Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Bevor wir noch zum eigentlichen Genu? der klingenden und bildlichen Offenbarungen gelangten, hielt es Spiridon f?r n?tig, uns historisch-analytisch in gewisse Besonderheiten seines Milieus einzuweihen. Er gab uns einen Abri? der haupts?chlichsten Entwicklungsstadien: die Insel besa? urspr?nglich nur eine primitive Eigenkunst, bis die abendl?ndische Kultur, durch Sendlinge in gedruckten und get?nten Proben heimgebracht, wie eine Sturzwelle hereinbrach. Was sich auf europ?ischem Boden im Laufe der Jahrhunderte entfaltet hatte, das alles drang fast gleichzeitig in die Insel und stellte an das Auffassungsverm?gen der Bewohner die st?rksten Anforderungen. Es kam vor, so sagte er da? unsere Genossen B?cklin und Leibl nat?rlich in getreuen Kopien fr?her kennen lernten als Cimabue und Giotto; Reger, Korngold, Busoni und Sch?nberg fr?her als Clementi und Mozart; Stefan George vor R?ckert und Eichendorff. Sie lernten nach r?ckw?rts, von der Peripherie zum Zentrum. Aber auch f?r die Mehrzahl, die ann?hernd in der richtigen Chronologie verblieben, ergaben sich Bedingungen einer Mentalit?t, die sich anderswo nicht wiederholen k?nnen. Anpassung und Fortproduktion vollzog sich in einem Tempo, dessen Rapidit?t jeden Vergleich ausschlie?t.

Danach, meinte ich, h?tten wir in der hiesigen Entwickelung ein verk?rztes Abbild der unsrigen zu erwarten, eine mit Siebenmeilenstiefeln absolvierte Kunstgeschichte.

In den Hauptz?gen gewi?. Ich m?chte da noch eine andere Parallele heranziehen. Sie kennen das biogenetische Grundgesetz: Die Keimesgeschichte ist ein Auszug der Stammesgeschichte; die Entwickelung des Individuums von der Eizelle bis zum fertigen Menschen ist eine kurze und schnelle Wiederholung aller Vorg?nge, die in dem langsamen Werden des ganzen zugeh?rigen Stammes enthalten waren. Fassen Sie unser Gemeinwesen als eine Person auf, so haben Sie das Gegenbild; es hat in kurzem Ablauf den ganzen Werdegang Ihrer europ?ischen Kunst repetiert. Und da es dieses Tempo als eine Lebensfunktion in sich aufnahm, so ist es auch bef?higt, Kunsterscheinungen zu verwirklichen, die bei Ihnen, in der alten Kulturwelt, noch in weiter Zukunft schlummern.

Sie machen mich neugierig, Herr Pr?fekt; obschon ich mich da gewisser schwarzseherischer Ahnungen nicht entschlagen kann. Ich f?rchte, uns werden da Schwaden entgegenwehen wie aus einem Hexenkessel. Mit Leidenschaft und Genu? blicke ich in die Vergangenheit der K?nste, und gern fl?chte ich aus der Gegenwart, um mich im Pantheon des Gewesenen zu ergehen. Aber gerade weil ich gewohnt bin, historisch zu f?hlen, graut mir vor der Umkehrung der Perspektive. Wenn nicht alle Anzeichen der von mir erlebten Gegenwart tr?gen, wird das Pantheon der Zukunft st?rker von Fratzen als von G?tterbildern erf?llt sein.

Das k?nnen wir in Voraussicht kaum entscheiden. Nur m?ssen wir uns als kunstsinnige Menschen auf alle noch so fernen M?glichkeiten einrichten. H?tte Ihre Anschauung stets gegolten, so w?re die Kunst nie ?ber die Uranf?nge herausgekommen, sie st?nde noch heut bei Amphion und Orpheus, bei den H?hlenmalereien der Steinzeitmenschen, und die Welt h?tte niemals einen Michelangelo, geschweige denn einen Archipenko erlebt.

Also bleibt uns nichts ?brig, als auch im Extremsten die berechtigten Kerne herauszusp?ren und sie als entwicklungsberechtigt gelten zu lassen. Wichtiger als jeder R?ckblick ist die Witterung f?r die lebendigen Genies, die ihre F?hlh?rner in die k?nftigen Neul?nder strecken.

Haben Sie solche Genies auf der Insel?

