Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Brauchen wir auch nicht. Es gibt keine Definitionen, sondern nur Infinitionen. Sie unterscheiden zum Beispiel mit anma?ender Sicherheit zoologische Arten. Die Natur wei? hiervon nichts, und wenn der Mensch Unterscheidungsstriche eintr?gt, so betr?gt er sich selbst. In der S?dsee gibt es Inseln, deren Bewohner vor anderthalb Jahrhunderten nur V?gel und Fische kannten. Danach also hatten sie ihre Definitionen. Als fremde Fahrer zum erstenmal Ziegen heranbrachten, erkl?rten die Insulaner: das sind bestimmt keine Fische; folglich m?ssen die Ziegen zu den V?geln gerechnet werden. Einf?ltige Leute? Aber genau so einf?ltig verfahren Sie, wenn Sie irgendwelche Abgrenzung f?r m?glich halten. Dem Skeptiker flie?t alles ineinander, die Arten, die Individuen, die Erscheinungen, das Ich und das Nicht-Ich.

Damit sind Sie ja nahe beim Solipsismus?

Nahe? Nein. Wir sind l?ngst dar?ber hinaus. Der Solipsist glaubt nur an sein Innenbew??tsein und h?lt es f?r unm?glich, von diesem auf die Dinge und auf andere Menschen zu schlie?en. Wir glauben auch nicht an das Innen-Ich. Was da innen vorgeht, und was ihr andern nach Verstand, Instinkt, Vernunft, Empfindung, Wort, Begriff und griechisch nach Nous, Dianoia, Logos, Idea auseinanderlegt, das schwebt f?r uns in einem gestaltlosen Nebelchaos, und wir geben uns gar keine M?he, da irgendwelche Sichtung zu veranstalten. Und dieser Verzicht ist die beste Vorschulung f?r das Weitere, f?r den jungen Menschen, der mit Zweifel ges?ttigt aus der Schule ins Leben tritt. Ich mu? mich schon so ausdr?cken, in der Ihnen gel?ufigen Redeweise, da wir uns sonst ganz und gar nicht verst?ndigen k?nnten. Also er handelt sozusagen, er arbeitet, schafft sich eine Existenz und pflanzt sich fort. Aber der anerzogene Denk und Willensverzicht bleibt ihm treu. Er qu?lt sich nicht damit, weite Pl?ne zu bauen, lange Veranstaltungen zu treffen und sich in einer Welt der Zwecklosigkeiten auf umst?ndliche Ermittelung des Zweckhaften einzulassen. Ihm gen?gt das N?chstliegende, zumal auch in diesem die Tat best?ndig von der T?uschung begleitet wird. Ein Beispiel: Wir hatten vor zwei Jahren ein Schadenfeuer in einem G??chen der Stadt. Was tut man in einem solchen Fall? Man l?scht mit Wasser, weil man eben von der alten eingewurzelten ?bung nicht los kann. Aber die Skepsis meldet sich auch hier mit der Frage: hat dieses L?schen einen Sinn? W?re es nicht vielleicht zweckhafter, mit Spiritus, mit ?l oder mit Sauerstoff zu spritzen?

Es ist anzunehmen, da? Sie diesem t?richten Zweifel kein Geh?r gaben, sondern bei der stets bew?hrten Wassermethode verblieben.

Ja, das taten wir aus alter Gewohnheit, Aber eines der abgel?schten H?user war, wie sich sp?ter herausstellte, ein Seuchenherd. Die Pestilenz griff um sich, und in der Stadt starb der vierte Teil der Einwohnerschaft. H?tten wir damals mit Spiritus gespritzt, so verbrannte das Seuchenhaus mit allen Infektionskeimen in wenigen Minuten, und das w?re sehr viel zweckvoller gewesen. Da sind wir wieder bei den Definitionen: man sagt Schadenfeuer, wo man Nutzfeuer sagen sollte. Und so auch umgekehrt. Sie in Europa haben in einer Welt von gescheiten Nutzvorrichtungen gelebt und Sie haben den gr??lichsten Schaden davon gehabt. Ihnen fehlen ein paar Millionen Skeptiker. Jetzt blicken Sie nach r?ckw?rts und glauben, die Fehler zu entdecken. Aber Ihr ganzes System war ein einziger gro?er Fehler, und wird ein Fehler bleiben, wenn Sie bei der vermeintlichen Zweckm??igkeit und bei weitausschauenden Pl?nen verharren. Weil s?mtliche Richtigkeiten von heute lauter Falschheiten von morgen sind. Wir auf der Insel Dubioxa sind wenigstens von vornherein mit den Entt?uschungen befreundet, und diese fallen um so geringer aus, je weniger wir Veranstaltungen treffen, um ihnen zu entgehen.

