Arthur Schnitzler.

Casanovas Heimfahrt





Casanovas Heimfahrt

In seinem dreiundf?nfzigsten Lebensjahre, als Casanova l?ngst nicht mehr von der Abenteuerlust der Jugend, sondern von der Ruhelosigkeit nahenden Alters durch die Welt gejagt wurde, f?hlte er in seiner Seele das Heimweh nach seiner Vaterstadt Venedig so heftig anwachsen, da? er sie, gleich einem Vogel, der aus luftigen H?hen zum Sterben allm?hlich nach abw?rts steigt, in eng und immer enger werdenden Kreisen zu umziehen begann. ?fter schon in den letzten zehn Jahren seiner Verbannung hatte er an den hohen Rat Gesuche gerichtet, man m?ge ihm die Heimkehr gestatten; doch hatten ihm fr?her bei der Abfassung solcher Satzschriften, in denen er Meister war, Trotz und Eigensinn, manchmal auch ein grimmiges Vergn?gen an der Arbeit selbst die Feder gef?hrt, so schien sich seit einiger Zeit in seinen fast dem?tig flehenden Worten ein schmerzliches Sehnen und echte Reue immer unverkennbarer auszusprechen. Er glaubte um so sicherer auf Erh?rung rechnen zu d?rfen, als die S?nden seiner fr?heren Jahre, unter denen ?brigens nicht Zuchtlosigkeit, H?ndelsucht und Betr?gereien meist lustiger Natur, sondern Freigeisterei den Venezianer Ratsherren die unverzeihlichste d?nkte, allm?hlich in Vergessenheit zu geraten begannen und die Geschichte seiner wunderbaren Flucht aus den Bleikammern von Venedig, die er unz?hlige Male an regierenden H?fen, in adeligen Schl?ssern, an b?rgerlichen Tischen und in ?belber?chtigten H?usern zum besten gegeben hatte, jede andere Nachrede, die sich an seinen Namen kn?pfte, zu ?bert?nen anfing; und eben wieder, in Briefen nach Mantua, wo er sich seit zwei Monaten aufhielt, hatten hochm?gende Herren dem an innerm wie an ?u?erm Glanz langsam verl?schenden Abenteurer Hoffnung gemacht, da? sich sein Schicksal binnen kurzem g?nstig entscheiden w?rde.

Da seine Geldmittel recht sp?rlich geworden waren, hatte Casanova beschlossen, in dem bescheidenen, aber anst?ndigen Gasthof, den er schon in gl?cklicheren Jahren einmal bewohnt hatte, das Eintreffen der Begnadigung abzuwarten, und er vertrieb sich indes die Zeit ungeistigerer Zerstreuungen nicht zu gedenken, auf die g?nzlich zu verzichten er nicht imstande war haupts?chlich mit Abfassung einer Streitschrift gegen den L?sterer Voltaire, durch deren Ver?ffentlichung er seine Stellung und sein Ansehen in Venedig gleich nach seiner Wiederkehr bei allen Gutgesinnten in unzerst?rbarer Weise zu befestigen gedachte.

Eines Morgens, auf einem Spaziergang au?erhalb der Stadt, w?hrend er f?r einen vernichtenden, gegen den gottlosen Franzosen gerichteten Satz die letzte Abrundung zu finden sich m?hte, befiel ihn pl?tzlich eine au?erordentliche, fast k?rperlich peinvolle Unruhe; das Leben, das er in leidiger Gew?hnung nun schon durch drei Monate f?hrte: die Morgenwanderungen vor dem Tor ins Land hinaus, die kleinen Spielabende bei dem angeblichen Baron Perotti und dessen blatternarbiger Geliebten, die Z?rtlichkeiten seiner nicht mehr ganz jungen, aber feurigen Wirtin, ja sogar die Besch?ftigung mit den Werken Voltaires und die Arbeit an seiner eigenen k?hnen und bisher, wie ihm d?nkte, nicht ?bel gelungenen Erwiderung; all dies erschien ihm, in der linden, allzu s??en Luft dieses Sp?tsommermorgens, gleicherma?en sinnlos und widerw?rtig; er murmelte einen Fluch vor sich hin, ohne recht zu wissen, wen oder was er damit treffen wollte; und, den Griff seines Degens umklammernd, feindselige Blicke nach allen Seiten sendend, als richteten aus der Einsamkeit ringsum unsichtbare Augen sich h?hnend auf ihn, wandte er pl?tzlich seine Schritte nach der Stadt zur?ck, in der Absicht, noch in derselben Stunde Anstalten f?r seine sofortige Abreise zu treffen.

