Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Zur Gesch?ftsordnung! rief Purpu; ich verlange, da? zuerst ?ber meinen Antrag mit der silbernen Kapsel abgestimmt wird!

Zur pers?nlichen Bemerkung! schrie Kostrubaal; ich wollte dem Delegierten Purpu nur sagen, da? mir jeder parlamentarische Ausdruck fehlt, um seine krasse Ignoranz zu kennzeichnen. In unseren Statuten steht ausdr?cklich, da? der sachlich wichtigere Antrag zuerst erledigt werden mu?, woraus hervorgeht, da? er entweder ein kompletter Hornochse ist, wenn er das nicht wei?, oder ein L?mmel, wenn er wider besseres Wissen

Jetzt schien tats?chlich der kritische Moment f?r den Biceps anzubrechen. Purpu streifte bereits den ?rmel hoch, als auf einen Wink des Vorsitzenden Saaldiener eingriffen und zwischen den Erbitterten einen Zwischenraum legten.

Silentium! kommandierte Branisso. Welch einen beklagenswerten Zwischenfall haben wir erlebt, mitten in unseren Arbeiten f?r die h?chsten G?ter des Universums! Wehe, wenn sich dergleichen wiederholt! Was nun die Gesch?ftsordnung anlangt, so lege ich sie dahin aus

Hier wird nicht ausgelegt, sondern buchst?blich befolgt!

Das tue ich ja auch, zum Donnerwetter! Und demgem?? formuliere ich die Hauptthese: S?mtliche Kriege mit Einschlu? der Verteidigungskriege, sind abzuschaffen, wer daf?r ist, erhebe die Hand! Ich konstatiere: das ist die Mehrheit.

Gegenprobe! Gegenprobe!

Die soll erfolgen. Die Hand m?ge erheben, wer zwar den Krieg an sich verbieten, den Verteidigungskrieg indes erlauben will; das ist die Minderheit.

Unerh?rt! schrien die von O-Blaha. Jetzt wars doch die Majorit?t! Ein sauberer Pr?sident, der nicht sehen kann, oder nicht sehen will! Au?erdem ist ja da dr?ben gemogelt worden! Mehrere von Allalina haben beide H?nde hochgehoben!

Infame Verleumdung!

Nein, blanke Wahrheit! Wir sind in eine Falle gelockt! Man vergewaltigt uns! Wir haben die Mehrheit und sollen uns ducken? Und die da dr?ben mit ihrem niedergestimmten Bl?dsinnspazifismus sollen triumphieren?

Der Pr?sis schwang die Glocke: Ich nehme alle meine Geduld und Friedlichkeit zusammen, um diesen emp?renden ?u?erungen gegen?ber die Haltung zu bewahren. Das Resultat der Abstimmung ist von mir verk?ndet und bleibt bestehen. Wir schreiten also zur weiteren Probe, betreffs des Antrags mit der silbernen Kapsel

Aber nicht mit uns, Sie Karikatur von einem Vorsitzenden! Sie k?nnen sich selber verkapseln lassen, in Spiritus! Wir haben genug von dieser Kom?die! Auf, Br?der und Schwestern von O-Blaha, hinaus, zur?ck auf unsere Insel! Luft wollen wir sch?pfen nach diesen Miasmen der Unmoral, die uns hier umst?nkern!

Und in wirrem Tumult l?ste sich die Konferenz auf, indes die H?upter von Allalina in tiefster Depression nach dem Ethischen Ministerium eilten, um ?ber die entsetzliche Sachlage zu irgend einem Ergebnis zu gelangen.

Also jetzt offnes Bekenntnis zu dem Hauptgrundsatz unserer dreifach rektifizierten Ethik: Liebe deine Feinde! Wir werden uns die moralischen Ohrfeigen sokratisch einstecken und mit Duldermine selig l?cheln, spottete Firnaz.

Das ist unm?glich, meinte ein bek?mmerter Ratsherr.

Warum unm?glich? Wir selbst haben soeben per majora das Prinzip der Nichtverteidigung zum Beschlu? erhoben.

Oder solltest du dich doch beim Ausma? der H?ndezahl geirrt haben?

Ganz bestimmt nicht; es war wirklich die Mehrheit. Und dennoch, dennoch ich ersticke f?rmlich! Schlie?lich gibt es doch auch eine Ethik der Ehre, und wenn wir uns nicht r?hren, bleibt unsere Ehre besudelt!