Ich schlie?e aus alledem, da? Sie eine Art Schattendasein f?hren. Und die Menschen sehen auch danach aus. Ein eigentlicher Lebensdrang, ein turgor vitalis, wird in ihrem ?u?eren nicht ersichtlich. Eine verschwommene Melancholie liegt ?ber ihnen, etwas unbestimmt Vernebeltes

Sie brauchen uns deswegen nicht zu bedauern. Ein Schatten lebt auf seine Weise ganz ertr?glich. Er st??t sich nirgends, er gleitet um alle Ecken, Kanten und Vorspr?nge herum, an denen der Vollk?rper Hindernisse findet und sich wundschl?gt. Da ist ein Graben, eine Schlucht, ein Abgrund; Sie als Person m?ssen ausweichen, wenn Sie nicht t?tlichen Absturz erleiden wollen, der Schatten fliegt glatt hin?ber. Weil der Schatten ein zweidimensionales Gebilde ist, das von der K?rperwelt nur die geometrischen Bedingungen, aber nicht die praktischen empf?ngt. Ein Schattendasein ist somit weit unabh?ngiger und ideeller als ein k?rperhaftes, und wenn es dem zum System erhobenen Zweifel gelingt, uns den Schatten anzun?hern, so m??ten Sie uns darum beneiden. Allerdings sind wir noch nicht ganz soweit, das an sich vorz?gliche Prinzip hat sich noch nicht vollkommen ausgewirkt. Wir zollen der K?rperlichkeit noch manchen Tribut, so durch Schmerzempfindung. Ich zum Beispiel werde sehr von Gallensteinen geplagt, und habe gerade in diesem Augenblick einen b?sen Anfall.

Unser Doktor Wehner machte sich anheischig, ihm zu helfen, eventuell durch einen operativen Eingriff. Aber davon wollte der Mann nichts wissen: Skepsis ist besser als Chirurgie. Auch beim ?rgsten Schmerz verl??t mich nie die Zweifelsfrage: ist es denn wirklich nicht blo? eine getr?umte Qual? Ich k?nnte ja im n?chsten Moment zu einer g?nzlich schmerzfreien Existenz erwachen, etwa als ein Schatten, dem die zweidimensionalen Gallensteine nicht die geringste Beschwerde verursachen.

Es fiel mir schwer, diese M?glichkeit mitzudenken. Allein ich mu?te mir gestehen, da? eine derart ins Extreme gesteigerte Skepsis ihrem Inhaber tats?chlich einen gewissen Vorteil zu gew?hren verm?chte. Wie war es denn mit den klassischen Skeptikern mit Pyrrhon, Karneades, Ainesidemos, Sextus Empirikus? Man mu? sie wohl als Vorl?ufer des auf der Insel herrschenden Prinzipes gelten lassen. Und wahrscheinlich operierten sie alle mit der Vermutung, da? im H?chstgrad des Zweifels eine Wohltat verborgen liegen k?nnte. Auf den Vorstufen eines Hauses bemerkten wir ein paar kleine M?dchen, die mit Puppen spielten. Diese noch lange nicht schulpflichtigen Kinder zweifelten nicht. Sie wu?ten ganz genau, da? ihre Puppen lebendige Gesch?pfe waren. Es gab also doch noch einleuchtende, unbedingte Wahrheiten in dieser vom Mi?trauen zernagten Gemeinschaft, die vom Wissen nichts wissen wollte.


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Nicht weit von Dubioxa befinden sich etliche Inseln, die wir aus dem bereits erw?hnten Grunde der Zeitbedr?ngnis nur von fernher mit den Blicken begr??en durften. Sie w?ren uns g?nzlich verschlossen geblieben, h?tte uns nicht unser Gew?hrsmann von der Zweifel-Insel einige Angaben zuflie?en lassen. Es mu? sp?teren Expeditionen vorbehalten bleiben, festzustellen, ob diese Mitteilungen den Tatsachen entsprechen, oder ob gerade hier das Prinzip des Zweifels ein neues Feld der Bet?tigung findet.

