Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Ihre Ansicht scheint aber nicht einmal hier durchzugreifen. Wir sind mit einer Steilbahn hier heraufgekommen, also mit einer Maschinerie, die ein touristisches Interesse voraussetzt

und an der wir Vl?hanesen vollkommen unschuldig sind. Sie ist das Werk anderer Insulaner, bei denen nach europ?ischem Vorbild die Landschaftsschw?rmerei Eingang gefunden hat; wie die Seuche des Alkoholismus und Morphinismus, die auf Momente das Lebensgef?hl steigert, aber auf die Dauer Gesundheit und Sittenbestand untergr?bt. Unsere Gl?ckseligkeit hat mit solchen Erregungen nichts zu schaffen.

Erkl?ren Sie uns nur, Herr Priester, wie Sie zu irgend einer Gl?ckseligkeit gelangen wollen, wenn Sie die Seele gegen die angenehmen Eindr?cke absperren.

Eben dadurch. Wir erstreben den Sieg des Verstandes ?ber das Gef?hl, um die wahre Bestimmung des Menschen zu vollenden. In dem Bewu?tsein dieser Vollendung ruht das, was wir einstweilen mit dem ungenauen Namen Gl?ckseligkeit bezeichnen; im Grunde ist es noch etwas anderes, H?heres, was sich ?ber die Gl?ckseligkeit erhebt, wie die Notwendigkeit ?ber den Zufall.

Das klingt sehr nihilistisch und scheint auf einen Nullpunkt des Daseins hinzusteuern. Aber der ist unter lebendigen Menschen niemals zu erreichen. Das Gef?hl meldet sich schon, und wenn Sie es noch so sehr ?berwunden zu haben glauben; es meldet sich mit dem Verlangen nach Lust und noch weit st?rker mit dem Verlangen, die Unlust, den Schmerz von sich abzuwehren.

Beides ist identisch und untrennbar wie positiv und negativ elektrische Pole. Der seelische Schmerzpol bleibt dauernd wirksam, so lange dem Lustpol neue Nahrung zugef?hrt wird. Und daraus folgt, da? es nur eine Methode gibt, um den Schmerz zu ?berwinden: Abschneidung der Lustzufuhr, Herabsetzung der Lustempfindung bis auf Null. Wird die Seele mit Erfolg hierzu erzogen, so verliert sie automatisch auch die F?higkeit, auf Schmerz zu reagieren. Sie wird au?erhalb des Leidens gestellt, und damit ist die Aufgabe des Verstandes erf?llt, der aus dem unleidlichen Frondienst bei dem Tyrannen Gef?hl erl?st werden will.

Halten Sie denn im Ernst eine Unempfindlichkeit gegen den Schmerz f?r m?glich?

Ich w?re nicht der Erste, der diese Ansicht vertritt; wie ich ja ?berhaupt nicht der Erfinder dieser Theorie bin, vielmehr deren Tr?ger. Kennen Sie das Problem des Phalaris?

Meines Wissens war das nicht ein Problem, sondern ein Marterinstrument; ein Moloch in Gestalt eines ehernen Stieres, der angeheizt wurde und in dessen gl?henden Bauch man lebendige Menschen stie?. Es wird wohl aber niemand auf das Problem verfallen sein, ob man sich gegen so etwas unempfindlich machen kann?

Es gen?gt, da? die Frage aufgeworfen wurde, und sie ist auch tats?chlich von einigen Weisen in meinem Sinne beantwortet worden. Da trat einer auf, der erkl?rte: Wenn ein Weiser im Stiere des Phalaris gebraten w?rde, so w?rde er ausrufen: wie wohl ist mir!

Verzeihung, das kann nur ein Asket schlimmster Sorte erkl?rt haben! Ein zwischen Wahnsinn und Renommisterei taumelnder S?ulenheiliger!

Sie sind im Irrtum: das hat Epikur gesagt, also ein Mann, der nach Ihrer Meinung gewi? den Lebensgenu? begriffen hat. Und ein anderer Weiser, der Stoiker Seneca, pflichtete ihm bei.

Ich entsinne mich der Tatsache, schaltete ich ein; ich m?chte mir indes erlauben, Ihr Zitat zu vervollst?ndigen. Seneca erg?nzte n?mlich, da? ein weiser Mann, wenn die Wahl bei ihm st?nde, lieber nicht gebraten werden wolle, nicht wegen der Unbehaglichkeit der Sache, sondern weil es der Natur widerspricht, da? ein weiser Mann sich ohne Not braten lasse. Gleichviel, aus Ihrer Betrachtung geht doch hervor, da? Sie dem Epikur eine Autorit?t zugestehen; und hierin erblicke ich die M?glichkeit, mich mit Ihnen zu verst?ndigen. Sollte am Ende in Ihrer ?berzeugung ein Rest von Epikurischem Bewu?tsein versteckt sein?

