Karl Immermann.

M?nchhausen





Eine Geschichte in Arabesken


ERSTER TEIL

Erstes Buch. M?nchhausens Deb?t
Eilftes Kapitel
Worin der Freiherr seinen Abscheu vor dem Laster des L?gens nicht allein ausspricht, sondern auch bet?tigt

Was f?r ein sch?ndliches Laster ist das L?gen! Denn erstens kommt es leicht heraus, wenn einer zu arg flunkert, und zweitens kann jemand, der sichs angew?hnt hat, auch einmal die Wahrheit sprechen, und keiner glaubt sie ihm dann.

Da? mein Ahnherr, der Freiherr von M?nchhausen auf Bodenwerder einmal in seinem Leben die Wahrheit sagte, und niemand ihm glauben wollte, das hat bei dreihundert Menschen das Leben gekostet.

Wie? riefen der Baron und seine Tochter aus einem Munde.

Gesch?tzte Freunde und liebe Wirte, m??iget Euer Erstaunen, versetzte der Gast, indem er, wie ein Kaninchen, die Nasenfl?gel zitternd bewegte, und mit den doppelfarbigen Augen zwinkerte. Nichts nat?rlicher, als das. H?rt nur zu. Der besagte Ahnherr war leider Gottes, wie Ihr wi?t, ein ungemeiner und erschrecklicher L?gensack. Wer erinnert sich nicht der zw?lf Enten, die er mit einem St?cke Schinkenspeck fing, nicht seines halbierten Rosses, welches in diesem Zustande der Halbheit dennoch eine Nachkommenschaft zu erzielen verm?gend war, nicht des tollgewordnen Jagdpelzes, nicht der im Posthorn eingefrornen T?ne, und und o! o! o!

Das blaue Auge des Enkels weinte, sein braunes blitzte von tugendhaftem Zorne, er konnte nicht weiterreden. Dem alten Baron und seiner Tochter gelang es endlich, ihn zu beruhigen. Der edle Redner schluchzte noch ein weniges, dann fuhr er so fort: Es ist meiner Treu recht schlecht von mir, da? ich von meinem in Gott ruhenden Ahnherrn ?bles rede, aber ehrlich w?hrt am l?ngsten. Dieser Mensch und L?gner hat die historische Wahrheit auf Jahrhunderte hin vergiftet, und die nachgebornen Geschlechter gewisserma?en unter die Botm??igkeit jedes Irrwahns gegeben, der seitdem in der Welt auftrat. Ja, um mich eines Gleichnisses aus einer seiner abgeschmackten Fabeln zu bedienen, es erging der Menschheit nachmals mit jedem falschen Propheten wie dem B?ren, den der Ahnherr an die honigbeschmierte Wagenstange lockte, und der sich durch und durch auf selbige hinaufleckte. Denn es mochte den Leuten etwas noch so Unglaubliches vorgeschw?tzt werden, sie riefen immer: Das mu? wahr sein; M?nchhausen hat ganz andre Sachen erfahren! So leckten sich die Leute vor f?nfzig bis sechzig Jahren auf den Eiszapfen der Aufkl?rung hinauf, und als sie mit M?he und Not von diesem wieder heruntergeschroben waren, und die grimmige Erk?ltung noch in ihren Eingeweiden rasselte, da kamen die Franzosen und hielten ihnen den Freiheitsbaum vor, mit einer Mischung von Sirup und Kognak bestrichen, und die Narren leckten wieder so tapfer darauf los, da? sie bald alle mit Schmerzen an dem stachlichten Stamme festsa?en, und Napoleon mit leichter M?he sie daran hinter sich herziehen konnte.

Nun, diese Begeisterung nahm denn endlich auch ein Ende mit Schrecken und gegenw?rtig...

Gegenw?rtig? fragte der Baron erwartungsvoll. Gegenw?rtig, versetzte der Freiherr bed?chtig, werden so viele und verschiedenartige Stangen, B?ume und Zapfen, worunter sich auch einige Eisenschienen befinden, mit Honig bestrichen, da? sich noch nicht entscheiden l??t, welches dieser Fangmittel die meisten zu fesseln imstande sein werde.

Aber das Wort der Wahrheit, durch welches Ihr Ahnherr an die dreihundert Menschen t?tete! rief das Fr?ulein Emerentia sanft und dringend.

