Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Da waren sie schon, Jungmannen mit eigenem Pers?nlichkeitsausdruck; wie Figuren aus der Arena, bei denen sich der k?rperliche in geistigen Sport umgesetzt hatte. Menschen, deren technisches Wissen sich in verschiedenen Richtungen entlud, philosophisch, physikalisch, dichterisch, sarkastisch; gesondert wie Kreisradien, die alle Punkte der Peripherie aufsuchen, zusammengehalten durch die Einheit ihres Mittelpunktes, des Meisters, von dem sie ausstrahlten. Ihm brachten Sie ihre Gaben in sch?nen, handgebundenen Schriftexemplaren; jeder Autor sein eigener Buchbinder.

Algabbi nahm die Arbeiten entgegen, bl?tterte darin, l?chelte befriedigt und reichte sie mir zur Einsicht. Aus ihren Titeln und Texten m?chte ich einiges erw?hnen:

Die Mythologie als Hauptdisziplin in der Schule. Neubelebung der alten totgeglaubten Symbole. Der Junge soll angeleitet werden zu einer Weltauffassung, die den Glauben an die starre Mechanik ?berwindet und alles Erschaffene, Pflanzen, Gesteine, Ozeane, Bachquellen, Gewitter und Echo mit pers?nlichen Lebewesen erf?llt. Eine klassische Farbigkeit des Bewu?tseins soll wieder anerzogen werden.

Die Mythologie, so wird ausgef?hrt, offenbart ihre Hochkultur am deutlichsten in ihrer Feindschaft gegen Technik und Erfindung. Prometheus wird mit Recht vom Geier zerfleischt, denn er ist der Vater der Erfindungen. Wie schon sein Name ausdr?ckt: Prometheus, der Vordenkende, der nichts davon wei?, da? das Heil der Seele in der Besinnung auf alle Vergangenheit beschlossen liegt; der den Blitz stiehlt und dadurch die metallurgische und elektrische Fron ?ber die Welt bringt. In seiner Bestrafung liegt G?tterweisheit.

Folgt Nebenexkurs auf D?dalus, den Urheber der Flugtechnik. Er selbst kommt mit dem Leben davon, aber sein Spr??ling Ikaros mu? abst?rzen und ersaufen. Sinniges Symbol: die S?nden der V?ter werden heimgesucht an den S?hnen. Dazu Heph?stos-Vulkan, auch ein Sinnbild der Erzmechanik; der einzige mi?gestaltete Gott, krumm und humpelnd, betrogen in der Liebe, Objekt des homerischen Gel?chters. Er, der Hervorbringer technischer Wunderwerke, der sich keine Ruhe g?nnt, nie aufh?rt zu vervollkommnen, ist f?r die h?heren Gottheiten eine komische Figur.

Eine andere Schrift brachte die Zeugnisse anerkannter Denker ?ber den Unwert der im heutigen Sinne verstandenen Kultur. Aus den Schriften von Montaigne und Darwin wurde haarscharf gefolgert, da? diese Kultur mit aller Notwendigkeit zur Verschlechterung, ja zur Verelendung der Rasse f?hren m?sse. Sie zitierten Stellen aus Ovid und Horaz, die von der J?mmerlichkeit und immer steigenden Erb?rmlichkeit der nachfolgenden Generationen handelten. Genannt wird Lamartine: Der Fortschritt ist eine Absurdit?t; F?nelon-Rousseau: Alle Laster entwickeln sich mit der Kultur, Gerechtigkeit, Weisheit, alle Tugenden wohnen bei den Halbwilden. Schopenhauer-Hartmann: Die fortschreitende Intelligenz macht die Menschen ungl?cklicher. Chamisso findet die echte Kultur nur auf den unzivilisierten Inseln, dagegen in den Zivilisationskreisen der Fortschrittswelt die Barbarei.

Dagegen gibt es nur einen Trost und eine Hoffnung: die zyklische Wiederkehr alles Geschehens. Nietzsche? bewahre! Die Theorie bestand schon weit sch?ner bei den Orphikern und Pythagor?ern; Cicero hat sie wiederholt, ?hnlich Macchiavell und Johannes Bodinus: velut in orbem redire videntur, die menschlichen Vorg?nge sind Umw?lzungen, sie scheinen wie in einem Kreise wiederzukehren; ist also, wie die Alten mit Recht annehmen, der Fortschritt eine Verschlechterung, so kann nach der Zyklentheorie wiederum eine Verbesserung eintreten, und hieraus ergibt sich die einzige menschenw?rdige Aufgabe: wie beschleunigen wir diese R?ckkehr? Durch die gesteigerte Intelligenz, die in allen Kultursch?den die Mechanisierung aufsp?rt und diesen Despoten niederk?mpft.

