Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Ein kleiner Verdru? ging nebenher: wir vermi?ten Geo Rottek, unseren Schiffsoffizier. Er hatte sich irgendwo auf der Tour abgezweigt und war nicht wieder zum Vorschein gekommen. Sollte er sich verirrt haben? oder in eine Schlucht gest?rzt sein? Ich ?u?erte Besorgnis, allein der Kapit?n verschwor sich mit allen Eiden, es w?re nichts dergleichen zu bef?rchten; Rottek sei die Umsicht und Gewandtheit in Person, und wenn er sich unsichtbar mache, so gesch?he es sicher nur, um uns sp?ter mit eigenen Expeditionsergebnissen zu ?berraschen. Wir verwarfen deshalb den aussichtslosen Plan einer suchenden Streife auf unbekanntem Terrain und warteten das Weitere ab, das ?brigens wie vorweg gesagt werden soll die Auffassung des Kapit?ns als vollkommen zutreffend erwies.


* * *

Als wir in die Stadt zur?ckkehrten, erlebten wir ein Get?mmel. Wir erblickten aufgeregte Gesichter, wie sie in das vorgezeichnete Gesamtbild des Phlegmas durchaus nicht hineinpa?ten. J?nglinge und halbw?chsige Burschen dr?ngten sich heran, und einige steckten uns beschriebene Zettel in die Hand. Wir wurden zuerst nicht klug daraus, bis Donath, der ausf?hrlicher herumgehorcht hatte, die Erkl?rung brachte. Eine Volksversammlung war im Stadthaus angesagt, und die Veranstalter legten Wert darauf, da? wir, die fremden G?ste, uns daran beteiligten; nicht nur als stumme Zuh?rer, sondern, wenn es der Gang der Dinge erfordern sollte, mit Abgabe unserer eigenen Meinung. Es ginge um Wohl und Wehe der ganzen Insel.

Es war also ersichtlich, da? in der buddhistischen Aufmachung unseres Gew?hrsmannes eine Unstimmigkeit heraustrat. Und wir erkannten auch bald, wo das Loch in der Rechnung sa?: in dem Widerstreit zwischen Alt und Jung, der durch Jahrhunderte unter Druck niedergehalten, jetzt pl?tzlich durchstie?. Agitatoren aus den Nordinseln waren eingedrungen und hatten den Samen des Mi?vergn?gens ausgestreut. Pochte das Gl?ck an die Pforte? Nein, das stand noch weit drau?en und wagte sich nicht heran. Aber in jungen, eingeschl?ferten Herzen war ein Drang erwacht nach einem unbestimmten Ziele. Was dieses Ziel versprach, verkroch sich noch hinter Schleiern; nur das eine wu?ten sie, ahnten sie wenigstens: es sollte anderswo liegen als dort, wohin der kn?cherne Finger des Buddhismus wies.

Auf der Trib?ne stand der Hauptagitator Sterridogg von der weitentlegenen Insel Unalaschka, auf der sich schon die klimatischen Einfl?sse der antarktischen Region bemerkbar machen. Wir konnten seiner Rede gut folgen, da man uns vornan Pl?tze angewiesen hatte. Trotzig genug sah der Geselle aus, wie er aus tiefliegenden, verkniffenen Augen die Versammlung musterte, und der Eindruck des Trotzes versch?rfte sich noch durch ein bellendes Organ und durch ruckende Kopfw?rfe, die seinen sch?tteren Jungbart in Schwingung versetzten.

Die Senioren der Stadt waren nur sp?rlich vertreten. Sie mochten wohl der ganzen Angelegenheit keine wesentliche Bedeutung beimessen und sich darauf verlassen, da? die ruhige Beredtsamkeit und die Autorit?t des einen Vlaho ausreichen w?rde, die gef?hrdete Jugend bei Raison zu halten. Der sa? abseits, versteinert, ganz Buddha. Und es schien ein Fluidum von ihm auszugehen, wie von einem Gesalbten, in dessen Gegenwart sich keine St?rme erheben d?rfen.

Aber die Bewegung war vorhanden. Eine verhaltene G?rung, deren Urspr?nge weiter zur?cklagen in geheimer W?hlarbeit der fremden Aufwiegler. Deren Sprecher begann:

Vl?hanesen! Jungmannen und Jungfrauen! Wir sind hierhergekommen, um euch aufzur?tteln zur Ergreifung der Menschenrechte, zu einem Menschentum, von dem ihr nichts wi?t, nichts ahnen k?nnt, da eure Seelen in Gefangenschaft schmachten. Vertiert seid ihr unter der Lehre eurer V?ter, die euch Ruhe, Entbehrung, Gleichg?ltigkeit, Entkr?ftung auferlegt, in einer von Kr?ften strotzenden Welt.

