Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





W?hrend ?ber das Prinzip im ganzen allseitige ?bereinstimmung herrschte, gab es ?ber den Verfolg im einzelnen verschieden abget?nte Meinungen. Zwei Richtungen wurden erkennbar: die idealistische und die utilitarische, und demzufolge zwei Formen der Strebung: die linkspazifistische und die rechtspazifistische. Auf Allalina ?berwogen die idealen Linkser, auf O-Blaha die etwas praktischer gerichteten Rechtser. Im Grunde wollte man nat?rlich auf beiden Seiten dasselbe: die in Grunds?tzen, Richtschn?ren und Paragraphen festgelegte oberste Sittenregel f?r die Menschheit.

Gerade in der Zeit unseres Besuches sollte zu diesem Zweck eine gro?e Konferenz tagen, beschickt von den Hauptsprechern beider Inseln. Eigentlich war dieser Kongre? schon seit Jahren in der Schwebe, allein es hatten sich insofern Schwierigkeiten ergeben, als man sich ?ber den Ort der Zusammenkunft nicht so schnell zu einigen vermochte. Die O-Blaha-Leute bestanden auf ihrer Insel, und die anderen betonten es als conditio sine qua non, da? die Tagung auf Allalina stattfinden m??te. Denn die ideale Ethik h?tte fr?her existiert als die empirisch-utilitarische. Sie beriefen sich dabei auf Sokrates, Aristides, Confucius und gaben zu verstehen, da? sie nicht im Traume daran d?chten, von ihren Grunds?tzen abzuweichen. Aber die Rechtser f?hrten ebenso gewichtige Gr?nde ins Treffen, und so war die Konferenz nahe daran, zwischen beiden Inseln ins Wasser zu fallen.

Schlie?lich verfiel man auf das bereits mehrfach bew?hrte Mittel, den Zufall anzurufen. Das Los entschied f?r Allalina.

Auch das Aufstellen einer Gesch?ftsordnung war nicht so einfach. Es erhoben sich Stimmen f?r unbedingte, andere f?r beschr?nkte ?ffentlichkeit. Wer sollte Zutritt haben? Alle, oder nur bevorzugte Karteninhaber? Aber kein vorhandener Saal w?re dem Andrang aller gewachsen gewesen, und welcher Beh?rde h?tte man die Kompetenz zur Auslese zuzuweisen? Die Schwierigkeit komplizierte sich durch die Frage, ob nur die delegierten Sprecher reden d?rften, oder ob jedem Zuh?rer das Recht zust?nde, in die Debatte einzugreifen und seine Meinung zu ?u?ern. Sollte ferner der einzelne unbegrenzte Rededauer beanspruchen, oder an eine maximale Redefrist gebunden sein? Schlie?lich aber nahm der Plan in einem Spiel sehr verwickelter Kompromisse Gestaltung an. Man entschied sich f?r m?glichst weite Zulassung der H?rer, der Redefreiheit und der Sprechfrist; und man baute eine Konferenz-Arena, deren Umfang zwischen Aula von Toledo und dem r?mischen Circus Maximus etwa die Mitte hielt. Es war ein rasch konstruierter, ungedeckter Holzbau, dessen Kosten auf beide Inseln gleichm??ig repartiert wurden.

Durch unsere Beziehungen zum Watongoleh, der als ethische Amtsperson zum provisorischen B?ro des Hauses geh?rte, erlangten wir Fremdlinge leicht Zutritt zu den Verhandlungen. Schon in der vorbereitenden Sitzung waren wir zugegen. Und da einer von uns, Donath Flohr, dreist und unlegitimiert einen Stimmzettel mitabgab, so wurde Branisso mit einer Stimme Mehrheit zum leitenden Pr?ses gew?hlt. Er erteilte das Wort, und nunmehr begann die Debatte, in der vor allen die zwei deputierten Hauptsprecher hervortraten: f?r Allalina der Linkspazifist Purpu, f?r O-Blaha der Rechtspazifist Kostrubaal.

Purpu begann mit einer rhetorisch prachtvollen Ansprache, in der er die Bedeutung der Konferenz ins hellste Licht setzte. Sie w?rde eine F?lle von Entschl?ssen und Motionen geb?ren, die man auf Pergament festhalten wolle: Wir werden sie, so denke und heische ich, in einer silbernen Kapsel aufbewahren f?r eine ferne Folgezeit, um sie dereinst zu ?ffnen, wenn die leidende Menschheit in der weiten Welt reif geworden sein wird zum Empfang unserer Heilswahrheiten.