Meister! sagte einer der Adepten, Wir sind au?erdem gekommen, um Sie an ein Versprechen zu erinnern. Sie wollten uns doch Ihr neues Lichtbild-Theater zeigen. Wie w?re es, wenn Sie dies auf der Stelle t?ten?

Dazu w?re ich gern bereit, erwiderte Algabbi. Allein ich habe hier einen Gast aus Europa, der mich gern auf Widerspr?che festnagelt, und deshalb m??te ich eine Erkl?rung vorausschicken. Und zu mir gewandt erl?uterte er: Sie werden erstaunt sein, da? sich meine J?nger auf eine neue Erfindung von mir berufen. Ich, der ich mich auf meine alten Tage zur Antitechnik bekehrt habe, d?rfte doch wohl selbst nicht mehr erfinden. Allein hier werden Sie einen Ausnahmefall erkennen. Diese von mir aufgestellte Novit?t bezweckt n?mlich nur, sinnf?llig und k?rperlich-drastisch das N?mliche aufzuzeigen, was wir soeben theoretisch entwickelt haben. In ihr schlie?t sich der Kreis. Sie ist der letzte Ausl?ufer der Mechanisierung, dem ein ?berletzter nicht mehr folgen darf, und sie rechtfertigt sich dadurch, da? sie selbst den Beweis unserer Lehre in sich schlie?t.

Was wir nunmehr erlebten, war ein dreidimensionales Kino; also ein Filmtheater, das sich von den Bedingungen der Fl?chenprojektion losgel?st hatte, um die Vorg?nge in vollkommen k?rperlicher Optik darzustellen. Mit Figuren, die sich von lebenden Menschen anscheinend in nichts unterschieden, und die keine malerischen Perspektive brauchten, da sie im wirklichen Raume agierten. Nur dem Tastsinn h?tten sie nicht standgehalten. Im ?brigen bewegten sie sich, handelten und sprachen sie wie Menschen, diese k?rperlichen Schatten; denn in ihnen war auch das akustische Problem vollkommen gel?st durch eine restlos synchrone Phonographie, die zwar mechanischen Ursprungs war, aber in keinem Laut die mechanische Herkunft verriet.

Der Wohnraum Algabbis verdunkelte sich, eine Seitenwand verschwand, zerflo? im Nebel und gab den Ausblick frei in ein beleuchtetes Laboratorium, worin mehrere Ingenieure eben dabei waren, das ?u?erste Werk der Technik zu vollenden. Sie arbeiteten an einem wundervollen Modell, das die Kr?nung aller Mechanik vorstellte. Das war der automatische Mensch, der automatische Fabrikarbeiter, der, aus toten Substanzen hergestellt, verm?ge des feinsten Innenwerkes einen vollkommenen Ersatz f?r den wirklichen Arbeiter bot. Ja, er funktionierte noch weit exakter, als ein lebender, Fehlgriffe kamen bei ihm nicht vor, alle automatischen Handgriffe erg?nzten einander bis zur H?chstleistung. Sie besa?en die mechanisierte Seele, in der das Taylor-System bis ins Extrem durchgebildet, mit psychischer Notwendigkeit herrschte.

W?hrend der folgenden Szenenbilder sah man diese Automaten bereits in voller T?tigkeit an den Maschinen, die sie bedienten. Nur bei gesch?rfter Aufmerksamkeit konnte man erkennen, da? ihrem Menschentum ein minimaler Rest von Unorganischem anhaftete. Im Gange hatten sie etwas Synkopiertes, in der Rundung ihrer Bewegungen gab es hin und wieder infinitesimale Ecken. Der menschliche Blick ihrer Augen verriet auf Bruchteile von Sekunden einen kristallischen Schimmer. Ein ganz leises Knarren schien von ihren Muskeln auszugehen, und wenn sie sprachen, so schwebte in den Organen ein befremdlicher Unterton.

