Karl May.

Im Lande des Mahdi I





Erstes kapitel: Ein Chajjal

Die Siegreiche, EI K?hira und Bauwaabe el bilad esch schark, das Thor des Orientes, so nennt der ?gypter die Hauptstadt seines Landes. Wenn die erstere Bezeichnung l?ngst nicht mehr am Platze ist, so besteht die zweite doch zu vollem Recht. Kairo ist wirklich die Pforte des Ostens. Als solche ist diese Stadt dem Andrange occidentaler Einfl?sse am meisten ausgesetzt, und die einstSiegreicheist so altersschwach geworden, da? sie demselben kaum mehr zu widerstehen vermag. Sie wird von Jahr zu Jahr fr?nkischer, und da, wo ein hochgestellter Europ?er einfach niedergestochen wurde, nur weil er behauptete, da? der Sultan die Aja Sofia in Stiefeln betrete, da kann heutzutage jeder Giaur die f?nfhundertdreiundzwanzig Moscheen Kairos besuchen, ohne gezwungen zu sein, seine F??e zu entbl??en.

Shepheards Hotel, das Neue Hotel, das Hotel dOrient, das Hotel du Nil, das Hotel des Ambassadeurs und zahlreiche ?ffentliche Kosth?user, Caf?s und Restaurants bieten dem Fremden vollst?ndige Befriedigung aller Bed?rfnisse, welche die Heimat ihm anerzogen hat; aber viel, sehr viel mu? er daf?r bezahlen, und wer, wie ich, nicht gerade ?ber die Eink?nfte eines englischen Lords verf?gt, dem ist anzuraten, sich von diesen Versammlungsorten europ?ischer Kr?susse m?glichst fern zu halten.

Freilich ist dieser Rat viel leichter gegeben, als er befolgt werden kann, denn wer als Fremder die angegebenen H?user meiden und doch in Kairo leben will, der ist gezwungen, sich bei Eingebornen einzumieten und mu?, wenn er sich nicht t?glich und st?ndlich betr?gen lassen will, die Verh?ltnisse des Landes genau kennen und wenigstens leidlich gut arabisch sprechen. Auf die Ehrlichkeit der Dolmetscher und Diener darf niemand sich verlassen. Ja, man kann einem Diener ein Verm?gen anvertrauen und wohl darauf rechnen, da? er nichts entwendet; daf?r aber wird er bei jedem kleinen Einkaufe, den er zu besorgen hat, seinen Herrn um einige Para oder gar Piaster betr?gen, und solche Verluste, so unbedeutend sie im einzelnen sind, ergeben mit der Zeit eine ansehnliche Summe.

Mit den Dolmetschern ist es noch schlimmer. Geht einer, der die Sprache nicht kennt, mit seinem Dragoman auf den Bazar, so kann er annehmen, da? der letztere mit jedem Verk?ufer gemeinschaftliche Sache machen und seinen Gewinnanteil sich sp?ter holen werde. Wird doch selbst der Landeskundige h?chstens die H?lfte oder gar den dritten Teil der Summe, welche man von ihm fordert, bieten. Um dies zu erproben, nahm ein Franzose, welcher sehr gut arabisch sprach, dies aber verheimlichte, einen Dragoman mit in einen Waffenladen. Er war kaum eingetreten und hatte die gebr?uchliche Tasse Kaffee noch nicht erhalten, so h?rte er den H?ndler zu dem Dolmetscher sagen: Bruder, aber wollen wir dieses christliche Schwein betr?gen! Er soll schlechte Sheffielder Ware bekommen und dennoch die Preise von Damaskus zahlen. Den Gewinn teilen wir. Wie erstaunten beide, als der Franzose ihnen nun im sch?nsten Arabisch erkl?rte, da? er weder ein Schwein sei, noch ?berhaupt die Absicht gehabt habe, hier etwas zu kaufen!

Zwar schreibt ein ber?hmter Reisender:

Fr?her mu?te man selbst f?r alle Bed?rfnisse sorgen und wie eine K?chin Reis und Erbsen, Rauchfleisch, H?hner und tausenderlei andere Viktualien, welche in schaudererregender Weise von den Reisehandb?chern aufgez?hlt werden, einkaufen.

