Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Der Einsiedler wiederholte mit schmerzlichem Ausdruck: Lepra! Das war das erste Wort, das wir von ihm vernahmen. Die Sprache war ihm also nicht versagt, aber es war ein f?rchterlicher Anfang f?r eine Konversation.

Der Arzt, der vordem an unseren Sprachstudien nur unzureichenden Anteil genommen hatte, verfiel auf einen Ausweg, um sich mit dem Mann zu verst?ndigen: Wenn einer B?cher besitzt, so ist ihm vielleicht mit dem klassischen Esperanto des Lateinischen beizukommen. Und er sprach zu ihm, wenn auch nicht klassisch, so doch in brauchbarem Fast-Latein:

Sine dubio Lepra! Sed non omnino casus desperatus, non incurabilis. Est Lepra in primo stadio. Ego sum medicus, velim audere sanationem tuam. Intelligisne verba mea?

Intelligo! sagte der Kranke; und in der Sprache seines Landes, die Donath und Eva, in bescheidenerem Grade auch mir leidlich verst?ndlich klang, fuhr er fort:

Ich wu?te es schon. Und ich selbst habe mich als Auss?tziger aus meiner Heimat verbannt, um hier in Einsamkeit mein Ende zu erwarten. Die ?rzte meines Landes sagen: es gibt bei Lepra nur periculum contagionis, aber es gibt keine Heilung.

Der Arzt bem?chtigte sich der Leitung, soweit sie das n?chstliegende betraf. Vor allem mu?te ein Pestkordon um den Kranken gezogen werden, Wehner drang auf unsere rasche Entfernung und bewirkte sie trotz Evas Einspruch, die als Krankenschwester in Funktion treten wollte. Auf der Bootfahrt entwickelte er uns, da? die Therapie neuerdings ein Mittel bes??e, um die prim?re, rechtzeitig erkannte Lepra wirksam zu bek?mpfen: die Einspritzung von Tuberkulin; er selbst habe bei zwei F?llen in Masuren damit raschen Erfolg erzielt. Als er auf dem Schiff das Erforderliche vorbereitet hatte hierzu geh?rte ein Desinfektionsapparat, der mit Sublimat und Formalinwolken das ganze H?uschen durchr?uchern sollte kehrte er zur ?d-Insel zur?ck, nur von einigen Matrosen begleitet, die im Boot verbleiben mu?ten. Der Kranke setzte zuerst den Injektionen Widerstand entgegen, er f?gte sich aber bald und bot schon nach wenigen Tagen das klinische Musterbild rapider Besserung. Die grindigen Flecke verschorften sich zusehends, bl?tterten ab, die Haut regenerierte sich, und nach einer Woche konnte die Sperre aufgehoben werden. Wir hatten einen Rekonvaleszenten vor uns, dem ersichtlich daran gelegen war, Wohltat mit Dank zu vergelten. Und in Folge dieser Wandlung gab er uns Auskunft ?ber die Hauptfragen, die im Sinne unserer Expedition zu er?rtern waren. Hier erschlo? sich, in theoretischen Anf?ngen, das geahnte Neuland.


* * *

Der Einsiedler, mit Namen Toraspasch, entstammte der Insel Karawuddi, wo er vordem als Naturwissenschaftler und Schulvorsteher gelebt hatte. Was wir durch ihn erfuhren, sei hier in kurzen Z?gen zusammengestellt:

Da? die ganze Inselgruppe der Welt bislang verborgen blieb, das verdankt sie ihrer sporadischen Anlage im Nord und Nordost der Tuscaroratiefe und ihrer relativen Kleinheit.

Alles in allem sind es etwa ein Viertelhundert Eilande, deren Gesamtfl?che tausend Quadratmeilen nicht ?bersteigt, und die somit im Verh?ltnis zu der unabsehbaren ozeanischen Umsp?lung fast v?llig verschwinden. Sie bilden einen Kosmos f?r sich mit dem Hauptkennzeichen: die Au?enwelt wei? nichts von ihnen aber sie kennen die Au?enwelt!

