Karl May.

Die Sklavenkarawane





Das voran fliegende M?nnchen zuckte, legte die Fl?gel zusammen, spannte sie wieder auf, aber nur f?r wenige Augenblicke, dann konnte er sich nicht mehr in der Luft erhalten; er st?rzte zur Erde nieder. Der Fremde eilte der Stelle zu, an welcher der Vogel lag, hob ihn auf und betrachtete ihn. Die Araber kamen herbei, nahmen ihm den Hedj aus der Hand und untersuchten denselben.

Allah akbar Gott ist gro?! rief der Schech erstaunt, du hattest eine Kugel geladen?

Ja, eine kleine Kugel, keinen Schrot.

Und ihn doch getroffen!

Wie du siehst! nickte der gute Sch?tze. Das Gescho? ist ihm in die Brust gedrungen, mitten in das Leben, was freilich nur Zufall ist; aber auf den Leib hatte ich doch gezielt. Es freut mich, da? der Schu? so gut gelungen ist, denn so ist der Balg ganz unverletzt.

Einen Hedj zu schie?en, mit einer Kugel, aus solcher H?he! Und ihn auch an dieser Stelle zu treffen! Effendi, du bist ein ausgezeichneter Sch?tze, bei uns verstehen die Lehrer an den Medressen nicht zu schie?en. Wo hast du das gelernt?

Auf der Jagd.

So hast du schon fr?her solche V?gel gejagt?

V?gel, B?ren, wilde Pferde, wilde B?ffel und viele andre Tiere.

Gibt es die in deinem Vaterlande?

Nur die ersteren. Die letzteren scho? ich in einem andern Weltteile, welcher Amerika hei?t.

Von diesem Lande habe ich noch nichts geh?rt. Sollen wir den Hedj in das Gep?ck stecken?

Ja. Ich werde ihn heute abend am Lagerfeuer abbalgen, wenn es ?berhaupt ein Feuer geben wird.

Es gibt eins, denn an dem Bir Aslan wachsen viele und dichte Str?ucher.

So hebt ihn bis dahin auf! Es ist das M?nnchen, welches wertvoller als das Weibchen ist.

Ja, es ist das M?nnchen; auch ich kenne es. Seine Witwe ist davon geflogen und wird um ihn trauern und klagen, bis ein andrer Hedj sie tr?stet. Allah sorgt f?r alle Gesch?pfe, selbst f?r den kleinsten Vogel, am allerbesten aber f?r die Dijur ed djiane, welche er j?hrlich in sein Paradies aufnimmt, wenn sie von uns gehen.

Dieser Glaube ist in ?gypten viel verbreitet. Der gew?hnliche Mann wei? nicht, da? die Schwalben, welche er eigentlich Snunut nennt, ihre wirkliche Heimat in Europa haben und nur w?hrend unsrer Winterszeit nach S?den gehen. Da sie im Fr?hling verschwinden, ohne da? er erf?hrt, wohin, so erkl?rt er sich, wohl meist auch infolge ihres traulichen, menschenfreundlichen Wesens, diese Erscheinung in der Weise, da? er annimmt, sie fliegen nach dem Paradiese, um bei Allah zu nisten und ihm die Gebete der Gl?ubigen vorzuzwitschern.

Nachdem der unterbrochene Ritt fortgesetzt worden war, sah man nach einiger Zeit einzelne kahle Berge, welche sich im S?den und Norden der eingeschlagenen Richtung erhoben. Dies gab dem Fremden Veranlassung, auch nach r?ckw?rts zu blicken. Sein Auge blieb an einigen winzig kleinen Punkten hangen, welche dort scheinbar unbeweglich in der Luft schwebten. Er zog sein Fernrohr aus der Satteltasche und beobachtete dieselben einige Zeit.

Dann schob er das Rohr wieder in die Tasche zur?ck und fragte:

Ist der Weg, den wir reiten, ein vielbesuchter Handelsweg?

Nein, antwortete der Schech. Wenn wir den Karawanenweg h?tten einschlagen wollen, so h?tten wir einen Bogen reiten m?ssen, auf welchem uns zwei Tage verloren gegangen w?ren.

Hier ist also keine Karawane zu erwarten?

Nein, weil es in der trockenen Jahreszeit auf dem Pfade, den wir ritten, kein Wasser gibt. Das unsrige ist auch bereits zur Neige gegangen. Die Schl?uche sind leer.

