Karl May.

Die Sklavenkarawane





Das seinte Homr, verfluchtige und gem?rderigte. La?te wir sie nicht wieder entflohente und ausgerei?te. Sie mu? treffte Strafe, gerechte und exemplarigte!

Habe keine Sorge; sie entkommen uns gewi? nicht wieder, antwortete ihm Schwarz. Und sich zu den Homr wendend, fuhr er fort:

Ich sehe, da? ihr mich erkennt. Euer Schicksal h?ngt von eurem Verhalten ab. Wenn ihr ein aufrichtiges Gest?ndnis ablegt, entgeht ihr dem martervollen Tode. Was habt ihr auf der Seribah Ulambo erreicht?

Sie sahen ihn finster an, fl?sterten sich einige Worte zu, und dann antwortete der eine von ihnen:

Wir sind nicht in Ulambo gewesen.

L?ge nicht! Ich wei? genau, da? Abu el Mot euch hingesandt hat.

Das ist nicht wahr!

Ich rate dir, nicht etwa mich f?r einen L?gner zu erkl?ren! Es k?nnte dir sonst ergehen, wie es Dauwari ergangen ist.

Dauwari? rief der Mann aus.

Ja. Ihr habt gemeint, da? wir ihm Glauben schenken und in die Falle gehen w?rden. Die Sonne mu? euch das Gehirn verbrannt haben, da ihr uns f?r so albern halten konntet. Ich habe ihm die Bastonnade geben lassen, und er hat alles gestanden.

Dieser Hund!

Pah! Jetzt schimpfest du auf ihn; aber wenn auch ihr die Hiebe auf euren F??en f?hlt, werdet ihr ebenso offenherzig werden.

Wage es! Wir sind wahre Gl?ubige und Anh?nger des Propheten; du aber bist nur ein Christ!

Ich behandle euch nicht nach eurem Glauben, sondern nach euren Thaten. Und wollt ihr meinen Glauben schm?hen, welcher besser ist als der eurige, nun, so m?gt ihr es thun, wenn es euch Vergn?gen macht, doppelte Streiche daf?r zu erhalten.

Zeige uns Dauwari, damit wir dir glauben k?nnen!

Ich habe nicht n?tig, dieses Verlangen zu erf?llen, da ich euch durch die Bastonnade zur Antwort zwingen kann, werde es aber dennoch thun, weil ich als Christ Gewaltth?tigkeit nicht liebe.

Er schickte den Slowaken und den Hadschi fort, um Dauwari bringen zu lassen. Dieser konnte infolge der empfangenen Hiebe nicht gehen; er mu?te getragen werden. Einige Nuehrs brachten ihn und setzten ihn neben den Homr nieder. Diese warfen ihm einen ver?chtlichen und zornigen Blick zu und wendeten sich dann von ihm ab.

Ah, ihr seid hochm?tig gegen ihn? meinte Schwarz. Nun, ihr sollt schnell dem?tig werden. Wolle ihr gestehen, was auf der Seribah ausgemacht worden ist?

Wir gestehen nichts.

Wollen sehen, ob ihr Wort haltet.

Sie wurden ebenso behandelt wie Dauwari gestern. Man band ihre F??e an eine Lanze und hielt die nackten Sohlen nach oben. Schon die ersten Hiebe brachten die gew?nschte Wirkung hervor: Sie gestanden, da? sie auf der Seribah abgewiesen worden seien. Das konnte freilich eine hinterlistige Ausrede sein, aber Schwarz glaubte ihren Worten. H?tten sie Hilfe erlangt und Mannschaften bekommen, so w?ren sie jedenfalls nicht allein zu Abu el Mot aufgebrochen. Sie wurden mit Dauwari zur Seite geschafft.

Der K?nig hatte mehrere Leute bei sich, welche den Weg nach der Schlucht es Suwar genau kannten.