Sie werden Sie kennen lernen. Ganz offen gestanden, hatte ich in mir selbst schwer zu arbeiten, ehe ich mich zur vollen Anerkennung ihres Wertes durchrang. Aber ich habe den L?uterungsproze? bestanden; und jetzt spreche ich nicht nur f?r mich, sondern f?r die ?berw?ltigende Mehrheit meiner Volksgenossen wenn ich verk?nde, diese K?nstler, unsere Vorst?rmer, sind wahre echte apollinische Genies. Nicht mehr darauf angewiesen, sich wegen einiger Tropfen zum kastalischen Quell zu b?cken, da sie den kastalischen Ozean entdeckt und f?r uns erschlossen haben. Vor allen sind da drei Gr??en erster Ordnung, Siriusse am Kunsthimmel von Helikonda: der Komponist und aus?bende Tonk?nstler Kakordo, der Dichter Dadalbra und der Maler-Bildhauer Patzoha. Schwer genug hat es mir ja die Trias bisweilen gemacht, ihren Spuren zu folgen, und mich in den zahlreichen Richtungen ihrer Stile zurechtzufinden

Erlauben Sie es sind doch drei, da kann doch h?chstens von drei Richtungen die Rede sein?

In diesem Irrtum war auch ich befangen, und viele mit mir. Bis uns die eigentliche Natur dieser Bahnbrecher aufging. Deren St?rke besteht n?mlich darin, da? sie immer wieder neue Richtungen auffinden, in die sie uns jedesmal durch die Genialit?t ihrer Offenbarungen hineinzwingen. Ja in ihren eigenen Werken und Theorien wechseln sie unabl?ssig die Richtung. Und wie die neuesten Physiker behaupten, man m?sse f?r jeden Punkt im Weltall eine besondere Mathematik in Bereitschaft halten, so stellen sie f?r jeden Punkt ihrer Hervorbringung ein neues k?nstlerisches Glaubensbekenntnis auf.

Ich w?rde das Zickzack nennen.

Das erschien mir urspr?nglich ebenfalls so. Allein wenn wir abf?llig Zickzack sagen, so spricht aus uns ein geometrisches Vorurteil. Wir k?nnten ebenso den Blitz bem?ngeln, weil er im Zickzack dahinf?hrt. Diese gebrochene Linie geh?rt eben zum Fulminanten, und jene drei Meister verstehen sich aufs Blitzen. ?brigens brauchen wir ja nicht mit den kompliziertesten Erscheinungen zu beginnen; wenn es Ihnen beliebt, besch?ftigen wir uns vorerst mit einfacheren Kunst?bungen.

Wir hatten das Gespr?ch in der Wandelhalle eines Hauptgeb?udes am Zentralplatz gef?hrt. Jetzt betraten wir einen Musiksaal von bescheidenen Ausma?en. Es fiel mir auf, da? Spiridon den alten graub?rtigen Saalh?ter, der uns die T?r ?ffnete, mit Herr Kollege anredete.

Ein schnurriger Kauz erz?hlte unser Begleiter der auf diese Titulatur Wert legt, da er vor zwanzig Jahren Pr?fekt der Ortschaft gewesen ist. Er hatte damals gewisse Verdienste um die einheitliche Organisation unserer Kunststadt, nur da? er die Sache allzusehr ins stramm Milit?rische ?bertrieb. Die Zunftordnung gen?gte ihm nicht, vielmehr betrieb er die Einteilung der K?nste nach Bataillonen, Kompagnien und Rotten mit Uniformen und Gradabzeichen. Es gab komponierende Rittmeister, dichtende Hauptleute, die zu Majoren bef?rdert wurden. Die Allegros?tze der Symphonien sollten ein f?r allemal auf den Pendelschlag des auf 100 gestellten Staatsmetronomen gestellt werden. Dazu kamen eigensinnige Verbote, zum Beispiel gegen St?cke, die von Posaunisten mehr als sieben Kubikmeter Blaseluft beanspruchen. Er scheiterte schlie?lich an den Kabalen einer S?ngerin von der dritten Sopran-Batterie zu Fu?, die er wegen Versagens der hohen T?ne zum Altistinnen-Train versetzt hatte. Noch heute, als l?ngst Pensionierter, beklagt er die Verwahrlosung des Ordnungsprinzips und tr?umt sich in die gute alte Zeit zur?ck, da er noch auf Zucht und sch?rfstes Kommando im Kunststaate halten durfte.

