Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Sind Sie dessen ganz sicher?

Vollkommen. Die Figur ist nicht zu verkennen. Au?erdem hatte ich schon nach unserem Schiffskurse vermutet, da? sie heute vor uns auftauchen w?rde.

Wir werden aber nicht landen; unsere Linie ist durch den Wunsch Mac Lintocks genau vorgeschrieben, und ich hoffe, da? Sie als unser Gast seinen Willen respektieren werden.

Es l?ge mir allerdings viel daran, mein altes Verlie? wiederzusehen, wenn auch nur auf wenige Stunden.

Nicht auf f?nf Minuten. Gerade Ihr Verlangen best?rkt mich in dem Vorhaben, den Kurs fortzusetzen und Ihnen eine elegische R?ckerinnerung zu ersparen. Blicken Sie lieber gar nicht hin, oder noch besser, steigen wir in den Gesellschaftsraum hinunter.

Bitte, bleiben wir auf Deck. Ich werde nicht weiter davon reden. Wir k?nnen uns ja von anderem unterhalten.

Einverstanden. Erz?hlen Sie mir irgendein Abenteuer aus Ihren fr?heren Fahrten.

Meine eigenen Abenteuer haben einen engen Rahmen, und den soll ich doch gerade vermeiden. Aber von den Abenteuern eines ganzen Volkes will ich Ihnen erz?hlen. Eines Volkes, das auf unseren Inseln eine Rolle spielt. Haben Sie nie von den Pramiten reden geh?rt?

Nur ganz gelegentlich in Helikonda und Sarragalla. Auf welcher Insel sind denn die Pramiten beheimatet?

Das ist schwer zu beantworten. Sie stammen aus weiter Ferne und leben auf unseren Eilanden in der Diaspora. Sie fehlen nirgends, sind aber auch nirgends wurzelhaft zu Hause. Man hat ihnen dauernd zu verstehen gegeben, sie w?ren fremdst?mmig, und hat sich nachher au?erordentlich gewundert, da? sie nicht vollkommen bodenst?ndig wurden. Man hat sie gedr?ckt und es ihnen zugleich ?bel genommen, wenn sie nicht aufrecht standen. Schritten etwelche trotzdem aufrecht, so verwies man sie auf die allein ihnen zukommende Positur der Geducktheit. Man versagte ihnen Rechte und murrte, wenn sie ihr Recht auf Pflichterf?llung geltend machten. Man verschlo? ihnen viele Kreise und warf ihnen d?nkelhafte Absonderung vor. Man schlug sie und emp?rte sich ?ber die Unsch?nheit der Striemen, die man ihnen geschlagen hatte.

Verfuhren denn alle Insulaner also mit den Pramiten?

Bewahre; nur ein geringer Teil. Die Mehrheit war verst?ndig genug, um den Vorteil anzuerkennen, den ihnen das Fremdvolk gew?hrte. Aber Sie wissen ja aus der Physik, da? die Hemmung immer die F?rderung ?berwiegt. Das Gegen erscheint ?berall weit wirksamer als das F?r. Die n?mliche Kraft, die in f?rdernder Richtung eine Bewegung nur unwesentlich beschleunigt, kann in hemmender Richtung den Bewegungseffekt vollkommen vernichten. Sie bemerken dasselbe an allen Erscheinungen des Lebens. Im Theater sind zwanzig Zischer st?rker als achthundert Applaudierende; die Erinnerung an eine Ohrfeige wirkt nachhaltiger als die an hundert Liebkosungen, und ein Mi?duft ?bert?ubt alle Wohlger?che Arabiens. Also im vorliegenden Fall: die geringe Zahl der Antipramiten schuf eine Verbitterung, der gegen?ber die Duldsamkeit der vielen anderen gar nicht merklich wurde.