Eine gen?gende Anzahl der Niam-niam, um die Schiffe zu bewachen, sollte bei diesen zur?ckbleiben. F?r die ?brigen waren Boote genug vorhanden, wenn man sich etwas enger als gew?hnlich setzte. Es wurde beschlossen, zu essen und dann aufzubrechen.

Nahrung gab es genug. Die Niam-niam hatten sich mit Vorrat versehen, und die andern besa?en noch mehr als genug Nilpferd und Elefantenfleisch, welches nicht verdorben war. Was davon ?brig blieb, wollte man mitnehmen, da als gewi? anzunehmen war, da? die geraubten Schwarzen, welche Abu el Mot mitbringen werde, ebenso der Speise wie des Trankes bed?rftig seien.

Das noch vorhandene Fleisch wurde an den Feuern gebraten, da es sich dann l?nger hielt als in rohem Zustande. Dann bestimmte der K?nig die Leute, welche bei den Fahrzeugen zu bleiben hatten. Als dies geschehen war, wurden die Boote beladen und bemannt. Die Niam-niam hatten in sicherer Erwartung der n?chtlichen Fahrt Fackeln angefertigt, welche den Flu? beleuchten sollten. Der K?nig bestieg mit den namhaftesten Teilnehmern das vorderste Boot, welches fast vierzig Personen fa?te und in dessen Schnabel auf zusammengef?gten Steinen ein Feuer brannte. Es stie? vom Ufer, und die andern folgten. Den alten Feldwebel und seine Leute hatte man auf den Schiffen zur?ckgelassen. Dauwari aber und die beiden Homr hatte man mitgenommen, da man ihrer zu bed?rfen glaubte. Die beiden letzteren waren h?chst kleinlaut geworden, seit sie gesehen hatten, welch eine m?chtige ?berzahl gegen Abu el Mot vorhanden war.

Es war eine eigent?mliche Fahrt durch den n?chtlichen Urwald. Das Tierleben, wenigstens das h?here, schlief; aber Tausende von Leuchtk?fern schossen durch die Finsternis und Hunderttausende, ja Millionen von Stechfliegen und M?cken flogen in das Feuer und die Flammen der brennenden Fackeln, so da? es schien, als ob es diese Insekten f?rmlich regne.

Der K?nig sa? am Feuer und achtete der Qu?lgeister nicht; Schwarz und Pfotenhauer hatten ihre Moskitonetze ?ber die K?pfe gezogen. Hinter ihnen sa? der Slowak, welcher mit dem Hadschi leise fl?sterte. Das Feuer beleuchtete die nahen Ufer und warf flimmernde Lichter auf die tropischen Pflanzenformen, welche aus dem Wasser ihr Leben sogen.

Wissens, sagte der Vater des Storches, es kommt mir halt vor, als ob ich im Theater sei, wo die Malerei einen Wald vorstellt, in welchem Feen und Elfen wohnen. Schauns nur, wie das Licht da an der Palme emporklettert und rund um die Krone l?uft! Diese s?dlichen Gew?chs haben einen andern Charakter als unsre n?rdliche Vegetation. Und doch ist mir a heimischer Tannen oder Buchenwald tausendmal lieber als so a Palmenwald. Oder nit?

Ich gebe Ihnen recht.

Versteht sich! Der Unterschied ist gro?, das wei? ich, obgleich ich ka Botaniker bin. Lieber besch?ftige ich mich mit dera Tierwelt und aber am allerliebsten mit denen V?geln. Was hab ich hier f?r V?gel gfunden und auch pr?pariert! Es ist halt die reine Pracht und Herrlichkeit und doch nit zu vergleichen mit dem, was man daheim im Wald zu sehen und gar zu h?ren bekommt. Findens hier etwa das, was man Vogelgsang nennt? Nix davon, ganz und gar nix. Ich kann daheim stundenlang im Gras liegen und den Finken zuh?ren hurrjeh! Was war das? Habens den Kerl gsehen?