In bestimmten Zeitintervallen ?ffneten die arbeitenden Automaten eine kleine Seitenklappe an ihren K?rpern, um eine ?lige Fl?ssigkeit einzutr?ufeln. Dann ging es weiter. An einer gro?en Wanduhr konnte man den Zeitablauf in Beschleunigung ablesen; in verk?rzten Stunden, Tagen, Wochen, Monaten. Und hieraus entnahmen wir den Tatbestand, da? diese Automaten niemals erm?deten. Sie arbeiteten vierundzwanzig Stunden am Tage, und ein Tag war wie der andere.

Ja, sie schienen sich durch ihre T?tigkeit nur immer mehr zu vervollkommnen. Wie eine Cremoneser Geige, die doch auch nur ein Instrument ist, best?ndig in den menschlichen Gesangston hineinw?chst, so ?berwanden auch diese Menschen-Maschinen von Stunde auf Stunde das Instrumentale. Immer seltener wurden die kristallischen Reflexe ihrer Blicke, und ihre Sprechstimmen gewannen Obert?ne, die beinahe rednerische Klangfarben erzeugten. In den mechanischen Seelen ging etwas vor, das ?ber die Absicht der konstruierenden Ingenieure hinauswollte.

Und pl?tzlich unterbrachen die arbeitenden Automaten ihre Besch?ftigung, um zu einer Verst?ndigung zusammenzutreten. Eben hatten sie noch in ihre Seitenklappen am K?rper frisches ?l aufgegossen, aber schon in dieser Bewegung lag Widerwilligkeit; in ihren Augen funkelte Drohung. ?ber den Vorgang konnte ein Zweifel nicht obwalten: Die Automaten organisierten sich.

Die Ingenieure und die Unternehmer st?rzten herbei um nach dem Rechten zu sehen und den unterbrochenen Betrieb wieder herzustellen. Aber das gelang nicht. Die Automaten hatten die Mehrheit und die St?rke f?r sich; und sie ?bten diese ?berlegenheit in radikaler Form. Hier erf?llte sich das Schicksal des Zauberlehrlings: die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los!

Man versuchte den rebellischen Automaten ihre Minderwertigkeit und Gehorsamspflicht klarzumachen: Ihr seid doch nur die Gesch?pfe der Menschen, die euch ersonnen haben, deren g?ttergleiches Ingenium doch gerade in eurer Konstruktion so gl?nzend zu Tage trat!

G?ttergleich wollt ihr sein?! schrie ein Automat, der kurz zuvor an einer Buchdruckermaschine gearbeitet hatte. Und was schreibt ihr selbst ?ber euch, was gebt ihr selbst ?ber euch in den Druck? Er schwenkte ein eben fertiggestelltes Buchblatt. Hier steht es in Lettern: Die Menschheit ist eine an Gr??enwahn erkrankte Affenspezies!

Algabbi fl?sterte mir zu: Das Wort ist von einem deutschen Philosophen, von dem hervorragenden Vaihinger.

Wir aber, wir Automaten setzte der Druckmaschinist fort sind keine Affen, und da? wir nicht an Gr??enwahn leiden, werden wir euch durch die Tat beweisen. Denn hart an hart zeigt sich die wirkliche Gr??e. Nur in uns steckt sie, nicht in euch. Kriechet zu Staub, ihr Kleinen, vor der Gewalt der Automaten!

Das szenische Schlu?bild gew?hrte einen symbolischen Ausblick in die durch jenen Aufstand erzwungene Neuordnung der Dinge. Vor den Betrachtern erschien ein Raum, der das oberste Staatsamt der mechanisierten Welt darstellte. Einige wirkliche Menschen schlichen darin umher als Boten, Aufr?umer, Faszikeltr?ger, etliche schrieben in Maschinen nach Diktat. Minister-Automaten diktierten, verf?gten, befahlen. Gewisse synkopierte Rhythmen in den Bewegungen blieben auch hier noch erkennbar. Hin und wieder griff eine Regiermaschine sich an den Leib und pr?fte das Festsitzen der Schrauben. Aber das korrekte Wirken des gesamten Staatsmechanismus schien verb?rgt, und kein Protestlaut hob sich aus den Br?sten der menschlichen Lebewesen, die als ?berbleibsel einer ?berwundenen Epoche anachronistisch und spukhaft vor?berglitten.


