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/ Brief einer Unbekannten





Brief einer Unbekannten

Als der bekannte Romanschriftsteller R. fr?hmorgens von dreit?gigem erfrischendem Ausflug ins Gebirge wieder nach Wien zur?ckkehrte und am Bahnhof eine Zeitung kaufte, wurde er, kaum dass er das Datum ?berflog, erinnernd gewahr, dass heute sein Geburtstag sei. Der einundvierzigste, besann er sich rasch, und diese Feststellung tat ihm nicht wohl und nicht weh. Fl?chtig[1]1
fl?chtig


[]
?berbl?tterte er die Seiten der Zeitung und fuhr mit einem Mietautomobil in seine Wohnung. Der Diener meldete aus der Zeit seiner Abwesenheit zwei Besuche sowie einige Telefonanrufe und ?berbrachte auf einem Tablett die angesammelte Post. L?ssig[2]2
l?ssig


[]
sah er den Einlauf an, riss ein paar Kuverts auf, die ihn durch ihre Absender interessierten; einen Brief, der fremde Schriftz?ge trug, schob er zun?chst beiseite. Dann z?ndete er sich eine Zigarre an und griff nun nach dem zur?ckgelegten Brief.


Es waren etwa zwei Dutzend geschriebene Seiten in fremder, unruhiger Frauenschrift. Unwillk?rlich betastete er noch einmal das Kuvert, ob nicht darin ein Begleitschreiben[3]3
Begleitschreiben, n


[]
vergessen geblieben w?re. Aber der Umschlag war leer.

Seltsam, dachte er, und nahm das Schreiben wieder zur Hand. Dir, der Du mich nie gekannt, stand oben als Anruf, als ?berschrift. Verwundert hielt er inne: galt das ihm, galt das einem ertr?umten[4]4
ertr?umten


[]
Menschen? Seine Neugier war pl?tzlich wach[5]5
Seine Neugier war pl?tzlich wach


[]
.

Und er begann den Brief zu lesen.


Mein Kind ist gestern gestorben drei Tage und drei N?chte habe ich mit dem Tode um dies kleine Leben gerungen, vierzig Stunden bin ich an seinem Bette gesessen. Ich habe K?hles um seine Stirn getan, ich habe seine unruhigen, kleinen H?nde gehalten Tag und Nacht. Am dritten Abend bin ich zusammengebrochen[6]6
zusammenbrechen


[]
. Meine Augen konnten nicht mehr, sie fielen zu, ohne dass ich es wusste. Drei Stunden oder vier war ich auf dem harten Sessel eingeschlafen, und indes hat der Tod ihn genommen. Nun liegt er dort, der s??e arme Knabe, in seinem schmalen Kinderbett, ganz so wie er starb. Nur die Augen sind geschlossen, seine klugen, dunkeln Augen. Ich wage nicht hinzusehen, ich wage nicht mich zu r?hren, denn wenn die Kerzen flackern, huschen Schatten ?ber sein Gesicht und den verschlossenen Mund, und es ist dann so, als regten sich seine Z?ge, und ich k?nnte meinen, er sei nicht tot. Aber ich wei? es, er ist tot, ich will nicht hinsehen mehr, um nicht noch einmal zu hoffen und entt?uscht zu sein. Ich wei? es, ich wei? es, mein Kind ist gestern gestorben jetzt habe ich nur Dich mehr auf der Welt, nur Dich, der Du von mir nichts wei?t. Nur Dich, der Du mich nie gekannt und den ich immer geliebt habe.

