Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Das braucht ein solcher Chemiker auch nicht, wenn er jemand beseitigen will. Er hatte ihn brieflich get?tet: durch ein dringliches Schreiben, dessen Umschlag bei der ?ffnung explodierte, und zwar mit solcher Gewalt, da? der Empf?nger im n?mlichen Augenblick das Leben verlieren mu?te.

Das alles ist ja sehr tragisch, und wir haben Ursache, Sie und Ihr Haus tief zu beklagen. Allein, um gerecht zu sein mu? man doch sagen: Unrecht ist Ihrem Manne nicht geschehen. Er hat doch gemordet und get?tet, und auch die mildeste Strafkammer h?tte ihn nicht freisprechen d?rfen!

Wir wollten uns eben dar?ber auseinandersetzen, als ein anderes Mitglied der Familie aus dem oberen Stockwerk mit dr?hnendem Gestampf heruntergetapst kam. Das war Branissos Stiefbruder Firnaz, seines Zeichens Physikus au?er Dienst, der erst k?rzlich von einer Inkognitoreise durch die Welt zur?ckgekommen war und jetzt auf der Insel eine ?hnliche Rolle spielte wie Demokrit unter den Thraziern. Nur da? er nicht eigentlich als lachender Philosoph auftrat, vielmehr als polternder. Zwischen seiner Ausdrucksweise und seinem ?u?ern bestand eine gewisse Kongruenz. Eine Aesopische Figur, schief?ugig, rotbrandig, blatterbenarbt und verwachsen; und doch nicht reizlos mit der Faunennase, die ?ber der Robbenschnauze energisch in die Luft stie?.

Also man hat Ihnen schon vorgejammert, sagte Firnaz, und da w?ren wir ja mitten im Kapitel von der Gerechtigkeit; wer spricht denn ?berhaupt auf dieser Insel von etwas anderem? Wir sind allesamt ethisch verlaust, und das Herumkratzen auf der Lausehaut ist unsere Hauptbesch?ftigung.

So sollten Sie sich nicht ausdr?cken, Herr Firnaz, aus Anla? eines so tief traurigen Falles, der ja auch Sie als Familienmitglied betrifft. Nur von den ethischen Motiven darf man sprechen, die uns angesichts dieser Trag?die bedr?ngen. Denn einerseits m?ssen wir uns vergegenw?rtigen: hier hat Gerechtigkeit gewaltet, andererseits aber k?nnen wir Ihrem Verwandten Pordogg eine gewisse Sympathie nicht versagen.

Einerseits Andererseits! Da haben wir schon die Formel, mit der wir Moralkr?ppel uns das Phantom der Gerechtigkeit vorschwindeln. Also Pordogg mu?te verurteilt werden. Warum? wegen Mordes. Wo steht das? im Strafkodex und im Trismagest. Da steht aber auch, da? nicht die Tat an sich beurteilt werden soll, sondern die Absicht. Hier war die Absicht eine edle: der Mann hatte sein ganzes Genie darangesetzt, um ein Heilmittel f?r die Menschheit zu bereiten. Nach seiner ?berzeugung konnten Tausende gerettet werden, wenn nur ein einziger verschwand, der Palinur. Darum hat er ihn verschwinden lassen.

Das durfte er eben nicht.

Durfte! so sagen wir, weil uns das Strafgesetz in den Knochen sitzt als ein Wurm, der uns jede h?here Regung aus dem Mark herausfri?t. Durfte Brutus den C?sar ermorden, Tell den Landvogt, Charlotte Corday den Marat? W?rden Sie den Tell verhaftet und eingesperrt haben? Schon biegt sich die Gerechtigkeit hin und her, und Sie wissen nicht wohin damit.

Vereinfachen wir uns die Sache durch ein anderes Beispiel. Der Hochverrat ist strafbar; aber nur der Versuch, wenn er mi?gl?ckt. Gl?ckt er, dann ist er straffrei, weil mit der alten Verfassung zugleich der alte Kodex in die Versenkung f?llt. Dann existiert die Gerechtigkeit A nicht mehr, blo? noch die entgegengesetzte Gerechtigkeit B. Und zu hunderten von Malen hat die Menschheit das ganz in der Ordnung gefunden. Sie wei? es nicht, aber ihrem Unterbewu?tsein ist es bekannt, da? die ganze Gerechtigkeit nur ein Konvolut von papiernen Paragraphen bedeutet, eine Papierwirtschaft, deren Scheine Zwangskurs besitzen, ohne da? eine Deckung dahinter steht.

