Karl May.

Die Sklavenkarawane





Wenn die Sonne in s?dlichen Gegenden hinter dem Horizonte verschwunden ist, so tritt die Nacht sehr schnell herein. Eine D?mmerung wie bei uns ist dort unbekannt. Darum trieb Abu l arba ijun, der Vater der vier Augen, die Araber jetzt zu gr??erer Eile an. Noch waren sie nicht weit gekommen, so sahen sie einen kleinen Reiterzug von Norden her sich im spitzen Winkel auf ihre Richtung zu bewegen. Es war eine Dschelaba, eine Handelskarawane, und zwar eine der anspruchslosesten, ja ?rmlichsten Art.

Die acht M?nner, aus denen sie bestand, sa?en nicht etwa auf stolzen Rossen, auf hohen, langbeinigen Hedschins oder wenigstens auf gew?hnlichen, ordin?ren Lastkamelen, o nein, sondern sie hingen in den verschiedensten und keineswegs eleganten Stellungen auf jener Art von Tieren, deren Abbild fr?her unflei?igen Schuljungen als abschreckende Auszeichnung auf Holz gemalt um den Hals geh?ngt wurde auf Eseln .

Der Zug glich also keiner jener gro?en, aus mehreren hundert Kamelen bestehenden Handelskarawanen, welche die Mittelmeerstaaten mit den gro?en Oasen der Sahara verbinden; es war vielmehr eine echt sudanesische Dschelaba, deren Anblick meist geeignet ist, Mitleid zu erwecken. Diese Handelsz?ge entstehen folgenderma?en:

Der Sudanese ist kein Freund der Arbeit und Anstrengung. Hat er sich als Matrose, als Diener oder in irgend einer andern leichten und vor?bergehenden Stellung einige Mariatheresiathaler verdient, so wird er Handelsherr, welcher sch?ne Beruf ihm am meisten zusagt. Dazu ist vor allem andern der Ankauf eines Esels notwendig, welcher nur einen Teil des Kapitals verschlingt. Dann m?ssen zwei Gurab, lederne S?cke, angeschafft werden, welche die Handelsartikel aufzunehmen haben und auf der Reise zu beiden Seiten des Esels am Sattel hangen. Und drittens werden die im Lande gangbarsten Waren, durch welche der Handelsherr Million?r werden will, eingekauft. Diese bestehen in Khol, der bekannten Augenschw?rze, in kleinen St?cken Rindstalg, mit denen sich die Stutzer des Sudans die Adonisgestalt einschmieren, um ein gl?nzendes Aussehen zu erhalten, in ebenso kleinen Salzw?rfeln, die in Gegenden, wo es kein Salz gibt, eine sehr gesuchte und gut bezahlte Ware bilden, in einigen Stecknadeln, dem h?chsten Schatze der Negerinnen, in wohlriechenden S?chelchen, bei deren Duft wir uns aber die Nase zuhalten w?rden, in andern ?hnlichen Kleinigkeiten und vor allen Dingen in einigen Ellen Baumwollenzeug, da dies im S?den als M?nze gilt. Je weniger man zu bezahlen hat, desto kleiner ist das St?ckchen, welches von dieser M?nze abgeschnitten wird.

Zum Schutze dieses Kauf und Spezereiladens ebenso wie zum Schutze seines hoffnungsvollen Besitzers wird nun irgend eine f?rchterliche Waffe angekauft, ein Schlepps?bel ohne Schneide, eine alte, entsetzlich weite Luntenpistole, welche in der Rumpelkammer des Tr?dlers von M?usen bewohnt wurde, die vergn?gt zum Z?ndloche herausschauten, oder gar ein flinten?hnliches Mordinstrument, welches neben unz?hlichen andern guten Eigenschaften auch diejenige hat, nicht loszugehen, selbst wenn man sie ganz mit Pulver f?llt und in einen gl?henden Ofen steckt.

Notabene nimmt an diesem Erfolge das Pulver ebenso gro?en Anteil wie die Mordmaschine selbst. Diese Waffen werden von ihrem Besitzer nat?rlich f?r unbeschreiblich wertvoll gehalten, aber nie im Ernst gebraucht. Er ist ein Anh?nger der Abschreckungstheorie und w?nscht, da? der etwaige Feind beim Anblicke dieser lebensgef?hrlichen Gegenst?nde die Flucht ergreife; geschieht dies nicht, nun, so rei?t er einfach selber aus, was in neunundneunzig unter hundert F?llen mit aller Energie geschieht.

