Karl May.

Mein Leben und Streben





Wenn dich die Welt aus ihren Toren st??t,

So gehe ruhig fort, und la? das Klagen.

Sie hat durch die Versto?ung dich erl?st

Und ihre Schuld an dir nun selbst zu tragen.

Karl May, Im Reiche des silbernen L?wen

I.Das M?rchen von Sitara

Wenn man von der Erde aus drei Monate lang geraden Weges nach der Sonne geht und dann in derselben Richtung noch drei Monate lang ?ber die Sonne hinaus, so kommt man an einen Stern, welcher Sitara hei?t. Sitara ist ein persarabisches Wort und bedeutet eben Stern.

Dieser Stern hat mit unserer Erde viel, sehr viel gemein. Sein Durchmesser ist 1700 Meilen und sein Aequator 5400 Meilen lang. Er dreht sich um sich selbst und zugleich auch um die Sonne. Die Bewegung um sich selbst dauert genau einen Tag, die Bewegung um die Sonne ebenso genau ein Jahr, keine Sekunde mehr oder weniger. Seine Oberfl?che besteht zu einem Teile aus Land und zu zwei Teilen aus Wasser. Aber w?hrend man auf der Erde bekanntlich f?nf Erd oder Weltteile z?hlt, ist das Festland von Sitara in anderer, viel einfacherer Weise gegliedert. Es h?ngt zusammen. Es bildet nicht mehrere Kontinente, sondern nur einen einzigen, der in ein sehr tiefgelegenes, s?mpfereiches Niederland und ein der Sonne k?hn entgegenstrebendes Hochland zerf?llt, welche beide durch einen schm?leren, steil aufw?rtssteigenden Urwaldstreifen mit einander verbunden sind. Das Tiefland ist eben, ungesund, an giftigen Pflanzen und rei?enden Tieren reich und allen von Meer zu Meer dahinbrausenden St?rmen preisgegeben. Man nennt es Ardistan. Ard hei?t Erde, Scholle, niedriger Stoff, und bildlich bedeutet es das Wohlbehagen im geistlosen Schmutz und Staub, das r?cksichtslose Trachten nach der Materie, den grausamen Vernichtungskampf gegen Alles, was nicht zum eigenen Selbst geh?rt oder nicht gewillt ist, ihm zu dienen. Ardistan ist also die Heimat der niedrigen, selbsts?chtigen Daseinsformen und, was sich auf seine h?heren Bewohner bezieht, das Land der Gewalt-und Egoismusmenschen. Das Hochland hingegen ist gebirgig, gesund, ewig jung und sch?n im Kusse des Sonnenstrahles, reich an Gaben der Natur und Produkten des menschlichen Flei?es, ein Garten Eden, ein Paradies. Man nennt es Dschinnistan. Dschinni hei?t Genius, wohlt?tiger Geist, segensreiches unirdisches Wesen, und bildlich bedeutet es den angeborenen Herzenstrieb nach H?herem, das Wohlgefallen am geistigen und seelischen Aufw?rtssteigen, das flei?ige Trachten nach Allem, was gut und was edel ist, und vor allen Dingen die Freude am Gl?cke des N?chsten, an der Wohlfahrt aller derer, welche der Liebe und der Hilfe bed?rfen. Dschinnistan ist also das Territorium der wie die Berge aufw?rtsstrebenden Humanit?t und N?chstenliebe, das einst verhei?ene Land der Edelmenschen.

Tief unten herrscht ?ber Ardistan ein Geschlecht von finster denkenden, selbsts?chtigen Tyrannen, deren oberstes Gesetz in strenger K?rze lautet: Du sollst der Teufel deines N?chstensein, damit du dir selbst zum Engel werdest! Und hoch oben regierte schon seit undenklicher Zeit ?ber Dschinnistan eine Dynastie gro?herziger, echt k?niglich denkender F?rsten, deren oberstes Gesetz in begl?ckender K?rze lautet: Du sollst der Engel deines N?chsten sein, damit du nicht dir selbst zum Teufel werdest!