Denn er zweifelte nicht, da? er sich sofort besser befinden w?rde, wenn er nur erst der ersehnten Heimat wieder um einige Meilen n?her ger?ckt w?re. Er beschleunigte seinen Gang, um sich rechtzeitig einen Platz in der Eilpost zu sichern, die vor Sonnenuntergang in der Richtung nach Osten abfuhr; weiter hatte er kaum etwas zu tun, da er sich einen Abschiedsbesuch beim Baron Perotti wohl schenken durfte, und ihm eine halbe Stunde vollauf gen?gte, um seine gesamten Habseligkeiten f?r die Reise einzupacken. Er dachte der zwei etwas abgetragenen Gew?nder, von denen er das schlechtere am Leibe trug, und der vielfach geflickten, einst fein gewesenen W?sche, die mit ein paar Dosen, einer goldenen Kette samt Uhr und einer Anzahl von B?chern seinen ganzen Besitz ausmachten; vergangene Tage fielen ihm ein, da er als vornehmer Mann mit allem Notwendigen und ?berfl?ssigen reichlich ausgestattet, wohl auch mit einem Diener der freilich meist ein Gauner war im pr?chtigen Reisewagen durch die Lande fuhr; und ohnm?chtiger Zorn trieb ihm die Tr?nen in die Augen. Ein junges Weib, die Peitsche in der Hand, kutschierte ein W?gelchen an ihm vorbei, darin zwischen S?cken und allerlei Hausrat schnarchend ihr betrunkener Mann lag. Sie blickte Casanova, wie er verzerrten Gesichtes, Unverst?ndliches durch die Z?hne murmelnd, unter den abgebl?hten Kastanienb?umen der Heerstra?e langbeinig ausschreitend einherkam, zuerst neugierig sp?ttisch ins Gesicht, doch da sie ihren Blick zornig blitzend erwidert sah, nahmen ihre Augen einen erschrockenen, und endlich, wie sie sich im Weiterfahren nach ihm umwandte, einen wohlgef?llig l?sternen Ausdruck an. Casanova, der wohl wu?te, da? Grimm und Ha? l?nger in den Farben der Jugend zu spielen verm?gen als Sanftheit und Z?rtlichkeit, erkannte sofort, da? es nur eines frechen Anrufs von seiner Seite bedurft h?tte, um dem Wagen Halt zu gebieten und dann mit dem jungen Weib anstellen zu k?nnen, was ihm weiter beliebte; doch, obzwar diese Erkenntnis seine Laune f?r den Augenblick besserte, schien es ihm nicht der M?he wert, um eines so geringen Abenteuers willen auch nur wenige Minuten zu verziehen; und so lie? er das Bauernw?gelchen samt seinen Insassen im Staub und Dunst der Landstra?e unangefochten weiterknarren.