Dem widersprach aber Kostrubaal ganz energisch: Unsere Tagung hat nicht den leisesten Sinn, wenn wir auf die Zukunftsbank schieben, was der lebendigen Gegenwart angeh?rt. Wir auf O-Blaha empfinden schon lange, da? wir viel zu viel in der Theorie machen, uns mit ethischem Wortdunst bes?useln, anstatt uns auf die Pragmatik zu besinnen. Heraus aus der pontifikalen Salbaderei, hinein in die Wirklichkeit! Wenn wir jetzt das ethische Weltrezept ermitteln, und wir werden es finden! so w?re es geradezu ein Verbrechen, es zu verkapseln und einzup?keln. Wir wissen ja, wie es drau?en in den gro?en Kontinenten zugeht, in Krieg, Kriegsm?glichkeit, Kriegsdrohung und in Zust?nden eines Friedens, dem die Kriegspestilenz aus allen Poren dampft. K?nnen die V?lker der alten Kulturwelt nicht kraft eigenen Verm?gens aus ihrer H?lle heraus, so sind wir berufen, wir ethisch Geschulten, ihnen die Erl?sung zu bringen; und zwar dadurch, da? wir ihnen ohne jeden Aufschub das Programm mitteilen, das wir jetzt aufstellen werden. Jetzt ist die Stunde gekommen, da wir unsere polynesische Abgeschiedenheit im pazifischen Weltwinkel aufzugeben haben. Bei uns ankert ein Schiff, die Atalanta, die unsere Heilsbotschaft hinaustragen kann. Ich frage den hier anwesenden Kapit?n, ob er bereit ist, sich dieser Mission zu unterziehen.

Unser Herr Ralph Kreyher erhob sich und machte eine nicht ganz diplomatische Verbeugung, die soviel bedeuten sollte: Selbstverst?ndlich; wird uns eine Ehre sein.

Aber Purpu stand eisenfest auf der Gesch?ftsordnung: Der Herr Vorredner besitzt nicht den Schimmer eines Rechtes, hier Missionen auszuteilen. Ich betrachte es als einen unerh?rten ?bergriff, wenn er sich kaltl?chelnd ?ber die Tatsache hinwegsetzt, da? von mir ein formulierter Antrag vorliegt. Herr Pr?ses, was steht im Protokoll?

Branisso war in Verlegenheit. Ich mu? allerdings konstatieren, da? Purpu die Verschlie?ung unserer pazifistischen Ergebnisse in eine silberne Kapsel beantragt hat, w?hrend der Gegenredner deren sofortige Bekanntgabe f?r die ganze Menschheit bef?rwortet

Abstimmen! Abstimmen! wurde dazwischengerufen.

Meine Damen und Herren, erkl?rte der Vorsitzende, es w?re verfehlt er kam nicht weiter, denn ein Deputierter von O-Blaha protestierte mit durchdringendem Organ gegen die Anrede: Mit welchem Rechte setzt der Vorsitzende die Damen voran?! Sind wir ethische Inseln oder galante Inseln?!

Also: meine Herren und Damen, oder vielmehr, um die volle Parit?t zu wahren: Verehrte Genossen beider Geschlechter

Bravo!

Ich wollte sagen: es w?re verfehlt, durch Abstimmung festzustellen, was mit Ergebnissen geschehen soll, von denen noch nicht eine einzige Silbe vorhanden ist. Ich m?chte deshalb, wenn kein Widerspruch erfolgt, diesen Aktus bis zum Schlu? aller Debatten vertagen. Ich bitte demnach, zun?chst vorzutragen, wie Sie sich ?berhaupt die Begr?ndung unseres sch?nen Programms im einzelnen vorstellen. Herr Kostrubaal hat das Wort.