Sehr verschieden in ihren Eigenkulturen und eifers?chtig auf die Pflege ihrer Besonderheiten bedacht, f?hlen sie sich doch zusammengeh?rig durch Sprache und den gemeinsamen Willen, ihre Selbst?ndigkeit aufrecht zu erhalten. Aber sie haben seit Urzeiten ihre Sendboten in die Welt hinausgeschickt, deren Aufgabe darin bestand: Nichts zu verraten und Alles zu erfahren; Nichts hinauszutragen und Alles hereinzubringen, was mit Wissenschaft und Bildung, mit Geistigkeit und Technik zusammenh?ngt. List, Verkleidung und Verhandlungsschlauheit halfen mit, um dies Programm seit Jahrhunderten durchzusetzen. Das einzige, dessen sich die Emiss?re drau?en ent?u?ern durften, waren Edelmetalle, die in den heimatlichen Erdgr?nden und Wasserl?ufen gefunden werden. Diese Tauschmittel reichten aus, um als Gegenwert haupts?chlich B?chersch?tze aus Europa zu erlangen. Diese bilden den Grundstock der insularen Sonderkulturen. Wir so sagte der Einsiedler sind in keinem Betracht der Technik hinter der europ?ischen zur?ck; dagegen haben wir sie in wesentlichen Z?gen durch unsere anschlie?enden Erfindungen erweitert und vervollkommnet. Nicht wenige unserer Insulaner k?nnen es in Sach-, Begriffs und Sprachkunde mit den ber?hmten Professoren Ihrer Hochschulen aufnehmen. In der Hauptstadt der Insel Saragalla befindet sich eine Bibliothek von neunzigtausend B?nden, die zum gr??ten Teil von unseren Gelehrten verfa?t, in unseren eigenen Druckereien hergestellt worden sind. Aber Sie k?nnen auch den Almagest des Ptolem?us, den Aristoteles, die Werke der Scholastik und die Enzyklop?disten darin finden, bis zu den letzten Ausl?ufern der neuzeitlichen Wissenschaft.

Aber strenge Abschlie?ung blieb das Hauptprinzip. Wir hatten genug von den Segnungen erfahren, die sich f?r Euresgleichen unter den Deckworten der Mission, der Kolonisierung, der Erschlie?ung ferner L?nder verbirgt, und wir trugen kein Verlangen, an diesen Segnungen teilzunehmen. Neuerdings haben sich unsere Ansichten hier?ber ein wenig ver?ndert. Es wurde uns bekannt, da? Ihr ein neues Schlagwort aufgebracht habt, die Selbstbestimmung der V?lker, und wir dachten deshalb daran, unser Incognito zu l?ften. Dar?ber wogte bis vor wenigen Jahren der Meinungsstreit. Es w?re nunmehr gefahrlos, sich zu offenbaren, da unsere nationalen Rechte gewi? respektiert werden w?rden, so sagten die einen. Andere erhoben ihre warnende Stimme: Selbstbestimmung das bedeute nichts anderes, als da? den Inseln das Recht zugestanden w?rde, selbst zu bestimmen, ob sie mit oder ohne Salutgeknall, mit oder ohne Tedeum annektiert werden wollten. Entscheidend wirkte schlie?lich eine in allerletzter Zeit auf unserer Insel Kuakua gemachte Erfindung. Wir f?rchten uns nicht mehr, weil wir stark genug sind, um uns zu wehren. Wir besitzen ein Giftgas, das die festen K?rper durchdringt und auf weiteste Entfernung ?bers Meer hinausgeblasen werden kann. Keine Angriffsflotte der Welt d?rfte sich an uns heranwagen. Als wir daher von der Ausreise eurer Yacht Kenntnis erhielten, meinten unsere F?hrer und Beh?rden: Die Leute m?gen kommen, Umschau halten und berichten, eine Gefahr ist heut nicht mehr vorhanden.

Ihr steht nunmehr im Begriff, mit Gestaltungen Bekanntschaft zu machen, die von den euch vertrauten vielfach stark abweichen, obschon sie aus Denkweisen der euch vertrauten Kulturen entwickelt sind. Unsere Inseln sind sozusagen menschliche Versuchsstationen f?r Prinzipe. In Staatsform und Gepflogenheiten werdet ihr bei uns gewisse Prinzipien ausgebaut finden, die aus der Philosophie, der Sittenkunde, der Biologie, der Kunst und aus anderen Gebieten herstammen. So ist zum Beispiel meine Heimatsinsel Karawuddi durchaus optimistisch gerichtet, w?hrend auf andern der Pessimismus, die Skeptik und besondere Prinzipe der Ethik vorwalten. Daneben werdet ihr auch allerlei Seltsamkeiten erfahren, die sich darauf gr?nden, da? die Bedingungen zu ihrer Verwirklichung nur bei uns angetroffen werden, sich nirgends wiederholen und deshalb von uns als Eigenheiten unserer Gruppe gepflegt werden. An Abwechslung wird es so wenig fehlen, da? ihr M?he haben werdet, euch aus den Eindr?cken der einen auf die der folgenden schnell genug umzustellen.