Auf den anderen Inseln und auf den fernen Kontinenten leben Menschen, welche arbeiten und k?mpfen, in Kampf und Arbeit das Gef?hl des Lebens zu erstreiten. Ihr kriecht schleimig dahin als schneckenhafte Wesen, ihr habt Blut in den Adern, aber es pulsiert nicht. Raffet euch auf zur Blutwallung, werdet K?mpfer! Sch?ttelt ab den Bann, der euch zur Seelenlosigkeit verdammt unterjocht die Unterjocher!

Wogegen ihr zuerst k?mpfen sollt?

Das will ich euch sagen: Gegen die reiche Natur, die euch umgibt, die sich ihre schwelgerische ?ppigkeit auf eure Kosten angem?stet hat. Heuchlerisch scheint sie den Bewohnern alles zu gew?hren, was des Lebens Notdurft verlangt, sie ?bersch?ttet sie mit Bl?ten und Fr?chten, sie bettet sie in landschaftliche Wonne, aber hinter dieser Freigebigkeit lauert der Verrat: Indem sie euch die Arbeit ersparte und in reglose Beschaulichkeit einlullte, d?mpfte sie die Lebensgeister, sog das Mark aus den Hirnen und Nerven. Und nur in also entseelten Seelen konnte sich jene Verderblichkeit entwickeln, die man euch als Philosophie und Religion aufschwatzt: die entbehrende Buddhalehre. Dort hockt er, euer neuer Buddha, dessen eingefrorenes Gesicht nicht euer Erbe werden soll.

Ja, k?mpfen wir gegen den Urgrund seiner Lehre, gegen die verweichlichende, geistd?mpfende Natur, in der wir die Wurzel des Seelenelends erkennen. Nicht mehr mit Gleichg?ltigkeit wollen wir ihr begegnen, sondern mit Ha? und Zorn. Ausrotten wollen wir ihre F?lle und Sch?nheit, hinter der sich der Satan verbirgt; ein D?mon, der auf Vl?ha die schlimmste Form des Lasters verbreitet hat, die Verbl?dung.

Zornbewehrt werden wir die Natur umgestalten, dieses verruchte Klima, das den Boden schw?ngert, um den Menschengeist mit Unfruchtbarkeit zu schlagen. Eine schwere Aufgabe? Wohlan, la?t erst euren Ha? emporschwellen, da? er gewaltiger werde, als die Schwierigkeit. La?t uns Bresche schlagen in jenen Gebirgswall, ein Tor ?ffnen den rauhen Nordwinden, da? sie mit eisigem Hauch das Gel?nde ?berfluten! Erprobung tausender, kr?ftiger, arbeitsbegieriger M?nnerarme! Seid ihr bereit?

Das Echo geriet nicht so vollt?nig, als der Agitator erwartet hatte. Nur ein leises Murmeln des Einverst?ndnisses wurde vernehmbar, dann meldete sich ein junger Mann:

Ich hei?e Sergasch, bin Schwesternsohn unseres K?nigs und sitze auf einem G?tchen, das mich m?helos ern?hrt. In der ?berreichen Mu?e, die auf mir wie ein Alp lastet, habe ich mich dem B?cherstudium ?berliefert; und es geschah mir beim Lesen, als w?rde ich aus einem f?rchterlichen Traum aufgeschreckt. Mit allem Respekt vor meinem Oheim sei es gesagt, da? mir seine Lehre schon lange verd?chtig war. Sehr verst?ndig hat der Sendbote Sterridogg gesprochen, den das Mitleid von seiner steinigen Insel Unalaschka hierher treibt, um uns die Augen zu ?ffnen. Heraus aus dem D?mmer der Apathie, hinein in die Leidenschaft! Wollen wir nicht verdorren, so m?ssen wir uns den Zwang zur Tat schaffen. Aber der vorgeschlagene Weg ist ungangbar. Wohl haben die Europ?er nat?rliche Fesseln zerbrochen, in Suez und Panama, wo sie Kontinente zersprengten, um Meere zu vereinigen, allein derartige Menschengewalten verm?gen wir Insularier nicht aufzubringen. Wir k?nnen unser Gebirge nicht ?ffnen, um das Klima hart zu machen. Sinnen wir daher auf andere Mittel. Wir brauchen den Notzwang, und wir werden ihn haben. Not! Befruchterin der Intelligenz, Mutter aller Erfindungen, N?hramme aller Tugenden, komme zu uns! Stehen dir die in Geilheit strotzenden Felder und Fruchtb?ume im Wege, so werden wir sie beseitigen. Vernichtung den Hindernissen! Feuer herbei!