Der Aufgerufene begann: Wenn ich es recht ?berlege, so wollen wir hier alle die einfachste Sache von der Welt. Und eine einfache Sache mu? sich auch in klaren, nicht mi?zuverstehenden Worten ausdr?cken lassen. Seit Kreaturen existieren, bek?mpfen sie einander, und seit der homo sapiens auf Erden wandelt, ist der Kampf von Mensch gegen Mensch ?ber alle Begriffe der Scheu?lichkeit hinausgewachsen. Noch nie ward es in der Weltgeschichte erlebt, da? der Janustempel auch nur auf eine Stunde geschlossen werden konnte. Was sich in den Wassertropfen begibt, deren Kleinwesen einander verschlingen, was im gro?en Tierreich mit seinem Gewimmel von Raubbestien, Schlangen, Skorpionen und W?rgern, ist alles zusammengenommen nur ein Kinderspiel, nur ein Idyll gegen das Vertilgungsbild, das uns der Mensch bietet. Denn ganz vereinzelt lebt unter diesen ein Numa, ein Solon, ein Epaminondas, ein Epiktet, und zu vielen Millionen w?ten sie umher, die Teufel in Menschengestalt, die ihre Intelligenz nur darum immer h?her schrauben, um ihre Grausamkeit zu versch?rfen. Beinahe sind sie soweit, mit einem Druck auf den Knopf ganze St?dte zu pulverisieren und mit einem Sprenggu? ihrer Luftflotten bl?hende Provinzen in stinkende Leichenfelder zu verwandeln. Und aus diesem Grunde sind wir verpflichtet, hier als erstes Prinzip eine Forderung niederzulegen: Der auf Allalina tagende Kongre? verlangt kategorisch: das gesamte Menschengeschlecht mu? eine einzige Familie guter, gl?cklicher und friedfertiger Gesch?pfe werden.

Der Redner machte eine Kunstpause, die von beif?lligen Zurufen ausgef?llt wurde. Es war ersichtlich, da? dieses Prinzip alle Aussicht hatte, mit ?berw?ltigender Mehrheit angenommen zu werden. Und damit war das Hauptproblem eigentlich schon ?berm Berg. Ermutigt fuhr der Sprecher fort:

Gewi?, liebe Genossen, wenn diese soeben aufgestellte Formel schon vor dem trojanischen und peloponnesischen Kriege gefunden worden w?re, so h?tte sich die Menschheit viel Tr?bsal erspart. Immerhin wollen wir es mit Freude begr??en, da? sie nun endlich gesichert dasteht, pr?destiniert, eine niemals endende Gl?ckseligkeits?ra einzuleiten. Sie ist kein Ausflu? eleusinischer Mystagogie, kein Destillat aus verzwickten philosophischen Systemen, sie bietet keine juristische Verschn?rkelung, sondern und darin liegt ihr oberster Vorzug sie gibt sich mit offensichtlicher Einfachheit und wird eben darum, kraft ihrer einleuchtenden Simplizit?t eine ungeheure Gewalt aus?ben. Ja ich gebe mich bestimmt keiner Illusion hin, wenn ich behaupte, da? sie allein imstande sein wird, neun Zehntel aller jemals m?glichen Kriege zu verh?ten

Das ist zu wenig! unterbrach Purpu mit Leidenschaft, wenn wir nicht mit zehn Zehntel fertig werden, dann k?nnen wir ?berhaupt einpacken!

Kostrubaal l?chelte ironisch: der Herr von Allalina verbei?t sich schon wieder in die Theorie einer weiten Zukunft, und wahrscheinlich hat er daf?r ein phantastisches Rezept in Bereitschaft, w?hrend ich das Prinzip so forme, da? es schon heute von aller Welt mit Begeisterung akzeptiert werden kann. Ich habe daher das Prinzip als Generalformel ausgesprochen und gehe nunmehr dazu ?ber, sie im Speziellen zu festigen. Sonach lautet meine zweite Resolution: Der hier versammelte Kongre? fordert von der Menschheit kategorisch die r?cksichtslose Unterdr?ckung aller Angriffskriege!

Na, da haben wirs ja! sch?umte Purpu auf, indem er zur Trib?ne st?rzte und sich unbek?mmert um die Rednerliste zu einem Rededuell anschickte. Er verklausuliert sich schon im ersten Anlauf, der Praktiker! Begreift er denn nicht, da? er mit seiner zweiten Resolution ein Hinterpf?rtchen aufsperrt, durch das der vorn herausgeschmissene Krieg wieder lustig hereinspazieren wird? Klipp und klar will ich Antwort: H?lt er den Verteidigungskrieg f?r zul?ssig?