Recht so, meine Gn?dige, erwiderte der Freiherr. Allegorie und Phantasiespiele sind aus der Mode, geh?ren der Ramlerschen Zeit an; Stoff! Stoff! Stoff! ruft die nach Realit?ten hungrige Welt. Hier ist der meinige. M?nchhausen, der Ahnherr, war trotz seines greulichen Lasters eine seltenbegabte Natur. Er hatte mit Cagliostro in Verbindung gestanden, zu seiner Zeit Gold gemacht, von der Sorte, die man Knallgold nennt, man versicherte, er h?re, nicht im fig?rlichen, sondern im buchst?blichen Sinne, das Gras wachsen, kurz, er hatte tiefe Blicke in so manches Naturgeheimnis getan. Besonders war an ihm ein scharfes Ahnungsverm?gen f?r eigne K?rperzust?nde ausgebildet worden, und alles, was nachmals in diesem Betreff von nerv?sen oder somnamb?len Personen erz?hlt worden ist, war Kleinigkeit gegen das, was glaubw?rdige Gew?hrsm?nner mir von ihm berichtet haben. Er wu?te an sich selbst jede Befindensver?nderung, wie die Hom?opathen die Krankheiten nennen, vorauszusp?ren, und trug, sozusagen, seine ganze somatische Zukunft, im Geruch vorgebildet, mit sich umher. Da? einer merkt, wenn ein Schnupfen bei ihm im Anzug ist, will nicht viel bedeuten; aber durch den Schnupfen hindurch die sp?teren ?bel, die ihn noch betreffen sollen, zu merken, ist allerdings nicht jedem gegeben. Theophilus, sagte der Ahnherr eines Tages zu dem Manne, der mein Vater vor der Welt hei?t, Theophilus, ich kriege morgen einen rechtschaffenen Schnupfen, wenn der vor?ber ist, gibts ein kaltes Fieberchen, und darnach wird der Rest der b?sen Sch?rfe als Podagra in den rechten Fu? fahren. Und richtig, so kam es. Er hatte durch den Schnupfen hindurch das kalte Fieber, durch dieses hindurch das Podagra an sich abgewittert.

Sie haben gewi? von jenem s?damerikanischen Indianerstamme im Gebiete Apapurincasiquinitschchiquisaqua geh?rt?

A... pa... pu... rin... buchstabierte der alte Baron. Jawohl, jawohl haben wir von diesem Stamme geh?rt, fuhr er nach einigem Besinnen fort. Wer sollte auch davon nicht geh?rt haben!

Apapurincasiquinitschchiquisaqua, fl?sterte das Fr?ulein schw?rmerisch vor sich hin.

Dieser Indianerstamm, sagte der Freiherr, wohnt dreiundsechzigdreiviertel Meilen s?dlich vom ?quator auf einem Bergplateau zweitausendf?nfhundert Fu? ?ber der Meeresfl?che. Von den schneeigten Piks der Cordilleras rings gesch?tzt, leben jene Menschen ein einfaches Ur und Naturleben hin. Nie suchte die Habsucht und Grausamkeit der Konquistadoren sie hinter ihren beschirmenden Felsenw?llen heim. B?ume gibt es nicht auf Apapurincasiquinitschchiquisaqua wegen seiner hohen Lage, aber unendliche Fl?chen dehnen sich an den sonnebeschienenen Abh?ngen der Piks aus, smaragdgr?n von einer Grasart, in deren breiten, f?cherartigen Bl?ttern der Westwind, welcher da best?ndig weht, ein melodisches S?useln zu erwecken nicht m?de wird. Zahlreiche Herden von pfirsichbl?tenen K?hen und Stieren, (so lieblich scherzt dort die Natur in Farben) weiden in den gr?nen Grasweiden; die feurigen K?lber sind goldgelb, erst nach und nach nehmen sie jenen k?lteren Farbenton an. Dieses Rindvieh ist der einzige Reichtum der unschuldigen Apapurincasiquinitschchiquisaquaner. Sie leben fast nur von der sauren oder sogenannten Schlippermilch, welche ihre sch?nen Jungfrauen, vom Antlitz bis zu den Fu?kn?cheln t?towiert, mit den feinen, rot und gelbbemalten Fingern den strotzenden Eutern der K?he entziehn.

Ihr himmlischen M?chte, wie reizend! sagte das Fr?ulein, in Gef?hl schwelgend.