Ich habe die f?nfte Kerze genommen und hier zu dem Tisch gestellt, auf dem ich an Dich schreibe. Denn ich kann nicht allein sein mit meinem toten Kind und zu wem sollte ich sprechen in dieser entsetzlichen Stunde, wenn nicht zu Dir, der Du mir alles warst und alles bist! Vielleicht kann ich nicht ganz deutlich zu Dir sprechen, vielleicht verstehst Du mich nicht mein Kopf ist ja ganz dumpf. Ich glaube, ich habe Fieber, vielleicht auch schon die Grippe, die jetzt von T?r zu T?r schleicht, und das w?re gut, denn dann ginge ich mit meinem Kinde. Manchmal wird es mir ganz dunkel vor den Augen, vielleicht kann ich diesen Brief nicht einmal zu Ende schreiben aber ich will alle Kraft zusammentun, um einmal, nur dieses eine Mal zu Dir zu sprechen, Du mein Geliebter, der Du mich nie erkannt. Zu Dir allein will ich sprechen, Dir zum ersten Mal alles sagen. Mein ganzes Leben sollst Du wissen, das immer das Deine gewesen und um das Du nie gewusst. Aber Du sollst mein Geheimnis nur kennen, wenn ich tot bin, wenn Du mir nicht mehr Antwort geben musst, wenn das wirklich das Ende ist. Muss ich weiterleben, so zerrei?e ich diesen Brief und werde weiter schweigen, wie ich immer schwieg. H?ltst Du ihn aber in H?nden, so wei?t Du, dass hier eine Tote Dir ihr Leben erz?hlt, ihr Leben, das das Deine war. F?rchte[7]7
f?rchten


[]
Dich nicht vor meinen Worten; eine Tote will nichts mehr. Glaube mir alles, nur dies eine bitte ich Dich: man l?gt nicht in der Sterbestunde eines einzigen Kindes.


Mein ganzes Leben will ich Dir verraten, das wahrhaft erst begann mit dem Tage, da ich Dich kannte. Vorher war blo? etwas Tr?bes[8]8
tr?b(e)


[]
und Verworrenes[9]9
verwirren


[]
. Als Du kamst, war ich dreizehn Jahre und wohnte im selben Hause, wo Du jetzt wohnst. Du erinnerst Dich wahrscheinlich nicht mehr an uns wir waren ja ganz still. Du hast vielleicht nie unseren Namen geh?rt, denn wir hatten kein Schild auf unserer Wohnungst?r, und niemand kam, niemand fragte nach uns. Es ist ja auch schon so lange her, f?nfzehn, sechzehn Jahre, nein, Du wei?t es gewiss nicht mehr, mein Geliebter, ich aber, oh, ich erinnere mich an jede Einzelheit, ich wei? noch wie heute den Tag, nein, die Stunde, da ich zum ersten Mal von Dir h?rte, Dich zum ersten Mal sah, und wie sollte ich auch nicht, denn damals begann ja die Welt f?r mich.


Dulde, Geliebter, dass ich Dir alles, alles von Anfang erz?hle, werde, ich bitte Dich, die eine Viertelstunde von mir zu h?ren nicht m?de, die ich ein Leben lang Dich zu lieben nicht m?de geworden bin. Ehe Du in unser Haus einzogst, wohnten hinter Deiner T?r h?ssliche, b?se Leute. Arm wie sie waren, hassten sie am meisten die nachbarliche Armut. Der Mann war ein Trunkenbold[10]10
Trunkenbold, m


[]
und schlug seine Frau. Meine Mutter hatte von Anfang an jeden Verkehr[11]11
Verkehr, m


[]
mit ihnen vermieden und verbot mir, zu den Kindern zu sprechen. Das ganze Haus hasste mit einem gemeinsamen Instinkt diese Menschen, und als pl?tzlich einmal etwas geschehen war ich glaube, der Mann wurde wegen eines Diebstahls eingesperrt und sie mit ihrem Kram ausziehen mussten, atmeten wir alle auf. Ein paar Tage hing der Vermietungszettel[12]12
Vermietungszettel, m


[]
am Haustore, dann wurde er heruntergenommen, und durch den Hausmeister verbreitete es sich rasch, ein Schriftsteller, ein einzelner, ruhiger Herr, habe die Wohnung genommen.

