Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit



скачать книгу бесплатно


* * *

Der Personenbestand umfa?te au?er der Mannschaft und dem bereits bekannten Hauptquartett nur wenige, die eine Erw?hnung verdienen. Der Kapit?n Ralph Kreyher, ein auf zahlreichen Fahrten erprobter Deutsch-Amerikaner, war wohl nicht mit ganzem Herzen bei der Sache. W?re es nach ihm allein gegangen, so h?tte er die »Atalanta«, wie schon so oft vordem, nach vergn?glicheren Punkten gelenkt, als nach ungewissen Inseln. Tats?chlich unternahm er bald nach der Ausfahrt mehrere Versuche, um uns zugunsten des Mittell?ndischen Meeres umzustimmen, von dessen Strandjuwelen Nizza, Bordighera und besonders Monte Carlo er im Sinne des Genusses ?berzeugter war, als von den zweifelhaften Sch?nheiten s?dlich der Aleuten. Seine Bekehrungsversuche hatten freilich nicht den geringsten Erfolg, wenn auch der Amerikaner sich allenfalls mit dem ver?nderten Programm abgefunden h?tte. Aber an dem Grundstatut war nicht zu r?tteln, und dieses fu?te auf der parlamentarischen Grundlage der Mehrheit. Also es gab f?r diese ganze Expedition keine souver?ne Bestimmung eines einzelnen, und ich selbst war weit davon entfernt, mir ein Oberkommando anzuma?en, nachdem Ziel, Sinn und Zweck der Fahrt unzweideutig festgelegt waren. Es galt sonach f?r weitere Einzelheiten das Prinzip der Abstimmung in einer siebenk?pfigen K?rperschaft, die sich aus mir, den beiden Mac Lintocks, Donath Flohr, dem Kapit?n, dem Waffenoffizier und dem Arzt zusammensetzte. Dem Offizier Geo Rotteck war die sozusagen milit?rische Sicherheit des Schiffes anvertraut, mit der Ma?gabe, da? er und die von ihm einstudierten Mannschaften keinen Schu? ohne die ?u?erste Defensivnot l?sen durften. Der Arzt, Dr. Melchior Wehner, dessen Kenntnisse ?ber das rein Medizinische erheblich hinausragten, begann seine T?tigkeit damit, da? er uns mit Impfstoffen gegen alle erdenklichen Zuf?lle immunisierte. Alles in allem ein vortreffliches Septuor, dessen Beschl?sse ohne erregte Kammerdebatten zustande kamen. Das erste Votum erfolgte im Stimmverh?ltnis von sechs zu eins, und ergab den Sieg der Grundidee ?ber den Spezialwunsch des Kapit?ns, der ?brigens seine abwegige Phantasie schnell genug verga? und sich fortan mit strenger Pflichttreue in den Dienst der Sache stellte. Genauer pr?zisiert ging der Beschlu? dahin, die k?rzeste Linie einzuhalten: also quer durch den Atlantic und den Panamakanal zu fahren, dann nordwestlich abzubiegen mit dem vorl?ufigen Richtungsziel der Hawais, n?rdlich deren wir die unbekannten Gel?nde anzutreffen hofften.


* * *

Die ersten Tage verstrichen ohne nennenswerte Zwischenf?lle und wir konnten uns einreden, eine vom Wetter beg?nstigte Erholungs– und Vergn?gungsreise zu absolvieren, wenn nicht ein gewisses Arbeitspensum auf uns gelastet h?tte. Dieses ergab sich aus der Sprachfrage: welche Mittel standen uns zu Gebote, um uns mit den Menschen zu verst?ndigen, die wir aus ihrem geographischen Dunkel aufzuscheuchen beabsichtigten? Und wie sollten wir uns mit Idiomen vertraut machen, von denen noch nie eine Silbe in unsern Kulturkreis gedrungen war?

Auch hier galt es nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit vorl?ufige Schl?sse zu ziehen und uns durch bekannte Daten dem Verh?llten wenigstens um einige Grade anzun?hern.

Es stand zu vermuten, da? die Sandwich-Dialekte ihren sprachlichen Einflu? irgendwie weiter nach Norden erstrecken w?rden, da? man also um den Anfang der Schwierigkeit herumk?me, wenn es gel?nge, sich die Elemente der Sandwichsprachen anzueignen.