Das hei?t, erinnerte der Baron, und rieb sich die Stirn, aus den Eutern gewinnen sie s??e Milch, und nachher machen sie den sauren Schlipper daraus.

Nein! antwortete der Freiherr. Der saure Schlipper kommt auf jenem gl?cklichen Bergplateau von der Kuh, und nur, wenn er lange gestanden hat, und dem Zustande der Verderbnis sich n?hert, dann geht er in S??igkeit ?ber.

Hm! Hm! Hm! Ja... aber murmelte der Alte und sch?ttelte den Kopf.

Erstaunen Sie nicht, h?ren Sie mich ruhig aus. Ist nicht alles Urspr?ngliche sauer? Wie schmeckt die wilde und unverbildete Kastanie? Kannst du in den jugendgr?nen Apfel bei?en, ohne das Gesicht verzerren zu m?ssen, oder in die kindliche harte Pflaume? Geben Trauben, die der buhlerische Strahl der Sonne noch nicht um ihre Unschuld betrog, etwas anderes, als Essig? Pindar singt: Das F?rnehmste ist Wasser; ich aber sage: Das Urspr?ngliche ist sauer.

O, das Urspr?ngliche! seufzte Emerentia.

Sauer ist daher die Milch jener Natur-K?he. Alle Haustiere verlieren bekanntlich durch den Umgang mit Menschen viel von ihrer urspr?nglichen Ausstattung; Hund und Katze, die in der Wildnis zottige, energische Bestien sind, werden in unsern Stuben kleine glatte Schmeichler, und so gibt denn auch unser Hornvieh, weil es in alle Widerspr?che abschw?chender Kultur mit einging, einen Saft, von welchem wir zwar glauben, er sei das Ergebnis unverstimmter Kr?fte, welcher aber gleichwohl in seiner s??en Schlaffheit nur die herabgekommne Konstitution der zahmen oder Kunst-Kuh anzeigt. Erst wenn diese sogenannte s??e, eigentlich aber entnervte Milch eine Zeitlang gestanden hat, besinnt sie sich wieder auf ihre verscherzte Urspr?nglichkeit, f?hrt in Reue und Scham zu den klaren Molken und dem gehaltvollen Schlipper auseinander, den die Leute in Niedersachsen auch wohl Waddicke nennen, und nun, in diesem biedern Zustande, wird sie von allen reinen Seelen in der holden Einsamkeit eines b?uerlichen D?ngerhofes mit Wollust verschl?rft. Aber Reue ist keine Unschuld, und unsre Schlippermilch nicht die, welche auf den H?hen von Apapurincasiquinitschchiquisaqua warm von der Kuh gezogen wird. O tr?nke wieder jeder deutsche Mann saure Milch...

Und rauchte dazu seine Pfeife Tobak..., fiel der alte Baron mit W?rme ein.

... ginge dann zwischen Gem?sebeeten auf und nieder spazieren!... rief der Freiherr.

Und h?rte nichts, als: Alle neun! oder Sandhase! von der benachbarten Kegelbahn seufzte der alte Baron.

Dann w?re Germanien wahrhaft restauriert! schlo? der Gast mit Emphase.

Aber um der G?tter willen, rief ein hagrer Mann, welcher w?hrend dieser Gespr?che eingetreten war, wir erfahren ja noch immer das Wort der Wahrheit nicht, wodurch Ihr Ahnherr dreihundert Menschen vom Leben zum Tode brachte!

Der Freiherr sah auf seine Uhr, und sagte mit dem Tone geistiger ?berlegenheit, welcher ihm eigen war: Es m?chte dazu heute zu sp?t sein. Auf morgen also, wenn Sie verg?nnen. Er stand auf, nahm eine Kerze, und verlie?, allen eine gute Nacht w?nschend, das Zimmer.

Warum fielt Ihr ihm in die Rede, Schulmeister? sagte der alte Baron verdrie?lich zu dem Hagern. Einen solchen Mann, mit einem so weltumfassenden Gesichtskreis mu? man nie im Flusse des Wortes st?ren, es kommt immer dabei etwas zum Vorschein, was unterh?lt und belehrt, und am Ende w?ren wir doch wohl noch zu dem Worte der Wahrheit seines Ahnherrn gediehen, wenn Ihr ihn nicht unterbrochen h?ttet.