Schon durch die geschlossene T?r waren die T?ne der Mozartschen Jupiter-Symphonie zu uns gedrungen, und als wir den Saal betraten, intonierte die Kapelle den letzten Satz, das Meisterst?ck kontrapunktischer Kunst mit der Tripel-Fuge, das uns mit allem Glanz eines olympischen Jupiters entgegenstrahlt. Also doch auch Pflege der Klassizit?t in einem so vorgeschrittenen Musikstaat! Und diese erfreuliche ?berraschung steigerte sich noch durch die Pracht der orchestralen Wiedergabe. Freilich merkten wir bald, da? es damit weniger auf die Entz?ckung, als auf die Belehrung der H?rerschaft abgesehen war. Denn nach dem Finale betrat ein Theoretiker das Podium, ein Conferencier, der in wohlgesetztem Vortrag die eigentliche Bedeutung dieser historischen Konzerte erl?uterte. Er sprach von Mozart als von einem Petrefakt, von seiner Symphonie als von einem fossilen ?berbleibsel einer antidiluvianischen Epoche. Mit frostigen Worten zergliederte er deren Bauart, so wie ein Zoologe das Skelett eines Ichthyosaurus erkl?rt, mit dem Hinweis darauf, da? die lebendige Wirklichkeit sich nur noch aus wissenschaftlichen Gr?nden mit solchen vermorschten Gerippen zu besch?ftigen h?tte. Hierin l?ge der Sinn dieser historischen Konzerte, welche die grauen Schatten der Vergangenheit heraufbeschw?ren, um im Kontrast die Errungenschaften der k?nstlerischen Neuzeit desto heller aufleuchten zu lassen.

Der Vortragende sprach von diesen Errungenschaften. Vom Durchgangsstadium des klingenden Expressionismus, der mit der ?u?ersten Z?hheit einer g?nzlich in geistigem Erleben aufgel?sten Transzendenz die Innengewendetheit zu einer expressiven Durchschlagskraft umbilde, gleichsam in vorausschauender Exzessivit?t des Aktivismus; sprach noch zahlreiche derartige Erbaulichkeiten, die uns Fremdlinge nicht ganz fremdartig anmuteten; erging sich in schleierhaft wehenden Redewendungen, um das Ergebnis zu gewinnen: man m?sse auch von den unbeholfenen Stammeleien eines Mozart, eines Bach Kenntnis nehmen, um die neuesten Kunstbl?ten und Kunsttendenzen, namentlich in den Sch?pfungen des gro?en auf Helikonda wirkenden Meisters Kakordo so recht w?rdigen zu k?nnen.

Lebhafter Beifall folgte diesen Ausf?hrungen, w?hrend die Symphonie vorher kein Zeichen der Ergriffenheit ausgel?st hatte. Nur ein vereinzeltes ?ltliches Fr?ulein war uns aufgefallen, die den Kl?ngen Mozarts mit stiller Vertr?umtheit und mit beseligten Reflexen im Antlitz folgte. Das ist n?mlich eine Unbelehrbare, sagte uns der Pr?fekt; eine ganz r?ckst?ndige, die wir in der Gemeinde als ein Kuriosum mitschleppen. Sie bedeutet unter den Empfangenden ebenso ein Fossil, wie Mozart unter den Hervorbringern. In der n?chsten Generation werden derartige Versteinerungen nicht mehr vorkommen.