Erster Nutzen der Schiffsb?cherei! Der Katalog gab Hinweise, wir begannen Spezialwerke zu w?lzen, insonderheit die von Codrington (The Milanesian languages), Gabelentz, Bleek und anderer Forscher, die ?ber die Verh?ltnisse der einschl?gigen Sprachen, besonders der polynesischen Formen, gute Auskunft gaben. Bei aller Verschiedenheit der Idiome wurden Gemeinsamkeiten erkennbar, und diese befestigten meine alte ?berzeugung, da? man beim Studium selbst der entlegensten Sprachen niemals ganz ins unbekannte Dunkel hineintappt. Zumal bei den Hauptw?rtern, als dem festen Ger?st der Sprachen, treten ?berraschende Verwandtschaften auf, die das Lernen erleichtern und uns sozusagen Leitseile und Gel?nder in die Hand geben. Das Malayische, das wurzelhaft mit dem Indischen zusammenh?ngt und von Ankl?ngen an Sanskrit durchsetzt ist, stand nun f?r uns im Mittelpunkt der Studien. Und immer klarer trat der Merksatz hervor: Wir ahnen, da? einer, der mit geh?rigen Kenntnissen ger?stet, alle Sprachen der redenden Menschen ?berschauen und vergleichen k?nnte, in ihnen nur verschiedene aus einer Quelle abgeleitete Mundarten erkennen w?rde und Wurzeln wie Formen zu einem einzigen Stamme zur?ckzuf?hren verm?chte. Dieser Satz ist einer Autorit?t gerade bei der Ergr?ndung der Sandwichsprachen zugeflossen, also derjenigen Ausdrucksmittel, die uns nach aller Voraussicht in noch unentdeckten Inseln zur Verst?ndigung mit den Eingeborenen dienen sollten.

Ich m?chte auf gut Gl?ck einige Proben herausgreifen, um derartige Zusammenh?nge und Verzweigungen zu verdeutlichen: Make bedeutet im Malayischen (Sandwich-Hawaischen) t?ten, schlagen, fast genau wie im Ebr?ischen Maku; eine wohlriechende Pflanze hei?t im Polynesischen: Arom?; die Sonne: Al (urverwandt mit Helios); die weibliche Brust: Titi (urverwandt mit Zitze, womit auch das franz?sische teton, das althochdeutsche tutte (T?tte) zusammenh?ngt). Im Hindostanischen finden wir f?r Schreibfeder: Kalam – lateinisch: calamus, griechisch: kalamos, das Schreibrohr, das Rohr ?berhaupt, wovon unser Kalmus. Hindostanisch schwer: »bari« weist auf das griechische baros; der indische Feuergott Agni auf das lateinische ignis; trinken: pina auf das gleichbedeutende griechische »pino«; das Zimmer: kamira auf kamara, Kammer. Vom Polynesischen leiten wiederum F?den zum Madagassischen und Innerafrikanischen, und hier anscheinend abseits jeder Verwandtschaftsm?glichkeit, hei?t die Mutter: Ma und Mama, der Vater: Baba und Papangue; das Wasser: egua (aqua); ich gehe: ando (genau wie im Italienischen); Ja: (in der Bamba-Sprache): »J—a«; ?l (in der Bari-Sprache): Oelet; Tod: Doda; Zehn: Tekke (griechisch: deka), u.s.w. Auch wenn man im Klange dem Zufall einen gewissen Spielraum zugesteht, wird man nicht umhin k?nnen, gewisse innere Grundverwandtschaften zwischen den Worten anzunehmen.

Einige Untersucher sind in dieser Hinsicht sehr weit gegangen, vielleicht ?ber das zul?ssige Ma? hinaus: Swift berichtet ?ber die unfa?bare Sprache im Fabellande der »Hauyhn-hnms« und bemerkt dazu, da? sie dem Hochdeutschen am n?chsten st?nde. Diese Stelle hatte in mir die leise Hoffnung angeregt, auch in den Unwahrscheinlichkeiten der polynesischen St?mme irgendwo auf deutsche Sprachsplitter zu sto?en. Aber hieraus ergab sich nicht die geringste Hilfe; es blieb wirklich nichts ?brig, als das Ged?chtnis mit Neuformen auf›s ?u?erste zu strapazieren. Wir fragten uns auf Grund der genannten Hilfswerke wechselseitig ab, es stellte sich heraus, da? mein mit angeborenem Sprachsinn begabter Freund Donath in diesen seminaristischen ?bungen weitaus am raschesten vorw?rts kam. Er hat sich auch tats?chlich im Weiteren als Dolmetscher ausreichend bew?hrt, ihm zun?chst Fr?ulein Eva, die sich ?ber manche Schwierigkeiten durch feinh?riges Erraten und Kombinieren hinwegzuhelfen wu?te. Ich lasse es bei diesen Andeutungen bewenden, um mich nicht in jedem Einzelfalle beim Sprachlichen aufzuhalten; es sei also vorweggenommen, da? wir auf unserer ganzen Reise an keinen Punkt gerieten, wo die Verst?ndigung versagte.