Und so blieb dem Fremdvolk schlie?lich nur noch das eine ?brig: auf eine Gastfreundschaft zu verzichten, die den Pramiten nur noch in der Form der Gastfeindschaft f?hlbar wurde. Sie gaben ihre zerstreuten Wohnsitze auf und organisierten eine gro?e Siedelung auf einer Insel, die ihnen ganz allein geh?ren sollte. Dieses Eiland, Zyunal genannt, schien alle w?nschenswerten Eigenschaften zu bieten. Sie war bis vor kurzem g?nzlich unbewohnt, sozusagen herrenlos, besa? ertragf?hige Weidefl?chen und gew?hrte gen?genden Raum, wenn die Pramiten nur eng genug zusammenr?ckten. Hierzu waren die Pramiten auch fest entschlossen. Ihr Exodus gl?ckte, vor etwa f?nf Jahren, die neue Gemeinschaft der Zyunalisten bl?hte auf; sie hatten das beseligende Gef?hl, da? keiner von ihnen in der Diaspora verblieben war, da? sie vielmehr s?mtlich in nahem Kontakt und unbehelligt von feindlicher Rassenstr?mung sich nach ihrer Eigenart ausleben durften.

Mehr kann man nicht verlangen.

Ja, wirklich, das Problem schien gel?st. Nur zeigte sich nach Verlauf weniger Jahre ein neues sozialpsychologisches Ph?nomen, auf das keine Vermutung der Vorzeit verfallen w?re. Man bemerkte n?mlich auf der Insel Zyunal: Antipramiten.

Dann mu? sich in Ihrer Erz?hlung ein Fehler oder eine L?cke befinden. Die Antipramiten waren doch auf den fr?heren Wirtsinseln zur?ckgeblieben und konnten schwerlich das Gel?ste versp?ren, die ihnen so unsympathischen Fernsiedler zu besuchen.

Gewi? nicht. Das Ph?nomen hat einen ganz anderen Ursprung. N?mlich: ein Teil der Ausgewanderten gefiel sich in ?u?erungen und Gesten, die von den Antipramitischen kaum zu unterscheiden waren. Sie trugen sogar die vierbl?ttrige Zackenbl?te zur Schau, als ein Abzeichen, das vordem auf den anderen Inseln symbolisch aufgekommen war.

Und wie wollen Sie das erkl?ren?

Wiederum rein physikalisch. Die Einzelk?rper gehorchen dem Gesetz der Attraktion, sie ziehen einander an, das hei?t, aus dem k?rperhaften ins Pers?nliche ?bersetzt: sie werden zur Geselligkeit gedr?ngt. Bei sehr gro?er N?he indes treten genau wie bei den Molek?len und Atomen gewisse Absto?ungskr?fte hervor. Die Individuen wollen wieder auseinander, und wenn ihnen die Enge des Raumes dies verbietet, so ?u?ern sie Unwillen. Jeder schiebt seine Unbehaglichkeit auf den andern, mitten in der Geselligkeit erhebt sich ein Antiprinzip, und wir erhalten das Bild einer Herde von intimen Freunden, die einander nicht ausstehen k?nnen. So geschah es in dem Neustaate Zyunal. Nachdem die Repulsionen einige Monate gew?hrt hatten, bestand er aus lauter Pramiten mit antipramitischer F?rbung. Und da jeder einzelne hier zugleich als Subjekt wie als Objekt der Gegnerschaft auftrat, so ergab sich die Unm?glichkeit, die Siedelung fortzuf?hren. Die n?chste Generation h?tte es einfach gar nicht mehr ausgehalten.

Mit anderen Worten, die Ausgewanderten wollen wieder zur?ck auf die alten Inseln?

Ja, so stehen die Dinge augenblicklich. Die Verhandlungen sind bereits eingeleitet und werden sicherlich zu gutem Ende f?hren. Denn zu den Kennzeichen der Pramiten geh?rt die Konsequenz bis zur Hartn?ckigkeit, und wenn sie erst die Losung ausgegeben haben: Los von Zyunal! so trotzen sie allen Widerst?nden. Und schlie?lich: es gibt auch ein Heimweh nach dem Schmerzlichen ich selbst wei? davon ein Lied zu singen!

Pordoio, Sie kommen schon wieder auf Ihre alte Melodie. Die m?ssen Sie ein f?r allemal unterdr?cken. Sie fahren jetzt mit uns nach Europa

Sagen Sie doch, Herr, werde ich dort die M?glichkeit finden, mich meiner Neigung entsprechend einer nachdenklichen Einsamkeit zu ?berlassen?

Wir wollen daf?r schon sorgen. Sp?ter, wenn der erste Ansturm ?berwunden ist.

Was f?r ein Ansturm?