Sie fragen wie ein Unzurechnungsf?higer. Selbstverst?ndlich wird man in Abwehr ungerechten Angriffs an seine eigene St?rke appellieren m?ssen. Soll man etwa mit verschr?nkten Armen dasitzen und sich ruhig abschlachten lassen, wenn es dem b?sen Nachbar so gef?llt?

Einen h?bschen Pazifismus vertritt der Mensch da! Noch nicht einmal die Grundidee hat er begriffen. Zuerst wettert er gegen den Krieg, und bei der ersten Querfrage klappt er um. Begreift er denn nicht, da? der Raub ganzer L?nder weniger schwer wiegt, als der Tod eines einzigen Menschen, der leben will und leben k?nnte? Da? der Angreifer niemals den Tod des Angegriffenen will, sondern nur seine G?ter, Territorien, Bodensch?tze, Bergwerke, Fabriken, Eisenbahnen? Erst durch die Verteidigung kommt der Mord herauf, den wir ?berzeugten Linkspazifisten unter allen Umst?nden ?chten und verwerfen. Es gibt keinen Fall gerechten Defensivkrieges, vielmehr ist er stets ungerecht wie jede blutige Handlung.

Also lieber Versklavung als blutige Abwehr? Gipfel des Bl?dsinns!

Gipfel der ethischen Weisheit! Der Sklave bleibt am Leben, und nichts Kostbareres k?nnen wir ihm erhalten als eben dieses. Wir bek?mpfen also jeden Krieg, restlos, radikal, und ich verlange eine Resolution, die diese Forderung ohne Winkelz?ge zum Ausdruck bringt.

Im Publikum wogte Stimmung. Die Konsequenz Purpus imponierte dem ethischen Bewu?tsein der Allalina-Leute, die sich als Partei zu f?hlen anfingen. Um so vehementer regte sich der Widerstand der Gegenpartei. Durch die Konferenz ging es wie ein Wechselstrom, der zur Entladung dr?ngte. Funken sprangen ?ber, als Vorboten einer Explosion, die gewi? bei einer Abstimmung eingetreten w?re. Denn dann gab es Sieger und Geschlagene, ein Ideal w?re durch Mehrheit erdrosselt worden, und das h?tten die Tr?ger dieser Idee bestimmt sich nicht gefallen lassen.

In dieser Situation entschlo? sich der Pr?sident, die Spannung lieber noch hinzuhalten, anstatt die Entscheidung zu provozieren. Er ersuchte die beiden K?mpen um eine Pause in ihrem rethorischen Waffengange: Lassen wir doch auch andere Stimmen zu Geh?r kommen, damit sich die Angelegenheit gen?gend kl?re. Im Grunde wollen und meinen wir ja alle dasselbe.

Mit kleinen Unterschieden, bemerkte Firnaz vom Platze aus. Ich zum Beispiel meine, da? hier nicht ein ideales Motiv den Endsieg erstreiten wird, sondern der Biceps. Und wir k?men wahrscheinlich eher zum Resultat, wenn die beiden Sprecher von vorherein die Sache glatt und ehrlich durch Boxen erledigten.

Ein Echo von Pfuis erhob sich.

Warum Pfui, lieben Br?der? Noch nie hat der Verfolg einer V?lker bestimmenden Idee zu etwas anderem gef?hrt, als zu einer Boxerei: Gottglaube, G?tterglaube, ewige Seligkeit, Sakrament, Rassengef?hl, irdische Wohlfahrt, sublime Menschenziele, ganz egal, immer gings aufs knock out los, und aus jedem Match wuchsen schon wieder zehn frische Idealmotive zu neuem Geboxe. Das Register dieser P?ffe nennen wir die Weltgeschichte. Denn die Waffe in jeder Form ist doch nichts anderes als die verl?ngerte Faust. Wohl den Gegnern, wenn sich einmal das Feld der Hiebe verengte, wie einst zwischen Rom und Alba Longa: ein paar Horatier gegen ein paar Curiatier, das vereinfacht die Sache und erspart viel Gemetzel. Also los aufeinander, Horatius Purpu und Curiatius Kostrubaal! Wie, ihr z?gert noch, obschon es euch bereits in allen Gelenken kribbelt? Weils nicht recht pazifistisch ist?

Der Pr?sident rief Firnaz zur Ordnung: Du darfst hier weder zur rohen Gewalt auffordern, noch den beiden Delegierten ein brutales Gewaltgel?ste unterschieben. Vergi? nicht, da? wir alle uns hier im Zeichen der gro?en Ethiker befinden!