Beim Abschied ?bergab uns der Mann Toraspasch eine Lagekarte des ozeanischen Feldes, auf der die Hauptinseln, nur mit deren Namen bezeichnet, eingetragen waren. Die Einzelheiten vorwegzunehmen hielt er f?r unangebracht, diese sollten vielmehr unseren pers?nlichen Wahrnehmungen ?berlassen bleiben. Er empfahl uns indes, mit der Insel Bal?uto den Anfang zu machen; was wir auch ohnehin getan h?tten, denn Bal?uto lag uns zun?chst, und die neue Karte bef?higte uns, sie in k?rzester Linie zu erreichen.

Bal?uto

Die Platonische Insel

Ich ?bergehe die Einzelheiten unserer Landung und vertraue hierin der Phantasie des Lesers, auf die Gefahr hin, da? in den von ihr entworfenen Bildern manches inkorrekt ausfallen sollte. Denn es kommt ja nicht darauf an, zu schildern, welchen Eindruck wir auf die fremden Menschen machten, als vielmehr darauf, welche Eindr?cke wir davontrugen. Ich erw?hne nur, da? wir selbst zwar eine gewisse Neugier, aber keineswegs ein st?rmisches Aufsehen erregten. Die Seleno-Fernphotographie hatte l?ngst vorgearbeitet, und nahe am Kai erblickten wir im Aushang eines Ladens die Bilder der Atalanta nebst den Hauptpersonen unserer Expedition mit Unterschriften in Landtypen und Antiqualettern. Ein Beamter der in sanften Terrassen ansteigenden Hafenstadt erwartete uns am Peer und stellte sich uns zur Verf?gung. Er er?ffnete uns in einer Art von Pidgin-Englisch, in der das Malayische ?berwog, da? die Gasth?fe der Stadt infolge einer gro?en Landesfestlichkeit ?berf?llt w?ren. Uns sei indes im Privathause eines B?rgers ausreichendes Quartier bereitgestellt. Es wurde, wie ?brigens fast durchweg auf dieser Reise, vorausgesetzt, da? die Schiffsmannschaft an Bord verbliebe. Nat?rlich sorgten wir f?r ausreichenden Tagesurlaub, damit die Leute ihren Anteil an den Sehensw?rdigkeiten und sonstigen Gen?ssen der neuen L?nder schichtweise genie?en konnten.

Was sich uns hier schon am ersten Tage entschleierte, war die Tatsache, da? die Insel Bal?uto und ihre gleichnamige Hauptstadt ein Staatswesen nach Platonischem Muster darstellte; genauer gesagt, die Verk?rperung des Modells, das Plato vornehmlich in seinem Werk Politeia als das Ideal des Staates hingestellt hat. Seit undenklichen Zeiten hatte unter den Intellektuellen der Insel das gedankliche Leitmotiv durchgegriffen: Die Europ?er feiern Plato als einen der sublimsten Denker aller Zeiten; sie huldigen seiner Ideenlehre und haben ihm selbst den Ehrentitel der G?ttliche verliehen; dieser n?mliche g?ttliche Plato hat ihnen in zehn B?chern das auf Gerechtigkeit gegr?ndete Muster eines Staates aufgebaut; aber bis zum heutigen Tage ist es noch keinem Leiter und keiner Gemeinschaft eingefallen, dieses Muster zu erproben und zu verwirklichen. Nicht in Alt-Hellas, nicht in Neu-Griechenland, nicht in irgend einem der L?nder, in denen sich der zum Christentum hin?berleitende Neuplatonismus durchgesetzt hat. Hier klafft ein ungeheurer welthistorischer Widerspruch, und auf diesen zu allermeist wird es zur?ckzuf?hren sein, da? sich so viel Not und Elend ?ber die alten L?nder ergossen hat. Sie hatten das Rezept zum Idealstaat und verleugneten es in der Praxis. In der Beseitigung dieses Widerspruchs liegt die Mission der Bal?uto-Menschen. Sie sollen und wollen Platoniker sein, nicht nur in der Idee, nicht nur in philosophischen Abstraktionen nach dem Vorbild europ?ischer Dozenten und Studiosen, sondern in Wirklichkeit: als ?berzeugte und werkt?tige Mitglieder des Platonischen Staates. So lautet das reine Grundmotiv, das zwar im Zeitenlauf gewissen Wandlungen ausgesetzt war denn wo g?be es ein System, dessen Schema unverbr?chlich g?lte? das sich aber in gro?en Z?gen auf der Insel richtunggebend erhalten hat.