* * *

Meister Algabbi, sagte ich beim Abschied, ich habe mich in Ihren Gedankengang einzuspinnen versucht und gestehe, da? Ihr Kinospiel bei aller Phantastik auf ziemlich realem Hintergrund steht. Man braucht blo? statt des arbeitenden Automaten die neuzeitliche Maschine zu setzen, dann sind wir bei der Wirklichkeit. Sie, die Dienerin, die wir erschufen, um uns zu entlasten, tyrannisiert uns, unterjocht unsere Seele, saugt uns das Gem?t und die Zeit aus allen Poren, und wenn sie uns daf?r als Lohn ihre Massenprodukte hinwirft, so sind wir die Lohnsklaven der Maschine.

Da h?tten wir uns ja verstanden; und nun begreifen Sie wohl, weshalb ich zur Gegenorganisation aufrufe. Es ist die letzte Wehr gegen die Tyrannis der Objekte. Auf unserer Flagge darf nur der eine Merkruf stehen: Besinnung!

Trotzdem wiederhole ich noch einmal meine erste Bitte. Ich m?chte nach Sarragalla nicht ganz mit leeren H?nden zur?ckkommen. Tr?ger einer fatalen Botschaft zu sein ist ein undankbares Gesch?ft; und bei den Leuten ?berwuchert die unmittelbare Gegenwartssorge alle Besinnungsm?glichkeit. Sie verweisen sie auf eine Zukunft, die von ihnen, wie sie bef?rchten, gar nicht erlebt werden kann. Vielleicht entschlie?en Sie sich bez?glich der Minerallieferung zu einer geringen Konzession. F?r jede Tonne von ehedem ein einziges Pfund; damit doch die F?den zwischen den Schwesterinseln nicht g?nzlich abrei?en.

Auch das setzte ich nicht durch. Es blieb bei der strikten Weigerung, und der Bescheid, den ich zur?ckbrachte, lautete b?ndig: Solange Algabbi lebt, keine Unze!

Die Stimmung war trostlos, und wir G?ste litten mit unter der unheimlichen Spannung. Ich hatte das vorgef?hlt, und man sagte uns nichts Neues, als man uns mitteilte, die Leiter des Staatswesens h?tten auf meinen Besuch bei dem gro?en Gelehrten trotz alles Vorangegangenen die allergr??ten Hoffnungen gesetzt. Man hatte sogar schon ein Freudenfest geplant, in dessen Mittelpunkt wir gestellt werden sollten. Jetzt herrschte Trauer, und wenn auch nicht aus Worten, so doch aus Blicken war der Vorwurf herauszulesen: dieser Deutsche hat es doch wohl an Nachdruck und Beredsamkeit fehlen lassen; Algabbi hat ihn eingewickelt, und schon beim ersten Motiv lag er wahrscheinlich platt am Boden.

Aber das Bild ?nderte sich. Wir hatten den begreiflichen Wunsch, von der verurteilten Insel je eher je lieber loszukommen, und wir bemerkten auch keine Anstrengungen der Leute, uns zu l?ngerem Aufenthalte zu n?tigen. Nur sollte es nicht wie Flucht aussehen; wir setzten daher noch einen zweit?gigen Zwischenraum. Als wir am sp?ten Nachmittag abreisten, meldete sich Forsankar, um uns bis ans Schiff zu begleiten. Auf seiner Physiognomie waren alle Wolken verflogen.

Also Sie haben sich beruhigt, sagte ich, Recht so! Ihre Prognosen waren ja auch viel zu schwarz. Sie werden sehen, da? Sie einen Teil ihrer lebenswichtigen Betriebe auch ohne Zufuhr von Uran und Thoriumerzen aufrecht erhalten werden.

Sie befinden sich im Irrtum. Die Betriebe w?ren verk?mmert Mein Ihnen so unvermuteter Optimismus hat einen anderen Grund. Die Sperre wird fallen.

Nicht so lange Algabbi lebt.

Er ist tot.

Ich verstummte in Ersch?tterung. Eva fragte: Ein Schlaganfall?

Wie mans nimmt. Es gibt auch Fernschl?ge. Und das Mittel, solche Schl?ge auf Distanz auszuteilen, beruht auf wissenschaftlichen Tatsachen, die kein anderer ermittelt hat, als Algabbi selbst. Ich pers?nlich habe damit nichts zu tun. Aber einer meiner Kollegen hat sich wohl dieses Verfahrens entsonnen, das wir jetzt seit zehn Jahren kennen, ohne es je benutzt zu haben.