Nun ist die Ausr?stung beendet und der Dschelabi, der H?ndler fertig. Er k?nnte beginnen; aber sich allein in die weite, schlimme Welt zu wagen, das f?llt ihm gar nicht ein. Er sucht nach gleichgestimmten Herzen und gleichgesinnten Seelen, die er auch unschwer findet. Bald sind sechs, acht, zehn solcher zuk?nftigen Kommerzienr?te beisammen. Jeder hat einen Esel, aber was f?r einen! Viel haben die Tiere nicht kosten sollen, und darum sind sie alle mehr oder weniger l?diert und ramponiert. Dem einen fehlt ein Ohr, dem andern der Schwanz, den dritten haben die Ratten angefressen, und der vierte wurde blind geboren. Diese ?u?erlichen M?ngel werden aber durch innerliche, durch Seelen und Charaktereigenschaften reichlich aufgewogen, welche den Besitzer zur Verzweiflung bringen k?nnen. Trotzdem ist er stolz auf sein Reittier und belegt es mit den schmeichelhaftesten Namen und Stockhieben.

Um die Reise antreten zu k?nnen, werden die ber?hmtesten Fuqara aufgesucht und um wunderth?tige Amulette angegangen. Die Welt ist schlecht, und es hausen b?se Geister ?berall in Menge; da mu? man an Brust und Armen mit Amuletten behangen sein, um allen Gefahren ruhig entgegensehen und im geeigneten Augenblicke mutig den R?cken kehren zu k?nnen.

Nun werden die beiden Gurab dem Esel aufgeladen. Der Dschelabi nimmt einen t?chtigen Kn?ppel in die Hand, um mit demselben dem Langohr zuweilen einen beherzigenswerten Wink geben zu k?nnen, und steigt auch mit auf. Das Schwert wird mittelst eines Kamelstrickes umgeschnallt oder die Pistolenhaubitze beigesteckt, und dann setzt sich der imposante Zug in Bewegung, von s?mmtlichen Freunden und Anverwandten bis vor den Ort hinaus begleitet.

Thr?nen flie?en, Herzen zerrinnen. Be ism lillahi in Allahs Namen! erklingen die schluchzenden Segensw?nsche. Der Zug kommt zehn und hundertmal ins Stocken, denn hier bockt ein Esel und wirft Ladung und Reiter ab; ein andrer w?lzt sich im tiefen Kote, um sich von der Last zu befreien, und ein dritter stemmt sich mit allen Vieren ein, schreit wie am Spie?e und ist weder durch Liebkosungen noch durch Schl?ge von der Stelle zu bringen, bis sich zehn Anverwandte vorn anspannen, um ihn am Maule zu ziehen, und zehn Freunde hinten am Schwanze schiebend und schwitzend nachhelfen. So gelangt die Dschelaba endlich gl?cklich ins Freie und bockt, stolpert, rennt, schreit, heult und flucht ihrem Gl?cke entgegen.

Sie trennt sich von Zeit zu Zeit, um sich an gewissen Orten wieder zusammenzufinden. Gl?nzende Gesch?fte werden gemacht, gro?artige Abenteuer erlebt; manche gehen auch zu Grunde, w?hrend andre ihr kleines Anlagekapital durch Schlauheit und Ausdauer schnell vervielf?ltigen und wirklich zu reichen M?nnern werden.

Mancher Dschelabi wagt sich in den tiefsten Sudan hinein und kommt erst nach Jahren als ein gemachter Mann zur?ck. Mancher andre ist fr?her vielleicht ein angesehener Beamter gewesen und hat zum Esel greifen m?ssen, um im Sumpflande am Fieber oder anderswo am Hunger zu Grunde zu gehen. Niemand erf?hrt, wo seine Gebeine und diejenigen seines Esels bleichen. Vielleicht hat er den letztern vorher noch aufgezehrt.

Eine solche Dschelaba war es, welche der Karawane jetzt begegnete. Sie kam den Arabern h?chst ungelegen, und der Schech murmelte einen Fluch zwischen die Lippen. Dem Fremden aber waren diese Leute sehr willkommen. Er ritt auf sie zu, rief ihnen einen freundlichen Gru? entgegen und fragte:

Wohin geht euer Weg? Die Sonne ist gesunken. Wollt ihr nicht bald Lager machen?

