Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit



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Eva: Ich glaube, wir haben uns vom Hauptproblem ein wenig entfernt: soll der Regent Philosoph sein? ist es dem Philosophen, und ihm ausschlie?lich, vorbehalten, Regent zu werden? das war doch der Ausgangspunkt. Wenn nach Platonischem Diktat eine Karikatur herauskam, so h?tte sich vielleicht nach dem Prinzip eines weiseren Philosophen ein wirklicher Musterstaat entwickeln k?nnen.

Donath: Ich bin da h?chst mi?trauisch. Der Philosoph soll bei seinem Leisten bleiben, bei seiner Gedankenschusterei, oder, wenn das zu grob klingt, bei seiner Ideenbrauerei. Da mag er in seinem Bottich herumr?hren, so viel er will und auf Leute warten, denen sein Ges?ff schmeckt. Aber H?nde weg von der Staatsmaschinerie. Da geh?ren Leute hin, die nicht von des Gedankens Bl?sse angekr?nkelt sind.

Der Arzt: So schroff m?chte ich das doch nicht hinstellen. Selbst hier, wo uns ein Maximum von Verbohrtheit entgegentritt, hat der Philosoph doch wenigstens ein Gutes gestiftet: die Menschen scheinen bis zu einem gewissen Grade friedlich erzogen. Die Bestialit?t, die sich nach innen kehrt, wirkt nicht nach au?en, und allem Anschein nach haben die Bewohner noch niemals einen Krieg gef?hrt.

Donath: Woran das lag, k?nnen wir nicht beurteilen. Vielleicht an ihrem kurzen Horizont, ihrer Engbr?stelei, ihrer Feigheit, oder an der Gutm?tigkeit der Nachbarinsulaner.

Ich: Damit kommen wir dem Problem nicht n?her. Ich meine vielmehr, da? jeder Staatsverfassung irgendetwas Philosophisches zu Grunde liegt, und da? fast jeder Philosoph letzten Endes auf das Regieren abzielt. Nur da? er niemals taxieren kann, wohin seine Philosophie hinauswill, wenn sie aus der Gedankenretorte in die praktische ?ffentlichkeit tritt, was ihr ?brigens in den seltensten F?llen gelingt. Meistens bleibt sie in der Retorte stecken, als ein phantastischer Wunsch, als eine Kuriosit?t, wie die Staatsromane, die Utopien des Thomas Morus, des Campanella, des F?n?lon, Bellamy und vieler anderer. Gewinnt sie Einflu? wie bei Hobbes, bei Hegel, bei Voltaire und Rousseau, so h?rt sie auf, erkennende Philosophie zu sein und wird Rhetorik, Phrase, Demagogie. Wenn die Girondisten und Montagnards sich auf philosophische Meister beriefen, so war ihr Voltaire der geistreiche, ihr Rousseau der pedantische R?sonneur. Gewi?, es hat gekr?nte Philosophen gegeben, Marc Aurel, Friedrich; und philosophelnde Dilettanten, die es zur Machtstellung brachten. Cicero f?hrte den offiziellen Titel »Imperator«. Allein dieser Imperator, vormals Sch?nredner und Anwalt, hatte l?ngst sein bi?chen Philosophie eingepackt, als er befehlen durfte, und in seinen Imperatorenbriefen ist davon gar nicht mehr die Rede. Unser Plato selbst hat einmal das Experiment unternommen, einem allm?chtigen Herrscher Philosophie einzutr?ufeln, und er mag sich wohl eingeredet haben, da? der Autokrat imstande sein w?rde, seine Weisheit in die Wirklichkeit zu ?bersetzen. Dionys von Syrakus h?rte ihm auch sehr aufmerksam zu, nahm das gr??te Interesse an den Platoniken, mit dem Endeffekt, da? Dionys sich in seiner entsetzlichen Tyrannei best?rkte und seinen Terror an der Person des Plato handgreiflich auslie?. Man k?nnte auf die Vermutung kommen, da? in der Welt der harten Tatsachen die wirkliche Philosophie nichts zu suchen hat, und da? es ihr traurig ergeht, wenn sie sich da hineinwagt. Mit Sicherheit mu? es ihr so ergehen, wo sie sich als System behaupten und die menschlichen Beziehungen systematisch bearbeiten will. Ein System l??t sich entweder nicht durchf?hren, oder f?hrt bei Erzwingung ins Abstruse, vertr?gt also niemals die praktische Probe der Bew?hrung.