So kann man die Sache auch auffassen. Also, r?hre dich, Bruder! Hast du bereits mit dem Katekiro gesprochen? Er meinte die h?chste Amtsperson des Landes, die unter diesem Titel fungierte und als Tr?ger der Exekutive unbedingtes Ansehen geno?.

Gleich beim Verlassen der Konferenzaula, sagte Branisso. Nie in meinem Leben habe ich ihn so aufgeregt gesehen. Aber auf seine Weisheit k?nnen wir uns verlassen. Wir m?ssen auf ihn warten.

Die Anwesenden versanken in unheilverk?ndendes Schweigen. Es war wirklich, als flatterte der Demokritische D?mon ?ber dem Komplex ihrer Tugend. Nach einer Viertelstunde betrat der Katekiro den Raum, mit wallendem Pulse, hochrot im Gesicht: Ich habe mich bereits zu einer Amtshandlung entschlossen, gest?tzt auf den Paragraph vier der Verfassung, der mich in dringenden F?llen des bedrohten Staatswohls hierzu erm?chtigt, vorbehaltlich Ihrer am selben Tage einzuholenden Zustimmung.

Diese erteilen wir in blindem Vertrauen; ein Widerspruch wird nicht vernommen; also was hat der Katekiro veranla?t?

Ich habe sofort an die Regierung der Schwesterinsel depeschiert: Wir verlangen r?ckhaltlosen Widerruf der Schm?hungen mit dem reuevollen Ausdruck des tiefsten Bedauerns. Wir verlangen ferner das schriftliche Bekenntnis der einseitigen und ausschlie?lichen Schuld an dem Scheitern der Pazifisten-Konferenz, ausgefertigt von s?mtlichen Notabeln der Insel O-Blaha. Wir fordern schlie?lich die Entsendung einer S?hne-Deputation, die uns das Dokument der Abbitte zur Reparation des Unrechts zu ?berbringen hat.

Und wenn sie sich weigern? Oder wenn sie Ausfl?chte suchen?

Ausfl?chte bei Ethikern? So gut wie ausgeschlossen. Nein, sie werden sich erkl?ren. Meine Depesche setzt ihnen eine Frist von f?nf Stunden.

Aber das ist ja ein Ultimatum!

So nennt man das wohl v?lkerrechtlich. Ich bef?rchte ?brigens keine Ablehnung. Denn unsere Forderung ist gerecht, und wer Gerechtes ruft, der weckt das Echo der Gerechtigkeit. Binnen vier Stunden und f?nfzehn Minuten werden wir die volle Befriedigung unseres sakrosankten Anspruchs in H?nden haben.

Das Echo kam her?ber, klang aber etwas anders, als erwartet. Es war ein Schu?, der die Fahnenstange des Ministeriums fortri?, zugleich die mit dem Bilde der Themis gezierte Flagge. Ein Beweis, da? die von dr?ben gesonnen waren, das Ultimatum mit einem drastischen Ultimatissimum zu beantworten.

Die sprachlose Geisterstarre wurde zuerst von Firnaz durchbrochen: Es w?re interessant, genau festzustellen, wer hier angreift, ob wir mit unserer gepfefferten Depesche, oder jene mit ihrem Geb?ller.

Aber auf solche spintisierende, wenn auch v?lkerrechtlich ?u?erst wichtige Er?rterungen konnte man sich nicht einlassen. Es galt zu handeln. Denn der Krieg war erkl?rt, wenn man auch nicht recht wu?te, von wem.

Um den ethischen Gepflogenheiten des Staates die Ehre zu geben, mu? bemerkt werden, da? man auf Allalina wirklich nicht recht auf ein solches Vorkommnis eingerichtet war. Die milit?rischen Tugenden der Bev?lkerung waren begreiflicherweise h?chst unentwickelt, und die Waffenmacht beschr?nkte sich auf eine bescheidene Polizeitruppe. Von Alters her ruhten irgendwo etliche historisch sehr merkw?rdige Gesch?tze, ?ber deren momentane Verwendbarkeit die Ansichten auseinandergingen. Die auf der Schwesterinsel waren um eine Idee besser ger?stet. Wie man sp?ter erfuhr, besa?en sie eine Batterie kleinkalibriger Kanonen, mit der Metallgravierung Ultima ratio pacis. Wenn die hielten, was sie versprachen, so konnte man damit schon etwas anfangen.