Aber am Bir Aslan werden wir sicher welches finden?

Ganz gewi?, Effendi.

Hm! Sonderbar!

Er machte dabei ein so bedenkliches Gesicht, da? der Schech ihn fragte:

Woran denkst du, Herr? Gibt es etwas, was dir nicht gef?llt?

Ja.

Was?

Du behauptest, da? wir uns auf keinem Karawanenwege befinden, und doch reiten hinter uns Leute.

Hinter uns? Unm?glich! Dann m??ten wir sie ja sehen!

Das ist nicht notwendig.

Wie kannst du es dann f?r so gewi? behaupten?

Weil ich zwar nicht sie, aber doch ihre Spur sehe.

Effendi, du scherzest! meinte der Schech in ?berlegenem Tone.

O nein. Es ist im Gegenteil mein vollst?ndiger Ernst.

Wie ist es einem Menschen m?glich, die Spuren von Personen, die Darb und Ethar von Personen zu sehen, welche hinter ihm reiten!

Du denkst nur an die Spuren, welche durch die F??e der Menschen und die Hufe der Tiere dem Sande eingedr?ckt werden. Aber es gibt auch Spuren, welche sich in der Luft befinden.

In der Luft? Allah akbar Gott ist gro?; er kann alles, denn ihm ist alles m?glich. Aber da? er es uns erlaubt hat, Spuren in der Luft zur?ckzulassen, davon habe ich noch nichts geh?rt.

Er musterte den Fremden mit einem Blicke, als ob er ihn nicht f?r ganz zurechnungsf?hig halte.

Und doch ist es so. Die Spuren sind da. Man mu? nur Augen f?r sie haben. Denk an den Hedj, welchen ich geschossen habe!

Was hat er mit den Darb und Ethar zu thun?

Sehr viel, denn er selbst konnte unter Umst?nden die Ethar von uns sein. Hast du ihn schon bemerkt, bevor ich ihn scho??

Ja. Das P?rchen folgte uns seit dem Morgen. Und als wir am Steine ruhten, schwebte es immer ?ber uns. Der Hedj h?lt sich, wenn er kein andres Futter findet, zu den Kamelen, um dann alles, was die Reiter w?hrend der Ruhe beim Essen fallen lassen, aufzuzehren. Auch lauert er auf die V?gel, auf die Madenhacker, welche den Karawanen folgen, um den Tieren das Ungeziefer abzulesen.

Also du gibst zu, da? an der Stelle, ?ber welcher der Hedj schwebt, sich eine Karawane befindet?

Ja.

Nun, da hinter uns fliegt ein zweites Paar, zu welchem sich jetzt unser verwitwetes Weibchen gesellt hat. Siehst du sie?

Der Schech blickte r?ckw?rts. Seinen scharfen, wohlge?bten Augen konnten die V?gel nicht entgehen.

Ja, ich sehe sie, antwortete er.

Dort mu? eine Karawane sein?

Wahrscheinlich .

Und doch befinden wir uns auf keinem Wege. Das hast du selbst gesagt. Die hinter uns reitenden Leute folgen unsren Spuren .

Sie werden den Weg nicht kennen und sich also an unsre F?hrte halten.

Eine Karawane hat stets einen Schech el Dschemali und auch noch andre M?nner bei sich, welche den Weg genau kennen.

Aber der beste Khabir kann sich einmal verirren!

In der gro?en Sahara, ja, aber nicht hier in dieser Gegend, s?dlich von Dar Fur, wo von einer wirklichen W?ste streng genommen gar nicht die Rede sein kann. Der Schech der Karawane, welcher hinter uns kommt, kennt die Gegend ebenso gut wie du; er mu? sie kennen. Wenn er trotzdem vom Karawanenwege abgewichen ist, um uns zu folgen, so hat er es auf uns abgesehen.

Auf uns abgesehen! Effendi, welch ein Gedanke! Du denkst doch nicht etwa, da? diese Leute zu einer . . .

Er sprach das Wort nicht aus. Er hatte M?he, seine Verlegenheit zu verbergen.

Da? sie zu einer Gum geh?ren, wolltest du wohl sagen? fuhr der Fremde fort. Ja, das ist meine Meinung.

Allah kerihm Gott ist gn?dig! Welch ein Gedanke, Effendi! Hier in dieser Gegend gibt es keine Gum. Die ist nur im Norden von Dar Fur zu suchen.