Wir wandten uns einigen Nebens?len zu, die den Aus?bungen der Virtuosit?t gewidmet waren. Hier gab es noch die vertrauten altert?mlichen Instrumente, Pianoforte und andere, w?hrend f?r die letzten Ausl?ufer der Helikondischen Kunst, wie wir bald erfuhren, ganz andere Apparate in T?tigkeit treten. Die Virtuosit?t, erkl?rte Spiridon, gilt uns als ein Kunstfaktor f?r sich. W?re sie nur eine gesteigerte Handfertigkeit, so w?rden wir sie verleugnen. Sie beruht aber auf dem Zusammenwirken der Koordinationszentren im Gehirn und mu? somit als eine geistige Angelegenheit gepflegt werden. Bis zu welchem Grade die Materie durch den Geist ?berwunden werden kann, davon erhielten wir eindringliche Proben: F?nfzig Pianisten spielten gleichzeitig ein und dieselbe schwierige Toccata in vollkommenstem Unisono und absoluter Koinzidenz. Bei gesch?rftester Aufmerksamkeit vernahm man tats?chlich nur das eine St?ck, mit f?nfzig multipliziert. Hiernach exekutierte ein anderer K?nstler die vollst?ndige Appassionata von Beethoven in vier Minuten. Nicht etwa der Zeitersparnis wegen, denn dies Prinzip der mechanisierten Insel spielt hier keine Rolle, sondern lediglich zum Beweise einer ?ber alle Vorstellung hinausragenden musikalischen Technik. Der n?mliche Virtuos lieferte folgende erstaunliche Zugabe: er meisterte mit der rechten Hand die Paganini-Et?den von Brahms und gleichzeitig mit der Linken die spanische Rhapsodie von Liszt. Das hatte einen doppelten Zweck. Erstens offenbarte sich die magistrale Unabh?ngigkeit in der Massendisziplin der Finger, zweitens ergaben sich aus diesem unerh?rten Duo von Rechts und Links Neukl?nge mit ungeahnten musikalischen Offenbarungen. Es war sehr nebens?chlich, da? sie unseren Ohren ?bel klangen; wir waren eben nicht vorgebildet genug, um in der Kakophonie die klanglichen Sch?nheiten so sicher herauszuf?hlen, wie die Mehrzahl der H?rer.

Ein Raum war zur Manege umgeformt und hatte die Bestimmung, einer gewissen Zukunftskunst zu dienen, in der musische Elemente mit Sport und Gymnastik zusammenflie?en. Hier ?ben parnassische Muskelmenschen. Einer spielte, am Schwebetrapez mit den Z?hnen h?ngend ein vielgriffiges Geigenkonzert, zu dem ein mit Zentnergewichten balancierender Dichter in anap?stischen Dithyramben den dichterischen Kommentar vortrug. Ein Reiter auf raschem Pferd stehend entwarf die kubistische Skizze einer Landschaft auf festgehaltener Leinwand. Unsere Gef?hrtin Eva vermi?te darin die Naturtreue und Perspektive. Allein der zuf?llig anwesende Gro?meister Patzoha fand zu lobenden ?u?erungen Veranlassung, und gegen das Urteil dieses Ultra-Malers gibt es in Helikonda keine Berufung.

Weiterhin gerieten wir an die Optophonische Abteilung, der das Problem zuf?llt, Sichtbares in Klingendes umzuwandeln. Im Prinzip durfte diese Aufgabe schon seit Jahrzehnten als gel?st betrachtet werden, da sich durch Einschaltung verbindender Induktionsstr?me eine Br?cke von der Optik zur Akustik schlagen l??t. In den einzelnen Vervollkommnungen werden alle Scheidew?nde zwischen den zwei Welten eingerissen; hier zeigt uns die Gilde der Optophonisten, da? es m?glich ist, jeden gegenst?ndlichen Vorgang, insonderheit jede bildliche Darstellung, zu einem t?nenden, konzertanten Ereignis umzubilden.

Man kam uns, den R?ckst?ndigen, insoweit entgegen, als man uns zun?chst verst?ndliche und allgemein bekannte Farbengem?lde vorf?hrte. Das Optophon war so montiert worden, da? es die Figuren eines Heiligenbildes aus der Renaissance der Reihe nach bestrich und in Klangvibration versetzte; wodurch wir den Eindruck gewinnen sollten, als ob die gemalten Gruppen des Rafaelischen Schinkens den melodi?sen Kommentar zu ihrer eigenen Existenz lieferten. Unsere Erwartung war auf einen kirchlichen Choral gerichtet, allein es erhob sich nur ein summendes, formloses Ger?usch. Woraus zu schlie?en war: das Experiment hatte seine Schuldigkeit getan, und nur wir mit unseren unzul?nglichen Organen waren dem Experiment nicht gewachsen.

Nun wurde das Verfahren umgekehrt. Man spielte die Hebriden-Ouverture von Mendelssohn und verwandelte sie optophonisch in ein Bild. Wiederum scheiterten wir am Effekt, da wir nur einige irre Lichtzuckungen wahrnahmen. Aber die mit ?berlegenen Empfangsnerven ausger?steten Nachbarn im Saal erkl?rten, sie s?hen ganz deutlich die optisch-landschaftliche Erscheinung der Fingalsgrotte. Vielleicht kommt es auf die St?rke der Phantasie an, die der Seh-H?rer oder H?r-Seher solcher Veranstaltung entgegenbringt. Und es war ja schlie?lich erkl?rlich, da? die Kunstinsulaner ?ber eine regere Einbildungskraft verf?gten, als wir im Philistertum d?mmernden Fremdlinge.

