Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Nach den Andeutungen, die wir von Pordoio empfingen, handelte es sich hierbei allerdings um mehr als blo? sch?ngeisternde Versuche. Er bewegte sich vielmehr in durchaus originalen Gedankenkreisen. In deren Zentren standen Gegenst?ndliches, Erfahrungen, sachliche Beobachtungen, allein die ausstrahlenden Radien wiesen in ungeahnte Fernen. Es fanden sich darin Anfl?ge von Descartes und Pascal, dichterische Schwebungen Tolstojscher Herkunft, daneben aber auch kr?ftige Vorst??e in jenes Gebiet, wo die Erkenntnistheorie in die Kammern der letzten Physik greift, um deren Waffen zu neuen Denkmitteln umzuschleifen. Wieviel Ausblicke ?ffneten sich da, schriftstellerische Hoffnungen, Genugtuungen in einem unabsehbaren Lebenswerk!

Aber es stand in den Sternen geschrieben, da? es, kaum begonnen, j?h abgehackt werden sollte. Er hatte noch nicht einmal den ersten Schriftbogen ausgearbeitet, als er in den Malstrom der komplikatorischen Maschinerie geriet und sich in ihm heillos fortgewirbelt sah. Die Beh?rden ?bersch?tteten ihn mit Anfragen, Formularen, und zahllosen wi?begierigen Zetteln auf wei?em, rotem, gelbem, gr?nem, hellblauem, dunkelblauem Papier, verlangten von ihm Ausk?nfte in allen Regenbogenfarben. Also zuerst bez?glich des H?uschens, in dem er arbeitete. Von diesem Schl??chen Ohnesorg sollte ermittelt werden, der Einstandspreis, der allgemeine Wert, der Nutzungswert, der Affektionswert, der Bodenwert, der Bauwert, der Verkaufswert und noch viele andere Werte zum Zweck eines Systems weitschichtiger Veranlagungen. Die ermittelten und noch zu ermittelnden Betr?ge wurden auf besonderen mit buntem Liniennetzwerk durchwirkten Berechnungsbogen ineinander gestaffelt mit Hilfe eines logarithmischen Index und einer Tabelle schwieriger Formeln, die zur Berechnung exzentrischer Kometenbahnen ausgereicht h?tten. Hieran schlossen sich weitere Fragen, die auf den Beruf gem?nzt waren: arbeiten Sie selbst?ndig? besch?ftigen Sie Gehilfen beim Philosophieren? Wie viele? Mit welchen Verlegern und Druckereien stehen Sie in Verbindung? Auf Grund welcher Kontrakte? Welche Ertr?gnisse erwarten Sie im Durchschnitt der n?chsten f?nf Jahre? Auf Grund welcher Unterlagen? Wieviel B?cher besitzen Sie? in Luxusb?nden? in gew?hnlichen B?nden? Wert der B?cher? (nach Einzelexemplaren, in achtfacher Aufstellung anzufertigen und einzureichen). Haben Sie Nebenbesch?ftigungen? welche? in Tages resp. Nachtstunden? falls nicht, Angabe der Arbeitgeber, die in Betracht k?men, falls sp?ter noch ein Nebenberuf hinzutr?te. Ferner: Sind Sie verheiratet? falls ja, mit wem? warum mit dieser? H?he der Mitgift? angelegt worin? Falls nein, warum nicht? Steht Heirat noch in Aussicht? wann? mit wem? (beizuf?gen curriculum vitae der event. Braut und der pr?sumtiven Schwiegereltern) etc. etc.

Pordoio antwortete zuerst kurz und sarkastisch, er beabsichtigte nicht, seiner T?tigkeit zu entsagen, um sich mit der Erledigung solcher Scherereien eine neue Hauptbesch?ftigung aufzuladen. Allein er hatte die Pressionsmittel des vorgesetzten Herrn Komplikatorius untersch?tzt.