Allein, Not lehrt r?sten, und die Kr?fte wachsen mit der Notwendigkeit. Pl?tzlich erh?hte sich auf Allalina ein neues Prinzip: die Organisation erhob ihr Haupt, in dessen Augen Pflicht und Opferfreudigkeit funkelten. Branisso str?ubte sich zwar zuerst mit H?nden und F??en, als ihn der Katekiro zum Kriegsminister ernannte. Aber gerade die Prinzipe, denen er zeitlebens gedient hatte, dr?ngten ihn schlie?lich zur Annahme der schweren und ungewohnten Amtsb?rde. Denn hier war nicht nur das Vaterland in Gefahr, sondern die Gerechtigkeit an sich, und namentlich das Statut des radikalen Pazifismus. Dies konnte nur dadurch gerettet werden, da? die Talmipazifisten der Gegenseite gr?ndlich niedergeworfen wurden. Jetzt erhielt die Justitia Gelegenheit, mit ihrem Schwert vernichtend dreinzuschlagen.

Eins war von vornherein klar. Man durfte den Austrag der Aff?re nicht von heute auf morgen erwarten. Das konnte Monate dauern, wenn nicht Jahre, denn man schien auf beiden Seiten entschlossen, ganze Arbeit zu machen. Ein frischer, fr?hlicher, lebendiger Ha? flutete durch die Gem?ter, der sich ganz gewi? nicht bei einem kompromi?lichen Scheinfrieden beruhigen w?rde. Hier hie? es: Rom contra Carthago, und nur ein Diktatfrieden, dem die Ersch?pfung aller M?glichkeiten vorangehen mu?te, konnte zum Heile f?hren. Es sollte daher h?chstens als ein Vorspiel gelten, da? s?mtliche Fischkutter mit Bombardierger?t ausger?stet wurden. Auf Allalina betrachtete man es als einen zustimmenden Wink des Himmels, da? die historischen Gesch?tze bei den ersten Proben, bis auf 75 Prozent Versager, tats?chlich losgingen. Und in den Kirchen wurden Dankeshymnen angestimmt, als der Ausguck meldete: Dr?ben mehrere Hausmauern umgefallen. Da? analoge Vorf?lle auch hier zu beobachten waren, st?rte die Freude nur wenig.

Branisso bew?hrte sich ausgezeichnet als Organisator, und weitausblickende B?rger sahen schon im Geiste sein zuk?nftiges Erzmonument neben der Gerechtigkeitsstatue auf dem Eintrachtsplatz. Er hatte sich in seiner ?berstr?menden Weisheit mit der technischen Insel Sarragalla in Verbindung gesetzt und sechs Ingenieure von dorther verschrieben. Die waren auch schon unterwegs, und man versprach sich von ihnen enorme Kulturwunder an Lambda-Strahlen, Giftgasen, telekinetischen Perkussionen und Lufttorpedos. Jetzt zum erstenmal seit Kriegsbeginn konnte eine gewisse ?bereinstimmung beider Parteien wahrgenommen werden in R?ckbesinnung auf verflossene Gef?hlsgemeinschaft. Denn die O-Blahenser hatten gleichfalls sechs vorz?gliche Ingenieure von der technischen Insel engagiert. Aber bis deren Mirakel beiderseitig durchgreifen konnten, h?tte man sich doch noch wochenlang mit dem Kleinkrieg behelfen m?ssen, der die Menschen auf niederem Niveau festhielt. Der Schaden war vorl?ufig relativ unbetr?chtlich und entsprach schon nach drei Tagen nicht mehr den hohen Erwartungen, die sich auf einen gro?artigen Feuerzauber gerichtet hatten. Deshalb n?herte sich Branisso mir und meinen Gef?hrten mit einem Anliegen.

Sie begreifen unsere Lage, sagte er, wir sind in dieses abwegige Abenteuer hineingeraten, ohne es zu w?nschen, ja, ohne zu wissen, wie

Wie die Jungfer zum Kind, schaltete Firnaz ein.