Die Leute waren nur sehr notd?rftig gekleidet. Die meisten trugen nichts als nur die Lendensch?rze; aber alle waren guten Mutes. Sie schienen gute Gesch?fte gemacht zu haben. Sie geh?rten nicht einer und derselben Rasse an. Es gab mehrere Schwarze unter ihnen. Voran ritt ein kleiner, d?nner und, so viel man bei dem scheidenden Tageslichte sehen konnte, blatternarbiger Bursche, dessen Schnurrbart aus nur einigen Haaren bestand. Er hatte Hosen an, war sonst unbekleidet und trug ein riesiges Schie?gewehr am Riemen auf dem R?cken. Eine Kopfbedeckung schien f?r ihn ?berfl?ssig zu sein; sein Haar hing ihm dick und voll vom Haupte bis auf den R?cken herab, fast ganz in der Weise, wie die in Deutschland als Blechwarenh?ndler und Drahtbinder umherziehenden Slowaken das ihrige zu tragen pflegen. Er war es, der die Antwort ?bernahm:

Wir kommen vom Dar Takala herab und wollen nach Faschodah.

Aber nicht heute?

Nein, sondern erst morgen. Heute bleiben wir am Bir Aslan.

Das wollen wir auch. So k?nnen wir uns also Gesellschaft leisten.

Herr, wie k?nnten wir armen Dschelabi es wagen, den Hauch deines Atems zu trinken? Wir machen uns ein Lager fern von Euch. Erlaube uns nur ein wenig Wasser f?r uns und unsre Tiere?

Alle Menschen sind vor Allah gleich. Ihr sollt bei uns schlafen. Ich w?nsche es.

Das sagte er in bestimmtem Tone. Dennoch fragte der Dschelabi:

Du scherzest, Herr, nicht wahr?

Nein. Es ist mein Ernst. Ihr seid mir willkommen.

Und deinen Leuten auch?

Warum diesen nicht?

Ihr seid Beni Arab. Darf ich erfahren, von welchem Stamme?

Von dem der Homr.

Allah kerihm Gott ist gn?dig, aber die Homr sind es nicht. Erlaube, da? wir fern von Euch bleiben.

Warum ?

Weil wir euch nicht trauen d?rfen.

Er hielt den Fremden auch f?r einen Homr, ja f?r den Anf?hrer derselben. Um so mutiger war es von ihm, da? er so aufrichtig sprach. Der Europ?er antwortete:

H?ltst du uns f?r Diebe?

Die Homr sind Feinde der Schilluk, in deren Gebiete wir uns hier befinden, meinte der Dschelabi ausweichend. Wie leicht kann es zu einem Kampfe kommen, und da ziehen wir es vor, fern zu bleiben.

Dein Herz scheint keinen gro?en Mut zu besitzen. Wie ist dein Name?

Der Kleine richtete sich im Sattel h?her auf und antwortete:

Ob ich furchtsam bin, das geht dich gar nichts an. Wenn du meinen Namen wissen willst, so steige ab und hole dir ihn! Er sprang von seinem Esel, warf das Gewehr weg und zog das Messer. Die Homr waren weiter geritten. Die Dschelaba hielt noch am Platze. Hinter dem bisherigen Sprecher befand sich ein ebenso kleiner Bursche, welcher bef?rchten mochte, da? die Scene sich zum Schlimmen wenden k?nne. Er wollte dem vorbeugen, indem er sagte:

Verzeihe, Herr, dieser Mann hat stets einen gro?en Mund und ist doch nur ein kleiner Mensch, der nichts versteht. Er wird von uns Ibn el dschidri oder wohl auch Abu el hadaschtscharin genannt.

Warum dieser letztere Name? erkundigte sich der Fremde.

Weil sein Schnurrbart nur aus elf Haaren besteht, rechts sechs und links f?nf. Und doch ist er au?erordentlich stolz auf ihn, so da? er ihn gerade so sorgf?ltig pflegt wie eine Nuer-Negerin ihr Durrhafeld.

Er bem?hte sich, dem drohenden Konflikte eine heitere Bahn zu brechen, kam aber bei seinem Kollegen schlecht an, denn dieser rief ihm zornig zu:

Schweig, du Vater des Unverstandes! Mein Schnurrbart ist hundertmal mehr wert als dein ganzer Kopf. Du selbst hast den gro?en Mund. Du r?hmst dich deines Stammbaumes, aber niemand glaubt an ihn!