Wie Sie es verstehen, nicht im Mindesten. Unser Grundbekenntnis konzentriert sich vielmehr auf eine ganz andere Gr??e. Es wird Zeit, da? Sie hier?ber Aufkl?rung empfangen: Wir sind Buddhisten!

Ein neuer Widerspruch! Ihre Insel mit ihren auf h?chste Lebensfreude eingestellten Naturbedingungen h?tte doch ein Geschlecht von Genie?ern hervorbringen m?ssen, also von Nicht-Buddhisten, von Contra-Buddhisten. Wie sind Sie also darauf verfallen, sich in einem Schlaraffenlande gerade zur Lehre eines Genu?bek?mpfers zu bekennen? Und auf welchem Wege ist diese Entsagungslehre aus Indien zu Ihnen gelangt?

Diese Frage mu? umgekehrt werden: Nicht zu uns ist die Lehre gedrungen, sondern von uns nach Indien. Erfahren Sie also: Vor dreitausend Jahren lebte auf unserer Insel ein Mann namens Vlaho, der viel sp?ter auf dem Wege der Seelenwanderung im indischen Morgenland wiederkehrte und dort die Figur und den Namen Buddhas annahm. Hier bei uns hat er zuerst seine Lehre geschaffen, wir sind die Tr?ger der Urtradition, ich selbst bin in gerader Linie sein Abk?mmling und hei?e Vlaho wie er.

Diese Mitteilung war nicht geeignet, unsere Stellung in der Debatte zu erleichtern. Mit einem Priester oder K?nig konnte man sich auseinandersetzen, aber auf einen Weltpropheten waren wir nicht eingerichtet. Welche Distanz sollten wir einhalten zu einer Person, die sich offenbar im tiefsten Ernst eine g?ttliche Sendung zuwies? Die v?llig davon durchdrungen war, da? eine Weltreligion von ihr ausging?

Der Mann erriet unsere Verlegenheit und kam uns zu Hilfe: Sprechen Sie zu mir, wie zu Ihresgleichen. Ich erwarte Widerspruch in jeder Form, und je sch?rfer Sie ihn fassen, desto sicherer werden wir zur Kl?rung gelangen.

Von dieser Erlaubnis werde ich ausgiebigen Gebrauch machen, Herr Vlaho, sagte ich, und zwar um Ihnen zu er?ffnen, da? ich Ihre Behauptung f?r unsinnig halte. Es hat nur einen Buddha gegeben, und der war in Indien zu Hause. Sie haben aus seiner Lehre etliche Elemente herausgegriffen, vermischen sie mit Brocken der Zyniker und Stoiker, und geben das Gemengsel f?r Originaltradition aus. Ja, noch mehr: Sie wollen uns eigentlich vorreden, da? Buddha noch immer existiert, und da? wir ihn hier vor uns haben. Das geht zu weit!

Wie nun aber, wenn sich das, was Ihnen als Gemengsel erscheint, als eine restlose Einheit darstellt? Buddhas Lehre wurzelt doch im Kreislauf der Wiedergeburten, im Sansara, das nichts anderes ist als die ewige Wiederholung des Weltleidens! Und so gewi?, als in Ihnen beiden der alte Adam und die alte Eva noch lebendig sind, so gewi? hat Buddha verschiedene Formen angenommen, in Seelenwandel und K?rperspaltung, um sich der Welt zu offenbaren. Die Zyniker Diogenes, Antisthenes, Krates, sie waren Buddha in Wiedergeburt; die Stoiker von Zenon bis Seneca, Epiktet, Marc Aurel verwandelter Buddha; in Athen hat er gelebt, in Rom, und als er in Frankfurt wohnte, nannte er sich Schopenhauer. Ebenso war auch sein Auftreten in Hindostan nur eine Wiedergeburt, nachdem er sich hier, auf Vl?ha, urspr?nglich verk?ndete. Warum hier zuerst? Das ist leicht einzusehen; weil er ein solches Eiland brauchte, damit seine Entsagung den tiefsten Sinn und die h?chste Bedeutung erreichte. Nur im Paradiese kann der Baum der Erkenntnis wachsen, und nur dort, wo alle Sinne mit Lust umgaukelt werden, wird die Erkenntnis zum erl?senden Lustverzicht. Dann schlie?t sich der Ring. Sansara wird ?berwunden, Nirwana nimmt uns auf, als das selige Nichts, worin das Gel?st und zugleich sein entsetzliches Widerspiel, das Leiden der Welt, verschwindet.