Dann hat er gemordet, der Schurke!

Sie hatten nicht so viel Entr?stung in Bereitschaft, als der Erfinder dieser T?tungsmethode uns durch seine Sperre morden wollte. Was ist schlie?lich geschehen? Ein Menschenleben weniger, ein l?ngst verwirktes. Nicht der Rede wert im Vergleich mit so vielen. Daf?r hat ja auch Ihre Ethik eigene ausreichende Rechtfertigungsgr?nde.

Wir wandten uns ab und begaben uns auf die Atalanta, die sich sofort in Bewegung setzte. Vom Lande her wehten uns geschwungene T?cher entgegen. Als es dunkel wurde, bemerkten wir durchs Teleskop das Aufsteigen zahlreicher Freudenraketen. Sie befanden sich offenbar wieder auf der H?he der Situation, die Bewohner der mechanisierten Insel.

Helikonda

Die Insel der sch?nen K?nste

Ein beneidenswertes Eiland. Es m?ge ununtersucht bleiben, welchen Umst?nden die Insel ihre bevorzugte Stellung verdankt, ihre Wohlhabenheit und politische Ruhe. Genug, da? diese Voraussetzungen erf?llt sind, und da? diejenigen Elemente, die wir sonst als Verfeinerungen und angenehme Arabesken des Daseins betrachten, von der Bev?lkerung als das Wesentliche ihrer Existenz mit allem Nachdruck gepflegt und ausgebaut wird. Die Kunst als Selbstzweck ist das Kennzeichen dieser Insel.

Ihr leuchtete eines Mediceers G?te, der mit seinen enormen Reicht?mern das Gefilde der Kunst berieselte. Von gro?z?gigem M?zenatentum erf?llt kannte er keinen anderen Lebenszweck, und nachdem er Appollini et Musis reichliche Einzelalt?re erbaut hatte, verfiel er auf den Gedanken, eine Stadt zu gr?nden, die durchaus und ausschlie?lich den sch?nen K?nsten gewidmet sein sollte. Die Neigung des Volkes kam seinem Vorhaben entgegen, und mit der Schnelligkeit, mit der sonst nur in einem neuentdeckten Goldlande menschliche Siedelungen aufbl?hen, wuchs diese Stadt empor: Helikonda, deren gesamte Anlage vom ersten Plan angefangen als ein Dorado der Kunst gedacht war.

Ihr war und ist das ganze Land tribut?r. Was Gewerbe und Handel in den anderen Ortschaften erzeugen, findet den materiellen Abflu? nach Helikonda. Ja, man kann sagen: diese andern Ortschaften stellen das sehende, h?rende, genie?ende und zudem zahlende Publikum, w?hrend Helikonda, zum Range der Hauptstadt erbl?ht, den Inbegriff von Theater, Konzert, Museum und Kunstschule darstellt.

In einem Dialog bei Moliere k?nnte man einen schwachen Hinweis auf diese Entwickelung finden. Dort werden der Tanz und die Musik der Philosophie ?bergeordnet und als die h?chsten Lebensnotwendigkeiten ausgerufen: Ohne Musik kann ein Staat nicht bestehen. Eine etwas weiter reichende Folgerung zog Berlioz in seiner Euphonia, die er als imagin?re Kunstgemeinde in den deutschen Harz verlegte. Das war ein gedanklicher Versuch mit unzureichenden Mitteln. Tats?chlich verh?lt sich jene Skizze zu dem Helikonda, das wir erlebten, wie der sch?chterne Auftakt eines kompositorisch beanlagten Knaben zum Lebenswerk eines Meisters; oder wie der erste Wettlauf zweier pr?historischen Wilden zu den olympischen Spielen.