Das war eine Beleidigung, welche den andern nun auch in Harnisch brachte. Er antwortete:

Was wei?t du von meinem Stammbaum! Wie lautet mein Name, und wie klingt der deine!

Und sich zu dem Fremden wendend, fuhr er fort:

Herr, erlaube mir, dir zu sagen, wer ich bin! Ich hei?e n?mlich Hadschi Ali ben Hadschi Ishak al Faresi Ibn Hadschi Otaiba Abu l Ascher ben Hadschi Marwan Omar el Gandesi Hafid Jacub Abd Allah el Sandschaki.

Je l?nger der Name eines Arabers, desto mehr ehrt ihn derselbe. Von ber?hmten V?tern abzustammen, geht ihm ?ber alles. Darum reiht er ihre Namen bis ins dritte und vierte Glied aufw?rts aneinander und bringt so eine Riesenschlange fertig, ?ber welche der Europ?er heimlich l?chelt.

Dieser Hadschi Ali blickte den Fremden erwartungsvoll an, was er zu dem ber?hmten Namen sagen werde.

Also Hadschi Ali hei?t du? fragte der Vater der vier Augen. Dein Vater war Hadschi Ishak al Faresi?

Ja. Hast du von ihm geh?rt?

Nein. Dein Gro?vater hie? also Hadschi Otaiba Abu l Oscher?

So ist es. Ist dieser dir bekannt?

Auch nicht. Und dein Urgro?vater war Hadschi Marwan Omar el Gandesi?

So ist es. Von ihm hast du doch jedenfalls vernommen?

Leider nicht! Und endlich war dieser letztere der Urenkel und Nachkomme von Jacub Abd Allah el Sandschaki, also des Fahnentr?gers?

Ja, er trug den Sandschak des Propheten in den Kampf.

Diesen Namen habe ich allerdings gelesen. Jacub Abd Allah soll ein mutiger Streiter gewesen sein.

Ein Held war er, von dem noch heute die Lieder erz?hlen! stimmte Ali stolz bei.

Aber dein Ahne ist er nicht! fiel der erste Dschelabi ein. Du hast ihn dir unrechtm??igerweise angeeignet!

Bringe mir nicht immer diesen Vorwurf! Ich mu? doch besser als du wissen, von wem ich stamme!

Und mit eben solchem Unrechte nennst du dich Hadschi Ali. Wer da sagt, da? er ein Hadschi sei, der mu? doch Mekka zur Zeit der Pilgerfahrt besucht haben. Du aber warst nie dort!

Etwa du?

Nein. Ich r?hme mich dessen nicht, denn ich mache keine L?gen.

Du k?nntest dich auch gar nicht r?hmen, denn du bist ein Christ, und Christen ist der Zutritt in Mekka bei Todesstrafe verboten!

Wie? Du bist ein Christ? fragte der Fremde den ersten Dschelabi.

Ja, Herr, antwortete dieser. Ich mache kein Hehl daraus, denn es ist eine S?nde, seinen Glauben zu verleugnen. Ich bin allerdings Christ und werde es bleiben bis an mein Ende.

Bis jetzt hatte der Vater der vier Augen dem Konflikte der beiden mit stillem Behagen zugeh?rt. Sie schienen sich in den Haaren zu liegen und doch die besten Freunde zu sein. Jetzt aber wurde er pl?tzlich ernst, und es lag eine tiefe Betonung auf seinen Worten, als er sagte:

Daran thust du ganz recht. Kein Christ soll seinen Glauben aus irgend einem Grunde verleugnen. Das w?re eine S?nde wider den heiligen Geist, von welcher das Kitab el mukkadas sagt, da? sie nicht vergeben werden k?nne.

S?nde wider den heiligen Geist? fragte der Dschelabi erstaunt. Davon hast du geh?rt?

Jawohl.

Und die heilige Schrift kennst du also auch?

Ein wenig.

Und als Moslem r?tst du mir, fest an meinem Glauben zu halten!

Ich bin kein Moslem, sondern auch ein Christ.

Auch ein Christ! Wohl ein koptischer?

Nein.

Aber was sonst f?r einer? Ich h?tte es nie f?r m?glich gehalten, da? ein Beni Homr ein Christ sein k?nne.

Ich bin kein Homr, auch kein Araber, ?berhaupt kein Orientale, sondern ein Europ?er.

Mein Gott, ists m?glich! Ich auch, ich auch!

