Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Frau Helene Wittkowsky zugeeignet


Vorbereitendes Kapitel

Die Ausfahrt

Wirkliche Abenteuer? ?ber den Begriff m?chte ich mich mit dem Leser von vornherein verst?ndigen. Wenn es darauf ank?me auffallende, unerh?rte, an den Nerven rei?ende Begebenheiten zu h?ufen, so hie?e es Wasser in den Ozean sch?pfen, wenn man zu den wilden Schicksalen ehemaliger Weltfahrer noch neukonstruierte oder selbsterlebte hinzuf?gen wollte. Angefangen von den alten Ph?niziern ?ber Hanno, Himilko, Herodot hinweg bis zu den Z?gen Alexanders und der Ptolem?er, dann wieder von den Fahrten der Marco Polo, Kolumbus, Vasco bis zu den Expeditionen Franklins, Livingstones, Sven Hedins, Nordenskj?lds und deren Nachfahren bietet sich uns eine un?bersehbare Kette erlebter Reiseabenteuer, die der erg?nzenden Phantasie kaum noch wesentliche Ausbeute hinterlassen. Falls die Phantasie nicht besondere Wege einschl?gt, um Dinge zu gestalten, die auf realen Entdeckungswegen niemals zu verwirklichen waren. Aber auch die B?cherei der phantastischen Fahrtabenteuer ist grenzenlos geworden, und es k?nnte sich fragen, ob nicht die Erfindung l?ngst alle M?glichkeiten durchquert hat. Ich m??te mich auf diesen Einwand gefa?t machen und h?tte mich insonderheit vor zwei gro?en Namen zu f?rchten, vor Rabelais und Swift; wenn n?mlich die Abenteuer, die ich erz?hlen will, nichts anderes w?ren, als Umf?rbungen der ber?hmten Geschehnisse im Pantagruel und Gulliver. Ich hoffe indes, nicht in diese Gefahr zu verfallen, da das Abenteuer, wie es mir vorschwebt, von Haus aus ein eigenes Kolorit aufweist. Es bestimmt sich wesentlich dadurch, da? in die hier zu schildernden Abenteuer Gedankenwagnisse hineinspielen, die der neuzeitlichen Wirklichkeit angeh?ren, somit vordem nicht angestellt werden konnten.

Nicht als ob nun hier die Wirklichkeit im Hintergrund bliebe und der Vordergrund einem nebelhaften Schattenspiel ?berlassen werden sollte. Ich darf vielmehr mit gutem Gewissen versichern, da? diese Entdeckungsfahrt in ihrer ganzen Anlage nach dem Leitziele der Wahrheit orientiert war. Es wird sich, so denke ich, zeigen, da? die Wahrheit nicht nur reichlichen Spielraum f?r das Abenteuer gew?hrt, sondern an sich sogar unter den hier verwirklichten Voraussetzungen die Form eines Abenteuers anzunehmen vermag. Im vorliegenden Fall k?ndigt sie sich dadurch an, da? schon im ersten Anlauf, ehe noch hinausgesegelt wird in unentdeckte Gebiete, allerhand Seltsamkeit aufsteigt.


* * *

Die Sache begann anscheinend beziehungslos als ein Zwiegespr?ch zwischen mir und einem meiner intimen Freunde, mit dem ich ganz allgemein das beliebte Thema der Wanderlust er?rterte; r?ckschauend in gl?ckliche Tage der Vergangenheit, da das Umherschweifen auf dem Erdplaneten noch zu den selbstverst?ndlichen Gepflogenheiten des Kulturb?rgers geh?rte, als die Frau Valuta uns noch keinen Reiseplan vers?uerte, als noch keine Pa?-Schikane uns an den Grenzen festnagelte und zwischen Ausland und Freundesland kein sonderlicher Unterschied obwaltete.

Ich hatte zwar von Anfang an einen besonderen Trumpf in Bereitschaft, der dem Gespr?ch eine unerwartete Wendung geben sollte, hielt mich aber vorerst aus guten Gr?nden im Fahrwasser allgemeiner Betrachtung. Sieh mal, lieber Donath, sagte ich, unsere elegischen R?ckblicke sind im Grunde doch nur der Ausdruck daf?r, da? wir ein neues Reisekapitel anzufangen w?nschen. Mit den ewigen Heimatgef?hlen ist auf die Dauer nicht auszukommen. Was mich betrifft, so versp?re ich ein deutliches Heimweh nach dem Ausland, und ich vermute, da? es im Gehege deiner eigenen Empfindungen nicht viel anders aussieht.

