Karl May.

Die Sklavenkarawane





Rette dich hinter den Baumstamm! rief Schwarz dem Araber zu.

Es bedurfte dieser Aufforderung gar nicht, denn der J?ger war bereits hinter der Homrah verschwunden. Der Deutsche aber blieb kaltbl?tig stehen, das Gewehr in der Hand. Schon senkte das Tier den Kopf, um ihn mit den H?rnern zu fassen, da sprang Schwarz blitzschnell zur Seite, seine Sch?sse krachten der B?ffel stand wie vom Schlage getroffen, unbeweglich; ein Zittern ging durch seine m?chtigen Glieder, seine kolossale Gestalt, dann brach er auf demselben Fleck zusammen, auf welchem die Kugeln des Deutschen ihm Halt geboten hatten.

Dieser letztere war nicht von der Stelle gewichen. Um das zu wagen, mu?te er seines Schusses au?erordentlich sicher gewesen sein. Er griff in die Patronentasche, lud von neuem, und sagte dabei zu dem Araber in so ruhigem Tone, als ob es sich nur um die T?tung einer Fliege gehandelt habe:

Du kannst nun wiederkommen, denn er ist tot.

Tot? fragte der andre, indem er sehr vorsichtig nur die Nase sehen lie?. Das ist nicht m?glich!

?berzeuge dich!

So habe ich ihn also doch gut getroffen!

Du? Das glaube ich nicht! Du scheinst ja gar nicht zu wissen, wo sich die verletzbarsten Stellen eines B?ffels befinden. Wohin hast du gezielt?

Nach der Stirn.

So wollen wir sehen, welche Wirkung deine Kugeln gehabt haben.

Er kniete vor das Unget?m nieder, um die Stirn desselben zu untersuchen.

Allah jisallimak Gott beh?te dich! schrie der Araber entsetzt. Willst du dich ermorden? Wenn er noch nicht v?llig tot ist, bist du verloren!

Habe keine Sorge! Ich wei? sehr wohl, was ich thue. Schau her! Deine eine Kugel hat das Ohr durchl?chert, und die andre ist vom H?rnerwulste abgeglitten. Du kannst es ganz deutlich sehen.

Der andre kam nur zagend herbei; er streckte die Hand weit aus, um das Tier zu betasten; er fa?te es am Schwanze und dann am Beine, um sich zu ?berzeugen, da? es wirklich nicht mehr gef?hrlich sei; dann erst n?herte er sich dem Kopfe, um die Stellen zu betrachten, welche er getroffen hatte.

Allah, Allah! rief er aus. Du hast recht. Ich habe ihn nicht einmal verwundet, denn das Loch im Ohre hat gar nichts zu bedeuten. Wo aber hast du ihn getroffen? Er stand mitten im Laufe, wie von Allahs Faust erfa?t, und sank dann zitternd zur Erde nieder, um sich nicht mehr zu regen.

Ich habe ihm den letzten Halswirbel zerschmettert, das hielt ihn fest, und ihn dann ins Herz getroffen, das warf ihn nieder. Ich hatte keine andre Wahl, da er mit gesenktem Kopfe auf mich zukam.

Du wolltest ihn wirklich an diesen beiden Stellen treffen? fragte der Elefantenj?ger erstaunt.

Nat?rlich !

Aber du hast ja gar nicht gezielt!

Besser wie du. Man kann sehr genau zielen, ohne das Gewehr an das Auge zu nehmen. Ich habe die M?ndungen gerade an die Stellen gehalten, die ich treffen wollte. Das mu? freilich blitzschnell geschehen, wenn man sich nicht von den H?rnern fassen lassen will.

Und seines Gewehres mu? man absolut sicher sein, sonst ist man des Todes.

Der Araber stand auf, starrte ihn mit einem geradezu ratlosen Blicke an, und rief dann aus:

Das begreife ich nicht! Du bist ein Gelehrter. Wie darfst du so verwegen bei dem gef?hrlichsten der Tiere sein!

Es ist dies nicht der erste B?ffel, den ich erlege. Ich war mit meinem Bruder in Amerika, einem Lande, wo es Herden von Tausenden von B?ffeln gab, die wir verfolgt haben. Von mir selbst will ich nicht sprechen; aber glaubst du auch jetzt noch, da? dein Gewehr besser sei, als das meinige, weil es gr??er und st?rker ist?