Und solange dieses Dschinnistan, dieses Land der Edelmenschen, besteht, ist ein jeder B?rger und eine jede B?rgerin desselben verpflichtet gewesen, heimlich und ohne sich zu verraten der Schutzengel eines resp.

einer Andern zu sein. Also in Dschinnistan Gl?ck und Sonnenschein, dagegen in Ardistan ringsum eine tiefe, seelische Finsternis und der heimliche weil verbotene Jammer nach Befreiung aus dem Elende dieser H?lle! Ist es da ein Wunder, da? da unten im Tieflande eine immer gr??er werdende Sehnsucht nach dem Hochlande entstand? Da? die fortgeschrittenen unter den dortigen Seelen sich aus der Finsternis zu befreien und zu erl?sen suchen? Millionen und Abermillionen f?hlen sich in den S?mpfen von Ardistan wohl. Sie sind die Miasmen gewohnt. Sie wollen es nicht anders haben. Sie w?rden in der reinen Luft von Dschinistan nicht existieren k?nnen. Das sind nicht etwa nur die Aermsten und Geringsten, sondern grad auch die M?chtigsten, die Reichsten und Vornehmsten des Landes, die Pharis?er, die S?nder brauchen, um gerecht erscheinen zu k?nnen, die Vielbesitzenden, denen arme Leute n?tig sind, um ihnen als Folie zu dienen, die Bequemen, welche Arbeiter haben m?ssen, um sich in Ruhe zu pflegen, und vor allen Dingen die Klugen, Pfiffigen, denen die Dummen, die Vertrauenden, die Ehrlichen unentbehrlich sind, um von ihnen ausgebeutet zu werden. Was w?rde aus allen diesen Bevorzugten werden, wenn es die Andern nicht mehr g?be? Darum ist es Jedermann auf das allerstrengste verboten, Ardistan zu verlassen, um sich dem Druck des dortigen Gesetzes zu entziehen. Die sch?rfsten Strafen aber treffen den, der es wagt, nach dem Lande der N?chstenliebe und der Humanit?t, nach Dschinnistan zu fl?chten. Die Grenze ist besetzt. Er kommt nicht durch. Er wird ergriffen und nach der Geisterschmiede geschafft, um dort gemartert und gepeinigt zu werden, bis er sich vom Schmerz gezwungen f?hlt, Abbitte leistend in das verha?te Joch zur?ckzukehren.

Denn zwischen Ardistan und Dschinnistan liegt M?rdistan, jener steil aufw?rtssteigende Urwaldstreifen, durch dessen Baum und Felsenlabyrinthe der unendlich gefahrvolle und beschwerliche Weg nach oben geht. M?rd ist ein persisches Wort; es bedeutet Mann. M?rdistan ist das Zwischenland, in welches sich nur M?nner wagen d?rfen; jeder Andere geht unbedingt zu Grunde. Der gef?hrlichste Teil dieses fast noch ganz unbekannten Gebietes ist der Wald von Kulub. Kulub ist ein arabisches Wort; es bedeutet die Mehrzahl des deutschen Wortes Herz. Also in den Tiefen des Herzens lauern die Feinde, die man, einen nach dem andern, zu besiegen hat, wenn man aus Ardistan nach Dschinnistan entkommen will. Und mitten in jenem Walde von Kulub ist jener Ort der Qual zu suchen, von dem es in Babel und Bibel, Seite 78 hei?t:


