Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Jeder Nummer lag sozusagen eine zoologische Idee zu Grunde; wie ja auch bei uns der Fuchs und der Grislyb?r die wertvollsten choreographischen Grundmotive gegeben haben. Die Kunst-Insel hat sich nat?rlich von diesem viel zu engen Schema emanzipiert und den Umkreis der Tiermotive wesentlich erweitert. Sehr sinnig imitierten hier die gleitenden und h?pfenden Darsteller eine Mannigfaltigkeit aus allen Gebieten der behaarten, geschw?nzten und gefiederten Welt: den epileptischen Kranich, den elegisch vibrierenden Moschusochsen, den wirbelnden Polypen, und eine durch Selbststich zum Tanzorgiasmus erregte Tarantelspinne. Die Beziehung des Tanzes zur Begleitmusik bestimmt sich dadurch, da? die Taktarten kontr?r gegeneinanderlaufen. Da? der Tanz als eine Darstellung seelischer Zust?nde, durch Menschenbewegung verk?rpert, eine gewisse lyrische ?bereinstimmung mit dem Klangrhythmus bedingt, ist durch die ?sthetiker der Insel l?ngst und auf immer widerlegt.


* * *

Zu sp?ter Stunde trennten wir uns von der gastlichen St?tte. Die drei Gewaltigen begleiteten uns, und Kakordo beantragte ein kleines gem?tliches St?ndchen bei einem Glase Wein in seiner Behausung. Meine Gef?hrten waren zu ersch?pft, um dieser Einladung zu willfahren, ich allein entschlo? mich zu dem weiten Weg an die Stadtgrenze. Unterwegs er?ffneten mir die Ultragenialen, da? sie seit drei Monaten dabei w?ren, die definitive Neukunst zu erfinden, gegen die alles fr?here zum Range von Gestammel und Geklexe herabsinken sollte. Die gesamte Intelligenz der Insel fiebre schon dieser erl?senden Tat entgegen; der Vereinigung aller K?nste zu einer einzigen, als deren Tr?ger und Empf?nger nicht Auge noch Ohr in Betracht komme, sondern die Nase.

Da? die Sinne selbst diese Vereinigung verlangen, sagte Dadalbra, das steht au?er allem Zweifel; sogar vom Tast und Geschmacksinn l??t sich das behaupten. Man kann ein und dieselbe Sonate in gelb, rosa oder gr?n spielen. F?r meine Empfindung tragen Sie, mein Herr, eine Krawatte in D-dur und die amerikanische Dame, die wir eben verlie?en, tr?gt einen Hut in As-moll. Ich subjektiv empfinde einen Septimenakkord als viereckig und eine diatonische Skala als sauer. In einem meiner Dramen kommt ein Held vor, der immer ein salziges Echo in der Pupille hat, und der sich mit einer spitzigen Fuge ersticht. Jeder Klarinetttriller riecht nach roten Nelken und jede Triole nach Moschus. Vertieft man sich in diese Ph?nomene, so erkennt man, da? s?mtliche Sinne nur Ausstrahlungen eines einzigen sind, und dieser einzige sitzt in der Nase.

Warum denn grade dort? Auge und Ohr sind doch f?r uns wesentlicher?

Es geht nicht nach der physiologischen Wichtigkeit, sondern nach der transzendentalen Bedeutung. Diese sublimiert sich in der Nase zu einer H?he, hinter der alle andern Sinne weltenfern zur?ckbleiben. Wir stehen hier durchaus auf dem wissenschaftlichen Boden der Forschungen von Spallanzani, Ribot und Lubbock. Dementsprechend schaffen wir die Nasenkunst durch die odorische Symphonie, welche die Dichtung, Musik und Bildnerei ?berfl?ssig machen wird.

Aber, um Himmelswillen, durch welche Instrumente wollen Sie denn das bewirken?

Durch gar keine Instrumente. Nur durch trajektorische Willensakte, die vom Genie ausgehen und die Nasennerven suggestiv bearbeiten. Dann werden sich im Empfangsapparat des Geruchmenschen Schwingungen entwickeln, die ihm das wirkliche Wesen aller kombinierten K?nste offenbaren.

