Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit






Die Lilie tr?gt der Dauphin hin nach Nancy
Dem Kurf?rst nach, bis hin an Flanderns Steine;
Ein neu Verlie? dem gro?en Montmorency
F?r andern Platz geliefert an clere peine.

Die historischen Bestimmungen der ersten Zeilen weisen genau auf das vierte Jahrzehnt des siebzehnten Jahrhunderts. Als der Magier schrieb, konnte der historische, gro?e Montmorency, der erst 1595 zur Welt kam, gar nicht geahnt, geschweige denn beschrieben werden. Aber dessen Schicksal wird hier in knappster Form ganz exakt dargestellt: das neue Verlie? ist das Gef?ngnis im neuerbauten Stadthaus zu Toulouse; an einem anderen Platz wurde Montmorency 1632 hingerichtet; und der Name des Soldaten, der die Exekution ausf?hrte, war Clerepeyne!

Diesem verbl?ffenden Beispiele w?ren viele andere beizuz?hlen. Ich greife es nur heraus, weil es sich auch in dem von mir erworbenen und entzifferten Exemplare befand. Aber ich entdeckte auch andere, bisher v?llig unbekannte Quatrains, und unter ihnen einige, bei deren Lesung ich wie vom Donner ger?hrt wurde. Denn sie enthielten Ansagen, die bis in die allerletzte Neuzeit vorstie?en und obendrein mich pers?nlich betrafen!

Mich und die geheimnisvollen Gebiete, deren magischen Bann ich schon versp?rt hatte, bevor noch des Magiers Wort mich erreichte!

Da standen sie vor mir in leidlich lesbaren S?tzen, die der Dechiffrierschl?ssel aus dem chaotischen Wust der Buchstaben herausholte.

Ich setze sie hierher, so wie ich sie fand, als gereimte Vierzeiler, losgel?st von allen R?tseln der Umgebung und von mir auf besonderem Blatt ausgeschrieben. So gesehen tauchten sie bereits aus dem tiefen Dunkel der Urschrift in den D?mmer der Verst?ndlichkeit; sie lauteten:


Quand r?public germaine apr?s d?tresse
Se dresse en vingtetun, dit le proph?te,
Grande d?couverte des Isles de la promesse
Jadis cach?es en plaine de notre plan?te
Par ?crivain du nom de Mac?doine
Et par secours de paire am?ricaine
On trouvera les terres transoc?anes
D?voilant sublime ph?nom?ne.

Donath stierte abwechselnd auf das Blatt, aufs Buch und auf mich, mit Blicken, in denen noch Reste von Mi?trauen schwammen. Er hatte im Wesentlichen verstanden, getraute sich indes noch nicht, es zu bekennen. Um sich von der ersten ?berraschung zu erholen und Zeit f?r Einw?nde zu gewinnen, sagte er:

Man m??te zun?chst versuchen, eine brauchbare ?bersetzung herzustellen. Ich selbst halte mich ja in Sprachangelegenheiten f?r ziemlich gewandt, ich meine aber doch, da? hier meine Dolmetscherf?higkeit nicht ganz ausreicht. Dem Sinne k?me man vermutlich n?her, wenn man, ohne am Wort zu kleben, auch die Form des Originals in die ?bertragung hin?bern?hme.

Das ist bereits geschehen, entgegnete ich. H?re zu, wie ich die Zeilen im Rhythmus und Tonfall der Vorlage verdeutsche:


Einst werden sich, so wird hier prophezeit,
Die Inseln der Verhei?ungen entdecken,
Wenn sich im deutschen Land nach tr?ber Zeit
Um einundzwanzig neue Kr?fte recken.
Schriftsteller ist er, mazedonisch klingt
Der Name dessen, dem das Los zu eigen,
Mit einem Paare, das ihm Hilfe bringt
Vom reichen West, dies Ph?nomen zu zeigen.

?ber die Hauptsache, r?ume das nur ein, besteht jedenfalls gar kein Zweifel. Wir haben hier die seit Urzeiten verborgenen Inseln der Verhei?ung und deren Entdeckung, angesagt auf das Kalenderjahr und mit genauem Hinweis auf unsere Heimat, in der, wie sicher zu erg?nzen, der Ursprung der Expedition liegen soll. Als Urheber des Plans wird ein Schriftsteller bezeichnet, stimmt ebenfalls. Und was den mazedonischen Namen betrifft

Alexander!