Dieser bewies ihm kurzerhand, da? er ersichtlich der St?rkere w?re und ferner, da? jetzt erst das vexatorische Hauptkapitel beg?nne.

Pordoio sollte n?mlich nunmehr die genauesten schriftlichen Ausk?nfte erteilen ?ber die Insel Erebos, auf der er elf Jahre verweilt, und die nach Auffassung des Fiskus ihm als Grundbesitz geh?rte. Weil kein Grundbuchvermerk auf irgend einen anderen Eigent?mer verwies. Sonach wurde angenommen, da? Pordoio als Inselinhaber f?r die Latifundien von Erebos mit ganz gewaltigen Betr?gen herangezogen werden m??te. An der H?rte der b?rokratischen Definition prallten alle Einw?nde ab. Pordoio selbst habe ja von den Kokospalmen des Eilands herumerz?hlt, von den Pisangs mit seinen ?ppigen, traubenf?rmigen Fr?chten und von den reichen Ertr?gnissen des Fischfangs in unmittelbarer N?he des Strandes. Da? die Ertr?gnisse f?r den Besitzer im Moment nicht greifbar w?ren, k?me nicht in Betracht. Hier zur Er?rterung st?nde nur der Nutzungswert an sich, der unter allen Umst?nden f?r den Staat realisiert, erfa?t werden m??te, und zwar an der Quelle, das hei?t, an der beim Eigent?mer vorhandenen Substanz. Der wurde sonach angehalten nach Paragraph 71043 B der Katasterordnung die erforderlichen Unterlagen zu liefern mit genauer Angabe der Verh?ltnisse auf Erebos nach Quadratmetern der Bodenfl?che, nach St?ckzahl und Dicke der Waldungen und nach durchschnittlicher Dichtigkeit der Fischschw?rme. Mit der Arbeit war es vorbei, mit der geistigen T?tigkeit, in der f?r Pordoio der Sinn des Daseins beschlossen lag. All die Fragebogen, denen er sich nunmehr zu widmen hatte, waren unterhalb ihrer Wortf?lle von geheimen Schikanen unterminiert, sie wimmelten derart von Schlingen, Fallstricken und Fu?angeln, da? der Erfa?te sich nur mit gespanntester Aufmerksamkeit hindurchzuwinden vermochte. War ein Fragekonvolut durchgeackert, so drohten schon wieder neue, die rapider und vielf?ltiger nachwuchsen als die K?pfe der Hydra. Schon nach vier Wochen hatte er allen Zusammenhang mit seiner Schriftstellerei verloren. Das ist um wahnsinnig zu werden! rief er einmal ?ber das andere, und je ?fter er es rief, desto deutlicher sp?rte er, da? darin kaum noch eine ?bertreibung steckte. Rettungslos von seinen Lebenszielen abgerissen, ?berlie? er sich wirklichen Wutausbr?chen, die in die Stra?e hinausgellten. Bis er eines Tages fast besinnungslos in eine Amtskanzlei st?rzte und den dort herumklexenden Zeitr?ubern eine f?rchterliche Szene machte. Rachebr?llend wie der rasende Telamonier Ajax fuhr er auf Personen und Objekte los, verw?stete, zerbeulte, zerspritzte er alles, was ihm ins Gehege der F?uste kam. Hier war der unzweideutige Fall der Tobsucht gegeben, Insania praecox, sagten die Amts?rzte, und bald darauf befand sich der tollgewordene Philosoph, dem noch der Schaum vor dem Munde stand, in den sch?tzenden Mauern des bewu?ten, mit Gummizellen und ?hnlichem Komfort ausger?steten Geb?udes.