Aber da wir nun einmal drin sind, m?ssen wir siegen. Ich w?rde Verrat am Vaterland begehen, wenn ich anders d?chte und wenn ich nicht bis aufs ?u?erste darauf bedacht w?re, durch unsern Sieg die friedliche Durchdringung unserer Ideen zu erm?glichen. Da aber, die Kr?fte vorl?ufig balancieren, so mu? alles versucht werden, um der guten Sache einen Vorsprung, ein ?bergewicht zu verschaffen. Sie sind im Besitz eines Schiffes, dessen St?rke unsere gesamte Fischerflottille um das Vielfache ?bertrifft. Ihre Atalanta ist mit modernen Waffen ausgestattet, und wenn Sie sich entschl?ssen, auch nur einen Tag

Davon kann gar keine Rede sein, Verehrter, versetzte Mac Lintock. Wir sind hier G?ste und d?rfen aus unserer Neutralit?t nicht heraustreten. Ich, der Besitzer des Schiffes, bin Amerikaner, und Sie wissen zweifellos, da? Amerika es aufs Strengste vermeidet, sich auch nur mit einem Schu? an den H?ndeln anderer V?lker zu beteiligen.

Gewi?, das haben Sie niemals getan, meinte Firnaz; und dies ist ja auch der Grund, weshalb ihre Oberh?upter Wilson und Roosevelt zweimal den gro?en Friedenspreis der Nobel-Stiftung bekommen haben. Nur meint mein Bruder, da? jedes Prinzip Ausnahmen vertr?gt.

Und diese Ausnahmepflicht ist hier gegeben. Sie waren Zeuge der Vergewaltigung, die ?ber uns hereinbrach; und Sie m??ten nicht f?hlende Menschen sein, wenn Sie nicht das zornige Bed?rfnis versp?rten, der beleidigten Unschuld zum Recht zu verhelfen. Ihre Atalanta lagert vorl?ufig an der sicheren Westseite der Insel und befindet sich au?er Schu?bereich. Aber wer verb?rgt Ihnen, da? nicht Ihre eigenen Interessen verletzt werden, wenn erst die bewu?ten Ingenieure eintreffen und zu operieren anfangen? Wenn Sie dem zuvorkommen und morgen zu schie?en beginnen, kann der Krieg in zw?lf Stunden beendet sein, und Sie w?rden das erhebende Bewu?tsein davontragen, den Triumph der heiligen Sache bewirkt zu haben.

Unser Offizier Geo Rottek schien nicht ganz abgeneigt, der Lockung Geh?r zu geben. Es war unverkennbar, da? sich der eingelullte Tatendrang in ihm zu regen begann. Auf eine Demonstration zum mindesten k?nnte man es ankommen lassen, und wenn dabei einige Kernsch?sse mit unterliefen, so w?re das auch kein Ungl?ck. Im Gegenteil, wenn diese Kernsch?sse s??en, und daf?r garantierte er so w?ren sie nur das Salutgedonner eines raschen Friedens, und unabsehbares Blutvergie?en k?nnte dadurch verhindert werden.

Der Kapit?n Kreyher fand, da? in diesen Erw?gungen ein berechtigter Kern stecke. Die Atalanta h?tte doch im Ganzen wenig zu riskieren, wenn sie die Aff?re stoppte, die zwar heute noch ein Froschm?usekrieg sei, aber binnen wenigen Tagen ein Vernichtungskampf werden k?nnte. Unser Doktor Wehner verriet Zeichen innerer Schwankung. Eva fragte:

Gesetzt, unsere Atalanta leistet das Gew?nschte, wie w?re dann der Fortgang? Ich meine, werden Sie dann einen gro?en Strich unter das Vergangene machen und dem Gegner unbedingt verzeihen? Nicht das Geringste von ihm verlangen?

Aber, mein Fr?ulein, bedenken Sie! Das w?re doch ethisch das Allerschlimmste! Wenn wir nach gewonnenem Krieg Gleich auf Gleich proklamieren, so h?tten wir doch gerade den Status quo ante, und wohin dieser Status f?hrt, das haben wir doch eben schaudernd erlebt. Nein, mein Fr?ulein, Sie lassen sich von einer Utopie umgaukeln, die ganz unmittelbar in einen neuen Krieg hineintreiben w?rde, und eben weil wir diesen als ?berzeugte Pazifisten vermeiden wollen, m?ssen wir den Gegner so schw?chen, da? er nie wieder am ewigen Frieden zu r?tteln vermag. Wir w?nschen die Mitwirkung Ihres starken Schiffes, aber wir w?nschen sie nicht um den Preis einer flagranten Ungerechtigkeit!

Und ich werde dir sagen, Bruder Branisso, was die Mehrheit unserer G?ste w?nscht. Ganz einfach, sie w?nscht uns alle miteinander zum Geier! Und ich wette mit dir um die ganze Kriegsbu?e, die wir bekommen oder bezahlen werden, da? ihr Schiff noch heute verduften wird.

Er h?tte die Wette gewonnen.