* * *

Einige Episoden verdienen Erw?hnung. Als wir uns bereits im Stillen Ozean befanden, regte Donath die phantastische Frage an, ob es nicht ang?ngig w?re, unterwegs unseren Antipoden einen Besuch abzustatten; er d?chte sich das sensationell, einmal mit Berlin zu gegenf??eln. Der Kapit?n zeigte ihm auf der Karte, da? dies theoretisch wohl denkbar, praktisch aber im Rahmen unseres Programms nicht ausf?hrbar w?re. Mein Freund stand hier auch wirklich nicht ganz auf der H?he geographischer Einsichten. Erstlich besitzt Berlin ?berhaupt keine menschlichen Antipoden. Die sogenannten Antipoden-Inseln f?hren ihren Namen entsprechend ihrer Gegenlage zu London, genau zu Greenwich, und auch zu ihnen w?re der Weg untunlich gewesen, da wir uns ja n?rdlich vom ?quator befanden. Daf?r wurde Donath versprochen, da? er andere Gegenpunkte von Berlin erleben w?rde, n?mlich in der Hawai-Gruppe, wo er bei 166 ? Grad westlicher L?nge den Gegenmeridian von Berlin genie?en sollte; sofern es ein Genu? ist, sich vorzustellen: hier steht die Sonne hoch, ich stelle die Mittagsstunde fest, w?hrend daheim die Turmuhren mit 12 Schl?gen Mitternacht verk?nden. —

Einmal, als wir gerade in die See hinausblickten, wurden wir durch eine Detonation aufgeschreckt. Wir waren n?mlich in die N?he einer treibenden Mine und diese wiederum in die Drehkreise schwimmender T?mmler geraten. Die Sprengmine, als ein verj?hrtes, auf unerforschlichen Wegen hierher verschlagenes ?berbleibsel vom Weltkriege gab uns zun?chst die Gewi?heit, da? wir uns hier, wenn auch weitab von Siedelungen, so doch immer noch im Gehege »moderner Kultur« befanden. Zudem hatten wir Ursache, der Delphinhorde dankbar zu sein, die in angemessener Entfernung jene Explosion auffing; h?tte sie sich am Kiel der »Atalanta« entladen, so w?ren die Nostradamischen Verhei?ungsinseln unentdeckt geblieben, und von vorliegendem Buche w?rde, gleich bedauerlich f?r mich wie f?r meine Leser, nicht eine Zeile existieren.

An einem der n?chsten Tage ?berkam mich ein seltsames Verlangen. Ich lie? durch den Funk-Apparat in den unbegrenzten ?ther Morsezeichen auf Englisch hinaustelegraphieren: »Die Teilnehmer der Atalanta-Expedition, 15 Grad n?rdlicher Breite, 145 Grad westlicher L?nge, gr??en die unentdeckten Inseln auf der Tuscarora-Fl?che.« Es erfolgte naturgem?? keine Antwort, und die Mehrheit der Gef?hrten bel?chelte mich, als sich trotzdem eine steigende Unruhe meiner bem?chtigte. Kein Zweifel, ich war nerv?s ?berreizt, wie unter einem Tropenfieberanfall. Unser Doktor Wehner stellte stark erregten Puls fest, gab mir Chinin und wollte mir Lagerruhe verordnen. Aber mich trieb die Exaltation unabl?ssig umher, und ich kam von dem abenteuerlichen Gedanken nicht los, auf jene drahtlose Sendung w?rde irgendetwas erfolgen. Fr?ulein Eva versuchte, mich konversationell zu beruhigen und wom?glich von der absurden Idee abzulenken. Ich aber blieb hartn?ckig bei dem Thema der drahtlosen Telegraphie, und verlor mich – wie sie sp?ter erz?hlte – in unzusammenh?ngende Er?rterungen ?ber die Gro?funkenstation Nauen, ?ber Schwingungen im Vakuum und ?ber die Wellen-Berge, die im ?ther erregt w?rden. Schlie?lich brach ich unter der Emotion zusammen, das klare Bewu?tsein setzte aus, es rauschten mir abgerissene Stichworte durch den Sch?del: Anruf – Schwingungen – Wellen – Eva – Nauen – Berg – Tuscarora – – – Man bettete mich aufs Lager, und der Doktor behandelte mich mit Eiskompressen. Nach etwa einer Stunde ging der Anfall vor?ber, ich erhob mich, ging umher, trat an die Reeling und freute mich der Sonnenstrahlen, die mit schr?gen, glitzernden Pf?hlen in die Flut tauchten. Da gab es auf dem Schiff eine neue Aufregung.