* * *

Die uns angewiesenen Wohnr?ume lagen im zweiten Stockwerk eines villenartigen, von h?bschen Gartenanlagen umgebenen Privathauses, das einem Gro?drogenh?ndler Namens Yelluon geh?rte. Er empfing uns am Eingang, leitete uns hinauf, lie? uns korrekter Weise eine kurze Weile allein und meldete sich dann zu einem formellen Besuche:

Ich begr??e Sie, Herrschaften, nicht nur mit der leeren H?flichkeit, die man G?sten im Allgemeinen schuldet, sondern mit jenem Eud?monismus, der von der Schule Platons ausgehend vornehmlich durch dessen Zeitgenossen Aristipp aus Cyrene seine deutlichste Pr?gung erhalten hat. Dieser Eud?monismus, man k?nnte ihn auch, wiewohl philologisch nicht ganz genau, als Hedonismus ansprechen, also das Gef?hl und die Lehre von der Gl?ckseligkeit, ist in mir lebendig, wenn ich den Wunsch ?u?ere, es m?ge Ihnen in diesem Staate und in meinem Hause wohlgefallen. Wir werden es an nichts fehlen lassen, um Sie zu befriedigen, und ich bin um so sicherer, da? uns dies gelingen wird, als Sie selbst nach dem ersten Eindruck zu schlie?en, durchaus bef?higt erscheinen, die von uns gebotene Verwirklichung der platonischen Ideen voll zu w?rdigen. In diesem Sinne hei?e ich Sie willkommen.

Wir sahen uns einigerma?en verbl?fft an, dann erlaubte ich mir, da die anderen schwiegen, das Wort zu nehmen.

Empfangen Sie, Herr Yelluon, unseren Dank, zugleich mit dem Ausdruck der Bewunderung f?r die ?berraschend sch?ne Diktion, die Ihnen zu Gebote steht. Sie erweckt in uns die Empfindung, da? wir hier tats?chlich in ein Land erh?hter Bildung gekommen sind. Die Platonischen Begriffe, die hier nach Ihren Andeutungen eine so gro?e Rolle spielen, sind uns nicht ganz fremd, und wir freuen uns im Voraus auf die Erscheinungsformen der Kalokagathia, denen wir hier begegnen werden, das Wort im weitesten Sinne genommen, nach seinen Grundbestandteilen Kalos, sch?n, agathos, gut, also eine Einheit von Sch?nheit, Wahrheit und sittlicher Trefflichkeit. Hiervon abgesehen liegt uns aber auch daran, mit Ihnen als unserem Hauswirt einige sachliche Dinge zu er?rtern, die uns Fremdlinge nach einer so langen Reise notwendig besch?ftigen m?ssen.

Diese Notwendigkeiten sollen sofort erledigt werden, entgegnete der Wirt. Ich habe deshalb gleich die sieben Meldezettel mitgebracht, und bitte Sie um vorschriftsm??ige Ausf?llung.

Wir begannen zu schreiben, gerieten indes alsbald an eine Schwierigkeit. Sagen Sie, bitte, wie ist das zu verstehen? Auf diesen Meldezetteln befindet sich neben Geburtsort, Stand und Staatsangeh?rigkeit auch eine fragende Rubrik: Philosophie?

Hier haben Sie einzutragen, Person f?r Person, welcher philosophischen Richtung Sie besonders huldigen, mit kurzer Angabe der erkenntnistheoretischen Gr?nde.