Damals h?rte ich zum ersten Mal Deinen Namen. Aber Dich selbst bekam ich noch nicht zu Gesicht: alle diese Arbeiten ?berwachte Dein Diener, dieser kleine, ernste, grauhaarige Herrschaftsdiener, der alles mit einer leisen Art von oben herab dirigierte. Er imponierte uns allen sehr, erstens, weil in unserem Vorstadthaus ein Herrschaftsdiener etwas ganz Neuartiges war, und dann, weil er zu allen so ungemein h?flich war. Meine Mutter gr??te er vom ersten Tage an respektvoll als eine Dame. Wenn er Deinen Namen nannte, so geschah das immer mit einer gewissen Ehrfurcht[13]13
Ehrfurcht, f ,


[]
, mit einem besonderen Respekt. Und wie habe ich ihn daf?r geliebt, den guten alten Johann, obwohl ich ihn beneidete[14]14
beneiden


[]
, dass er immer um Dich sein durfte und Dir dienen.


Ich erz?hle Dir all das, Du Geliebter, all diese kleinen Dinge, damit Du verstehst, wie Du von Anfang an schon eine solche Macht gewinnen konntest ?ber das scheue[15]15
scheu ,


[]
Kind, das ich war. Wir alle in dem kleinen Vorstadthaus warteten schon ungeduldig auf Deinen Einzug. Und diese Neugier nach Dir steigerte sich erst bei mir, als ich eines Nachmittags von der Schule nach Hause kam und der M?belwagen vor dem Hause stand. Ich blieb an der T?r stehen, um alles bestaunen zu k?nnen, denn alle Deine Dinge waren so seltsam anders. Es gab da italienische Skulpturen, gro?e Bilder, und dann zum Schluss kamen B?cher, so viele und so sch?ne, wie ich es nie f?r m?glich gehalten.


Ich glaube, ich h?tte sie stundenlang alle angesehen: da rief mich die Mutter hinein. Den ganzen Abend dann musste ich an Dich denken; noch ehe ich Dich kannte. Ich besa? selbst nur ein Dutzend billige B?cher, die ich ?ber alles liebte und immer wieder las. Und nun habe ich gedacht, wie der Mensch sein m?sste, der all diese vielen herrlichen B?cher besa? und gelesen hatte, der alle diese Sprachen wusste, der so reich war und so gelehrt[16]16
gelehrt


[]
zugleich. Damals in jener Nacht und noch ohne Dich zu kennen, habe ich das erste Mal von Dir getr?umt. Am n?chsten Tage zogst Du ein, aber ich konnte Dich nicht zu Gesicht bekommen das steigerte nur meine Neugier. Endlich, am dritten Tage, sah ich Dich, und wie ersch?tternd[17]17
ersch?tternd


[]
war die ?berraschung f?r mich, dass Du so anders warst. Einen bebrillten Greis[18]18
Greis


[]
hatte ich mir getr?umt, und da kamst Du Du, ganz so, wie Du noch heute bist! Du trugst ein hellbrauner, entz?ckender Sportdress und liefst in Deiner unvergleichlich leichten knabenhaften Art die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Ich erschrak vor Erstaunen, wie jung, wie h?bsch, wie federnd-schlank und elegant Du warst. Und ist es nicht seltsam: in dieser ersten Sekunde empfand ich ganz deutlich, dass Du irgendein zwiefacher[19]19
zwiefach


[]
Mensch bist. Unbewusst empfand ich, was dann jeder bei Dir sp?rte, dass Du ein Doppelleben f?hrst, ein Leben mit einer hellen, der Welt offen zugekehrten Fl?che, und einer ganz dunkeln, die Du nur allein kennst diese tiefste Zweiheit, das Geheimnis Deiner Existenz, sie f?hlte ich, die Dreizehnj?hrige. Verstehst Du nun schon, Geliebter, was f?r ein Wunder, Du f?r mich, das Kind, sein musstest!


Muss ich Dir noch sagen, dass von diesem Tage an in unserem Hause, in meiner ganzen armen Kinderwelt mich nichts interessierte als Du. Ich beobachtete Dich, beobachtete die Menschen, die zu Dir kamen, und all das vermehrte nur, statt sie zu mindern, meine Neugier nach Dir selbst, denn die ganze Zwief?ltigkeit Deines Wesens[20]20
Wesen, n