Also das ist schon fast ein ?berma? an Deutlichkeit. Ich werde mich nicht damit aufhalten, mich mit Erkl?rungsversuchen zu plagen als Zeuge eines Mysteriums, in dem das Okkulte mit dem ersichtlich Wirklichen untrennbar zusammenflie?t. Genug, es steht da, und du wei?t so gut wie ich selbst, da? ich die Spur der Inseln bereits aus ganz anderen Erw?gungen heraus verfolgt habe, als dieses Nostradamusbuch noch in der Tiefe eines Antiquariats schlummerte. Aber das Zusammentreffen eines eigenen Planes mit dem Auffinden und der Entzifferung dieser okkulten Schrift m??te imstande sein, auch den ungl?ubigsten Thomas ins Extrem des Glaubens hineinzusto?en.

Immerhin, Alex, es besteht da doch noch ein dunkler Punkt. Hier ist doch von einem amerikanischen Paar die Rede, und davon hast du mir auch nicht die leiseste Mitteilung gemacht.

Das erkl?rt sich dadurch, da? ich selbst nicht das geringste davon wei?. Dieser dunkle Punkt ist also tats?chlich vorhanden und ich verhehle nicht, da? er mich beunruhigt. Denn wenn ich auch alles durchgehe, was ich jemals an amerikanischen Bekanntschaften besa?, so kommt doch keine einzige f?r den vorliegenden Fall in Betracht. Es waren ausschlie?lich nach Europa versprengte K?nstler, Konzertgeber, Musiksch?lerinnen und auch mit diesen hat f?r mich seit dem Kriege jeder Kontakt aufgeh?rt. Da? ich selbst nie dr?ben im anderen Kontinent gewesen bin, ist dir bekannt.

Wenn du aber so fest an die Prophezeiung deiner Quatrains glaubst, so m??test du vielleicht den hiesigen amerikanischen Gesch?ftstr?ger aufsuchen

Nein. Von den achselzuckenden Herrschaften auf unserem Boden habe ich nun wirklich genug. Ich habe mich angestrengt, in diesem Nostradamus hier noch irgend welchen erg?nzenden Hinweis zu entdecken. Und meine Suche war auch nicht ganz fruchtlos, allein die Ergebnisse lagen in ganz anderer Richtung. Sie betrafen die Inseln selbst, ?ber die sich Nostradamus in den allerdunkelsten Wendungen ergeht. Der Magier macht da Anspielungen, welche darauf hinzudeuten scheinen, da? sich auf dieser Insel die seltsamsten Kulturen verwirklichen; sozusagen eigensinnige Kulturen, als ob die Inselbewohner es darauf anlegten, ihre Existenz nach philosophischen Prinzipien einzurichten. Aber es ist alles so verschwommen ausgedr?ckt, da? ich daraus nicht klug werde. Und was den f?r uns zun?chst wichtigsten Hauptpunkt anlangt, so fehlt hier?ber jede weitere Notiz. Man m??te sich denn an diese Buchstabenfolge auf Seite 97 klammern

lzbkhmsnb.

Donath Flohr nahm ein wei?es Blatt von meinem Schreibtisch und schrieb nach der er?rterten Regel, indem er jeden Buchstaben mit dessen alphabetischen Nachfolger vertauschte:

maclintoc

Das kannst du dir an die Wand nageln, f?gte er hinzu: es klingt wenigstens exotisch und erinnert sogar an einen ber?hmten Seefahrer, der dir aber nicht helfen kann, besonders weil er l?ngst tot ist.

Und dennoch! rief ich, indem ich trotzend auf das Blatt schlug. Alles ?brige ist so ?berzeugend, so zwingend, da? ich von der Idee nicht mehr loskann. Ich will auch davon nicht los, ich habe in mir gar keine M?glichkeit, es zu wollen. Denn mein Verstand m??te einfach dabei abdanken. Er m??te sich entschlie?en, das alles f?r ein h?hnendes Spiel des Zufalls zu nehmen; und das w?re genau so ich zitiere Cicero als wenn man annehmen wollte, das aus dem zuf?lligen Zusammensch?tten von Buchstaben ein Gedicht wie die Ilias entstehen k?nnte!

Also du willst mit dem Kopf durch die Mauer. Sch?n. Aber dann m??test du wenigstens die Bewegungsm?glichkeit haben, und die hast du nicht. Du stehst festgekeilt vor einem finanziellen Rechenexempel, und erkl?rst selbst, da? alle L?sungsversuche fehlschlagen.