Ich verstummte und verharrte in meinem Schweigen, als wir uns schon im Salon des Tonk?nstlers zu n?chtlicher Runde niedergelassen hatten. Vor uns standen die gef?llten Kelche. Pl?tzlich l?ste sich mir die Zunge in spontanem Durchbruch: Na prost, meine Herrschaften, es lebe der Schwindel! Den habe ich heute in seinem genialen Maximum erfahren, und f?r dieses Erlebnis bin ich Ihnen dankbar.

Die Ultras wechselten seltsame Blicke. Ich wartete auf Bescheid. Unser Amphitryo sagte z?gernd: Sie sind recht unh?flich.

Sagen Sie lieber: sehr aufrichtig. Und in meiner Aufrichtigkeit steckt ein gr??eres Lob, als in allen Hymnen, die Sie umrauschen. Sie sind f?r mich die gr??ten Meister, denen ich je begegnet bin; Meister der Neukunst, ?ber alle Widerst?nde des ?berlieferten Kunstverstandes zu triumphieren. Meinen eigenen nehme ich aus. Der ist n?mlich auch eines trajektorischen Willensaktes f?hig, und er verlangt von Ihnen: Vergelten Sie Gleiches mit Gleichem. Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit! Sie haben sich ?ber so viele Peripherien hinweggesetzt, ?berspringen Sie noch die letzte, die Ihr vorgespiegeltes Jenseits von meinem bescheidenen Diesseits trennt dann wollen wir uns die H?nde reichen.

Kakordo bi? sich auf die Lippen: Wie lange gedenken Sie noch in Helikonda zu bleiben?

Das h?ngt von Ihrem Bescheid ab. Oder wollen Sie mir Bedingungen stellen? Ich akzeptiere jede, die Sie ohne Vorbehalt aussprechen. Keine Hintergedanken das ist meine Bedingung.

Gut. Sie werden morgen mit dem Fr?hesten die Anker lichten. Und Sie geloben mir bei dem H?chsten, was Sie in der Kunst kennen, bei Gott, Goethe und Beethoven, da? Sie keinem unserer Volksgenossen von dem, was wir Ihnen er?ffnen werden, eine Mitteilung machen.

Mein Wort darauf. Ihre Er?ffnung verr?t sich danach von selbst. Sie werden mir anvertrauen, da? Sie nicht eine Silbe von dem Hokuspokus glauben, den Sie der Insel vormachen.

Er ist ein Mittel im Kampf ums Dasein; eine Leiter zum Aufstieg; und die Hauptsache: In den Anfangsstadien glaubt man selber an ihn. Man ger?t in den Bann der Halluzinationen, und verf?ngt sich in Wahngebilden, deren Bet?rung auf den Urheber zur?ckwirkt. Sp?ter ger?t man an einen merkw?rdigen Punkt, wo Erkenntnis, Ironie und Verachtung zusammenflie?en. Man probiert, wie weit man im Kunstgebiet mit dem Bluff gehen kann, und man findet keine Grenze. Folgt erst einer, dann ergeht es dem ganzen Tro? wie den Hammeln des Panurg; besonders wenn ein so t?chtiger Oberhammel vorhanden ist wie unser Pr?fekt Spiridon. F?r den Veranstalter der Charlatanerie liegt eine psychologische Wollust in dem sicheren Vorgef?hl: er darf alles wagen, alles bieten, noch so dick aufstreichen die Leute kriechen auf die Leimrute. Es ist wie eine Lotterie ohne Nieten. Man setzt auf die Verblendung der Bet?lpelten und kommt immer mit Gewinn heraus. Jede Exaltation wird die Mutter einer Horde von Gaukeleien. Ja, wir haben die ganze Insel unter Bluff gesetzt, und in den n?chsten Wochen werden sich alle an unserer Odorischen Symphonie berauschen, die gar nicht existiert und niemals existieren kann. Wo die M?glichkeit des Erzeugers aufh?rt, f?ngt die Phantasie der Genie?er an.

Es wird Ihnen aber schwer fallen, danach noch einen neuen Ismus aufzubringen.

Gar nicht schwer. Aus jeder Vokabel im Lexikon l??t sich ein Ismus destillieren, der besorgt dann allein seine Propaganda. Und schlie?lich, warum soll man der Gemeinde ihre Illusionen rauben? Sie w?rde ungl?cklich sein, wenn sie erf?hre, da? es in Wahrheit nur zwei Ismen gibt: den Talentismus und den Stupidismus! Jeder bezeichnet die ewige Richtung, und ihr wollen wir noch eine kleine Huldigung bringen, bevor wir auseinandergehen.