Feuer an die Plantagen! so erschollen Zurufe aus jugendlichen Kehlen.

Jetzt erhob sich Vlaho, dem es allm?hlich klar wurde, da? er mit einer priesterlichen Geste den Sturm nicht mehr zu beschwichtigen vermochte:

Meine Kinder! Zum erstenmal in einem langen, von Heilswahrheit gesegneten Leben f?hle ich die Notwendigkeit, aus der Gelassenheit herauszutreten. Welch ein Geist ist in euch gefahren! Ihr h?rt auf die Verf?hrung neidischer Fremdlinge, die eure Seelen verwirren und ihnen die eingepflanzte K?stlichkeit entrei?en wollen: die Unnahbarkeit, das Gleichma?, die Unersch?tterlichkeit. Leidenschaft, Ha? und Wut wollen sie euch einimpfen, jene Erb?bel, die da drau?en ihr giftiges Wesen treiben und die ganze Weltgeschichte zu einem Register schreienden Jammers gemacht haben! Wollt ihr werden wie die Europ?er von heute mit ihrem verzweifelten Kampf aller gegen alle, wollt ihr euch ?berschwemmen lassen von Schwei? und Blut, dann rufet die Not, beschw?rt ein Geschick herauf, gegen das wir Alten euch mit eiserner Brustwehr zu sch?tzen beflissen waren. Denn das war der Sinn unserer Lehre, die man buddhistisch, zynisch, stoisch nennen mag, euch au?erhalb des Schicksals zu stellen, durch weise gepflegten Gleichmut. Wir hielten die Eitelkeit der Freuden von euch fern, um euch mit Unempfindlichkeit gegen den Schmerz zu waffnen; euch das zu gew?hren, was die weisesten der Griechen als Ataraxia gepriesen haben; die Unangreifbarkeit des Geistes, der in der Einsicht von der Leerheit der Gen?sse sich zum Herrn ?ber den K?rper aufschwingt. Jetzt aber werft ihr die Ataraxie von euch, st?rzt in die Arme des Schmerzes und hofft in dieser Umarmung eine Wollust zu erleben

..Weil es keinen anderen Weg zu ihr gibt rief Sterridogg dazwischen als den Umweg ?ber Not, Schmerz und saure Arbeit. Dieser Priester dort, der uns mit griechischen Brocken kommt, der in aller Literatur so genau Bescheid wei?, warum unterschl?gt er uns die Weisheit des alten Zoroaster und des neuen Zarathustra? der die Not gepriesen hat mit den Worten: Im Schmerz ist so viel Weisheit wie in der Lust, er geh?rt gleich dieser zu den arterhaltenden Kr?ften ersten Ranges! da? er weh tut, ist kein Argument gegen ihn, es ist sein Wesen! Menschen gibt es, die beim Herannahen des gro?en Schmerzes wachsen, die nie stolzer, nie gl?cklicher dreinschauen, als wenn der Sturm heraufzieht; ja! der Schmerz selber gibt ihnen die gr??ten Augenblicke! Das sind die heroischen Menschen, die gro?en Schmerzbringer der Menschheit; jene Seltenen, welche dieselbe Apologie n?tig haben, wie der Schmerz ?berhaupt; es sind arterhaltende, artf?rdernde Kr?fte ersten Ranges! Begreift ihrs, ungl?ckselige, verk?mmerte Genossen, da? ihr diesen Gro?en nachzueifern habt? Begreift ihrs, da? die Prediger der anderen Lehre nichts anderes sind als Quacksalber, die euch mit Haschisch bet?uben?

