Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Daraus ersehen Sie schon, unterbrach der Rektor, da? Plato nicht unerbittlich auf seinem Schein steht, denn er selbst, der Mann der Symposien, lie? sich ja wohlschmecken, was aus dem Gehege der Schweinehirten entstammte und durch athenische Gark?che lecker zubereitet wurde.

Mit Verlaub, Herr Rektor: Sie kopieren auf Ihrer vortrefflichen Insel nicht Alt-Athen in concreto, sondern Sie wollen das Wunder leisten, ein Ideal-Athen aus der Abstraktion in die Wirklichkeit zu heben. Und da k?nnen Sie doch an den klaren Anweisungen Platos gar nicht vorbei: Kein Erbarmen mit den Dichtern! so lehrt er. Homer und Hesiod m?ssen vertilgt werden! Ihre Ges?nge sind nicht, wie man vordem glaubte, als heilige, von den Musen erflossene Eingebungen anzusehen, sondern als mit rohen, p?belhaften Begriffen und Gesinnungen durchsetzte, abgeschmackte M?rchen, in denen die h?chst unsittlichen Reden und Taten der G?tter eine entsetzliche Moralf?ulnis ausstrahlen. Und daraus folgt, streng nach Plato: Fort mit Homer und Hesiod, fort ?berhaupt mit aller Poesie und s?mtlichen verdammten K?nsten!

Der Schulmann entgegnete: Wir beugen uns selbstverst?ndlich der Autorit?t unseres erhabenen Meisters soweit es eben m?glich ist. Allein wir gelangen an den Punkt, wo die Unm?glichkeit beginnt. Denn um Plato und die ?brigen gro?en Philosophen zu verstehen, bed?rfen wir des Griechisch-Lateinischen, und dieses Studium w?rde bl?de und st?mperhaft ausfallen, ohne die klassischen Dichter. Wir lesen sie deshalb aus sprachlichen, das hei?t grammatischen Gr?nden. Wir erziehen unsere J?nglinge und M?dchen zur Verachtung dieser Klassizit?ten, aber wir lesen sie mit ihnen aus gymnasialen Gr?nden. Ich will Ihnen eine Probe dieser Methode mitteilen. Vor einigen Tagen begann ich mit den Z?glingen die Ode des Horaz

Exegi monumentum aere perennius

(Dauerhafter als Erz schuf ich mein Ehrenmal);

ich nahm die Gelegenheit wahr, um generell meinen Abscheu vor Horaz und seiner skandierenden Gilde auszusprechen, und wandte mich dem ersten Worte zu: Exegi; ich erl?uterte ausf?hrlich die Herkunft des Ausdrucks aus ex und einer griechischen Wurzel ago, betrachtete dann die Pr?sensform exigo mit dem kurzen i, das sich im Praeteritum exegi mit elastischer Phonetik zu einem langvokalisierten e verzaubert, und er?rterte dann ausf?hrlich alle Autoren, die au?er Horaz das n?mliche Verbum in zahlreichen Abstufungen der Bedeutung angewandt haben; so Cicero, Livius und Varro, welche mit exigo den Begriff des Hinausjagens verbinden, w?hrend es bei Ovid als Inschwungsetzen, und bei Terenz als Durchfallen im B?hnensinne auftritt. Das exigo bei Quintilian und Tacitus bedarf noch einer besonderen Analogie, allein ich hoffe, da? ich in einer der n?chsten Lektionen bis zum zweiten Wort der Horazischen Ode vordringen werde, also bis zu Monumentum, dessen grammatische Verwandtschaft mit moneo, als dem Factitivum von memini, auf den Stamm mens, mentis und damit auf die Grundwurzel aller Geistigkeit ?berhaupt hinleitet, insofern Genug! rief Donath; es soll uns als erwiesen gelten, da? Sie Ihr Programm, die Jungen mit Ha? und Abscheu gegen klassische Verse zu s?ttigen, vollkommen erf?llen, zweifellos gr?ndlicher und gediegener als irgend ein Magister meiner deutschen Heimat. Aber wir d?rfen unseren Hauptzweck nicht aus den Augen verlieren, ich schlage deshalb einen Spaziergang vor zu einer ersten Orientierung in Ihrer platonischen Stadt, die uns neben ihrem antipoetischen Grundzug hoffentlich recht viel Sch?nes und Erbauliches bieten wird.