Es war ein gro?er, dunkler Vogel mit fast unh?rbarem Fl?gelschlage vom rechten Ufer gerade ?ber dem brennenden Feuer hinweg nach dem linken geflogen. Der Vater des Storches war ?berrascht aufgesprungen und wiederholte seine Frage, indem er mit der Hand nach der Gegend deutete, in welcher der Vogel verschwunden war. Sein Gesicht war hell beleuchtet, und so sah man deutlich, da? seine Nase sich nach der linken Wange neigte, als ob sie auch ohne den Impuls ihres Besitzers die ganz selbst?ndige Absicht habe, dem Vogel nachzublicken.

Freilich habe ich ihn gesehen, antwortete Schwarz.

Kennens ihn aber auch?

Nat?rlich. Es war ein Uhu, hier ein au?erordentlich seltenes Tier.

Ja, er kommt nit allzuh?ufig vor; wenigstens habe ich ihn hier noch nicht gesehen. Wissens, wie er hier gnannt wird?

Der Zeuge.

Weshalb?

Seiner Stimme wegen. Er schreit schuhud; das ist der Plural von schahid, der Zeuge.

Richtig! Und wie ist sein lateinischer Name?

Der Vater der elf Haare hatte das Gespr?ch geh?rt; das Wort lateinisch elektrisierte ihn; er richtete seinen Oberk?rper auf und antwortete schnell, damit Schwarz ihm nicht zuvorkommen k?nne:

Uhu hei?t im Lateinischen Bubalus. Hatt ich gew??te schon seit Zeit, vieler und langer.

Pfotenhauer drehte sich zu ihm um, besann sich und fragte:

So? Also Uhu hei?t Bubalus! Und was hat denn da das lateinische Bubo maximus auf deutsch zu bedeuten?

Bubo hat gehei?te B?ffel, geh?rnterigter.

Was Sie da wissen! Sehen Sie doch mal an! Schade nur, da? es grad umgekehrt ist. Bubo hei?t Uhu, und Bubalus ist der B?ffel.

Das konnte nicht geglaubte ich. Sie mu?te sich habte geirrt.

Nein; ich irre mich nicht. Ich mu? es doch wohl wissen!

K?nnte nicht haben verge?te es Sie?

Nein. Erkundigen Sie sich da bei Herrn Doktor Schwarz, wer recht hat!

Schwarz mu?te nat?rlich dem Vater des Storches recht geben, und so meinte der Slowak in unzufriedenem Tone:

So hatt es geweste von mir Verwechstelung, kleinigkeitlichte. Kopf, gelehrter, hatt zuweilen Augenblicklichkeit, wo er seinte nicht zu Haus. Doch kommte er heim wieder sofort und gefindet zurecht sich wieder schnell. Ich hatte lernte dennoch mein Latein, gymnasialiges, und kennte Branche, wissenschaftliche, in allen Sorten. Ich hatt habte stets ein offenes Kapuz.

Kapuz? fragte Pfotenhauer erstaunt. Was soll das hei?en?

Das wi?te Sie nicht?

Was es bedeutet, wei? ich wohl; aber was Sie damit meinen, das ist mir unbekannt.

Capuz, lateinischer, hei?te doch Kopf, deutscher!

Ah so, so! Und was hei?t denn das Wort Caput?

Kaput hei?te Kappe, Kragenhaube. Das mu? Sie doch hatt gew??te!

So, das mu? ich gewu?t haben! Nun, lieber Freund, das ist wieder verkehrt. Kopf hei?t Caput, und unter Ihrem Kapuz kann ich nur eine Haube oder Kappe verstehen.