Seit Jahren ?bernimmt der Dragoman alles das und noch weit mehr. Man macht mit ihm einen Kontrakt, nach welchem er sich verpflichtet, so und so viel G?nge f?r Fr?hst?ck und Mittagsmahl und au?erdem Licht und W?sche, Bedienung und Bef?rderungsmittel zu liefern. Die Vertr?ge werden auf dem Konsulate der Nation, welcher man angeh?rt, geschlossen, und das ist nicht nur f?r die Sicherheit beider Teile, sondern auch deswegen vortrefflich, weil der gewinns?chtige F?hrer sehr wohl wei?, da? er infolge schlechter Erf?llung seiner Obliegenheiten durch den Konsul, bei dem man sich stets, bevor man sich ihm anvertraut, nach seinem Rufe erkundigt, in seiner fernern Th?tigkeit gef?hrdet, ja selbst ruiniert werden kann. Offener Betrug kommt fast niemals vor, w?hrend die verschmitzten Araber bei der Schlie?ung des Kontraktes Vorteile zu erringen und Verpflichtungen von ihren eigenen auf die Schultern der Reisenden mit einer Klugheit zu ?bertragen verstehen, die eben nur ihrer Rasse eigen ist.

Aber er giebt mit den letzten Worten die Pfiffigkeit dieser Leute zu, und es ist meines Erachtens ganz gleichg?ltig, ob ich gleich beim Eingehen des Kontraktes oder sp?ter ?ber das Ohr gehauen werde. ?brigens ist derjenige, welcher einen solchen Vertrag abschlie?en kann, wohl zu beneiden, denn es m?ssen ihm Mittel zur Verf?gung stehen, die nicht jeder andere Reisende besitzt. So und so viele G?nge f?r Fr?hst?ck und Mittagsmahl, H?hner und tausenderlei andere Viktualien, W?sche und Licht! Wohl dem, der in dieser Weise reisen kann!

Ich war bei meiner Ankunft im Hotel dOrient abgestiegen und hatte mir das billigste Zimmer geben lassen; es sollte mir nur f?r heute als Wohnung dienen. Dann ging ich aus, um mich nach einem Privatlogis umzusehen. Das Hotel liegt an der Esbekijeh, dem sch?nsten freien Platze der Stadt. Dieser bildete fr?her zur Zeit der Nil?berschwemmung eine weite Wasserfl?che. Mehemed Ali lie? ihn, um das Wasser von der Mitte fern zu halten, mit einem Kanale einfassen, an dessen Ufern man B?ume pflanzte. Ismail Pascha befahl, den ganzen Raum mit Erde zu bedecken, so da? er nun ebenso hoch liegt wie die ?brige Stadt. Ein Teil wurde mit Geb?uden besetzt und der andere in einen Garten mit Kaffeeh?usern, Theatern und Grotten umgewandelt. Nachmittags finden hier oft Konzerte statt. Auf der Ostseite liegen die Pal?ste der Ministerien des ?u?ern, des Innern und der Finanzen; auf der S?dseite erblickt man das Theater und das Opernhaus. Dieser Garten hat eine Fl?che von 32000 Quadratmetern, und wer auf diesem weiten Raume die Unzahl der vorhandenen Restaurants, Bierhallen, Liqueur und Eisbuden, Musikh?user, Kaskaden und Gaskandelaber erblickt, der w?rde nicht glauben, sich an der Pforte des Orientszu befinden, wenn er nicht durch die ?berall gr?nenden und bl?henden kostbaren Pflanzen der s?dlichen Zone daran erinnert w?rde.

Ich wendete mich s?d?stlich nach der Muski. Dies ist das alte Frankenviertel, wo, und zwar unter Saladin, die Christen zuerst die Erlaubnis zum Wohnen erhielten. Hier sind die meisten und gr??ten europ?ischen L?den; hier ist der Verkehr am regsten und infolge dessen das Gedr?nge am dichtesten. Die Stra?e ist freilich ziemlich eng und dumpfig, aber ehe die drei fashionablen Stadtteile, die nordwestliche Esbekijeh, das westliche Ismailia und das s?dliche Abdin entstanden, war sie die einzige ertr?glich breite Stra?e in ganz Kairo. Hier hat noch alles einen europ?ischen Anstrich; nur einige alte, arabische, flache D?cher, der echt ?gyptische Schmutz und der ?berall wahrnehmbare Tr?mmer und W?stengeruch erinnern einen, wo man sich befindet.

