Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Sie werden doch nicht am Ende hier ein Lehrgeb?ude errichten wollen?

Bewahre. Alles Systematische ist mir zuwider. Es handelt sich, wie gesagt, nur um einzelne Blicke, die Sie zur Erg?nzung Ihres Weltbildes benutzen m?gen. Also versuchen wir einmal eine Luke aufzusperren. Fragen wir uns, ob es m?glich ist, ein Menschenprinzip und ein Naturprinzip in Vergleich zu setzen. Denken Sie zum Beispiel an das Prinzip der mechanisierten Inseln, welches auf bestimmte praktische Zwecke losging, auf Kraftausn?tzung, Zeitersparnis und derlei sch?ne Dinge. Was meinen Sie nun: L??t sich das, was in dem trefflichen Ingenieur Forsankar vorgeht, mit einem Naturprinzip vergleichen?

Wohl kaum. Der Techniker mu? sich doch besinnen, greift oft fehl. W?hrend ein Naturprinzip unersch?tterliche Geltung hat.

Und dennoch ist eins wie das andere. Ich behaupte n?mlich jetzt passen Sie auf: in uns allen arbeitet das Bewu?tsein Forsankars, und wir haben gar kein anderes Mittel, um die strengsten und allgemeinsten Naturgesetze zu begreifen, als eben dieses Bewu?tsein. Nehmen Sie zum Beispiel das ber?hmte Prinzip des geringsten Kraftaufwandes.In der Physik gew?hnlich bezeichnet als das Prinzip der kleinsten Wirkung. Der Ausdruck ist miserabel und irref?hrend, er beruht auf einer fehlerhaften Uebersetzung von Maupertuis Benennung principe de la moindre quantit? daction. Denn action ist nicht die Wirkung, nicht das Erwirkte, sondern der Aufwand, der das Erwirkte erzielt. Newton sagt klar: Maximus effectus minimo sumptu. Dieses Prinzip begreift den Satz von der Erhaltung der Kraft (Energie) in sich, reicht aber noch weiter als dieser und kann tats?chlich als das Fundament alles Naturerkennens angesehen werden.

Es ist die Grundlage unserer gesamten Naturkunde und damit aller Menschenweisheit ?berhaupt. Hier wird die Natur als gro?e, verst?ndige Arbeiterin vorgestellt, die durchweg so verf?hrt, wie ein Ingenieur von unendlicher Genialit?t. Wir k?nnen dies Prinzip gar nicht aussprechen, gar nicht denken, ohne die Natur in st?rkstem Grade zu personifizieren, als ein gesch?ftiges Wesen, das technisch so wirkt, wie wir gern wirken m?chten. Somit steckt in den Naturgesetzen, wie wir sie verstehen, der menschliche Willensdrang, und ihre ganze Kette wird zusammengehalten durch Ringe unserer eigenen W?nsche und Triebe. Aber jede Kette ist genau so stark wie das schw?chste ihrer Glieder. Zerrei?t nur ein einziger Willensring, Wunschring, Triebring, so f?llt die ganze Kette der Naturkunde auseinander, sie wird unhaltbar, wertlos, und wir m?ssen bekennen, da? wir von allen Welterscheinungen auch nicht das geringste begreifen.

Das sind ja sch?ne Aussichten! Wie war es denn auf den technischen Inseln? Dort hat uns doch der Meister Algabbi die Unhaltbarkeit und Torheit der technischen W?nsche bewiesen? Da w?re also doch schon ein Ring zerplatzt?

Und wenn er richtig bewiesen hat, so w?re zu folgern, da? die Gro?meisterin Natur uns nicht nur best?ndig foppt, sondern da? sie selbst nicht weise, sondern h?chst t?richte Prinzipien befolgt.

Undenkbar! Mit einem so entsetzlichen Zeugnis d?rfen wir weder die Natur noch uns aus dieser Expedition entlassen. Wir m?ssen versuchen, einen Ausweg zu finden. Wie w?re es denn, wenn jener Ring nicht platzte? Wenn ein Menschenprinzip so unzerbrechlich sein k?nnte wie ein Naturprinzip?

Dann w?rde noch Schlimmeres herauskommen. Denn Ihre Annahme w?rde bedeuten, da? wir alle mit unzerbrechlichem Zwange der Mechanisierung verfallen m??ten. Sollte der technische Trieb wirklich so stark sein, wie jenes oberste Naturgesetz vom ersparten Kraftaufwand, so f?hrt Ihr Ausweg sofort auf den Punkt, wo jede Hoffnung erdrosselt wird. Die Physik hat hierf?r einen besonders lieblichen Ausdruck: den Entropietod, der das Ziel aller Weltmechanik darstellt. Dieser Tod umfa?t alle Bewegungen, alle Erscheinungen, k?rperliche wie geistige. Die Bewohner der Insel Allalina sind ihm schon betr?chtlich n?her als Sie und ich. Aber wenn Ihre Voraussetzung zutrifft, so werden wir sie bestimmt einholen und wir k?nnen uns mit ihnen auf ein Stelldichein im Nullpunkt des Daseins verabreden.