Wir erhoben uns, von Erwartung geschwellt, und begaben uns auf die Wanderung. Vor uns lag das vorausgeahnte polynesische Neuland, in erster Probe als ein Staat, der ausschlie?lich von Philosophen regiert wird. Also sicher ein starker Kontrast zu allem Erlebten. Ich entsann mich, da? in unseren heimischen L?ndern der k?rperliche Schwerarbeiter h?her rangiert als der Denker, und da? bei uns nur derjenige die Anwartschaft auf staatliche Macht gewinnt, der von Philosophie keine Ahnung hat.

Das erste, was uns auffiel, war die Menge schlechtgepflegter Kinder, die sich in den Stra?en tummelten, und ich gab der Verwunderung Ausdruck, da? sich deren Eltern anscheinend so wenig um sie k?mmerten. Yelluon erl?uterte, der Begriff Eltern passe eigentlich nicht recht hierher, denn es herrsche ja in den meisten Schichten des philosophischen Staates Weiber und Kindergemeinschaft, und infolgedessen eine Komplexit?t der sexuellen Verh?ltnisse, bei der von einer Elternschaft im gew?hnlichen Sinne gar nicht mehr die Rede sein k?nne. Ganz recht! hier lag ja ein Hauptpunkt der platonischen Verordnungen vor, und wenn irgendwo, so hatte sich hier die Philosophie des Musterstaates zu bet?tigen. Es kommt wesentlich auf die Menge der erzeugten Kinder an, nicht aber darauf, da? das einzelne Kind seine Herkunft von einem bestimmten Papa und einer bestimmten Mama herleitet. Denn auch der Mutterbegriff verfl?chtigt sich in einer Gemeinschaft, in der die Mutterpflicht und die Mutterliebe vom philosophischen Standpunkt als unwesentlich, ja als st?rend erkannt worden sind.

Aber Herr Yelluon, rief ich, Sie leben doch nicht in Weibergemeinschaft, Sie haben doch eine Gattin! und wenn sie auch einer Unp??lichkeit wegen bei Tisch nicht erschien, so existiert sie doch zweifellos!

Als weibliches Wesen allerdings, als meine Frau nur in sehr beschr?nktem Grade. Ich bin mit Upanischa so hei?t sie nur so nebenbei, ganz oberfl?chlich verheiratet. Augenblicklich wohnt sie bei mir, was nicht ausschlie?t, da? sie ?bermorgen die Bettgenossin eines anderen wird, was nicht weiter verwunderlich, da sie ja schon durch viele Dutzende von H?nden ging; sie war auch schon mit dreit?giger G?ltigkeit mit dem Rektor und mit mehreren Ministern verheiratet, und ich nehme an, da? unter den uns auf der Stra?e begegnenden M?nnern sich zahlreiche befinden, deren Lager sie als Gemahlin bereits erheitert hat, oder demn?chst erheitern wird.

Und das sagen Sie so leichthin! Sie als B?rger eines Staates, der auf absolute Moral gegr?ndet sein soll! Der Staat ist doch auf die Ehe basiert und diese auf die Liebe? Wen lieben Sie denn eigentlich? und wen liebt die Dame Upanischa?

So viele Fragen, so viel Denkfehler, um nicht zu sagen Sinnlosigkeiten. Sie ?bersehen g?nzlich das Grundprinzip, die Philosophie, und Sie sind noch nicht imstande, diese Linie zu verfolgen, da Sie aus unlogischen L?ndern herkommen. Ihnen schwebte bei Ihrer Expedition vor: Sie wollten eine Entdeckung machen. Nun denn, Sie besitzen Grund zum Jubeln, Sie haben wirklich entdeckt! Sie stehen in diesem Polynes zum erstenmal auf dem festen Grund der Logik. Der Staat und die Ehe, so wie sie Ihnen bekannt sind, setzen allerdings die Liebe voraus, das hei?t, Sie etablieren eine auf Dauer berechnete Einrichtung und st?tzen sie auf einen nach Minuten abz?hlbaren Zustand. Sie bauen die Staatspyramide derart, da? sie mit der Spitze nach unten steht, mit der Grundseite nach oben, und wundern sich dann, wenn sie umf?llt. Wie kann man etwas Festes, Stetiges aus einem blo?en Gef?hl entwickeln wollen, das nach aller Erfahrung unstetig ist, flackernd und abrupt? Plato hat diesen Widersinn erkannt, nicht euer Plato, auf den Ihr als einen europ?ischen Philosophen pocht, sondern unser Plato, der von uns begriffene und realisierte