Wie hatt Sie genannte mich? Lieber Freund? Behaltete Sie das f?r sich! Wenn Sie blamierte Latein, meiniges, so seinte ich nicht Freund, Ihriger. Freund erkennte an Kenntnis, gegenseitige. Sie hatt verweigerte mir Zustimmung, verdiente, folglich mu? ich Sie betrachten als Feind, gegnerischen. Stets hatt soll seinte ich derjenigte, welcher sich verirrtumte in Verwechstelung. Ich bitt, sprechte Sie doch nicht wieder Latein, denn jedes Kind kann es h?rte und begreifte, da? Sie es in Ihrem Leben, ganzes, nicht haben studiumtierte richtig!

Pfotenhauer brach bei diesem Rate in ein herzliches Lachen aus; das steigerte den Grimm des Kleinen so, da? er mit dem Fu?e stampfte und dabei ausrief:

Was lachte und was fexierte Sie? Lachte Sie mich ?ber, oder lachte Sie ?ber sich selbst? Hat einer geh?hnte auf mich, so nehme ich Gewehr, meiniges, und werd machte aus ihm eine Leiche, totmausigte!

Er griff in der Aufregung wirklich nach seinem Gewehre und spannte den Hahn.

Was? fragte Pfotenhauer, dem in solchen Augenblicken sein heimischer Dialekt abhanden zu kommen pflegte. Sie wollen mich erschie?en?

Ja, ich erschie?te Sie mit Haut und mit Haar. Ich hatt auch gehabte Ehre in Leib, meinigem!

Das gebe ich zu. Aber die Sache ist doch gar nicht zum Erschie?en. Wollen Sie denjenigen ermorden, der das Nilpferd erscho?, als Sie sich in Gefahr befanden?

Da lie? der Kleine die Flinte fallen, schlug sich vor die Stirn und antwortete:

Ich selbst seinte Nilpferd! Zorn, jetziger, ist geweste gr??er als Nilpferd, gestriges. Sie habte mir gerettet Leben, meiniges, und ich hatt wollen erschie?te Sie daf?r aus ?rger, undankbarkeitlichem. Hier streckte ich aus Hand, meinige, und bitt um Vergebung, leicht verzeihliche!

Er hielt dem Vater des Storches die Hand entgegen, und dieser schlug ein und sch?ttelte sie herzlich. Der Kleine hatte sich ernstlich beleidigt gef?hlt; da? er dennoch um Verzeihung bat, zeigte, welch ein gutes Herz er besa?.

Die beiden Deutschen setzten ihre unterbrochene Unterhaltung nun leiser fort, um dem Vater der elf Haare keine Gelegenheit zu geben, sich abermals an derselben zu beteiligen und in Zorn zu geraten. Gegen Mitternacht schlossen alle, welche nicht zu arbeiten hatten, die Augen, und die Ruderer pl?tscherten im Takte ihr monotones und ununterbrochenes Schlummerlied dazu.

Als Schwarz und Pfotenhauer geweckt wurden, war es noch finstere Nacht; die Ruder lagen still, denn die Fahrt war zu Ende, und man hatte die Boote an das Ufer befestigt; es wurde ausgestiegen.

Auch hier mu?te man Leute zur?cklassen, welche die Fahrzeuge zu bewachen hatten; es wurden noch mehr Fackeln angebrannt; jeder griff nach seinen Waffen und nach dem Proviante, den er zu tragen hatte, und dann wurde die Wanderung angetreten.

Der Weg f?hrte durch einen weiten Aradebahwald, dessen St?mme in solcher Entfernung voneinander standen, da? sie dem Marsche keine besondere Schwierigkeit entgegensetzten. Fackeln brannten genug, so da? die F?hrer sich nicht irren konnten. Es war doch m?glich, da? sich jemand von der Schar Abd el Mots schon in der N?he befand; darum wurde alles Ger?usch vermieden.

So ging es still und langsam vorw?rts, nicht ganz eine Stunde lang; dann blieben die voranschreitenden ortskundigen M?nner halten und machten dem K?nige eine leise Meldung. Dieser teilte den Deutschen mit, da? man in der N?he der Schlucht angekommen sei, und fragte, ob sie rieten, da? man hinabsteigen solle.