Herr, was ich glauben soll, das wei? ich jetzt noch nicht. Ich wei? nur, da? ich jetzt eine Leiche w?re, wenn du dieses Ungeheuer nicht so schnell erlegt h?ttest. Es h?tte mich und dich, und dann auch noch die Kamele get?tet, die nicht fliehen konnten, weil wir ihnen die F??e gefesselt haben. Wenn das kein Zufall ist, wenn du stets so gut triffst, wie jetzt, so wirst du mich besser besch?tzen k?nnen, als ich dich!

Wir sind Gef?hrten, und auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Keiner darf den andern in der Not verlassen. Wenn wir das zu unsrem Grundsatze machen, so brauchen wir die Gefahren, denen wir entgegengehen, nicht zu f?rchten. Jetzt wollen wir unser Mahl fortsetzen. Da liegt die Gans, um welche es jammerschade w?re, wenn wir sie den Geiern oder Schakals ?berlie?en.

Er setzte sich nieder und schnitt sich ein St?ck von dem Braten ab. Der Sejad ifjal wu?te nicht, was er zu dieser bewundernswerten Ruhe und Kaltbl?tigkeit sagen solle. Er hielt es f?r das beste, dem Beispiele des Gef?hrten zu folgen; darum legte er erst neues Holz in die Flammen, und setzte sich dann nieder, um seinerseits auch der Gans die ihr geb?hrende Ehre zu erweisen. Er konnte es aber nicht ?ber das Herz bringen, schon nach einiger Zeit zu fragen:

Was thun wir nun mit diesem Abu kuruhn? Wenn er hier liegen bleibt, wird er alle Raubtiere der Umgegend herbeilocken.

Jetzt noch nicht. Blut ist fast gar nicht geflossen, und da wir ihn nicht ?ffnen, wird der Geruch w?hrend der Nacht nicht bedeutend sein. ?brigens wird kein L?we sich zwischen diese vier Feuer wagen. Das konnte nur ein so st?rrisches Tier, wie dieser Ochse war, thun.

Aber die Kamele f?rchten sich vor ihm.

Sie sind jetzt freilich noch ?ngstlich, werden sich aber bald beruhigen. Das Fleisch dieses alten Kerls ist ungenie?bar. Wir m?ssen es f?r die Geier liegen lassen. Unter gew?hnlichen Umst?nden w?rde ich das Skelett des Kopfes mit den pr?chtigen H?rnern mitnehmen; das kann ich aber jetzt nicht, da wir uns auf einem nichts weniger als wissenschaftlichen Ausfluge befinden. Also lassen wir diesen Vater der H?rner liegen, wie er ist, und begn?gen uns mit dem Bewu?tsein, den Plan, den er gegen uns hegte, zu Schanden gemacht zu haben.

Effendi, du bist gerade so ein mutiger und zugleich ruhiger Mann, wie Emin Pascha. Ich bewundere und achte dich. Darf ich deinen Namen erfahren, damit ich wei?, wie ich dich nennen soll?

Du w?rdest ihn nicht richtig aussprechen k?nnen; darum will ich ihn dir in arabischer ?bersetzung sagen. Nenne mich Aswad; das wird gen?gen.

Ist er nicht l?nger?

Nein. In meiner Heimat f?hrt man nicht so lange Namen, wie bei euch. Ein Mann mit dem k?rzesten Namen kann bei uns ein ber?hmter Held oder Gelehrter sein. Nun darf ich wohl auch deinen Namen erfahren?

Noch nicht, Effendi. Als ich Dar Runga verlie?, schwor ich bei Allah, meinen Namen abzulegen, bis ich die Spur meines Sohnes finden w?rde. Da dies noch nicht geschehen ist, darf ich ihn nicht ?ber die Lippen bringen. Man nennt mich ?berall den Elefantenj?ger. Willst du das nicht auch thun, sondern mir einen Namen geben, so nenne mich Bala Ibn; das ist ein Wort, welches auf mich pa?t.

Ich werde mich dieses Namens bedienen, wenn ich von oder mit dir spreche. Aber hast du auch geschworen, dar?ber zu schweigen, unter welchen Umst?nden du deinen Sohn verloren hast?

Nein, Effendi. Wie k?nnte ich jemals hoffen, ihn wiederzufinden, wenn ich nicht davon sprechen d?rfte. Ich habe schon Hunderten mein Ungl?ck erz?hlt, doch keiner hat vermocht, mir einen Fingerzeig zu geben. Ich glaube nun, da? mein Sohn gestorben ist, aber ich bleibe dennoch meinem Schwur getreu, und werde nach ihm und seinem Entf?hrer suchen, bis Allah mich aus dem Leben nimmt.