Eva: Mir scheint, Sie verallgemeinern da allzusehr. Sie stehen noch unter dem einseitigen Druck unserer Erlebnisse bei diesen Abderiten von der Insel, die wir soeben verlassen haben. Vielleicht sto?en wir noch auf Gebiete mit vern?nftigeren Systemen und besseren Resultaten.

Ich: Dann will ich mich gern belehren lassen. Einstweilen hake ich bei Ihrem Ausdruck »Abderiten« ein, um Ihnen zu zeigen, wie sogar eine Systemisierung nach Worten in eine Sackgasse f?hrt. Wir unterscheiden seit Alters her zwischen klassischem Athen mit hoher Intelligenz und n?rrischem Abdera. Ich mache mich anheischig, Ihnen zu beweisen, da? die Abderiten gescheiter waren, als die Athener.

Donath: Oho, jetzt wirst du paradox.

Ich: Nur im Verh?ltnis zur landl?ufigen Ansicht, die sich immer noch zu dem Dogma bekennt: Alles was ist, ist vern?nftig. Das Gegenteil ist der Fall. Die Welt ist ein ungeheures Paradoxon. Wir halten es f?r ausgemacht, da? Abdera eine Brutst?tte der Dummheit gewesen ist, und die bekannten Beweise gen?gen uns. Folglich ist es vern?nftig, die Abderiten f?r Bl?dlinge zu halten. Ich brauche nur den Gesichtswinkel etwas zu verschieben, und die Dinge verkehren sich ins Gegenteil…

Der Arzt: Sie meinen, ein Abderitengehirn w?re gar nicht f?hig gewesen, so einen Musterstaat wie den platonischen zu erfinden?

Ich: Es h?tte auch keine Veranlassung gehabt, denn sein Realstaat war gar nicht so ?bel. Der ionisch-tejische Volksstamm, der Grundstock Abderas, ?bertraf an nat?rlicher Begabung weitaus alle Nachbarv?lker des Altertums. Hat ein Homer gelebt, so stammt er aus Ionien, das auch der Ursprung war des Alk?os, der Sappho, der Aspasia, des Apelles, des Anakreon; dieser als geborener Tejer kann schon als halber Abderit gelten. Ihnen schlie?t sich eine gl?nzende Reihe gro?er M?nner an, die erweislich im echten Abdera zur Welt kamen: Der Philosoph Anaxarch, Hekat?us, der Philosoph und Geschichtsschreiber, beide Begleiter Alexanders des Gro?en, der geniale Protagoras, und vor allem Demokritos. Soll man nun wirklich annehmen, da? so viele auserlesene Geister auf einem Boden erwuchsen, der im ?brigen nur Trottel hervorbrachte?

Der Arzt: Aber die Geschichte der Abderiten ist doch eine Fabel von Wieland!

Ich: Sie irren. Wieland hat nur dichterisch frei ausgestaltet, was er in guten Quellen vorfand und bei anderen Fabulierern; im Lucian, im Plutarch, Diogenes Laertius, Athen?us, Galenus und besonders im Juvenal. Alles in allem eine systemisierte Mythologie, die den gebildeten Gro?st?dtern zeigen sollte, wie es in einer beschr?nkten, von zweibeinigen Eseln bev?lkerten Kleinstadt zugeht. Systemisierte Schilda und Sch?ppenstedt. Unz?hlige Tausende haben das mit eitlem Am?sement gelesen, ohne auch nur einen Augenblick zu stutzen; ohne sich zu fragen: wie, wenn das ganze Ma?system dieser Legende falsch w?re? Ich lese das anders; und aus meiner Art, es zu lesen, entwickelt sich die ?berzeugung: waren die Abderiten wirklich so wie sie geschildert werden, dann repr?sentieren sie einen h?heren Menschenschlag, und wir haben alle Ursache, sie zu beneiden.