[]
dr?ckte sich in der Verschiedenheit dieser Besuche aus. Da kamen junge Menschen, Kameraden von Dir, mit denen Du lachtest, abgerissene Studenten, und dann wieder Damen, die in Autos vorfuhren, einmal der Direktor der Oper, der gro?e Dirigent, dann wieder kleine M?del, die noch in die Handelsschule gingen. Ich dachte mir nichts Besonderes dabei, auch nicht, als ich eines Morgens, wie ich zur Schule ging, eine Dame von Dir weggehen sah ich war ja erst dreizehn Jahre alt, und die leidenschaftliche Neugier wusste im Kinde noch nicht, dass sie schon Liebe war. Aber ich wei? noch genau, mein Geliebter, den Tag und die Stunde, wann ich ganz und f?r immer an Dich verloren war. Ich hatte mit einer Schulfreundin einen Spaziergang gemacht, wir standen plaudernd vor dem Tor. Da kam ein Auto angefahren, hielt an, und schon sprangst Du mit Deiner ungeduldigen Art vom Trittbrett und wolltest in die T?r. Unwillk?rlich[21]21
unwillk?rlich ,


[]
zwang es mich, Dir die T?r aufzumachen. Du sahst mich an mit warmen, weichen Blick, der wie eine Z?rtlichkeit war, l?cheltest mir und sagtest mit einer ganz leisen und fast vertraulichen Stimme: Danke vielmals, Fr?ulein.

Das war alles, Geliebter; aber von dieser Sekunde, seit ich diesen weichen, z?rtlichen Blick gesp?rt, war ich Dir verfallen. Ich habe ja sp?ter erfahren, dass Du diesen Blick des geborenen Verf?hrers, jeder Frau hingibst, die an Dich streift. Aber ich, das dreizehnj?hrige Kind, ahnte das nicht: ich war wie in Feuer getaucht. Ich glaubte, die Z?rtlichkeit gelte nur mir, nur mir allein, und in dieser einen Sekunde war die Frau in mir erwacht. Wer war das? fragte meine Freundin. Ich konnte ihr nicht gleich antworten. Es war mir unm?glich, Deinen Namen zu nennen: schon in dieser einzigen Sekunde war er mir heilig, war er mein

Geheimnis geworden. Ach, irgendein Herr, der hier im Hause wohnt, stammelte ich dann ungeschickt[22]22
ungeschickt ,


[]
heraus. Aber warum bist du denn so rot geworden, wie er dich angeschaut hat? spottete[23]23
spotten


[]
die Freundin mit eines neugierigen Kindes. Bl?de Gans, sagte ich wild. Aber sie lachte nur noch lauter, bis ich f?hlte, dass mir die Tr?nen in die Augen schossen. Ich lie? sie stehen und lief hinauf. Von dieser Sekunde an habe ich Dich geliebt.


Ich wei?, Frauen haben Dir oft dieses Wort gesagt. Aber glaube mir, niemand hat Dich so hingebungsvoll[24]24
hingebungsvoll


[]
geliebt wie dieses Wesen, das ich war. Nur einsame Kinder k?nnen ganz ihre Leidenschaft zusammenhalten[25]25
Leidenschaft zusammenhalten


[]
. Die andern spielen damit, wie mit einem Spielzeug, sie prahlen[26]26
prahlen


[]
damit, wie Knaben mit ihrer ersten Zigarette. Aber ich, ich hatte ja niemand, um mich anzuvertrauen: ich st?rzte hinein in mein Schicksal wie in einen Abgrund[27]27
Abgrund, m


[]
. Alles, was in mir wuchs, wusste nur Dich, den Traum von Dir, als Vertrauten.


Mein Vater war l?ngst gestorben, die Mutter mir fremd in ihrer ewige Bedr?cktheit[28]28
Bedr?cktheit, f


[]
, die Schulm?dchen stie?en mich ab, weil sie so leichtfertig[29]29
leichtfertig