Er legte die Hand ?ber die Augen, wie um die tiefe Trauer, welche in seinem Blicke lag, zu verbergen, und fuhr dann fort:

Ich war der reichste und angesehenste Mann meines Stammes, der Anf?hrer unsrer Krieger, und der Oberste im Rate der Weisen; ich pries mich gl?cklicher als alle, die ich kannte, und ich war es auch, bis derjenige kam, welcher mein Ungl?ck verschuldete. Ich liebte mein Weib und mein einziges Kind, einen Sohn, dem wir den Namen Mesuf et Tmeni Sawabi-Ilidschr gaben. Da sandte

Wie hie? dieser Knabe? unterbrach der Deutsche ihn. Mesuf et Tmeni Sawabi-Ilidschr? Warum hast du ihm diesen Namen gegeben?

Weil er nur vier Zehen an jedem Fu?e hatte. Ich wei? nicht, ob das bei euch auch vorkommt; bei uns ist es selten.

Bei uns auch. Aber ich habe Personen gekannt, welchen Finger oder Zehen von der Geburt an fehlten, und auch einen Mann, der sechs Finger, also einen zu viel an jeder Hand hatte.

Die Finger meines Sohnes waren vollz?hlig, doch fehlte ihm die kleine Zehe an jedem Fu?e; daf?r aber hatte Allah ihm eine um so reichere Seele gegeben, denn er war das kl?gste Kind im ganzen Stamme. Als er noch nicht drei Jahre z?hlte, begab es sich, da? ein Baijal abid in unser Duar kam, um Sklaven zu verkaufen. Es waren Knaben und M?dchen, auch Frauen, lauter Neger, au?er einem Knaben, welcher helle Haut, auch schlichtes Haar und keine Negerz?ge besa?. Der H?ndler errichtete einen Markt bei uns, um seine Waren zu verkaufen, und aus der ganzen Gegend kamen die Beni el Arab herbei, mit ihm zu handeln. Der helle Knabe weinte stets, aber sprechen konnte er nicht, denn man hatte ihm die Zunge herausgeschnitten.

Entsetzlich! Wie alt war er?

Vielleicht vierzehn Jahre. Als der H?ndler eine Woche bei uns gewesen war, kam pl?tzlich ein Mann mit mehreren Begleitern aus Birket Fatma zu uns, und klagte den H?ndler an, ihm seinen Sohn gestohlen zu haben. Der Vater war der Spur des Schurken gefolgt, und so zu uns gekommen. Der H?ndler leugnete; er schwor bei Allah, den Mann gar nicht zu kennen. Da er unser Gast war, mu?ten wir ihn in Schutz nehmen; aber die Erz?hlung der M?nner aus Birket Fatma klang so wahrhaftig, da? wir sie glauben mu?ten. Es wurde eine Beratung abgehalten, in welcher ich bestimmte, da? der Knabe, welcher eingesperrt gehalten wurde, dem Fremden vorgef?hrt werden solle. Dieser letztere erhielt den strengen Befehl, dabei ganz ruhig zu erscheinen, und kein Wort zu sagen. Der Knabe wurde gebracht. Als er den Fremden erblickte, stie? er Jubelt?ne aus und sprang auf ihn zu, ihn zu umarmen und zu k?ssen. Auch die ?brigen M?nner aus Birket Fatma begr??te er mit gro?er Freude. War das nicht ein Beweis, da? er der Sohn des Fremden sei?

Ganz gewi?! antwortete Schwarz.

Au?erdem beschworen die Leute die Wahrheit ihrer Aussage. Der H?ndler hatte den Sohn eines gl?ubigen Moslem gestohlen und zum Sklaven gemacht, welches Verbrechen mit dem Tode bestraft wird. Sodann hatte er dem Knaben die Zunge geraubt, damit dieser ihn nicht verraten k?nne; darauf mu?te eine weitere Strafe erfolgen. Die gro?e Versammlung trat also wieder zusammen, um ihm das Urteil zu sprechen. Dieses lautete auf den Tod f?r den Raub. F?r das Herausschneiden der Zunge sollte er t?glich die Peitsche erhalten. Und f?r den Verlust seiner Sprache sollte der verst?mmelte Knabe die Sklavenware des Verbrechers empfangen.

Wurde dieses Urteil vollstreckt?