Erstens einmal: Welche Gesundheit! und als Exponent dieser Gesundheit: welche Galerie von Frauensch?nheit! Fast jede Abderitin, die uns vorgestellt wird, eine Atalanta, eine Juno, eine Aphrodite. Das sicherste Merkzeichen einer hohen, in edler Geistigkeit wurzelnden Kultur. Es gibt keine Prachtfiguren wie Aspasia, ohne Periklesse und Alcibiadesse ringsum. Wer das verkennt, der stellt sich selbst – – um in der alten Redeweise zu bleiben – auf den Abderitischen Standpunkt. Ferner: In Abdera wohnte ein K?nstlervolk von h?chstem Range. Es besa? ein pr?chtiges Nationaltheater und pflegte die Musik mit jener Leidenschaft, die nur aus urspr?nglichem Kunstingenium emporschl?gt. Aber diese Musik – so erfahren wir ja – war schlecht, pfuscherisch, n?rrisch, abderitenhaft; sie verfolgte nicht die einfache Linie, sondern erging sich in Trillern, Koloraturen und Nachtigallkadenzen. Wirklich? Dann haben die Abderiten eine Kunstentwicklung vorweggenommen, die Italien, Frankreich und die germanischen L?nder erst um viele Jahrhunderte sp?ter nachzuliefern vermochten.

Sie spielten den Euripides und bewogen den Meister selbst, seine Andromeda auf ihrer Nationalb?hne zu inszenieren. Dabei fiel die ganze Republik in einen unerh?rten Taumel der Begeisterung, alle Einwohner wurden zu Deklamatoren, S?ngern, Tragikern, die, wo sie auch standen und wandelten, die herrlichsten Stellen des Dramas wollustfiebernd vortrugen. Wie heute nur ein gelungenes Couplet, ein rei?erischer Gassenhauer die Masse ergreift, ja hundertmal intensiver, packten Euripides Verse das V?lkchen, und Stra?en wie Hallen durchbebte das Echo des Anrufs »Du aber, der G?tter und der Menschen Herrscher Eros!« H?tte sich die Legende darauf versteift, uns ein Gemeinwesen von tiefster Empfindlichkeit, von h?chstem Seelenadel vorzustellen, so konnte sie kein besseres Ausdrucksmittel finden, als die Darstellung dieses k?nstlerischen Paroxysmus. Wie im Falle Euripides, so erwiesen sich die Abderiten auch beim Besuch des Arztes Hippokrates als Menschen, denen es Herzensbed?rfnis ist, gro?en Erscheinungen zu huldigen. Und nach Schopenhauer – nicht wahr, Fr?ulein Eva? – ist ja die St?rke der Verehrung f?r das Bedeutende zugleich das Ma? f?r den Eigenwert. Sie bewunderten auch den Demokrit, wenngleich sie an ihm mancherlei auszustellen fanden; aber um zu beurteilen, wie sie sich mit ihm auseinandersetzten, vergleiche man ihr Verhalten mit dem der ihnen angeblich unendlich ?berlegenen Athener. Diese vergifteten Sokrates und befleckten sich durch abscheuliche Verfolgungen fast aller Gr??en, die ihnen erreichbar waren; in den Schicksalen des Aristides, Protagoras, Aristoteles, Diagoras und vieler anderer d?nstet es von Borniertheiten, rauchen Brandfanale. Die Abderiten verbannten nicht, qu?lten nicht, sie debattierten; oft mit naivem Verstande, aber niemals mit dummem Gerede. Wenn sie sich gegen die Tierversuche Demokrits auflehnten, so haben sie dabei Gelehrte auf ihrer Seite, die in ethischem Betracht vielleicht h?her stehen als mancher Vivisektor. Es gab neben Demokrit Philosophen, in der Stadt Protagoras-Sch?ler, die drauf und dran waren, die letzten denkerischen Geheimnisse aufzudecken. Ihnen waren schon einige Argumente gel?ufig, die dem Ideenkreis von Hume angeh?rten; sie entwarfen Kosmogenien, die in einigen Punkten an die von Kant und Laplace erinnern. Da? die Berichterstatter und Fabulierer ihren ewigen Refrain »Albernheiten!« dazwischenwerfen, beweist nur, da? sie von ihrem System, die Leute als Cretins zu verulken, niemals loskonnten. Allgemein bezeichnen sie als Gipfel der Trottelosis, die ernsten Gegenst?nde heiter, die heiteren ernst zu behandeln. Verfuhren die Abderiten wirklich so, dann haben sie wiederum nur eine tiefe Weisheit weit vorausgenommen, die Gleichsetzung der res severa mit dem verum gaudium, als deren Urheber uns Seneca gilt. Ihr Proze? um des Esels Schatten zeigt sie als Tr?ger rechtlicher Empfindung und als scharfsinnige Advokaten. Nein, nein! br?llt die systemisierte Legende, dieser Proze? mit seinem Gewirr von Spitzfindigkeiten zeigt nur, da? sie selbst Esel waren. Man vergegenw?rtige sich: »spitzfindige Esel!« Man verleugne das System nur auf eine Stunde und man wird erkennen, da? die Auseinandersetzungen dieser geschichtlich als Idioten abgestempelten Leute eloquenter waren, interessanter und geistreicher als die meisten Plaidoyers des Cicero; da? sie nicht nur spitzsucherisch zu Werke gingen, sondern spitzfinderisch, als die Finder feinster Spitzen in der Kunst des Argumentierens.