Aus welchem Lande?

Aus Ungarn. Ich bin Magyar. Und

Davon sp?ter. Meine Begleiter sind mir weit voran und ich habe alle Veranlassung, ihnen nicht zu trauen. Ich mu? ihnen schnell nach. Nun du geh?rt hast, da? ich auch ein Europ?er bin, wirst du wohl bereit sein, bei mir zu lagern?

Von ganzem Herzen gern! Welch eine Freude, welch eine Wonne f?r mich, dich hier getroffen zu haben! Nun k?nnen wir von der Heimat sprechen. La?t uns schnell reiten, damit wir die Homr einholen und den Brunnen schnell erreichen!

Es ging vorw?rts, so schnell die Esel laufen konnten, und sie liefen sehr gut. Diese Tiere sind in s?dlichen Gegenden ganz andre Gesch?pfe als bei uns. Ein ?gyptischer Esel tr?gt den st?rksten Mann und galoppiert mit ihm so lange Zeit, als ob er gar keine Last zu tragen habe. Nach einer Viertelstunde waren die Araber erreicht. Sie sagten zu den Dschelabi kein Wort, nicht einmal eine Silbe der Begr??ung. Da diese acht M?nner jetzt zugegen waren, war es unm?glich, den Fremden niederzuschie?en, wie man vorher gewillt gewesen war.

Still ging es weiter. Der kleine Ungar machte keinen Versuch, sich mit dem Vater der vier Augen zu unterhalten. Es w?re das nicht gut gegangen, da der eine auf dem hohen Hedschin und der andre auf dem kleinen Esel sa?.

Die Sterne des ?quators waren aufgegangen, und ihr intensives Licht leuchtete fast so hell wie der Mond, welcher jetzt nicht zu sehen war, da er in der Phase der Verdunkelung stand.

Nach einiger Zeit sah man eine Bodenerhebung liegen, welche schroff aus der Erde stieg. Der Sternenschimmer verlieh ihr ein gespenstiges Aussehen.

Dort ist der Bir Aslan, sagte der Ungar. In f?nf Minuten werden wir dort sein.

Schweig, Dschelabi! fuhr der Schech ihn an. Wann du dort sein willst, das kommt allein auf uns an. Noch haben wir dich nicht eingeladen, uns zu begleiten!

Dessen bedarf es gar nicht. Wir gehen ohne Einladung hin.

Wenn wir es euch erlauben!

Ihr habt gar nichts zu erlauben. Der Brunnen ist f?r alle da, und ?brigens befindet ihr euch in Feindes Land.

Allah iharkilik Gott verbrenne dich! murmelte der Homr, sagte aber weiter nichts.

Der Dschelabi schien von Haus aus kein furchtsames Kerlchen zu sein, und seit er wu?te, da? der erst f?r einen mohammedanischen Schech gehaltene Fremde ein europ?ischet Christ sei, f?hlte er sich noch weniger geneigt, sich von den Arabern bevormunden zu lassen.

Sie langten bei dem Felsen an, an dessen Fu? sich der Bir befand. Dieser war kein laufendes Wasser; er bestand in einem kleinen, von dichtem Mimosengeb?sch umgebenen Weiher, welchen eine nicht sichtbare Wasserader speiste. Man stieg ab. W?hrend einige die von ihren Lasten befreiten Tiere tr?nkten, sammelten die andern d?rres Ge?st, um ein Feuer zu machen. Als es brannte, setzten sich die Homr so um dasselbe, da? f?r die Dschelabi kein Platz blieb. Der Ungar verlor kein Wort dar?ber. Er trug Holz nach der andern Seite des Wassers, brannte dort ein Feuer an und rief dem Vater der vier Augen zu:

Nun magst du dich entscheiden, bei wem du sitzen willst, bei ihnen oder bei uns.

Bei euch, antwortete er. Nehmt dort die Satteltasche, welche meinen Proviant enth?lt! Ihr seid meine G?ste. Wir k?nnen alles aufessen, da wir morgen nach Faschodah kommen.

Da irrt er sich, fl?sterte der Schech den Seinen zu. Er verachtet uns und zieht diese Erdferkel vor. Wir wollen so thun, als ob wir es nicht beachteten. Aber beim Anbruche des Tages wird er in der Dschehenna heulen. Mag er jetzt noch einmal, zum letztenmal im Leben, essen!