Und wie kommt es denn, Herr Vlaho, da? Sie selbst als Buddha von heute, leibhaftig vor uns stehen? Warum haben denn Ihre zahllosen Vorg?nger das Programm des Nirwana nicht l?ngst vollstreckt? Ihre Existenz wie die aller Ihrer Mitb?rger beweist doch, da? das Sansara, die Wiedergeburt, ganz munter weitergeht, da? Sie atmen, Nahrung aufnehmen, sich fortpflanzen, hoffen und begehren. Sie zum Beispiel hoffen in diesem Augenblick offensichtlich, uns zu ?berzeugen; Ihre Begierde ist darauf gerichtet, uns der Torheit zu ?berf?hren, weil wir naiv genug sind, eine himmlische Landschaft als sch?n zu empfinden und ein genie?endes Volk voraussetzen, wo die Natur selbst den Tisch so ?ppig gedeckt h?lt.

Ihr Einwurf bezeugt, da? Sie nicht aufgemerkt haben, als ich Ihnen sagte, seit dem ersten Auftreten unseres Buddha w?ren dreitausend Jahre verstrichen. Eine kurze Zeit im Ablauf menschlicher Begierden. Gewi?, das Ziel ist noch nicht erreicht, aber es kann nicht mehr verfehlt werden. Und wenn ich, als der letzte Buddha, Sie zu ?berzeugen w?nsche, so geschieht dies in der Erwartung, da? Sie von Ihrer Gastreise einiges hinaustragen in Ihre Heimat; einen Ansatz von Weisheit f?r die V?lker, denen Sie angeh?ren; damit auch diese anfangen, sich dem Nirwana zu n?hern.

Eva l?chelte: Darauf kann ich Ihnen nicht die geringste Hoffnung er?ffnen. Es hat sich n?mlich bei uns in Amerika und Europa gezeigt, da? die Genu?sucht um so h?her schwillt, je mehr Abstinenz gepredigt wird. Jedes Argument zur Bescheidung, inneren Einkehr und Entsagung wird vom Volk genau entgegengesetzt beantwortet, und als Bet?ubungsmittel im Weltelend sucht es nicht eine buddhistische Weisheit, sondern das Am?sement um jeden Preis. Ich gehe noch weiter: Unsere Volksgenossen studieren neuerdings Seneca, Schopenhauer und indische Schriften wesentlich aus Am?siertrieb. Sie verschlingen diese B?cher, um sich recht lebhaft die Nachtseiten des Denkens vorzustellen, mit denen dann die Lichtseite ihrer Vergn?gungen um so freudiger kontrastieren soll. Und ich werde den Verdacht nicht los, da? Sie auf Ihrer Insel etwas ?hnliches erleben werden. Wenn Sie, Vlaho, die Lustventile verstopfen, k?nnen Sie eine Explosion hervorrufen.

Da wir einmal im Zuge waren, fuhr ich fort: Der ganze Buddhismus, der nach Ihrer Versicherung hier regiert, ist ein System, das seine Unm?glichkeit bei ?berf?hrung in die Wirklichkeit fr?her oder sp?ter erweisen mu?. Auf einem kargen Lande w?re er schon an sich unm?glich, da man nicht entsagen kann, wo nichts vorhanden ist. Auf einem reichen heuchelt er eine Anfangsm?glichkeit hinter einer theoretischen Larve, die nichts anderes verbirgt, als ein in Narrheit grinsendes Gesicht. Es ist hart, es einem Buddha ins Gesicht zu sagen aber es mu? gesagt werden : der Buddhismus ist eine selbstbetr?gerische, papierene Floskel. Das Hohelied der Armut und des Bettlertums! Man erz?hlt uns, Buddha, der indische, der einem reichen Adelsgeschlechte entstammte, eine Art Prinz, habe sein Wohlleben hinter sich geworfen, um als Bettler in die weite Welt zu ziehen

Und Sie wollen leugnen, da? hierin Geistesgr??e liegt und sittliche Erhabenheit?