Der Offizier Geo Rottek rief mich an das Kabinenh?uschen, in dem pl?tzlich der Funkenempf?nger zu spielen begann. Wir wurden, unbekannt woher, angerufen und zu unserem ma?losen Erstaunen funkte uns eine Nachricht entgegen:

»Gegengru? von den unentdeckten Inseln. W?hlet f?r Erforschung Ausgangspunkt 15942.«

Was hatte das zu bedeuten? Der Amerikaner war als erster mit der Erkl?rung zur Hand, irgend ein unbekannter Empf?nger meiner Depesche, auf See oder auf Land, h?tte sich mit dieser drahtlosen Antwort einen freundlichen Spa? geleistet. Aber die Mehrheit widersprach dieser Annahme unbedingt und bekannte sich zu meiner ?berzeugung, da? wir es hier mit einer durchaus ernst zu nehmenden Kundgebung zu tun h?tten. Und nun fegte ein Sturm von Interpretationen ?ber Deck, deren Grundmotiv dahinging: die gesuchten Inseln existieren nicht nur in Wirklichkeit, sondern sie verf?gen sogar ?ber ?u?erste technische Errungenschaften. Sie verstehen die Kunst, sich mit der Au?enwelt zu verst?ndigen. Und wenn ihre Bewohner dies bis jetzt unterlie?en, wenn sie heut zum ersten Mal den Schleier ihres Daseins l?ften, so m?ssen sie hierf?r ihre ganz besonderen, einstweilen unerforschlichen Gr?nde besitzen.

Es galt daher als nahezu erwiesen, da? wir uns bei sp?terer Ann?herung keinem feindseligen Empfang aussetzen w?rden. Ein Rest von Verdacht blieb freilich bestehen. Dieses Telegramm konnte eine Falle sein; ein Man?ver, um unser kostbares Schiff an ferne Gestade zu locken und dann eventuell zu pl?ndern. Hohe Zivilisation und Raublust sind ja nicht kontradiktorisch entgegengesetzt, sondern wie die Geschichte lehrt, eng verschwistert. Es gibt sogar eine Theorie, nach welcher die Raublust proportional mit dem Quadrat der Zivilisation ansteigt. Aber das besch?ftigte uns im Moment nicht sonderlich. Wir blieben vielmehr an dem Schlu? der Kundgebung haften und fragten uns, wie wir uns die telegraphische Zahl 15942 zu interpretieren h?tten. Hier lag offenbar der Drehpunkt der ganzen Angelegenheit, der wichtigste Hinweis, den wir erst verstehen mu?ten, um zu einer Orientierung ?ber das Zuk?nftige zu gelangen.

Waren die Inseln etwa numeriert? Und gar in die Tausende? das schien doch gar zu unwahrscheinlich. Oder sollten die Zahlen wiederum eine Chiffre abgeben f?r einzusetzende Buchstaben? Alles dahingehende Probieren ging fehl. Aber inzwischen hatte unser Kapit?n Ralph Kreyher eine gangbare Spur gefunden. Er teilte n?mlich mit nautischer Findigkeit die Zahl durch eine einleuchtende Z?sur in 159 und 42 und erkl?rte: Wenn der telegraphische Hinweis ?berhaupt einen Sinn haben soll, so kann er nur bedeuten: Steuert auf den Schnittpunkt des 159. Meridians mit dem 42. Breitengrad! Wir k?nnen nat?rlich nicht erraten, was wir dort finden werden; aber es steht doch zu vermuten, da? dieser Punkt die gr??te Wichtigkeit f?r unsere Expedition beansprucht.