Will man den unverf?lschten Orient sehen, so mu? man sich in eines der arabischen Viertel begeben, und dazu bedarf es keines weiten Weges. Ich erinnerte mich meines fr?hern Aufenthaltes in Kairo und bog in eine enge Seitengasse ein. Sie m?ndete in eine andere Gasse, und als ich diese erreichte, winkten mir von der alten Lehmmauer eines niedrigen Hauses die vier Inschriften entgegen:

Beer-house

Cabaret ? bi?re

Birreria

Bira, ingliziji we nimsawiji, also englisch, franz?sisch, italienisch und arabisch. Die vierte Zeile war nat?rlich in arabischer Schrift geschrieben. Ich blieb stehen und betrachtete das Lokal. Das Aussehen desselben stie? mich ab, aber das Wort Bier zog mich an. Das Haus hatte weder Th?re noch Fenster. Die vordere Seite desselben bestand aus zehn h?lzernen, vielfach zersprungenen S?ulen, welche den obern Teil der Wand trugen. Hinter diesen S?ulen lag das also nach der Stra?e offene Bierlokal. Man sah die wenigen G?ste rauchend auf Stroh und Bastmatten sitzen oder auf h?lzernen Marterfallen hocken, welche h?chst wahrscheinlich St?hle sein sollten. Ein unendlich dicker Kerl, welcher auf einem solchen Sitze schwitzte, sah, da? ich mich bedachte; er winkte mit beiden H?nden, grinste mir h?chst freundlich zu und rief:

Gel tschelebi, gel tschelebi! Arpa suju pek eji, pek eji kommen Sie, Herr, kommen Sie! Das Bier ist sehr gut, sehr gut. Das war t?rkisch; der Mann war also ein Osmanli. Als ich seiner Aufforderung nicht sofort folgte, hielt er mir mit der linken Hand die Flasche entgegen und winkte mit der rechten so angelegentlich, da? sein schwerer, fa?f?rmiger Leib in sch?tternde Bewegung kam; das konnte der Stuhl, welcher ohne Lehne war und schusterschemelartig nur aus drei d?nnen Beinen und einem d?nnen Sitze bestand, nicht aushalten; er knackte zusammen, und der Dicke fuhr mit einem lauten Krach zur Erde nieder. O jarik, o g?k?m, o babaiarim, o tenim, o azalarim, o bukalim o wehe, o mein Himmel, o meine V?ter, o mein Leib, o meine Glieder, o meine Flasche! zeterte er, indem er die Linke hoch empor hielt, aber keinen Versuch zum Aufstehen machte.

Ich sprang hinzu und konnte mich zun?chst nur davon ?berzeugen, da? sein letzter Ausruf o meine Flasche! sehr begr?ndet war. Er hatte sie an einer der erw?hnten S?ulen zerschlagen und hielt nur noch den leeren Hals in der Hand. Der Inhalt hatte sich ?ber sein Gesicht und seinen ganzen Anzug ergossen. Die andern G?ste blickten l?chelnd her?ber, aber keiner von ihnen machte Miene, herzukommen, um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein.

Zarar onlarinwar sind Sie verletzt? fragte ich ihn, indem ich ihm den Flaschenrest aus der Hand nahm und ihn mit meinem Taschentuche abtrocknete.

Azalarim dsch?mle kyrmysch alle meine Glieder sind zerbrochen! antwortete er, indem er, auf dem R?cken liegend, beide Arme und beide Beine emporhielt.

Das glaube ich nicht, tr?stete ich ihn; w?ren Sie an den Gliedern verletzt, so k?nnten Sie nicht diese f?r Sie so schwierige Stellung einnehmen. Versuchen Sie doch, einmal aufzustehen!

Ich nahm ihn bei den H?nden und zog zog zog mir fast das Leben heraus, vergeblich! Da kam ein junger, schwarzer Mensch herbei, jedenfalls der Sufratschil [Kellner]; er hatte ein Kohlenbecken in der Hand, mit dessen gl?hendem Inhalte er die Tschibuks der G?ste in Brand zu setzen pflegte. Der junge besa? ein Gesicht wie einer, der zu jedem tollen Streiche geneigt ist. Er fa?te mit der Zange eine brennende Kohle und hielt sie dem Dicken so nahe unter die Nase, da? der Schnurrbart h?rbar zu sengen begann. Im Nu war der T?rke auf und langte dem Knaben ein solches Bakschisch hinter die Ohren, da? dieser das Becken fallen lie? und schreiend im Hintergrunde verschwand.