Aber wie vertr?gt sich das mit Ihrer Aussage, da? wir uns die Natur als unendlich genial vorstellen?

Beides ist wahr, beides richtig nach Menschenlogik, die uns unausgesetzt den Widerspr?chen ausliefert. Befragen wir doch die Geschichte der Wissenschaft. Die ersten Entdecker und Verk?nder jener S?tze waren von der Genialit?t der Natur geradezu ersch?ttert und warfen sich wie berauscht in den Scho? der Gl?ubigkeit; mit flammenden Worten erkl?rten sie solches Prinzip f?r die herrlichste Offenbarung der Weisheit Gottes. Sie beteten zu einem Sch?pfer, der ihnen als ein g?ttlicher Ingenieur erschien. Wie steht es nun mit seinem Weltwerk physikalisch genommen? Es beginnt mit einem Nullpunkt und mu? beim Entropietod, also wiederum bei einem Nullpunkt enden. Gro?er Newton! Dein ber?hmter Maximal-Effekt ist das blanke Nichts! Und um den Weg von Null zu Null mit dem geringsten Kraftaufwand zu bew?ltigen, mu?te der ganze Mechanismus des Universums mit der ganzen Arbeit von Jahrmillionen in Kraft treten?? Aber das ist ja der gr??te unter allen denkbaren Kraftaufw?nden! Mithin f?hrt das Prinzip sich selbst ad absurdum, die physikalische Logik erstickt an ihrem eigenen Widerspruch. Wars denn ?berhaupt physikalische Logik? Wars nicht vielmehr ein Gewebe von Theologie, Theosophie und D?monologie? Gleichviel. Wenn hier eine Offenbarung auftritt, so offenbart sich nur eins: der ungeheure, unentrinnbare Fehlerzirkel! Denn das Naturprinzip zeigt sich von der einen Seite gesehen als unzerbrechlich, von der andern Seite als unm?glich.

Sagen Sie doch, Herr, wozu dienen diese unheimlichen Betrachtungen?

Sie dienen zur Zerst?rung alter Schulweisheit, und das scheint mir betr?chtlich genug. Wenn wir von unserer Entdeckungsreise Destruktivstoffe des Denkens heimbringen, so schaffen wir neue M?glichkeiten des Wissens, indem wir altes Denkgestr?pp entwurzeln und verbrennen. Wir schlagen Lichtungen, und wir h?tten sie nicht schlagen k?nnen, ohne mit diesen Inseln Bekanntschaft zu machen. Die Lebensprinzipe, die uns entgegentraten, zwingen uns, dem Wesen aller Prinzipe nachzusp?ren, und aus dem Reiseabenteuer gestaltet sich das Gedankenabenteuer, ja ich m?chte sagen: erst jetzt, da wir glauben, unsere Reise durch fr?hliche Heimkehr abzuschlie?en, erst jetzt beginnt sie. Vor uns tauchen neue Inseln der Erkenntnis auf, apokalyptische Inseln, die man nur mit stillem Schauder betreten darf.

Wenn es nach uns ginge, f?hren wir am liebsten daran vorbei.

Das ist sehr erkl?rlich. Denn wir lieben die Irrt?mer, die an uns festgewachsen sind, wie die Haut am Leibe, und es tut weh, wenn unsichtbare Fangarme nach uns greifen, um sie abzurei?en. Aber an diese Prozedur haben wir uns ja schon ein bi?chen gew?hnt: durch die Seltsamkeiten, die wir bemerkten, und die uns allesamt der Ansicht n?herbrachten: die Seltsamkeit steckt in uns, nicht in den Dingen selbst. Wir haben uns gewundert ?ber Gestaltungen und Denkweisen, wie ein Kirgise sich wundert, der nach Rom ger?t, oder ein Eskimo, der nach Kairo versetzt wird. Jetzt wird Herr Mac Lintock nach Chicago zur?ckkehren, mein Freund Flohr und ich nach Berlin, Fr?ulein Eva nach irgendeiner Universit?tsstadt, und wir werden aufh?ren, uns zu wundern, in einer gewohnten Umwelt, auf die unser Ma?stab so ziemlich pa?t. Aber wir d?rften auch dort nicht eine Sekunde aus dem Erstaunen herauskommen, n?mlich ?ber uns selbst und unseren Ma?stab. Dieser ist das gr??te aller vorhandenen Weltr?tsel, und wenn wir eine Insel auf dem Monde entdeckt h?tten, so w?re das nicht entfernt so wunderbar, als die Tatsache, da? wir unausgesetzt mit diesem Ma?stabe operieren und da? die ganze Menschheit ihre Existenz danach eingerichtet hat.