Zugegeben, versetzte mein Freund Donath Flohr, aber von der verschwommenen Sehnsucht bis zur Realisierung solcher W?nsche ist ein weiter Schritt. Wir k?nnen den Faden nicht mehr da anspinnen, wo er mit dem Weltkriege abri?. Entsinne dich unserer letzten Fahrt auf dem Luxusdampfer Imperator. In welchem Tempo ging das von der ersten Absicht bis zur Verwirklichung! Heute geplant, morgen ausgef?hrt. Schon flogen die K?sten der Fremdl?nder an uns vor?ber, die Welt schien die Bestimmung zu erhalten, f?r uns zum erquicklichen Wandelpanorama zu werden. Und mit welchem Stolz f?hlten wir in den Planken des Zauberschiffs deutschen Boden unter den F??en! Das war Genu?, das war Hochgef?hl. Mache dagegen heute ein Programm! Wie du es auch anstellst, es wird ?rmlich und gedr?ckt ausfallen; es ist ein Fliegenwollen mit zerbrochenen Fl?geln und ausgerissenen Schwungfedern. Bestenfalls werden wir im Ausland die Geduldeten sein. Man wird uns schonend behandeln, in der Erwartung, da? wir uns vorsichtig und dem?tig benehmen. Der Kosmopolitismus ist f?r uns aus der Welt heraus. Und selbst in der herrlichsten Landschaft wird uns die Gegenwart immer an den Vers Dantes erinnern: Kein gr??eres Leid, als im Elend sich der Gl?ckszeit erinnern!

Dagegen g?be es vielleicht ein Mittel. Man m??te das Programm so neu und so bedeutend anlegen, da? jeder Vergleich zwischen Jetzt und Einst von selbst verschw?nde. Man m??te f?r die Reise Ziele in Horizonten w?hlen, denen gegen?ber alle vormaligen Touristenfahrten zu gleichg?ltigen Landpartien herabsinken.

Ich verstehe dich nicht. Ich glaube, du phantasierst.

Schon m?glich. Aber wenn ich in dieser Phantasie auch nur den Schimmer einer M?glichkeit hindurchsp?rte, so w?re sie immer noch besser als der blanke Verzicht.

Also was willst du eigentlich? Was hast du delirierender Weise vor? erkl?re dich deutlicher.

Ich denke an eine Entdeckungsreise. An eine Expedition von ganz ungew?hnlichem Ausma?.

Das klingt in der Tat nach Wolkenkuckucksheim. Ich setze ganz beiseite, da? wir beide wenn du mich mitnehmen willst mit unseren Portemonnaies nicht bis zu den n?chsten Horizonten dringen k?nnten; und nun redest du gar von Expeditionen ins Unbekannte? Das ist doch ein Widerspruch in sich selbst! Selbst wenn du ein Kolumbus w?rst, mit den Mitteln eines K?nigreichs in der Hand, w?rdest du auf dem Globus auf nichts Unbekanntes sto?en. Die Welt ist doch entdeckt, nach allen Richtungen durchquert, und die wei?en Flecke auf den Atlanten mit der Aufschrift Unerforscht sind l?ngst verschwunden.

Das leugne ich durchaus. Gewi?, auf den Festl?ndern ist nicht mehr viel zu holen. Dagegen bin ich der Meinung, da? die Ozeane noch sehr viele unerschlossene Geheimnisse bergen. Man kann dies mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sogar beweisen. Schon vor einem Jahrhundert waren die Meere so gr?ndlich abgesucht, da? man schwerlich noch gro?e Landfunde erwarten durfte. Aber da segelte einer hinaus, keineswegs vom Format des Kolumbus, eher ein Sportfahrer, der nicht viel mehr besa? als ein kleines Schiff und gro?e Geduld

Von wem sprichst du eigentlich?

Von Otto von Kotzebue. Keine ?berragende Ber?hmtheit, und doch ein gl?cklicher Finder; der entdeckte in der S?dsee Inseln, rate mal wie viele?

Ach, die Zahl ist ja Nebensache.

Doch nicht, wenn man mit Wahrscheinlichkeitsschl?ssen operiert, um von realen Vergangenheiten auf zuk?nftige M?glichkeiten zu sto?en. Also nicht weniger als 399 Inseln hat er entdeckt!

Imponiert mir gar nicht. Ein Punkt wie der Nordpol ist wichtiger als tausend winzige, gleichg?ltige Inseln.