Nur ein kleiner Teil desselben. Nach dem Gesetze mu?te der Schuldige dem Vater des Knaben ausgeantwortet werden. Dies konnte erst nach einer Woche geschehen, denn er war unser Gast, als welcher er f?r vierzehn Tage in unserm Schutze stand. Darum sperrten wir ihn ein, um ihn nach sieben Tagen den R?chern auszuliefern; aber bis dahin sollte er an jedem Tage durchgepeitscht werden. Dies geschah zweimal unter meiner eigenen Aufsicht. Am dritten Morgen war er entflohen, ohne eine Spur zur?ckzulassen. Unsre Krieger bestiegen sofort ihre Pferde, um ihn zu verfolgen, aber sie kehrten alle zur?ck; ohne da? einer ihn gesehen hatte. Die Leute aus Birket Fatma kehrten mit dem Knaben und den Sklaven dorthin zur?ck, auf die Ausf?hrung des Todesurteils hatten sie verzichten m?ssen.

Und dieses Ereignis steht im Zusammenhange mit dem Verluste deines Sohnes?

Ja. Nach wenigen Wochen brachte mir ein Bote aus Salamat einen Brief, welcher mit Ebrid Ben Lafsa, dem Namen des Sklavenh?ndlers, unterzeichnet war. Dieser Hund schrieb, er sei unschuldig verurteilt worden, und er werde sich an mir r?chen, da? ich bis an mein Ende an den geraubten Knaben aus Birket Fatma denken solle. Einen Monat sp?ter war ich mit meinen Kriegern vom benachbarten Stamme zu einer gro?en Fantasia eingeladen. Kaum befanden wir uns dort, so kam uns ein Bote mit der Nachricht nach, da? mein Sohn verschwunden sei. Er war in der Nacht geraubt worden, und am Morgen hing an der Zeltstange ein Brief, in welchem Ebrid Ben Lafsa mir mitteilte, da? er sich meinen Knaben an Stelle des andern geholt habe, und da? ich das Kind im Leben nicht mehr erblicken solle.

Das ist ja teuflisch; das ist geradezu h?llisch! rief der Deutsche schaudernd aus.

O, er schrieb au?erdem, da? er meinen Sohn f?r die zweimaligen Schl?ge t?glich peitschen, und ihm au?erdem auch die Zunge nehmen werde. Ich war wie ein Wahnsinniger. Alle meine und auch die benachbarten Krieger streiften weit umher, um diesen Teufel zu ergreifen vergeblich! Als wir nach Wochen zur?ckkehrten, lag mein Weib im Fieber, und da ich ihr den Sohn nicht brachte, starb sie nach wenigen Tagen. Als ich sie begraben hatte, that ich den Schwur, den du kennst. Ich gab meinen Sklaven die Freiheit, vertraute alle meine Habe meinem Bruder an und wanderte fort, um meinen Sohn zu suchen. Kein Negerf?rst, der unter dem Chedive steht, darf einen wei?en Sklaven kaufen; ich mu?te also im Norden und Westen suchen. Darum wanderte ich nordw?rts durch Wadai, durch die W?ste nach Borgu, wieder zur?ck nach Kanem und Bornu, nach Bagirmi und Adamaua. Ich frug und forschte an allen Orten, doch stets umsonst. Wenn ich einmal glaubte, die Spur entdeckt zu haben, grinste mir die Entt?uschung bald entgegen. Dann ging ich nach Osten, wo ich ganz Kordofan und Dar Fur durchsuchte; aber auch das war vergebens. Die Jahre schwanden, mein Herz lag im Blute, und mein Haar wurde grau. Der einzige Erfolg, der sich nur zeigte, war die nunmehrige Einsicht, da? ich dreizehn Jahre lang in falscher Richtung geforscht hatte. Ich wandte mich nun doch dem S?den zu, von Habesch aus bis zu den Galla und den gr??ten Seen, dann zu den V?lkern, die im Westen davon wohnen. Zwei Jahre sind seitdem vergangen. Ich lebte von der Jagd. Von den Leiden, die ich ?berstand, und den Gefahren brauche ich dir nicht zu erz?hlen. Seit mehreren Monaten durchforsche ich die Gegenden der vielen Wasser, aus denen sich der Bahr el Abiad bildet. Ich bin da als Sejad ifjal bekannt geworden, aber meinen Sohn werde ich auch hier nicht finden, ich habe darauf verzichtet, denn er wird seinen Leiden l?ngst erlegen sein. Doch bitte ich Allah t?glich um das eine, mich mit Ebrid Ben Lafsa, falls er noch lebt, zusammenzuf?hren. Sollte ich diesem hundertfachen Teufel begegnen, so siebenmal siebenmal wehe ihm! Die H?lle wird keine der Qualen haben, die er von meiner Hand erdulden soll!