F?r mich ist es eine Geste, die f?r eine dramatische Szene ausreicht, f?r ein Oratorium, aber nicht f?r eine Religionsstiftung. Im Theater und Konzert vertrage ich jeden mythologischen Unsinn, aber hier frage ich nach dem Sinn der Geste: bei wem hat er denn gebettelt?

Selbstverst?ndlich bei den Reichen.

Die Existenz der Reichen war sonach die Voraussetzung f?r seine Erleuchtung. H?tte es keine Beg?terten gegeben, so w?re Buddha verhungert und niemals in die Lage gekommen, seine Lehre zu entwickeln. Er wollte also durch Gleichg?ltigkeit und Verleugnung, genau wie Sie selbst, Herr Vlaho, die Wurzel seiner eigenen Existenz aus der Welt schaffen. Ein vollendeter logischer Zirkel, ein Kreisfehler, aus dem es kein Entrinnen gibt!

Sie selbst verstricken sich in einen circulus vitiosus, indem Sie die indischen Anf?nge Buddhas mit der Fortsetzung verwechseln. Er begann mit der Entbehrung, um bei der Beschaulichkeit in geweihten W?ldern zu landen.

Machen Sie ihm das nach, Vlaho! Werden Sie beschaulich wie er, indem Sie die Natur anschauen wie er. Soweit w?re das Vorbild ganz geeignet. Aber sofort meldet sich ein neuer Unsinn. Der gereifte Buddha hat sich n?mlich die Haine, in denen er meditierte, schenken lassen, wiederum von den Reichen, er hatte also seine urspr?ngliche Habe fortgeworfen, um neuen Reichtum zu erwerben, um sich den verdammten Besitz hintenherum wieder zuzuschmuggeln. Der Hohepriester der Entsagung mu? also doch am Besitz Freude empfunden haben.

Sie deuten das ganz falsch. Im Brevier des Buddhismus ist f?r die Freude kein Platz.

Was Sie mir da erz?hlen! Meines Wissens wird die Freude schon auf der ersten Seite dieses Breviers nachdr?cklich betont und empfohlen. Als Buddha aus seinem ersten J?ngerkreise die Heilsbotschaft in die Welt sandte, geschah es unter der Formel: Zum Erbarmen, zum Heile, zum Segen, zur Freude f?r G?tter und Menschen! Er war also nach seinen eigenen Worten ein Freuden-Priester. Aber nein! das stimmt auch nicht. Denn er wird doch als prinzipieller Pessimist ausgerufen, als ein ausgebrannter Asket, der die Kasteiung bis zum ?berma? trieb, durch freiwilligen Hunger, durch Anhalten des Atems, bis zur asketisch erzeugten Besinnungslosigkeit!

Das ist allerdings die historische Wahrheit. Sie vergessen indes eine Hauptsache: Als Buddha in Selbstmartern besinnungslos wurde, kam ihm in diesem Zustand die Erleuchtung, da? die Askese nicht zum Heile f?hre; er hat sie deshalb seitdem wieder verworfen

Um die Entsagung desto dringender zu empfehlen. Krasser kann die Vernunft nicht auf den Kopf gestellt werden. ?berlegen wir einmal: ist ein Mensch von Haus aus so stumpf organisiert, da? das Fortwerfen des Genusses ihm nichts bedeutet, so bedarf er doch keiner buddhistischen Philosophie; denn sein Stumpfsinn ist ja bereits seine Erl?sung. Ist er aber so feinsinnig und empfindlich, da? ihm die Verdunkelung des Daseins zur Pein ausschl?gt, dann tritt ihm die n?mliche Philosophie mit dem Befehl entgegen: du darfst dich nicht peinigen! Denkfehler ohne Ende, was ja nicht zu verwundern, da sie aus jener in Besinnungslosigkeit entz?ndeten Erleuchtung herauswuchsen. Sagen Sie mir nun, Vlaho, als Oberhaupt dieses buddhistischen Staatswesens: wie halten Sie es im einzelnen mit der Durchf?hrung des Prinzipes? Eine Verfassung brauchen Sie nicht, behaupten Sie, also auch keinen Gesetzeszwang, kein Strafrecht. Ich frage nunmehr bestimmter: Wie sch?tzen Sie das Eigentum? da unten befinden sich doch H?user und G?rten, und diese Anwesen geh?ren, wie wir schon im Gasthof merkten, bestimmten Personen. Was geschieht, wenn der Einzelne seinem Nachbar den Besitz fortnehmen will?