Sakalim, Byjykym g?zel mein Bart, mein sch?ner Schnurrbart! schrie der Dicke ingrimmig, indem er die maltraitierte Zierde mit beiden H?nden liebkoste. Wie kann dieser Neger sich an dem Schmucke meiner M?nnlichkeit vergreifen! Allah brate ihn daf?r im tiefsten Winkel der H?lle!

Jetzt, da er aufgerichtet vor mir stand, konnte ich ihn genau betrachten. Er war nicht zu hoch, aber, wie bereits gesagt, von desto gr??erem K?rperumfang. Sein Gesicht zeigte eine tiefere R?te als nur diejenige der Gesundheit; es hatte den Ausdruck der Ehrlichkeit, und wenn seine Augen jetzt auch zornig funkelten, so schienen sie doch geeignet zu sein, bei anderer Stimmung freundlicher blicken zu k?nnen. Sein Alter sch?tzte ich auf h?chstens f?nfunddrei?ig Jahre. Sein Anzug glich genau dem meinigen, weite t?rkische Schalwar [Hose], eine Weste und kurze Kubaran [Jacke mit Stehkragen], Fez, ein Halstuch unter dem Hemdenkragen und ein G?rteltuch, an den F??en leichte Stiefeletten, nur da? meine Kleidung von mittelgrauer Farbe, die seinige aber dunkelblau und mit vielen goldenen Tressen und Schn?ren verziert war. Er hatte das Aussehen eines Mannes, der mit dem Inhalte seines Beutels nicht zu geizen braucht.

Jetzt betastete er seinen K?rper hinten und vorn, von oben bis unten, und als er erkannte, da? er mit heiler Haut und einigen versengten Schnurrbarthaaren davongekommen sei, erheiterte sich sein Gesicht. Er streckte mir die Hand entgegen und sagte, indem er mir die meinige herzlich sch?ttelte:

Allaha sch?cke, szagh im! Bu wakyt nasl idiniz Gott sei Dank, ich bin gesund! Wie ging es Ihnen diese Zeit?

Diese Zeit? fragte ich erstaunt. Sie kennen mich, wie es scheint?

Und Sie mich nicht?

Ich kann mich wirklich nicht erinnern.

Ich glaube es, denn Sie haben damals nicht mit mir gesprochen. Setzen wir uns! Sie sind ein Deutscher und werden gern ein Glas Bier trinken. Ich habe Sie gerufen, und Sie m?ssen die G?te haben, mein Gast zu sein.

Er setzte sich auf einen festern Stuhl, und ich nahm ihm gegen?ber Platz. Welch ein Zufall! Kaum hatte ich in Kairo den Staub des Dschebel Abu Tartur von mir gesch?ttelt, so traf ich einen T?rken, welcher mich kannte und gar nicht ?bel von mir zu denken schien! Ich war ?u?erst neugierig, zu erfahren, wer er war und wo er mich gesehen hatte.

Ja walad, dschib schischaten he, Junge, bringe zwei Wasserpfeifen! rief er nach hinten.

Der Negerknabe kam zaudernd herbei und stellte die Pfeifen mit m?glichst langen Armen auf den Tisch; er hatte Angst vor einer Wiederholung der Ohrfeige, welche er erhalten hatte. Als er sah, da? der T?rke keine zornige Notiz von ihm nahm, fa?te er Mut, uns Kohlen zu reichen. Die K?pfe waren mit Tembek gef?llt, einem schweren persischen Tabake, welcher nur aus dem Nargileh geraucht wird.

Atina kizazaten bira nimsawijii gieb uns zwei Flaschen

?sterreichisches Bier! lautete nun der weitere Befehl. Das war eine H?flichkeit gegen mich; ich als Deutscher sollte ?sterreichisches und kein englisches Bier trinken. Desto unh?flicher verhielt er sich gegen den jungen, denn kaum hatte dieser die Flaschen und die beiden Gl?ser vor uns hingestellt, so bekam er eine so kr?ftig verbesserte Auflage der ersten Kaffl [Ohrfeige], da? er wie eine Forelle blitzschnell quer durch den Raum und hinten zur Th?re hinausflog.

Bu-war partschasi der hat seinen Teil! sagte der T?rke lachend, indem er die Flaschen ?ffnete, um sich und mir einzugie?en. Der Mann trank jedenfalls nicht zum ersten Male mit einem Abendl?nder, denn er stie? ganz regelrecht mit mir an. Es war Pilsener Bier, ja wirklich Pilsener, und wenn ich mich nicht irre, aus der b?rgerlichen Brauerei! Liebster Orient, es wird mir langsam angst um dich! Aber trinke nur weiter, trinke immer Bier; das ist besser als der scharfe Araki, der dir das Blut vergiftet und die Nerven t?tet, obgleich Muhammed ihn nicht so wie den Wein verboten hat!

Als wir getrunken hatten und die Pfeifen sich in Gang befanden, musterte der T?rke mich mit einem Blicke, welcher von freundlicher Hochachtung zeugte, und sagte dann:

Sie kennen mich nicht; darum mu? ich Ihnen meinen Namen sagen. Ich hei?e Murad Nassyr und wohne in Nif bei Ismir. Ich bin Bazirgijan [Kauf-und Handelsmann]und habe mehrere Schiffe gehen. Mein Mekteb [Comptoir]befindet sich in Ismir [Smyrna]; meine Niederlagen aber sind in Nif. 0, Effendi, ich habe da sch?ne, sehr sch?ne und wertvolle Sachen, an denen sich mancher Pascha erfreut!

Bei diesen Worten legte er die Spitzen des Daumens und des Zeigefingers an den Mund, k??te sie, schlo? die Augen und schnalzte mit der Zunge, als ob er an etwas au?erordentlich Sch?nes denke. Dann fuhr er fort:

Aber ich bin nicht nur Bazirgijan, sondern auch Krieger. Ich habe auf meinen Reisen oft die Waffen zu f?hren, und es giebt keinen Menschen, der sich r?hmen k?nnte, mich jemals besiegt zu haben. Mein Name wird Ihnen das schon sagen.

Er hatte das mit gro?em Stolze gesprochen und sah mich nun erwartungsvoll an, was ich dazu sagen w?rde.

Ihr Name? fragte ich. Meinen Sie Murad oder Nassyr?

Nassyr nat?rlich.

Nun, dieses Wort hat ja gar nichts mit Tapferkeit zu thun, denn es bedeutet eine Verhornung der Zehenhaut, eine Krankheit der Zehen, welche oft so schmerzhaft ist, da? man Gesichter schneidet, die gar nicht heldenhaft sind.

Das t?rkische Wort bedeutet n?mlich das liebliche deutsche H?hnerauge.

Allah, Allah! rief er aus. In was f?r einem Irrtume befinden Sie sich! Das Wort bedeutet ja Sieger!

Das arabische Nassyr ist Sieger, nicht aber das t?rkische Nassyr. Sie m??ten Ghalib, Fatih oder Genidschi hei?en.

Effendi, wollen Sie mich beleidigen oder meine Wangen schamrot machen? Wie k?nnen Sie als Deutscher den Namen eines Mannes, dessen Ahnen unter den ber?hmtesten Sultanen ruhmvoll gek?mpft haben, besser beurteilen k?nnen, als er selbst.

Nun gut, so irre ich mich, lenkte ich h?flich ein. Verzeihen Sie meine Unwissenheit!

Ich verzeihe, antwortete er befriedigt. Und nun will ich Ihnen auch sagen, wo ich Sie gesehen habe. Es war in Dscheza?r [Algier], wo mein Schiff vor Anker lag. Kennen Sie dort einen franz?sischen Kaufmann Namens Latr?aumont?

Allerdings.

Sie sa?en in einem Kaffeehause der Stra?e Bab-Azoun. Auch ich kam hin und bemerkte, da? Sie von den Anwesenden unausgesetzt betrachtet wurden. Man sprach leise von Ihnen, und als Sie fort waren, erkundigte ich mich. Ich erfuhr, da? Sie der Deutsche seien, der den Sohn Latr?aumonts, welcher ?berfallen und tief in die Sahara geschleppt worden war, mitten aus der Schar der Henker herausgeholt hatte. Ich habe mir Ihr Gesicht genau gemerkt und Sie, als ich Sie vorhin erblickte, sofort erkannt.

Ich kann nicht leugnen, da? ich allerdings dieser Deutsche bin; doch hat man das, was ich that, durch das Churdebin [Mikroskop,Vergr??erungsglas,]betrachtet.

Nein, denn ich wei?, da? Sie die ganze gro?e Gum [Raubkarawane]vernichtet haben; es ist Ihnen nicht ein einziger der Imoscharh oder Tuareg entkommen.

Ich war ja nicht allein!

Ein Engl?nder und zwei Diener waren mit Ihnen; das ist alles. Ich mu?te sp?ter in Gesch?ften zu Latr?aumont, und er hat mir die Geschichte ausf?hrlich erz?hlt. Effendi, wo kommen Sie jetzt her?

Vom Bir Haldeh im Gebiete der Uelad Ali.

Und wo wollen Sie hin?

Nach Hause.

Nach Deutschland? Werden Sie dort erwartet, oder haben Sie dort notwendige Gesch?fte? Ein Effendi wie Sie kann aber doch keine Gesch?fte haben!

Er erwartete meine Antwort mit dem Ausdrucke gro?er, offen gezeigter Spannung im Gesicht.

Nun, Gesch?fte habe ich freilich nicht, und gerade mit Ungeduld erwartet mich auch niemand.

So bleiben Sie hier; bleiben Sie, und reisen Sie mit mir!

Wohin?

Nach dem Sudan, nach Chartum.

Welches Anerbieten! Eine Reise da hinauf w?re die Erf?llung meines sehnlichsten Wunsches gewesen, aber leider konnte ich keinen andern Bescheid geben als:

Ich kann nicht; es ist mir unm?glich, zu bleiben; ich mu? heim.

Warum aber, da weder ein Gesch?ft noch ein Mensch Sie ruft?

Dieser hier treibt mich fort, antwortete ich, indem ich auf die Tasche schlug und den Lederbeutel zog, um ihm denselben vor der Nase zu sch?tteln. Soll ich Ihnen die Krankheit, an welcher diese B?rse leidet, t?rkisch oder arabisch nennen? Es ist die Sill, die Zajyflanmal [Schwindsucht], ein ?bel, welches nur in der Heimat geheilt werden kann. Das hei?t mit anderen Worten, da? mein Geld nur noch zu einem kurzen Kamelritt nach Suez und dann zur schleunigen Heimkehr reicht.

Ich erwartete nat?rlich ganz bestimmt, da? er nun die Angelegenheit auf sich beruhen lassen werde, hatte mich aber geirrt, denn er meinte:

O, Ihnen kann es nicht am Gelde fehlen. Wenn Sie zur Bank von ?gypten in der Muski, zu Oppenheim und Compagnie in der Esbekijeh oder zu Tod, Rathbone und Compagnie am Rosette-Garten gehen, so bekommen Sie sofort, was Sie verlangen. Ich kenne diese Leute.

Aber sie kennen mich nicht!

So gebe ich Ihnen ein Kiaghat [Zettel, Anweisung]mit!

Ich danke! Ich borge nicht. Ich bin nicht so reich wie Sie und kann nicht weiter reisen, als meine Kasse reicht.

Sie wollen also wirklich nicht?

Nein.

Schade, jammerschade! meinte er, indem sein Gesicht den Ausdruck des aufrichtigsten Bedauerns zeigte. Sie w?ren der Mann gewesen, den ich brauchen k?nnte. Ich freute mich als ich Sie sah, und nahm mir sofort vor, wenn Sie nichts anderes vorh?tten, um Ihre Begleitung zu bitten.

Sie h?tten mich brauchen k?nnen?

Ja.

wozu?

Allahl Das fragen Sie noch? Ich will nach Chartum, um meine Schwester ihrem Nischanly [Br?utigam]zuzuf?hren. Sie hat einige Dienerinnen bei sich, und ich mu? mir Leute mieten, auf welche ich mich verlassen kann. Denken Sie, die lange und gef?hrliche Fahrt auf dem Nile und die halbwilden Araberst?mme, durch deren Gebiet wir kommen! Ein Mann wie Sie, der es mit der Gum, mit einer ganzen Schar blutgieriger Tuareg aufgenommen hat, der f?rchtet sich nicht. Haben Sie die Gewehre mit, welche Sie damals bei sich hatten?

Ja.

Nun, so ?berlegen Sie es sich! Die Reise soll Ihnen keinen Para kosten; ich werde f?r alles sorgen. Bezahlung, wie einen Diener, darf ich Ihnen freilich nicht bieten; aber ich werde da oben Gesch?fte machen, gute Gesch?fte, welche viel Geld einbringen, und wir wollen beraten, welchen Teil des Gewinnes Sie erhalten sollen.