Er holte drei Pulte herbei und die Extremisten griffen nach den alten Instrumenten. Erste ?berraschung: richtige Streichwerkzeuge waren im Hause des Ultra vorhanden, und richtige Notenbl?tter aus der ?berwundenen Epoche. Zweite ?berraschung: auch der Maler und der Dichter verstanden sich auf die t?nende Kunst?bung, und ich erfuhr, da? sich die drei Verwegenen hier allw?chentlich bei tiefer Nacht zusammenfanden, um heimlich Kammermusik zu machen.

Und nach wenigen Sekunden intonierten sie Mozarts Streichtrio in Es-dur vom Jahre 1788. Alle sechs S?tze wurden gespielt, und in bl?henden Figuren stiegen sie auf, aus einfachen Motiven mit seraphischer Kunst entwickelt. Wie seltsam, da? solcher Zauber aufzukeimen vermochte, in den antiquierten Ganz und Halbt?nen, ohne elektrischen Transzendentaltonerzeuger, ohne Dynamobetrieb, blo? aus einigen mit Schafsd?rmen bespannten Holzbrettchen!

Ich tr?umte mich in die R?ckertsche Gestalt hinein, in den ewig jungen Chidher: und aber nach f?nfhundert Jahren will ich desselbigen Weges fahren. Unausdenkbar, welche Futurismen dann auf der Kunstinsel Helikonda umgehen werden. Aber vielleicht werden auch dann noch in einer verlorenen Ecke des Eilandes solche T?ne der Vorwelt auferstehen, um in g?nzlich zur?ckgebliebene Ohren ein Gl?cksgef?hl zu tr?ufeln.

Die Zwischen-Inseln

Bei den Zweiflern. Die Relativisten und die Als Ob-Leute. Insula complicatoria. Die Epikureische Insel. Die Pramiten. Die Insel des Einsamen.

Unser jeweiliger Aufenthalt auf den einzelnen Inseln war nicht so kurz, als es nach dieser Darstellung manchem Leser scheinen m?chte. Ich habe mich da eines Verfahrens bedient, das auch der Lehrfilm anwendet, wenn etwa das Wachstum einer Pflanze in Zeitverk?rzung veranschaulicht wird. Gerade durch ?berschlagung der zwischenzeitlichen Glieder soll die Deutlichkeit des Vorgangs gesteigert werden. Sonach verlief unsere Fahrt, chronologisch genommen doch erheblich gedehnter, als dieser Bericht verr?t, und mancherlei Einzelheiten, die hier als im Minutenma? ausgef?hrt wurden, haben in Wirklichkeit Stunden und Tage beansprucht. Und hieraus erkl?rt es sich auch, da? eine aufs Praktische gestellte Natur wie unser Amerikaner allm?hlich gewisse Zeichen von Ungeduld aufsteckte. Er w?re nun schon so lange unterwegs, das Entdeckungsprogramm sei doch im Gro?en und Ganzen schon vollzogen, und er versp?re Heimweh nach seinen heimischen Gesch?ften; und wenn er sich auch nicht als Despoten der Expedition aufspielen wolle, so w?nsche er doch bald ein Limitum.

Das mu?ten wir ihm schon bewilligen, und zwar derart, da? wir eine bestimmte Gruppe als die letzten festlegten, auf der wir Aufenthalt nehmen wollten. Ich hatte in meinem Nostradamus eine Stelle gefunden, die lose auf sie anzuspielen schien, und dieser dunkle Hinweis wurde durch gewisse Mitteilungen erg?nzt, die uns unterwegs ger?chtweise angeflogen waren. Ich entsann mich einer gelegentlichen ?u?erung Forsankars, der von Inseln Ethischer Kultur gesprochen hatte; und durch weiteres Kombinieren mit Hinzuziehung unserer Lagekarte lie? sich deren Position auch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit im S?den der Tuskarora-Fl?che nautisch bestimmen.

Dahin hielten wir also den Kurs, mit dem Versprechen, etwaige kleinere Inseln, an denen wir nunmehr vorbeik?men, nur ganz fl?chtig zu ber?hren. Es sollte uns gen?gen, wenn wir von diesen Objekten nur soviel erhaschten, als n?tig war, um das Gesamtbild der Entdeckung abzurunden. Dementsprechend wird hier auch der Bericht eine abermalige Zusammendr?ngung erfahren. Nur die ?u?ersten, eindringlichsten Momente will ich herausstellen, mit dem Vorbehalt, den Finalsatz der Expedition auf den Inseln der Ethischen Kultur wiederum etwas breiter auszumalen.