Der auf Sie, nat?rlich. Ihr Erscheinen wird berechtigtes Aufsehen erregen. Ein lebender B?rger aus fernen, unbekannten, soeben erst entdeckten Welten! Man wird Sie feiern wie nur einen indischen Heiligen, der aus seinen Dschungeln auftaucht, um Europa mit okkulter Philosophie zu begl?cken. Das ist doch sehr ehrenvoll, und Sie werden sich den Huldigungen gewi? nicht widersetzen.

Eine schauderhafte Aussicht. Ich werde eine linkische Figur spielen

Ausgeschlossen. Sie brauchen dort nur zu reden wie hier zu uns, und der Erfolg kann Ihnen nicht entgehen; sei es nun, da? man Sie einl?dt, in den Aulen unserer Universit?ten Vortr?ge zu halten, oder da? man zu Ihren Ehren Kongresse veranstaltet. Es wird Ihnen gewi? auch eine Genugtuung gew?hren, wenn sich die Interviewer der gro?en Zeitungen an Sie dr?ngen, um jedes Ihrer Worte millionenfach vervielf?ltigt in die Welt hinauszudepeschieren. H?chstens die ersten Tage oder Wochen k?nnten eine leise Unbequemlichkeit bringen

Der Himmel beh?te mich! Noch mehr Unbequemlichkeit?

Kaum der Rede wert. Aber sehen Sie, Pordoio, g?nzlich um alle Formalit?ten kommen wir nicht herum. Kurz nach der Landung in Europa werden wir Sie anmelden m?ssen

Anmelden?!

Lassen Sie uns daf?r sorgen. Die Sache liegt zwar insofern etwas verwickelt, als Ihre Heimat bei uns keine diplomatische Vertretung besitzt. Da kommen andere Instanzen in Frage, die wir zu ermitteln haben werden. Vielleicht gen?gt es, wenn wir Sie bei der Polizei, beim Pa?amt und beim Magistrat pers?nlich vorstellen und dort die anderen Beh?rden erfragen, die f?r die weiteren Anmeldungen in Betracht kommen, damit Sie nachher

Der Schlu? des Satzes blieb mir im Halse stecken. Pordoio rannte geradeaus ?ber Deck; ehe ich ihn einzuholen vermochte, warf er die Oberkleidung ab und sauste mit einem gewaltigen Salto mortale ?ber die Reeling.

Ein Schrei gellte mir durch Mark und Bein. Den hatte er hinausgebr?llt w?hrend des Sprunges: Erebos!

Nach zehn Sekunden war er au?erhalb des Blickbereichs. Aber in dieser kurzen Zeitspanne wurde es meinen starrenden Augen klar, da? der Verwegene mit gewaltigen Schwimmbewegungen hin?berstrebte nach seiner Insel, nach seiner Einsamkeit, von der er niemals h?tte abgetrennt werden d?rfen.

Allalina und O-Blaha

Die Inseln der Pazifisten

?ber die Bedeutsamkeit dieser Inseln waren bereits einige Mitteilungen zu uns gedrungen. Wir hatten Ursache, uns auf gewisse moralische Erlebnisse vorzubereiten, denn man hatte uns gesagt, da? wir in einen Bezirk ethischer Prinzipien geraten w?rden. Hier, so hie? es, sollte vorwiegend die Sittlichkeit regieren mit all ihren sch?nen Schwestern, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Edelmut, Charakterg?te. Wenigstens wurde den Bewohnern das Streben zugeschrieben, sich in den Mannigfaltigkeiten des Lebens, wo es nur irgend anginge, recht tugendhaft zu benehmen.

Wir hatten bereits angefangen, uns in einem Gasthof auf Allalina wohnlich einzurichten, sahen uns indes schon am ersten Tage gen?tigt, unsere Dispositionen zu ?ndern. Ein peinlicher Zwischenfall verleidete uns den Aufenthalt. Unserm Herrn Mac Lintock war n?mlich seine kostbare Taschenuhr abhanden gekommen. Er hatte sie nur auf wenige Minuten unbeaufsichtigt im Zimmer liegen gelassen, und es schien erwiesen, da? niemand anders den Raum betreten haben konnte, als irgendein Individuum des Hauspersonals. Der Verdacht konzentrierte sich auf den Gasthofsdiener, und der Beraubte z?gerte nicht, mit hellen Worten der Entr?stung den Wirt in Anspruch zu nehmen. Der sollte das entwendete Gut sofort herbeischaffen, den Frevler dingfest machen und der verdienten Bestrafung zuf?hren.