Ich ?bergehe ihren stets regen Patriotismus und verweile nur eine Sekunde bei einigen ihrer vortrefflichen Einrichtungen f?r Kunstpflege und soziale F?rsorge. Bei den Abderiten, und wohl bei ihnen zuerst, entsagte man dem barbarischen Gebrauch, Weiber von Mannspersonen spielen zu lassen; ihre Iphigenien und Andromachen waren wirkliche Frauen, die ihre fraulichen Reize auf der B?hne voll entfalten durften. Das Theater, als staatliche Angelegenheit, wurde aus staatlichen Geldern gespeist, dergestalt, da? nicht nur die Schauspieler und das Orchester, sondern auch die Dichter und Tonsetzer von Staats wegen reichlich versorgt waren. Und obendrein erhielten die beiden untersten Zuschauerklassen zu ihren Freikarten eine Gratisverk?stigung in Brot und Feigen f?r die Dauer jeder Vorstellung. Bitte, vergleichen Sie damit die Ma?regeln, die heute f?r uns Nicht-Abderiten gelten; die sich mit der Devise »die Kunst dem Volke« drapieren und die sogar den Besuch der Galerien und Museen einer Eintrittstaxe unterwerfen. Ja, wir haben schon Grund, die Einwohner der thrazischen »Sch?psenstadt« zu bespotten. Weil einer unserer Gew?hrsm?nner, Juvenal, tats?chlich f?r Demokrits Heimat den Ausdruck gepr?gt hat: Vaterland der Sch?pse! Und nun zur Hauptsache. Die Abderiten waren gl?cklich. Wie ein langgehaltener Orgelpunkt schwingt sich der Grundton fr?hlicher Zufriedenheit durch alle Darstellung. In ihrem Bewu?tsein lebte es unersch?tterlich, da? sie sich aller Welt voraus die beste Verfassung, die besten Einrichtungen, Sitten und Denkweisen erschaffen hatten. Der Gradmesser f?r diese Taxe war ihr Gl?ck, und sie hielten ihn f?r den einzig zuverl?ssigen. Er ist es auch wirklich, er steht als in sich evident au?erhalb des Beweises, unnahbar f?r irgend einen Gegenbeweis. Und da uns von keinem Staatswesen berichtet wird, das seine Selbstzufriedenheit so nachdr?cklich bekannt hat, so bleibt uns nichts ?brig, als zuzugeben: Abdera war unter allen uns bekannten Staaten der vollendetste.

Eva: Mit einer Ausnahme, allenfalls. Der Platonische Staat von Bal?uto schien mir, nach dem Gl?ck der Insulaner beurteilt, nicht wesentlich hinter dem Abderitischen zur?ckzustehen.

Donath: Sollten wir etwa danach alle unsere Einsichten umkrempeln?

Ich: Das wird uns nicht gelingen, denn hierzu m??ten wir einen Betrachtungsstandpunkt au?erhalb unserer Person gewinnen. Aber der Vorsicht halber wollen wir uns erinnern, niemals unser Urteil abzuschlie?en. Es gibt immer eine Berufung. Diese Menschen, die sich im Zeichen Platos freuten, erscheinen uns als Abderiten. Vielleicht sind sie es im Sinne derer, die in Abdera nur ein n?rrisches Kr?hwinkel sehen; vielleicht in dem anderen Sinne, den ich Ihnen soeben entwickelt habe. Dann w?ren wiederum wir, als Betrachter, die Juvenalischen Abderiten. Wie soll man diese Antithesen ?berbr?cken, wie aus diesem Circulus sich her auswickeln? Ich wei? es nicht. Aber es ist ja nicht unsere Aufgabe, solche Widerspr?che erkl?rend zu l?sen, sondern sie aufzusuchen. Wenn die erste Insel darin vorbildlich war, so l?ge eigentlich hierin der Zweck unserer Entdeckungsreise. Segeln wir also weiter, ich sehne mich nach Abfahrt.