Eine Zwischenbemerkung, Herr Yelluon: Sie m?gen ja diesen Weltmeister gr?ndlicher erforscht haben, aber auch wir besitzen treffliche Interpretationen, von Schleiermacher, von Zeller, ?berweg

Jawohl, und von Wieland, den ich Ihnen besonders empfehle. Wie steht es nun mit der Liebe bei dem richtig verstandenen Plato? Ist sie etwa platonisch im europ?ischen Sinne des Wortes? Da haben Sie schon den Nonsens, in den ihr euch dauernd verstrickt, denn das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Liebe in der eigentlichen platonischen Bedeutung des Wortes ist ein Zeugungsgesch?ft, mu? als eine rein physische, tierische Sache behandelt werden und darf deshalb im Idealstaat keine St?tte finden. Da nun aber die Weiber f?r das Zeugungsgesch?ft leider unentbehrlich sind, so kommt es darauf an, den Schaden, den die Weiblichkeit im Staat anrichtet, nach M?glichkeit auszurotten; so zu verstehen, da? der Mann, der einzig dem Staate verpflichtet wird, nicht obendrein in Lockungen f?llt, die ihn dem Staatsinteresse abspenstig machen. In erster Linie d?rfen die Krieger, dann weiterhin alle starken Repr?sentanten des Staates, nicht durch den dauernden Umgang mit den Zauberinnen geschw?cht, nicht durch Aus?bung monotoner Ehepflichten verelendet werden. Das von dem Genius Platos gefundene Hauptmittel, den reizenden Schlangen ihr Gift zu benehmen, besteht eben abgesehen vom Kommunismus in G?tern, der sich in weiterer Folge einstellt in der Weibergemeinschaft, durch welche die Ehe ?berfl?ssig gemacht wird, wenn sie auch in vereinzelten Exemplaren ein bescheidenes Dasein weiterfristen mag; durch das Los, in einer von den Archonten geleiteten Ehelotterie, oder auf Zeit, wenn uns einmal die Laune kitzelt, mit dieser oder jener einige Tage und N?chte zu verbringen Einen Augenblick Pause, mein Herr, ich will nur der h?bschen Person, die dort dr?ben spaziert, etwas sagen.

Meine Blicke folgten. Ich bemerkte eine nicht mehr ganz junge Dame, die durchaus nicht den Eindruck einer Halbweltlerin machte, vielmehr den besseren Kreisen anzugeh?ren schien, und die mit z?chtig gesenktem Blick dahinschritt. Sie trug ein Gewand in sch?n gebrochenen Falten aus feuerfarbenem, byssusartigem Webstoff, das unter ihrem Busen von einem seltsam gestickten mit einer Agraffe aus bl?ulichen Steinen geschlossenen G?rtel zusammengehalten wurde; dazu Schn?re von feinen Perlen, die sich um Hals und Arme, wie zwischen den Locken in anmutigem Linienspiel bewegten.

Eine Freundin Ihres Hauses? fragte ich, als er nach zwei Minuten zur?ckkehrte.

Nein, keineswegs. Es ist m?glich, da? ich vor Jahren einmal fl?chtig mit ihr verheiratet war, ich kann mich im Moment nicht genau darauf besinnen. Jedenfalls habe ich sie eingeladen, mit mir im n?chsten Monat auf unserer sch?nen Nachbarinsel Wrohlih eine halbe Flitterwoche zu verleben.

Und sie hat zugesagt?

Bedingungsweise. F?r den Fall n?mlich, da? sie nicht zur selben Zeit Nummer in einer Lotterie-Serie werden mu? und dadurch nach Verf?gung Piatos als Ehegewinnst einem Dritten zuf?llt. Sollte die Dame inzwischen verlost werden, so m??te ich mich noch kurze Zeit gedulden.

Was Ihnen nach Ihrer Auffassung von der Liebe wohl nicht allzu schmerzlich sein wird.