Immerhin, wir m?ssen uns doch an Normen halten.

Wir ersaufen in Normen. Und eine Norm widerspricht der anderen. Die Absicht soll das Entscheidende sein. Also erforschen wir die Absicht mit Virtuosit?t. Bei uns im Gef?ngnis von Allalina sitzt ein M?dchen wegen Abtreibung der Leibesfrucht. Sie hatte aber nie eine Leibesfrucht und ist noch heute Jungfer. Ganz egal. Sie redete sich Schwangerschaft ein, versuchte abzutreiben, die schlimme Absicht war erwiesen. Ins Gef?ngnis! In einer anderen Zelle hockt ein Mensch, der hatte mit einer Holzflinte auf eine Strohpuppe angelegt. Doppelter Sinnesirrtum: er glaubte einen geladenen Karabiner in der Hand zu haben und hielt die Puppe f?r einen lebendigen Menschen, f?r seinen Todfeind; den wollte er also erschie?en. Man nennt das Versuch mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt. Aber wir sind ethisch so verfeinert, da? wir uns schon gegen die verbrecherische Absicht emp?ren, deshalb: ins Loch mit dem Kerl! Das ist die Norm. Zum Donnerwetter, so wendet sie doch an, wo es einen Sinn hat, die Absicht statt der Tat zu beurteilen. Was geschieht? Die Gegennorm schl?gt uns mit einem Kn?ttel auf den Kopf. Im Fall Pordogg gilt die Absicht gar nichts. Er hat durch die Selbstinfektion sein eigenes Leben drangesetzt, das wird vergessen. Er wollte uns vom ?bel erl?sen das gilt nicht mehr. Wir starren ethisch hypnotisiert auf die ungl?ckselige Tat, und der gl?ckselige Wille kann uns sonst was. Wieder ruft uns eine geheiligte Norm zu: Ne bis in idem nie zweimal gegen dasselbe! Aber der Mann war ja schon bestraft, bevor er an die Schranken geschleppt wurde! Wenn ihm seine Geimpften in Masse wegstarben, so hat er in seiner Seele schon hundertfachen Tod erlitten. Gegennorm: wir bestrafen ihn noch einmal und diktieren ihm zu seinem Tod noch ein bi?chen lebensl?nglichen Kerker. Zu Hause hat er eine unschuldige Frau und zwei unschuldige Kinder. Ethische Norm: die Unschuld darf nicht gekr?nkt werden. Gegennorm: Frau und Kinder werden aufs schwerste mitbestraft, f?r ein Ungl?ck, von dessen Anrichtung sie nicht die leiseste Ahnung besa?en. Und dann setzen sich unsere Staatsweisen zusammen und spintisieren ?ber weitere Verfeinerungen der ethischen Kultur!

Ja, das sind eben Gewissenskonflikte, die uns vielleicht um so mehr best?rmen, je weiter wir auf der Bahn der Menschlichkeit vorschreiten.

Woraus ich schlie?e, da? wir uns dieses Vorschreiten nur einreden, und da? Menschlichkeit mit allen Annexen nur Phantome sind. Ihr Hauptsymbol ist die Frau Justitia, vor der wir besonders, wir Insulaner, platt auf dem Bauch liegen. Eine gro?artige Figur! mit einer Augenbinde, wodurch sie ausdr?ckt, da? sie niemals ein Einsehen haben will, niemals Vernunft annimmt, denn Einsicht, Vernunft und Erkenntnis des Rechts sind dasselbe; mit einem Schwert, womit sie die verknoteten F?den der Rechtsbeziehungen nicht l?st, sondern entzweis?belt; und mit einer Wage, auf der sie Imponderabilien w?gen will wie K?se und Aufschnitt. Sie brauchte blo? noch wie Brennus das Schwert auf die Wage zu werfen, dann w?re das Sinnbild der Barbarei fertig. Auf dem Sockel m??te entsprechend stehen: Vae victis!