[]
mit dem spielten, was mir letzte Leidenschaft war. Du warst mir wie soll ich es Dir sagen? Jeder einzelne Vergleich ist zu gering Du warst eben alles, mein ganzes Leben. Alles in meiner Existenz hatte nur Sinn, wenn es mit Dir verbunden war. Bisher mittelm??ig in der Schule, wurde ich pl?tzlich die Erste, ich las tausend B?cher bis tief in die Nacht, weil ich wusste, dass Du die B?cher liebtest, ich begann, zum Erstaunen meiner Mutter, pl?tzlich Klavier zu ?ben, weil ich glaubte, Du liebtest Musik. Ich putzte und n?hte an meinen Kleidern. Aber Du hast mich ja nie, fast nie mehr angesehen. Und doch: ich tat eigentlich den ganzen Tag nichts als auf Dich warten. An unserer T?r war ein kleines Guckloch, durch dessen kreisrunden Ausschnitt man hin?ber auf Deine T?r sehen konnte. Dieses Guckloch nein, l?chle nicht, Geliebter, noch heute, noch heute sch?me ich mich jener Stunden nicht! war mein Auge in die Welt hinaus, dort, im eiskalten Vorzimmer. Ich war immer um Dich, immer in Spannung und Bewegung. Ich wusste alles von Dir, kannte jede Deiner Gewohnheiten, jede Deiner Krawatten, jeden Deiner Anz?ge.

Ich wei?, das sind alles kindische Torheiten, die ich Dir da erz?hle. Aber ich sch?me mich nicht, denn nie war meine Liebe zu Dir reiner und leidenschaftlicher als in diesen kindlichen Exzessen.


Aber ich will Dich nicht langweilen. Nur das sch?nste Erlebnis meiner Kindheit will ich Dir noch anvertrauen. An einem Sonntag muss es gewesen sein. Du warst verreist, und Dein Diener schleppte die schweren Teppiche, durch die offene Wohnungst?r. Er trug schwer daran, der Gute, und in einem Anfall von Verwegenheit ging ich zu ihm und fragte, ob ich ihm nicht helfen k?nnte. Er war staunt, aber lie? mich gew?hren, und so sah ich Deine Wohnung von innen.

Diese Minute war die gl?cklichste meiner Kindheit. Sie wollte ich Dir erz?hlen, damit Du, der Du mich nicht kennst, endlich zu ahnen beginnst, wie ein Leben an Dir hing und verging. Ich merkte nicht, dass ein ?lterer Herr, ein Kaufmann aus Innsbruck ?fter kam und l?nger blieb, ja, es war mir nur angenehm, denn er f?hrte Mama manchmal in das Theater, und ich konnte allein bleiben, an Dich denken, was ja meine h?chste, meine einzige Seligkeit[30]30
Seligkeit, f


[]
war.


Eines Tages nun rief mich die Mutter in ihr Zimmer; sie h?tte ernst mit mir zu sprechen. Ich wurde blass und h?rte mein Herz pl?tzlich h?mmern[31]31
h?mmern


[]
: sollte sie etwas geahnt? Mein erster Gedanke warst Du, das Geheimnis, das mich mit der Welt verband. Aber die Mutter war selbst verlegen[32]32
verlegen


[]
, sie k?sste mich (was sie sonst nie tat), sie begann zu erz?hlen, ihr Verwandter habe ihr einen Heiratsantrag gemacht, und sie sei entschlossen, ihn anzunehmen. Hei?er stieg mir das Blut zum Herzen: nur ein Gedanke antwortete von innen, der Gedanke an Dich. Aber wir bleiben doch hier? konnte ich gerade noch stammeln[33]33
stammeln


[]
. Nein, wir ziehen nach Innsbruck, dort hat Ferdinand eine sch?ne Villa. Mehr h?rte ich nicht. Mir ward schwarz vor den Augen. Sp?ter wusste ich, dass ich in Ohnmacht[34]34
Ohnmacht, f


[]
gefallen war. Was dann in den n?chsten Tagen geschah, wie ich mich wehrte gegen ihren ?berm?chtigen Willen, das kann ich Dir nicht schildern[35]35
schildern ,


[]
: noch jetzt zittert mir, da ich daran denke, die Hand im Schreiben. Mein wirkliches Geheimnis konnte ich nicht verraten.