Doktor Wehner fragte den Inhaftierten, ob er wohl seiner Ansicht nach etwas unternehmen k?nnte, um ihn aus der Zwangslage zu erl?sen. Allein hier kettete sich eine Schwierigkeit an die andere. Pordoio selbst versprach sich nur wenig von irgendeinem Akt der List oder Gewalt. Denn selbst wenn er herausk?me, so ginge doch morgen die komplikatorische Qu?lerei wieder los. Ich wiederum mu?te bedauernd erkl?ren, da? wir als G?ste nicht die geringste Befugnis bes??en, in das Verwaltungsgeschlinge des Staates einzugreifen. Die Unterredung verlief also resultatlos, und wir mu?ten uns schlie?lich in tiefer Bek?mmerung ?ber das unabwendbare Schicksal eines offenbar talentvollen Menschen verabschieden.

Die Atalanta hatte sich am folgenden Tage wieder in Bewegung gesetzt, und wir waren eben dabei, uns im Salon zur Mahlzeit zu vereinigen, als an der T?r eine ?berz?hlige Figur auftauchte. Pordoio. Ein fait accompli, in Szene gesetzt von Fr?ulein Eva, die sich nicht ganz so gewissenhaft, aber wesentlich geschickter als wir mit den vorgefundenen Tatsachen auseinandergesetzt hatte.

Zwei Worte gen?gen zur Erl?uterung. Als wir uns in jener Anstalt befanden, trug sie in den Falten ihres Handbeutels einige Objekte, die sie tags zuvor vorsorglich aus den Schiffsr?umen entfernt hatte. Eine kleine, aber h?chst wirksame Stahlfeile, dazu eine mit Chloroform gef?llte Flasche. Es war uns nicht weiter aufgefallen, da? sie sich, w?hrend wir schon die Treppe herabstiegen, bei dem Irrenh?ftling verz?gerte, anscheinend um ihm noch einige Trostworte zu sagen. In Wahrheit hatte sie ihm die Feile und Flasche zu leicht err?tlichem Gebrauch zugesteckt, mit der Weisung, nach gegl?ckter Flucht in tiefer Nacht die Atalanta zu erreichen, deren Personal verst?ndigt war.

Gern boten wir ihm Asyl, und volles Einverst?ndnis herrschte dar?ber, da? er nie wieder nach Atrocla zur?ckkehren d?rfte. Aber sollte er ?berhaupt im Bereich des Polynes verbleiben? Er legte den Beschlu? g?nzlich in unsere H?nde, und wir entschieden: er begleitet uns nach Europa! Es geh?re zu einer richtigen Argonautenfahrt, da? aus den Fremdv?lkern wenigstens ein lebender Zeuge herausgenommen w?rde, und wir waren ?berzeugt, da? das Schicksal uns hier ein besonders wertvolles Exemplar in die Hand gespielt hatte.

Er schien sich rasch an uns zu gew?hnen und zeigte den Willen, unseren Freundlichkeiten entgegenzukommen. Bisweilen ?berhuschte es ihn aber wie ein Schatten eines Gef?hls, das ihn von uns abdr?ngte. Dann vergrub er sich in seine Kabine, er las und schrieb, oder er stierte von der Reeling in den Horizont mit der Miene eines Menschen, an dem irgendein Fernweh nagt. Um die Abendstunden wurde er heiterer, mitteilsam, und unsere Unterhaltungen gewannen durch ihn eine besondere F?rbung. Der Einsiedler von Erebos, der Verfolgte von Atrocla hatte ja vordem mancherlei Inseln gesehen, die nicht mehr in unser Expeditionsprogramm aufgenommen werden konnten. Aus seinen Darstellungen sei hier einiges festgehalten:

Die Insel Delix scheint nach seiner Beschreibung ein Land zu sein, dessen Eigenheiten den Anspr?chen verw?hnter Erdenb?rger gen?gen k?nnten. In der F?lle mancher Naturgaben erinnert es leise an Vl?ha, der Grundzug seiner Bewohner indes ist ein ganz anderer, von den asketischen Neigungen der Vl?ha-Leute prinzipiell verschieden. Ihre Nerven sind auf Genu? gestimmt, sie haben mancherlei in sich aufgenommen, was nach ?blicher Annahme auf das Register Epikurs zur?ckgef?hrt werden kann.