Diese letzten Worte hatte der ungl?ckliche Vater in einer Weise durch die Z?hne geknirscht, da? es seinen Nachbar schauderte; dann senkte er den Kopf und legte sein Gesicht in die H?nde. Er fuhr fast erschrocken aus seinen d?stern Gedanken auf, als Schwarz nach einiger Zeit in mildem Tone sagte:

Allah ist allm?chtig und allbarmherzig. Vielleicht hast du einst deine Sklaven hart behandelt, und da hat er dir zeigen wollen, welch ein unbeschreibliches und unendliches Herzeleid das Wort Sklaverei umfa?t.

Der Araber st?hnte auf; dann seufzte er schwer:

Ich war ein j?hzorniger Gebieter. Mancher Schwarze ist unter meiner Peitsche gestorben; einigen habe ich die H?nde abhauen, einem auch die Zunge nehmen lassen, weil er mich mit derselben beleidigte. Nach dem Verschwinden meines Sohnes kam die Reue ?ber mich, und ich gab sie alle frei

So hat meine Vermutung mich nicht get?uscht. Alle Menschen, die wei?en und die schwarzen, sind Gottes Kinder. Allah hielt Gericht ?ber dich; nun er aber deine Reue gesehen, und deine Leiden gez?hlt hat, wird er Gnade walten lassen. Ich bin ?berzeugt, da? du deinen Sohn wiedersehen wirst, vielleicht schon bald.

Nie, nie!

Sprich nicht so! Warum willst du an Gottes Gnade verzweifeln? Bietet dein Glaube dir keine Vers?hnung zwischen der g?ttlichen Liebe und dem reuigen S?nder? Du glaubst nicht an den gro?en Erl?ser aller Menschen, welcher am Kreuze auch f?r dich gestorben ist, so sei wenigstens ?berzeugt, da? Allah alle deine Klagen, auch die jetzigen, vernommen hat, und da? seine Hilfe sich vielleicht schon unterwegs zu dir befindet.

Das ist undenkbar, antwortete Bala Ibn. Wollte er mir helfen, so h?tte er es schon l?ngst gethan.

Er allein wei? es, warum er es noch nicht that. Vielleicht hast du deine fr?here H?rte noch niemals so erkannt wie heute.

Es fiel dem Araber sichtlich schwer, hierauf eine Antwort zu geben. Er sah eine Weile schweigend vor sich nieder und gestand dann:

Niemand wagte es, mich darauf aufmerksam zu machen, und ich selbst war nicht ganz aufrichtig gegen mich. Du bist der erste, der mir in deutlichen Worten sagt, da? ich mich an meinen Sklaven vers?ndigt habe, und gerade, da? du es bist, der Fremde, der Christ, der keine meiner fr?heren Grausamkeiten kennt, und den ich eigentlich als einen Giaur verachten sollte, das zeigt mir die Vergangenheit in ihrer ganzen blutigen Beleuchtung. Ich kann nie wieder gut machen, was ich that; ich verdiene es nicht, meinen Sohn wiederzufinden. Und doch w?rde ich mich im h?chsten Himmel Allahs f?hlen, wenn es mir verg?nnt w?re, ihn noch einmal zu sehen, selbst wenn wenn ihm die Zunge fehlte, so da? er nicht einmal den Vaternamen lallen k?nnte!

Er hatte mit tief ergreifender Innigkeit, mit einer wahren Inbrunst gesprochen. Der Deutsche legte ihm leuchtenden Auges und freudegl?nzenden Angesichtes die Hand auf die Achsel und sagte:

So ist es recht; so will Allah es h?ren, und nun darfst du die ?berzeugung hegen, da? er den Wunsch deines Herzens erf?llen wird. Schon sehe ich die Erh?rung nahen, und vielleicht wird sie dir dadurch zu teil, da? du dich mir so aufrichtig geoffenbaret hast.