Die n?chste Insel, die wir anliefen, Dubiaxo, liegt klimatisch wie geistig in einer Atmosph?re des Nebels. Ich m?chte sie die Insel der Zweifler nennen, nach dem Hauptprinzip, das auf ihr Geltung gewonnen hat. Die Bewohner haben sich wie schon manche Philosophen seit Pyrrho in den Gedanken versponnen, da? der Mensch ?berhaupt in keinem Betracht zu einer halbwegs sicheren Einsicht gelangen k?nne. Die Natur, so meinen sie, und besonders unsere Organe und Verstandesapparate befinden sich in einem unaufh?rlichen Wechselspiel des T?uschens und Get?uschtwerdens, alles was uns als Denkproze?, als Empfindungsvorgang, als Erlebnis erscheint, ist nur Halluzination. Und aus diesem Prinzip ziehen sie logisch ziemlich einwandfrei die Folgerung, da? es im Grunde recht gleichg?ltig w?re, was der Mensch beginne, wie er plane, arbeite, sein Leben gestalte, da er ja nie wissen k?nne, ob er ?berhaupt ein Leben absolviere.

Es verlohnt sich nicht, ihnen mit Beweisen beizukommen, denn sie halten ihre Argumente f?r un?berwindlich, und so phlegmatisch sie auch diese Argumente vortragen, so merkt man doch, da? es ganz unm?glich ist, sie zu entwurzeln. Freilich k?nnte man ihnen zurufen: wenn ihr schon ganz waschechte Skeptiker sein wollt, so bezweifelt doch auch euren Zweifel! Wo nichts Denkbares gilt, kann doch auch euer Argument der absoluten Ung?ltigkeit nichts gelten!

Sie haben dagegen nur ein tr?bes L?cheln. Diesen Fehlerzirkel des Denkens, so murmeln sie, haben wir in uns selbst schon tausendmal abgehaspelt. Schlie?lich mu? man an irgendeinem Punkte dieses Zirkels haltmachen, sonst bliebe man ganz ohne Prinzip, und an irgendein Prinzip mu? man sich doch klammern. Das ist ein Zwang, dem wir nicht ausweichen k?nnen, also sind wir Skeptiker und leben skeptisch.

Also ihr gebt wenigstens zu, da? ihr lebt. Das ist schon ein Zugest?ndnis.

Wenn euch an diesem Scheingest?ndnis etwas liegt, so soll es uns scheinbar freuen, in dem Zustand, der uns augenblicklich wie eine reale Existenz vorkommt. Ob dieses wirklich der Fall ist, das l??t sich niemals ermitteln, denn zwischen Wachen und Tr?umen ist ein zuverl?ssiges Kriterium niemals auffindbar. Sie, Herr, sind fest ?berzeugt, da? Sie sich auf einer Expedition befinden, und da? Sie soeben die seltsame Insel der Zweifler entdeckt haben. H?tten Sie sich aus ihrer Heimat nie herausger?hrt und die ganze Fahrt nur getr?umt, so w?ren Sie davon genau ebenso ?berzeugt, so lange der Traum anh?lt.

Aber das Moment des Erwachens gibt die wirkliche Sicherheit. Ich habe in der verflossenen Nacht getr?umt, ich bef?nde mich in Berlin. Als ich aufwachte, erkannte ich meinen Irrtum mit absoluter Helligkeit. Das Schiff, meine Gef?hrten, unsere Matrosen, der Ozean und der Anblick ihrer Insel gab mir im Augenblick die volle Evidenz des wahren Erlebens.

Nur die subjektive Evidenz, die auch alle T?uschungen begleitet. Sie k?nnen in der n?chsten Minute abermals aufwachen und eine ganz neue, v?llig ungeahnte Evidenz erleben. Sie k?nnen sich dann auf einem fernen Stern der Milchstra?e vorfinden, oder in der Arche Noahs, oder in einem au?ermenschlichen Zustand Ihrer K?rperlichkeit. Niemals gelangen Sie an eine objektive Instanz. Der Stuhl des entscheidenden Richters ist unbesetzt, und Ihre eigene Pers?nlichkeit zerf?llt immer in zwei Parteien, von denen nur die eine gegenw?rtig ist, w?hrend die Gr?nde der abwesenden gar nicht geh?rt werden. Sobald Sie aufwachen oder einschlafen, tritt das Gegenspiel ein: die andere Partei deklamiert, und die erste ist verschwunden. Es wird also immer nur in die Luft hineinpl?diert, ohne da? die leiseste M?glichkeit vorhanden w?re, ein Urteil zu erzielen.