Er suchte auch seine Vorr?te vor, d?rres Fleisch und trockenen Durrhakuchen, wozu das Wasser des Bir mit den H?nden gesch?pft wurde.

Indessen rekognoszierte der Fremde die Umgebung des Brunnens. Der kleine Berg stand vollst?ndig isoliert in der Ebene. Er war mit Gras bewachsen, eine Folge der Verdunstung des Brunnenwassers. Auf seiner n?rdlichen und westlichen Seite gab es kein Strauchwerk; aber am ?stlichen und s?dlichen Fu?e, wo der Brunnen lag, kletterten die Mimosen ein St?ck am ausgewitterten Felsen empor und liefen auch eine ganze Strecke in die Ebene hinein. Menschliche Wesen waren nicht zu sehen; die Gegend schien vollst?ndig sicher zu sein, auch in Beziehung auf wilde Tiere, falls nicht der Geist des hier vergifteten Herrn mit dem dicken Kopfe hier in n?chtlicher Stunde sein Wesen trieb.

Als er nach der Quelle zur?ckkehrte, hatten die Kamele und Esel sich satt getrunken und fra?en von den jungen Zweigen der Mimosen. Er lie? sein ganzes Gep?ck in die N?he des zweiten Feuers tragen und dort am Felsen niederlegen, so da? er es im Auge haben konnte.

Der Ungar hatte die Tasche ge?ffnet und den Inhalt derselben vor sich ausgebreitet. Derselbe bestand aus Durrhabrot, Datteln und mehreren Perlh?hnern, welche der Vater der vier Augen gestern fr?h jenseits der Sandstrecke geschossen hatte.

Es gibt im Sudan ganze St?mme, welche keinen Vogel essen. Die Dschelabi geh?rten nicht zu diesen Verschm?hern eines guten Gefl?gels. Sie rupften die H?hner, nahmen sie aus und zerlegten das Fleisch in kleine viereckige St?cke, welche, an zugespitzte ?ste gespie?t, ?ber dem Feuer gebraten wurden. In dieser Form und Weise zubereitet, wird das Fleisch Kebab genannt.

W?hrend dies geschah, zog der Ungar die ihm am Herzen liegenden Erkundigungen ein. Bei dem Ritte hatte er nur notgedrungen geschwiegen, nun aber fragte er, als der Fremde sich neben ihm am Feuer niedergelassen hatte, immer noch in arabischer Sprache, wie bisher:

Darf ich nun erfahren, Herr, aus welchem Lande du bist? Bitte!

Sage mir vorher erst, aus welcher Gegend Ungarns du stammst!

Ich bin ein Magyar aus Nagy Mihaly bei Ungvar.

Von dort? Dann aber bist du wohl kein Magyar, sondern ein Slowak. Du hast dich dessen jedoch gar nicht zu sch?men.

Ich sch?me mich auch nicht; aber da ich in Ungarn geboren bin, bin ich doch auch Magyar. Du kennst meine Heimatsgegend? Warst du dort?

Ja.

Sprichst du ungarisch? Ich bin auch des Slowenischen m?chtig.

Mir ist beides fremd, also k?nnen wir uns leider nicht in deiner Muttersprache unterhalten. Aber wie bist du nach Afrika, nach ?gypten und gar nach dem Sudan gekommen?

Durch meinen Herrn.

Wer war das?

Matthias Wagner, auch ein Ungar aus dem Eisenst?dter Komitat.

Den kenne ich, wenn auch nicht pers?nlich. Er hat sehr viel erlebt. Er ging nach ?gypten, Arabien und Abessinien, war Begleiter des Herzogs von Gotha, bereiste sp?ter den ganzen Ostsudan und ist vor ungef?hr einem Jahre gestorben, ich glaube in Chartum. Nicht?

Ja, Herr, so ist es. Du kennst alle seine Erlebnisse. Ich war zuletzt mit ihm nach Kordofan, um Strau?federn zu handeln. Nach unsrer R?ckkehr mu?ten wir uns trennen. Er starb, und ?ber mich brach ein Unfall nach dem andern herein, so da? ich endlich gezwungen war, das Leben eines armen Dschelabi zu f?hren.

Hast du da Gl?ck gehabt?

Was nennst du Gl?ck? Ich begann vor sechs Monaten mit f?nf Mariatheresienthalern, und was ich jetzt besitze, ist vielleicht drei?ig wert. Gro?wesier wird man nicht dabei.