Ach, Sie ?bertreiben! Dieser Ma?stab, das Me?werkzeug unseres Denkens, pa?t doch auf viele Dinge, und wenn auch Fehlschl?sse unterlaufen m?gen, so d?rfen wir doch behaupten: wir gelangen an manches erweislich Wahre, Richtige, Stimmende.

Nichts pa?t, nichts stimmt, alles bleibt im Anthropomorphismus stecken, in unserer unheilbaren Grundnatur, die uns zwingt, alles zu vermenschen, und anderseits aus dem Anthropos, aus dem Menschen, Dinge in die Welt hineinzudenken, die an sich dort gar nicht vorhanden sind. Der Anthropomorphismus ist die Kette am Fu?e alles Betrachtens und Denkens, das H?chste, was wir leisten k?nnen, besteht darin, da? wir uns diese Kette ein wenig verl?ngern, da? wir sie wenigstens klirren h?ren und uns unserer Gebundenheit bewu?t werden.

Das hei?t, Sie wollen einen offenbaren Vorteil gegen einen offenbaren Nachteil eintauschen. Frommts, den Schleier aufzuheben? Frommts, die Kette klirren zu h?ren?

Auch diese Frage ist anthropomorphisch, denn unsere W?nsche sind bedeutungslos gegen die Notwendigkeiten, die sich in uns vollstrecken. Eine solche Notwendigkeit trieb uns auf unsere Entdeckungsfahrt, wo wir Menschen sahen, die gewissen vermeintlichen Idealen nachjagten. Eine zweite Notwendigkeit treibt uns zu dem Bekenntnis, da? diese Menschen anthropomorphisch verfahren, aber nicht um ein Haar anthropomorpher als wir selbst, wenn wir die Ideale Wahrheit, Gerechtigkeit, Moral, Fortschritt, Erkenntnis ausrufen. Die letzte Notwendigkeit zwingt uns zur Landung an den geheimnisvollen Inseln, auf denen die unfa?baren, kaum noch in Worten ausdr?ckbaren Weisheiten wachsen. Der Boden ist mit Verzicht ged?ngt. Und wenn wir trotzdem anzusagen versuchen, was wir dort vorfinden, so behelfen wir uns mit andeutenden Umschreibungen.

Immerhin, wir finden doch Weisheiten.

Negative, die sich mit den l?ngst erworbenen positiven zu Null addieren. Das ist der Kernpunkt. Schon auf der Algabbi-Insel haben wir gemerkt, da? der Kulturbegriff nicht standh?lt. Jetzt gehen wir weiter. Es ist gesagt worden: die alte Wissenschaft ist ein Tr?mmerhaufen, die neue Wissenschaft ein Prachtbau, von dem niemand wei?, worauf er steht. Wir fangen jetzt an, es zu wissen: er steht auf der anthropomorphen Illusion; in ihr l?st sich alles auf, die Wahrheit, die Wirklichkeit, die Geometrie, ja, alle elementaren Denkmittel bis zu den Begriffen Raum, Zeit, Gr??e, K?rper, Lage, Beziehung, Zustands?nderung, Proze?, Urs?chlichkeit, Naturgesetz, die allesamt nichts anderes sind als Wunsch-Ausdr?cke. Ach, glaubet nur, liebe Gef?hrten, das, was ich hier wie im Fluge andeute, wird einmal der Inhalt aller wissenschaftlichen Philosophie werden! Und wenn sich der Bericht ?ber unsere Reise in einem Bande niederlegen l??t, so werden Bibliotheken notwendig sein, um das zu bew?ltigen, was aus ihr erflie?t. Genug vorl?ufig des Transzendenten. Schrauben wir unsere Betrachtungen auf das Einfachere zur?ck. Sagen Sie aufrichtig: Kommen Sie heute noch mit der Vorstellung der Sittlichkeit so glatt zurecht wie damals, als wir auszogen, um Inseln mit fremden Kulturen zu entdecken?