Allein der Wirt teilte durchaus nicht die zornige Erregung des Gastes. Vor allem sei es seine hausv?terliche Pflicht, die sch?tzende Hand ?ber einen Menschen zu halten, der ihm bereits durch Jahre hindurch gegen bescheidenes Entgelt seine Arbeit widme. Sollte er unter dem verf?hrenden Zwange einer Sekunde gehandelt haben, so w?re es verwerflich, diese eine Sekunde mit einem Makel auf Lebenszeit zu kompensieren. Niemand k?nne mit Sicherheit behaupten, da? der Mann just in diesem Moment Herr seiner freien Willensbestimmung gewesen sei. Zudem verordne das heilige Buch des Landes, der Trismagest, dem Schuldigen zu vergeben, durchweg Verzeihung zu ?ben und den Nebenmenschen nicht als Objekt der Rache zu behandeln. Er, der Wirt, m?sse sich sonach h?chlich verwundern, wenn er auf Anschauungen sto?e, die der Gerechtigkeit so scharf widerspr?chen.

Verschonen sie mich mit Ihren Redensarten! ereiferte sich unser Gef?hrte; ich will mit Ihnen nicht Moral disputieren, sondern meine Uhr wiederhaben! Sie hat zweitausend Dollar gekostet und ist au?erdem ein Erbst?ck schon von meinem Gro?vater her, das ich als teures Familienandenken nicht missen m?chte.

In diesem Falle, entgegnete der Wirt ruhig w?re erst zu pr?fen, ob die Uhr ?berhaupt noch Ihnen geh?rt. Nach der Einrichtung des Jubel oder Halljahres verj?hrt bei uns das Eigentum in einem Zeitraum von drei?ig Jahren. Darin liegt ein Ausflu? g?ttlicher Gerechtigkeit, die dem starren Erbbesitz eine Grenze setzt zugunsten der Allgemeinheit

Das w?re ja noch sch?ner! rief Donath dazwischen; Sie verwandeln die Kostbarkeit des Herrn einfach in herrenloses Gut, und Ihre Gerechtigkeit will dem R?uber wom?glich noch ein Recht auf Raub zuschanzen!

Tausend Beispiele der Weltgeschichte best?tigen dieses Recht. Hiervon abgesehen lehrt unser heiliges Buch

In diesem Augenblick betrat der Hausdiener das Zimmer, um in die Verhandlung einzugreifen: Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Wirt. Eine Liebe ist der andern wert. Sie sind f?r mich eingetreten, das war Ihre Pflicht, und jetzt ist es meine, den ganzen Handel aus der Welt zu schaffen. Dieser Herr ist offenbar fabelhaft reich, und ich bin ein armer Schlucker. Wenn er als Fremder die Tugend nicht kennt, auf ?berflu? zu verzichten, so soll er an meiner Bed?rftigkeit lernen, da? man sogar das Notwendige hingeben mu?, um dem Nebenmenschen einen Verdru? zu ersparen. Hier haben Sie Ihr Zeug wieder!

Damit schmi? er dem Amerikaner die Uhr vor die F??e und entfernte sich mit dem Ausdruck eines Menschen, dem die Pflicht h?her steht als der augenblickliche Vorteil.

Wir wollten Weiterungen vermeiden und verlie?en das Gasthaus, um private Unterkunft zu suchen. Nach einer Stunde waren wir ganz gut untergebracht. Bei einem B?rger namens Branisso, der zuf?llig ?ber einige freistehende R?ume verf?gte und sich ein Vergn?gen daraus machte, uns zu beherbergen. Man r?ckte ein wenig zusammen, man schr?nkte sich ein, und es ging.

Von Beruf war Branisso nach der Landessprache ein Watongoleh; w?rtlich l??t sich das nicht ?bersetzen; nach unseren Begriffen ist Watongoleh etwa ein Regierungsrat oder Dezernent in einem Landesamt. Hier handelte es sich um das ausschlaggebende Ressort des Ethischen Ministeriums, und Branisso hatte die Aufgabe, einen Teil der ethischen Angelegenheiten zu sichten und zu analysieren. Zahlreiche Hilfsarbeiter stehen ihm zur Seite. In allen Amtsstuben werden die dem Leben entnommenen Tatsachen bearbeitet, zergliedert, nach Gesichtspunkten der Tugend und des Lasters zerfasert und katalogisiert. Die kommentierten Ausz?ge aus bergehohen Moralakten werden dem Publikum bekannt gegeben und durch Vortr?ge erl?utert. Die Zeitungen, Theater und Lichtbildnereien stehen im Dienste derselben Sache. Dadurch wird die ethische Kultur dauernd verbreitert, die Beziehungen von Mensch zu Mensch immer mehr verfeinert.