Pah! Ich traue diesen Leuten nicht! Warum folgen sie uns?

Sie folgen uns, aber verfolgen wollen sie uns nicht. K?nnen sie nicht denselben Zweck haben wie wir?

Den Weg abzuk?rzen? Das ist freilich m?glich.

Das ist nicht nur m?glich, sondern es wird wirklich sein. Mein Herz ist ferne davon, Bef?rchtungen zu hegen. Ich kenne diese Gegend und wei?, da? man in derselben so sicher ist wie im Scho?e des Propheten, den Allah segnen wolle.

Der Fremde warf ihm einen forschenden Blick zu, welcher dem Schech nicht gefallen wollte, denn er fragte:

Warum blickst du mich an?

Ich sah dir in die Augen, um in deiner Seele zu lesen.

Und was findest du darin? Doch die Wahrheit?

Nein.

Allah! Was denn? Etwa die L?ge?

Ja.

Da griff der Schech nach dem Messer, welches in seinem G?rtel steckte, und rief:

Wei?t du, da? du soeben eine Beleidigung ausgesprochen hast? So etwas darf ein braver und tapferer Ben Arab nicht dulden!

Das Gesicht des Fremden hatte pl?tzlich einen ganz andern Ausdruck bekommen. Es schien, als ob die Z?ge sch?rfer, gespannter geworden seien. Es glitt ein stolzes L?cheln ?ber sein m?nnlich sch?nes Gesicht, und er sagte in fast wegwerfendem Tone:

La? das Messer stecken! Du kennst mich nicht. Ich vertrage es nicht, wenn ein andrer mit der Hand am Messer von Beleidigung spricht. L??t du die Klinge sehen, so erschie?e ich euch binnen einer Minute!

Der Schech nahm die Hand vom G?rtel. Er war ebenso zornig wie verlegen und antwortete:

Soll ich es mir gefallen lassen, da? du mich der L?ge zeihst?

Ja, denn ich habe wahr gesprochen. Erst machte mich die uns folgende Karawane besorgt, jetzt aber traue ich auch dir nicht mehr.

Warum ?

Weil du die Gum, wenn es eine ist, gegen mich verteidigst und dir M?he gibst, mich in Sicherheit zu lullen.

Allah yak fedak Gott sch?tze dich, Effendi, denn deine Gedanken gehen irr. Was gehen mich die Leute an, welche hinter uns kommen!

Sehr viel, wie es scheint, sonst h?ttest du es nicht unternommen, das Mi?trauen, welches ich gegen sie hege, durch eine Unwahrheit zu zerstreuen.

Aber ich sage dir, da? ich mir keiner L?ge bewu?t bin!

Nicht? Behauptetest du nicht, diese Gegend sei so sicher wie der Scho? des Propheten?

Ja, und so ist es auch.

Das sagst du, weil du wei?t, da? ich ein Fremder bin. Du bist der ?berzeugung, da? ich die Verh?ltnisse des Landes nicht kenne. Ja, die Reitpfade desselben sind mir unbekannt, obwohl ich sie mit Hilfe meiner Karten wahrscheinlich ohne deine Hilfe auch finden w?rde, aber das ?brige kenne ich jedenfalls besser als du. In meiner Heimat gibt es B?cher und Bilder ?ber alle L?nder und V?lker der Welt. Durch diese lernt man die V?lker zuweilen besser kennen als diejenigen, welche zu ihnen geh?ren. So wei? ich auch ganz genau, da? man hier keineswegs so sicher ist wie im Scho?e des Propheten. Hier ist viel, viel Blut geflossen. Hier, wo wir uns befinden, haben die Nuehr-, Schilluk und Denkav?lker miteinander gestritten. Hier sind die Dschur und Luoh, die Tuitsch, die Bahr, Eliab und Ki?tsch, die Abgalang, die Agehr, Abugo und Dongiol aufeinander getroffen, um sich zu ermorden, zu zerfleischen und auch gar wohl aufzufressen.

Der Schech war ganz steif vor Erstaunen.

Effendi, rief er von seinem Kamele her?ber, das wei?t du; diese V?lker kennst du, sie alle!