Zu M?rdistan, im Walde von Kulub,
Liegt einsam, tief versteckt, die Geisterschmiede.
Da schmieden Geister?
Nein, man schmiedet sie!
Der Stumm bringt sie geschleppt, um Mitternacht,
Wenn Wetter leuchten, Tr?nenfluten st?rzen.
Der Ha? wirft sich in grimmiger Lust auf sie.
Der Neid schl?gt tief ins Fleisch die Krallen ein.
Die Reue schwitzt und jammert am Gebl?se.
Am Blocke steht der Schmerz, mit starrem Aug
Im ru?igen Gesicht, die Hand am Hammer.
Da, jetzt, o Scheik, ergreifen dich die Zangen.
Man st??t dich in den Brand; die B?lge knarren.
Die Lohe zuckt empor, zum Dach hinaus,
Und Alles, was du hast und was du bist,
Der Leib, der Geist, die Seele, alle Knochen,
Die Sehnen, Fibern, Fasern, Fleisch und Blut,
Gedanken und Gef?hle, Alles, Alles
Wird dir verbrannt, gepeinigt und gemartert
Bis in die wei?e Glut
Allah, Allah!
Schrei nicht, o Scheik! Ich sage dir, schrei nicht!
Denn wer da schreit, ist dieser Qual nicht wert,
Wird weggeworfen in den Brack und Plunder
Und mu? dann wieder eingeschmolzen werden.
Du aber willst zum Stahl, zur Klinge werden,
Die in der Faust der Parakleten funkelt.
Sei also still!
Man rei?t dich aus dem Feuer
Man wirft dich auf den Ambo? h?lt dich fest.
Es knallt und prasselt dir in jeder Pore.
Der Schmerz beginnt sein Werk, der Schmied, der Meister.
Er spuckt sich in die F?uste, greift dann zu.
Hebt beiderh?ndig hoch den Riesenhammer
Die Schl?ge fallen. Jeder ist ein Mord,
Ein Mord an dir. Du meinst, zermalmt zu werden.
Die Fetzen fliegen hei? nach allen Seiten.
Dein Ich wird d?nner, kleiner, immer kleiner,
Und dennoch mu?t du wieder in das Feuer
Und wieder immer wieder, bis der Schmied
Den Geist erkennt, der aus der H?llenqual
Und aus dem Dunst von Ru? und Hammerschlag
Ihm ruhig, dankbar froh entgegenl?chelt.
Den schraubt er in den Stock und greift zur Feile.
Die kreischt und knirscht und fri?t von dir hinweg
Was noch
Halt ein! Es ist genug!
Es geht noch weiter, denn der Bohrer kommt,
Der schraubt sich tief
Sei still! Um Gottes willen!
u. s. w. u. s. w.

So also sieht es in M?rdistan aus, und so also geht es im Innern der Geisterschmiede von Kulub zu! Jeder Bewohner des Sternes Sitara kennt die Sage, da? die Seelen aller bedeutenden Menschen, die geboren werden sollen, vom Himmel herniederkommen. Engel und Teufel warten auf sie. Die Seele, welche das Gl?ck hat, auf einen Engel zu treffen, wird in Dschinnistan geboren, und alle ihre Wege sind geebnet. Die arme Seele aber, welche einem Teufel in die H?nde f?llt, wird von ihm nach Ardistan geschleppt und in ein um so tieferes Elend geschleudert, je h?her die Aufgabe ist, die ihr von oben mitgegeben wurde. Der Teufel will, sie soll zu Grunde gehen, und ruht weder bei Tag noch bei Nacht, aus dem zum Talent oder gar Genie Bestimmten einen m?glichst verkommenen, verlorenen Menschen zu machen. Alles Str?uben und Aufb?umen hilft nichts; der Arme ist dem Untergange geweiht. Und selbst wenn es ihm gel?nge, aus Ardistan zu entkommen, so w?rde er doch in M?rdistan ergriffen und nach der Geisterschmiede geschleppt, um so lange gefoltert und gequ?lt zu werden, bis er den letzten Rest von Mut verliert, zu widerstreben.

Nur selten ist die Himmelskraft, die einer solchen nach Ardistan geschleuderten Seele mitgegeben wurde, so gro? und so unersch?pflich, da? sie selbst die st?rkste Pein der Geisterschmiede ertr?gt und dem Schmiede und seinen Gesellen aus dem Dunst von Ru? und Hammerschlag ruhig dankbar froh entgegenl?chelt. Einer solchen Himmelstochter kann selbst dieser gr??te Schmerz nichts anhaben, sie ist gefeit; sie ist gerettet. Sie wird nicht vom Feuer vernichtet, sondern gel?utert und gest?hlt. Und sind alle Schlacken von ihr abgesprungen, so hat der Schmied von ihr zu lassen, denn es ist nichts mehr an ihr, was nach Ardistan geh?rt. Darum kann weder Mensch noch Teufel sie mehr hindern, unter dem Zorngeschrei des ganzen Tieflandes nach Dschinnistan emporzusteigen, wo jeder Mensch der Engel seines N?chsten ist.