Vielleicht g?be es einen letzten Ausweg. Dieser Nostradamus ist doch jedenfalls vom bibliophilen Standpunkt ein Schatz, jetzt wo der Schl?ssel zur Lesung ermittelt ist. Wie w?re es, wenn ich das Buch verkaufte?

Erstens siehst du nicht aus wie einer, der so etwas verh?kert. Und dann, selbst wenn, w?rde der Erl?s nicht zum hundertsten Teile ausreichen, um deine Expedition zu bestreiten. Hier handelt es sich doch im Kostenpunkt um viele Millionen einfach Wahnsinn. Schlu? mit diesen Phantasien! Ich will dir raten: ?bersetze den ganzen Band in h?bsche deutsche Reime, gib sie als Buch heraus oder noch besser, halte Vortr?ge dar?ber in der Philharmonie und sonstwo. Dann wirst du wenigstens eine gewisse Genugtuung von dieser Arbeit haben und das Bewu?tsein, etwas f?r die Vergn?gungssteuer zu leisten.

Wir beide hatten es im Feuer der Unterhaltung g?nzlich ?berh?rt, da? an der Vordert?r die Klingel mehrfach gegangen war. Mein Hausm?dchen huschte ins Zimmer und meldete Besuch. Auf der Visitenkarte, die sie mir entgegenstreckte, las ich:

Mac Lintock


* * *

Es ist anzunehmen, da? mir die Symptome h?chstgradiger Verdutztheit auf dem Gesicht standen, als ich die Eintretenden begr??te. Denn es waren zwei Personen, Herr und Dame; wie sich aus der Vorstellung ergab: Mr. Mac Lintock aus Chicago und seine Nichte Eva.

Ich h?tte hier die beste Gelegenheit, dramatisch zu werden und ein redendes Quartettgespinnst zu entwickeln. Ich ziehe es indes vor, zun?chst episch zu verfahren. An sich betrachtet war n?mlich das Auftreten der neuen Figuren in seinem Motiv zwar seltsam, aber keineswegs wunderbar. Der Amerikaner, in seinem ?u?eren an das Bild des ber?hmten Pr?sidenten Lincoln erinnernd, Irl?nder von Herkunft, aber durch und durch yankeesiert, befand sich seit kurzer Zeit in Berlin, um hier einige gro?z?gig angelegte Gesch?fte teils einzuleiten, teils abzuwickeln. Diese gingen, selbst nach Dollars gemessen, in die sechs und siebenstelligen Ziffern hinein, wonach sich der Herr ersichtlich als eine recht vertrauenerweckende Pers?nlichkeit darstellte. Bei einer seiner Transaktionen hatte er mit dem schon vorerw?hnten Gro?bankier Georgi zu verhandeln, dem n?mlichen, der mir versprochen hatte, meine Sache im Auge zu behalten. Ich selbst war, wie erinnerlich, nur mit minimalen Hoffnungen bei dieser redensartlichen Zusage; allein wider Erwarten ber?hrte der Bankier im Gespr?ch, so nebenbei das Inselprojekt, mit jener Selbstlosigkeit, die sich oft einstellt, wenn das Risiko verschwindet und der Andere voraussichtlich die Kosten tragen wird.

Gestern speisten der Amerikaner, seine Nichte und Georgi im Esplanade; zwischen Birne und K?se lie? der Dollarmann einflie?en, da? er sich seiner Dampfyacht zu ent?u?ern w?nschte, da er sich darauf bis zum ?berdru? sattgefahren habe; sie l?ge elf Monate pro Jahr zwecklos in irgendwelchem Hafen herum und fr??e blo? Zinsen.

Hier hakte Georgi ein, um wiederum ganz beil?ufig die Inseln aufs Tapet zu bringen. Da w?re doch einer, dessen ganze forschende Sehnsucht sich auf ein Schiff richtete; und ob nun seine Entdeckerpl?ne eine reelle Basis h?tten, ob nicht, so w?re doch hier f?r einen Yachtbesitzer ein gewisser Anla? f?r eine sch?ne Geste.

Es l??t sich nicht behaupten, da? Mac Lintock etwa mit Enthusiasmus zugriff. Allein er begann doch sich zu informieren, und seine Nichte griff ein, um den ersten Funken des Interesses weiter anzublasen. Denn deren Geisteshorizont spannte sich allerdings viel weiter, als der ihres oheimlichen Partners, und sie war imstande, sich auf eine blo?e Andeutung hin in einen fernen Gedankenkreis einzuf?hlen.