Und diese, so meinst du, Bruder haben sich nie auf die Faust verlassen? Geh in die Klippschule, Branisso, und lerne was! Da habt Ihr den Friedensidealisten Sokrates, der pers?nlich ein vorz?glicher Krieger war, der im Peloponnesischen Krieg k?mpfte, und nach dem Treffen bei Potid?a den Tapferkeitspreis bekommen sollte. Der pa?t also nicht zu unseren Resolutionen. Da habt ihr den gro?en Aristides, den Gerechten. Sein Idealismus hat ihn nicht verhindert, bei Marathon, Salamis und Plat?a kriegerische Lorbeern zu ernten. Und nun gar der Apostel Solon! der war ein prachtvoller Haudegen, Held im Heiligen Kriege, und geradezu Kriegsherold; er hat den Krieg gegen Megara direkt entfesselt, obschon die Regierung bei Todesstrafe die Aufforderung zum Krieg gegen Megara verboten hatte! Der pa?t also auch nicht ins Schema. Wer sonst? Holt euch ein Modell aus den Urw?ldern!

Zur Sache! schallte es ihm entgegen; schweifen Sie nicht ab, bleiben Sie beim Thema Angriff und Abwehr.

Bin schon dabei, geliebte Friedensbolde. Also ich gehe im Walde, bemerke einen Jaguar, der sich grade zum Sprunge duckt und schie?e. Da bin ich in der Notwehr. H?tte ich aber geschossen, bevor er sich zum Sprunge duckte, dann war ich der Angreifer. Denn das gute Tierchen hatte mir ja gar nicht gedroht. Da? ich seine blo?e Existenz in meiner N?he als eine Drohung auffa?te, da? ich dem Angriff zuvorkommen mu?te, um mich zu retten, das z?hlt nicht mit. Die einzige Frage bleibt: wer hat in dieser Sekunde angefangen, wer hat den Naturfrieden gebrochen. Ich! Die Bestie will ja ?berhaupt nicht meinen Tod, ihr ist es ganz gleichg?ltig, ob ich lebe oder sterbe, blo? satt werden will sie an meinem Blute; w?hrend ich, wenn ich schie?e, ganz ausdr?cklich ihren Tod herbeiw?nsche. Immer kommt es nur auf die Anfangssekunde an, und besonders die Politik leistet ihre sch?nste Trottelei darin, da? sie den einen Moment aus den Begebenheiten heraussticht, um danach die Schuldfrage zu formen: Angreifer oder Abwehrer. Wie die Sache vorher aussah, wie sie nachher ausgesehen h?tte, was k?mmert das den Trottel, der nicht begreift, da? beide Elemente zusammengeh?ren wie das Konkav und Konvex einer Kurve. Du hast zuerst geschossen, du hast angegriffen, in diesem kurzd?rmigen Schlu? ersch?pft sich die Weisheit dieser Gerechtigkeitspinsel. Modell: der Trojanische Krieg. Wer hat ihn angefangen? Die Ach?er nat?rlich, die Ilion ?berfielen und umzingelten. Aber zuvor war der Trojaner Paris in den griechischen Ehefrieden eingebrochen, der war also der Angreifer. Wieder falsch. Der Trojaner hatte nur ein g?ttliches Recht verteidigt, das ihm auf dem Berge Ida zugesprochen war. Und schlie?lich waren sie alle zusammen nur Werkzeuge eines olympischen Ratschlusses, welcher der Welt einen wohlt?tigen Aderla? verordnete. Nun kommt der moderne Pazifist, runzelt die Denkerfalten ?ber der Nase, t?ftelt und findet die Erl?sung vom ?bel: Schiedsgericht, V?lkerbund

Zuruf: Sehr richtig!

Zweifellos. Wenn die erst einige Jahrzehnte gewaltet haben, wird man keine Arsenale mehr bauen, blo? noch Museen. Sch?n. Also stellen wir uns vor, zu jener Zeit w?re ein v?lkerb?ndliches Schiedsgericht angerufen worden. Resultat: der Friede mu? unter allen Umst?nden erhalten werden, der Trojanische Krieg darf nicht stattfinden. Welch ein Segen f?r die Menschheit! Keine Ilias, keine Odysee, keine Homerischen Kl?nge, kein Achill, Diomedes, Hektor, Odysseus; und genau so w?ren auch alle andern Kriege verboten worden. Nur m?chte ich wissen, was f?r Museen die Menschheit danach gebaut h?tte. Keine Tempel des Heldentums, sondern Leichenkammern der Langeweile. Und gesteinigt w?re der worden, der sich zu dem Glauben bekannt h?tte, der eigentliche F?hrer der Museen sei Mars, nicht Apollo!