Und eine einzige, kleine, noch unentdeckte Insel kann wichtiger werden, als Dutzende von entdeckerischen Funden, die geschichtliche Geltung erlangt haben. Falls n?mlich das Neuland nicht blo? eine geographische oder wirtschaftliche Neuheit bietet, sondern eine intellektuelle; falls sie uns mit Erscheinungen und Gestaltungen bekannt macht, die uns ungeahnte geistige Fernblicke er?ffnen.

Und so etwas h?ltst du f?r m?glich?

F?r nahezu sicher. Erlasse mir vorl?ufig die Begr?ndung, die ich mir mit Vorbedacht noch aufspare. Zun?chst gen?ge der Hinweis darauf, da? es auch heut noch nicht aussichtslos ist, die Meere zu durchstreifen mit dem Plane, an unber?hrten Gestaden zu landen. Ich verfahre hierbei, wie bereits angedeutet, nach einer sozusagen statistischen Methode. Ich pr?fe die Landkarten nach der Verteilung und Dichtigkeit der Inselkomplexe, um vielleicht eine Spur, den blo?en Schimmer einer Gesetzm??igkeit wahrzunehmen. Gel?nge es auch nur in losester Andeutung, irgendwelche Regel herauszubringen, so brauchte man nicht mehr ganz planlos in den Zufall hineinzutappen; man h?tte einen ersten Ansatz daf?r, wohin die Reise zu gehen hat. Gleichzeitig zog ich die ber?hmtesten Seereisen zu Rate, deren Linien ich nachzeichnete, um zu ermitteln, ob zwischen diesem Strichnetz und der Verteilung der Inselschw?rme irgendeine Beziehung best?nde. Und da bin ich wirklich auf ein Ergebnis gesto?en, wenigstens auf etwas, das ich im ersten Anlauf f?r ein Ergebnis halte: ich fand auf den ozeanischen Karten ein weites Gebiet, das mir wie vom Schicksal zur weiteren Durchforschung vorherbestimmt erscheint; insofern es von allen bisherigen Seefahrern sehr vernachl?ssigt wurde, w?hrend die Figuration darauf hinweist, da? hier noch ganze Gruppen nie gesehener Inseln sich unter der monotonen T?nche des kartographischen Blau verstecken.

Zeig mir doch das mal auf der Karte, begehrte der Andere, dessen Neugier zu erwachen begann.


* * *

Ich schlug ihm einen Atlas auf und verwies ihn auf den n?rdlichen Teil des Stillen Ozeans, zwischen den Sandwich-Inseln und den Aleuten. Sieh, Donath, das w?re ungef?hr mein Terrain. Jungfr?ulich genug sieht es aus, so gut wie unber?hrt von benamsten Ortspunkten. Und an der Ger?umigkeit dieses lediglich von Meridian und Parallelstrichen durchzogenen Meeresfeldes ist nicht zu zweifeln. Es umfa?t ungef?hr neun Millionen Quadratkilometer, k?nnte also ann?hernd ganz Europa verschlucken. N?rdlich und besonders s?dlich davon ein wahres Gewimmel von Inseln, die Hawaischen an der Spitze, und dazwischen die bl?uliche ?de der Unentdeckten. Bis zum Beweise des Gegenteils halte ich daran fest, da? diese ungeheure Fl?che darauf wartet, mit den Zeichen entdeckerischer T?tigkeit bev?lkert zu werden.

Und du nimmst einstweilen an, da? hier noch gar nicht gesucht worden ist?

Das w?re nat?rlich ?bertrieben. Dieses Feld war sogar der Schauplatz gewisser Expeditionen

Und wenn diese nichts gefunden haben, so beweist das

So beweist das im Einzelfalle nur, da? nicht gesucht wurde, Genauer gesagt, die Leiter dieser Expeditionen suchten keine menschlichen Siedelungen, sondern bestimmte Merkmale von wissenschaftlichem und technischem Interesse. So veranstaltete hier der Kommandant Belknap auf dem amerikanischen Kriegsschiff Tuscarora anno 1874 zahlreiche Tieflotungen, bei denen die enormsten Seetiefen bis nahe an neun Kilometern durchs Senkblei und Tieflot ermittelt wurden. Er verfuhr also nach einem f?r Zwecke der Kabellegung einseitig festgelegten Programm, hielt sich vorwiegend an die gerade Ost-West-Linie der Durchquerung, bog nicht ab, kreuzte nicht, so da? man beinahe sagen k?nnte: er vermied jede L?nderentdeckung. Immerhin hat seine Expedition diesem ungeheuren Wassergebiet den Namen gegeben. Es hei?t noch heute die Tuscarora-Tiefe, und wenn irgendwo, so m?ssen auf ihr die Inseln der Verhei?ung liegen.