Das kommt eben nicht vor. Meine Landeskinder sind seit so vielen Jahrhunderten zur Leidenschaftslosigkeit erzogen, und keiner tr?gt ein Gel?st nach dem Eigentum des N?chsten. Bei uns ist ein Urzustand der Natur verwirklicht, den Sie auch im Verhalten der V?gel beobachten k?nnen. Fragen Sie Ihre deutschen Zoologen: Wenn in einem Garten Rotschw?nzchen und Meisen wohnen, so teilen sie die Gartenfl?che in zwei Bezirke, ohne da? sie hierzu eines Grundbuches bed?rfen; der eine Teil geh?rt den Rotschw?nzchen, der andere den Meisen, die unsichtbare Grenzlinie wird respektiert, und niemals kommt es zu ?bergriffen. Solchen stillschweigenden Vertrag, den keine Polizei zu ?berwachen braucht, haben wir in die menschliche Gesellschaft ?bernommen.

Sehr gut. Ihre Volksgenossen sind Musterkinder in dieser Hinsicht. Nur folgt aus Ihrer Darstellung das Gegenteil dessen, was Sie als Staats und Sittenprinzip ausrufen. Was bestimmt die V?gel zu ihrer Gepflogenheit? das Gef?hl des Eigentums und zwar das Gef?hl in solcher Steigerung, da? seine St?rke ausreicht, um alle Rechte zu gew?hrleisten. Das Eigentum im Grundbesitz ist ihnen so angewachsen wie das Federkleid, es ist ein integrierender Teil ihrer selbst. Steckt hierin eine Entsagung, eine Verleugnung des Gl?cks? nein, es ist die H?he der egoistischen Freude, die ?ber die Besitzeslust des Menschen hinausgeht, kraft ihrer selbstverst?ndlichen, absoluten, jeder Sorge enthobenen Sicherheit. Dieser Urzustand ist eigentlich weit raffinierter als der unsrige, und wenn er ?ber Ihre Insel hinausgreifen sollte in die Welt, so f?hrt er zu einem Triumph des Besitzes, von dem sich der Kapitalismus noch gar nichts tr?umen l??t. Er wird dann wirklich in Souver?nit?t stabilisiert wie ein rocher de bronce, denn die Selbstverst?ndlichkeit st?tzt ihn besser als jedes paragraphierte Gesetz, das heute so lautet und morgen ganz anders. Was Sie als Neidlosigkeit bezeichnen, als Ungel?st, ist eine graue, lethargische Asche, unter der die Besitzeslust schwelt und sich mit vielen begleitenden L?sten zur Eruption bereit h?lt.

Sie versuchen mit sophistischen Spitzfindigkeiten in ein Gebiet zu dringen, wo nur der einfache Gedanke waltet: ?berwindung der Materie durch den Geist!

Durch den Geist der Apathie, der die Z?ge eines Gespenstes tr?gt. Die Gleichg?ltigkeit, die Sie den Wesen einimpfen, ist die Frucht einer im Grunde fanatischen Religion, die das Menschliche im Menschen ausrotten und die K?rper in Schatten verwandeln will. Gel?nge ihr das, so m??te Ihre Insel zweierlei Gesichter zeigen: ein Volk, dessen M?nner in Bl?dheit erstarren, dessen Kinder nicht spielen, dessen M?dchen nicht l?cheln, in einer Natur, die in brausenden Akkorden hinauslacht, und unerme?liche Triebe mit Myriaden von Bl?tenkelchen hinausl?utet. Es ist der Geist des Widerspruchs, zu dem Sie sich als Priester bekennen. Oder haben Sie vielleicht noch eine andere Gottheit zur Anbetung, einen G?tzen, einen Moloch wie den von Phalaris?

Weder Gott noch G?tzen. Beides w?re mit dem strengen Buddhismus unvereinbar. Wir vereinigen uns nur hin und wieder zu besonderen symbolischen Handlungen, in denen wir unser Grundbekenntnis von der Nichtigkeit der irdischen G?ter zum Ausdruck bringen. Ohne eigentliche Liturgie und gottesdienstlichen Kultus.

Aber doch wohl mit irgendwelchen Feierlichkeiten, die auf das Gem?t wirken sollen, sagte Eva. Wir bemerkten heute einen Trauerzug, der sich nach einem tempelartigen Geb?ude hinbewegte. Da m?ssen doch also die Leichen eingesegnet worden sein, und ich vermute, da? Sie selbst dabei priesterliche Riten ausge?bt haben.