Vielfaches Murren. Auch wir Fremdlinge waren mit diesen Ausf?hrungen nicht einverstanden, und besonders Fr?ulein Eva gab lebhaften Unwillen zu erkennen. Firnaz sprach weiter.

Sollte ich soeben den Apollo beleidigt haben, so bitte ich ihn um Entschuldigung. ?brigens war er ja auch ein Kriegsgott, der Fernhintreffer, der mit seinen silbernen Pfeilen die Kinder der Niobe erscho?, und dessen Name, Apollo, w?rtlich ?bersetzt, Verderber bedeutet. Und was die Apollinischen Ges?nge betrifft, so behandeln sie kaum etwas anderes als Kampf, Sieg und Heroentum. Jetzt r?hren sich die pazifistischen Bilderst?rmer nicht etwa zum ersten Male. Unsere Thesen von heute sind Wiederholungen uralter Beschl?sse. Als Theodosius der Gro?e zu Rom regierete, wurde durch eine imperatorische Motion im Senat das ganze g?ttliche Heldengesindel abgesetzt; Ziel der brausenden St?rmer war es, die Tempel und Bilds?ulen der Heroenzeit zu vernichten, die ganze Apotheose der antiken Tapferkeit, der virtus, der andreia, auszur?uchern. Tausend Jahre sp?ter grub die Renaissance all das Versch?ttete aus Staub und Moder wieder heraus, und die alten Wahrzeichen feierten frohe Auferstehung. Der Turnus geht weiter, und wir erleben es aufs Neue, da? der Olymp verfehmt wird. Man st?rmt Bilder, revidiert die Geschichtsb?cher und rei?t die Seiten heraus, die den Kriegshelden feiern.

Nieder mit den Eroberern!

Ach, lieben Br?der, ihr wi?t gar nicht, wie sehr sie euch im Grunde verwandt sind. H?tte nur ein einziger gro?er Eroberer seinen Kriegswillen vollst?ndig durchgesetzt, so h?tte er praktisch geleistet, was ihr theoretisch niemals ausf?hren k?nnt. Seid ihr imstande, den Plan eines Alexanders des Gro?en in eure Engbrust aufzunehmen? Er sah den Erdboden als eine Einheit an; ihm schwebte vor, die Welt zu erobern, ihr einerlei Sprache und die Gemeinsamkeit aller Gesetzlichkeit, aller Wissenschaften und K?nste zu geben. Ausgehend von Mazedonien und Epirus, hinweg ?ber Armenien, Syrien, Medien, Indien, ?ber den Erdkreis hinweg, wollte er die gro?e V?lkerfamilie schaffen mit einem Zentralpunkte, der die Residenz der Amphiktyonen und die friedliche Akademie des Weltalls werden sollte. Ja, durch Blutozeane mu?te er hindurch, aber diese Meere w?ren abgelaufen, und ihr Grund h?tte sich mit Bl?ten bedeckt. Ein bi?chen gro?z?giger als ihr war er schon, der Pazifist Alexander!

Keine Lobges?nge hier auf das Schwert! Das verbitten wir uns! Die Tugend soll in der Welt regieren!

Es gibt zwei Tugenden, die etwas taugen: die der Einsicht und die des Willens. Beide besitzt ihr nicht. Eure Tugend ist das Gepl?rr. Euch hat Demokritos gemeint, als er verk?ndete: Wehe dem Volke, wenn seine Tugend ein gravit?tisches und aufgedunsenes Ansehen gewinnt; ein feindseliger D?mon schwebt mit ungl?ckbeladenen Fl?geln ?ber ihm; ich weissage solchem Tugendvolke mit der zuversichtlichsten ?berzeugung: dumm und barbarisch wirst du werden, armes Volk! Trebern und Distelk?pfe wirst du fressen und Dinge leiden m?ssen, vor denen Natur und Vernunft sich entsetzen sagt Demokrit. So, und jetzt k?nnt ihr ja ?ber eure eminenten Thesen abstimmen lassen.





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