Als wir z?gerten, erg?nzte Jener: Diese Verordnung besteht hier schon lange und ist neuerdings durch unser Ministerium f?r philosophische Angelegenheiten in Erinnerung gebracht worden. Wir verfahren dabei durchaus nicht engherzig, da den privaten Neigungen des Einzelnen jeder Spielraum gew?hrt wird, denn wir setzen voraus, da? bei Jedem ein platonisches Grundbewu?tsein vorhanden ist. Nichtsdestoweniger w?nscht die Beh?rde m?glichst informiert zu werden ?ber die philosophische Partei, der jeder Staatsb?rger und jeder Fremdling angeh?rt.

Ich sollte meinen, das w?re Privatsache und ginge die Regierung eigentlich gar nichts an. Sie sind im Irrtum, mein Herr, dies ist amtlich durchaus nicht belanglos. Meines Wissens werden auch bei Ihnen in Deutschland auf staatlichen Formularen ?hnliche Fragen gestellt. Bei Ihnen verlangt man die Erkl?rung dar?ber, ob Katholik, Protestant, Jude oder Dissident, was uns wiederum im h?chsten Grade gleichg?ltig erscheint, denn die Konfession ist allerdings Privatsache, nicht aber die Philosophie

Mir ist der Zweck der Fragestellung immer noch dunkel.

Lassen Sie sich das an Beispielen erkl?ren. Gesetzt, wir f?nden in unseren Statistiken, da? eine bestimmte Art von Vergehen oder Verbrechen mit besonderer H?ufigkeit auf Personen entf?llt, die sich etwa zu Spinoza bekennen, so w?rden wir auf theoretische Ma?regeln zu sinnen haben, die dem Spinozismus entgegenwirken. F?nden wir wiederum, da? die p?nktlichsten Steuerzahler unter den Anh?ngern des Cartesius angetroffen werden, so w?re uns das ein Wink in unseren Schulen und Akademien den Descartes zu bevorzugen. Sie d?rfen nie aus den Augen verlieren, da? diese Insel durchaus nach dem Prinzip Platos eingerichtet ist, der ausdr?cklich alle Staatsmacht den Philosophen zuweist und der kategorisch verlangt, da? das gesamte Getriebe des Gemeinwesens philosophisch reguliert wird.

Wir f?llten nunmehr die fragliche Rubrik aus. Herr Mac Lintock fl?sterte mir zu, er w?re hier in Verlegenheit, da er sich zeitlebens noch nie um Philosophie gek?mmert h?tte. Ich gab ihm halblaut die Weisung, hinzuschreiben: Pragmatismus nach William James, denn diese neuamerikanische Denkform beruhe auf dem common sense, auf der praktischen N?tzlichkeit, und st?nde als philosophische Lehre sicherlich seiner eigenen kaufm?nnischen Praxis nahe. Seine Nichte bezeichnete sich auf dem Zettel kurzweg als Schopenhauerianerin; der Kapit?n und Donath nannten sich Epikur?er; der Offizier und der Arzt bezeichneten irgendwelche andere ber?hmte Namen, und ich selbst schrieb kurzerhand, um uns auf alle F?lle gut Wetter zu machen Plato; obschon ich ?berzeugt war und bin, da? man sich ?berhaupt nicht einem einzelnen Philosophen verschreiben darf, da jeder nur eine Profillinie der Wahrheit darstellt, deren volles Gesicht erst in der Vereinigung aller Philosophien erkennbar wird.

Da es gerade Vesperzeit war, verf?gten wir uns auf die Veranda zum Kaffeetisch, woselbst sich noch ein Schwager unseres Wirtes, Rektor einer Oberschule, angefunden hatte. Die Gattin des Herrn Yelluon lie? sich mit Unwohlsein entschuldigen. Sie lag zu Bett und f?hlte sich so angegriffen, da? sie auf ihren sanften Kissen die gewohnten Dialoge des Plato nicht in der griechischen Urschrift, sondern nur in einer erleichternden ?bersetzung zu lesen vermochte. Ich schalte ein, da? Bal?uto einen Kaffee hervorbringt, gegen den die erlesensten Sorten unserer Kontinente nur als fade Substanzen zur Erzeugung von Sp?lichtwasser erschienen. Mir war dieser Umstand nicht ganz nebens?chlich, denn zu gewissen Tagesstunden neige ich mehr zu einem exquisiten Jausegetr?nk in Begleitung einer duftigen Zigarette, als zu allen Offenbarungen der Eleaten und der Alexandrinischen Schule. Mit dem Rauchwerk freilich hatten wir nun wieder das ?bergewicht. Denn die Insel war arm an Tabak, und auf der Atalanta steckten unersch?pfliche Vorr?te Habaneser und ?gyptischer Herkunft. Ich erw?hne dies, um einflie?en zu lassen, da? wir schon auf Grund dieser Ladung ein vorz?gliches Tausch und Verkehrsmittel in der Hand hatten; obendrein wurde auch der Dollar sp?terhin als Zahlung angenommen, allerdings zu einem Valutakurs, bei dem sich selbst auf dem Haupte eines Dollark?nigs wie Mac Lintock die Haare str?uben konnten.