Ja, genauer jedenfalls als du! Und ich wei? auch noch mehr. Ich wei?, da? gerade da, wo wir jetzt reiten, zu n?chtlicher Zeit sich die entsetzliche Ghasuah vor?berschleppt, um dem Pascha zu entgehen, welcher in Faschodah ein Auge auf die Sklavenj?ger hat. Da ist mancher arme Schwarze ermattet niedergesunken und durch einen Hieb, eine Kugel f?r immer stumm gemacht worden. Unten am Mokren el Bohur werden die ?rmsten aus den Schiffen geladen und quer ?ber das Land geschafft, um oberhalb Faschodahs wieder eingeladen und vor Chartum verkauft zu werden. Da hat mancher seinen letzten Seufzer ausgehaucht; mancher hat hier den Todesschrei in die finstere Nacht hinausschallen lassen. Und das nennst du eine Gegend, welche man mit dem Scho?e des Propheten vergleichen kann? Ist es m?glich, eine gr??ere L?ge auszusprechen?

Der Schech blickte finster vor sich nieder. Er f?hlte sich geschlagen und durfte es doch nicht eingestehen. Darum antwortete er nach einigen Augenblicken:

An die Ghasuah dachte ich nicht, Effendi. Ich dachte nur an dich und daran, da? du hier sicher bist. Du befindest dich in unserm Schutze, und ich m?chte den sehen, welcher es wagen wollte, ein Haar auf deinem Haupte zu kr?mmen!

Ereifere dich nicht! Ich sehe klar und wei? genau, was ich zu denken habe. Sprich nicht von Schutz! Ich habe euch gemietet, damit ihr meine Sachen auf euern Kamelen nach Faschodah bringen m?chtet; auf euern Schutz aber habe ich nicht gerechnet. Ihr selbst bed?rft vielleicht des Schutzes mehr als ich.

Wir?

Ja. Hast du vielleicht die Schillukneger gez?hlt, welche die Leute deines Stammes hier raubten und als Sklaven nach Dar Fur brachten? Besteht etwa nicht deshalb ein uners?ttlicher Ha?, ja eine Blutrache zwischen euch und ihnen? Befinden wir uns jetzt nicht auf dem Gebiete der Schilluk, welche, wenn sie euch s?hen, sofort ?ber euch herfallen w?rden? Warum habt ihr den Karawanenweg verlassen und mich durch einsame Gegenden gebracht? Um den Weg abzuk?rzen, wie du vorhin sagtest? Nein, sondern um nicht auf die Schilluk zu treffen. Vielleicht gibt es auch noch einen andern Grund.

Welchen? fragte der Schech, der sich durchschaut sah, ziemlich kleinlaut.

Den, mich hier umzubringen.

Allah, Wallah, Tallah! Welche Gedanken werden in deiner Seele laut!

Du selbst bist schuld daran. Denke an die Karawane, welche uns folgt! Es ist vielleicht die Gum, welche mich ?berfallen soll. Es gel?stet euch nach meiner Habe, welche ihr nicht erhalten k?nnt, so lange ich lebe. Auf euerm Gebiete k?nnt ihr mich nicht t?ten, der Verantwortung wegen, die euch sicherlich nicht erspart bleiben w?rde. Darum f?hrt ihr mich durch unwegsame Gegenden nach dem einsamen Bir Aslan, wo die That geschehen soll, ohne da? ein Zeuge die M?rder verraten kann. Findet man dann meine Leiche, so geschah der Mord auf dem Gebiete der Schilluk und wird diesen zur Last gelegt. Auf diese Weise habt ihr dann zwei Vorteile zugleich erreicht, n?mlich meine Habe und die Rache an den Schilluk.

Er hatte das in einem so gleichm?tigen, ja sogar freundlichen Tone gesagt, als ob es sich um etwas ganz Allt?gliches und Angenehmes handle. Seine Worte machten einen ungeheuren Eindruck auf die Araber. Nach ihren Waffen zu greifen wagten sie nicht. Was waren ihre langen Feuersteinflinten gegen seine Waffen! In dieser Beziehung war er, der einzelne, ihnen ?berlegen. Aber sie mu?ten doch etwas thun, um sich den Anschein zu geben, als ob sie sich durch seine Anklage ganz unschuldig beleidigt f?hlten. Darum hielten sie ihre Kamele an und erkl?rten, da? sie keinen Schritt weiterreiten, sondern die Lasten abladen und heimkehren w?rden.

Der Fremde lachte laut auf.

