?ck zum Urzustand der Menschen, also zu einem Zustand, der mit Ihrer Verz?ckung vollkommen unvereinbar ist.