Der Schatten der B?ume nahm der emporsteigenden Sonne nur wenig von ihrer sengenden Kraft, und Casanova sah sich gen?tigt, seinen Schritt allm?hlich zu m??igen. Der Staub der Stra?e hatte sich so dicht auf sein Gewand und Schuhwerk gelegt, da? ihnen ihre Verbrauchtheit nicht mehr anzumerken war, und so konnte man Casanova, nach Tracht und Haltung, ohne weiteres f?r einen Herrn von Stande nehmen, dem es just gefallen hatte, seine Karosse einmal daheim zu lassen. Schon spannte sich der Torbogen vor ihm aus, in dessen n?chster N?he der Gasthof gelegen war, in dem er wohnte, als ihm ein l?ndlich schwerf?lliger Wagen entgegengeholpert kam, in dem ein beh?biger, gutgekleideter, noch ziemlich junger Mann sa?. Er hatte die H?nde ?ber dem Magen gekreuzt und schien eben mit blinzelnden Augen einnicken zu wollen, als sein Blick, zuf?llig Casanova streifend, in unerwarteter Lebhaftigkeit aufgl?nzte, wie zugleich seine ganze Erscheinung in eine Art von heiterm Aufruhr zu geraten schien. Er erhob sich zu rasch, sank sofort zur?ck, stand wieder auf, versetzte dem Kutscher einen Sto? in den R?cken, um ihn zum Halten zu veranlassen, drehte sich in dem weiterrollenden Wagen um, um Casanova nicht aus dem Gesicht zu verlieren, winkte ihm mit beiden H?nden zu und rief endlich mit einer d?nnen hellen Stimme dreimal dessen Namen in die Luft. Erst an der Stimme hatte Casanova den Mann erkannt, trat auf den Wagen zu, der stehengeblieben war, ergriff l?chelnd die beiden sich ihm entgegenstreckenden H?nde und sagte: Ist es m?glich, Olivo Sie sind es? Ja, ich bin es, Herr Casanova, Sie erkennen mich also wieder? Warum sollt ich nicht? Sie haben zwar seit Ihrem Hochzeitstag, an dem ich Sie zuletzt gesehn, an Umfang ein wenig zugenommen, aber auch ich mag mich in den f?nfzehn Jahren nicht unerheblich ver?ndert haben, wenn auch nicht in gleicher Weise. Kaum, rief Olivo, so gut wie gar nicht, Herr Casanova! ?brigens sind es sechzehn Jahre, vor wenigen Tagen waren es sechzehn! Und wie Sie sich wohl denken k?nnen, haben wir, gerade bei dieser Gelegenheit, ein h?bsches Weilchen lang von Ihnen gesprochen, Amalia und ich Wirklich, sagte Casanova herzlich, Sie erinnerte sich beide noch manchmal meiner? Olivos Augen wurden feucht. Noch immer hielt er Casanovas H?nde in den seinen und dr?ckte sie nun ger?hrt. Wieviel haben wir Ihnen zu danken, Herr Casanova! Und wir sollten unsres Wohlt?ters jemals vergessen? Und wenn wir jemals Reden wir nicht davon, unterbrach Casanova. Wie befindet sich Frau Amalia? Wie ist es ?berhaupt zu verstehn, da? ich in diesen ganzen zwei Monaten, die ich nun in Mantua verbringe freilich recht zur?ckgezogen, aber ich gehe doch viel spazieren nach alter Gewohnheit wie kommt es, da? ich Ihnen, Olivo, da? ich Ihnen beiden nicht ein einziges Mal begegnet bin? Sehr einfach, Herr Casanova! Wir wohnen ja l?ngst nicht mehr in der Stadt, die ich ?brigens niemals habe leiden k?nnen, so wenig wie Amalia sie leiden mag. Erweisen Sie mir die Ehre, Herr Casanova, steigen Sie ein, in einer Stunde sind wir bei mir zu Hause und da Casanova leicht abwehrte Sagen Sie nicht nein. Wie gl?cklich wird Amalia sein, Sie wiederzusehen, und wie stolz, Ihnen unsre drei Kinder zu zeigen. Ja, drei, Herr Casanova. Lauter M?dchen. Dreizehn, zehn und acht Also noch keines in den Jahren, sich mit Verlaub sich von Casanova das K?pfchen verdrehen zu lassen. Er lachte gutm?tig und machte Miene, Casanova einfach zu sich in den Wagen hereinzuziehen. Casanova aber sch?ttelte den Kopf. Denn, nachdem er fast schon versucht gewesen war, einer begreiflichen Neugier nachzugeben und der Aufforderung Olivos zu folgen, ?berkam ihn seine Ungeduld mit neuer Macht, und er versicherte Olivo, da? er leider gen?tigt sei, heute noch vor Abend Mantua in wichtigen Gesch?ften zu verlassen. Was hatte er auch in Olivos Haus zu suchen? Sechzehn Jahre waren eine lange Zeit! Amalia war indes gewi? nicht j?nger und sch?ner geworden; bei dem dreizehnj?hrigen T?chterlein w?rde er in seinen Jahren kaum sonderlichen Anwert