Sie fangen an zu begreifen; und Sie werden allm?hlich auch einsehen, da? der bei Ihnen g?ltige Liebesbegriff nichts ist als Trug und Blenderei. Sie unterliegen hierbei einer T?uschung, welche die sch?ngeistige Literatur und das Theater ?ber Sie verh?ngt. Sie ?bernehmen eine Empfindung, die allenfalls f?r eine Romanze und h?chstens f?r einen Operettenschlager ausreicht, in das Leben, wof?r es gar nicht pa?t. Sie ?bernehmen es mit all seinen traurigen Begleiterscheinungen des Sehnens, Schmachtens, der Eifersucht und schleppen sich dauernd mit K?mmernissen, deren Summe Sie sich zur Erfreulichkeit uml?gen. Die Eifersucht, das Alleinhabenwollen, bedeutet in logischem Betracht einen Horror f?r sich. Ich liebe zum Beispiel die Insel Wrohlih mit ihren landschaftlichen Sch?nheiten, allein ich m??te doch hirnverbrannt sein, wenn ich verlangte, da? diese Insel mich wiederliebt, mich ausschlie?lich, und wenn ich zu toben anfinge, sobald die Insel ihre Reize auch anderen spendet. Und genau so wie ich bei der entz?ckenden Landschaft die allgemeine Reizgemeinschaft anerkenne, so gilt mir auch die Weibergemeinschaft als das nat?rlich Gegebene. Wie wohl w?re den Menschen in Ihren Kontinenten, wenn sie sich zu dieser platonischen Nat?rlichkeit durchzuringen verm?chten! Aber Ihr denkt nie einen Gedanken bis zu Ende und limitiert unabl?ssig das bi?chen Vernunft, das Eure durch tausend Fehlschl?ge gekennzeichnete politische Denkweise noch ?brig gelassen hat. So stellt Ihr den Grundsatz auf dem T?chtigen die freie Bahn! Das Wort ist gut, denn es stammt aus Platos Ideenkreis. Aber sobald der T?chtige die freie Bahn zu einer Dame fordert, mit der er sich nicht lebensl?nglich, sakramental und beh?rdlich verkuppelt, verfehmt Ihr die T?chtigen. Euer monogames Prinzip nagelt ihn also auf einen Einzelfall fest und verhindert ihn mit aller Gewalt seine T?chtigkeit in h?herem Sinn zu beweisen.

Das geschieht doch mit R?cksicht auf die Erhaltung und den reinen Bestand der Familie. Was wird denn bei Euch mit den Kindern? Haben Sie selbst welche?

Ich glaube ja, ich nehme sogar an, eine ganze Anzahl. Ohne da? ich mich verpflichtet f?hle, hier?ber Buch zu f?hren, da ich meine Arbeitszeit f?r notwendigere Bilanzen brauche. Unter den Stra?en-Kindern, die dort dr?ben Haschemann spielen und Kreisel treiben, befinden sich m?glicherweise auch welche von mir.

Das w?re zu beklagen, denn die Kinder machen in ihrer verwahrlosten Kleidung keinen guten Eindruck.

Und au?erdem damit meldete sich Doktor Melchior Wehner zum Wort, wobei Donath fl?chtig dolmetschte au?erdem bemerke ich schon auf Entfernung, da? die Kinder sich in gesundheitlicher Hinsicht nicht zum besten befinden.

Er lockte den erstbesten Buben durch eine vorgehaltene Leckerei heran und besch?ftigte sich einige Sekunden mit ihm. Dann erkl?rte er mit dem Ausdruck starker Mi?billigung: Der Befund ist ?bel, und um so ?bler, als ich mir das Kerlchen rein aufs Geratewohl herausgeholt habe. Mir ist es unbegreiflich, da? man da nicht f?r Absonderung und sachgem??e Behandlung sorgt. Der Knabe leidet ja an Skorbut in h?chst unangenehmer Komplikation mit Kr?tze.

Der Rektor, der mit den anderen hinter uns ging, leuchtete philologisch und schaltete ein: Skorbut, w?rtlich genommen: Knochenspalt, h?ngt wahrscheinlich auch mit scorpio zusammen, wie Carcinom mit Cancer, Krebs, w?hrend scabies, die Kr?tze, aus dem Griechischen skapto, nachweislich zuerst bei Juvenal vorkommt.