Durch dich? Welch ein Wunder w?re das! Die M?nner meines Stammes und befreundeter St?mme haben vergebens mit mir nach dem Verlorenen gesucht. Dann habe ich f?nfzehn Jahre lang fast diesen ganzen Erdteil ohne Resultat durchforscht; tausend Einheimischen habe ich die Geschichte meiner Leiden erz?hlt, worauf sie ihre M?he mit der meinigen vereinten, und trotzdem ist mir auch nicht der kleinste Hoffnungsschimmer geworden. Da habe ich dich, den Abendl?nder getroffen, der unsre L?nder, unsre V?lker und unsre Verh?ltnisse gar nicht kennt und sich erst so kurze Zeit hier befindet. Ich spreche zu dir von meinen W?nschen, weil du dich zuf?llig nach meinem Namen erkundigt hast, und dennoch solltest gerade du der Auserw?hlte sein, durch den mir Erh?rung beschieden ist? Ich wiederhole, da? dies ein unbegreifliches Wunder w?re.

Es geschehen noch t?glich Wunder, doch auf viel einfachere Weise, als sie fr?her zu geschehen pflegten. Wie nun, wenn ich deinen Sohn gesehen h?tte, wenn ich ihm begegnet w?re? Kommt dir das so undenkbar vor?

Nein; aber es kann, es kann nicht sein!

So bist du dem Allerbarmer gegen?ber ein Giaur, und ich bin der Gl?ubige. Willst du der Botschaft Allahs nur deshalb nicht glauben, weil ein Christ der Bote ist?

Bala Ibn warf einen langen, forschenden Blick in das vor Genugthuung strahlende Gesicht des Deutschen; seine d?stern Z?ge gewannen mehr und mehr Licht; seine Augen wurden gr??er und gr??er, und seine Stimme zitterte, als er sagte:

Allah gibt den Tod; er sendet auch das Leben. Dein Gesicht sagt mir, da? du deine Worte nicht ohne Grund gesprochen hast. Vielleicht glaubst du, mir eine frohe Nachricht geben zu k?nnen; ich bin ?berzeugt, da? du dich irrest, da? es wieder eine jener T?uschungen ist, deren ich hunderte ?berwunden habe; aber rede, sprich! Kennst du eine Person, welche mein Sohn sein k?nnte?

Ja.

Wie alt ist er?

Ungef?hr achtzehn Jahre.

Wo befindet er sich?

Er lebt bei den Niam-niam.

Wie hei?t er?

Er wird Abd es Sirr, Sohn des Geheimnisses genannt; das ist ein Beweis, da? er von unbekannter Herkunft ist. Der Sohn des F?rsten der Niam-niam ist sein Busenfreund. Ich habe einst ein Gespr?ch dieser beiden belauscht und dabei bemerkt, da? dieser Sohn des Geheimnisses, wenn kein andrer es h?rt, sich von seinem Freunde Mesuf nennen l??t.

Allah ist gro?! Aber das wird nur ein Zufall sein.

Ich glaube nicht. Kommt der Name Mesuf so h?ufig vor?

Nein. Ich habe au?er meinem Sohne keinen zweiten gefunden, der ihn f?hrt.

Und ich h?rte ihn bei jenem Gespr?che zum ersten und heute von dir zum zweitenmal.

Von welcher Farbe ist der J?ngling?

Er ist vielleicht etwas dunkler als du in seinem Alter gewesen bist.

Das stimmt, das stimmt! Er mu?te dunkler sein. Vielleicht ist es doch ein Strahl, der mir heute von dir in meine Dunkelheit geworfen wird. Aber die Hauptsache, die Hauptsache! Hast du die F??e dieses J?nglings gesehen?

Ja. Er hat nur vier Zehen an jedem Fu?e; die beiden kleinen Zehen fehlen.

Gott ist gro?; Gott ist barmherzig und gn?dig! rief der Araber fast ?berlaut. Mein Herz gewinnt neues Leben, und ich habe ein Gef?hl, als ob mein Haar in diesem Augenblicke wieder dunkel werden wolle. Ich m?chte vor Wonne jauchzen, aber ich darf es nicht, denn wenn ich auch jetzt mich wieder irrte, so w?rde meine Kraft, es zu ertragen, vielleicht zu Ende sein. Ich darf es nicht wagen, mich mit Zuversicht an deine Worte zu h?ngen. Ich mu? kalt und ruhig bleiben, um das, was du mir mitteilst, wie ein Fremder, den es gar nichts angeht, erw?gen zu k?nnen. Ich mu? alle m?glichen Bedenken aufbringen, welche gegen deine Botschaft gefunden werden k?nnen.