Feuer an die Plantagen! antwortete es in verst?rktem Chore. Vlaho war zur?ckgesunken, Eva meldete sich mit einem Zeichen, da? sie zu sprechen w?nsche, und aller Blicke hefteten sich auf sie:

Vi?hanesen! Nicht um zu entscheiden, richte ich das Wort an euch, denn wir sind G?ste ohne Richterbefugnis; sondern um dem ma?losen Erstaunen Ausdruck zu geben, das uns bef?llt, angesichts dieser Vorg?nge. Es ist wahr, wir kommen aus L?ndern, in denen die Menschen durch Leid, Kampf und Arbeit von der Freude abgedr?ngt werden. Hier zum erstenmal fanden wir einen Erdflecken, den die Natur in rosiger Laune erschuf, um sich in einem Ausnahmefalle ihrer nat?rlichen Grausamkeit zu ent?u?ern. Hier w?re der Boden f?r ein paradiesisches Geschlecht, das nur n?tig h?tte, seine Sinne offen zu halten, um gl?cklich zu sein. Und was haben wir angetroffen? Zwei Parteien zwischen Entsagung und Schmerzenssehnsucht, zwischen Gleichg?ltigkeit und Ha?. Wir allein, wir Fremden, konnten hier des Weltelends vergessen, konnten uns aiuf einige Stunden im Gl?cke sonnen, das ihr nach zwei Methoden von euch abwehrt. Darf ich euch einen Rat geben? fahret hinaus zur Betrachtung der euch unbekannten Welt, wie wir hinausfuhren zur unbekannten Insel, erlebet den Kontrast, und bei der Heimkehr werden eure beiden Parteien verschmelzen zu einer einzigen, der selbstverst?ndlichen Gl?ckseligkeit. Ihr werdet nicht mehr Buddhisten sein und Antibuddhisten, sondern frohe Menschen auf der Insel der gl?cklichen Bedingungen.

Nach Auswandern ist uns schon lange zu Mute, rief Sergasch dazwischen; so wie sich Odysseus von der Zauberinsel der Kalypso fortsehnte nach dem steinigen Ithaka. Aber vorher wollen wir Rache ?ben an der Natur, hinter deren Engelsmaske wir den Belial erkannt haben!

Ein greller Feuerschein z?ngelte durch die Fenster in den Versammlungsraum. Einige Verwegene hatten sich schon vorher beim ersten Aufruf des Priesterneffen entfernt und ihr Werk begonnen. Als wir hinauseilten, war es bereits in vollem Gange. Die Pflanzungen brannten und Flammen leckten nach den Ausl?ufern der Ortschaft. Alte Einwohner standen umher, starrten auf Vlaho, wie in Erwartung eines Signals, ob sie sich auch dieser Katastrophe gegen?ber als gleichm?tige Stoiker zu betragen h?tten. Eine Stunde sp?ter befanden wir uns auf der Atalanta, vollz?hlig, denn auch der vermi?te Geo Rottek hatte sich inzwischen wieder angefunden; nach einem nicht unfreundlichen Erlebnisse, das er uns erz?hlte, w?hrend sich das Schiff von der illuminierten Insel entfernte.

Die Episode des Offiziers lieferte zu unseren Erfahrungen eine sozusagen lyrische Erg?nzung. Er war bei dem erw?hnten Aufstieg tats?chlich vom Wege abgekommen, verlockt durch das Erscheinen einer seltsamen Springgazelle, die am Waldesrand sichtbar wurde, im Buschwerk untertauchte, wieder aufschnellte, sich umblickte, so da? Geo der Versuchung nicht widerstehen konnte, der Spur zu folgen. So verlor er den Kontakt mit den anderen und sah sich beim Fortwandern pl?tzlich auf einer mit Pinien umstandenen Matte, die einen Blick auf Tiefland und Meeresbucht freigab. Auf einer Moosbank sa? ein etwa zwanzigj?hriges M?dchen, dem er unter den Sehensw?rdigkeiten der Insel sogleich eine besondere Stellung anwies. Ja, ihm erschien in diesem Moment der ganze Zauber der elyseischen Umwelt nur als die Fassung zu diesen einem versprengten Edelstein. Er blieb stehen, fragte nach dem Wege zur Stadt, erhielt Auskunft, schlug aber den Weg nicht ein, setzte sich vielmehr auf die Bank neben die junge Person und hatte die Genugtuung, da? diese K?hnheit sie nicht aufscheuchte. Jetzt betrachtete er sie eindringender, mit einer unbewu?ten, aber ergebnisreichen Analyse der Einzelheiten, die sich hier zur Gestaltung einer exotischen Hebe zusammenfanden. Und mitten in die stumme Entz?cktheit hinein fiel eine Entt?uschung: die Augen, so sch?n sie geformt waren, so reizend sich Iris und Pupille vom zartge?derten Wei? abhoben, zeigten keine optische Resonanz. Es ging keine Schwingung von ihnen aus, nichts, was auf ein Spiel der Nerven deutete, und es kam ihm in Erinnerung, was der Doktor in den ersten Minuten des Aufenthalts zu ihm gesagt hatte: diese Menschen haben keine Seele.