Schlie?lich bleibt immer noch die Sicherheit des Gef?hls. Man kneift sich mit aller Gewalt in den Arm, man sp?rt den Schmerz und daran erkennt man, da? der Traum aufgeh?rt hat.

Und darauf wollen Sie sich verlassen? Das ist, mit Verlaub zu sagen, kindisch und einf?ltig. Alle Sinne f?hren irre, und das Gef?hl mindestens so stark, wie Auge und Ohr. Nehmen Sie eine Flocke von fester Kohlens?ure. Sie ist so eisig kalt, da? Quecksilber darauf im Augenblick gefriert. Aber wenn Sie sie mit dem Finger ber?hren, erkl?ren Sie sie f?r kochend hei?, und der Schmerz objektiviert sich in einer Brandblase. Wenn einem das ganze Bein abgenommen ist, sp?rt man immer noch die H?hneraugen am nicht vorhandenen Fu?; der Verst?mmelte wei?, und das Auge best?tigt, da? das Glied fehlt, sein Gef?hl behauptet trotzdem das Gegenteil. Von den ?brigen zahllosen Sinnest?uschungen ganz zu schweigen. Selbst der gelehrteste Mensch steht den Erscheinungen gegen?ber, wie das Kind, das nach dem Mond greift. Ja, der ganze Inhalt Ihrer europ?ischen Wissenschaft ist doch gar nichts anderes als der fortgesetzte und auf ewig unerf?llbare Versuch, den Menschen aus diesen T?uschungen herauszuwickeln, wobei immer nur ein alter Sinnentrug durch zehn neue ersetzt wird. Wir auf der Insel Dubiaxo verfahren nur konsequent, indem wir ein f?r allemal den Zweifel als den alleinigen Souver?n des Denkens erkl?ren.

Und wie verhalten Sie sich, wenn einmal alle Sinne aller Beteiligten ?ber eine Tatsache genau dasselbe melden? Da haben Sie doch eine unumst??liche Kontrolle?

Nicht im Geringsten. Denn das, was Sie eben sagen, kommt ?berhaupt niemals vor. Die Sinne widersprechen einander schnurstraks und dauernd, im Gr??ten wie im Kleinsten. Ich sehe Sie, mein Herr, was hei?t das? Es ist die Umschreibung daf?r, da? ich von Ihnen ein winzig kleines Bildchen auf der Netzfl?che meines Auges habe. Und dieses Miniaturbildchen steht verkehrt, mit dem Kopf nach unten. Schon haben Sie den Krieg zwischen Gesicht und Gef?hl, denn der Tastsinn bebehauptet ganz etwas anderes. Er f?hrt das Auge ad absurdum, er will mit festen Ma?st?ben messen und verf?llt nun seinerseits ins Absurde, denn um aus den Ma?st?ben etwas zu erfahren, m?ssen wir wieder das Auge heranholen, dessen verschrumpfendes Zeugnis wir soeben verworfen haben. Also unl?slicher Wirrwarr schon im ersten Anlauf aller Betrachtung.

Aus dem die Physik und Mathematik den Ausweg zu finden hat.