Und liebensw?rdige Manieren hat die Dame Themis. Sie kommt uns mit Unparteilichkeit und Gleichheit aller vor dem Gesetz; etwa wie ein Palmbaum, der alle seine Fr?chte in gleicher H?he aufgeh?ngt hat; mit dem Effekt, da? die gro?e Giraffe sie abfressen kann, w?hrend die kleine Antilope unten verhungert. Das sind ihre unparteilichen Rechtswohltaten. Als Strafg?ttin schwingt sie ihr Schwert immer mit der gleichen St?rke in der gleichen Richtung. Da? ihr das eine Individuum nackt gegen?bersteht, das andere gepanzert, das bemerkt sie nicht, denn sie ist ja blind. Ihr Streich geht an dem einen vorbei, der andere wird geritzt, der dritte mittendurch gespalten, ganz egal, sie hat mit Gleichheit operiert

Firnaz, h?r auf! rief Branisso dazwischen. Diese Fremden sind hierher gekommen, um die Eigenheiten unseres Landes kennen zu lernen, aber nicht um die Heiligt?mer der Menschheit verl?stern zu h?ren. Und zu uns gewendet erg?nzte er: Tats?chlich sind wir ein Justizvolk und wir streben danach, uns in diesem Betracht so zu vervollkommnen, da? wir dereinst als Muster f?r die ganze Erde hinausleuchten k?nnen. Unsere Abschlie?ung von der Welt wird ja in absehbarer Zeit aufh?ren, und dann soll die Welt bei uns die wahre Bl?te der Sittlichkeit studieren. Mit der Gerechtigkeit fangen wir an, und mit ihr h?ren wir auf, mit der h?chsten Gerechtigkeit, die aus aller Gemeinschaft ein Volk von Br?dern machen soll. Unser Ideal ist der Pazifismus, das Wort im weitesten Sinne genommen; die Ausl?schung der egoistischen Triebe durch das Prinzip des gerechten Denkens und Handelns. Die Gerechtigkeit ist gewisserma?en der Destillierkolben, aus dem wir die feinste Essenz gewinnen. Der mit dieser Essenz durchtr?nkte Mensch wird das wahre V?lkerrecht in sich tragen, den ewigen Frieden jenseits aller Anfechtungen durch Gier und Neid.

Dieses Programm verdient alle Hochachtung. Wenn wir Sie recht verstehen, so versuchen Sie aus allen Sittenlehren die gerechteste Substanz herauszuholen zum Zwecke eines allgemein anerkannten kategorischen Imperativs, der dann nat?rlich den Frieden von Mensch zu Mensch und von Volk zu Volk gew?hrleistet. Aber die Sittenlehren unter sich bieten doch Differenzpunkte!