Schelten Sie mich nicht, mein G?nner, um diesen Freiherrn von M?nchhausen, der uns da so unversehens in das Schlo? geworfen ist; erwiderte der Hagre. Er kann den an K?rze und Lakonismus Gewohnten schon ungeduldig machen, dieser endlose Redner und Erz?hler, denn er verf?llt immer aus dem Hundertsten in das Tausendste. K?rze aber, die k?rnige K?rze der Sparter, ist wie ein K?cher, darin gar viele Pfeile stecken; indem erstens...

Es ist schon gut, Schulmeister, fiel ihm der Alte in die Rede, indem er ihn mit einem zweideutigen Blicke ma?. Warum kommt Ihr heute so sp?t? Wir haben alles aufgespeist.

Der Schulmeister Agesilaus lie? seine Augen in die Ecke des Zimmers dringen, worin ein kleiner Tisch stand, ?rmlich gedeckt. Die Knochen eines verzehrten Huhns lagen auf den Tellern verstreut. Es wollte sich in der Eile nicht des Schilfes genug f?r mein Nachtlager schneiden lassen, versetzte er. So bin ich denn hier nach dem Mahle erschienen, und werde mich zu Hause mit schwarzer Suppe verk?stigen m?ssen. Er z?ndete seine Blendlaterne an, schlug den groben, zerri?nen Mantelkragen, den er statt des Rockes trug, fester um sich, und entfernte sich nach h?flicher Verbeugung gegen den Baron und das Fr?ulein.

Der Alte sah sich um und murrte: Kein zweiter Leuchter mehr hier? Er nahm aus dem Wandschranke ein Lichtst?mpfchen, steckte es in den Hals einer Flasche, und ging mit dieser Vorrichtung aus dem Stegreife davon, in tiefen Gedanken ?ber die Erz?hlungen des Gastes, ohne der Tochter weiter zu achten.

Diese hatte von allen seitherigen Verhandlungen nichts bemerkt, weil sich nach der Schilderung jenes gl?ckseligen Bergplateaus die romantische Tr?umerei ihrer bem?chtigt hatte, in die sie nicht selten versinken konnte. Jetzt fuhr sie aus diesen Entz?ckungen der Abwesenheit empor, und rief: Gro?es, ungeheures Naturbild! Das Smaragdgr?n der Wiesen am Abhange der Piks, vermischt mit dem Pfirsichrot der K?he und dem Goldgelb der K?lber, sich abhebend von dem Schneewei? der Cordillerasgipfel im Hintergrunde! O w?re ich auf Apapur... auf Apapur... auf der Bergebene mit dem unaussprechlichen Namen!

Ein Windsto? warf das Fenster auf, dessen einer Fl?gel, nur noch morsch in seinen N?geln hangend, zu Boden fiel, und klirrend zertr?mmerte. Das Fr?ulein aber achtete dieses Umstandes nicht sonderlich, sondern hob eine Tischplatte ab, stellte sie gegen die L?cke, und begab sich dann, gleich den ?brigen Personen, zur Ruhe, um von der Bergebne, mit deren langem Namen ich meine Zuh?rer schon so oft habe behelligen m?ssen, weiterzutr?umen.

Zw?lftes Kapitel
Der Freiherr bringt zwar die angefangne Geschichte nicht zu Ende, handelt aber von andern au?erordentlichen Dingen

M?nchhausen hob am folgenden Abende ohne Vorrede also an: Der s?damerikanische Indianerstamm, welcher uns gestern besch?ftigte, bringt es bei seiner sauren Milchnahrung meistens zu einem sehr hohen Alter. Es ist unter ihnen gar nicht selten, da? M?nner und Frauen das hundertste Jahr zur?cklegen. Weil ihre Sinne und S?fte nun immer in der unmittelbarsten Gemeinschaft mit der Natur verblieben, so wissen sie auch durch ein richtiges Gef?hl, wenn die Natur sich ihr Ziel gesetzt hat. Ein solcher Sterbegreis sagt daher ganz genau Stunde, Minute und Augenblick seines Todes voraus, flicht sich die Strohflasche, worin er sich zu bestatten gedenkt...

Die Strohflasche? fragte der Schulmeister Agesilaus.