II.Meine Kindheit

Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers. Mein Vater war ein armer Weber. Meine Gro?v?ter waren beide t?dlich verungl?ckt. Der Vater meiner Mutter daheim, der Vater meines Vaters aber im Walde. Er war zu Weihnacht nach dem Nachbardorf gegangen, um Brot zu holen. Die Nacht ?berraschte ihn. Er kam im tiefen Schneegest?ber vom Wege ab und st?rzte in die damals steile Schlucht des Kr?henholzes, aus der er sich nicht herausarbeiten konnte. Seine Spuren wurden verweht. Man suchte lange Zeit vergeblich nach ihm. Erst als der Schnee verschwunden war, fand man seine Leiche und auch die Brote. Ueberhaupt ist Weihnacht f?r mich und die Meinen sehr oft keine frohe, sondern eine verh?ngnisvolle Zeit gewesen.

Geboren wurde ich am 25. Februar 1842 in dem damals sehr ?rmlichen und kleinen, erzgebirgischen Weberst?dtchen Ernsttal, welches jetzt mit dem etwas gr??eren Hohenstein verbunden ist. Wir waren neun Personen: mein Vater, meine Mutter, die beiden Gro?m?tter, vier Schwestern und ich, der einzige Knabe. Die Mutter meiner Mutter scheuerte f?r die Leute und spann Watte. Es kam vor, da? sie sich mehr als 25 Pfennige pro Tag verdiente. Da wurde sie splendid und verteilte zwei Dreierbr?tchen, die nur vier Pfennige kosteten, weil sie ?u?erst hart und altbacken, oft auch schimmelig waren, unter uns f?nf Kinder. Sie war eine gute, flei?ige, schweigsame Frau, die niemals klagte. Sie starb, wie man sagte, aus Altersschw?che. Die eigentliche Ursache ihres Todes aber war wohl das, was man gegenw?rtig diskret als Unterern?hrung zu bezeichnen pflegt. Ueber meine andere Gro?mutter, die Mutter meines Vaters, habe ich etwas mehr zu sagen, doch nicht hier an dieser Stelle. Meine Mutter war eine M?rtyrerin, eine Heilige, immer still, unendlich flei?ig, trotz unserer eigenen Armut stets opferbereit f?r andere, vielleicht noch ?rmere Leute. Nie, niemals habe ich ein ungutes Wort aus ihrem Mund geh?rt. Sie war ein Segen f?r jeden, mit dem sie verkehrte, vor allen Dingen ein Segen f?r uns, ihre Kinder. Sie konnte noch so schwer leiden, kein Mensch erfuhr davon. Doch des Abends, wenn sie, die Stricknadeln emsig r?hrend, beim kleinen, qualmenden Oell?mpchen sa? und sich unbeachtet w?hnte, da kam es vor, da? ihr eine Tr?ne in das Auge trat und, um schneller, als sie gekommen war, zu verschwinden, ihr ?ber die Wange lief. Mit einer Bewegung der Fingerspitze wurde die Leidesspur sofort verwischt.