Die Bewohner der Insel Tivarela, so erfuhren wir, sind seit langer Zeit zur Vorstellung eines besonderen Weltbildes erzogen worden. W?hrend wir in Europa bis in dieses Jahrhundert auf die Offenbarungen der Relativit?tstheorie warten mu?ten, besteht diese Lehre dort bereits seit vierzig Dezennien. Ein gro?er ortsans?ssiger Forscher Namens Olhazen, ein Zeit und Geistesgenosse des Kopernikus, war ihr Begr?nder. Und so kam es, da? die Insulaner fast gleichzeitig das kopernikanische und das relativistische System in sich aufnahmen. Hieraus ist zu folgern, da? sie in geistiger Hinsicht einen enormen Vorsprung vor uns besitzen. W?hrend wir uns noch anstrengen, der gedanklichen Schwierigkeiten Herr zu werden, ist ihnen die Relativit?t aller Erscheinungen l?ngst in Fleisch und Blut ?bergegangen. Wie eine Selbstverst?ndlichkeit hat sie von ihnen Besitz ergriffen, und es erscheint sonach angezeigt, das Gebiet nach dem herrschenden Prinzip als die Relativit?ts-Insel zu bezeichnen.

Die Leute kommen sozusagen mit ererbten relativen Vorstellungen zur Welt. Wenn ein Kind einen Kreisel treibt, so f?hlt es bereits die Relativit?t der Rotation. Es macht ihm Spa?, den Kreisel als stillstehend und das Weltganze um das Spielzeug rotierend zu denken. Oder es l??t einen Drachen steigen; sobald es ihn heranzieht, sagt es sich mit innerer Genugtuung: diese Erscheinung bliebe ganz unver?ndert, wenn der Drache hoch in der Luft festst?nde und wenn die Erde mit allem was darauf an dem Faden heraufgezogen w?rde.

Ein derartig organisiertes Bewu?tsein verfl?ssigt nat?rlich auch die Ausdrucksform und verwandelt die starre Rede in eine Relativsprache. Die Insulaner sagen mit derselben Leichtigkeit: dieser Wagen f?hrt auf der Landstra?e und die Landstra?e f?hrt entgegengesetzt unter diesem Wagen. Ganz eingeb?rgert sind Redewendungen wie: Der Brei geht um die Katze der Kork wird entflascht das Haar f?hrt durch den Kamm man rupft die Gans aus den Federn der Park promeniert vor?ber das Siegel wird entbrieft das Laub beb?umt sich man schneidet sich die F??e von den H?hneraugen was alles ?brigens so genau ist wie die Ansage: die Sonne geht im Osten auf.

In der relativen Welt dieser Insel f?hren Raum und Zeit nur noch das Scheindasein, zu dem sie die neue Erkenntnisphysik verurteilt hat. Das hei?t, jeder feststehende Ma?stab ist verschwunden, und die Dimension der Zeit ist mit jeder Raumdimension vertauschbar. Und diese Einsicht hat sich dort l?ngst in der Praxis des t?glichen Lebens durchgesetzt. Auf die Frage: wie sp?t ist es? kann man die Antwort h?ren: sechs Meter; wie gro? ist dein Schwesterchen? zwei Sekunden. In den Gedankenkreisen der Tivarelaner hat der Begriff der Gleichzeitigkeit seine Pr?gnanz verloren, zwischen Vergangenheit und Zukunft, Vorher und Nachher, Ursache und Wirkung verflie?en die Grenzlinien. Sie f?hren keine Geburts noch Sterberegister, weil diese an zeitliche Bestimmungen gebunden sind, deren Wesenlosigkeit sie erkannt haben. In ihrem Unterricht erscheint die Weltgeschichte relativiert und auf den Grundton Vielleicht abgestimmt, der ihre Verwandtschaft mit den Skeptikern der Nachbarinsel verr?t: Es ist m?glich, da? C?sar und Cleopatra zur gleichen Zeit gelebt haben; da? die Hinrichtung der Maria Stuart und ihr Tod auf denselben Tag fielen; es ist auch m?glich, da? Christus im Jahre 7 nach Christi Geburt geboren wurde. Vom Standpunkt des Beurteilers h?ngt es ab, ob er die Schlacht von Marathon als die Ursache oder als die Wirkung des Griechensieges ?ber die Perser bezeichnen will. Und wenn Entdeckung definiert wird als das Gewahrwerden eines bis dahin Nichtbekannten, so l??t sich behaupten: die Amerikaner haben den Kolumbus entdeckt.