Die Strohflasche, erwiderte der Freiherr kaltbl?tig. Wenn man mir von Anfang an zugeh?rt h?tte, so w?rde manche Frage zu sparen sein. Holz haben sie nicht, das sagte ich schon gestern, S?rge k?nnen sie folglich nicht zimmern, sie m?ssen sich mit getrocknetem Grase oder Stroh helfen, um ihre Leichenfutterale zu fertigen. Ein solches Futteral hat die Form desjenigen Geflechts, worin der Maraschino von Triest verschickt wird, l?nglicht-viereckicht, oben mit einem kurzen, etwas engeren Halse. Dahinein kriecht nun der Sterbegreis, nachdem er von seinen Angeh?rigen Abschied genommen hat, und endet p?nktlich in dem vorhergesagten Augenblicke. Sobald er verschieden ist, binden sie eine Blase ?ber die M?ndung, und dann setzt sich die ganze Familie im Kreise um das Sterbefutteral her und i?t zum Ged?chtnis des Verewigten saure Milch. Hierauf tragen sie die Strohflasche nach der Felsenbank Pipirilipi, dem allgemeinen Begr?bnisorte des Volks. Dort wird sie zu den ?brigen gestellt. Ich habe jene Ruhestatt selbst gesehen; sie gew?hrt einen sch?nen Anblick. Wie auf Rayolen in einem wohlversehenen Keller stehen dort auf der Felsenbank viele tausend Flaschen nebeneinander, die Vorzeit des Volks ist sozusagen auf Stroh abgezogen.

Sie waren auch auf dem smaragdgr?nen Plateau? fragte das Fr?ulein einigerma?en befremdet.

Liebe Seele, wo w?re ich nicht gewesen! antwortete l?chelnd der Freiherr. Ich war vor einigen Jahren europam?de, warum? wei? ich selbst nicht, denn es hatte mir niemand etwas zuleide getan, aber ich war europam?de, wie man gegen eilf Uhr abends schlafm?de wird. Beschlo? also, zu reisen, so weit weg, wie m?glich. Weil aber heutzutage jeder Mensch, der in Betrachtung kommen will, absonderlich unterweges, interessant sein und den Spleen haben mu?, reiste ich erst nach Berlin und lie? mich dort im Interessantsein unterrichten; daf?r zahlte ich zwei Friedrichsdor Honorar. Dann ging ich nach London, und lernte dort bei einem Master den Spleen; der Tausendsassa war aber teuer, ich mu?te ihm, Sie m?gen es mir glauben, oder nicht, zwanzig Guineen entrichten, und au?erdem schw?ren, das Geheimnis nicht verraten zu wollen.

Nachdem ich so das Interessante und den Spleen weg hatte, gl?ckte es mir ?berall recht sehr. Ich trug mich bald als Engl?nder, bald als Neugrieche, zuweilen lag ich als Dame auf dem Sofa und hatte Migr?ne; dabei redete ich ein Kauderwelsch von Franz?sisch und Deutsch, wie es zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts w?hrend der gro?en Sprachverderbnis Mode war. In jenen wechselnden Kost?men, und in diesem Deutsch, gorge-de-pigeon, bestand das Interessante; was aber den Spleen angeht, so f?hrte ich immer Kampfer bei mir, um das Geheimnis frisch zu erhalten. Davon bekommt man n?mlich eine blasse Couleur; ich sah bald aus, als h?tte ich schon zehn Jahre im Grabe gelegen. Als ich mich eines Tages in meinem Toilettenspiegel, deren ich damals, wo ich der Eitelkeit fr?nte, stets mehrere besa?, zu Gesichte bekam, und meine bleiche Farbe erblickte, ging mir ein lichter Gedanke im Kopfe auf. Sehe ich nicht wie eine Leiche aus? sagte ich zu mir selber. Ich will mich den Verstorbenen nennen. Gesagt, getan! Dieser Einfall hat Wunder gewirkt. Einen Verstorbenen hatten die Deutschen noch nicht gehabt. Und nun gar ein Verstorbener, der so traulich mit ihnen zu plaudern wu?te, und ihnen tausend Geschichtchen erz?hlte, die ein Lebender allenfalls auch in jedem Klatschzimmer der Soziet?t h?tte auftreiben k?nnen! Jung und alt, M?nner und Weiber, Gelehrte und Idioten dr?ngten sich zu den Leichenspuren des Verstorbenen; die alte Fabel wurde wieder neu, welche das Volk hinter einem geschm?ckten Verwesten jubelnd herwandern l??t. Geheime K?nste haben es aus der Gruft emporbeschworen, die Menge zu locken. Die J?nglinge dr?ngen sich begehrlich heran, mit der buntgeschminkten Frau Venus zu tanzen; immer weiter lockt die pestdampfende Sch?nheit, welche ihnen wie Zibeth und Ambra riecht, die L?sternen; endlich auf einem Kirchhofe fallen die Gew?nder von den klappernden Gebeinen ab, und ein scheu?liches Skelett faucht ihnen den Spruch zu: Sic transit gloria mundi. Aber mit mir kam es nicht so weit, vielmehr blieb ich, obgleich ein duftender Verstorbener, recht inmitten der Gloria Mundi. Nachdem ich so ber?hmt geworden war, strich ich durch die ganze Welt, kam auch im Vorbeigehen durch Afrika; in Algier wurde ich Arabisch mit allen Formalit?ten, hatte dann gutes Logis bei Vizek?nigs von ?gypten. Er wurde mein Duzbruder, und ich mu?te ihm tausend Sachen erz?hlen, die er mir alle geglaubt hat. Weiter oberhalb nach Nubien zu, unfern der gro?en Katarakte, stie? mir ein h?bsches Abenteuer mit einem Nilpferde auf. Ich sitze am Strom im Schilf, in naturalibus, wie mich der Herr geschaffen hat, denn anders bin ich in Afrika nie gegangen; esse mein Mittagsbrot in guter Ruhe, siehe da, schie?t eine Bestie von Hippopotamos auf mich zu, und hat mich im Rachen, ehe ich noch rufen kann: Qui vive! Ich indessen nehme in der Geschwindigkeit mein bi?chen Geistesgegenwart zusammen, schreie in dem Rachen, als das Vieh mich eben verschlucken will: Monsieur! Monsieur! avec permission, je suis son Altesse telle et telle! Was geschieht? Sie m?gen es mir glauben oder nicht: Die gute Seele von Nilpferd spuckt mich auf der Stelle aus, wischt sich die Tr?nen aus den Augen...