Der Direktor der optophonischen Abteilung gab uns noch einige wertvolle Winke. Seiner Ansicht nach steht die Optophonie mit all ihren Mirakeln erst im Anfang ihrer Entwickelung. Deren Schlu? wird bedeuten: Ersetzung des Komponisten, des Malers und schlie?lich sogar des Dichters durch das Instrument. Wir bezweifelten dies, und ich mu? anerkennen, da? der Pr?fekt unserem Zweifel zu Hilfe kam. Gewi?, meinte er, wird man binnen kurzem elektrisch komponieren und farbdichten, nur werden sich diese Hervorbringungen an Tiefe und Bedeutung niemals mit den Werken unserer Ultra-Genialen zu messen verm?gen.

Wo waren nun diese Werke? Wie klangen sie, wie sahen sie aus? Dar?ber blieben wir einstweilen im Dunkeln. Es schienen betreffs ihrer Vorf?hrung Schwierigkeiten obzuwalten, die man uns nicht erkl?ren konnte oder wollte. Auch die letzte Nummer, die uns auf dieser Streife geboten wurde, bewegte sich noch in einem Fahrwasser, das uns, wenn auch nicht vertraut, so doch nicht ganz au?erweltlich vorkam. Sie betraf eine von dem Vorl?ufer Kakordos verfa?te Symphonie in K-Dur. Dies ist eine in unserem System nicht existierende Tonart, die sich auf der Skala C, Cis, Es, F, Halb-Ges, Dreiviertel-As, Hoch-B, C aufbaut. Sie ist f?r ein Orchester von 3000 Mann geschrieben, und zwar so, da? sie eine Minderzahl, etwa von 2800 Musikern, gar nicht aufzuf?hren vermag. Die Gesamtgestaltung des Werkes ging ?ber meine Fassung hinaus, indes vermochte ich doch gewisse Leitmotive nicht nur zu erkennen, sondern sogar wiederzuerkennen. Ich habe n?mlich einmal vor langer Zeit, auf einer Weltausstellung, ein Orchester von Bantunegern geh?rt und einige Themen in der Erinnerung behalten. Da zeigten sich mir auffallende ?hnlichkeiten. Die Qualit?t des Ganzen freilich war eine ganz andere und ?bertraf dynamisch sogar die H?he der Klassizit?t. Die Eroica zum Beispiel l??t sich mit 50 Mann sehr gut auff?hren, und man hat nur noch n?tig, 50 in 3000 zu dividieren, um herauszubekommen, da? jene K-dur-Symphonie 60 mal st?rker wirkt, als die in Es-dur von Beethoven.


* * *

An einem der n?chsten Abende befanden wir uns im Heim des Pr?fekten, der uns zu Ehren einen kleinen Empfang veranstaltete. Dort lernten wir auch die drei ?bergenialen kennen, denen die Insulaner nahezu g?ttliche Ehren erweisen. In zwanglosen Gruppen wurden Themen angeschlagen, deren Er?rterung mehrfach zu ungeahnten Gipfeln der ?sthetik emporf?hrten. Ich werde die Gespr?chspartner nicht durchweg einzeln nennen; rechne vielmehr darauf, da? der Leser auch dort, wo ich es unterlasse die Stimmen gen?gend auseinander halten wird. Bei k?nstlerischen Auseinandersetzungen ist das Was wichtiger als das Von Wem. Es liegt mir auch nichts daran, die Argumente in l?ckenloser Folge wie die Perlen am Faden aufzureihen. Denn ich berichte ja aus der Erinnerung, die mir Einzelheiten zutr?gt, ohne alle Zwischenglieder und ?berg?nge aufzubewahren.

Wir sprachen zuerst, um einen Verst?ndigungsboden zu gewinnen, von den Grenzen der Kunst. Hat sie ?berhaupt Grenzen? Ist sie endlich oder unendlich?

Die ideale Existenz Helikondas h?ngt an der Beantwortung dieser Frage, die besonders vier K?mpen in die Streitarena rief: Einen jungen Tonsetzer, mich, Fr?ulein Eva und einen Bewohner der ?sthetiker-Stra?e, der auf der Insel die Linie des Exaktismus betreibt. Er hatte kurz zuvor ein Werk herausgegeben mit dem Titel: Die Kunst, eine mathematische Angelegenheit.