Mein Vater war ein Mensch mit zwei Seelen. Die eine Seele unendlich weich, die andere tyrannisch, voll Ueberma? im Zorn, unf?hig, sich zu beherrschen. Er besa? hervorragende Talente, die aber alle unentwickelt geblieben waren, der gro?en Armut wegen. Er hatte nie eine Schule besucht, doch aus eigenem Flei?e flie?end lesen und sehr gut schreiben gelernt. Er besa? zu allem, was n?tig war, ein angeborenes Geschick. Was seine Augen sahen, das machten seine H?nde nach. Obgleich nur Weber, war er doch im stande, sich Rock und Hose selbst zu schneidern und seine Stiefel selbst zu besohlen. Er schnitzte und bildhauerte gern, und was er da fertig brachte, das hatte Schick und war gar nicht so ?bel. Als ich eine Geige haben mu?te und er kein Geld auch zu dem Bogen hatte, fertigte er schnell selbst einen. Dem fehlte es zwar ein wenig an sch?ner Schweifung und Eleganz, aber er gen?gte vollst?ndig, seine Bestimmung zu erf?llen. Vater war gern flei?ig, doch befand sich sein Flei? stets in Eile. Wozu ein anderer Weber vierzehn Stunden brauchte, dazu brauchte er nur zehn; die ?brigen vier verwendete er dann zu Dingen, die ihm lieber waren. W?hrend dieser zehn angestrengten Stunden war nicht mit ihm auszukommen; alles hatte zu schweigen; niemand durfte sich regen. Da waren wir in steter Angst, ihn zu erz?rnen. Dann wehe uns! Am Webstuhl hing ein dreifach geflochtener Strick, der blaue Striemen hinterlie?, und hinter dem Ofen steckte der wohlbekannte birkene Hans, vor dem wir Kinder uns besonders scheuten, weil Vater es liebte, ihn vor der Z?chtigung im gro?en Ofentopfe einzuweichen, um ihn elastischer und also eindringlicher zu machen. Uebrigens, wenn die zehn Stunden vor?ber waren, so hatten wir nichts mehr zu bef?rchten; wir atmeten alle auf, und Vaters andere Seele l?chelte uns an. Er konnte dann geradezu herzgewinnend sein, doch hatten wir selbst in den heitersten und friedlichsten Augenblicken das Gef?hl, da? wir auf vulkanischem Boden standen und von Moment zu Moment einen Ausbruch erwarten konnten. Dann bekam man den Strick oder den Hans so lange, bis Vater nicht mehr konnte. Unsere ?lteste Schwester, ein hochbegabtes, liebes, heiteres, flei?iges M?dchen, wurde sogar noch als Braut mit Ohrfeigen gez?chtigt, weil sie von einem Spaziergange mit ihrem Br?utigam etwas sp?ter nach Hause kam, als ihr erlaubt worden war.

Hier habe ich eine Pause zu machen, um mir eine ernste, wichtigere Bemerkung zu gestatten. Ich schreibe dieses Buch nicht etwa um meiner Gegner willen, etwa um ihnen zu antworten oder mich gegen sie zu verteidigen, sondern ich bin der Meinung, da? durch die Art und Weise, in der man mich umst?rmt, jede Antwort und jede Verteidigung ausgeschlossen wird. Ich schreibe dieses Buch auch nicht f?r meine Freunde, denn die kennen, verstehen und begreifen mich, so da? ich nicht erst n?tig habe, ihnen Aufkl?rung ?ber mich zu geben. Ich schreibe es vielmehr nur