Er versuchte eine Unterhaltung anzubahnen. Wie hei?en Sie? Wrogella. Ein melodi?ser Name; freuen Sie sich der Herrlichkeiten um uns? Sie verstand nicht. Empfinden Sie nichts beim Anschauen dieser Landschaft? Die Landschaft ist ?berall dieselbe. O nein, sie ist ?berall verschieden, sie bietet alle Arten von Sch?nheit; so wie auch Sie verschieden sind von Ihren Schwestern auf der Insel. Wissen Sie, Wrogella, da? Sie sch?n sind? Ein leises Vibrieren in ihren Z?gen gab Antwort; schnell genug verschwand es, und sie sagte mit klangloser Stimme: es ist verboten, das zu wissen.

Eine gro?artige Erscheinung zeigte sich am Himmel. Hinter zarten Dunstw?lkchen offenbarte sich das Halo-Ph?nomen, das sonst nur in der Polarregion sichtbar wird. Weitgeschwungene Kreise um die Sonne mit Neben und Gegensonnen, mit hellfarbigen Ber?hrungsbogen an den ?u?eren und inneren Bogen. Wrogella, rief er, blicken Sie dorthin! Tausend Jahre k?nnte ein Mensch alt werden, ohne da? es ihm verg?nnt w?re, solches Wunder zu erleben! Und in der Ekstase ergriff er ihre rechte Hand, die sie nicht zur?ckzog.

Aber sie blickte auch nicht zum Himmel, an dem das Ph?nomen nach wenigen Sekunden verschwand.

Kein Zweifel, er sa? neben einer Undine, und erriet intuitiv, da? diese undinenhafte Verfassung das wesentliche Merkmal der Rasse von Vl?ha bilden m?sse. Aber er hielt doch ihre Hand, aus deren Fingerpolen ihm etwas entgegenstr?mte, wie eine Emanation.

Das ist wenigstens ein Vorteil ihrer Empfindungslosigkeit, dachte Geo; sie wehrt sich nicht, wenn ich ihre Hand liebkose. Und w?hrend er sie abwechselnd streichelte und an die Lippen f?hrte, fragte er: Wrogella, sind Sie verlobt? haben Sie einen Freund, einen Geliebten? Wissen Sie ?berhaupt, was Liebe ist?

Sie antwortete nicht. Aber in ihren Augen ging etwas vor, mit kristallischen Reflexen, verschleiert im Dunsthauch von Tr?nen. Und auf einmal ?ffnete sie ihre Arme und flog ihm an die Brust. Wie ein junges Vogelherz pochte es ihm entgegen. Diese eine Buddhistin war entzaubert zu einem Nirwana, das ihr besseres versprach, als die ?berlieferte Mystik.

Das ist der Anfang eines Romans, lieber Rottek, sagte Mac Lintock; wie denken Sie sich die Fortsetzung?

Fortsetzung? entgegnete jener, ich d?chte, wir w?ren schon seit ein paar Stunden ?ber den Schlu? hinaus. Ich auf dem Schiff, das M?dchen auf der brennenden Insel! Der Vorhang ist gefallen und wird nach menschlichem Ermessen nie wieder gehoben.

Das soll man nicht verschw?ren. Sie machen mir nicht den Eindruck, als wenn der rasche Triumph des Abenteuers Ihnen gen?gte. Bei einem Helden, der Br?nnhilde erweckte, kann auf den Siegfried-Schlu? der Anfang der G?tterd?mmerung folgen: Zu neuen Taten!

Sie sind ein Menschenkenner, Herr Mac Lintock. Tats?chlich, ich versp?re heftige Reue. Ich h?tte auf Vl?ha bleiben oder Wrogella mitnehmen sollen.

Es g?be noch eine dritte M?glichkeit. Sie k?nnen eines Tages zur?ckkehren und mit ihr den unterbrochenen Kursus wieder aufnehmen. Ich denke mir das um so vorteilhafter, als ich selbst beabsichtige, in sp?teren Jahren hier eine Ferienkolonie f?r uns alle zu begr?nden.

Gl?nzende Idee! rief Donath, aber die Pflanzungen sind doch vernichtet?