Bis auf eine auffallende ?bereinstimmung polterte Firnaz; weil n?mlich eine immer so bl?de ist wie die andre. Hier auf den zwei Inseln schmarutzen sie alle Kurse durch, und keinem f?llt es ein zu untersuchen, ob denn die Ethik ?berhaupt einen Sinn hat! ob nicht bei genauer Pr?fung ihr Inhalt in Wortgew?sche sich aufl?st. Das Meisterwerk Mensch wollen sie vollenden. Mit einer bevorstehenden Offenbarung durch innere Hochkultur des Seins besabbern sie ihr bi?chen Intellekt. Aus der Physik wissen sie oder sollten sie wissen da? wir eine Verschrumpfung, Verbiegung, Deformation des gesamten materiellen Universums gar nicht bemerken k?nnten, weil all unsere Organe und Me?apparate im gleichen Grade mitdeformiert w?rden. Na dann zieht doch gef?lligst die Folgerung auf moralisch verschrumpfte, verkr?mmte Welten, deren Verbiegung wir als mitverbogene Kreaturen nicht wahrnehmen k?nnen. Die Wahrscheinlichkeit von Unendlich zu Eins spricht daf?r, da? wir uns in einer solchen Welt befinden; da? wir sie als Moralkr?ppel bev?lkern; und da? es der blanke Bl?dsinn ist, in dieser Krummwelt von der Sitte und Gerechtigkeit etwas anderes zu erwarten als Krummheit und Mi?gestalt. Menschentum! Menschlichkeit! so dr?hnt es aus den zottigen Hochbr?sten der M?nner, die sich f?r aufrecht halten, und es soll etwas Hohes, Erhabenes bedeuten, im Gegensatz zu Niedrigkeiten wie Eseltum, Ochsigkeit oder Bestialit?t. Du lieber Himmel, wo liegt der Koordinaten-Anfangspunkt, von dem aus gemessen wird, was hoch und was nieder? Es gibt keinen, und wir beschwindeln uns und die Welt, wenn wir so tun, als w??ten wir was von ihm. Die Frage: wer steht sittlich h?her, der Mensch oder der Pavian ist genau so gescheit und genau so albern wie die Frage: was ist edler, verst?ndiger, gerechter, sittlich vollkommener, der K?lner Dom oder der zweite Saturnring? Wir beziehen Dinge aufeinander, f?r die jeder Ma?stab fehlt. Tatsache ist nur eins: Wir finden uns in diese Welt hineingesetzt und haben unser Pensum abzuwickeln. Das tun wir nach dem unverbr?chlichen Prinzip des Egoismus, der bald individual auftritt, bald gattungsm??ig, wie die Sekunde es verlangt. Dem einen sitzt Lug und Betrug im Blute, der l?gt und betr?gt, der andere h?lt mehr zur Wahrheit, weil er gemerkt hat, da? er damit durchschnittlich besser f?hrt. Im Kulturmenschen hat sich das Gef?hl organisiert, da? der Vorteil der Menge auf den einzelnen abf?rbt. Folglich erstrebt er aus tiefstem Egoismus den Vorteil aller, und er kommt sich dabei edel vor, weil er imstande ist, seine Privatselbstsucht so h?bsch zu verkleiden, vor andern und sogar vor sich pers?nlich. Diese Selbstbeschwindlung ist dann seine G?te. Daf?r hat er sich schockweise Ausdr?cke erfunden, flatus vocis, oratorische Seifenblasen, an deren Buntheit er sich berauscht, die aber allesamt entzweiplatzen, sobald nur der Hauch des Intellekts sie ber?hrt: Gerechtigkeit, Ehre, Pflicht, Friedenssehnsucht, Weg der Seele, ?berwindung des Selbst, neuerdings indische Yoghi-Kultur: der siderische flammenreine Mensch soll entstehen; die Durchdringung des Wesens mit der sittlichen Harmonie des Alls; Ausbrennung der letzten Erdenreste im Bauchgeschlinge durch Innenkonzentration. Ihr bengalischen Phrasenmeister! konzentriert euch doch einmal wirklich nach ganz innen und seht zu, was ihr da findet: den kategorischen Imperativ des Egoisten in Reinkultur. Da sitzen die ewigen Wahrheiten und Erkenntnisse; der Krieg ist der Vater aller Dinge, homo homini lupus, Kampf aller gegen alle, denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht

Dies soll doch eben ?berwunden werden!

Von wem? vom Tr?ger dieser Gemeinheit, der sich vort?uscht, er k?nne eine Gemeinheit durch eine andere neutralisieren. Denn andre Substanzen findet er ja nicht in sich. Es ist so, als fa?te die Schwefels?ure den Entschlu?, sich durch Innenkonzentration in Lawendelwasser zu verwandeln.

Dein Gleichnis hinkt, Firnaz. Die Schwefels?ure kann nicht ?berlegen wie der Mensch, der sich selbst zu untersuchen und zu pr?fen vermag.

Das hei?t, der Geist nimmt den Geist unter die Lupe, die Seele seziert sich selbst. Das ist zwar unm?glich, aber nehmen wir an, es ginge. Da findet also die Seele bei der Selbstsektion eine ?ble Gewohnheit, die sie herausrei?en und durch eine bessere ersetzen will. Wodurch und wie erkennt sie das ?bel?

Doch sehr einfach! sie nimmt es als Symptom einer seelischen Krankheit und will gesunden.

O diese selbstlose Seele! ihr ist das Leiden verha?t, sie will ihre Schw?ren und Ekzeme absch?tteln, sie sehnt sich nach den Freuden der Heilung. Und die Kur bewirkt sie durch eine neue Gewohnheit, ohne von der alten Gewohnheit loszukommen, nach welcher sie ihren Vorteil erstrebt.

Was redest du immer von Gewohnheit, Firnaz. Wir veredeln doch das Ethische mit Verleugnung der Gewohnheiten.