Gerechtigkeit ist das Schlagwort der Insel und besonders ihrer Regierung. Die Richter sind fast ausnahmslos unbestechlich und suchen das Recht nach bestem Wissen zu finden, nach dem Prinzip der goldenen Mitte zwischen Milde und Strenge. Der Grundquell der Justiz erflie?t aus dem schon erw?hnten heiligen Buche Trismagest, dem die Strafpraxis m?glichst getreu folgt. Das ist freilich nicht so einfach; denn in dieser Heilsschrift stehen die Ermahnungen zur Milde und zum drakonischen Durchgreifen vielfach dicht nebeneinander. Man soll nicht blo? den Nebenmenschen im allgemeinen lieben, sondern auch seine Feinde, so steht es da geschrieben; und auf derselben Seite hei?t es: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Jedermann soll nur f?r seine eigene Tat verantwortlich sein, so lautet ein Grundsatz, mit dem Beisatz, da? die S?nden der V?ter heimgesucht werden an den Kindern und Enkeln. Hier steht, der Mensch soll gerecht richten, darunter: er soll ?berhaupt nicht richten; er soll nach einer geschlagenen Wange die andere hinhalten und dabei an den Spruch denken: Gie?et aus die Schale des Zorns; er soll nicht falsch Eid-Zeugnis ablegen, aber richtiges auch nicht, da er ?berhaupt nicht schw?ren soll; er soll lieber Unrecht leiden, als Unrecht tun, und allzeit einen guten Kampf k?mpfen; er soll seine Selbstsucht ?ber winden, also aufh?ren, sich zu lieben, und dabei den Andern lieben wie sich selbst, also bis zum ?berma?. Wie findet man zwischen diesen Komponenten, in denen Ja und Nein, Verzeihung und Anathema durcheinanderwirbeln, die mittlere Linie?

Die Regierung von Allalina, beraten vom Ethischen Ministerium, hat versucht eine brauchbare Resultante zu gewinnen. Auf der Insel bestehen verschiedene Gerichtskammern, von denen die einen so mild, die anderen so drakonisch wie irgend m?glich aburteilen. Damit beide Heilsprinzipe gleichm??ig gewahrt werden. Soll nun ?ber einen Angeklagten Recht gesprochen werden, so entscheidet das Los, ob er vor eine milde oder vor eine strenge Kammer gestellt wird. Das Los h?ngt vom Zufall ab, der Zufall ist unparteiisch und entspricht somit allen Anforderungen parteiloser Gerechtigkeit. F?r alle Klagef?lle auch in Zivilsachen sind zw?lf Instanzen vorgesehen. ?ber die zw?lfte hinaus steht dem Beklagten wie auch dem Kl?ger die Berufung an die Allgemeinheit offen; dann bildet das gesamte Volk ein Obertribunal, dessen Plebiszit die Angelegenheit wiederum an die erste Instanz zur?ckweisen darf. Sonach kann es sich zwar ereignen, da? ein Fall nie zu Ende gelangt, aber das ethische Gewissen findet seine Beruhigung darin, da? bei einem unendlichen Proze? ein Fehlurteil ausgeschlossen erscheint.

Unser Herbergsvater, der Watongoleh, machte uns mit diesen Gerechtigkeiten bekannt und f?gte hinzu, da? seine eigene Familie zurzeit schwer an einem Rechtsfall zu leiden habe. Trotz aller Vortrefflichkeit des Prinzipes habe sich hier ein Ungl?ck zugetragen, aus dem er selbst mit seiner hochgradigen, amtlich gew?hrleisteten Ethik keinen Ausweg w??te.

Branissos Tochter Gulpana, eine anmutige Frau in den zwanziger Jahren, erz?hlte uns den Hergang. Sie lebte mit ihrem Mann, dem Doktor Pordogg, in gl?cklichster Ehe. Vor drei Jahren wurde dieser wegen schwerer Delikte angeklagt und durch das Los vor eine strenge Strafkammer gestellt. Der Proze? durchlief alle zw?lf Instanzen und endigte beim Volkstribunal, das die erste Entscheidung Verurteilung zu lebensl?nglichem Gef?ngnis best?tigte. Seit f?nf Monaten schmachtet er im Kerker.