Was ihnen vorschwebt, ist die Verwirklichung der Phantasien, die wir in antiken Autoren vorgebildet finden; zumal im Athen?us, Teleklides und Lukian. Vergegenw?rtigen wir uns eine derartige Beschreibung, eine unter zahllosen, die uns Kunde davon geben, da? die Altklassiker niemals aufgeh?rt haben, Schlaraffenbilder zu entwerfen: Die ganze Inselflur, so etwa hei?t es dort, prangt mit Blumen und zahmen Gew?chsen aller Art und ist beschattet von fr?hlichen B?umen, die ihre eigene Lust in die Welt hinausjauchzen. Die Weinrebe tr?gt zw?lf mal des Jahres, die Granatb?ume noch ?fter, da sie in manchem Monat zweimalige Fruchternte gew?hren. Statt des Weizens schie?en fertige Brote gleich Schw?mmen in die ?hren. Zur Erg?nzung des Wasserregens sprudeln hunderte von Quellen, die Honig und Salb?l liefern. Sieben Str?me mit Milch und acht mit Wein durchfluten die Insel. Quadern von Gold dienen als Baumaterial der Stadt, die von einer smaragdnen Ringmauer umg?rtet wird. Ihre sieben Tore sind s?mtlich aus Zimtholz und das Pflaster aller Stra?en und ?ffentlichen Pl?tze aus Elfenbein. Die Tempel sind aus Beryll erbaut, deren Alt?re aus Amethyst geschnitten. Die B?der sind pr?chtige Pal?ste aus Kristall, in den Badewannen rieselt eine aus Naturtau gewonnene mit Rosenholz angeheizte Fl?ssigkeit

Herr Pordoio, unterbrach ich, ?hnelt denn die Wirklichkeit der Insel Delix in irgendeinem Punkt diesem ausschweifenden Bilde?

Die Delixianer reden es sich ein, denn sie sind Illusionisten und sie ?bertragen gern in die Au?enwelt, was ihnen eine ?bersch?umende Einbildungskraft vorgaukelt. Tats?chlich leben sie in recht angenehmen nat?rlichen und st?dtischen Verh?ltnissen, deren Reize sie selbstgef?llig ins Unerme?liche ?bertreiben, um sich so recht als epikureische Lustempf?nger zu f?hlen. Wie ich die Leute kenne, sind sie dem, was sich ein echter Weltweiser unter Lust vorstellt, gar nicht gewachsen, und nach ihrer Veranlagung gemessen sind sie weit davon entfernt, Epikure zu sein oder zu werden. Sie unterliegen n?mlich dem Wahne, da? man nur recht viele Lustelemente in sich hineinzupumpen brauche, um sie als vorhanden und begl?ckend zu empfinden, w?hrend das Lebensbeispiel Epikurs zu einem ganz anderen Prinzip hinf?hrt.

Man k?nnte beinahe sagen: zum entgegengesetzten.

Ja wahrhaftig. So viel, oder so wenig ich von der Welt kennen gelernt habe, Alles hat mich zu der ?berzeugung gedr?ngt, da? von allen Gro?en der Erde keiner so gr?ndlich mi?verstanden wird als eben Epikur. Weil man sich bei ihm an das Wort gehalten hat und nicht an die Sache. ?ber seinem Garten in Athen stand die Aufschrift: Fremdling, hier wird dirs wohl sein, hier ist das h?chste Gut, die Lust! Und dieses Lustwort wurde schon im Altertum zum Aush?ngeschild einer schwelgerischen Lebensart, die keinem fremder war als ihm; denn er lebte von einigen Trauben und Feigen, und sein t?gliches Nahrungsquantum erreichte niemals das Gewicht eines Pfundes. Und damit vergleiche man die Aussage des L?stlings Horaz, der sich selbst als ein Schwein von der Herde Epikurs bezeichnet!

Ihre Delixianer also folgen dem saftigen Kommentar des Horaz?

Sie versuchten es wenigstens, so schweinisch als nur m?glich. Und sie h?tten die genie?ende Lust bis zur Grundsuppe ausgel?ffelt, wenn ihnen nicht dabei spei?bel geworden w?re. Die Insulaner organisierten ein Ministerium der Lustbarkeit, das ihnen unter anderem opulente Fre?rezepte ausarbeitete; auf Grund der ?berlieferungen von Lukullus, Apicius, Trimalchio und der K?chenk?nstler von den italienischen Lusth?fen. Das ergab Tafelorgien, wogegen alles aus europ?ischen Chroniken vermeldete verbla?t; selbst das ber?hmte Gastmahl von 200 G?ngen, das der Kardinal Cornaro zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts seinen r?mischen G?sten vorsetzte. Im Stadtarchiv von Delix las ich eine Hymne auf eine Monstrefresserei, die der Senat f?r die B?rgerschaft veranstaltete, als man das Denkmal Epikurs auf dem Freudenplatz einweihte. Freilich mit dem Beisatz, da? ein Teil der Notabeln mitten im Fest entzweigeplatzt w?re, und da? ein Teil der ?berlebenden sich entschlossen h?tte, ihr Epikureisches Prinzip fortan auf eine neue Grundlage zu stellen.

Kann mir schon denken. Es wird wohl ein Gesetz gegen den Tafelluxus herausgekommen sein, wie in Rom zu Zeiten Vespasians.

Nein, davon ist mir nichts bekannt. Vielmehr drang die Ansicht durch, da? der von Epikur als Lebensmaxime ausgerufene Genu? nur auf Grund einer v?llig garantierten Gesundheit zu erreichen w?re. Das l??t sich h?ren. Freiwillige Abkehr von der ruin?sen V?llerei, um auf der entgegengesetzten Linie das Maximum der Freude auszukosten, das klingt sogar echt Epikurisch.

Gewi?, nur d?rfen Sie nicht aus den Augen verlieren, da? unsere Insulaner niemals vom Wege eines Prinzips abkommen. Kaum hatten die Delixianer begriffen, da? die Gesundheit ihnen Lust versprach, als sie sich mit aller Energie auf den Verfolg dieser Hoffnung warfen, um sich in Sanit?t auszuleben. Man betrieb die Sache also wiederum systematisch, man infiltrierte sich mit hygienischen Ma?regeln und hielt jede Sekunde f?r verloren, die man diesem l?blichen, weil lustverhei?enden Prinzip entz?ge.

Wohl den Menschen, die materiell so gestellt sind, da? sie sich diesen Luxus erlauben d?rfen!

Diese Insulaner durften es, und sie begannen damit, s?mtliche Fachschriften zu studieren, um m?glichst viele hygienische T?tigkeiten zu einheitlichem Tagewerk zu kombinieren. Aber je mehr Reglements sie erf?llten, desto zahlreichere schossen vor ihnen auf. Hatten sie zum Beispiel bisher nur mechanisch geatmet ohne im mindesten darauf zu achten, so betrieben sie nunmehr die Atemkunst und sie berauschten sich bei jeder Dehnung und Senkung der Lunge in dem Gef?hl: wie gesund ist das! Ihre Nahrungsaufnahme nahm die Form von E?exerzitien an, mit vorbestimmten zahlreichen Kaubewegungen und Einspeichelungen, und ein Gl?cksgef?hl ?berkam sie bei der Vorstellung, da? ihr Mund sich in einen makrobiotischen Apparat verwandelte. Das Verzehren einer halben Taube dauerte nunmehr l?nger als sonst das Auffressen eines ganzen Fasans, das instinktive Essen erh?hte sich zum Verstandesessen, und eine intelligible Wollust w?hlte in ihren Z?hnen. Jetzt waren sie nicht mehr epikurische Schweine wie Horaz, sondern epikureische ?rzte, die sich das Leben verl?ngerten. Ein uraltes Vorurteil brach in ihnen zusammen. Gibt es wirklich tausend Krankheiten in der Welt auf nur eine Gesundheit? Nein, wir konstruieren uns tausend Gesundheiten, denn als Gegenbild jeder Krankheit, die wir bewu?t ausschalten, erscheint ein besonderes Wohlsein. Wir versp?ren die Nicht-Kolik als ein wahrnehmbares Lebensgut, ebenso den Nicht-Katarrh, den Nicht-Furunkel, die Nicht-Trichinose, die Nicht-Verkalkung. Freilich wird das ein bi?chen umst?ndlich, wenn man dauernd darauf sinnt, wie man sich gegen jede M?glichkeit eines Leidens absperrt, aber eben darin liegt ja das Vergn?gen des Lebensk?nstlers, des wahren Hedonikers. Die Gelehrten sagen uns, da? wir pro Tag 2600 Kalorien und 72 Gramm Eiwei? brauchen, also messen wir scharf ab, hantieren wir als Chemiker mit der Pr?zisionswage, damit wir das Vorschriftsma? genau innehalten. Beim Bade kommt es auf die Minutendauer an, auf Bruchteile des Temperaturgrades, auf die berechnete Frottierungsst?rke, auf die exakte Analyse jeder Drogue, die wir im Wasser aufl?sen. Alle Bazillen und Spaltpilze in Luft und N?hrsubstanz heischen besondere Abwehr; jeder Muskel will eigens ge?bt werden in allen Formen der Gymnastik, des Sports, der Massage, der Medicomechanik; Auge und Geh?r, Z?hne, Haare und N?gel verlangen dauernde Pr?fung und Beobachtung. Man mu? prophylaktisch gurgeln, inhalieren, betupfen, schwitzen, duschen, sich abh?rten. Dazu kommen die Vorschriften der Bekleidungs-, der Beleuchtungs und nicht zuletzt der Sexualhygiene. Die blo?e Warnung Achtung vor Ku?bakterien! umschreibt nur zum tausendsten Teil die Gefahren, die uns hier umlauern. Sie durchweg vermeiden bedeutet f?r den Hygienefanatiker eine H?he des Genusses, mit dem sich die landl?ufigen, im Zeichen Cytheres stehenden Freuden nicht zu messen verm?gen.

So weit waren die Neu-Epikur?er der Insel, allerdings nur in der Theorie, denn es stellte sich heraus, da? selbst ein hundertst?ndiger Tag nicht zum zwanzigsten Teile ausgereicht h?tte, diesem Lustprinzipe gerecht zu werden. Es ging damit, wie zuvor mit der brutalen Gier, das Prinzip erstickte an sich selbst. Somit mu?te abermals f?r den gepre?ten Vergn?gungsdrang der Delixianer ein Ventil ge?ffnet werden

Die Leute sind Idioten! rief Donath, sie hatten doch nur n?tig zuzugreifen, denn das Gl?ck ist immer da!

Nein, Herr, bemerkte Pordoio, ganz so einfach, wie Ihr Goethe es ausruft, liegt die Sache doch nicht, und ich hege ein tiefes Mi?trauen gegen alle Merkspr?che, die uns Gl?cksrezepte anpreisen. Wir sehen nur immer das Gl?ck, und nie ?ber dem eigenen Haus, sondern stets wie den Regenbogen, in der Ferne, und es hat keinen Sinn, danach zu greifen. Ein geistreicher Franzose hat gesagt: es ist sehr schwer, es in uns, und unm?glich, es anderswo zu finden; und das kommt der Wahrheit schon n?her; denn die Schwierigkeit liegt nicht darin, da? es sich versteckt, sondern darin, da? es gar nicht vorhanden ist. Aber die Leute von Delix vermuteten es doch irgendwo, und da gerieten sie auf den kuriosen Einfall, ihr Grundprinzip einfach umzust?lpen. War der Gl?ckspunkt auf dem positiven Ast nicht erreichbar, so ging es vielleicht auf dem negativen. Und sie fanden in ihrer Mitte Magister, die sie darin best?rkten: Der Epikureismus ist vielleicht nur eine Verkleidung der stoischen oder sogar der zynischen Lehre; und wer sich anstrengt, einen richtigen Diogenes vorzustellen, der wird letzten Endes ein richtiger Epikur werden.

Das l??t sich historisch wie sachlich ganz gut vertreten, ist ?brigens schon von Montaigne ausgesprochen worden. Bei allem Kontrast sind Epikur und Diogenes nur allotrope Modifikationen einundderselben Pers?nlichkeit. Und da sich Zyniker von Kyon, Hund, herleitet, so hatten ja Ihre epikureischen Schweine die beste Gelegenheit, sich synthetisch zu Schweinehunden auszubilden.

Das gelang ihnen auch ann?hernd, und viele f?hlten sich kannibalisch wohl, als sie aus ihren sch?nen Wohnungen fortzogen, um in Tonnen Unterschlupf zu finden. Sie vervollkommneten die Technik der Unanst?ndigkeit, und einige benahmen sich auf offenem Markt tats?chlich so s?uisch wie das Zynikerpaar Krates und Hipparchia. Aber auch diese Sensation wollte nicht vorhalten, und als ich die Leute zuletzt sah, bekannten sie mir, sie w?ren mit ihrer Lustbarkeitsweisheit zu Ende; die gesamte Hedonik w?re ihnen schlie?lich in einen stinkenden Brei von Ekel, Langeweile und Katzenjammer zerflossen.

Schlie?en Sie nun daraus, da? der Genu? an sich ein Phantom ist?

Er existiert in Differentialen, welche die Eigent?mlichkeit besitzen, sich niemals zu einer stetigen Linie zusammenzuschlie?en. T?te er das, so k?nnten sich die Genu?momente zu einem Gl?ck summieren. Da dieses aber nirgends angetroffen wird, andererseits der Genu? in isolierten Punkten nicht fortzuleugnen ist, so folgt, da? kein wie immer geartetes Gl?cksprinzip die mindeste Probe aush?lt; weil jedes dauernd zwei Dinge vereinigen will, von denen das eine ganz real, und das andere g?nzlich imagin?r ist.

Gut, so trennen Sie die Dinge; dann bleibt immer noch ein Lustprinzip ?brig.

Ein negatives. Es lautet: du kannst nur dann Lust gewinnen, wenn du es prinzipiell vermeidest, sie prinzipiell vorzubereiten. Der Genu? hat keinen schlimmeren Feind, als die Veranstaltung zum Genu?. Der Vorsatz erw?rgt das Resultat. An einem der n?chsten Tage ergingen wir uns, Pordoio und ich, kurz vor Sonnenuntergang auf Deck. Wiederum war vom Gl?ck die Rede, das jener so energisch ins Reich der Phantome verwies, und dem er doch mit klammernden Seelenfasern anhing, wie irgendeiner von uns. Schon gegen Mittag war am Horizont ein sehr eigent?mlicher Inselumri? zum Vorschein gekommen, der schlafenden Jungfrau ?hnlich, deren Silhouette wir in die Insel Capri hineintr?umen. Wir n?herten uns der Insel, mit der Absicht, an ihr in mehrmeiligem Abstand vorbeizustreichen; und diese Absicht versch?rfte sich noch in mir, als der andere mir er?ffnete: das dort ist Erebos, meine eigentliche Heimat!





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