Ich meine, Onkel, sagte sie, zwischen Ja und Nein ist da f?r uns kein Unterschied. Ich sehe auf der einen Seite ein wissenschaftliches Ziel, das erreicht oder verfehlt werden kann, das aber doch einen kleinen Einsatz verlohnt. Und f?r uns ist das doch wirklich eine Bagatelle, da die Yacht dich ohnehin langweilt.

Ihr spuken n?mlich immer wissenschaftliche Dinge im Kopfe, erg?nzte der Amerikaner. Sie hat an der Columbia-Universit?t, in Grenoble und in Leipzig studiert.

Und ich habe in allen F?chern zusammengenommen keine Weisheit gefunden, die ?ber den Schopenhauerschen Grundsatz hinausgeht: omnes, quantum potes, juva! unterbrich mich nicht, Onkel, ich ?bersetze schon: Hilf allen, soweit du kannst!

Kind, mit dieser Regel wird auch ein Kr?sus bald genug zum Bettler. Aber ?ber einen Spezialfall l??t sich ja reden. Mir f?llt da eben ein, da? mein Freund Rockefeller mit einem Federzug einen Scheck ?ber sieben Millionen Dollars f?r Forschungszwecke ausgeschrieben hat; allerdings f?r amerikanische Forschung

Es gibt nur universale, und ?brigens, Onkel: wenn du f?r die Expedition dein Schiff stiftest, dann wird sie ja unter amerikanischer Flagge segeln.

Au?erdem, bemerkte Georgi, wird diese Sache ja f?r Sie sehr viel billiger als seinerzeit f?r Rockefeller. Also, wollen Sie mich erm?chtigen, dem Herrn morgen zu telephonieren, da? in seiner Angelegenheit etwas geschehen ist, und da? er Sie im Esplanade besuchen darf?

So nicht! korrigierte der andere unter ersichtlicher Zustimmung der Dame, deren Wille nicht erst Worte zu finden brauchte, um ihn suggestiv zu beeinflussen. Wenn ich mich schon entschlie?e, die Sache in die Hand zu nehmen, dann will ich wenigstens sofort mein Vergn?gen haben. Ich werde ihn morgen in seiner Wohnung ?berraschen, das hei?t nat?rlich wir beide. Du willst doch, Evy?

Ich will noch mehr. Er wird ja gewi? bei diesem ?berfall sehr erstaunen du vielleicht auch!


* * *

Nun sa?en wir zu Vieren in meiner Arbeitsstube und ich sah pl?tzliches Licht in der Finsternis. Das ganze Vorhaben schien in kaum einer Viertelstunde klaren Hintergrund und deutliche Form zu gewinnen. Der Amerikaner freilich behandelte es eher vom Standpunkt einer Million?rskaprice, mit der ?berlegenheit eines Mannes, der sich als deus ex machina f?hlt; dabei auch mit der Empfindung eines Spielers, der an der Roulette eine hohe, aber f?r ihn gleichg?ltige Summe auf eine einzelne Nummer schiebt. Aber da ergab sich ein kleiner Zwischenfall. Die Dame bemerkte n?mlich auf meinem Schreibtisch das Blatt, worauf Donath nach dem stummen Diktat des Magiers mit Blaustift notiert hatte: maclintoc. Hat Ihnen Georgi etwa doch gegen die Abrede telephoniert? Nein. Wir wu?ten nicht das Mindeste von Ihrer Existenz, wie Sie wohl an unserem Verhalten erkannt haben. Sie haben also wirklich allen Grund zur Verwunderung; aber ich mu? Ihnen bekennen, die Aufkl?rung wird nicht viel begreiflicher ausfallen als das R?tsel.

Das ganze Thema von Nostradamus wurde neu aufgerollt. Ich erkl?rte den G?sten den ganzen Umfang der eigenen ?berraschung von dem Auftauchen der prophetischen Vierzeiler bis zu dem Punkte, auf dem wir an den absonderlichen, f?r mich so bedeutungsvollen Namen gerieten. Der erste, der sich von der magischen ?berrumpelung erholte, war Mac Lintock selbst:

Es hat keinen Zweck, erkl?rte er, hier Zusammenh?nge zu suchen, von denen sich eine Trillion gegen Eins wetten l??t, da? sie keiner finden wird. Stellen wir uns lieber auf den Boden der Tatsachen. Worin besteht das Faktum? Einfach darin, da? es total widersinnig w?re, jetzt noch die bevorstehende Entdeckung zu leugnen. Selbst wenn Nostradamus in vielen F?llen ein falscher Prophet gewesen sein sollte, hier ist doch eine Hellsichtigkeit erwiesen in der Vereinigung unserer Namen, also der Personen, die hier tats?chlich ?ber das Projekt beraten. Damit ist das Vorstadium, so meine ich, definitiv ?berwunden, und es gibt f?r mich kein Zur?ck. Verf?gen Sie ?ber meine Yacht Atalanta, f?r deren Ausr?stung ich sorgen werde. Ich kn?pfe daran die einzige Bedingung, da? die erste wilde Insel, die Sie entdecken, auf den Namen Mac Lintock-Eiland getauft wird.