Sie irren sich, meine Dame. Ein Leichenkondukt hat heute nicht stattgefunden.

Aber wenn ich Ihnen doch versichere zwei S?rge auf einem Wagen!

Ganz recht. Allein Sie mi?deuten den Vorgang: das war ein Hochzeitszug! Es ist bei uns Sitte, da? Br?utigam und Braut in luftdurchl?ssigen S?rgen zur Trauung bef?rdert werden. Ein sinniges Symbol daf?r, da? sie in Vereinigung und Zeugung ihre Lebenssubstanz einer neuen Generation dahingeben und eigener Existenz entsagen. Der Priester oder der Adjunkt erl?utert dies mit einem Hinweis auf das Verh?ngnis des Sansara, hilft dem Paar aus den S?rgen, und die Neuverm?hlten begeben sich nach Hause, um der Natur das Opfer darzubringen, das sie uns unerbittlich abverlangt.

Und von den ?berwallungen des Herzens, von den Entz?ckungen der Liebe kein Wort?! rief Eva; es fehlt nur noch, da? Sie zum Gegensatz eine wirkliche Trauerfeier mit den Attributen der Freude umgeben und ein Begr?bnis ausgestalten wie eine Hochzeit!

Diese Barbarei, sagte der Priester, ?berlassen wir Ihren Nationen, welche die Leichenschm?use erfunden haben mit ?ppig gedeckten Tafeln, an denen sich lachende Erben vergn?gen und betrinken. Was uns betrifft, so verbleiben wir im Leben wie im Sterben bei der schlichten Disziplin Buddhas, der ein Weib nahm, um es zu verlassen, und der die Erde verlie? in dem Bewu?tsein, da? der Tod nichts bedeutet, wenn man weise genug war, der Verlockung des Lebens zu widerstehen.

Der letzte Trumpf der Debatte verblieb sonach einstweilen in der Hand Vlahos, der wohl sp?rte, da? er mit weiteren Argumenten nichts zu gewinnen hatte. Er wies mit der Hand nach der Berglehne, auf der soeben unsere Freunde niederstiegen, um zu bedeuten, da? er beim Erscheinen der Genossen dieses Gespr?ch nicht zu verl?ngern w?nschte. Wiederum verschlo? er den Blick mit dem aufgeschlagenen Buche und w?rdevoll schritt der K?nig von Vl?ha zu Tale.


* * *

Die Gesellschaft ?berbot sich in Exaltationen und selbst der Amerikaner erkl?rte, da? die Extratour sich ?ber alle Ma?en belohnt habe. Nie h?tte er es als ?lterer Herr f?r m?glich gehalten, da? die Empfindung der Strapaze bei einem doch immerhin betr?chtlichen Marsch so vollst?ndig verschwinden k?nnte. Da l?ge noch ein ganz besonderes Wunder in der Luft. Bruchst?ckweise kam es heraus, wieviel begl?ckende Sensationen sich hier in gedr?ngter Folge erleben lie?en. Der Vulkan in der Ferne habe eine Rauchfahne aufgesteckt wie eine wehende Palme, so hoch wie der Rigi. Ein Plateau h?tten sie durchquert mit einem Kranz springender Geiser. Und dicht dabei vers?nke der Blick in einen Canon, gegen den so meinte Ralph Kreyher die Schluchten von Colorado zum Range ?rmlicher Theaterkulissen herabs?nken. Und nun wieder der Prospekt in das lachende Tal mit seiner himmlischen Vegetation! Eigentlich sollte man den weiteren Entdeckungsplan g?nzlich aufgeben und sich hier auf Monate einrichten. Dann w?rde man f?rs ?brige Leben genug haben an der neidvollen Erinnerung. Wahrhaftig! zu denken, da? es einige bevorzugte tausend Menschen gibt, denen hier ein Fest auf Lebenszeit bereitet wird. Wie gl?cklich m?ssen diese Insulaner sein!

Wie sehr dieser Ausruf daneben traf, erfuhren die Herren aus unserem Bericht. Eva und ich wiederholten ihnen das Wesentliche aus unserer Begegnung mit dem Priester. Und wenn auch die Wiedergabe nicht die ?berzeugende Kraft des Originals besa?, so wurde ihnen doch klar, da? hier die Sch?pfung eine grausame Anomalie zuwege gebracht hatte: eine Insel der gl?cklichen Bedingungen, bev?lkert von einem freudlosen Geschlechte.





: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30