finden; und Herrn Olivo selbst, der damals ein magerer, der Studien beflissener J?ngling gewesen war, als b?urisch beh?bigen Hausvater in l?ndlicher Umgebung zu bewundern, das lockte ihn nicht genug, als da? er darum eine Reise h?tte aufschieben sollen, die ihn Venedig wieder um zehn oder zwanzig Meilen n?her brachte. Olivo aber, der nicht gesonnen schien, Casanovas Weigerung ohne weiteres hinzunehmen, bestand darauf, ihn vorerst einmal im Wagen nach dem Gasthof zu bringen, was ihm Casanova f?glich nicht abschlagen konnte. In wenigen Minuten waren sie am Ziel. Die Wirtin, eine stattliche Frau in der Mitte der Drei?ig, begr??te in der Einfahrt Casanova mit einem Blick, der das zwischen ihnen bestehende z?rtliche Verh?ltnis auch f?r Olivo ohne weitres ersichtlich machen mu?te. Diesem aber reichte sie die Hand als einem guten Bekannten, von dem sie wie sie Casanova gegen?ber gleich bemerkte eine gewisse, auf seinem Gut wachsende, sehr preisw?rdige, s??lich-herbe Weinsorte regelm??ig zu beziehen pflegte. Olivo beklagte sich sofort, da? der Chevalier von Seingalt (denn so hatte die Wirtin Casanova begr??t, und Olivo z?gerte nicht, sich gleichfalls dieser Anrede zu bedienen) so grausam sei, die Einladung eines wiedergefundenen alten Freundes auszuschlagen, aus dem l?cherlichen Grunde, weil er heute, und durchaus gerade heute, von Mantua wieder abreisen m?sse. Die befremdete Miene der Wirtin belehrte ihn sofort, da? diese von Casanovas Absicht bisher noch nichts gewu?t hatte, und Casanova hielt es daraufhin f?r angebracht, zu erkl?ren, da? er den Reiseplan zwar nur vorgesch?tzt, um nicht der Familie des Freundes durch einen so unerwarteten Besuch l?stig zu fallen; tats?chlich aber sei er gen?tigt, ja verpflichtet, in den n?chsten Tagen eine wichtige schriftstellerische Arbeit abzuschlie?en, wof?r er keinen geeigneteren Ort w??te, als diesen vorz?glichen Gasthof, in dem ihm ein k?hles und ruhiges Zimmer zur Verf?gung st?nde. Darauf beteuerte Olivo, da? seinem bescheidenen Haus keine gr??re Ehre widerfahren k?nne, als wenn der Chevalier von Seingalt dort sein Werk zum Abschlu? br?chte; die l?ndliche Abgeschiedenheit k?nne einem solchen Unterfangen doch nur f?rderlich sein; an gelehrten Schriften und Hilfsb?chern, wenn Casanova solcher ben?tigte, w?re auch kein Mangel, da seine, Olivos, Nichte, die Tochter seines verstorbenen Stiefbruders, ein junges, aber trotz ihrer Jugend schon h?chst gelehrtes M?dchen, vor wenigen Wochen mit einer ganzen Kiste voll B?chern bei ihnen eingetroffen sei; und wenn des Abends gelegentlich G?ste erschienen, so brauchte sich der Herr Chevalier weiter nicht um sie zu k?mmern; es sei denn, da? ihm nach des Tages Arbeit und Bem?hen eine heitre Unterhaltung oder ein kleines Spielchen nicht eher eine willkommene Zerstreuung bedeutete. Casanova hatte kaum von einer jungen Nichte vernommen, als er auch schon entschlossen war, sich dieses Gesch?pf in der N?he zu besehn; anscheinend noch immer z?gernd, gab er dem Dr?ngen Olivos endlich nach, erkl?rte aber gleich, da? er keineswegs l?nger als ein oder zwei Tage von Mantua fernbleiben k?nne, und beschwor seine liebensw?rdige Wirtin, Briefe, die f?r ihn indes hier anlangen mochten und vielleicht von h?chster Wichtigkeit waren, ihm unverz?glich durch einen Boten nachzusenden. Nachdem die Sache so zu Olivos gro?er Zufriedenheit geordnet war, begab sich Casanova auf sein Zimmer, machte sich f?r die Reise fertig, und schon nach einer Viertelstunde trat er in die Gaststube, wo Olivo sich indes in ein eifriges Gespr?ch gesch?ftlicher Natur mit der Wirtin eingelassen hatte. Nun erhob er sich, trank stehend sein Glas Wein aus, und verst?ndnisvoll zwinkernd versprach er ihr, den Chevalier wenn auch nicht bereits morgen oder ?bermorgen doch in jedem Falle wohlbehalten und unversehrt an sie zur?ckzustellen. Casanova aber, pl?tzlich zerstreut und hastig, empfahl sich so k?hl von seiner freundlichen Wirtin, da? sie ihm, schon am Wagenschlag, ein Abschiedswort ins Ohr fl?sterte, das eben keine Liebkosung war.