Diesen Anschauungen gem?? finden sich auf der Insel Einrichtungen und Gepflogenheiten, in die sich unsereiner kaum hineinzudenken vermag. Beh?rden und Ehen gelten als relativ, die ?mter und die Gattinnen sind sonach wie die Dimensionen vertauschbar. Wenn ich meinem Gew?hrsmann trauen darf, so vollzieht sich dies in Formen, die zwar sehr grotesk auftreten, aber doch nicht aller M?glichkeit widerstreiten. Es wird zum Beispiel ein Schulmann pl?tzlich Polizeiminister, w?hrend der bisherige Polizeipr?fekt zur Post, und der Oberpostmeister zur Schule versetzt wird. Wir d?rfen dagegen nicht einwenden, da? solches Hinundher doch ?ble Folgen haben k?nnte. Denn die Begriffstrennung nach B?se und Gut wird ja nicht anerkannt, und zudem hat sich hier gezeigt, da? man ein Amt vorz?glich verwalten kann, ohne von dessen Wesen und Obliegenheiten die geringste Ahnung zu besitzen. Ja, viele Insulaner behaupten sogar, da? sich eine wahre Objektivit?t in staatlichen Gesch?ften nur bei solchen Beamten einstellt, die nicht eine Silbe von dem verstehen, was sie verf?gen und unterschreiben. Was nun die Beziehung von Gatten zu Gattinnen betrifft, so weisen die Leute darauf hin, da? auch in den Bereichen des absoluten Denkens, also in den alten Kontinenten, relative Ehen vorkommen sollen; sie h?tten also nur ausgebaut und zum Prinzip verallgemeinert, was sich anderswo h?chstens in Andeutungen hervorwagt. Unn?tig, besonders zu betonen, da? hier eine falsche Information mitspricht. Ich wei? wohl, da? sich Perikles einmal auf ein ver?ndertes Bezugsystem einrichtete, als er seine legitime Gemahlin mit Aspasia vertauschte; ich mu? aber daran festhalten, da? sich ein solcher oder ?hnlicher Fall seitdem in Europa nicht wiederholt hat.

Einige Besonderheiten verdienen Erw?hnung. Nietzsche hat die Frage aufgeworfen und als diskutierf?hig bezeichnet, ob die Zeit umkehrbar sei; ob man retrospektiv empfinden k?nne. Die Bewohner dieser Insel suchen dies dadurch zu ermitteln, da? sie gewisse Personen zu einem Leben mit umgedrehter Zeit anhalten; also wie in einem verkehrt abgerollten Film. Einigen Individuen soll dies schon bis zu einem gewissen Grade und in engen Zeitspannen gegl?ckt sein. Unterst?tzt wird diese Methode durch ?u?erst schnell bewegte Karussells, da nach der Relativit?tstheorie eine rasche Rotation verj?ngt. Der Technik und dem Willen der Versuchspersonen wird dabei nat?rlich das ?u?erste zugemutet. Sollte auf Tivarela das Problem des relativen Daseins mit verkehrtem Ablauf gel?st werden, so w?ren die Ergebnisse vorerst ganz unvorstellbar. Denn bei der sukzessiven Verj?ngung gelangt man doch schlie?lich an den kritischen Punkt des Geborenwerdens, und hier versagt unsere Phantasie. Aber die Ultrarelativisten der Insel behaupten, da? sie die Aufgabe dereinst auch ?ber diesen schwierigen Punkt hinaus bew?ltigen werden. Und sie f?gen zu Ehren des Prinzips hinzu, da? gerade hierin der wahre Lebenszweck der Menschen begr?ndet liege. Wir fahren im Dasein, so sagen sie, best?ndig gegen den Wind, und aus dieser Anstrengung entspringen all die schauderhaften Symptome der ?beralterung. ?berw?ltigen wir die Zeitgebundenheit, machen wir uns die Zeit tribut?r, die uns so lange vorw?rts gepeitscht hat! Es mu? gelingen, den Kurs radikal umzustellen, mit dem Winde zu segeln, und dadurch zur Jugend des Menschentums ?berhaupt zu gelangen. Alles ist relativ, und nur das Relative ist absolut. Das will sagen, da? wir am Ende aller Dinge doch auf etwas Absolutes hinsteuern, auf das absolute Gl?ck einer konstanten Verj?ngung, die einzig und allein durch unser Prinzip der Relativit?t erzwungen werden kann!