Ja, das ist eures Amtes in eurem ethischen Ministerium. Schade, da? ihr nicht einen Sprachkritiker unter euch habt. Der w?rde euch sagen, da? beides ein und dasselbe ist. Ethos, mit langem E ausgesprochen, ist die Moral, Ethos mit kurzem E die Gewohnheit. Und es steht sprachlich fest, da? jenes von diesem herstammt. Dadurch wird bekundet, da? einzig die Gewohnheit den Kommentar zur Moral liefert. Gewohnheitsm??ig schw?rmen wir f?r die kleinen Kinder als f?r Unschuldsengel. Weil das Kind wiederum in unersch?tterlicher Gewohnheit von Sekunde zu Sekunde seinen unbedingten Egoismus klar zu erkennen gibt. Die Gewohnheit des egoistischen Versteckspiels und des altruistischen Getues ist ihm v?llig fremd. Was ist also unsere Verz?ckung vor den vermeintlichen Unschuldsl?mmern? Nichts anderes als die bewundernde Anerkennung der ehrlichen Selbstverst?ndlichkeit. Wir, die wir unseren Egoismus f?lschen, ?berschminken und vermummen, empfinden eine himmlische Freude vor einem Wesen, das von dieser Heuchelei gar nichts wei?. Wir erblicken also eine Engelstugend im offen zur Schau getragenen Egoismus. Ferner: wir sind gewohnt zwischen normalen und verr?ckten Menschen zu unterscheiden. Welchen Gewohnheitsma?stab legen wir an? Den des Interesses. Wenn einer gegen sich w?tet, seinen Besitz zertr?mmert, oder Stecknadeln schluckt, oder sich die Augen aussticht, oder sich ein Schlaflager von Brennesseln bereitet, so sagen wir: dieser Mann ist nicht imstande, seine Interessen wahrzunehmen, wir stecken ihn ins Gef?ngnis, das wir Irrenhaus nennen, und hoffen, da? er dort zu normalem Egoismus kuriert wird. ?berall vollziehen wir die identische Gleichung: Selbstsucht gleich Gesundheit, und da m?gt ihr noch hundert ethische ?mter einrichten und darin analysieren so viel ihr wollt, niemals werdet ihr auf einen anderen Grundbestand sto?en.

Das ist nicht wahr, Firnaz; wir sto?en auch auf kategorische Imperative!

Deren Grundbestand lautet: handle immer nach derjenige Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, da? sie ein allgemeines Gesetz werde. Das ist die Hauptformel Kants, die ihr unausgesetzt und in allen Tonarten nachbetet.

Weil wir in ihr das Mittel erkannt haben, unsere Genossen zu idealen Menschen zu erziehen.

Aber auf die n?mliche Formel kann sich ja jeder Schlemmer und W?stling berufen! W?nscht denn der W?stling nicht, da? sein w?stes Genie?en allgemeines Gesetz w?rde? Hat der S?ufer etwas dagegen einzuwenden, wenn die andern sich auch besaufen? Und solches professorales Moralgefasel behauptet Weltkurs! Ich stelle mir vor, Kant lebte und n?hme teil an unserer Unterhaltung. Dann frage ich ihn: Verehrter Moralfex, ist es wahr, da? Ihr kategorischer Imperativ das unbedingte Verbot der L?ge enth?lt? Jawohl, sagt Kant, das steht bei mir in klaren, unverr?ckbaren Worten: denn die L?ge, sagt Kant, schadet jederzeit einem andern, wenngleich nicht einem anderen Menschen, doch der Menschheit ?berhaupt, indem sie die Rechtsquelle unbrauchbar macht.

Und so verordnen wir die Lehre f?r alle Schulen und Kanzeln; denn die Reinheit der Rechtsquelle geht ?ber alles.

Gut, dann frage ich weiter: Ihr Freund, Herr Kant, wird von einem M?rder verfolgt und fl?chtet sich in Ihr Haus. Der M?rder mit gez?ckter Waffe will wissen, ob der Verfolgte sich bei Ihnen befindet. Was antwortet Ihr kategorischer Imperativ? Jawohl! sagt der, denn er darf nach Ihrer eigenen Erkl?rung die Wahrheit nicht verleugnen, es mag ihm oder einem anderen daraus auch noch so gro?er Nachteil erwachsen. Also wird der Freund ans Messer geliefert, ein Verbrechen wird erm?glicht, und Sie selbst werden dadurch zum Verbrecher, weil Sie im Interesse der Menschheit dieses abscheuliche Wahrheitsbekenntnis nicht unterdr?cken k?nnen!

Ich glaube aber nicht, da? Kant dem M?rder so geantwortet h?tte.

Ich eigentlich auch nicht. Er h?tte vielmehr die Magna Charta seiner Imperative durchl?chert. Und bei Lichte besehen zeigt sie auch wirklich in aller Praxis Loch um Loch. Da habe ich gerade ein interessantes Beispiel in meiner eigenen T?tigkeit. Sie m?ssen n?mlich wissen, ich bin Stadtphysikus au?er Dienst, behandle aber noch einige Menschen in privatem Medizinalberuf. Im Nebenhaus liegt eine Patientin meiner Kundschaft, kommen Sie, meine Herrschaften, sehen Sie sich die Frau an und geben Sie mir dort einen weisen Rat nach Kantischer Moral!