Allm?chtiger! die Inseln der Verhei?ung von wem denn verhei?en?

Von meiner Ahnung. Eine Fata Morgana, denkst du, und ich ver?ble dirs nicht. Inzwischen la? dir gesagt sein, da? ich bereits angefangen habe, f?r meine Idee zu werben.

Mit Erfolg?

Nicht nennenswert, oder pr?ziser ausgedr?ckt: Erfolg vorerst gleich Null.

Eigentlich wundert mich das, ironisierte mein Freund, f?r waghalsige und pathetisch vorgetragene Projekte liegt doch sonst das Geld auf der Stra?e.

Ich glaube eher in den Stahlf?chern, und deren Inhaber sind nur selten Idealisten, wie mein Projekt sie voraussetzt. Ich bin also fast durchweg an zugekn?pfte Taschen geraten. Allerdings w?re hinzuzuf?gen, da? ich an einigen Stellen eine gewisse Aufmerksamkeit f?r meinen Plan angetroffen habe. Die Leute sagten mir nicht etwa einstimmig, da? ich mich in eine Utopie verrannt h?tte. Allein sie bezweifelten s?mtlich meine Legitimation f?rs Entdeckerfach.

Hast du ja auch nicht im geringsten. Du bist in Haupt und Nebenberufen Journalist, Dichter, philosophierender Schriftsteller, worauf gr?ndest du also deinen Anspruch?

Auf die Idee selbst. ?brigens k?nnte ich mich auf Pr?zedenzf?lle berufen. Man ist immer etwas anderes au?erdem, bevor man Entdecker wird. Stanley, der Kongo-Erforscher, war Zeitungsmensch, Chamisso unterbrach sein Dichten, um Weltumsegler zu werden und unterwegs recht Erhebliches zu entdecken; Sven Hedin, der uns Ost-Tibet erschlo?, kam von der Philosophie her. Aber damit drang ich nicht durch. Ich klopfte bei mehreren sehr geldkr?ftigen Zeitungen an; ob sie nicht Lust h?tten, eine solche Expedition ins Werk zu setzen, wie vormals der New-York-Herald und der Daily-Telegraph mit dem Journalisten Stanley; das k?nnte doch eine gro?e, vielleicht sehr rentable Nummer werden. Die Verleger wiesen mich h?flich ab und verzuckerten mir die Pille mit einer freundlichen Zusage; wenn es mir gel?nge, meine Entdeckungsfahrt anderweitig zu deichseln, wollten sie gern einige Reisefeuilletons dar?ber aus meiner Feder annehmen und selbstverst?ndlich mit ansehnlichem Spaltenhonorar entlohnen.

Nicht viel besser erging es mir bei einigen Gro?bankdirektoren meiner Bekanntschaft. Die Konjunktur, so meinten sie, verb?te zur Zeit so unsichere Extravaganzen. Nur ein einziger, der Bankchef Georgi, erbat sich Bedenkzeit; er wolle nicht rundweg Nein sagen, noch weniger freilich Ja; aber er beabsichtige die Sache im Auge zu behalten; vielleicht lie?e sich dem Projekt ein kolonisatorischer Gesichtspunkt abgewinnen, und was der Redensarten mehr waren, um mich zu vertr?sten und den Kern der Absage zu verschleiern.

Das hei?t also, es wird nichts daraus und du wirst nie dahin gelangen, deine Nebelvision zu finanzieren. Beratschlagen wir also, wenn schon durchaus gereist werden soll, ?ber eine praktisch ausf?hrbare Tour. Vielleicht Th?ringen oder Schwarzwald

Du verlegst dich aufs H?hnen, aber der Spott wird dir bald vergehen, das prophezeie ich dir

La? dir einmal sagen, Alex, deine Zuk?nfteleien fangen an, mir auf die Nerven zu gehen; du sagst an: du verhei?t, du prophezeist, du kommst aus dem Futurismus nicht mehr heraus.

Wenn du das Perfektum bevorzugst, so bin ich auch damit nicht in Verlegenheit. Ich stelle mich in der Zeitbetrachtung um, und anstatt fortzufahren: ich werde entdecken, erkl?re ich dir vertraulich: ich habe entdeckt!

Die Inseln? In deiner Studierstube?