Womit? Womit? rief der Baron.

... mit einem Palmblatte, welches die ehrliche Haut in die rechte Vorderpfote nimmt; err?tet, und rennt besch?mt davon. So weit haben es Vizek?nigs schon in ?gypten gebracht, da? selbst die Hippopotamoi vor literarischen Sommit?ten Respekt bezeigen.

Ich meine, das Nilpferd n?hre sich nur von Vegetabilien, nicht von Fleisch, wandte das Fr?ulein bescheiden ein.

Es ist vermutlich kurzsichtig gewesen, und hat mich f?r eine Pflanze angesehen, antwortete der Freiherr. Ich wei?, was ich wei?; ich habe im Rachen drin gesteckt. Wahrheit mu? Wahrheit bleiben, und ehrlich w?hrt am l?ngsten. Wo blieb ich stehen? Ja, in Afrika. Warum soll ich Sie aber mit solchen Kleinigkeiten aufhalten? Ich war bald afrikam?de, wie ich europam?de gewesen war, beschlo? daher nach Amerika zu reisen, vorher aber einen Abstecher nach Deutschland und England zu machen, wohin mich verschiedne Gr?nde zuvor riefen.

Erstens hatte ich das Interessante und den Spleen etwas verlernt, und wollte daher wieder in Berlin und in London meinen Kursus machen. In Afrika sind die Leute gar nicht interessant, der Koran beg?nstigt diese Richtung nicht, eine arabische Schnauze ist wie die andre, und was den Spleen betrifft, so vertreibt den der Vizek?nig von ?gypten durch die Bastonade; es gibt kein efficaceres Mittel gegen Schwermut, als sie. Einmal hatte ich mich mit ihm etwas brouilliert, wie das unter Freunden wohl kommen kann; da dachte ich an die m?glichen Folgen f?r die Fu?sohlen, und von dem Gedanken schon war aller Spleen weg, selbst bis auf die Erinnerung. Es kam zum Gl?ck nicht zu jenen Folgen, wir vers?hnten uns und a?en noch denselben Mittag Sauerkraut mit Schweineohren zusammen, denn er ist ein aufgekl?rter T?rke, und will n?chstens in einer Schrift beweisen, da? Mahomet ein Produkt der Gl?ubigen sei. Wo blieb ich stehen? Ja so; bei dem Spleen. Nun, das Interesse hatte ich aus Mangel an Anschauungen in meiner Umgebung ebenfalls wieder eingeb??t. Ich mu?te also schon deshalb nach Deutschland und England.