Ich stelle noch eine zweite Bedingung, meldete sich die Dame, in deren sch?nem und bedeutungsvollem Recamier-Profil ein Zug des Trotzes merklich wurde, einer Energie, die von vornherein jeden Widerspruch ausschlo?. L??t sich erraten, sagte Flohr; die zweite Insel mu? nach Ihnen benannt werden. Selbstverst?ndlich angenommen, du erlaubst doch, Alex, da? ich in deinem Namen rede?

Ich vermute, sagte ich, da? unsere Helferin sich damit nicht zufrieden geben wird.

Allerdings nicht. Ich verlange vielmehr, die ganze Expedition mitzumachen.

Aber Evy! rief der Onkel; was f?r eine Schrulle! Ich habe doch wohl anderes auf der Welt zu tun. Nicht um das Verm?gen von ganz Wallstreet kriegst du mich auf eine so unabsehbare Reise ins Blaue.

Kehre du nur ruhig zu deinen Gesch?ften nach Chicago zur?ck. Hier handelt es sich um mich allein. Und verlege dich nur nicht etwa auf Sittenpredigt und Methodistenweisheit. Ich kenne ja den Sermon: Das ist unpassend das schickt sich nicht das verst??t gegen Form und Takt. O heaven! Wie lang ists denn her, da? eine junge Dame keine anatomischen Studien treiben durfte? Ich habe auf der Universit?t m?nnliche Leichen seziert, und mein Ruf ist unber?hrt geblieben.

Weil du in einem anst?ndigen Damenpensionat gelebt hast und nicht einzeln zwischen Herren und Matrosen. Abgesehen davon begibst du dich in Abenteuer und Gefahr. Wissen wir denn, an welche wilde V?lkerschaften diese Expedition ger?t?

Herr Mac Lintock, warf ich ein, jetzt haben Sie verloren. Ihre Nichte macht nicht den Eindruck, als ob ein Appell an die Furcht ihren Willen ersch?ttern k?nnte.

Eva l?chelte: Ich f?rchte h?chstens, da? die Gefahr hinter meinen Erwartungen zur?ckbleiben wird. Die Hauptsache bleibt aber, da? wir ein solches Unternehmen nicht blo? subventionieren, weil wir reich sind, sondern auch begleiten, weil wir unsere Einsichten erweitern wollen. Welchen Zweck hatte die Atalanta bis jetzt? Ich habe auf der Yacht gefaulenzt und ged?mmert in dem Panorama der Luxusorte zwischen Toulon und Rapallo, bei den Azoren, der K?ste von Florida, jetzt will ich auf ihr etwas erleben! endlich nicht mehr nach Baedeker reisen, sondern im Zeichen von Tasman, Franklin, Humboldt! ?brigens, Onkel, sollst du im Nebenpunkt eine kleine Konzession haben. Ich wehre mich gar nicht gegen weibliches Gefolge; du kannst mir so viel Zofen und Stewardesses engagieren, wie dir beliebt. Aber ich denke, wir werden jetzt noch Wichtigeres zu verabreden haben, als die Hilfskr?fte f?r meine Toilette.

Ihres Erfolges gewi? erhob sie sich, beugte sich Mac Lintock entgegen und streichelte ihm die Stirn. Der bi? sich in die Lippen, z?gerte, ergriff dann ihre Hand und sagte: Es ist bei uns Amerikanern nicht Sitte, einen Antrag ohne Amendement zum Gesetz zu erheben. Du beantragst die Mitreise angenommen. Mein Amendement lautet: du bleibst in meiner Obhut! Und zu uns M?nnern gewendet erg?nzte er: ich hoffe, Ihr Nostradamus wird nicht widersprechen, wenn ich mich anschlie?e. Der Entschlu?, auf l?ngere Zeit meine Privatgesch?fte zu suspendieren, kostet mich mehr, als die ganze Atalanta wert ist. Aber Sie sehen ja, ich stehe hier unter sanfter Erpressung meines Lieblings. Ich bitte Sie daher, mir auf meiner Yacht eine Kabine zu reservieren.