Offen gestanden, die Selbstverst?ndlichkeit hat gelitten. Aber es bleibt doch die Hoffnung, da? wir das Verwirrende und Fragw?rdige ?berwinden, und zu einer Kl?rung der Moralit?t gelangen k?nnen. Sie nat?rlich mit Ihrer nihilistischen Denkweise

O, ich kann mich auch umstellen und ganz real werden. F?r mich objektiviert sich das Bild der Gerechtigkeit ganz einfach in einem Hahnenkampf, und nach den Vorg?ngen, die Sie auf den ethischen Inseln erlebt haben, werden Sie verstehen, wie ich das meine. Wenn der Hahn seinen Gegner anspringt, so hat er in seinem Bewu?tsein offenkundig die Vorstellung: er k?mpft f?r eine gerechte Sache. F?r sich, f?r seine eigne Sache, durchaus egozentrisch, selbstgerecht, die Gerechtigkeit selbst

Aber das ist doch nur eine Vermutung, und au?er Ihnen wird noch niemand auf die Idee verfallen sein, in der Leidenschaft der H?hne etwas derartiges zu wittern.

Sie sind im Irrtum. Das ist schon vorgedacht worden, sogar klassisch vorgedacht. Themistokles lie? im Theater zu Athen Hahnenk?mpfe auff?hren als Symbol des gerechten Griechenkrieges gegen die Perser. Das Volk identifizierte sich mit einem der gefiederten K?mpen und fand in dessen Erbitterung das Sinnbild seiner eigenen Erregung f?r Ehre und Freiheit. Und so ?hnlich starrten auch unsere Insulaner auf ihre beiden Streith?hne, deren Sache subjektiv um so gerechter wurde, je st?rker ihnen die Zornesadern schwollen. Nicht das erkl?rte Motiv war das Urspr?ngliche, sondern der Kampfeswille und der Siegeswunsch. Dort waren wir die Fremden, wir standen au?erhalb der Interessen, behielten Distanz, und wir verstanden sonach die ganze Tragikom?die. Aber sobald wir in unseren eigenen Interessen stehen, verl??t uns das Urteil, wir glauben an die Gerechtigkeitssubstanz unserer K?mpfe; und nur ein aus fremder Welt hereingeschneiter Beobachter verm?chte zu erkennen, da? wir subjektiv noch immer als Recht werten, was objektiv gesehen Hahnenkampf bleibt.

Sie k?nnen doch gar nicht beurteilen, was im Bewu?tsein eines Hahnes vorgeht!

Kommt Ihnen der Verdacht so nebenbei? Halten Sie daran fest. Denn damit l?ften Sie wieder ein Zipfelchen des Isisschleiers, der all unser Wissen bedeckt. Also wirklich, wir wissen nichts von der Tierseele, aber wir besitzen zu Tausenden B?cher von Autoren, die so tun, als w??ten sie. Hier feiert der Anthropomorphismus wahre Orgien, indem er aus sp?rlichen Analogien Unerschlie?bares erschlie?en will und sich in diesem Wollen berauscht. Und wenn ich soeben von einem Gerechtigkeitsgef?hl im Hahnenkampf sprach, so war auch das nur eine Analogie, die mir ein Gleichnis erm?glichen sollte. Der Verdacht gegen seine G?ltigkeit ist nicht nur berechtigt, sondern er mu? zum Verdacht gegen alle Seelenkunde ?berhaupt erweitert werden. Was wir Psychologie nennen, ist die Summe der Versuche, mit einem einzigen Schl?ssel an unz?hligen Schl?ssern herumzuschlie?en, zu denen er absolut nicht pa?t. Stellen wir uns vor, ein Mensch k?nnte f?r die Dauer einer Stunde Vogel werden; er w?rde sp?ter zur?ckverwandelt und h?tte die Erinnerung an seine Vogelexistenz bewahrt; was uns dieser Mensch zu erz?hlen h?tte, w?re der Anfang einer wahren Psychologie. Bis zur Erf?llung dieser Unm?glichkeiten behelfen wir uns mit einem Schulsurrogat, das sich f?r Lehre ausgibt, aus dem aber nichts Anderes gelernt werden kann, als eine docta ignorantia.

Schlie?lich bleibt uns doch der gesunde Menschenverstand, der uns Auskunft gibt, wo uns eine akademische Lehre im Stich l??t.