W?hrend die beiden M?nner die staubige, im sengenden Mittagsglanz daliegende Stra?e ins Land hinausfuhren, erz?hlte Olivo weitschweifig und wenig geordnet von seinen Lebensumst?nden: wie er bald nach seiner Verheiratung ein winziges Grundst?ck nahe der Stadt gekauft, einen kleinen Gem?sehandel angefangen; dann seinen Besitz allm?hlich erweitert und Landwirtschaft zu treiben begonnen; wie er es endlich durch die eigne und seiner Gattin T?chtigkeit mit Gottes Segen so weit gebracht, da? er vor drei Jahren von dem verschuldeten Grafen Marazzani dessen altes, etwas verfallenes Schlo? samt dazugeh?rigem Weingut k?uflich zu erwerben imstande gewesen, und wie er sich nun auf adligem Grund mit Frau und Kindern behaglich, wenn auch keineswegs gr?flich, eingerichtet habe. All dies aber verdanke er zuletzt doch nur den hundertf?nfzig Goldst?cken, die seine Braut oder vielmehr deren Mutter von Casanova zum Geschenk erhalten habe; ohne diese zauberkr?ftige Hilfe w?re sein Los wohl heute noch kein andres, als es damals gewesen: ungezogne Rangen im Lesen und Schreiben zu unterweisen; wahrscheinlich w?re er auch ein alter Junggeselle und Amalie eine alte Jungfer geworden Casanova lie? ihn reden und h?rte ihm kaum zu. Ihm zog das Abenteuer durch den Sinn, in das er damals zugleich mit manchen andern bedeutungsvollern verstrickt gewesen war, und das, als das geringste von allen, seine Seele so wenig als seither seine Erinnerung besch?ftigt hatte. Auf einer Reise von Rom nach Turin oder Paris er wu?te es selbst nicht mehr w?hrend eines kurzen Aufenthalts in Mantua hatte er Amalia eines Morgens in der Kirche erblickt und, da ihm ihr h?bsches blasses, etwas verweintes Antlitz wohlgefallen, eine freundlich galante Frage an sie gerichtet. Zutunlich wie sie damals alle gegen ihn waren, hatte sie ihm gern ihr Herz aufgeschlossen, und so erfuhr er, da? sie, die selbst in d?rftigen Verh?ltnissen lebte, in einen armen Schullehrer verliebt war, dessen Vater ebenso wie ihre Mutter zu einer so aussichtslosen Verbindung die Einwilligung entschieden verweigerte. Casanova erkl?rte sich sofort bereit, die Angelegenheit ins reine zu bringen. Er lie? sich vor allem mit Amaliens Mutter bekanntmachen, und da diese als eine h?bsche Witwe von sechsunddrei?ig Jahren auf Huldigungen noch Anspruch machen durfte, war Casanova bald so innig mit ihr befreundet, da? seine F?rsprache alles bei ihr zu erreichen vermochte. Sobald sie erst ihre ablehnende Haltung aufgegeben, versagte auch Olivos Vater, ein heruntergekommener Kaufmann, seine Zustimmung nicht l?nger, insbesondere als Casanova, der ihm als entfernter Verwandter der Brautmutter vorgestellt wurde, sich gro?m?tig verpflichtete, die Kosten der Hochzeit und einen Teil der Aussteuer zu bezahlen. Amalia selbst aber konnte nicht anders, als dem edlen G?nner, der ihr erschienen war wie ein Bote aus einer andern h?hern Welt, sich in einer Weise dankbar erzeigen, die das eigne Herz ihr gebot; und als sie sich am Abend vor ihrer Hochzeit der letzten Umarmung Casanovas mit gl?henden Wangen entrang, war ihr der Gedanke v?llig fern, an ihrem Br?utigam, der sein Gl?ck am Ende doch nur der Liebensw?rdigkeit und dem Edelsinn des wunderbaren Fremden verdankte, ein Unrecht begangen zu haben. Ob Olivo von der au?erordentlichen Erkenntlichkeit Amaliens gegen?ber dem Wohlt?ter je durch ein Gest?ndnis Kunde erhalten, ob er ihr Opfer vielleicht als ein selbstverst?ndliches vorausgesetzt und ohne nachtr?gliche Eifersucht hingenommen hatte, oder ob ihm gar, was geschehen war, bis heute ein Geheimnis geblieben war, darum hatte Casanova sich niemals gek?mmert und k?mmerte sich auch heute nicht darum.