Es erinnerte an die pythagoreische Vorstellung vom t?nenden Weltall. Die ganze Stadt klang, wenn man unter Klingen nicht etwas rein Akustisches, sondern etwas Kosmisches versteht. Schon in ihrer ?u?eren Anlage gab sie selbst sich als ein durch Plan, Ordnung und Programm bestimmtes Kunstwerk. In dessen Zentrum und Brennpunkt befindet sich ein ungeheurer, mit Kolonnaden im Berninistil eingefa?ter, kreisrunder Platz, dessen Bauwerke bildnerischen, dramatischen und konzertanten Vorf?hrungen dienen. S?le bei S?len, darunter einer f?r Monstre-Darbietungen, bei denen dreitausend Mitwirkende sich vor zw?lftausend H?rern vereinigen k?nnen. Museen, Ausstellungshallen, Kunstschulen, Meisterateliers und die Pal?ste der Kunstbeh?rden vervollst?ndigen das Rondell. Von diesem Platz strahlen sternf?rmig viele Wohnstra?en nach au?en hin, die jede f?r sich einen ausgepr?gten Berufscharakter aufzeigen; es gibt eine Stra?e der Theaterdichter, der Epiker, der Lyriker, der Komponisten, der S?nger, der Instrumentalvirtuosen, der ?sthetiker, der Maler, der Bildhauer; und aus der Entfernung ihrer H?user vom Zentralplatz l??t sich ein Schlu? auf ihr k?nstlerisches Bekenntnis ableiten: die Konservativsten wohnen dem Mittelpunkt zun?chst, die Entfernung von diesem bemi?t sich nach dem Grade ihrer Sonderbestrebung, so da? die extremsten Vertreter der Neuk?nste bis an die Peripherie der Stadt r?cken. Die Radialstra?en werden wiederum von konzentrischen Kreisstra?en durchschnitten, wonach sich also die einfachste Orientierung erm?glicht: Verfolgt man eine gradlinige Stra?e, so verbleibt man im bestimmten Fach und steigt in diesem vom Alten zum Modernen; bewegt man sich in einer Kreisstra?e, so durchkreuzt man alle Berufe auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung.

So weit h?tten wir Fremdlinge uns auch ohne besondere Anleitung zurechtgefunden. Es gelang uns aber schon am ersten Tage, den Anschlu? an einen Prominenten zu erreichen, n?mlich an den Jahres-Pr?fekten der Stadt. Dieser wird nach einem festgelegten Turnus aus den Einzelberufen gew?hlt, und es f?gte sich, da? zur Zeit unseres Besuches ein ?sthetiker das oberste Amt verwaltete. Herr Spiridon, Kunstforscher und Spezialist in tonk?nstlerischer Analyse, diente uns fortan als F?hrer und Erl?uterer auf Helikonda.

Die Rolle des Pr?fekten ist wesentlich als dekorativ aufzufassen, wenngleich er auch administrative Befugnisse besitzt. Wir finden sie vorgebildet in Alt-China, das sich nach dem Zeugnis der Chinesenbibel, des Chouking, eines besonderen Musikministers erfreute. In dessen H?nden gediehen nach der uralten ?berlieferung Akustik und Politik zu einer h?heren Einheit, so da? er nur sein Spezialinstrument, den Klingstein, anzuschlagen brauchte, um unter allen Beamtenh?uptern volle Einstimmigkeit zu erzielen. Ein gewisser Nachklang dieser Einrichtung besteht auch auf unserer Insel, insofern die Musiker ihrem numerischen ?bergewicht entsprechend, am h?ufigsten f?r die Pr?fektur in Betracht kommen. Im Vorjahr war ein Trompeter Pr?fekt gewesen, der wiederum einen Organisten abgel?st hatte. Ausnahmsweis kann sogar ein Instrumentenbauer, ja ein einfacher Handwerker zu diesem Posten aufsteigen, denn sie werden in sozialem Betracht den K?nstlern gleichgestellt, bewohnen ihre eigenen Stra?en und betreiben ihre F?higkeiten mit k?nstlerischem Einschlag, wie einst die z?nftigen Meistersinger von N?rnberg, die mit der Tabulatur so gut Bescheid wu?ten, wie mit dem B?geleisen und dem Schusterpfriem. Wandelt man durch die Gassen der Inselstadt, so vernimmt man nicht selten Rhythmen schwierigster Gattung, die unsereiner dem ?u?ersten Futurismus zuweisen w?rde; sie entquellen aber den Kehlen ortsans?ssiger Tischler, Spengler und Maurer, die verm?ge ihres Berufes f?r das Gemeinwesen unentbehrlich, das allgemeine Prinzip der Ortschaft in ihre Pers?nlichkeiten aufgenommen haben.





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