Mein Wunsch war erf?llt, ehe ich ihn noch ausgesprochen hatte. Wir fuhren schon seit einer Viertelstunde, ohne da? ich das Losl?sen vom Kai bemerkt hatte. Spiegelglatt lag die Tuscarora-Fl?che, und in wenigen Tagen erreichten wir ein neues unbekanntes Eiland.

Vl?ha

Die Insel der gl?cklichen Bedingungen

Ich habe stets die poetisierenden Schriftsteller beneidet, die es auf gut Gl?ck unternehmen, eine Landschaft in Worten abzubilden. Nicht nur wegen des standhaften Glaubens, den sie in ihre Kunst setzen, sondern auch wegen der Virtuosit?t, mit der sie ihre beziehungsreichen Bilder aufs Papier zaubern. Aber bis zu der Anerkennung, da? es auch nur einem einzigen gegl?ckt w?re, eine Kongruenz, oder auch nur ?hnlichkeit zwischen Landschaft und Wortbild herzustellen, kann ich mich nicht versteigen. Ich mu? dies vorausschicken, da ich selbst sehr bald in die fatale Lage geraten werde, einen landschaftsbildnerischen Versuch zu unternehmen. Denn mit der blo?en Versicherung, da? das zweite der von uns entdeckten Gel?nde, die Insel Vl?ha, ein landschaftliches Wunder sei, ist nicht auszukommen. Ich versp?re vielmehr die Pflicht und Notwendigkeit, die Besonderheit dieses Landschaftswunders herauszuheben, da mir dies f?r die Darstellung der dort angetroffenen Menschencharaktere unerl??lich erscheint. Was uns als Verfassung, als Geistesrichtung der Menschen entgegentrat, ist so innig mit der Natur verflochten, da? ich im ersten Anlauf nicht umhin kann, es auszusprechen: f?r diese Insel hat die Natur selbst die Verfassung aufgestellt! Alles Menschenwesen auf ihr besteht nur in der verschiedenen Einstellung der Individuen auf sie, auf die Art, in der sie demiurgisch, architektonisch, g?rtnerisch, physikalisch ?ber den Raum disponiert hat.

Aber wie gelange ich zur Schilderung? Ich sehe mich unter den besten Mustern des Schrifttums um, fest entschlossen, zu benutzen, was nur brauchbar w?re, und ich finde keinen Anhalt. Alle Be-schreibungen l?sen sich bei n?herem Zusehen in Um-schreibungen auf. Nichts als Gleichnisse, Metaphern, Figuren, die projektivisch sein wollen, ohne die M?glichkeit projektivischer Gestaltung. Weil Dinge auf einander bezogen werden, die in ganz verschiedenen Welten liegen. Der Dichter will mir einen H?henzug, eine Berglinie schildern, und er tut dies mit Metaphern, die aus der Musik stammen; er f?hrt mich in ein Labyrinth von Felsen und erl?utert sie mit Bildern aus der Zoologie; optische Wirkungen, die von bestrahlten oder vernebelten Wiesen und W?ldern ausgehen, werden mythologisch auf irgend einen unvergleichbaren Vergleichsboden ?berpflanzt. Diese Metaphorik f?hrt, rein literarisch genommen, zu prachtvollen Ergebnissen, und der Leser verwechselt dann regelm??ig den literarischen Genu? mit der Anschaulichkeit, die ihm niemals geboten wird, noch geboten werden kann. ?u?erstenfalls tauchen in ihm Erinnerungsbilder an Bekanntes auf, nicht an das Einzigartige, Unbekannte, aus dem Schema herausfallende. Nicht dieses wird durch die Darstellung enth?llt, sondern das Unverm?gen und die Verlegenheit des Autors, der sich vor dem Objekt der Landschaft in derselben Lage befindet, wie der Schriftsteller vor den Objekten der Tonkunst. Der kann meine Erinnerung wecken, wenn er das bekannte Werk analysiert, aber Berge von Metaphern helfen ihm und mir nichts, wenn er eine Symphonie beschreibt, die nur er kennt, nicht aber ich, der Leser.