Der gesunde Menschenverstand ist als letzte Instanz der Einsicht ungef?hr ebenso brauchbar, wie die Kanonen von O-Blaha als ultima ratio des Friedens. Denn es besteht ein Widerspruch zwischen ihm und der vollen Einsicht. Er sagt vielfach Richtiges an, allein diese Richtigkeiten sind in der Regel nicht viel wert. Denken Sie an die Insel der Perversionen mit ihren Denkgetrieben, in denen sich der gesunde Menschenverstand nicht mehr zurechtfand. Die Erinnerung hieran wird Ihnen das Verst?ndnis f?r Kants sch?nes Wort sch?rfen: Mei?el und Schl?gel k?nnen ganz wohl dazu dienen, ein St?ck Zimmerholz zu bearbeiten, aber zum Kupferstechen mu? man die Radiernadel brauchen! Damit will Kant sagen: der gemeine, gesunde Menschenverstand ist zu feinerer Denkarbeit unf?hig. Ja Erasm?s bezeichnet ihn geradezu als das Werkzeug der Narrheit. Wir hatten Gelegenheit, den h?heren, den spekulativen Verstand zu ?ben, in den zahllosen Widerspr?chen, die uns auf unserer Reise in den Weg traten. Und zwei Dinge sind uns besonders klar geworden: erstens: jener Verstand l?uft mit einem ung?ltigen Zeugnis durch die Welt, denn er selbst, nur er, hat sich sein Gesundheitsattest geschrieben und gesiegelt; zweitens: wenn irgendwo eine Wissenschaft existiert, so kann sie nur die Kenntnis von dem sein, was gegen die Selbstverst?ndlichkeiten des gesunden Menschenverstandes erk?mpft werden mu?te.

Und diese Wissenschaft lebt. So gro?m?chtig sie dasteht, wird sie doch das Scherflein nicht verschm?hen, das wir ihr in Form versprengter Kristalle zutragen. Wir fanden sie auf den Inseln und entdeckten dabei, da? sie in Struktur und Stellung der Facetten Besonderheiten aufweisen. Anders als sonst bei Kristallen bricht sich der Lichtstrahl auf ihnen: Er erzeugt ein Farbband, dessen Buntheit von der Fahrt erz?hlt, dessen dunkle Linien aber spektralanalytisch gedeutet werden k?nnen. Dann ergeben sie folgenden Sinn:

Manche Denkpfade erscheinen sehr abwegig, f?hren aber zu Aussichten, die sich in der Wanderung auf gebahnten Heerstra?en nicht erreichen lassen.

Es ist ein Vorurteil, zu glauben, die Wahrheit m?sse mit der Richtigkeit zusammenfallen. Es gibt im Denken zahllose Unrichtigkeiten, die der Wahrheit viel n?her liegen, als die exakten Ergebnisse.

Der Verstand kann hypertrophisch entarten und wird vor dieser Gefahr nur durch eine besondere Di?t gesch?tzt. Die grobe Nahrung der Tatsachen und starren Folgerungen verdickt ihn; er mu? sie durch die Feinkost der Symbole, Bilder, Visionen, mystischer Ahnungen unterbrechen. Nicht nur der Maler, auch der Philosoph soll inwendig sein voller Figur. Er mu? wahrsagen k?nnen in Formeln und weissagen in sibyllinischer, orphischer, eleusinischer Sprache.

Die Berufung auf eine vermeintliche Wirklichkeit darf niemals den Ausschlag geben, denn sie ist nur die Au?enprojektion einer inneren Vorstellung und w?rde, wenn sie mehr w?re, aller Norm widerstreiten. Eine gedachte Wirklichkeit kann sich mit dem Gesetz vertragen, eine reale Wirklichkeit besitzt die Wahrscheinlichkeit Null, das hei?t, sie ist unm?glich. Hiermit h?ngt innig zusammen: kein Prinzip ist durchf?hrbar, jedes mu? irgendwo abbrechen oder bei erzwungenem Fortlauf zur Karikatur umschlagen. Dies vor allem ist der Sinn unserer Atalanta-Fahrt auf der Tuscarora-Tiefe zwischen Hawai und Aleuten. Sie hat uns zahlreiche lebendige Proben daf?r geliefert, und dem Leser dieses Berichtes bleibt es ?berlassen, nach weiteren Proben in seiner eigenen Umwelt auszusp?hen.

Daf?r, da? er sie finden wird, liegt noch eine besondere Garantie vor: in einer Strophe des n?mlichen Nostradamus, dessen Verhei?ung uns wie erinnerlich zur Entdeckung der Inseln leitete. War seine Ansage richtig, so wird man auch wohl seinem Nachspruch ein gewisses Vertrauen nicht vorenthalten. Ich habe mir diesen Quatrain aufgespart und bringe ihn hier, getreu ?bersetzt, als Fazit der Expedition:


Durch diese Fahrt wird dir die Wahrheit hell,
Da? irgendein Prinzip uns stets gebannt h?lt;
Und du entdeckst nur eins gilt prinzipiell:
Das kein Prinzip lebendger Probe standh?lt.

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