So ungef?hr. Klingt etwas paradox und liegt auch wirklich jenseits aller Schulweisheit. Also um beim Perfektum zu bleiben: ich befand mich vor einer Woche in einer gro?en Antiquariatsversteigerung, wo kostbare und seltene Altdrucke und Handschriften angemessene, das hei?t, schwindelhafte Preise erzielten. Du hast sicher davon gelesen, es war die Auktion bei Knaupp und Kompagnie, die Zeitungen brachten ellenlange Berichte dar?ber.

Jawohl, ich entsinne mich. Aber ich traue dir nicht den Wahnsinn zu, da? du etwa mitgesteigert hast.

Das verbot sich von selbst. Nur mit stillem Neid verfolgte ich den Fortgang dieser Herrlichkeiten, die aus einer holl?ndischen Sammlung stammten und vorwiegend alte Prachtst?cke aus S?dfrankreich umfa?ten, Troubadourbl?tter mit den entz?ckendsten Zierleisten und Miniaturen in leuchtenden Farben auf goldenem und silbernem Grunde. F?r die Kenner und Liebhaber war es ein Bacchanal, ein Rausch, f?r mich eine Orgie der Unerschwinglichkeiten. Ich h?rte Wertziffern, bei denen man eher an den Verkauf von Ritterg?tern als an Druckpapiere und Pergamente dachte. Der Katalog enthielt aber auch, von allen unbeachtet, einen unscheinbaren Band in Quart, der mein Interesse erregte, ohne da? ich zu sagen gewu?t h?tte, weshalb. Niemand wu?te Auskunft zu geben ?ber den Band, dessen Titel ?ber Autor, Erscheinungsort und Jahreszahl keinerlei Anhalt lieferte. Er sah alt aus, zerw?hlt und zerbeult, aber seine Antiqua-Lettern ergaben nicht den geringsten Sprachsinn; ja es war ersichtlich, da? sie nur zuf?llige Konglomerate von Buchstaben darstellten ohne Beziehung auf irgendwelche m?gliche Sprache. Man zuckte die Achseln, lie? es liegen, und als es ausgerufen wurde, nur nach Nummer, nicht nach Inhalt, denn es hatte ja keinen angebbaren Text verharrte das Publikum in eisigem Schweigen. Schon wollte der Versteigerer das zwecklose Exemplar beiseite schieben, als ich mich in einer instinktiven Regung meldete: Hundert Mark! Das Wort war heraus und lie? sich nicht mehr zur?cknehmen. Kampflos fiel mir das Buch zu. Willst du es sehen? Hier!


* * *

Mein Kumpan bl?tterte, pr?fte, stutzte, mi?billigte heftig: Genau um hundert Mark ?berzahlt! Eine gr??liche Scharteke! Man k?nnte an einen schlechten Witz glauben, den sich der Verleger von anno Tobak mit den Lesern geleistet hat. Aber f?r einen Scherz w?rs doch zu kostspielig gewesen. Da bleibt nur die Vermutung, da? der anonyme Herausgeber komplett bl?dsinnig gewesen ist.

Du bist auf falscher F?hrte, Donath. Der Autor ist gar nicht anonym. Er hat nur seinen Namen k?nstlich versteckt. Und dieser Name geh?rt zu den ber?hmtesten der ganzen Geisteswelt: Dieses Buch ist von Nostradamus!

Jetzt schnappst du offensichtlich ?ber! Wie kommst du blo? auf den?

Durch eine einfache ?berlegung. Die Forscher der Vorzeit haben es aus Laune, bisweilen aus undurchsichtigen Motiven dem Publikum nicht selten etwas schwer gemacht. Sie verkapselten ihre Mitteilungen in Runen und R?tseln, konstruierten Anagramme und Versteckschriften und ?berlie?en es den Lesern, die L?sung zu finden. Sogar der gro?e Newton hat uns derartige R?tsel hinterlassen, und von Leonardo da Vinci gibt es hunderte von Schriftseiten, deren hieroglyphische Struktur kaum aufl?sbar erscheint. Hier, bei meinem so billig erworbenen Bande, den du unter die Scharteken verweist, liegt die Sache vergleichsweise einfacher. Er ist von A bis Z chiffriert, und zwar nach ein und demselben Schl?ssel, dessen Auffindung mir schon in der ersten Probierstunde zufiel. Betrachte einmal dieses Wort auf der Vorderseite.