Der Tonsetzer vertrat nat?rlich das Prinzip der Unendlichkeit: Wir K?nstler d?rfen nur eine Sendung anerkennen: in der schrankenlosen Weite der Kunst das Neue aufzufinden. Streng genommen geben wir alle, auch mit verwegenstem Futurismus, immer nur Anf?nge, deren Fortsetzungen sich niemals erahnen lassen. Aus dem einfachen Grunde, weil unsere Kunst unendlich ist und in alle Ewigkeit die in ihr beschlossenen M?glichkeiten nur andeuten, aber niemals vollenden kann.

Der berechnende ?sthetiker widersprach: Ihr produzierenden K?nstler wiegt euch alle in einer unhaltbaren Illusion. Ihr haltet euer Reich f?r unbegrenzt, es l??t sich aber beweisen, da? es von zahlenm??ig angebbaren, vom Verstande erfa?baren Grenzen umspannt wird. Diese Erkenntnis mag schmerzlich sein, sie besteht aber vor der Logik zu Recht, und wer sich ihr verschlie?t, der ergibt sich einer abergl?ubischen Phantasieschwelgerei.

Ehe der Angegriffene erwidern konnte, nahm Fr?ulein Eva impulsiv seine Partei: Verzeihen Sie, wenn ich die zuletzt geh?rte Behauptung absurd finde. Was Sie als Aberglauben zu bezeichnen belieben, ist tats?chlich der heilige Glaube ausnahmslos aller, die jemals Kunst geschaffen und genossen haben. Dieser Glaube tr?gt seine Evidenz in sich, jede Welle unseres inneren Singens und Klingens zeugt f?r ihn. Und dieser Glaube an die Unbegrenztheit ist die Vorbedingung nicht nur alles Schaffens, sondern auch jeder Kunstbetrachtung. Ob Futurist, ob Klassizist, das ist hier ganz gleichg?ltig. Schlagen Sie die Bekenntnisse der Meister auf, wo Sie wollen, ?berall finden Sie diesen Glauben an das Selbstverst?ndliche, aller Diskussion Entr?ckte. Der ganze Richard Wagner ist nichts anderes, als ein gro?er Psalm ?ber die Motive Unendlich, Unerme?lich, Unergr?ndlich, Uferlos, die wir alle als ganz unabtrennlich vom Wesen der Kunst betrachten.

Der Berechner: Das meinte ich ja eben. Es ist das Los der K?nstler, sich in diese vermeintliche Selbstverst?ndlichkeit zu verbei?en, und es h?lt tats?chlich sehr schwer, irgendeinen von seinem Irrglauben zu kurieren. Aber der Exakte, der nicht phantasiert, sondern ?berlegt, erkennt die Zusammenh?nge anders als der Schw?rmer, dem die Vielheit der Erscheinungen sogleich eine Unendlichkeit vorgaukelt. Der Musiker zum Beispiel operiert mit einer bestimmten Vielheit der T?ne, chromatisch gerechnet mit hundert, und jede auf dieser Basis existierende Komposition stellt einen bestimmten Permutationsfall dieser Elemente dar. Steht das Werk aufgeschrieben vor uns, so erkennen wir leicht, da? sich alles, restlos alles, in Tonfolge, Modulation, Akkord, Rhythmik, St?rkestufe, Tondauer und Klangverbindung auf ausz?hlbare Grundelemente zur?ckf?hren l??t. Das sind Endlichkeiten, die allerdings sehr hohe Zahlenwerte erreichen; wie ja alle Kombinatorik sich rasch ins Ungeheure ausw?chst, ohne darum jemals die Grenze des Endlichen zu ?berschreiten.

Der K?nstler: Ihre Rechnung hat ein Loch. Wir sind ja ?ber die Halbt?ne bereits hinausgegangen zu Drittel und Viertelt?nen, und wir werden in der Zerkleinerung der Intervalle noch fortschreiten.

Der Berechner: Gewi?. Und ferne Jahrtausende werden sich vielleicht mit einer Chromatik von Zehntelt?nen abzufinden haben, falls dann ?berhaupt noch musiziert wird. Aber auch damit gelangen Sie nur zu einer Hinausschiebung, keineswegs zur Vernichtung der Grenzen bis ins Uferlose.





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