Auf den Seekarten war dieser Punkt nicht durch die geringste Eintragung hervorgehoben. Ein namenloser Punkt in der blauen Wasserw?ste. Unser Konzilium ergab den Beschlu?: dorthin wird unter allen Umst?nden gesteuert! Ganz direkt, auf der k?rzesten Linie, ohne Ber?hrung der Hawaischen Inseln? Nein, das w?re doch zu grausam gegen den Genius aller Touristik gewesen. Zum erstenmal im Leben befanden wir uns in der N?he eines von gro?en Weltfahrern in allen T?nen der Begeisterung gefeierten Paradieses, und wir durften nicht die S?nde auf uns laden, an diesem Paradiese einfach vorbeizuhuschen. Wir beschlossen also: eine kurze Zeitspanne Verz?gerung, um Hawai und Oahu wenigstens fl?chtig zu sehen und aus den berauschenden Lebenswellen dieser Gestade einige Schaumperlen zu schl?rfen. In den Augen des Kapit?ns entz?ndete sich ein wahres Feuerwerk der Vorfreude. Und ich illuminierte es noch weiter, indem ich aus Georg Wegeners »Zaubermantel« vorlas, dem Werke, in dem die Beschreibungen des hawaischen Zaubers wie Perlen im Mantel eingestickt sind. Auch hier war Verhei?ung und dazu baldige sichere Erf?llung. Hochgeschwungene Vulkanketten in ?ppiger Tropennatur, Farbenkomplexe, an die keines Malers Traumphantasie heranreicht. Silbern schimmernde B?che, die ?berall vom Plateaurande herniederh?ngen, in so dichter F?lle von solcher Vielgestaltigkeit und mehrfach von solcher H?he, da? sie die der norwegischen Fjorde in Schatten stellen. Dazu, bei Nacht, das Spiel elektrischer Scheinwerfer, die das Gr?n der B?sche bis zum Smaragdglanz steigern; und eingeborene Menschenkinder, die sich bl?tenhaft mit der Landschaft in Einklang setzen. Sie tragen bei jeder festlichen Gelegenheit – jeder Tag wird ihnen zum Feste – bunte Blumenkr?nze auf den H?ten, Bl?tenkrausen um den Hals, lange, vielfarbige, bl?hende Geh?nge an Brust und R?cken, ohne Unterla? lachend, plaudernd, scherzend.

Dem Kapit?n fehlte es wohl nicht an Organen zur Erfassung der g?ttlichen Landschaft, allein er war doch noch empf?nglicher f?r die kulturellen Reize, die er in der Hauptstadt der Gruppe zu finden hoffte und allem Anschein nach auch wirklich fand. Honolulu ist ja nicht nur mit Vegetationswundern gesegnet, sondern mit Einrichtungen moderner Kulturzentren; seine Zierg?rten sind durch elektrische Bahnen verbunden, die an einem Museum, einer Bank, an Fabriken und Zeitungsdruckereien vorbeifahren. Es gibt Theater, Variet?s, Klubr?ume, Bars, welche die Tropennacht noch um einige Grade interessanter machen, als es die Leuchtk?fer verm?gen, die da drau?en zwischen den Stauden schwirren. Ralph Kreyher und Donath Flohr hatten sich zur Begutachtung dieser Erholungsst?tten verbunden, und ihr seltsam bleiches, ?bern?chtiges Aussehen bezeugte deutlich den Erfolg ihrer n?chtlichen Studien. Bald aber trat der Zweck der Expedition wieder in ihre Rechte, und die »Atalanta« nahm ihre Fahrt auf, um die verd?mmernden Berglinien der Sandwichgel?nde hinter sich zu lassen und dem ozeanischen Punkte 159—42 entgegenzueilen.


* * *

Als wir in dessen N?he gelangten, stellte der Ausguck fest, da? dort allerdings etwas vorhanden war. Ein verlorenes, flaches Inselchen, nach Bodenfl?che wohl nicht gr??er als Helgoland, das hinter langgestreckten Korallenriffen schlummerte. Die mit Seegew?chsen durchflochtenen Riffe zeigten nur geringe L?cken, unser Schiff hielt sonach weit drau?en, und wir versuchten, auf einem herabgelassenen kleinen Hilfsboot den Durchgang zu erzielen. Das Ergebnis der ersten Orientierung war trostlos. Nach dem im Sonnenbrande gl?henden Schiefergestein des S?dufers zu urteilen hatten wir eine ?dfl?che betreten, die wie Salas y Gomez in Unwirtlichkeit starrte. Weiter hinein wurde es etwas ertr?glicher. Wir erblickten sp?rlichen Pflanzenwuchs und etliches Kleinvieh, das traurig dahinweidete. Menschliche Spuren schienen nicht vorhanden, und im Pegel unserer Hoffnung, hier Bedeutungsvolles zu erfahren, senkte sich die Erwartung unter Null. Kreyher hielt den Zeitpunkt f?r gegeben, seinem Mi?trauen einen kr?ftigen Auspuff zu gew?hren: wenn die ?brigen »Inseln der Verhei?ung« diesem Anfang ?hnelten, dann k?nnten sie sich alle zusammen begraben lassen.