Die Hitze stieg immer h?her an. Der Wagen, schlecht gefedert und mit harten Kissen versehn, rumpelte und stie? zum Erbarmen, das d?nnstimmig gutm?tige Geschw?tz Olivos, der nicht ablie?, seinen Begleiter von der Ersprie?lichkeit seines Bodens, der Vortrefflichkeit seiner Hausfrau, der Wohlgeratenheit seiner Kinder und von dem vergn?gt harmlosen Verkehr mit b?uerlicher und adliger Nachbarschaft zu unterhalten, begann Casanova zu langweilen, und ?rgerlich fragte er sich, aus welchem Grunde er denn eigentlich eine Einladung angenommen, die f?r ihn nichts als Unbequemlichkeiten und am Ende gar Entt?uschungen im Gefolge haben konnte. Er sehnte sich nach seinem k?hlen Gasthofszimmer in Mantua, wo er zu dieser selben Stunde ungest?rt an seiner Schrift gegen Voltaire h?tte weiterarbeiten k?nnen, und schon war er entschlossen, beim n?chsten Wirtshaus, das eben sichtbar wurde, auszusteigen, ein beliebiges Gef?hrt zu mieten und zur?ckzufahren, als Olivo ein lautes Holla he! h?ren lie?, nach seiner Art mit beiden H?nden zu winken begann und, Casanova beim Arm packend, auf einen Wagen deutete, der neben dem ihren, zugleich mit diesem, wie auf Verabredung, stehengeblieben war. Von jenem andern aber sprangen, eines hinter dem andern, drei ganz junge M?dchen herunter, so da? das schmale Brett, das ihnen als Sitz gedient hatte, in die H?he flog und umkippte. Meine T?chter, wandte sich Olivo, nicht ohne Stolz, an Casanova, und als dieser sofort Miene machte, seinen Platz im Wagen zu verlassen: Bleiben Sie nur sitzen, mein teurer Chevalier, in einer Viertelstunde sind wir am Ziel, und so lange k?nnen wir uns schon alle in meiner Kutsche behelfen. Maria, Nanetta, Teresina seht, das ist der Chevalier von Seingalt, ein alter Freund eures Vaters, kommt nur n?her, k??t ihm die Hand, denn ohne ihn w?ret ihr er unterbrach sich und fl?sterte Casanova zu: Bald h?tt ich was Dummes gesagt. Dann verbesserte er sich laut: Ohne ihn w?re manches anders! Die M?dchen, schwarzhaarig und dunkel?ugig wie Olivo, und alle, auch die ?lteste, Teresina, noch von kindlichem Aussehn, betrachteten den Fremden mit ungezwungener, etwas b?urischer Neugier, und die j?ngste, Maria, schickte sich, der v?terlichen Weisung folgend, an, ihm allen Ernstes die Hand zu k?ssen; Casanova aber lie? es nicht zu, sondern nahm eins der M?dchen nach dem andern beim Kopf und k??te jedes auf beide Wangen. Indes wechselte Olivo ein paar Worte mit dem jungen Burschen, der das W?gelchen mit den Kindern bis hierher gebracht hatte, worauf jener auf das Pferd einhieb und die Landstra?e in der Richtung nach Mantua weiterfuhr.

Die M?dchen nahmen Olivo und Casanova gegen?ber unter Lachen und scherzhaftem Gez?nk auf dem R?cksitz Platz; sie sa?en eng aneinandergedr?ngt, redeten alle zugleich, und da ihr Vater gleichfalls zu sprechen nicht aufh?rte, war es Casanova anfangs nicht leicht, ihren Worten zu entnehmen, was sie alle einander eigentlich zu erz?hlen hatten. Ein Name klang auf, der eines Leutnants Lorenzi; er sei, wie Teresina berichtete, vor einer Weile an ihnen vorbeigeritten, habe f?r den Abend seinen Besuch in Aussicht gestellt und lasse den Vater sch?nstens gr??en. Ferner meldeten die Kinder, da? die Mutter anfangs gleichfalls beabsichtigt h?tte, dem Vater entgegenzufahren; aber in Anbetracht der gro?en Hitze hatte sies doch vorgezogen, daheim bei Marcolina zu bleiben. Marcolina aber war noch in den Federn gelegen, als man von Hause wegfuhr; und vom Garten aus durchs offne Fenster hatten sie sie mit Beeren und Haseln?ssen beworfen, sonst schliefe sie wohl noch zu dieser Stunde.





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