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Wenn man sich mit leidlich gebildeten aber nicht gerade erleuchteten Menschen ?ber hochwissenschaftliche Leistungen unterh?lt, so st??t man oft genug an die Frage: wozu dient das? was kann man im Leben damit anfangen? Und man ger?t dann wirklich in Verlegenheit, weil jene Leistungen eben nur sich selbst bezwecken. Hier zum erstenmal auf den entlegenen Inseln zeigte es sich, da? rein theoretische Dinge auch einer lebendigen Gestaltung f?hig sein k?nnen. Und so traf uns auch die Kunde nicht ganz unvorbereitet, da? in der N?he von Tivarela sich ein anderes meerumsp?ltes Gebiet bef?nde, dessen Kultur sich auf ein urspr?nglich abstraktes Prinzip gr?nde.

Es handelt sich um die Insel Obalsa, deren Bev?lkerung ein, wie ich glaube, recht lohnendes Studienobjekt darbietet. Denn sie verwirklicht bis zu ansehnlichem Grade ein Prinzip, das im neuzeitlichen Denken zu immer st?rkerer Geltung gelangt. Ich spreche von der Philosophie des Als Ob.

Wenn wir von ihr reden, so denken wir zun?chst an den ber?hmten deutschen Weltweisen Hans Vaihinger, der sie zuerst systematisch entwickelt und sie zugleich zu einem Instrument f?r k?nftige Denkforschung gesch?rft hat. Aber gerade er hat auch in Vorl?ufern, zumal in Kant, gewisse Urquellen des Als Ob nachgewiesen, und ich nehme an, da? auf der genannten Insel noch andere, uns unbekannte Quellen gerauscht haben m?gen. Der an sich einfache Grundgedanke zeigt uns das Gesicht eines gedanklichen Abenteuers: der denkende Mensch erreicht seine Wahrheiten nur auf Wegen, die mit lauter Unwahrheiten gepflastert sind. Auf diesen Unwahrheiten spazieren wir dahin, Als Ob sie selbst Wahrheiten w?ren. Wir schreiten auf Unm?glichkeiten, um bei Gewi?heiten zu landen. Man denke an den Reiter, der ?ber die d?nne Eisdecke des gefrorenen Bodensees dahintrabt. Er m??te logischer und dynamischerweise einbrechen und ertrinken. Trotzdem erreicht er das sichere Ufer. Ohne bildlichen Vergleich: in allen Wissenschaften werden bewu?tfalsche Begriffe und Urteile angewendet, Fiktionen, die als solche g?nzlich unhaltbar sind, die sich aber in aller Falschheit als vortreffliche Werkzeuge zur Wahrheitsfindung erweisen. In der Physik, Chemie, Mechanik, Mathematik, aber auch in der Ethik und Religionsphilosophie wimmelt es von solchen Fiktionen, deren wir uns bedienen, Als Ob sie richtig w?ren. Sie sind sozusagen die Falschschl?ssel oder Dietriche, die wir probieren m?ssen, um die Geheimf?cher der Natur zu ?ffnen und die darin verborgenen Echtheiten herauszuholen.

Auf der Insel Obalsa hat dieses Prinzip bl?hendes Leben angesetzt. Die Staatsform war vordem konstitutionell-monarchisch, und der K?nig hatte sich so zu benehmen, Als Ob er sich durch seinen Eid ganz streng an die Verfassung gebunden f?hlte. Bei einer bestimmten Gelegenheit wurde der Monarch entthront, und seine Getreuesten schwenkten von ihm ab, Als Ob sie niemals in ihrem Blut einen Tropfen monarchischer ?berzeugung versp?rt h?tten. Diese Getreuen bekannten sich nunmehr zur republikanischen Staatsform, und man glaubte an ihr Bekenntnis, Als Ob sie niemals vorher das Entgegengesetzte beschworen h?tten.

Die Diplomatie und das Rechtswesen sind auf Treu und Glauben gest?tzt, haben unbedingte Ehrlichkeit und Offenheit zur Voraussetzung. Man fertigt Aktenst?cke mit einem sittlichen Ernst, Als Ob man fest entschlossen w?re, jede Zeile in der Aus?bung zu bewahrheiten, man unterschreibt sogar unm?gliche Vertr?ge, Als Ob man an deren M?glichkeit glaubte. Jedes Gesetz erh?lt eine klare Fassung und lautet so pr?zis, Als Ob es nur einer Auslegung f?hig w?re und nicht etwa auch einer anderen, die seinen Sinn ins Gegenteil verkehrt.