Nein, auf keinen Fall, antwortete Schwarz.

Warum nicht?

Weil es th?richt w?re. Entweder sind die Feinde schon unten, was freilich nicht zu erwarten ist; dann w?rden wir ihnen geradezu in die H?nde laufen. Oder sie kommen erst noch, und dann k?nnen wir recht gut warten, bis der Tag angebrochen ist. La? die Fackeln ausl?schen! Wir setzen oder legen uns hier nieder. Das ist das Kl?gste, was wir thun k?nnen.

Dieser Rat wurde befolgt; die Leuchten verloschen, und nun h?tte niemand, der zuf?llig vor?bergekommen w?re, vermuten k?nnen, da? hier so viele hundert Menschen in Erwartung baldiger kriegerischer Ereignisse lagerten.

Wie die Abendd?mmerung, so ist in jenen Gegenden auch die Morgend?mmerung eine sehr kurze. Es erhob sich eine laute Vogelstimme unten im Grunde, und als ob dieselbe den Morgen wachgerufen habe, so wich die Finsternis pl?tzlich einer grauen Helle, welche schnell lichter und lichter wurde. Man konnte zuerst die St?mme der B?ume unterscheiden, dann auch die ?ste, bald die kleineren Zweige, die einzelnen Bl?tter und Bl?ten, und w?hrend noch vor kaum drei Minuten das tiefste Dunkel geherrscht hatte, war es nun heller, lichter Tag geworden, und anstatt der einen, ersten Vogelstimme erklangen hunderte, ja tausende durch den morgenfrischen Wald.

Schwarz hatte sich erhoben und trat mit Pfotenhauer weiter vor. Die F?hrer waren ihrer Sache au?erordentlich sicher gewesen. Nur noch hundert Schritte weiter, so w?re man ?ber eine fast lotrechte Felswand aus Granitgestein gefallen, aus welcher Gesteinsart die Guta-Berge alle bestehen.

Noch immer befand man sich unter Aradebahb?umen, deren Kronen sich so vereinigten, da? man den Himmel durch dieselben kaum erblicken konnte. Aber geradeaus, vor den beiden Deutschen, gab es kein Laub oder Nadeldach, denn da lag die Schlucht, welche man ?berblicken konnte.

Sie war an ihrem Anfange und Ende vielleicht achtzig Schritte breit, in der Mitte etwas mehr, und ihre L?nge konnte das Zehnfache betragen. Die W?nde stiegen an den L?ngsseiten so steil empor, da? es unm?glich schien, sie zu erklimmen. Hier, wo sich die Lagernden befanden, war es jedenfalls auch schwierig, hinabzukommen; aber gegen?ber befand sich der Eingang, welcher zwar nur sehr schmal war, aber mit der Sohle des Thales in derselben H?he lag, so da? der Zutritt zu der Schlucht von dort aus ohne die allermindeste Schwierigkeit zu bewerkstelligen war. Die B?ume des Waldes traten bis an den Rand der Schlucht heran; dort h?rte die Vegetation vollst?ndig auf, und an den W?nden und Abh?ngen des Felsens war nicht ein Grashalm zu sehen. Aber unten im Grunde wehten die Wipfel zahlreicher und sehr hoher Palmen im leisen Morgenwinde; es mu?te also dort Wasser vorhanden sein.

Jetzt traten der K?nig und Wahafi auch herbei. Dieser letztere deutete hinab und sagte:

Dort seht ihr die hundertundvierzehn Nachl es Suwar, welche der Imam pflanzte, um den Fluch von der Schlucht zu nehmen. Sonst gibt es keine einzige Palme in der N?he, woraus ihr ersehen k?nnt, da? seine Gebete m?chtig gewesen sind und ein Wunder bewirkt haben.

Es scheint sich noch kein Mensch unten zu befinden, antwortete Schwarz. Wir sind Abu el Mot also wirklich zuvorgekommen und haben vielleicht gen?gend Zeit, die Schlucht in Augenschein zu nehmen. Wo f?hrt ein Weg hinab?