Unser Medikus h?rte an diesem Exkurs vorbei und gab seinem Unwillen weiteren Nachdruck: Sie m?ssen doch in Ihrem Musterstaat eine amtlich organisierte Hygiene besitzen!

Sie ist tats?chlich vorhanden, versetzte Yelluon, und sie hat ermittelt, da? gewisse Krankheiten einen h?chst wohlt?tigen Einflu? auf den Bestand des Staates aus?ben. Sie beugen n?mlich der ?berv?lkerung vor und f?gen sich somit vorz?glich in das System des Plato, der zwar einerseits reichlichen Nachwuchs verlangt, andererseits aber die Verhinderung einer ?berzahl. Die Hygiene, wie wir sie verstehen, erh?lt somit die Aufgabe, die Mortalit?t nicht unter eine gewisse Grenze sinken zu lassen, das hei?t, den Seuchen einen merklichen Spielraum zu gew?hren und beileibe nicht alle kurabeln Krankheitsf?lle wirklich zu heilen.

Ich h?tte Lust, mich mit eurem Oberhygieniker einmal zu unterhalten! rief der Arzt in sichtlicher Emp?rung.

Sie meinen den Minister der medizinischen Philosophie. Wir stehen gerade vor seiner Behausung, allein wir d?rfen ihn nicht st?ren, da er seit Monaten unausgesetzt an einem gro?en Werk arbeitet, das den Titel f?hrt: Welche sittlichen Pflichten besitzt der Mensch gegen?ber den Kokken, die den Milzbrand hervorrufen, mit besonderer Ber?cksichtigung der Leits?tze aus de officiis von Cicero. Sie ersehen hieraus die Vielseitigkeit unserer Beh?rden, die nur dadurch erm?glicht wird, da? sie die Nebens?chlichkeiten vernachl?ssigen. Wir haben ?brigens noch ein weiteres Mittel in der Hand, um der ?berv?lkerung entgegenzuwirken, n?mlich die k?nstliche Abtreibung, die von Plato direkt angeordnet, durch unsere ?rzte zu einem unglaublich hohen Grade technischer Vollendung gediehen ist. Interessant ist dabei, da? Plato pers?nlich sich noch h?chst abf?llig ?ber die Hippokratischen ?rzte ?u?erte und ihnen in seinem Staatswerk ihre damalige lebenverl?ngernde Routine zum Vorwurf machte, ja geradezu zum Verbrechen stempelte. Wir haben Ursache zu der Annahme, da? Plato die ?rzte unserer Insel weit beif?lliger beurteilen w?rde, da diese, wie gesagt, im Abortus quantitativ wie qualitativ Epochales leisten.

Ich hoffe doch, bemerkte ich, da? diese Prozedur nur dann vorgenommen wird, wenn die regelrechte Entbindung f?r die Mutter eine Lebensgefahr darstellt? Sicherlich haben Sie doch in Ihrem Strafgesetzbuch einen Paragraphen, der f?r alle anderen F?lle die Vernichtung keimenden Lebens mit harter Strafe bedroht?

Dieser Paragraph lautet bei uns anders. Er verbietet nicht, sondern er befiehlt den k?nstlichen Abortus, und er bestraft strengstens diejenigen, die ihn unterlassen; wenn n?mlich nach Lage der Dinge Platos Wille in Kraft zu treten hat. Denn genau so klar wie er anordnet, da? kein Vater und keine Mutter ihre leiblichen Kinder unterscheiden noch von diesen unterschieden werden k?nnen, genau so klar setzt er f?r Vater und Mutterschaft die Altersgrenze fest, jenseits deren abgetrieben werden mu?.

Und bei aller Verehrung f?r Plato erkl?re ich das f?r eine Barbarei! Es widerspricht den elementaren Sittenforderungen und den heiligsten Empfindungen, die wir f?r das Leben der jungen Generation zu hegen haben.