Niemand sprach mehr mit mir, alles geschah hinterr?cks. Man nutzte die Stunden, da ich in der Schule war, um die ?bersiedlung zu f?rdern: kam ich dann nach Hause, so war immer wieder ein anderes St?ck verr?umt oder verkauft. Ich sah, wie die Wohnung und damit mein Leben verfiel, und einmal, als ich zum Mittagessen kam, waren die M?belpacker dagewesen und hatten alles weggeschleppt. In den leeren Zimmern standen die gepackten Koffer und zwei Feldbetten f?r die Mutter und mich: da sollten wir noch eine Nacht schlafen, die letzte, und morgen nach Innsbruck reisen.


An diesem letzten Tag f?hlte ich mit pl?tzlicher Entschlossenheit, dass ich nicht mehr leben konnte ohne Deine N?he. Wie ich mir es dachte und ob ich ?berhaupt klar in diesen Stunden der Verzweiflung[36]36
Verzweiflung, f


[]
zu denken vermochte, das werde ich nie sagen k?nnen, aber pl?tzlich die Mutter war fort stand ich auf im Schulkleid, wie ich war, und ging hin?ber zu Dir. Nein, ich ging nicht: es stie? mich mit steifen Beinen, mit zitternden[37]37
zitternden


[]
Gelenken magnetisch fort zu Deiner T?r. Ich sagte Dir schon, ich wusste nicht deutlich, was ich wollte: Dir zu F??en fallen [38]38
zu F??en fallen


[]
und Dich bitten, mich zu behalten als Magd, und ich f?rchte, Du wirst l?cheln ?ber diesen unschuldigen Fanatismus einer F?nfzehnj?hrigen, aber Geliebter, Du w?rdest nicht mehr l?cheln, w?sstest Du, wie ich damals drau?en im eiskalten Gange stand, starr vor Angst. Es war ein Kampf durch die Ewigkeit entsetzlicher Sekunden den Finger auf den Knopf der T?rklingel dr?ckte.


Aber du kamst nicht. Niemand kam. Du warst offenbar fort an jenem Nachmittage und Johann auf Besorgung. Ich ging in unsere zerst?rte, ausger?umte Wohnung zur?ck. Aber unter dieser Ersch?pfung[39]39
Ersch?pfung, f


[]
gl?hte noch unverl?scht die Entschlossenheit, Dich zu sehen, Dich zu sprechen, ehe sie mich wegrissen. Die ganze lange, entsetzliche Nacht habe ich dann, Geliebter, auf Dich gewartet. Kaum dass die Mutter sich in ihr Bett gelegt hatte und eingeschlafen war, schlich ich in das Vorzimmer hinaus, um zu horchen, wann Du nach Hause k?mest. Die ganze Nacht habe ich gewartet, und es war eine eisige Januarnacht. Ich war m?de, meine Glieder schmerzten mich, und es war kein Sessel mehr, mich hinzusetzen: so legte ich mich flach auf den kalten Boden, ?ber den der Zug von der T?r hinstrich. Ich musste immer wieder aufstehen, so kalt war es im entsetzlichen Dunkel. Aber ich wartete, wartete, wartete auf Dich wie auf mein Schicksal. Endlich es muss schon zwei oder drei Uhr morgens gewesen sein h?rte ich unten das Haustor aufsperren und dann Schritte die Treppe hinauf. Warst Du es, der da kam? Ja, Du warst es, Geliebter aber Du warst nicht allein. Du kamst mit einer Frau nach Hause Wie ich diese Nacht ?berleben konnte, wei? ich nicht. Am n?chsten Morgen, um acht Uhr, schleppten sie mich nach Innsbruck.


Mein Kind ist gestern Nacht gestorben nun werde ich wieder allein sein, wenn ich wirklich weiterleben muss. Morgen werden sie kommen, fremde, schwarze, ungeschlachte M?nner, und einen Sarg bringen, werden es hineinlegen, mein armes Kind. Vielleicht kommen auch Freunde und bringen Kr?nze. Sie werden mich tr?sten und mir irgendwelche Worte sagen. Was k?nnen sie mir helfen? Ich wei?, ich muss dann doch wieder allein sein. Und es gibt nichts Entsetzlicheres, als Alleinsein unter den Menschen. Damals habe ich es erfahren, damals in jenen Jahren von meinem sechzehnten bis zu meinem achtzehnten, wo ich wie eine Gefangene zwischen meiner Familie lebte[40]40
wie eine Gefangene leben


[]
.