Wir waren nahe daran, wieder umzukehren, als Eva auf ein winziges H?gelchen aufmerksam machte, der einzigen Erhebung in der sonst mit einem Blick umspannbaren Ebene. Als wir es umgingen, gelangten wir auf der Nordseite an ein menschliches Bauwerk. Ein Mittelding zwischen H?uschen und H?tte, ?u?erlich sauber gehalten, dabei eine Gem?sepflanzung, vor ihr eine Holzbank. Aus der T?r trat ein Mann in mittleren Jahren, mit gewissen Zeichen der Intelligenz im bebrillten, b?rtigen Gesicht, in einem Anzug von klimawidriger, unfroher Dunkelheit. Er st?tzte sich m?hsam auf einen kurzen Stock und sandte uns mit der freien Hand einen kurzen, stummen Gru? entgegen, ohne indes das mindeste Erstaunen ?ber unsern Besuch zu verraten.

Donath nahm als erster das Wort und versuchte es in mehreren Unterarten des Polynesischen. Der H?ttenbewohner h?rte aufmerksam zu und schien zu verstehen. Allein er traf nicht die leisesten Anstalten, um uns mit einer Antwort zu bedienen. In unseren wechselseitig ausgetauschten Blicken lag die Frage, sollte er stumm sein? Aber dann h?tte er doch wenigstens mit Zeichen reagiert. Nichts von alledem: er wollte nicht antworten.

Aber er legte auch unsrer Besichtigung seines Anwesens nichts in den Weg. Er duldete es wortlos, das wir das H?uschen betraten, dessen primitive Einrichtung der Behaglichkeit nicht ganz entbehrte. Es waren sogar einige B?cher vorhanden ?ber Botanik und Zoologie, in englischer und spanischer Sprache, mit Zwischenbl?ttern, die ?bersetzungen ins Polynesische enthielten, dies Wort im weitesten Sinne genommen.

Wir verabschiedeten uns nach einiger Zeit und stellten baldiges Wiedersehen in Aussicht. Er wehrte nicht ab. An Bord ergingen wir uns in Mutma?ungen. Nach unseren Eindr?cken geh?rten die Insel sowie der Mann nicht mehr zum Begriff Hawai, wohin sie auch in geographischem Betracht nicht unterzubringen waren. Eher war anzunehmen, da? dieses Eiland den ?u?ersten Vorposten der unentdeckten Gebiete vorstellte. Den Mann klassifizierten wir einstweilen als Einsiedler, den irgend ein Verh?ngnis von seinen Volksgenossen fortgetrieben haben mochte. Wir wollten versuchen, ihm die Zunge zu l?sen und zwar zun?chst dadurch, da? wir ihm aus unseren reichen Vorr?ten einige Gaben mitbrachten: Gebrauchsgegenst?nde f?r Haus und K?rperpflege, kleines Handwerksger?t und ein paar Flaschen Burgunder.

Als wir am n?chsten Tage unsere Spenden auspackten, und ihm zuwiesen, glitt ein freundlicher Anflug ?ber seine Z?ge. Er nahm an, ohne merklich zu danken. Als er die Gegenst?nde ergriff, bemerkten wir an seinen H?nden Handschuhe aus festem, gummiartigem Stoff, und ein leiser Karbolgeruch kam uns entgegen. Doktor Melchior Wehner, der beim ersten Besuch nicht mitgekommen war – da ihn die Verletzung eines Matrosen auf der »Atalanta« zur?ckgehalten hatte – und der sonach den Einsiedler zum erstenmal jetzt erblickte, trat auf ihn zu, ma? ihn mit eindringenden, diagnostizierenden Blicken, drehte sich dann zu uns und sagte mit sicherem Tonfall: »Der Mann hat die Lepra.«



скачать книгу бесплатно

страницы: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30

сообщить о нарушении