um meiner selbst willen, um ?ber mich klar zu werden und mir ?ber das, was ich bisher tat und ferner noch zu tun gedenke, Rechenschaft abzulegen. Ich schreibe also, um zu beichten. Aber ich beichte nicht etwa den Menschen, denen es ja auch gar nicht einf?llt, mir ihre S?nden einzugestehen, sondern ich beichte meinem Herrgott und mir selbst, und was diese beiden sagen, wenn ich geendet habe, wird f?r mich ma?gebend sein. Es sind f?r mich also nicht gew?hnliche, sondern heilige Stunden, in denen ich die vorliegenden Bogen schreibe. Ich spreche hier nicht nur f?r dieses, sondern auch f?r jenes Leben, an das ich glaube und nach dem ich mich sehne. Indem ich hier beichte, verleihe ich mir die Gestalt und das Wesen, als das ich einst nach dem Tode existieren werde. Da kann es mir wahrlich, wahrlich gleichg?ltig sein, was man in diesem oder in jenem Lager zu diesem meinem Buche sagt. Ich lege es in ganz andere, in die richtigen H?nde, n?mlich in die H?nde des Geschickes, der Alles wissenden Vorsehung, bei der es weder Gunst noch Ungunst, sondern nur allein Gerechtigkeit und Wahrheit gibt. Da l??t sich nichts verschweigen und nichts besch?nigen. Da mu? man Alles ehrlich sagen und ehrlich bekennen, wie es war und wie es ist, erscheine es auch noch so piet?tlos und tue es auch noch so weh. Man hat den Ausdruck Karl May-Problem erfunden. Wohlan, ich nehme ihn an und lasse ihn gelten. Dieses Problem wird mir keiner von allen denen l?sen, welche meine B?cher nicht gelesen oder nicht begriffen haben und trotzdem ?ber sie urteilen. Das Karl May-Problem ist das Menschheitsproblem, aus dem gro?en, alles umfassenden Plural in den Singular, in die einzelne Individualit?t transponiert. Und genauso, wie dieses Menschheitsproblem zu l?sen ist, ist auch das Karl May-Problem zu l?sen, anders nicht! Wer sich unf?hig zeigt, das Karl May-R?tsel in befriedigender, humaner Weise zu l?sen, der mag um Gottes Willen die schwachen H?nde und die unzureichenden Gedanken davon lassen, ?ber sich selbst hinaus zu greifen und sich mit schwierigen Menschheitsfragen zu befassen! Der Schl?ssel zu all diesen R?tseln ist l?ngst vorhanden. Die christliche Kirche nennt ihn Erbs?nde. Die Vorv?ter und Vorm?tter kennen, hei?t, die Kinder und Enkel begreifen, und nur der Humanit?t, der wahren edelmenschlichen Gesinnung ist es gegeben, in Betracht der Vorfahren wahr und ehrlich zu sein, um auch gegen die Nachkommen wahr und ehrlich sein zu k?nnen. Den Einflu? der Verstorbenen auf ihre Nachlebenden an das Tageslicht zu ziehen, ist rechts eine Seligkeit und links eine Erl?sung f?r beide Teile, und so habe auch ich die meinen genauso zu zeichnen, wie sie in Wirklichkeit waren, mag man dies f?r unkindlich halten oder nicht. Ich habe nicht nur gegen sie und mich, sondern auch gegen meine Mitmenschen wahr zu sein. Vielleicht kann mancher aus unserem Beispiele lernen, in seinem Falle das Richtige zu tun.