Der Stiefvater, ein sehr ruhiger, wortkarger Mann, war gut zu mir, meine Mutter schien allen meinen W?nschen bereit, junge Menschen bem?hten sich um mich, aber ich stie? sie alle in einem leidenschaftlichen Trotz[41]41
Trotz, m ,


[]
zur?ck. Ich wollte nicht gl?cklich, nicht zufrieden leben abseits von Dir. Die neuen, bunten Kleider, die sie mir kauften, zog ich nicht an. Ich weigerte mich, in Konzerte, in Theater zu gehen. Ich sa? allein zu Hause, stundenlang, tagelang, und tat nichts, als an Dich zu denken. Ich kaufte mir alle Deine B?cher. Wenn Dein Name in der Zeitung stand, war es ein festlicher Tag. Willst Du es glauben, dass ich jede Zeile aus Deinen B?chern auswendig kann, so oft habe ich sie gelesen?


Die ganze Welt, sie existierte nur in Beziehung auf Dich. Doch war ich damals wirklich noch ein Kind? Ich wurde siebzehn, wurde achtzehn Jahre die jungen Leute begannen sich auf der Stra?e nach mir umzublicken, doch sie erbitterten[42]42
erbitten


[]
mich nur. Mein ganzes Denken war in eine Richtung gespannt: zur?ck nach Wien, zur?ck zu Dir.


Mein Stiefvater war verm?gend[43]43
verm?gend ,


[]
, er betrachtete mich als sein eigenes Kind. Aber ich drang in erbittertem Starrsinn darauf, ich wolle mir mein Geld selbst verdienen, und erreichte es endlich, dass ich in Wien zu einem Verwandten als Angestellte eines gro?en Konfektionsgesch?ftes kam. Muss ich Dir sagen, wohin mein erster Weg ging, als ich an einem nebligen Herbstabend endlich! endlich! in Wien ankam?


Ich lie? die Koffer an der Bahn, st?rzte mich in eine Stra?enbahn und lief vor das Haus. Deine Fenster waren erleuchtet, mein ganzes Herz klang. Ich sah nur empor[44]44
empor


[]
und empor: da war Licht, da war das Haus, da warst Du, da war meine Welt. Zwei Jahre hatte ich von dieser Stunde getr?umt, nun war sie mir geschenkt. Ich stand den langen, weichen Abend vor Deinen Fenstern, bis das Licht erlosch.

Dann suchte ich erst mein Heim. Jeden Abend stand ich dann so vor Deinem Haus. Bis sechs Uhr hatte ich Dienst im Gesch?ft, harten, anstrengenden Dienst, aber er war mir lieb, denn diese Unruhe lie? mich die eigene nicht so schmerzhaft f?hlen. Nur Dich einmal sehen, nur einmal Dir begegnen, das war mein einziger Wille, nur wieder einmal mit dem Blick Dein Gesicht umfassen[45]45
mit dem Blick Dein Gesicht umfassen


[]
d?rfen von ferne. Etwa nach einer Woche geschah dann endlich, dass ich Dir begegnete, und zwar gerade in einem Augenblick, wo ich es nicht vermutete: w?hrend ich eben hinauf zu Deinen Fenstern sp?hte[46]46
sp?hen


[]
, kamst Du quer ?ber die Stra?e. Und pl?tzlich war ich wieder das Kind, das dreizehnj?hrige, ich f?hlte, wie das Blut mir in die Wangen schoss; unwillk?rlich, wider meinen innersten Drang, der sich sehnte, Deine Augen zu f?hlen, senkte ich den Kopf und lief blitzschnell an Dir vorbei. Nachher sch?mte ich mich dieser schulm?delhaften Flucht[47]47
Flucht, f


[]
, denn jetzt war mein Wille mir doch klar: ich wollte Dir ja begegnen, ich suchte Dich, ich wollte von Dir erkannt sein, wollte von Dir beachtet, wollte von Dir geliebt sein.





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