Dann m??ten Sie auch Lykurg verdammen, der vielleicht noch radikaler als Plato auftrat und auf dessen Rechnung doch die Ert?chtigung der Spartaner zu setzen ist. Au?erdem ?berlegen Sie einmal, wieviel Menschenopfer an Kinderleben wir bringen, und wieviel ihr Europ?er ohne Plato-Staat, mit eurem humanen Bewu?tsein. Vergleichen Sie numerisch die Liste unserer Keimt?tung mit der euren, die sich unter dem Motto einer Hungerblockade vollzog. Hier sind es wenige Tausende, dort Millionen. Hier wird mit raschem Eingriff operiert, dort geschah das raffiniert langsame Morden. Hier besteht ein Zweck, der letzten Endes auf das Beste der ?berlebenden hinauswill, dort waltete eine vom kalten Egoismus ersonnene Methode. Oder lassen Sie lieber die Vergleiche zwischen Euren L?ndern und der von Ihnen entdeckten Insel, Sie h?tten dabei nichts zu gewinnen!


* * *

Bettler umschw?rmten uns, und ich hielt es f?r angezeigt, hier und da eine kleine Gabe auszuteilen. Wir waren dazu imstande, da wir uns auf unserer Promenade, was ich vorher zu erw?hnen unterlie?, in einem gro?en Bankhause mit ausreichender M?nze versehen hatten. Es ber?hrte uns zun?chst recht sympathisch, da? der Dollar ?berhaupt angenommen wurde, wiewohl wir zweifellos die ersten waren, die diese Einheit hereinbrachten. Mac Lintock hatte also recht behalten: die ?berzeugende Kraft des Dollars kann wie die Lichtgeschwindigkeit und wie die Gravitation als eine Weltkonstante erachtet werden.

Die f?r alle Inseln des von uns entdeckten Archipelagos g?ltige M?nzeinheit ist die Dragoma, die in je hundert Dragominda zerf?llt. Nach ihrer Kaufkraft gemessen w?rde die Dragoma etwa einem Vierteldollar entsprechen. Wir mu?ten trotzdem bei der Umrechnung zehn Dollar f?r den Gegenwert je einer Dragoma bezahlen, was den Amerikaner zu lebhaft gestikulierten, wiewohl vergeblichen Protesten veranla?te. So eine Valuta-Schneiderei h?tte er doch f?r undenkbar gehalten, und es w?re ein Gl?ck f?r die Leute, da? auf Bal?uto noch keine amerikanische Gesandtschaft existiere, sonst k?nnten diese W?hrungsschieber etwas erleben!

Weitere Entt?uschungen folgten. Einer der Bettler, dem ich einige Dragominda geschenkt hatte, warf mir die M?nzen vor die F??e mit der Motivierung, das sei falsches Geld. Ich nahm sie auf, ging nach der Bank zur?ck und stellte den Beamten zur Rede. Der erkl?rte, das h?tte sofort moniert werden m?ssen, auf nachtr?gliche Reklamationen k?nnte sich die Bank nicht einlassen. Erst ein Gesch?ft perfekt machen und es nachher bem?ngeln, das sei unphilosophisch und versto?e gegen Treu und Glauben. ?brigens stellte es sich alsbald heraus, da? mindestens 75 Prozent des Geldes echt war, so da? eine ernstliche Verlegenheit f?r uns nicht entstehen konnte. Ich beobachtete eine Szene, die im ersten Moment wie ein h?bsches Genrebild anmuten konnte. Etliche Lazzaroni hatten auf Grund der von mir ausgeteilten M?nzen an der Stra?enecke ein fliegendes Hasard mit Spielkarten etabliert, eine Art von Proleten-Baccarat, das leider sofort in Streit und Handgemenge ausartete. Messer wurden gez?ckt, Gliedma?en getroffen, Schreie gellten durch die Luft, und blutig f?rbte sich der Boden. Gegen?ber stand ein behelmtes und bewaffnetes Individuum, offenbar ein Polizist, der von diesen Vorg?ngen nicht die leiseste Notiz nahm. Er dachte vielmehr tief nach, und es mu?te wohl etwas Philosophisches sein, wor?ber er gr?belte. Ich erfuhr sp?ter, da? auf der Insel zahlreiche und gutexerzierte Wachmannschaften vorhanden waren, die aber an diesem Tage den Sicherheitsdienst auf der Stra?e nicht wahrnehmen konnten, denn der Chef der platonischen Gendarmerie hatte sie zu einer Razzia auf die Epiker und Lyriker kommandiert, die der Verfassung zum Trotz in gewissen Spelunken in der Stadt hausten und dichteten. Es war also noch immer nicht gelungen, das versifizierende Gesindel g?nzlich auszurotten.