Das werdet ihr nicht thun, meinte er. Wie wollt ihr ohne Wasser zur?ckkehren? Ihr m??t unbedingt nach dem Brunnen des L?wen. ?brigens habe ich euch mit Absicht nicht vorher bezahlt. Ihr sollt erst in Faschodah euer Geld erhalten, und wenn ihr mich nicht bis dorthin bringt, so bekommt ihr keinen einzigen Piaster. Was meinen Verdacht betrifft, so habe ich denselben ehrlich ausgesprochen, um euch zu beweisen, da? ich euch nicht f?rchte. Ich habe es mit weit schlimmeren Gesellen zu thun gehabt, als ihr seid, und es ist euch gar nichts als der kleine Fehler vorzuwerfen, da? ihr mich nicht kennt. Ist meine Vermutung falsch, so bitte ich euch um Verzeihung. Aus Erkenntlichkeit werde ich in Faschodah ein Rind schlachten lassen und es unter euch allein verteilen. Und zu der Bezahlung, welche wir f?r eure Dienste festgesetzt haben, werde ich ein Bakschisch f?gen, welches ihr zum Schmucke eurer Frauen und T?chter verwenden k?nnt.

Das war eine nach hiesigen Verh?ltnissen sehr gute Aussicht, welche er ihnen er?ffnete; aber ihr Groll wurde durch dieselbe keineswegs beseitigt, obgleich sie sich den Anschein gaben, als ob sie sein Versprechen mit ihm vers?hnt habe. Sie wu?ten ja genau, da? er den kommenden Morgen nicht erleben werde. Um ihn sicher zu machen, erkl?rten sie, ihn weiterbegleiten zu wollen, wenn er seinen Verdacht fallen lasse und sein Versprechen zu halten beabsichtige. Er war damit einverstanden, bewies aber schon im n?chsten Augenblicke, da? sein Mi?trauen noch fortbestehe, denn er ritt von jetzt an als letzter in der Reihe, w?hrend er sich bisher mit dem Schech stets an der Spitze befunden hatte.

Sie thaten, als ob sie das nicht beachteten, aber einige Zeit, nachdem der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, that der Schech so, als ob er dem jetzt an seiner Seite reitenden Homr die Gegend erkl?re; er deutete mit dem erhobenen Arme bald nach vorn, bald nach rechts oder links, sagte aber dabei in verbissenem Tone:

Dieser Hund ist weit kl?ger, als es den Anschein hatte. Er kennt dieses ganze Land, alle Bewohner desselben und auch alle Ereignisse, welche hier geschehen sind.

Und hat alles, was wir beabsichtigen, ganz genau erraten, f?gte der andre hinzu. M?ge der Schetan ihn beim Schopfe nehmen!

Am liebsten m?chte ich das thun!

Wer verwehrt es dir?

Seine Waffen.

Kann nicht einer von uns zur?ckbleiben und ihm von hinten eine Kugel in das Herz jagen?

Versuche es! Das Beste w?re es. Wir brauchten nicht bis fr?h zu warten und h?tten die Beute nicht mit Abu el Mot zu teilen. Seine Leiche lie?en wir liegen, ritten nach dem Brunnen, f?llten unsere Schl?uche und kehrten w?hrend der Nacht zur?ck. Morgen w?ren wir schon weit von hier, und kein Mensch w??te, wessen Kugel den Hund getroffen hat.

Soll ich ihn erschie?en?

Ich wollte nicht, da? er von uns get?tet werde; nun er uns aber das Gesicht in solcher Weise schamrot gemacht hat, mag er von deiner Kugel sterben.

Was erhalte ich daf?r?

Die goldene Kette an seiner Uhr.

Nat?rlich au?er dem Beuteanteil, welcher ?berhaupt auf mich kommt?

Nat?rlich.

So mag es geschehen. Ich dr?cke das Gewehr so nahe hinter ihm ab, da? ihm die Kugel zur Brust herauskommt.

Er hielt sein Kamel an und stieg ab; dann schnallte er an dem Sattelgurte herum, als ob derselbe sich gelockert habe. Die andern ritten an ihm vor?ber. Der Fremde aber hielt bei ihm an und sagte in freundlich mahnendem Tone:

Du mu?t dir merken, da? man das stets vor dem Aufbruche thut. Durch das Absteigen verminderst du unsre Eile. Folge uns also, wenn du fertig bist, schnell nach. Dein T?fenk ist fast unter das Kamel geraten; es k?nnte leicht zerbrochen werden, und ich will es lieber einstweilen an mich nehmen.