Ich halte diesen Brand f?r ein Theaterspektakel. In einem Jahre bl?ht und fruchtet hier alles wie zuvor. Das einzige wirklich Einge?scherte wird der Buddhismus sein, und der verdiente nichts anderes, denn er ist eine Donquichoterie. Ich taxiere: wenn wir einmal wiederkehren, dann herrschen hier die sogenannten geordneten Zust?nde, mit Kataster?mtern, Steuerb?ros und sonstigen Beh?rden, die den Leuten das Leben genau so sauer machen, wie bei uns. Aber man wird wenigstens wissen, an wen man sich als Businessman zu halten hat. Und wenn inzwischen die Preise nicht gar zu arg hochgeschnellt sind, dann kaufe ich die ganze Insel und gebe sie der h?bschen Wrogella zur Mitgift.

Was aber w?rde unser deutscher Buddha gesagt haben, wenn er mit uns von der Partie gewesen w?re?

Vermutlich folgendes:

Hier auf der Insel der gl?cklichen Bedingungen war der beste Ansatz vorhanden f?r das Verwirklichen der Verneinung des Willens zum Dasein. Die Sehnsucht nach Sansara, die Ataraxie, Senecas Doktrin und mein Pessimismus h?tten hier auf engem Boden das Zweckdienliche geschafft, die ?berwindung der Gattungsexistenz. Dann h?tte ein goldenes Zeitalter beginnen k?nnen, worin sich die Natur allein auslebt, ohne die st?rende Mitwirkung der Menschen, welche in keinem Betracht in den Kosmos hineinpassen. Fast waren sie so weit, dieser schn?den Mitwirkung in freiwilligem Verdorren zu entsagen. Da erhob sich ein neues Gew?hl zu dem bl?den Zwecke, sich das n?mliche Joch, das sie eben abwerfen wollten, frisch aufzubinden, mit aller Festigkeit, da? es ihnen den Nacken recht gr?ndlich wundscheuere. Und mitten in dem Get?mmel sehen wir die Blicke zweier Liebenden sich sehns?chtig begegnen, und warum so heimlich, furchtsam und verstohlen? Weil diese Liebenden die Verr?ter sind, welche heimlich danach trachten, die ganze Not und Plackerei zu perpetuieren, die sonst ein baldiges Ende erreichen w?rde.

Die letzten Zeilen stehen so w?rtlich in Schopenhauers Hauptwerk. Noch viele gleichwertige w?ren daraus zu zitieren, lapidare Gedanken, die Satz f?r Satz wahr, sich insgesamt zu einem grandiosen Fehlerkreis zusammenschlie?en, zu einem Zirkel, von dem uns soeben die am Horizont vergl?hende Insel ein lebendiges Abbild geliefert hatte.

Kradak

Die Insel der Perversionen

Eigentlich ist es eine Gruppe dreier benachbarter Inseln, die man nach ihrer gegenseitigen Lage mit den Borrom?ischen im Lago maggiore in Vergleich bringen k?nnte. In ihren Wesensz?gen treten Verwandtschaften hervor, die es mir nahelegen, sie gemeinsam zu behandeln, wie wir denn auch unseren Aufenthalt nach Zeit gemessen ziemlich gleichm??ig zwischen ihnen verteilten. Als Ausgangspunkt diente uns die mittlere Insel, Kradak, die mit den anderen einen unabl?ssigen Bootsverkehr unterh?lt. Sie war, als wir landeten, der Schauplatz einer Verkaufsmesse, richtiger gesagt eines bunten Jahrmarkts und zeigte lebhaftes Treiben auf den Stra?en, wie in der Karawanserei, in der wir Unterkunft fanden. Manche Auff?lligkeiten traten uns im ersten Anlauf entgegen, sie waren indes nicht hervorstechend genug, um unsere Aufmerksamkeit erheblich zu fesseln; sie erschienen eher als launische Zufallsprodukte, denn als Zeugnisse f?r einen besonderen nationalen Geistestypus. ?u?erlich betrachtet erinnerte die Ortschaft an Honolulu; freilich waren die Ma?e verkleinert, auf bescheidenere Verh?ltnisse reduziert, und das ganze hatte einen Stich ins Abenteuerliche, Verschrobene, Inkommensurable. Man k?nnte sagen: Honolulu ist die mittlere Proportionale zwischen einer europ?ischen Residenz und Kradak; jedenfalls blieben hier Einfl?sse der uns vertrauten Kulturen, wenn auch in Verd?nnung, deutlich erkennbar.





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