Wir folgten ihm und gerieten an folgende Sachlage.Der Fall wurde theoretisch konstruiert in Grenzen der Philosophie von W. Tobias, 1875.

Die Frau war gleichzeitig mit ihrem einzigen Kinde an den Pocken erkrankt. Firnaz hatte veranla?t, da? die beiden Personen nicht in demselben Zimmer verblieben, und der Mutter versprochen, ihr stets wahrheitsgetreuen Bericht ?ber das Kind zu geben. Es war ihm bekannt, da? das Leben dieses Kindes einen h?heren Wert f?r die Mutter besa?, als irgend etwas auf der Welt und da? sie der trostlosesten Verzweiflung anheimfiele, wenn sie sich jemals des f?r sie h?chsten Gutes beraubt w??te. Die Krankheit nahm nun bei der Mutter einen so fatalen Verlauf, da? der Arzt jede Hoffnung aufgeben mu?te; das Bewu?tsein der Kranken aber, die jetzt ihrer Aufl?sung entgegenging, war noch erhalten.

Wir schritten zuerst in das kleine Nebenzimmer, wo Firnaz gerade noch die letzte Todeszuckung des Kindes konstatierte. Und nun begehrte er von uns zu erfahren, welchen Bericht er der Mutter in n?chster Minute zu erstatten habe.

Wahrheitsgetreu! meinte Branisso, noch unersch?tterlich auf Kant fu?end.

Unm?glich, erkl?rte ich; lieber schweigen Sie und geben gar keine Antwort. Aber das geht doch auch nicht! Jede Verschweigung oder jeder Vorbehalt w?re f?r den Scharfsinn der Z?rtlichkeit gleichbedeutend mit der schonungslosen, krassen Wahrheit.

Also m?ssen Sie l?gen, bewu?t l?gen! fl?sterte Eva.

Branisso, besinne dich! Mit der Wahrheit t?te ich die Mutter in der Sekunde; mit der L?ge verl?ngere ich ihr Leben noch um eine kurze Spanne, und in dieser Spanne beseligt sie eine matte Hoffnung!

Der Bruder wurde schwankend. Es r?ttelte in ihm wie mit Zangen, um ihm den Glauben an die Kantische Unfehlbarkeit herauszurei?en. Endlich gab er sich einen Ruck und sagte: Geh hinein, Firnaz, und l?ge!

Zwei Stunden darauf verschied die Mutter. Firnaz Unwahrheit hatte ihr den letzten Trostbalsam eingetr?ufelt. Als wir am Abend wieder beim Ethiker zusammensa?en, meinte der mi?gestaltete Stiefbruder: Hoffentlich hat eure Pazifistenwirtschaft noch bessere St?tzen als Kant mit seinem ewigen Frieden. Denn bei dem ruht alles auf derselben Imperativtafel, und die ist heute vor deinen Augen entzweigebrochen.

Das war nur ein Ausnahmefall, entgegnete der Watongoleh. Hier mag sich die Rechtsquelle allerdings getr?bt haben. Aber sie wird wieder rein sprudeln, wenn uns das ethische Hochgef?hl dr?ngt, uns mit vollen Z?gen an ihr zu tr?nken. Wir bed?rfen ihrer zu der gro?en Aufgabe, die wir gerade jetzt im Verfolg unserer Prinzipien in Angriff nehmen.


* * *

Diese gro?e Aufgabe bestand, wie schon erw?hnt, auf den beiden Inseln in der Begr?ndung eines Regulativs f?r den Frieden der Menschheit, welcher nur auf der Grundlage des Rechtes und der gel?uterten Ethik denkbar ist. Nicht als ob die Bewohner das Drohen irgendwelcher Zwistigkeiten unter sich bef?rchtet h?tten. Aber gerade weil sie in diesem Betracht gesichert waren, f?hlten sie sich berufen, die Normen eines allgemein g?ltigen Pazifismus auszuarbeiten; mit aller Unparteilichkeit und Gerechtigkeit, deren nur ein von Natur friedliches und stets ?ber sittliche Probleme gr?belndes Volk f?hig ist.





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