Es gibt nur einen einzigen; er f?hrt hinein und auch hinaus, kein andrer. Das ist da vorn, uns gegen?ber.

Wei?t du das genau?

Ja, denn ich bin mehr als einmal hier gewesen und habe vergeblich versucht, an den Felsen emporzusteigen. Ich werde jetzt vorangehen und euch nach dem Eingange hinabf?hren. Gebt also Befehl, da? aufgebrochen werde!

Halt, nicht so schnell! Du meinst, da? wir alle, die wir hier sind, in die Schlucht gehen?

Nat?rlich.

Und dort die Ankunft Abu el Mots erwarten?

Ja.

Dann w?ren wir ja verloren!

Wieso?

Abu el Mot k?me durch den Eingang, w?rde uns bemerken und dort halten bleiben; wir w?ren von ihm und den Felsen eingeschlossen, k?nnten nicht herauf und m??ten uns nach seinem Belieben abschlachten lassen.

Herr, welche Gedanken hast du da! Hast du denn nicht gez?hlt, wie viele K?pfe und Arme wir sind?

Was helfen noch so viele Arme, wenn die K?pfe, zu denen dieselben geh?ren, nicht gelernt haben, nachzudenken! Siehst du nicht, wie schmal der Eingang ist? Zwanzig Mann gen?gen vollst?ndig, ihn zu verschlie?en.

So st?rmen wir ihn!

Das w?rde uns teuer zu stehen kommen, denn es liegen dort gro?e Felsbrocken, hinter denen sich die Krieger Abu el Mots verstecken k?nnen; sie w?rden uns t?ten, w?hrend wir sie nicht treffen k?nnten.

Was thut es, wenn wir drei?ig, vierzig oder auch f?nfzig Mann verlieren? Haben wir nicht viele hundert?

Wahafi, ich bin ein Christ, und als solcher ist mir das Leben auch nur eines einzigen Menschen heilig. Ich werde es also zu erm?glichen suchen, da? keiner von uns get?tet wird.

Herr, das ist unm?glich!

Streiten wir uns dar?ber jetzt lieber nicht. Was zu thun ist, werde ich erst dann wissen, wenn ich die Schlucht gesehen habe. Ich werde also mit einigen, h?rst du, nur mit einigen hinabgehen, um sie zu untersuchen; die ?brigen haben hier auf meine R?ckkehr zu warten. Auf keinen Fall aber werde ich zugeben, da? wir alle hinabsteigen und uns dort lagern; denn wenn wir das th?ten, so w?re geschehen, was Abu el Mot w?nscht: wir w?ren in eine Falle geraten.

Aber auf welche Weise willst du ihn denn besiegen?

Das mu? sich erst noch zeigen. Ich glaube nicht, da? es geschieht, denn ich halte ihn dazu f?r viel zu klug, aber es ist wenigstens nicht ganz unm?glich, da? er selbst die Schlucht betritt, um in derselben zu lagern. Dann w?rden wir den Eingang besetzen, und er steckte in seiner eigenen Falle.

Warum sollte das so undenkbar sein? fragte Pfotenhauer.

Weil er, wenn er es th?te, geradezu Pr?gel verdiente.

Ja, wenn er es th?te, trotzdem er uns erwartet. Aber er glaubt, da? wir fr?hestens erst morgen kommen k?nnen. Ist es da nicht denkbar, da? er den Platz heute f?r sich in Anspruch nimmt?

Hm, das ist richtig; daran dachte ich nicht.

Sonst aber bin ich ganz genau Ihrer Ansicht. Auch stimme ich bei, jetzt hinabzugehen und zu rekognoscieren. Wir wollen das sofort thun, denn wir d?rfen keine Zeit verlieren, da wir nicht wissen k?nnen, ob Abu el Mot nicht vielleicht schon morgen kommt.