Aber das ist doch gar kein Wort, das ist ein Sammelsurium von Buchstaben! Oberfl?chlich betrachtet gab ihm der Anschein recht; denn hier stand:

Mnrsqzczltr

also eine g?nzlich unaussprechbare Konsonantenh?ufung, ohne den mindesten Vokal-Anhalt, die keiner m?glichen Menschensprache zugewiesen werden konnte. Ein formloser Brei, aus dem aber sofort glitzernde Kristalle zucken, sobald man jeden Buchstaben mit dem im alphabetischen Zyklus n?chstfolgenden vertauscht. Das M verwandelt sich also in N, das n in o, weiterhin das z folgerecht in a, und so entwickelte sich, wie aus der plumpen Puppe der pr?chtige Schmetterling, das wohlt?nende und verhei?ungsvolle

Nostradamus

Da h?tten wir den Schl?ssel, und jede weitere Probe ergab, da? er durchweg und restlos pa?te. Aus dem unverst?ndlichen Sigel

Ktfctmh

sprang die L?sung

Lugduni,

die unzweideutig den Erscheinungsort des Buches bestimmte, denn Lugdunum ist nichts anderes, als die klassische Bezeichnung f?r Lyon; was wiederum im besten Einklang steht zu der Tatsache, da? auch die ber?hmten Schriften des Magiers ihren buchh?ndlerischen Ursprung in Lyon gefunden haben. An das Zeichen vollends

LCK

brauchte man den Chiffreschl?ssel nur eine Sekunde anzusetzen, um daf?r

MDL

zu erhalten, was bei der bekannten Zifferbedeutung von M gleich 1000, D gleich 500 und L gleich 50 das klare Datum 1550 hinstellte. Gewi? blieben noch einige Schwierigkeiten zur?ck. Auf die Frage, wieso dieses Exemplar hier als ein pl?tzliches Unicum auftauchte, war eine Antwort nicht zu erzielen. Habent sua fata libelli! War es aber wirklich ein Unicum und daran lie? sich bei Pr?fung des ganzen Buchtextes nicht zweifeln dann durfte sich der gl?ckliche Besitzer des einzigen Exemplars erst recht f?r beneidenswert halten; auch wenn, wie hier der Fall, viele Stellen bis zur Unleserlichkeit verwischt erschienen. Es blieb noch genug des Entzifferbaren ?brig um dies gleich vorwegzunehmen der Salomonische Schl?ssel fand ein weites Feld der Bet?tigung, Zeichen und Wunder stiegen auf!

Mir waren sie schon vor jener Unterredung mit Freund Donath sichtbar geworden, und ich durfte mich an den ?berraschungen weiden, unter deren St??en der ungl?ubige Thomas sich zum Glauben an eine unwahrscheinliche Fernwelt bekehrte. Allein noch waren einige Pr?ludien durchzuspielen, bevor ich es unternehmen durfte, ihn in die gro?e Fuge des Nostradamus einzuf?hren. Ich hielt ihm daher eine kurze Vorlesung ?ber den Mann ?berhaupt und wiederhole sie hier f?r den Leser, der l?ngst erraten hat, da? die abenteuerliche Schrift des Zauberers von Notredame sich irgendwie mit meinem exzentrischen Reiseplan erg?nzt.

Die Weisheit des Michel de Notredame, genannt Nostradamus, so etwa erl?uterte ich, gr?ndet sich vorwiegend auf Astrologie, jener Wissenschaft, die wir l?ngst als mythologischen Irrwahn abgefertigt haben, die aber doch viele recht erleuchtete K?pfe zu ihren Vertretern z?hlte. Ich lege weniger Gewicht darauf, da? Melanchton zu ihr hielt, betone aber mit Nachdruck, da? einer der gewaltigsten Sternforscher, eine Leuchte exakten Denkens, n?mlich Johannes Kepler, der Astrologie huldigte und sie praktisch aus?bte. Jedenfalls hat sie dem Nostradamus Einsichten in die Zeitferne verschafft, zu deren Erkl?rung wir nicht das geringste Mittel besitzen. Seine in Vierzeilern, gereimten Quatrains, abgefa?ten Schriften sind nicht leicht zu lesen. Viele wimmeln in ihrem Altfranz?sisch mit ihren aus anderen Sprachen eingestreuten Brocken und beabsichtigten, in Willk?r und Anagrammen gekleideten Dunkelworten von sprachlichen Schwierigkeiten. Bew?ltigt man sie aber, so ger?t man an Prophezeiungen, die ein grenzenloses Staunen erregen m?ssen. So lautet einer seiner Quatrains in freier ?bertragung: