Karl May.

Die Sklavenkarawane





Mein Mut war zu gro?, Effendi. Er lie? sich nicht mehr z?geln!

Nur derjenige Mut ist lobenswert, welcher sich mit Klugheit und ?berlegung paart. Der Fehler Hadschi Alis hat nur mich getroffen, der deinige aber wird weit mehr Menschen sch?digen. Viele Reisende und Hunderte von Sklaven werden deine ?bereilung zu b??en haben. H?tte ich diesen Abu el Mot in meine H?nde gebracht, so stand mit Gewi?heit zu erwarten, da? der Mudir von Faschodah ihn f?r immer unsch?dlich machen werde.

Das ist freilich wahr, Effendi, gestand der Kleine. Meine Seele ist von Wehmut erf?llt und mein Herz von Reue ?ber meine Ungeduld. Doch hoffe ich, da? du sie mir verzeihen werdest!

Das werde ich. Daf?r erwarte ich aber, da? du nicht andern dann Vorw?rfe machst, wenn du selbst welche verdienst.

O, diese Vorw?rfe haben nicht viel zu bedeuten. Hadschi Ali ist mein bester Freund. Wir lieben uns innig; aber diese Liebe ist gerade dann am gr??ten, wenn wir uns zanken und einander ?rgern. Nicht wahr, du guter Vater des Gel?chters?

Ja, best?tigte Ali in vollstem Ernste, wobei er jedoch eine h?chst l?cherliche Grimasse zog. Allah hat unsre Herzen verbunden, so da? sie wie ein einziges schlagen. Aber unsre Kenntnisse sind zu verschiedener Natur. Es gelingt uns nie, sie zu vereinigen. Bitten wir den Propheten, da? er es bald verbessere!

Als die drei beim Lagerplatze erschienen, mu?te den Gefangenen der letzte Rest ihrer Hoffnung auf Befreiung schwinden. Sie hatten die Sch?sse geh?rt, und da sie den Deutschen mit seinen Begleitern so ruhig und unverletzt zur?ckkehren sahen, mu?ten sie dieselben f?r die Sieger in dem stattgefundenen Gefechte halten.

Schwarz stellte noch eine zweite Wache aus, obgleich er ?berzeugt war, da? Abu el Mot seinen Versuch nicht wiederholen werde. Die beiden Wachen hatten kein Opfer zu bringen, da nach der gro?en Aufregung, welche der Angriff erst der L?wen und dann der Gum hervorgerufen hatte, vom Schlafe gar keine Rede sein konnte. ?brigens war der Morgen nicht mehr fern, und man nahm sich vor, ihn unter Gespr?chen und Erz?hlungen zu erwarten.

Da die Gefangenen nicht zu h?ren brauchten, was von ihnen gesprochen wurde, so schaffte man sie zur Seite, wo sie lautlos lagen wie bisher. Nur der Verwundete lie? zuweilen ein schmerzliches St?hnen h?ren und dann sorgte Schwarz stets daf?r, da? ihm das Bein mit Wasser gek?hlt wurde.

Bei einer solchen Gelegenheit konnte der Vater der vordern L?wenh?lfte es nicht unterlassen, dem Gelehrten einen neuen Beweis von der Gr??e seiner Kenntnisse zu geben, indem er in deutscher Sprache erz?hlte, und zwar auf die Verletzung des Gefangenen anspielend:

So ein Bruch, beiniger, seinte gar nicht schlimm. Er wernte geheilt in Zeit, sehr kurze. Auch ich hab schon einmal heilte einen solchente.

So? Wer war der Patient? fragte Schwarz.

Das seinte freilich kein Gesch?pf, menschliches, sondern nur ein Kranker, voglicher, gewesente.

Herrrr Wagner hatt geschie?te ein Abu miah, hatt gelahmte Fl?gel, und Schroot gingte auch in Bein, linkiges, so da? Bein war vorzwei. Hab ich genommte Storch, verwundeten, gebundelnte fest mit Schnur, damit er sich nicht k?nnen bewegente, und ihm dann machte Schiene an Bein, mitleidiges. Dann hatt Storch immer stehente auf Bein andres, bis seinte geheilt Bein, trauriges. Herrrr Wagner hatte mich lobente daf?r sehr und mich genannt einen Dramaturg, gro?artigen.

Wohl Chirurg?

Nein, Dramaturg!

Dann befinde ich mich im Irrtume. Was ist ein Dramaturg?

Das Wort ist aus Sprache, lateiniger, in der ich seinte Meister, unbestreitlichbarer, und hei?t soviel wie ein Arzt, studiumtierter, welcher kann wieder machte zusammen alle Br?che, knochige.

So! Und was ist ein Chirurg?

Unter Chirurg verstehente man Leute, k?nstlerige, welche hatten gespielt und gesungte Preziosa dir, dir folgen wir oder auch Leise, leise, frommte Weise, schwingte auf zum Sterntekreise. Wird geblaste Musik dazu und gegeigte Violin.

Und das thun wirklich die Chirurgen?

Ja. Ich selbst hatt es gesehen im Theater, Olm?tziges, auf Wanderschaft, meiniger. Es seinte gewesen die Opern Preziosa, das M?dchen, zigeuneriges, und Freisch?tz oder Samiel, teuflischer.

Dann habe ich abermals eine Verwechselung zu konstatieren. Chirurg ist der Arzt dann, wenn er ?u?ere Sch?den, also auch Beinbr?che, durch ?u?ere Mittel heilt. Ein Dramaturg aber ist ein Gelehrter, dessen Arbeiten sich zwar auf das Theater beziehen, der aber niemals selbst auftritt, wenigstens nicht in seiner Eigenschaft als Dramaturg; er ist Schauspiellehrer. Sie verwechseln die B?hne mit dem Krankenbette.

Das seinte doch kein Umtausch, irriger! Warum soll Bett, krankes, nicht auch vorkommte einmal auf B?hne, theateriger? Warum soll stets ich es sein geweste, welcher hatt gemacht Verwechstelung? Ich hab tragte im Kopf sehr viel Bildung, kenntnisserige!

Ja, wie der Vater des Gel?chters seine L?nder, V?lker, St?dte und D?rfer!

O nein! Dummheiten, seinige, sind nicht zu vergleichte mit Kenntnis meiniger. Ich habe auf Reisen, vielf?ltigen, sogar kennen lernte Nautik und Anthropologie.

So! Wirklich? Was verstehen Sie denn da unter Anthropologie?

Das seinte die Lehre von Meerwasser, salziges, und Schiffahrt, gesegelte und gedampfte.

Sch?n! Und was ist Nautik?

Nautik sein gewesente stets die Kenntnis von Mensch, zahmer und wilder, von Eskimo, thrangetrunkener, und Neger, menschengefressener.

Das ist schon wieder ein Versehen. Anthropologie ist Menschenkunde, und Nautik hei?t Schiffahrtskunde.

So hab ich mich beschuldigente nur einer Umgetauschterung, kleiner und verzeihlicher. Das hat konnte leicht geschehente, weil Anthropologie also f?hrt auf Nautik, in Kaj?te oder Zwischendeck, schiffiges. Sind gefahrte Sie schon auch auf Nilschiff, hiesigem?

Ja, sowohl auf Dahabi?n als auch auf Sandals.

Aber wohl noch nicht auf Noqer, hier gebr?uchlichter?

Nein.

So werdente Sie sehen Noqer in Faschodah, sobald wir seinte morgen dort ankommen.

Sind Sie dort bekannt?

Sehrrer, au?erordlichente sehrrer! Ich bin gewesente dort schon oft!

Haben Sie den Mudir gesehen, dem ich mich vorstellen mu?, und dem wir die Gefangenen ?bergeben wollen?

Ich hab begegente ihm auf Stra?e, ?ffentlicher. Sein Name seinte Ali Effendi, wird aber sehr oft auch Abu hamsah miah genennte.

Das habe ich geh?rt. Der fr?here Mudir Ali Effendi el Kurdi wurde abgesetzt, weil er sich Unterschlagungen zu schulden kommen lie?. Der neue Mudir, welcher auch Ali Effendi hei?t, soll sehr streng sein, besonders in Beziehung des Sklavenhandels. Sein Urteil soll, sobald er einen Schuldigen erwischt, fast stets auf f?nfhundert Hiebe lauten, weshalb er gern der Vater der F?nfhundert genannt wird.

Ja. Wenn morgen wir ?bergebten ihm die Gum und die Homr, so erhaltente gewi? jeder von ihnen die F?nfhundert, gepfeffertige und gesalztigente.

Kann denn ein Mensch so viele Streiche auf die Fu?sohlen aushalten?

Das kann ich nicht gew??te, weil ich noch nicht hatt bekommte f?nfhundert. Aber wenn sie werden gegebt auf R?cken, entbl??igten, so mu? sicher sterben Verbrecher, kriminellter. Aber horch! Was seinte das? Hat es nicht raschelte in Busch?

Schwarz hatte es auch geh?rt. Er forderte die Dschelabi, welche auch laut miteinander sprachen, auf, zu horchen. Bei der nun eingetretenen Stille vernahm man ein ziemlich starkes Schnaufen und Schnobern, wie wenn ein Tier sich auf der F?hrte nicht zurechtfinden kann.

Allah besch?tze uns! schrie der Schech. Das ist wieder ein L?we! Er wird uns fressen, da wir nicht fliehen k?nnen, weil wir gebunden sind.

Schweig! rief ihm der Vater der elf Haare zu. Es ist h?chstens ein junger L?we. Ein alter w?re l?ngst schon zwischen uns. Dieses junge Tier aber hat eine unge?bte Nase und wird, sobald es uns erblickt, es gar nicht wagen, zu uns zu kommen.

Ein Junges? fragte Schwarz. Das m?chte ich fangen!

Wenn du es haben willst, so wollen wir versuchen, es in unsre H?nde zu bekommen. Aber wir m?ssen dennoch vorsichtig sein, denn wir wissen nicht, wie alt es ist. Vielleicht ist es nur eine Hy?ne, welche den Geruch des frischen L?wenfleisches wittert.

Ich werde nachsehen.

Er nahm sein Gewehr und verlie? das Feuer. Noch aber hatte er den Lichtkreis desselben nicht ?berschritten, so kam das Tier um die Ecke des Geb?sches. Es hatte ungef?hr die Gr??e eines t?chtigen Pudelhundes, war also schon im stande, sich nachdr?cklich zu wehren. Es floh nicht etwa, als es den Deutschen erblickte, sondern es legte sich glatt auf die Erde nieder und fauchte ihn w?tend an, ohne aber zu wagen, auf ihn einzuspringen.

Da ist das Tier! rief Schwarz. Decken her, schnell mehrere Decken her!

Hadschi Ali und der Slowak, die beiden Einzigen, welche sich nicht f?rchteten, folgten diesem Rufe m?glichst schnell. Das Tier war schon zu gro? zur feigen Flucht, wagte aber doch den Angriff nicht. Also blieb es liegen, indem es die gl?henden Augen auf Schwarz gerichtet hielt. Diesem w?re es leicht gewesen, es durch eine Kugel zu t?ten, aber er wollte es lebendig haben. Er langte hinter sich, um die beiden Decken in Empfang zu nehmen, welche die Genannten brachten. Sie bestanden aus starkem, kamelhaarenem Stoffe, welcher, doppelt genommen, den Krallen und Z?hnen des Tieres f?r kurze Zeit widerstehen konnte. Schwarz legte, die Augen unausgesetzt auf den L?wen gerichtet, die Decken aneinander, spannte sie aus und warf sie auf den jungen Herrn mit dem dicken Kopfe.

Dieser hatte keine Bewegung der Abwehr gemacht. Die pl?tzliche Verh?llung schien ihn zu erschrecken, denn er z?gerte, sich zu befreien. Dadurch gewann Schwarz Zeit, sich auf ihn zu werfen und ihn mit dem Gewichte seines K?rpers niederzuhalten.

Leicht wurde ihm das freilich nicht. Der L?we entwickelte eine Muskelst?rke, welche seiner Jugend kaum zugetraut werden konnte. Es gelang ihm wiederholt, sich halb aufzurichten, doch Schwarz dr?ckte ihn wieder nieder, eifrig bem?ht, dem Kopfe und den Tatzen auszuweichen.

Stricke her, Stricke! rief er den beiden Genossen zu.

Man hatte vieler Schn?ren und Riemen bedurft, die Gefangenen zu fesseln; gl?cklicherweise aber ist jede Karawane stets reichlich mit Stricken und dergleichen versehen. Das Verlangte wurde rasch herbeigebracht, und es gelang den vereinten und nat?rlich sehr vorsichtigen Bem?hungen der drei M?nner, das sich aus allen Kr?ften str?ubende Tier vollst?ndig einzuwickeln und so fest mit den Stricken zu umwinden, da? es sich nicht mehr regen konnte.

Hamdulillah Preis sei Gott! rief Hadschi Ali. Wir haben den W?rger der Herden nebst seiner Frau erschossen und nun auch seinen Sohn besiegt. Da liegt er in schmachvoller Ohnmacht; er kann nur knurren, aber nicht sich retten. Aa?b aale?hu Schande ?ber ihn!

Allah sei Dank! seufzte der Schech erleichtert auf. Wir sind gerettet. Er ist gebunden und kann uns nun nicht fressen!

Dir w?re besser, er h?tte dich verschlungen, antwortete ihm der Ungar, denn morgen ?berantworten wir dich dem Mudir, der dir f?nfhundert geben lassen wird. Dann wirst du einsehen, da? die Z?hne des L?wen gn?diger sind als die Peitsche der Gerechtigkeit.

Ich bin ein freier Ibn el Arab! Wer darf mich schlagen? widersprach der Homr.

Wie nennst du dich? Frei? Siehst und f?hlst du denn nicht, da? du gefangen bist? Wer k?nnte uns hindern, dir so viele Schl?ge zu geben, wie uns beliebt? Du h?ttest es verdient; aber wir sind zu stolz, es zu thun. Doch morgen wird die Peitsche sich mit deiner Haut unterreden, bis du w?nschen wirst, von dem L?wen zerrissen worden zu sein.

Das gefangene Tier wurde am Feuer niedergelegt, wo es am besten bewacht werden konnte. Es lag wie tot und gab keinen Laut von sich.

Der L?we seinte Ihr Eigentum, sagte der Slowak zu Schwarz. Zwar hatten wir geholfte, aber Sie seinte es, der ihn vorrrrher gefangte hatt. Was werden Sie mit ihm machte?

Ich will meine Sammlungen von Faschodah aus nach Chartum senden, wo ich einen Freund habe, welcher sie nach der Heimat expediert. Ihm werde ich auch den L?wen schicken. Vielleicht gelingt es, ihn lebendig nach Deutschland zu bringen.

Dort wird er wohl kommte in eine Menagerie, botanische?

Nein, sondern in eine Menagerie, zoologische, lachte Schwarz.

So seinte Zoologie wohl in Menagerie und Botanik nur in L?wenhaus, tiergartentliches?

Auch das L?wenhaus dient zoologischen Zwecken, mein lieber Stephan. Da Ihr Name Stephan Pudel ein zoologischer ist, sollten Sie sich einer solchen Verwechselung doch nicht schuldig machen!

Gibt es nicht auch Pudel, botanische?

Ja, aber die werden nur von Ihnen geschossen, wie es scheint. Sie haben sogar schon astronomische Pudel geschossen, wie ich mich entsinne. Sehen Sie gen Himmel! Ihre Stra?e, milchigte, beginnt zu erbleichen und die Sterne des Schlangentr?gers verschwinden am Horizonte. Da wir im Monate M?rz stehen, ist dies ein Zeichen, da? der Morgen sich naht. Wir k?nnen bald das Feuer ausgehen lassen und uns zum Aufbruche r?sten.

Das hab ich auch gew??te, denn ich hatt alle Sternte kennte gelernt. Wie aber wernte wirrrr die Gefangte transportierte?

Sehr einfach. Wir binden sie auf die Kamele, deren wir genug haben, da wir f?nf erbeuteten.

Aber von gefangte Gum sind sechs M?nner. Da fehlt ein Kamel, reitendes!

So mag der Schech laufen. Er hat es reichlich verdient, da? er sich anstrengen mu?.

Nach einiger Zeit trat die in jenen Gegenden sehr kurze D?mmerung ein; dann wurde es Tag.

W?hrend die Dschelabi den Zug r?steten, brach Schwarz dem L?wen und der L?win die Z?hne aus, um dieselben als Troph?en mitzunehmen. Dann wurde aufgebrochen.

Die Araber waren w?tend dar?ber, da? es ihnen, da sie gefesselt waren, nicht m?glich gewesen war, el Fagr, das Morgengebet, in der vorgeschriebenen Weise abzuhalten. Sie waren gew?hnt, ihre religi?sen Obliegenheiten streng zu erf?llen, wegen Raub und Mord aber machten sie sich kein Gewissen. Sie sa?en gebunden auf den Kamelen, nur der Schech mu?te gehen, was ihn mit ohnm?chtiger Wut erf?llte. Dem Verwundeten bereitete der Transport gro?e Schmerzen. Er wimmerte und st?hnte fast ununterbrochen, doch war es unm?glich, ihn in einer weniger schmerzhaften Weise fortzubringen.

Die Gegend war durchweg eben. Je mehr man sich dem Flusse n?herte, desto feuchter wurde die Luft und desto dichter hatte sich infolgedessen die Erde mit Gras ?berzogen. Man n?herte sich den Ansiedelungen der Schillukneger, denen man gern ausgewichen w?re, einesteils weil sie als Diebe und R?uber verschrieen sind, und andernteils wegen der Gefangenen, da sie mit den Homr in Blutrache leben. Es stand zu bef?rchten, da? sie sich derselben mit Gewalt bem?chtigen w?rden, um sie umzubringen. Leider war eine Begegnung mit ihnen nicht ganz zu umgehen, da sie das linke Ufer des Bahr el Abiad von dessen Nebenflusse Keilak bis hinab nach Makhadat el Kelb bewohnen, und zwar in so dicht aneinander liegenden D?rfern, da? die Reihe derselben fast gar keine Unterbrechung erleidet.

Gl?cklicherweise kannten die Dschelabi die Gegend genau, und der Vater der elf Haare versicherte, da? er die Karawane, wenn man ihm folge, zwar nicht unangefochten, aber doch unbesch?digt nach Faschodah bringen werde.

Seiner Weisung zufolge wurde ein Umweg gemacht, um einige dicht bev?lkerte D?rfer zu vermeiden. Zur Mittagszeit g?nnte man den Tieren und Menschen einige Ruhe. Die ersteren mu?ten sp?ter sehr angestrengt werden, da man, um den Schilluk keine Zeit zu Feindseligkeiten zu lassen, ihr Gebiet in schnellster Gangart zu durchqueren hatte. Erst nach dem Asr wurde wieder aufgebrochen.

Schon nach nicht ganz einer Stunde sah man hinter Durrhafeldern, welche jetzt w?hrend der hei?en Jahreszeit unbebaut lagen, die Tokuls eines Dorfes liegen.

Wir sind gl?cklich bis hierher gekommen und noch keinem Schilluk begegnet, sagte der Ungar in stolzem Tone. Bin ich nicht ein vortrefflicher F?hrer gewesen? Das Dorf, welches hier vor uns liegt, ist das einzige, durch welches wir m?ssen; dann sind wir bald in Faschodah. Geben wir den Tieren die Peitschen. Sie m?ssen so schnell wie m?glich laufen, damit uns niemand anhalten kann. Wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergeritten.

Die Kamele und Esel gingen einzeln hintereinander. Der Slowak ritt voran. Er lie? seinen Esel im Schritte gehen; aber als er dem Dorfe nahe kam und die ersten Bewohner desselben erblickte, schlug er so auf sein Tierchen ein, da? dasselbe im Galopp davonflog. Die andern folgten. Der Schech war mit einem Stricke lang an den Sattel desjenigen Kameles gebunden, welches Schwarz ritt. Er mu?te nicht laufen, sondern f?rmlich rennen, um nicht umgerissen und fortgeschleift zu werden, eine entsetzliche Schande f?r ihn, den Schech eines Stammes, dessen Angeh?rige es f?r eine Schmach halten, sich au?erhalb ihrer D?rfer anders als nur im Sattel zu zeigen.

Die Tokuls lagen ziemlich weit auseinander. Sie waren meist von runder Bauart und aus Holz und Stroh errichtet; Nilschlamm bildete das Bindemittel. Die D?cher bestanden aus Schilf und Stroh und waren mit den Skeletten von Giraffen und Buckelochsen verziert.

Von einer Gasse oder gar Stra?e war keine Rede. Zwischen den H?tten lagen die Durrhafelder, jetzt d?rr und hart; sie bildeten den Weg, den der kleine F?hrer einschlug, indem er im Galopp von einer H?tte immer um die andre bog. Er schien oft hier gewesen zu sein und die Tokuls so genau zu kennen, als ob er hier geboren sei.

Die ersten Schilluks, an denen man vorbeikam, sahen mit Staunen die Karawane so schnell an sich vor?berfliegen. Es waren schlanke, dunkelschwarze Leute mit schmalen, gar nicht negerartigen Lippen. Sie trugen keine Spur von Kleidung. Die einzige Toilette, die an ihnen zu bemerken war, erstreckte sich auf die sonderbare Anordnung ihres Haares.

Die Schilluk beschneiden n?mlich ihr Haar nie. Sie lassen es lang wachsen und flechten es rund um den Kopf so geschickt ineinander, da? es die Gestalt eines Kranzes oder einer Hutkrempe erh?lt. Andre flechten es von hinten aufw?rts bis nach vorn an die Stirn zu einem aufrecht stehenden Kamme, welcher mit der Raupe eines bayrischen Reiterhelmes gro?e ?hnlichkeit hat. Viele machen sich aus wei?en Federn rings um den Kopf eine Zierde wie einen Heiligenschein.

Einer sa? tabakrauchend vor seiner H?tte. Aber was war das f?r eine Pfeife, deren er sich bediente! Der Kopf derselben war so gro? wie ein K?rbis und das kurze Rohr so dick wie das Handgelenk eines Mannes. Da es keine Spitze hatte, so mu?te der Schwarze den Mund so weit aufsperren, da? ihm die Augen aus den H?hlen traten. Aber dies erh?ht nach der Ansicht der Schilluk den Genu? au?erordentlich. Der Tabak wird bei ihnen gedorrt, zu Mehl zerrieben, in einen Teig geknetet und in Brotform aufbewahrt, um dann, mit beliebigen Pflanzenbl?ttern vermischt, aus solchen Riesenpfeifen geraucht zu werden.

Diese Leute hatten die Karawane mit schweigendem Staunen wahrgenommen; aber dann, als sie vor?ber war, erhoben sie ein weitschallendes Geschrei. Schwarz verstand die Schilluksprache nicht, er wu?te also nicht, was sie schrieen; da aber das Wort Homr mit besonderem Nachdrucke gebr?llt wurde, so konnte er sich denken, da? man die Araber als Feinde erkannt hatte.

Aus den nahe liegenden Tokuls kamen die M?nner, Frauen und Kinder gerannt. Das Geschrei wurde auch von ihnen angestimmt und drang schneller weiter, als die Kamele und Esel laufen konnten. Die Folge war, da? der Alarm vor ihnen hereilte. Im Nu befand sich das ganze Dorf in Aufregung, und wohin die fliegende Karawane kam, sah sie drohende Schwarze vor sich, welche aber vor den dahinrasenden Tieren zur Seite springen mu?ten.

Gl?cklicherweise sind Bogen und Pfeil den Schilluk unbekannt; sie f?hren nur Lanze und Keule; einige wenige haben alte Feuerwaffen. Daher kam es, da? sie ihre Waffen zwar drohend schwangen, aber nicht in Anwendung brachten.

Bald lag das Dorf hinter den Reitern, und der Slowak hielt seinen Esel an.

Das ist gegl?ckt! rief er aus. Sie haben uns nicht anhalten k?nnen, und da vorn seht ihr Faschodah.

Schwarz sah in kurzer Entfernung vor sich den Ort liegen, welcher aus armseligen H?tten bestand, ?ber denen sich die von Mauern umgebenen Regierungsgeb?ude erhoben. Der Schech war vollst?ndig au?er Atem. Er schnappte nach Luft und sein Gesicht war dunkelrot angeschwollen. Dennoch mu?te er mit weiter, wenn auch nun langsameren Schrittes.

Zuf?lligerweise befand zwischen der Stadt und dem Dorfe sich niemand unterwegs, so da? man wenigstens f?r jetzt keine Bel?stigung zu erwarten hatte.

Wo wirst du mit den andern Dschelabi wohnen? fragte Schwarz den Ungar.

Jeder von uns hat einen Bekannten im Orte, der ihn gern aufnehmen wird, antwortete der Gefragte. Aber bei wem wirst du absteigen?

Nat?rlich beim Mudir.

Kennt er dich?

Nein.

So hast du ein Teskireh bei dir?

Sogar einen Hattischerif des Vicek?nigs und noch andre Empfehlungen.

So wirst du freundlich aufgenommen werden und dich um nichts zu sorgen haben. Soll ich dich gleich zum Palaste des Mudirs f?hren?

Ja, denn ich werde die Audienz nicht nur f?r mich, sondern auch f?r euch erbitten. Wir wollen ihm die Gefangenen sofort ?bergeben, und da wird er eure Aussage h?ren wollen.