Zwei Stunden nach unserer Abfahrt bemerkten wir hoch in der Luft einige bewegte dunkle Punkte, ?ber deren Bedeutung uns das Teleskop nicht im Zweifel lie?. Es waren die fliegenden Ingenieure aus Sarragalla, die sich ihren Bestimmungsorten n?herten, um mit technischer Gro?z?gigkeit die Katzbalgerei der Inseln zu einem menschenw?rdigen Unternehmen zu erh?hen. Ihre weitere T?tigkeit entzog sich unserer Beobachtung, denn wir bewegten uns rasch nach S?den, und die Flieger brauchten doch gewi? einige Zeit, um ihre Wunder zu montieren. Nachdem, was wir fr?her erfahren hatten, waren sie politisch ganz indifferent und verfolgten lediglich mechanische Effekte. Rottek vermutete, da? die Ingenieure die beiden Eilande als Versuchskarnickel f?r ihre neuen Erfindungen ausprobieren w?rden; mit all der Unparteilichkeit, die zu den sch?nsten Kennzeichen derartiger Technik geh?rt. Wahrscheinlich w?rden sie die Gel?nde ebenso behandeln, wie man in r?ckst?ndiger Kultur mit Schiffen verfuhr, das hei?t also, beide Inseln radikal auf den Meeresgrund versenken. Eine zuk?nftige Expedition wird festzustellen verm?gen, ob diese Vermutung durch die Tatsachen gerechtfertigt worden ist. Unser Tagebuch reicht nicht soweit. Sollten aber sp?tere Geographen das Verschwinden von Allalina und O-Blaha feststellen, so w?re damit erwiesen, da? das Problem des Pazifismus hier durch den ewigen Frieden aller Beteiligten restlos gel?st worden ist.

Die Heimfahrt

Was folgt daraus? Das Prinzip der Prinzipe. Insel-Weisheit und Weisheits-Inseln. Haec fabula docet.

Und wiederum Honolulu und die ?brigen Etappen unserer Herfahrt in umgekehrter Reihenfolge. Unsere Beschreibung ist zu Ende. Aufzuarbeiten bleiben nunmehr einige gedankliche R?ckst?nde; Dinge, die aus dem Unterbewu?tsein emportauchen, um im Oberbewu?tsein einen Platz zu suchen. Wir haben das Fazit zu ziehen, das bedeutsamer werden kann als die erlebten Tatsachen.

Ethische Betrachtungen lagen uns zun?chst, da wir ja zuletzt Bezirke mit starkbetonten sittlichen Prinzipien verlassen hatten. Recht und Gerechtigkeit waren die Leit-Worte und Leit-Motive gewesen. Aber im Grunde hatten die Insulaner mit diesen Begriffen nur dasselbe Spiel getrieben, das wir selbst mit ihnen treiben. Spiel? Der Ausdruck ist noch zu schmeichlerisch. Denn ein Spiel, als an Regel gebunden, offenbart einen Sinn, und noch im kindlichen Spiel steckt bekanntlich ein tiefer Sinn. Aber im Gerechtigkeitsspiel der Erwachsenen verfl?chtigt sich der Sinn zu einem gedanklichen Chaos.

Wo ein Staatsmann, ein Volksredner den Mund auftut, wo ein Leitartikler zu schreiben anhebt, da ergie?t sich Gerechtigkeit in Str?men. Und Millionen von H?rern und Lesern verschlucken sie milliardenfach, ohne sich zu fragen, ob sich dabei etwas Denkbares denken lasse. Sie ereifern und entr?sten sich um einen Begriff, der findbar sein m??te, um seinen Weltkurs zu verdienen. Er l??t sich aber ebensowenig finden, wie die K?rperlichkeit eines Spiegelbildes hinter dem Spiegel. Man greift ins Leere, und nur ein kompletter Narr k?nnte es dort suchen. Aber der Verstand zahlloser Verst?ndiger ergeht sich in der n?mlichen Narretei. Immerhin, so meinte einer unserer Fahrtteilnehmer, immerhin erfassen wir doch den Begriff der Gerechtigkeit etwas genauer als jene Insulaner von Allalina und O-Blaha.