Er langte von seinem hohen Sitze mit dem Metrek herab, steckte denselben unter den Riemen der am Sattelknopfe h?ngenden Flinte und hob dieselbe zu sich herauf. Dann ritt er l?chelnd weiter.

Der Araber machte ein unbeschreiblich entt?uschtes Gesicht. Die Flinte war fort und eine Pistole hatte er nicht. Ein ?berfall mit dem Messer vom hohen Kamelsattel aus war aber ganz unm?glich.

Ob er es ahnt, dieser Sohn und Enkel des Teufels! knirschte er. Dieser Versuch ist mi?gl?ckt; aber bald wird es Nacht. Dann sieht er es nicht, wenn man auf ihn zielt, und ich kann ihn doch noch erschie?en, ehe wir den Brunnen erreichen.

Er folgte, nachdem er wieder aufgestiegen war, den Vorangerittenen. Als er an dem Fremden vor?berkam, reichte ihm dieser die Flinte mit den Worten zur?ck:

Der Feuerstein ist ja zerbrochen und ausgefallen. Du kannst also heute nicht schie?en. Morgen aber werde ich dir einen neuen geben. Ich habe welche im Gep?ck.

Es war klar, da? er den Stein heraus geschraubt hatte. Der Schech erkannte nun abermals, da? er durchschaut sei, und brannte nun f?rmlich darauf, dem Giaur die t?dliche Kugel geben zu lassen oder auch selbst zu geben. Dieser aber ritt mit dem gleichm?tigsten Gesicht hinterdrein, doch hatte er das eine Gewehr, welches vorher am Sattelknopfe hing, schu?bereit in der Hand und beobachtete jede Bewegung seiner Begleiter mit scharfem Auge.

Die Zeit verging, und das Land wurde h?gelig. Eine wenn auch unbedeutende H?henkette zog sich hier von Norden nach S?den und brachte einige Abwechselung in das Landschaftsbild. Als sie durchquert war, kamen die Reiter wieder in die Ebene, wo, wie sie sahen, ein sp?rliches Gras gestanden hatte, welches aber von der Sonne vollst?ndig versengt war. Mehr und mehr neigte sich diese dem Horizonte zu. Als sie ihn erreichte, hielt der Schech sein Tier an und rief im Tone eines Muezzin:

Ha? es sala auf zum Gebete! Die Sonne taucht in das Meer des Sandes, und die Zeit des Moghreb ist gekommen!

Sie stiegen alle ab und beteten in der bereits beschriebenen Weise. F?nfmal t?glich hat der Moslem seine Andacht zu verrichten und sich dabei zu waschen, mag er sich nun zu Hause oder sonstwo befinden. Diese Gebete sind: el Fagr fr?h beim Aufgange der Sonne, el Deghri um die Mittagszeit, el Asr drei Stunden sp?ter, die Aufbruchszeit aller strenggl?ubigen Reisenden, el Moghreb beim Sonnenuntergange und endlich el Aschia eine Stunde sp?ter.

Es versteht sich, da? diese Zeiten nicht stets und ?berall streng eingehalten werden, und je weiter die abendl?ndische Kultur im Osten vorschreitet, desto schwerer wird es dem Muselmann, diesen Vorschriften Folge zu leisten.

Als die Fathha gesprochen worden war, stiegen alle wieder auf, und der Ritt wurde fortgesetzt. Der Fremde war im Sattel geblieben. Es war ihm nicht zuzumuten, an ihrem Gebete teilzunehmen oder auch nur nach europ?ischer Sitte durch Entbl??ung des Hauptes ein Zeichen der Ehrfurcht zu geben. Er h?tte sich damit entehrt, da der Mohammedaner es f?r eine Schande h?lt, den Kopf unbedeckt sehen zu lassen. Nur allein der Mezaijin hat das Vorrecht, den Anblick frommer, kahl geschorener Sch?del, auf denen nur die mittelste Locke stehen bleiben darf, zu genie?en. Diese Locke ist f?r den Muselmann sehr notwendig, weil ihn, wenn er auf dem Pfade strauchelt, welcher nach dem Tode in das Paradies f?hrt und der nur so breit ist wie die Sch?rfe eines Barbiermessers, der Engel Gabriel bei diesem Haarschopfe fa?t, um ihn fest zu halten und nicht in die H?lle hinabst?rzen zu lassen.