Was hat er denn begangen?

Mein Gatte ist Chemiker und Physiologe. Als auf der Nachbarinsel eine Epidemie ausbrach, erfand er ein neues Serum, dessen Einspritzung nach seiner ?berzeugung Wunder bewirkt. Er vollzog die Probe an sich selbst, indem er sich zuerst durch absichtliche Infektion mit Seuchenbazillen schwer krank machte. Als er dann durch seinen Impfstoff Pordoggan rasch gesundete, fa?te er den Plan, die Bewohner von Allalina vorbeugend mit diesem Serum zu behandeln, um sie ein f?r allemal zu immunisieren.

Damit stie? er auf den Widerstand des Ministers Palinur, der eben dabei war, ein ganz allgemeines Gesetz gegen jede Impfung ?berhaupt auszuarbeiten und durchzusetzen. Bei dem gro?en Einflu? Palinurs war vorauszusehen, da? dieses Verbot demn?chst in Kraft treten w?rde. Pordogg gab sich alle erdenkliche M?he, durch Bitten und Sachgr?nde den Impfgegner umzustimmen. Der aber beharrte schroff auf seinem Vorsatz, dessen Verwirklichung den sanit?ren Plan meines Mannes vollkommen vereitelt h?tte.

Bald darauf fand man Palinur im Ministerium als Leiche. Er sa? vorn?bergefallen an seinem Arbeitstisch mit verkohltem Kopf und verbrannten H?nden. Alle Aufkl?rungsversuche mi?langen

Erhob sich da etwa ein Verdacht gegen Ihren Gemahl?

Allerdings; denn man wu?te ja, da? ihm der Minister im Wege war. Allein der Verdacht fiel zu Boden, denn ich konnte beeiden, da? Pordogg an dem fraglichen Tage unsere Wohnung nicht verlassen hatte. So blieb nichts ?brig als die Annahme eines g?nzlich r?tselhaften Ungl?cksfalls. Aber das Impfverbot kam nun nicht heraus, und mein Gatte konnte sein Verfahren beginnen. Man wu?te, wie wunderbar sein Serum bei ihm selbst angeschlagen hatte, und zweifelte nicht daran, da? es auch prophylaktisch seuchenfest machen w?rde. In den folgenden Tagen vollzog Pordogg die Einspritzungen an mehreren hundert Personen.

Ist denn die Epidemie von der Nachbarinsel ?berhaupt her?bergekommen?

Nein, keineswegs. Sie erlosch auch dort nach nicht allzu langer Zeit. Aber bei uns ereignete sich Entsetzliches. Nach zwei Wochen erkrankten s?mtliche von Pordogg geimpften Menschen an gr?nen Geschw?ren, die den ganzen K?rper bedeckten und auffra?en. Nie zuvor war ein solches Krankheitsbild beobachtet worden. Und ohne Ausnahme gingen die ?rmsten unter f?rchterlichen Schmerzen zugrunde, nachdem sie die Luft stra?enweit mit ihrem Jammergeschrei erf?llt hatten.

Lie? sich ermitteln, wie das zusammenhing?

Die Autorit?ten haben lange untersucht und folgenden Entscheid gef?llt: Das Serum an sich ist eine gro?artige Erfindung und kann dereinst vorz?gliche Dienste tun. Nur fehlen gen?gende Erfahrungen ?ber die Dosierung; wird die richtige Injektion auch nur um ein Milligramm ?berschritten, so verwandelt sie sich aus einer Wohltat in eine Todbringerin. Au?erdem darf man sie nur bei akuter Erkrankung anwenden, nicht aber prophylaktisch bei Gesunden. Mithin liegen Unbedachtsamkeiten vor und Kunstfehler, welche die Anklage auf fahrl?ssige T?tung rechtfertigen.

Und darauf steht in diesem Lande Lebensl?nglich?

Doch nicht. Allein Pordogg erkl?rte mitten in der ersten Verhandlung, man solle ihm gleich noch eine Leiche mehr aufrechnen. Er habe den Minister Palinur mit Vorsatz und ?berlegung ermordet.

Unm?glich! Er war doch nicht aus seiner Behausung fortgekommen!





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