Das eben leugne ich. Und ich finde weder unser Gerede noch die praktischen Folgerungen, die wir daraus ziehen, auch nur um eine Spur sinnvoller. Weil man etwas nicht Existierendes ?berhaupt nicht erfassen kann, weder genau noch ungenau. Allenfalls lie?e ich mich zu dem Zugest?ndnis herbei, da? die ethischen Inselmenschen etwas konsequenter verfahren als wir. In ihrem abenteuerlichen Schlu?erlebnis steckt wenigstens die Methode der Abk?rzung. Sie geben uns in ?bersichtlicher Gedr?ngtheit das Bild unserer eigenen Geschehnisse. W?re ein Europ?er imstande, die Jahrtausende seiner Weltgeschichte mit einem Blick zu ?berfliegen, so w?rde sie ihm ebenso grotesk vorkommen, wie die soeben von uns beobachtete Katzbalgerei mit ihren Gerechtigkeitsmotiven.

Sie wollen offenbar darauf hinaus, da? das Fazit unserer Entdeckungsreise ?berhaupt unter diesen Gesichtspunkt gebracht werden kann?

Ich werde mich damit nicht begn?gen. Gewi?, es verlohnte sich, die verlebendigte Abk?rzung unserer eigenen Schicksalsl?ufe hier wie in kinematographischer Beschleunigung durchzumachen. Aber dar?ber hinaus ergeben sich noch andere Orientierungen, wie man sie eben nur in diesen Gebieten gewinnen kann. Denn wir alle leben in und von Prinzipien, und deren Beschaffenheit wird uns am klarsten im Verkehr mit Menschen, die ihre eigenen Prinzipe offensichtlich und eigensinnig ?bertreiben. Oder zu ?bertreiben scheinen.

Warum sagen Sie scheinen?

Weil ein Prinzip, wenn es wirklich vorhanden w?re, gar nicht ?bertrieben werden k?nnte. Es m??te sein wie ein physikalischer Satz. Ein Planet verfolgt in seiner Bahn die Linie eines Kegelschnitts, das ist sein Prinzip. Der Planet ist davon v?llig durchdrungen und kann darin nicht zu viel oder zu wenig tun. Wenn aber der Mensch seinem Handeln ein Prinzip vorsetzt, so verfolgt er gar keine angebbare Linie. Von Punkt zu Punkt wird er durch Zuf?lligkeiten des Urteils abgedr?ngt, von Sekunde zu Sekunde ?ndert sich das Wesen seines Vorsatzes, das hei?t, sein sogenanntes Prinzip ist in sich prinziplos. Was ihm als ein st?hlerner Strang erscheint, wird im Gang der Geschehnisse ein Zwirnsfaden, der fortw?hrend abrei?t und fortw?hrend neu angekn?pft werden mu?. Wer sehr eifrig kn?pft, den nennen wir konsequent, prinzipientreu, das ist alles. Aber in Wirklichkeit hat er doch nur einen wirr verknoteten Zwirnskn?uel in der Hand, und er unterliegt einer fixen Idee, wenn er sich einredet, aus solchem Kn?uel eine Richtung ablesen zu k?nnen.

Da h?tten wir also nicht blo? Inseln der Prinzipe entdeckt, sondern noch obendrein ein Grundprinzip: das der allgemeinen T?uschung.

Damit kommen wir der Hauptsache schon n?her. Und das Erstaunlichste ist, da? dieses einzig sonnenklare Menschenprinzip noch immer nicht zum Hauptsatz aller Philosophie erhoben worden ist. Ich kenne kein gr??eres Weltwunder. Selbst diejenigen Denker, die sich bis zu ansehnlichem Grade vom Landl?ufigen befreit haben, selbst solche, die imstande w?ren, die Peripherie zu durchsto?en, verfallen doch auf jeder Seite der T?uschung, als k?nnten sie ermitteln, feststellen, beweisen, sie reden von h?heren und niederen Lebewesen, von Fortschritt, R?ckschritt, Stillstand, Kultur

Das tun Sie doch auch!

Leider bin ich dazu gezwungen, durch den D?mon der Sprache, der mich in den fehlerhaften Zirkel einspannt und darin festh?lt. Aber ich sp?re doch wenigstens den Zwang und rede mir nicht ein, da? das sprachlich Unvermeidliche sich mit den Dingen an sich deckt. Und mehr als das. Ich traue es mir zu, in jenem Zirkel hier und da eine Luke zu ?ffnen; zu eng, um hindurchzuk?nnen, aber weit genug, um hinauszuschauen. Und ich glaube, da? Sie jetzt imstande sein werden, mit mir hindurchzublicken; nachdem die Erfahrung auf diesen Inseln Ihre Aufmerksamkeit f?r das Absonderliche gesch?rft hat.





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