Im Staatsetat der Insel Obalsa figurieren Summen als Aktivposten, die arithmetisch so sicher auftreten, Als Ob sie vorhanden w?ren. Der K?mmerer verwaltet den Schatz und er verkn?pft dabei Finanzkenntnis, Umsicht und Gewissenhaftigkeit derart, Als Ob er in seinem Schatze wirkliches Geld vermutete.

Bez?glich der Unterrichts und Religionsanstalten m?ge eine Erinnerung das Verst?ndnis erleichtern. Wir besitzen alte Dokumente, die uns dar?ber belehren, da? schon in grauer Vorzeit die bewu?tfalsche Fiktion f?rderlich gehandhabt wurde. Ich zitiere aus den Bekenntnissen eines Isis-Priesters zu Memphis: Man bek?mmert sich nicht darum, uns zu ?berzeugen, da? Isis und Osiris, Horus, Serapis und Typhon wirklich G?tter sind; aber man gew?hnt uns an, ihnen, ihren Bildern und Allem was nur die mindeste Beziehung auf ihren Dienst hat, so zu begegnen, Als Ob sie G?tter w?ren Wer wei? besser als wir Priester, da? dieser Apis, ungeachtet seines wei?en Dreiecks auf der Stirn ebensosehr ein Stier als irgendein anderer Stier, da? der Ibis eine Art von St?rchen, und da? es l?cherlich ist, einer Katze wie einer G?ttin zu begegnen oder vor einer Meerzwiebel sich dem?tig im Staube zu w?lzen? Von den verg?ttlichten Meerzwiebeln berichtet u. a. Juvenal. Wenn es also Betrug ist, Wahrheiten vor dem P?bel zu bekennen, deren Glanz er nicht ertragen k?nnte, so ist es ein heilsamer, ein notwendiger Betrug; und eben dadurch h?rt die Sache auf, diesen Namen zu verdienen. Jenes Als Ob wird gerechtfertigt, und es macht keinen Unterschied, ob die Augurn nach Memphis, nach Rom oder nach Obalsa versetzt werden.

Ihre professoralen Gef?hrten von den Wissenschaftskanzeln ?hneln ihnen auffallend. Sie halten Vorlesungen in allen erdenklichen Disziplinen und dozieren so, als ob sie das w??ten, was sie dozieren. Und eben dadurch offenbaren sie ihr Ingenium, denn wie schon Montesquieu hervorgehoben hat: man braucht viel Geist, um das zu lehren, was man nicht wei?.

Es wird auf der Insel sehr viel geheiratet und geschieden. Und beinahe in jedem Fall von Eheschlie?ung und Ehetrennung absolviert der Mann zwei fiktive Erlebnisse; da er zuerst der Vorspiegelung unterliegt, er k?nne nicht ohne, und sp?ter, er k?nne nur ohne diese Frau existieren. Genau so, Als Ob ananf?nglich nur diese eine in Betracht gekommen w?re, und nachher, Als Ob gerade diese eine nicht h?tte in Betracht kommen d?rfen. Ist ein Hausstand begr?ndet, dann gibt das Paar, so lange die Ehe vorh?lt, Gesellschaften, Als Ob nicht ein Dasein zu zweien, sondern nur zu sehr vielen einen rechten Sinn h?tte. Die eingeladenen G?ste reden ?ber Tische alle gleichzeitig, Als Ob dies das beste Mittel w?re, sich zu verst?ndigen und angenehm zu unterhalten. Sobald eine Gesellschaft bis tief in die Nacht dauert, sucht man die Teilnehmer mit aller Gewalt am Aufbruch zu verhindern, Als Ob man nicht froh w?re, da? sie endlich nach Hause gehen.

Kunst und Literatur finden auf Obalsa ausreichende Pflege. Romandichter und B?hnenschriftsteller schaffen Werke ?ber Werke mit einem Produktionseifer, Als Ob ihnen bei der Niederschrift etwas einfiele. Die Komponisten entwickeln in Sonaten und anderen Konzertst?cken wahre Wunderbauten polyphoner Steigerung, Als Ob sie Themen und Motive bes??en, aus denen sich etwas entwickeln lie?e. Die Autoren empfinden bei ihren Arbeiten eine Art Wollust, Als Ob sie die Muse begatteten. Wie ja auch die Verschnittenen gewisser sinnlicher Erregungen f?hig sein sollen, die ihnen ein sexuelles Verm?gen vort?uscht. Jene Autoren der Insel stellen vielleicht eine Art geistiger Eunuchen dar, die ihre F?higkeiten so anzuwenden wissen, Als Ob durch sie eine Befruchtung erfolgen k?nnte.





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