Eine lebhafte Unterhaltung kam in Gang, und der Rektor erz?hlte uns Wissenswertes aus seiner Schulpraxis. Es w?re zurzeit sehr schwierig, die Aufmerksamkeit der Sch?ler zusammenzuhalten, da diese mit ihren Erwartungen sich bereits in die bevorstehenden gro?en Festlichkeiten eingesponnen h?tten.

Ja, wir haben von dem Fest schon geh?rt, als wir landeten; was hat es damit f?r eine Bewandtnis?

Es ist das Hundertjahrjubil?um unserer Platonischen Akademie, aus der alle unsere Regenten und Minister hervorgegangen sind. Damals, bei der Stiftung, wurde auf unsere Stadt der Titel ?ber-Athen gepr?gt, und diese Bezeichnung ist ihr bis zur Stunde erhalten geblieben. St?nden Perikles und Phidias heut auf und wandelten sie unter uns, so m??ten sie bekennen, da? ihr Alt-Athen, einst die Quelle aller Kultur, mit dem unsrigen verglichen das reine Banausendorf gewesen ist. Wie gut haben Sie es getroffen, da? Sie beim ersten Einblick in unseren Archipelagus ein solches Fest erleben! Sie werden nat?rlich an dem Aktus in der Aula teilnehmen und vom Balkon der Akademie aus den gro?en Festzug bewundern, bei dem auch die Fr?hlichkeit zu ihrem Recht gelangen soll Ja, wie gesagt, auch unsere Sch?ler sind bei den Proben besch?ftigt und mit solcher Leidenschaft dabei, da? ich einen Teil der lateinischen und griechischen Unterrichtsstunden ausfallen lassen mu?te. Eine Zwischenfrage, Herr Rektor, warf Eva ein, was betreiben Sie eigentlich sonst in diesen Lektionen? Lesen Sie mit ihren Sch?lern auch die Klassiker?

Selbstverst?ndlich. Ich traktiere besonders den Horaz und den Homer.

Verzeihung, das ist mir nicht ganz verst?ndlich. Ich empfinde hier einen Widerspruch: denn nach Plato d?rfen Sie das gar nicht. Plato hat meines Wissens f?r seinen Idealstaat die Verbannung aller Dichter ausdr?cklich verordnet!

Wie Sie Bescheid wissen, mein Fr?ulein! Ja, so steht es allerdings in Platons Staatsbuch. Und ich kann nicht verhehlen, da? uns dieser Befehl viele Jahrzehnte lang die peinlichste Beklemmung auferlegt hat. Es m?ge dahingestellt bleiben, ob der g?ttliche Plato seine Bestimmung ganz w?rtlich verstanden wissen wollte

O nein, Herr Rektor, sagte ich, dar?ber ist gar kein Zweifel erlaubt. Ich habe erst gestern auf unserem Schiff, das eine stattliche Bibliothek mitf?hrt, in Platos grundlegendem Werk gebl?ttert und entsinne mich der Stellen ganz genau. Plato, vertreten durch seinen Sprecher Sokrates, polemisiert auf das heftigste gegen alle blo? der Eitelkeit und der Wollust dienenden Personen, K?nste und Lebensarten, die eine verdammenswerte ?ppigkeit bef?rdern und deshalb in seinem Idealstaat nicht geduldet werden d?rfen. Scharf eifert er gegen die Maler und Bildner, gegen die Tonk?nstler und ganz besonders gegen die Poeten, mit ihren Dienern, den Schauspielern, Rhapsoden und T?nzern, welche in einem gesunden Gemeinwesen nichts zu schaffen h?tten. Diese Sch?dlinge stellt er auf eine Stufe mit den verderblichen Gilden der Putzmacherinnen, Haarkr?uslerinnen, Bartscherer, Gark?che und Schweinehirten