* * *

Im Prinzip stand nunmehr der Plan fest, und es dauerte nicht mehr lange, bis er sich aus dem rohen Umri? herausarbeitete. Der Telegraph spielte nach zahlreichen Industriepunkten, Befehle flogen hinaus, gespart wurde nur an Zeit, nicht an Geld, die ganzen Vorbereitungen standen unter Spannung und Hochdruck. Man konnte mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, da? die Yacht in l?ngstens drei Monaten bef?higt sein w?rde, den leeren blauen Fleck auf dem Atlas aufzusuchen.

Die Einzelheiten der Ausr?stung sollen hier nicht aufgez?hlt werden. Es gen?gt, im Allgemeinen zu beschreiben, wie ungef?hr der Organismus aussah, f?r welchen die Inseln der Verhei?ung als unbestimmtes Richtziel aufgestellt waren.

Die Atalanta mit ihren 1800 Tons Gehalt geh?rte keineswegs zu den Riesenschiffen, entsprach aber in ihrer Gr??enklasse und Bauart allen Anforderungen, die man an ein Expeditionsschiff stellen konnte. Sie leistete bis zu 21 Seemeilen in der Stunde und besa? nach Ausweis der Fachleute eine vorz?gliche Man?vrierf?higkeit. Einen Teil ihrer vormaligen luxuri?sen Aufmachung mu?te sie nunmehr opfern, um sich der neuen Aufgabe anzupassen. Sollte sie sich auch ?berwiegend auf ihr Segelwerk verlassen, so wurden doch auch die Bunker erheblich vergr??ert, um das Schiff m?glichst unabh?ngig von aller Kohlenaufnahme zu machen. Es galt ferner, das Schiff gegen etwaige Angriffe durch ausreichende Bewaffnung zu sichern. Hier ergaben sich zun?chst Schwierigkeiten, da die Waffe in Privatbesitz, noch dazu mit dem Charakter des Kriegsger?ts, seit langer Zeit auf dem Index der verbotenen Dinge steht. Allein schlie?lich wurde doch die Erlaubnis der verschiedenen Regierungen erzielt, da die Bestimmung des Schiffes als eine durchaus wissenschaftliche definiert war und anerkannt wurde. Eine besondere F?rsorge wurde auf die F?llung der Frachtr?ume verwendet. Wir versahen uns mit einem ausgiebigen Lager von Waren aller Art, vornehmlich im Hinblick auf die unbekannten Insulaner, mit denen wir in Verkehr treten sollten. Das war wie ein Auszug aus einem modernen Warenhaus in Musterst?cken der Bekleidungs-, Textilindustrie, in Metallfabrikaten, Gebrauchsmaschinen, Schmuck und Spielwaren. ?brigens vertrat Mac Lintock den Standpunkt, da? die Kraft des Dollars bis in die entlegensten, g?nzlich unerforschten Gebiete reichen m??te; und ein Scheck von ihm, ausgestellt auf die Bank von New York, w?rde selbst auf einer Insel in Mondferne nach seiner vollen Zahlungsf?higkeit bewertet werden. Und er stand mit dieser Auffassung unter den Teilnehmern der Fahrt nicht vereinzelt.

Der nicht gro?e, aber behaglich ausgestattete gemeinsame Salon barg als Hauptschatz eine mit Sorgfalt zusammengestellte B?cherei, haupts?chlich wissenschaftlichen Inhalts. Unter allen Substanzen, die wir mitf?hrten, war sie, wenn auch nicht die unbedingt wichtigste, so doch die erfreulichste, im Hinblick darauf, da? eine so lange Fahrt endlich einmal die ungest?rte Mu?e zum genu?reichen Lesen und Studieren versprach. Schon der Entwurf des Kataloges f?r die B?cheranschaffung bereitete mir festliche Stunden, umsomehr, da Fr?ulein Eva sich daran mit Umsicht und Kennerschaft beteiligte. Unn?tig, zu betonen, da? die Atalanta in technischer Hinsicht mit den modernsten Hilfsmitteln ausger?stet war, mit Kreiselkompa?, drahtloser Telegraphie und mit den feinsten Apparaten zur Beobachtung der Erscheinungen, die uns nach menschlicher Voraussicht unterwegs begegnen konnten.