Auch die wirkliche Illustration, das mit akademischen oder sezessionistischen Mitteln ausgef?hrte Farbenbild bleibt k?mmerlicher Behelf und tastende Andeutung. Wiederum m?ssen wir unterscheiden zwischen dem artistischen Wert und dem Erwecken einer sinnlichen Vorstellung, die auch nur in losestem Anklang das landschaftliche Original wiedergibt. Ich leugne es rundweg, da? irgend ein Landschafter ?ber das rein metaphorische hinauskommt. Er ergreift ein Stimmungsmoment, ?bersetzt es in ein farbiges Gleichnis und vernachl?ssigt tausend andere, von denen kein einziges fortgelassen werden d?rfte. Er arbeitet mit dem Auge f?rs Auge, das hei?t f?r einen Sinn unter den vielen, die der Landschaft gegen?ber in T?tigkeit treten. In vielen F?llen kann schon das Ohr, als das empfangsf?hige Raumorgan und der Geruch wichtiger werden. Und zudem: der Mensch besitzt unz?hlige Sinne, von denen die Physiologie nichts wei?, weil sie sich in ihrer Feinheit jeder materiellen Erprobung entziehen. Es gibt keine Wissenschaft von ihnen, nur eine unter der Schwelle des Bewu?tseins d?mmernde Ahnung, da? sie vorhanden sind. Und erst aus dem Zusammenklingen ihrer aller entsteht das, was wir unter dem lebendigen Eindruck einer wirklichen Landschaft begreifen.

Mit dem Beschreiben ist es also nichts. Man kann nur versuchen, an vereinzelte Erinnerungen zu appellieren und die Phantasie anzurufen, die ein Schattenbild dessen gestalten m?ge, was zu formen dem Griffel versagt bleibt. Zumal hier, auf der Insel Vl?ha, die »wirkliche Landschaft« gleichsam unwirklich erschien, wie eine Unm?glichkeit, der gegen?ber aus Tr?umen und Wachen schwer herauszukommen war. Denn sie enthielt in engem Umkreis Sch?nheiten und Gewalten, wie sie sich sonst in dieser Weise benachbart nirgends vorfinden.

Auf einer Grundfl?che, die etwa das doppelte der Gr??e von Bornholm betragen mag, vereinigen sich tropische und hochn?rdliche Gestalten, diese bedingt durch gigantische, bis in die Eisregion starrende, von Hochplateaus durchsetzte Erhebungen, jene durch Gebirgsmauern, die ost-westlich verlaufend die Nordwinde absperren und wie Sonnenreflektoren das Tiefland mit allen Stufen von W?rme bis Glut versorgen. Eine Tour von wenigen Meilen erschlie?t Prospekte wie auf Eiger und Jungfrau, man glaubt sich in Wengernalp zu befinden. Doch nein; denn nahebei zacken sich Profillinien, die nur der Dolomitenwelt angeh?ren; Cimone und Saas Maor gr??en her?ber, und bei einer weiteren Wendung gewahrst du ein gl?hendes Vulkanhaupt, das mit seinem Feuerschein in eine azurene Bucht hinausstrahlt. Beschriebe mir›s einer, ohne da? ich es gesehen, so w?rde ich vermutlich sagen: stilloses Gemenge; der Eiger mu? den Cimone, und der Vesuv mu? die Jungfrau st?ren! ich verlange Einheitlichkeit der Landschaft! warum h?tte ich das gefordert? weil eine aus k?rperlichen Erlebnissen abgeleitete ?sthetik regiert; weil die Allerweltsnatur knausert und wir aus ihrer Not eine ?sthetische Tugend machen. W?ren wir nie weiter gedrungen als bis zu den sanften Wellenlinien Th?ringer Berge, so w?rde uns schon eine Matte auf dem Rigi mit ihren unendlichen Differenzierungen in Nah– und Fernsicht als verwirrend uneinheitlich vorkommen. Es h?ngt alles davon ab, wie die Dinge gegeneinander gestellt, miteinander instrumentiert sind. Und da bin ich im ersten Anlauf schon wieder bei dem nicht mehr Beschreibbaren. Man mu? es erlebt haben, um zu beurteilen, was die Natur vermag, wenn sie es darauf anlegt, sich zu ?bertreffen. Dann schl?gt sie unsere bequeme Einheits?sthetik glatt zu Boden und errichtet an deren Stelle etwas Neues, ?bergeordnetes, Au?erweltliches. Erst ist man bet?ubt, dann erwacht man zu der Idee, da? ?sthetisieren ein kleinliches Gesch?ft ist solchen Wundern gegen?ber.



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