Die Truppen mu?ten noch halten bleiben; die Anf?hrer gingen weiter, hart an dem linken Rande der Schlucht hin. Sie konnten hinabsehen. Zu beiden Seiten der Thalsohle und auch vorn und hinten standen Palmen; in der Mitte lag eine gr?ne Grasfl?che; doch erblickte man keinen Bach noch sonst ein Gew?sser. Als Schwarz seine Verwunderung dar?ber aussprach, antwortete Wahafi:

Komm nur erst hinab; dann wirst du sehen, da? es Wasser gibt.

Als man sich oberhalb des Einganges befand, brach der Felsen senkrecht ab und man mu?te also ein St?ck in den Wald hinein, um da nach links auf einem Umwege hinabzukommen. Das war ?brigens gar nicht schwer, und nach Verlauf von beil?ufig zehn Minuten senkte sich das Terrain als nicht allzu steile B?schung abw?rts. Der Wald h?rte auf; man kam durch einiges Buschwerk, und dann sah Schwarz zu seinem Erstaunen eine ebene, grasbedeckte Flur vor sich liegen, aus welcher sich der hufeisenf?rmige Berg, welcher in seinem Innern die Schlucht bildete, erhob.

Der Eingang in die letztere war, wie Schwarz abma?, zw?lf Schritte breit. Als sie ihn passiert hatten, konnten sie den langen Kessel bis an die hintere Wand ?berblicken. Er bot einen eigenartigen, ?berraschenden Anblick dar.

Von hoch oben winkten die Wipfel der Aradebahb?ume herab; dann kamen die Felsen in einer H?he von vielleicht hundert Fu?; sie waren vollst?ndig nackt. Am Fu?e derselben lief eine dammartige Erh?hung rund um das Thal; sie trug eine Rinne, in welcher sich das von der H?he sickernde Wasser sammelte und ein B?chlein bildete, welches in der N?he des Einganges in einem Steinloche einen unterirdischen Abflu? nahm. Dieses Wasser speiste die Talebpalmen, welche auf dem Damme in genau abgemessenen Entfernungen voneinander standen.

Z?hle sie! sagte Wahafi zu Schwarz. Rechts f?nfzig, links f?nfzig, im Hintergrunde sieben und hier vorn am Eingange auch sieben. Das gibt hundertundvierzehn. Und nun tritt n?her, um nachzusehen, wie eine jede hei?t!

Er zog ihn zu der n?chsten Palme. Nicht ganz manneshoch zeigte der Stamm derselben ein Wort in arabischer Schrift, welches fr?her eingeschnitten worden war. Die Z?ge waren zu mehr als fingerdicken W?lsten aufgequollen, und so fiel es nicht schwer, das Wort zu lesen.

El Fathcha, stand da geschrieben; auf dem n?chsten Stamme las Schwarz das Wort el Bakara; am dritten stand l Ajli el Amran, am vierten en Niswan und am f?nften et Tauli. Das hei?t zu deutsch die Einleitung, die Kuh, die Familie Amrans, die Weiber und der Tisch. Das sind die ?berschriften der ersten f?nf Kapitel des Korans. Der Imam hatte sie nicht genau nach dem Buche des Propheten, sondern nach seinem eigenen Dialekte eingeschnitten, und es verstand sich ganz von selbst, da? ein so abgeschlossener Ort, dessen hundertvierzehn B?ume die Kapitel?berschriften des Korans trugen, jedem Mohammedaner als Heiligtum gelten mu?te. Die Niam-niam waren keine Anh?nger des Propheten, hatten sich aber doch im Verkehr mit solchen so viel vom Islam angeeignet, da? auch sie eine Art heiliger Scheu vor der Schlucht empfanden. Die F?hrer blieben stehen und begn?gten sich, dieselbe zu ?berblicken; die beiden Deutschen schritten weiter. Als auch der K?nig mit den ?brigen folgen wollte, bat Schwarz: