Karl May.

Die Sklavenkarawane





Schwarz erz?hlte ihm Wort f?r Wort, was er geh?rt hatte. Dar?ber geriet der Graue in einen f?rchterlichen Zorn. Er stie?, als Schwarz geendet hatte, mit unterdr?ckter Stimme hervor:

So stehts also, so! Den Sepp habens mir weggfangen, und wer wei?, was sie mit ihm machen werden! Erfahren habens, da? er die Neger hat warnen gwollt. Also werden sie eine gro?e Rach auf ihn haben und ihn wohl nit wie einen willkommenen Kirmesgast bhandeln. Aber ich komm, ich, der Vogelnazi, komm schon hin, und wehe euch, wenn ihr ihm aan einzig Haar gekr?mmt habt. Jetzund aber schnell hin ans Feuer, sonst m?ssen wir gw?rtig sein, da? uns die Gschicht gar noch mi?rat!

Das steht zwar nicht zu bef?rchten, aber m?glich ist es, da? der Feldwebel jetzt schleunigst eine Bestimmung trifft, welche uns die Sache erschwert.

Welche denn?

Er wei? nun, da? der Herr wieder da ist, n?mlich Abu el Mot. Dieser kann sich zur Verfolgung schon unterwegs befinden, und darum wird der Feldwebel wohl auf den Gedanken kommen, ihm einen Sicherheitsposten entgegenzuschicken.

Na, das w?r auch kein Ungl?ck f?r uns, denn diesen Posten w?rden wir gleich wegfangen. Aber ich mag keine Minute l?nger warten. Wollen machen, da? wir an sie kommen!

Ja, es ist Zeit.

Wie solls gschehen?

Wir teilen uns. Achtzig Mann haben wir, mit denen wir sie vollst?ndig einschlie?en m?ssen, so da? kein einziger entkommen kann. Ich nehme davon nur drei?ig und f?hre sie dahin, wo ich jetzt gewesen bin. Wir legen uns zwischen das Lager und den Maijeh unter die B?sche und B?ume. Sie umzingeln mit den ?brigen f?nfzig Mann das Lager nach der Ebene hin, indem Sie sich zwischen den zwei Feuern und den Tieren, welche da rechts lagern, hindurchschleichen. Ihre Leute m?ssen eine halbe Kreislinie bilden, welche an ihren beiden Enden auf die gerade Linie st??t, in welcher meine Leute liegen. Ist das geschehen, so gibt es keine L?cke mehr, und wir dringen auf die Kerls ein. Morden wollen wir nicht. Wir werfen sie einfach nieder. Der Schreck wird unser Gehilfe sein. Nur wenn sich einer mit der Waffe wehrt, wird er get?tet.

Hatten sie die Gwehr bei sich?

Nein; die standen bei dem Gep?ck; aber Messer und Pistolen gab es in den G?rteln. Die Hauptsache ist, da? wir schnell ?ber sie kommen und sie gleich erdr?cken. Was mich betrifft, so schlage ich diejenigen, welche ich erreichen kann, nieder, da? sie die Besinnung verlieren und leicht gebunden werden k?nnen.

Das ist das kl?gste, was es geben kann. Achtzig gegen vierzig? Wann wir sie schonen und nur mit der Faust niederringen wollen, so k?nnen uns leicht welche entgehen. Ich sag meinen Leuten, da? sie gar nix sagen, gar nit reden sollen; sie sollen still auf sie eindringen und mit den Kolben zuschlagen. Jeder Hieb einen Mann, und zwar auf den Kopf. Nicht wahr?

Ja, das halte auch ich f?r das beste.

Aber wie derfahr ich, wann Sie bereit sind, oder Sie, da? ich es bin?

Wir m?ssen uns ein Zeichen geben.

Aber welches?

W?hlen Sie?

Die Stimme eines Vogels; das wird das beste sein.

Aber da? s nit auff?llt, mu? es nat?rlich gmacht werden. Kennens vielleicht den Abdimistorch?

Ja.

Wie hei?t er lateinisch?

Sphenorhynchus Abdimi.

Richtig! Und arabisch?

Simbil oder Simbila.

Und sudanesisch?

Schumbriah.

Sehr gut! lobte der Graue, der selbst jetzt das Examinieren nicht lassen konnte. Dieser Storch l??t, wenn er schlafen gangen ist und gst?rt wird, aan schnarrendes Klappern h?ren. Kennens das?

Ja.

Aber nachmachen k?nnens nit?.

Sehr gut sogar; es ist nicht schwer.

Gut. Das soll das Zeichen sein. Wer zuerst fertig ist, der gibt es. Und wann der andre es wiederholt, so ist das der Augenblick, wo zugschlagen werden soll. Sind wir fertig?

Ja. Nur noch die Instruktion.

Die achtzig M?nner wurden unterrichtet, wie sie sich zu verhalten hatten, dann gingen sie in zwei Abteilungen auseinander. Denen, welche Schwarz anf?hrte, war die schwierigere Aufgabe zugefallen. Sie hatten sich in das Geb?sch zu schleichen und dort festzusetzen, wobei jedes Ger?usch vermieden werden mu?te. Dabei war Schwarz gezwungen, jedem einzelnen seine Stelle anzuweisen, was Zeit erforderte. Hie und da stie? einer gegen die Zweige, da? sie raschelten. Gl?cklicherweise war das Gespr?ch, welches jetzt am Feuer gef?hrt wurde, ein so lautes, da? dieses Rascheln vom Feinde nicht bemerkt wurde.

Schwarz selbst postierte sich in die Mitte seiner Aufstellung, gerade hinter den Feldwebel, welchen sein erster Hieb treffen sollte. Die Hauptperson f?r ihn aber war Babar, der Bote Abd el Mots. Von diesem allein konnte er erfahren, was er wissen wollte und wissen mu?te; darum richtete er auf ihn sein Hauptaugenmerk.

Eben hatte er sich nieder gekauert, als der Graue das verabredete Zeichen ert?nen lie?. Zu gleicher Zeit h?rte er, da? der Feldwebel den Boten fragte:

Nun sei klug und w?hle! Ich habe dir alles erkl?rt und auseinandergesetzt. Zu wem willst du halten, zu mir oder zu Abd el Mot?

Zu dir nat?rlich, erkl?rte Babar. Bei dir wird es ein ganz andres Leben geben als bei ihm, und ich sage dir, da? die meisten von uns, wenn sie kommen, sich auf deine Seite stellen werden. Freilich ists ein Wagnis. Wenn Abu el Mot kommt, sind wir verloren.

Noch nicht. Ich f?rchte ihn nicht.

Bedenke, f?nfzig sind wir; er aber bringt einige Hundert mit!

Wir werden mehr als f?nfzig sein. Wie die Sachen stehen, mu? ich meinen Plan ?ndern. Ich darf nicht hier liegen bleiben und mich von Abu el Mot abw?rgen lassen. Morgen mit dem Fr?hesten kommen die Dor mit dem Elfenbein. Ich schlie?e den Handel so rasch wie m?glich ab, und dann brechen wir nach Ombula auf. Wenn ich die Fahne der Emp?rung entfalte, fallen mir alle Kameraden zu, und dann mag Abd el Mot kommen. Ich gebe ihm eine Kugel, und damit hat seine Herrschaft ein Ende!

Und die deinige beginnt! stimmte der Bote bei.

Er sollte nicht recht behalten, denn gerade in diesem Augenblicke wurde daf?r gesorgt, da? die Herrschaft des Feldwebels gar nicht beginnen sollte. Schwarz gab das Zeichen, sprang vor und schlug den Alten mit solcher Macht gegen die Schl?fe, da? er lautlos zur Seite fiel und da wie tot liegen blieb. Im n?chsten Augenblicke schmetterte seine Faust den Boten nieder.

Das geschah so schnell, da? die Sklavenj?ger gar nicht Zeit fanden, eine abwehrende Bewegung zu machen. Sie sa?en auch dann noch vor Schreck lautlos da, als die Angreifer von allen Seiten ?ber sie herfielen. Erst als die meisten von ihnen niedergeschlagen waren, erhoben die andern ihre Stimmen und versuchten, sich zu wehren, doch ohne den geringsten Erfolg.

Das war ein ganz eigenartiger Kampf, wie ihn der mehr als lebhafte Sudanese, welcher nichts ohne Geschrei thun kann, eigentlich gar nicht kennt. Die Angreifenden kamen ihrer Instruktion w?rtlich nach. Keiner von ihnen sprach ein Wort; sie schlugen mit den Kolben zu, und fast jeder Hieb f?llte seinen Mann. Die wenigen, welche die gegen sie gerichteten Schl?ge mit den Armen pariert hatten, baten um Gnade. Sie sahen ein, da? Widerstand vergeblich sein werde.

Noch nie am Nile hatten hundertzwanzig Personen gegeneinander mit so wenig L?rm gek?mpft, und auch wohl noch nie war ein ?hnlicher Kampf so schnell zu Ende gewesen. Jeder Asaker hatte sich mit einem Strick, einer Schnur oder etwas ?hnlichem versehen, und noch keine Viertelstunde, nachdem Schwarz das Zeichen des Grauen erwidert hatte, lag die ganze Mannschaft des Feldwebels, und auch er selbst, gefesselt da.

Es l??t sich denken, welche Augen er machte, als er aus seiner Ohnmacht erwachte. Er wollte sich mit der Hand an die Stelle langen, wo ihn die Faust des Deutschen getroffen hatte; aber er konnte nicht, denn er war gefesselt. Er ri? die Augen auf und blickte im Kreise umher. Da sah er die Seinen gebunden und rundum standen die Gestalten der Asaker, stumm und die H?nde auf ihre Gewehre gest?tzt.

Sein Auge fiel auf Schwarz und Pfotenhauer; er sagte noch immer nichts; auch kein andrer sprach. Dann traf sein Blick einen

Allah ia sillib Gott, allm?chtiger! schrie er auf, indem er sich vor Entsetzen aufb?umen wollte, aber nicht konnte. Herr, sch?tze mich vor dem neunundneunzigmal gesteinigten Teufel! Wandeln die abgeschiedenen Geister auf der Erde umher?

Der Onbaschi war es, den er sah. Dieser antwortete:

Ja, sie wandeln. Es sind die Dschinn el intikam, welche den Wortbr?chigen verfolgen. Du verf?hrtest mich, indem du sagtest, da? ich mit dir gebieten solle. Du hieltest nicht Wort und wolltest mir befehlen. Nun ereilt dich die Strafe.

Der Alte antwortete nicht. Er starrte den Unteroffizier noch immer mit einem fast seelenlosen Blick an. Dieser fuhr fort:

Ich sprang mit Absicht in das Wasser und schwamm unter demselben fort, um Abu el Mot zu holen. Allah hat es anders gef?gt. Ihr seid nun nicht in seine H?nde gefallen, sondern ihr seid die Gefangenen dieser beiden Effendina, in deren H?nde euer Leben gegeben ist.

Er lebt! Er ist nicht tot! stie? der Feldwebel jetzt hervor. Er ist nicht ertrunken, sondern er ist ein Verr?ter! Allah verbrenne ihn! Wer aber sind die M?nner, welche es gewagt haben, uns zu ?berfallen, ohne da? wir sie beleidigt haben. Bindet uns augenblicklich los!

Diese Worte waren an Schwarz gerichtet.

Nur Geduld! antwortete dieser. Du wirst deine Fesseln nicht immer tragen.

Nicht eine Stunde, nicht eine Minute, nicht einen Augenblick l?nger will ich sie tragen! Mache mich frei, sonst bist du verloren! Du wei?t nicht, da? wir uns nicht allein hier befinden. Wir haben noch mehr Krieger da!

Nur noch zehn. Du meinst da drau?en die W?chter? Die liegen seit fast zwei Stunden bei ihren Feuern, ebenso gefesselt wie du. Der Mann, welcher Babar hereingelassen hat, war einer meiner Leute, nicht aber ein Kamerad von euch.

Du kennst meinen Namen? fragte der Bote.

Ja.

Woher?

Ich kenne ihn; das ist genug. Und nun h?rt, was ich euch sagen werde!

Er setzte sich vor dem Feldwebel und Babar nieder und fuhr fort:

Ihr habt euch gegen Abu el Mot emp?rt; aber ihr seid nicht aus diesem Grunde gefangen genommen worden. Auch ich bin sein Feind und derjenige von Abd el Mot. Ich ?berfiel euch nur darum, weil ihr zu ihm geh?rt habt. Ob ich euch die Freiheit wiedergebe, das kommt auf euch an. Euer Leben liegt in meiner Hand.

Effendi, wer bist du? fragte der Feldwebel.

Das brauchst du in diesem Augenblick nicht zu erfahren. Ich will dir sagen, da? Abu el Mot zur?ck ist. Er kam mit dreihundert Nuehr. Ich ?berfiel und besiegte ihn, und nun befindet er sich auf der Flucht nach Ombula. Ich werde ihn auch dort ?berfallen und

La? uns frei! Wir helfen dir! rief der Feldwebel.

Ich bedarf eurer Hilfe nicht. Ihr habt euch gegen euern Herrn emp?rt und ihm euer Wort gebrochen; ich kann euch nicht gebrauchen. Euer Handwerk ist ein Verbrechen, und Abu el Mot ist ein gro?er S?nder. Dennoch seid ihr Meineidige gegen ihn, und ich mag nichts mit euch zu schaffen haben. Ihr habt alle den Tod verdient; aber ob ich euch richte oder euch euerm Gewissen ?berlasse, das soll dieser Mann entscheiden.

Er deutete auf den Boten.

Ich, Effendi? fragte dieser.

Ja, du.

Du scheinst mich und uns alle zu kennen?

Ich kenne euch und eure Verh?ltnisse besser als ihr selbst. Aber du bist uns ein R?tsel!

Es wird euch gel?st werden, wenn auch nicht in diesem Augenblicke.

Ich wei? nichts von dir; ich habe dich noch nie gesehen. Ich wei? nur, da? wir deine Gefangenen sind, und aus deinen Reden geht hervor, da? du uns unter Umst?nden begnadigen wirst.

So ist es. Und auf dich allein soll es ankommen, denn nur nach deinem Verhalten werde ich das meinige richten.

Was soll ich thun?

Mir aufrichtig antworten.

Frage mich! Wann ich kann, werde ich dir alles sagen, was ich wei?.

Du kannst, wenn du nur willst. Ihr habt eine halbe Tagereise von hier zwei wei?e Gefangene gemacht?

Ja.

Sag vor allen Dingen, leben sie noch?

Ja.

Sind sie verwundet?

Nein. Sie sind gesund und wohl, aber Abd el Mot will sie t?ten.

Wann?

Wenn er in die Seribah zur?ckgekehrt ist.

Gott sei Dank! So ist es also noch nicht zu sp?t! Wer sind diese M?nner?

Der eine ist ein fremder Effendi, ein Giaur, dessen Gesicht dem deinigen ?hnlich ist, wie das Gesicht eines Bruders demjenigen des andern.

Weiter!

Der zweite ist ein Emir, ein Araber.

Kennst du seinen Namen?

Abd el Mot nannte denselben, als er ihn an dem Maijeh zuerst erblickte, dann aber nicht wieder. Er hie? ihn Emir von Kenadem, Barak el Kasi.

Da ert?nte ein lauter Schrei. Derselbe kam von den Lippen des Sohnes des Geheimnisses. Dieser sprang hervor, auf Babar zu und rief, indem sich in seiner Haltung, seiner Stimme und auf seinem Gesichte die gr??te Erregung aussprach:

Wie war das? Welche Namen sagtest du?

Emir von Kenadem.

Ke na dem! Kenadem! wiederholte er erst langsam und dann schnell. Auf seinen Wangen kam und ging die R?te, und sein Atem flog, als er fortfuhr: Kenadem! O, mein Kopf, mein Ged?chtnis, meine Erinnerung! Allah, Allah! Kenadem, Kenadem! Welch ein s??es, welch ein herrliches Wort! Ich kannte es; es lag in mir begraben, nein, nicht begraben, sondern es schlief nur und brauchte blo? aufgeweckt zu werden! Aber ich fand keinen Menschen, der es nannte, der es aussprach. Kenadem, so hie? meine Heimat, so hie? der Ort, an dem meine Eltern wohnten! Kenadem, Kenadem! Wo liegt es? Wer wei?, wo es liegt?!

Er sah sich im Kreise um, mit einem Blicke, einem Gesichtsausdrucke, als ob von der Antwort sein Leben abh?ngig sei.

Es liegt in Dar Runga, antwortete Schwarz. S?dlich vom See Rahat Gerasi.

Kennst du es, Effendi, bist du dort gewesen?

Nein; aber ich habe diesen Namen in B?chern gelesen und auf Karten gefunden.

In B?chern und auf Karten! Allah, o Allah! K?nnte ich so ein Buch oder so eine Karte sehen! Ich habe meine Heimat nicht gefunden; ich bin entfernt von ihr; ihre Palmen wehen vor meinem Geiste, aber sehen kann ich sie nicht. Darum w?re ich entz?ckt, ein Buch, eine Karte nur zu sehen, auf welcher der Name zu finden ist. Kenadem, o Kenadem!

Da griff Schwarz in die Tasche und zog einen rotledernen Umschlag hervor. Es war der Einband einiger Karten.

Ich komme aus dem Norden und habe hier eine Karte desselben. Kenadem steht auch darauf.

Zeig her, zeig her, Effendi! rief der J?ngling, indem er nach seinem Hefte griff und es ihm aus der Hand rei?en wollte.

Warte! Du findest es nicht; ich mu? es dir zeigen.

O, doch! Ich finde es; ich finde es gewi?! Ich werde den Namen Kenadem sogleich unter tausenden sehen!

Nein, denn es ist eine Schrift, welche du nicht kennst. Setze dich ans Feuer!

Abd es Sirr lie? sich nieder. Schwarz breitete die Karte auf seinem Scho?e aus, zeigte ihm die betreffende Stelle und erkl?rte:

Dieses kleine, gr?n gef?rbte Land ist Dar Runga; diese winzige, l?ngliche Stelle ist der See Rahat Gerasi, und unterhalb desselben siehst du ein kleines, kleines Ringelchen. Das ist Kenadem. Der Name steht in europ?ischer Schrift dabei.

Geh weg mit deinem Finger! Nach Kenadem geh?rt der meinige! Also das, das ist es! Dort leuchteten die Oleanderhaine, welche ich in meinen Tr?umen immer wiedersah! Dort, dort! O Kenadem! Effendi, deine G?te ist gro?; du wirst mir eine Bitte erf?llen!

Welche?

Schenke mir Kenadem!

Das liegt nicht in meiner Macht, denn es ist nicht mein Eigentum.

Wie? Geh?rt diese Karte nicht dir?

Diese Karte, ja, die ist mein.

Und du willst mir mein Kenadem nicht geben? Ich verlange nicht die ganze Karte; ich bitte dich nur um die Erlaubnis, mir mit dem Messer die Stelle, auf welcher meine Heimat liegt, herausschneiden zu d?rfen!

Er befand sich in einer leidenschaftlichen Aufregung. Er k??te die Stelle wieder und immer wieder, indem er die Karte an seine Lippen zog.

Ah, so meintest du es! sagte Schwarz. Dann bedarfst du des Messers nicht. Die ganze Karte soll dir geh?ren.

Ists wahr? Ists m?glich. O, Herr, o, Effendi, wie gl?cklich machst du mich!

Er sprang auf, k??te die Hand des Deutschen, was er, der stolze, zur?ckhaltende junge Mann sonst um keinen Preis gethan h?tte, und wendete sich, die Karte noch offen in der Hand, wieder an Babar:

Und welchen Namen f?hrte der Emir?

Barak el Kasi.

Ba rak el Ka si wiederholte Abd es Sirr, indem er die Hand an die Stirn legte, als ob er dort eine Erinnerung herauspressen wolle. Dann zuckte er zusammen und rief aus: Ich hab es; ich hab es; ich wei? es! Ja, ja, so ist es. Barak el Kasi, so wurde mein Vater genannt. Wenn er einen Unterthan bestrafen oder einen Sklaven peitschen lie?, so stand er finstern Angesichts dabei und sagte: Ihr nennt mich Barak el Kasi, nun wohl, so will ich es auch sein! Darum ha?te ich diesen Namen, und meine Mutter erbleichte, wenn sie ihn h?rte. Und der Mann, welchen Abd el Mot gefangen h?lt, ist Barak el Kasi, der Emir von Kenadem?

Ja.

Mein Vater, mein Vater! Ich mu? zu dir, zu dir! Effendi, la? uns aufbrechen! Ich mu? augenblicklich fort, um ihn aus den H?nden seines Peinigers zu befreien!

Komm zu dir! Beherrsche dich, Abd es Sirr! bat der Deutsche. Gedulde dich bis zum Morgen; dann brechen wir auf.

Bis zum Morgen! Welch eine Ewigkeit! Aber du hast recht, Effendi, mein Herz will fort; aber mein Kopf r?t mir Geduld. Und wie hast du mich soeben genannt? Abd es Sirr, Diener oder Sohn des Geheimnisses! So hie? ich f?nfzehn Jahre lang; aber nun werfe ich diesen Namen von mir; denn von jetzt an ist er eine L?ge. Das Geheimnis ist jetzt offenbar. Ich hei?e Mesuf; also ist mein Name Mesuf Ben Barak el Kasi el Kenademi! Ich kenne meinen Namen; ich kenne meine Heimat! O, Effendi, halte mich nicht! Ich mu? fort von hier; ich mu? hinaus in die Nacht. Ich mu? nach Norden rufen Kenadem und nach S?den, wo mein Vater sich befindet, Barak el Kasi el Kenademi. Ich gehe, ich gehe, sonst zerspringt mir die Brust und das Herz!

Er eilte davon. Schwarz wollte ihm eine Warnung nachrufen, that es aber doch nicht. Er kannte den J?ngling und wu?te, da? er zur?ckkehren werde, sobald er sich beruhigt hatte.

Pfotenhauer drehte sich um, damit man die Thr?nen nicht sehen m?ge, die ihm in den Augen standen, und brummte:

Blitzbub, sakrischer! Wann ich auch so einen h?tt! Und da reden und schreiben daheim die Glehrten, da? die halbwilden V?lker weder Herz noch Seel bes??en! Sie m?gen nur herkommen und sich die Leut mit eigenen Augen bsehen! Was meinens, hab ich recht?

Gewi?! antwortete Schwarz, an den diese Frage gerichtet war. Diese Scene ist auch mir ans Herz gegangen. Aber wir haben jetzt keine Zeit. Wir m?ssen auch noch andres erfahren.

Von Ihrem Bruder, meinem Spezi? Ja! Fragens nur schnell weiter!

Schwarz wendete sich wieder an Babar:

Du sagtest, da? Abd el Mot diesen Emir kannte. Erkannte dieser auch ihn?

Ja, er nannte ihn sogar beim Namen.

Hast du ihn vielleicht gemerkt?

Ja; er lautete Ebrid Ben Lafsa.

Wo befinden sich diese beiden Wei?en? Sind sie mit bei den zweihundert Mann, welche am Maijeh liegen, oder bei den dreihundert, die mit Abd el Mot weitergezogen sind?

Effendi, bist du allwissend? antwortete der Mann erstaunt. Ich war ?berzeugt, der einzige zu sein, von dem man hier erfahren k?nne, da? unsre Truppe geteilt worden ist.

Du siehst und h?rst, da? ich zwar nicht alles, sondern vieles wei?, und da? ich es unbedingt merken mu?, wenn du mir nicht die Wahrheit sagst. Ich will und mu? diese beiden Gefangenen befreien. Bist du mir dazu behilflich, so schenke ich euch allen die Freiheit.

Gibst du uns hierauf dein Wort?

Ja.

So werde ich dir alles sagen. Ich f?hre dich nach dem Chor und dem Maijeh, zwischen denen sich das Lager befindet.

Und Abd el Mot will ich auch haben.

Auch dazu will ich dir helfen. Nur halte Wort!

Ich halte es. Die Fesseln aber m??t ihr heute noch tragen. Morgen sollen sie euch abgenommen werden.

W?hrend der jetzt entstandenen Pause h?rte man von weit drau?en den langgezogenen Ruf Kenadem und dann den Namen Barak el Kasi erschallen. Der Sohn des Geheimnisses machte seinem Herzen Luft.

Wir h?tten ihn nit gehen lassen sollen, sagte der Graue. Wann ihn jemand h?rt, so kanns uns schaden.

Wer soll ihn h?ren? Au?er uns ist kein Mensch hier herum. Lassen wir ihn rufen! Hat er seinem Entz?cken Luft gemacht, so kommt er wieder.

Jetzt wurden die zehn gefangenen Wachtposten gebracht. Schwarz hatte gleich nach der ?berw?ltigung der Lagerbesatzung einen Boten fortgeschickt, sie herbeizuholen. Hatten diese Leute vielleicht die Hoffnung gehegt, da? der Feldwebel sie befreien werde, so fiel dieselbe jetzt in nichts zusammen. Sie sahen, da? die andern Kameraden auch gefangen waren. Schwarz gab ihnen den Befehl, sich zu ihren Schicksalsgenossen zu setzen. Sie gehorchten und suchten mit ihren Augen nach dem Unteroffizier; dieser aber hatte sich so gesetzt, da? die Blicke derer, die er verraten hatte, nicht auf ihn fallen konnten.

Die Asaker lagerten sich um die Gefangenen her. Einige von ihnen untersuchten die vorhandenen Vorr?te und brachten manches herbei, was ihnen angenehm war, besonders Tabak und gro?e Kr?ge voll Merissah. Die Sklavinnen hatten vollauf zu thun, das vorhandene Mehl zu Fladen zu verbacken.