Sch?ne Auswege haben wir da erlebt. Die Physik soll eine mathematische Angelegenheit sein. Ei, wie pomp?s! Sie hat sich mit mathematischer Unfehlbarkeit aufgedonnert, um schlie?lich herauszubekommen, da? f?r jeden Punkt im Universum eine andere Geometrie gilt. Wo aber unendlich viele Herren mit unendlich verschiedenen Verordnungen Gewalt haben, da regiert selbstverst?ndlich gar keiner, das besagt: die Geometrie ist ein Phantom, sie existiert ?berhaupt nicht als reale Brauchbarkeit. Selbst die Exakten geben heut zu, da? die mechanisch-mathematische Weltanschauung in allen Fugen kracht und nahe daran ist, sich in einen Tr?mmerhaufen zu verwandeln. Und nun gar in aller Psychologie, in der Erkenntniskritik, wo sie Wunder versprach, was hat die Mathematik geleistet? Ein einziges fadenscheiniges Gesetzelchen, einen papierenen Paragraphen, eine L?cherlichkeit!Der Sprecher meinte offenbar das sogenannte Weber-Fechnersche Gesetz, den ersten und allerdings unzureichenden Ansatz zu einer mathematischen Ausgestaltung der Psychophysik Nun ist aber nach Ihrem Kant in jeder Lehre so viel Wissenschaft enthalten, als Mathematik darin anzutreffen. Und da in allen Geisteslehren nicht eine Spur von zuverl?ssiger Mathematik steckt, so gibt es gar keine Geisteswissenschaft, und nichts bleibt ?brig als die absolute Skepsis an allem, was gedacht wird. Der mathematische Siegesrausch ist verflogen und hat sich in einen kontramathematischen Katzenjammer verwandelt

Sie wollen sagen, die Menschheit hat ein paar Jahrtausende lang regul?r mathematisch getr?umt und findet sich beim Erwachen in einer irregul?ren, unmathematisch konstruierten Welt?

Beim Erwachen? Wieso denn? Auch davon wissen wir ja nichts. Es ist vielleicht nur eine andere Traumphase, die Ihnen jetzt, wo Sie sich in unseren Verdacht einzuf?hlen anfangen, als Wachzustand erscheint.

Ihnen aber ebenfalls. Sie sind augenblicklich davon ?berzeugt, da? Sie mir etwas erkl?ren. Was haben Sie zuvor getan und was werden Sie nach unserer Abreise tun?

Ich habe, ein Amt, das hei?t, ich bin in der Illusion befangen, ein Amt zu verwalten. ?u?erlich betrachtet leben wir ja, und Ihnen selbst mag die Wirtschaft auf dieser Insel nicht sehr viel anders vorkommen, als Ihre eigenen imaginierten Lebensformen. Also was mein Amt betrifft, so bin ich hier Skeptophylax.

Das w?rde ungef?hr dem Nomophylax der alten griechischen Freistaaten entsprechen, also dem Gesetzesh?ter, der obrigkeitlich ?ber die Beobachtung der Normen zu wachen hat.

Daher der Name. Ich sorge daf?r, da? das Prinzip des Landes, die Skepsis, der Verdacht, der Argwohn, durchweg aufrecht erhalten wird; angefangen von den Schulen, deren Lehrplan mir unterstellt ist. Die Knaben, J?nglinge, M?dchen und Jungfrauen lernen ihre F?cher, erhalten ihren Unterricht in Sprache, Rechnen, Geographie, Geschichte, und so weiter, wie vermutlich auch anderswo. Nur da? der Lehrer in jeder Lektion ihnen unabl?ssig das gr??te Mi?trauen gegen den Lehrgegenstand eintr?ufelt. Sie erfahren zum Beispiel, da? die Erde sich um die Sonne dreht, vorausgesetzt, da? man provisorisch die Existenz einer Erde und einer Sonne annehmen will. Der Lehrer erl?utert dazu, da? auch die gegenteilige Behauptung Drehung der Sonne um die Erde ihre Berechtigung hat. Ich selbst kontrolliere oft den Unterricht und versch?rfe die Zweifel: es w?re sehr wohl m?glich, da? ?berhaupt gar keine Drehung stattf?nde und da? alles stillst?nde

Herr Skeptophylax, das geht zu weit. Sie ?bertreiben die Skepsis. Gewisse Dinge bleiben doch dem Verstand erkennbar.

Nicht ein einziges. Mu? ich Sie an Ihre eigenen Ber?hmtheiten erinnern? Parmenides hat jede Bewegung geleugnet. Wir folgern das nur weiter aus und halten darauf, da? in den jungen Seelen der Zweifel aufsteigt; auch an der Sonne und an deren Helligkeit. Anaxagoras lehrte, da? der Schnee schwarz sei. Wir tragen das den jungen Leuten vor mit dem skeptischen Anhang vielleicht. Wir k?nnen es nicht wissen. M?glicherweise ist der Schnee schwarz und die Sonne dunkel.

Bei dieser Erziehung wird es Ihnen schwer fallen, irgendwelche Definitionen aufzustellen.





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