Mutter hatte ganz unerwartet von einem entfernten Verwandten ein Haus geerbt und einige kleine, leinene Geldbeutel dazu. Einer dieser Geldbeutel enthielt lauter Zweipfenniger, ein anderer lauter Dreipfenniger, ein dritter lauter Groschen. In einem vierten steckte ein ganzes Schock F?nfzigpfenniger, und im f?nften und letzten fanden sich zehn alte Schafh?uselsechser, zehn Achtgroschenst?cke, f?nf Gulden und vier Taler vor. Das war ja ein Verm?gen! Das erschien der Armut fast wie eine Million! Freilich war das Haus nur drei schmale Fenster breit und sehr aus Holz gebaut, daf?r aber war es drei Stockwerke hoch und hatte ganz oben unter dem First einen Taubenschlag, was bei andern H?usern bekanntlich nicht immer der Fall zu sein pflegt. Gro?mutter, die Mutter meines Vaters, zog in das Parterre, wo es nur eine Stube mit zwei Fenstern und die Haust?r gab. Dahinter lag ein Raum mit einer alten W?scherolle, die f?r zwei Pfennige pro Stunde an andere Leute vermietet wurde. Es gab gl?ckliche Sonnabende, an denen diese Rolle zehn, zw?lf, ja sogar vierzehn Pfennige einbrachte. Das f?rderte die Wohlhabenheit ganz bedeutend. Im ersten Stock wohnten die Eltern mit uns. Da stand der Webstuhl mit dem Spulrad. Im zweiten Stock schliefen wir mit einer Kolonie von M?usen und einigen gr??eren Nagetieren, die eigentlich im Taubenschlage wohnten und des Nachts nur kamen, uns zu besuchen. Es gab auch einen Keller, doch war er immer leer. Einmal standen einige S?cke Kartoffeln darin, die geh?rten aber nicht uns, sondern einem Nachbar, der keinen Keller hatte. Gro?mutter meinte, da? es viel besser w?re, wenn der Keller ihm und die Kartoffeln uns geh?rten. Der Hof war grad so gro?, da? wir f?nf Kinder uns aufstellen konnten, ohne einander zu sto?en. Hieran grenzte der Garten, in dem es einen Holunderstrauch, einen Apfel-, einen Pflaumenbaum und einen Wassert?mpel gab, den wir als Teich bezeichneten. Der Hollunder lieferte uns den Tee zum Schwitzen, wenn wir uns erk?ltet hatten, hielt aber nicht sehr lange vor, denn wenn das Eine sich erk?ltete, fingen auch alle Andern an, zu husten und wollten mit ihm schwitzen. Der Apfelbaum bl?hte immer sehr sch?n und sehr reichlich; da wir aber nur zu wohl wu?ten, da? die Aepfel gleich nach der Bl?te am besten schmecken, so war er meist schon Anfang Juni abgeerntet. Die Pflaumen aber waren uns heilig. Gro?mutter a? sie gar zu gern. Sie wurden t?glich gez?hlt, und niemand wagte es, sich an ihnen zu vergreifen. Wir Kinder bekamen doch mehr, viel mehr davon, als uns eigentlich zustand. Was den Teich betrifft, so war er sehr reich belebt, doch leider nicht mit Fischen, sondern mit Fr?schen. Die kannten wir alle einzeln, sogar an der Stimme. Es waren immer so zwischen zehn und f?nfzehn. Wir f?tterten sie mit Regenw?rmern, Fliegen, K?fern und allerlei andern guten Dingen, die wir aus gastronomischen oder ?sthetischen Gr?nden nicht selbst genie?en konnten, und sie waren uns auch herzlich dankbar daf?r. Sie kannten uns. Sie kamen an das Ufer, wenn wir uns ihnen n?herten. Einige lie?en sich sogar ergreifen und streicheln. Der eigentliche Dank aber erklang uns des Abends, wenn wir am Einschlafen waren. Keine Sennerin kann sich mehr ?ber ihre Zither freuen als wir ?ber unsere Fr?sche. Wir wu?ten ganz genau, welcher es war, der sich h?ren le? [sic], ob der Arthur, der Paul oder Fritz, und wenn sie gar zu duettieren oder im Chor zu singen begannen, so sprangen wir aus den Federn und ?ffneten die Fenster, um mitzuquaken, bis Mutter oder Gro?mutter kam und uns dahin zur?ckbrachte, wohin wir jetzt geh?rten. Leider aber kam einst ein sogenannter Bezirksarzt in das St?dtchen, um sogenannte gesundheitliche Untersuchungen anzustellen. Der hatte ?berall etwas auszusetzen. Dieser ebenso sonderbare wie gef?hllose Mann schlug, als er unsern Garten und unsern sch?nen T?mpel sah, die H?nde ?ber dem Kopf zusammen und erkl?rte, da? dieser Pest und Cholerapfuhl sofort verschwinden m?sse. Am n?chsten Tage brachte der Polizist Eberhard einen Zettel des Herrn Stadtrichters Layritz des Inhaltes, da? binnen jetzt und drei Tagen der T?mpel auszuf?llen und die Froschkolonie zu t?ten sei, bei f?nfzehn Guten Groschen Strafe. Wir Kinder waren emp?rt. Unsere Fr?sche umbringen! Ja, wenn der Herr Stadtrichter Layritz einer gewesen w?re, dann herzlich, herzlich gern! Wir hielten Rat und was wir beschlossen, wurde ausgef?hrt. Der T?mpel wurde so weit ausgesch?pft, da? wir die Fr?sche fassen konnten. Sie wurden in den gro?en Deckelkorb getan und dann hinaus hinter das Schie?haus nach dem gro?en Zechenteich getragen, Gro?mutter voran, wir hinterher. Dort wurde jeder einzeln herausgenommen, geliebkost, gestreichelt und in das Wasser gelassen. Wieviel Seufzer dabei laut geworden, wieviel Tr?nen dabei geflossen und wieviel vernichtende Urteile dabei gegen den sogenannten Bezirksarzt gef?llt worden sind, das ist jetzt, nach ?ber sechzig Jahren, wohl kaum mehr festzustellen. Doch wei? ich noch ganz bestimmt, da? Gro?mutter, um dem ungeheuern Schmerz ein Ende zu machen, uns die Versicherung gab, ein jedes von uns werde genau nach zehn Jahren ein dreimal gr??eres Haus mit einem f?nfmal gr??eren Garten erben, in dem es einen zehnmal gr??eren Teich mit zwanzigmal gr??eren Fr?schen gebe. Das brachte in unserer Stimmung eine ebenso pl?tzliche wie angenehme Aenderung hervor. Wir wanderten mit der Gro?mutter und dem leeren Deckelkorb vergn?gt nach Hause.





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