Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Ja so, ich bin inkonsequent. Aber die Konsequenz gilt mir als keine Tugend. Ich befinde mich in der Lage jenes Bildhauers, der seine eigene Skulptur mit dem Hammer zerschl?gt, weil er und nur er allein, die Fehler seines Werkes erkannt hat.Der grosse Naturforscher Swammerdam wurde von Grausen ?ber seine eigenen Entdeckungen erfasst. Er erbaute aus seinen Werken, der Arbeit seines Lebens, einen Scheiterhaufen und verbrannte alle seine Manuskripte. Oder in der Lage des gro?en Papstes Pius-Piccolomini, dessen Hauptleistung darin bestand, da? er eine feierliche Bulle gegen sich selbst schleuderte. Newton, der Vater der Mechanik, bekannte sich schlie?lich zum Concursus Dei, also zum ?bernat?rlichen Eingriff in das nat?rliche Fundament der Mechanik. Voltaire, der Kirchenzertr?mmerer, endete als Kirchenerbauer mit Empfang der Sakramente, mit Beichte und Absolution. Ja, ich zog aus als Saulus und bin Paulus geworden, ich habe meinen Tag von Damaskus erlebt. Und in diesem Erleben liegt die Erkenntnis beschlossen: die mechanische Kultur mu? abgebaut werden. Herunter mit dem G?tzen der Zwangsl?ufigkeit, Umsturz der Alt?re, die wir mit so vieler Kunst errichtet haben, um diesen Moloch hinaufzupflanzen!

Dieser Kampfruf w?rde bedeuten: fort mit der ganzen Technik! denn sie ist doch die Ursache der Mechanisierung, die wiederum dem Bed?rfnis nach Fortschritt entspringt. Ich gebe zu, da? es schwer ist, das auseinander zu halten; man k?nnte ebenso sagen: der Wille zur Verbesserung l?uft voran, und die Technik mu? folgen.

So oder so jede technisch ?berwundene Not erzeugt eine gr??ere. Wir erf?llen einen Moment mit Befriedigung, um augenblicklich neue N?te heraufzubeschw?ren, die zuvor gar nicht existierten. Wir kratzen mit den N?geln in juckenden Wunden, die nur durch Ruhe ausheilen k?nnten. Das Ganze ist ein abscheulicher Circulus vitiosus; ein dummes Karussel. Sie kennen das Kinderspielzeug, Hund und Hase auf der gedrehten Kreisscheibe. Der Hund verfolgt den Hasen. Aber selbst das stupideste Kind begreift, da? da ebenso der Hase den Hund verfolgt. Nur die erwachsenen Menschen verrennen sich in die Ultrastupidit?t, hier nach Vorher und Nachher zu fragen. Tats?chlich spielen Technik und Mechanisierung, Erfindung und Bed?rfnis, die Rolle von Hund und Hase, die im Kreise wirbeln. Jedes jagt und wird gejagt, flieht und verfolgt. Ja, wenn es nur bei der bl?den Betrachtung bliebe! aber nein; dieses wertlose Spielzeug erscheint uns so gro?artig, da? wir den h?chsten Preis daf?r aufwenden. Was es auch koste, gleichviel; wir bezahlen es mit uns selbst, mit dem Einsatz unserer Pers?nlichkeit, mit unserem ganzen Leben. Noch mehr: wir stellen einen Schuldschein auf die Existenz unserer Kinder und Enkel aus, mit der Verpflichtung, da? auch diese niemals aus dem Wirbel herauskommen sollen. Eine Sanktion bis ins Unabsehbare, niemals zu tilgen!

Die Zwangsl?ufigkeit der Prozedur darf gewi? nicht verkannt werden. Aber wir haben doch unsere Triebe nicht geschaffen, vielmehr sie in uns vorgefunden.

Einer dieser Triebe dr?ngt zu verst?rkter Arbeitsleistung in Zeitersparung. Und da ist es doch evident, da? Erfindung und Technik diese Aufgabe in gl?nzender Weise bew?ltigen.

Die Erfindung an sich hat damit gar nichts zu tun; so wie ich sie verstehe als eine geistige Arbeit, die auf der Entdeckung beruht. Wenn ich teils intuitiv, teils experimentell Substanzen untersuche, neue Strahlungen aus ihnen entwickele, deren Wirkung berechne und ausprobiere, so bet?tige ich mich als Entdecker, der des Wissens Umfang erweitert. Vorerst denke ich nicht im Mindesten daran, da? der Techniker sp?terhin meine Strahlen vor seinen Karren spannen wird. Ebensowenig wie Oerstedt, Amp?re, Ohm, Arago und Faraday an elektrische Eisenbahnen gedacht haben, als sie den Geheimnissen des Elektromagnetismus nachsp?rten. Aber dem Techniker entgehen wir nicht, und leider! oft genug f?hrt nachtr?glich die technische Besessenheit in uns selbst! In dieser Hinsicht bekenne ich mich als mitschuldig. Ja, ich habe praktische Maschinen erbaut, und was f?r welche! Ich habe ausgiebig mitgewirkt an dieser vielgepriesenen Zeitersparnis, die in Wahrheit nichts anderes ist als der vollendete Zeit-Bankerott! Das ungeheuerste Volksverm?gen an Zeit h?tte sich doch daraus aufsammeln m?ssen, mit jedem einzelnen als Zeit-Million?r; und nun zeigen Sie mir einen einzigen Zeitkapitalisten, auch nur einen, der an Zeit einen Notgroschen ?brig h?tte! Die Zeit-Abundanz, aufgebl?ht aus all den ersparten und aufsummierten Tagen, Stunden und Minuten, w?re n?mlich der einzige Kapitalismus, f?r den es verlohnte, zu arbeiten. Wir m??ten florierende Zeitb?rsen haben, hochdividendige Zeitaktien, Zeitsparkassen, die gar nicht w??ten, wohin mit den vielen Werteinlagen. Statt dessen rennen wir mit keuchender Brust und heraush?ngender Zunge hinter der einen Minute her, die wir nicht einholen k?nnen. Das ist unser Genu? an den gro?en Erfindungen, das ist der Segen der Technik! Und da wir alle gleichm??ig japsen, alle in derselben egalisierten Besinnungslosigkeit, da wir alle innere Besonnenheit ers?ufen in dem einen Triebe der Minutenjagd, so verwandeln wir uns aus Individualit?ten in unterschiedslose Glieder einer Meute, einer Horde. Die Pers?nlichkeit erlischt, wie im Insektenstaat. Der Vergleich reicht noch nicht. Denn die Ameisen und Bienen erfinden wenigstens keine neuen Beschleunigungen, sie wollen nichts ?berholen. Sie kennen zudem die Differenzierung nach Arbeitern, Kriegern, Befruchtern und K?niginnen. Verfolgen Sie das Tempo der Entwicklung und Sie werden erkennen, da? wir in der Egalisierung ?ber jede Insektenm?glichkeit hinauswollen. Wir l?sen uns in Zellen auf, in Molek?le. Noch ein paar solche Erfindungen, wie ich sie gemacht habe, und dann spalten sich wie in den Substanzen, so auch im Menschenbestand die Atome. Wir werden Kraftfelder, innerhalb deren kein Bewu?tsein sich mehr sagen wird: h?chstes Gl?ck der Erdenkinder ist nur die Pers?nlichkeit!

Keine sch?ne Perspektive. Aber letzten Endes werden Sie die Mechanisierung und Egalisierung doch kaum aufhalten k?nnen. Lassen Sie dar?ber abstimmen in der Welt, und Sie werden die ?berw?ltigende Mehrheit bei dem Prinzip der Menschengleichheit finden. Weil wir darin eine Forderung der Gerechtigkeit erkennen, und weil sich unser Gewissen gegen das Prinzip der Ungleichheit aufb?umt.

Ich werde nicht dar?ber abstimmen lassen. Und wenn ich es k?nnte, so w?rde ich eigenwillig erkl?ren: die Minorit?t hat immer Recht. Swift erz?hlt von einem Idealstaat, der darum so vortrefflich gedeiht, weil immer das Gegenteil der durch Mehrheit der Gesetzgeber erzielten Beschl?sse praktisch ausgef?hrt wird.

Sie schw?rmen also f?r die Ungleichheit?

Der Ausdruck ist falsch. Sie k?nnten ebenso fragen, ob ich f?r Tangenten schw?rme oder f?r Logarithmen. Ich nehme sie einfach als Gegebenheiten. Von Natur aus ist alles verschieden, quantitativ wie qualitativ. Gehen wir einmal auf das Allerelementarste zur?ck, auf die Reihenfolge der nat?rlichen Zahlen. Jede hat eine unendliche Menge ?berlegener Vorderm?nner, jede steht an dem Posten, ?ber den Sie nicht hinauskann

Das betrifft doch nur die Gr??e, die numerische Rangordnung; im arithmetischen Wesen sind sie wohl gleich.

Keineswegs. Die Primzahl besitzt Qualit?ten, die keine Nichtprimzahl mit ihr teilt. Eine Kubikzahl offenbart Besonderheiten. Gauss hat gezeigt, da? einzelne Zahlen eigent?mliche Genialit?ten besitzen, so die 17, die 257. Die gro?e Masse der Zahlen verliert sich bestimmten Anforderungen gegen?ber in der Herde, w?hrend andere sich auszeichnen. Ver?ndere ich die Anforderungen, so treten aus der Herde neue auserw?hlte hervor. ?hnlich ist es bei den Kurven. Was eine Parabel leistet, bringt keine andere Kurve zuwege, sei sie auch noch so wenig von ihr verschieden. Ich will zu einem bestimmten optischen Effekt einen Hohlspiegel konstruieren. Da k?nnen Sie dekretieren, freie Bahn allen T?chtigen, aber nur eine vermag sich da zu ert?chtigen, eben die Parabel. Und diese wiederum versagt vollst?ndig, wenn die Aufgabe so gestellt wird, da? nur der Kreisbogen herankann. Jede Figur hat ihre Talente und Minderwertigkeiten. Nirgends besteht Gleichheit.

Aber bei Organismen liegt das doch ganz anders!

N?mlich noch viel unterschiedlicher. In der kleinsten lebenden Gruppe Gleichheit vermuten oder gar anordnen, das ist so, als wollten Sie zwischen Schwalbe und M?cke Gleichheit ansetzen. Wie ungerecht, da? die Schwalbe in einer Stunde f?nfhundert M?cken verschlingt! Diese Tyrannei mu? aufh?ren. Aber nach Ausma? der inneren Qualit?ten unterscheiden sich Schwalbe und M?cke nicht st?rker als zwei Lebewesen von derselben Art. Ein Kopf, zwei Arme, sieben Paar obere Rippen, zw?lf Brustwirbel, das bedingt keine Gleichheit. Es kommt auf die Kurven an, welche die Elektronen in den Nervatomen beschreiben, und da setzen die Verschiedenheiten ein, milliardenweise. K?nnte man diese Ungleichheiten ins Sichtbare hinaus projizieren, so w?rde man Erstaunliches erleben. Es w?re dann, als ob Mensch und Nebenmensch gar nicht derselben Art angeh?rten. Nehmen wir den Herrn Forsankar, der dort dr?ben seine Sache ganz talentvoll macht. Wenn der einen Kopf hat, so besitze ich hundert.

Meister, Sie widersprechen sich. Nicht mit den hundert K?pfen, die ich Ihnen gern zubillige, aber mit der Anwendung des Prinzips. Wenn die Ungleichheit naturgesetzlich feststeht, wie k?nnte dann die Mechanik alles egalisieren!

Sie kann es nicht, aber sie will es, und indem sie ihren Willen mit Brutalit?t verfolgt, wirft sie uns zur?ck. Ich berufe mich noch einmal auf das Kurvenbeispiel: die Parabel als Ph?nomen l??t sich nicht vergewaltigen, aber ein parabolisches Metallst?ck kann man mit der rohen Zange biegen, und es verliert dann seine parabolischen Eigenschaften. So verf?hrt die Mechanik mit uns. Sie ver?ndert unsere seelische Figur nach einer Schablone. Wir bleiben auch nach der Verbiegung noch ungleich genug, so ungleich wie eine Herde von einander sehr verschiedener Schlemihle, die allesamt ihre Schatten, ihre Pers?nlichkeiten verloren haben.

Soeben sagten Sie, die Mechanik wirft uns zur?ck. Sie selbst aber wollen die Kultur ebenfalls nach r?ckw?rts revidieren. Also wieder eine Inkonsequenz. Nur da? mein Zur?ck anders aussieht als das der Technik. Diese hat das Zeitalter der Dampfkraft heraufgebracht, das der Elektrizit?t, ist jetzt bei der Radioaktivit?t und wird beim Zeitalter der Atomisierung, der allgemeinen Vergasung, landen; immer mit dem Vorgeben, ein goldenes Zeitalter zu erreichen. Ich stelle mich auf eine ganz andere Perspektive ein: Nur die Maschinenkultur will ich zur?ckschrauben zugunsten der Menschheitskultur, die sich zu jener verh?lt wie die k?nstlerische Freiheit zur Schablone. Ja, auch ich will nivellieren, aber nicht die Menschen untereinander, da? sie zum uniformen Brei werden, sondern die Hindernisse will ich abtragen, die sich der pers?nlichen Differentiierung entgegenstellen. Mein Zur?ck ist ein Vorw?rts, mein Ideal liegt gar nicht in der Vergangenheit. Nur in einzelnen Menschenbildern soll es die Z?ge der Vergangenheit tragen, in Menschenbildern, deren Tr?ger stark genug sein sollen, um alle Schl?ssel zu den Krafttresors der Natur zu erobern, und weise genug, um sie unter Verschlu? zu lassen. Ich kann also nicht sagen, diese oder jene Vergangenheit w?nsche ich zur?ckzukonstruieren; wohl aber einzelne Pers?nlichkeitsmomente und Bewu?tseinsinhalte der Vorzeit. Ich denke an das alte Alexandrien, an Smyrna, zur Zeit, da der Geist des Hippias dort umging, an das Perikleische Athen, an Lionardos Florenz, und wenn ich bis zur Neuzeit vorsto?e, an das Goethesche Weimar. Wir auf den Inseln haben dergleichen nicht erlebt, da wir vom Schwungrad der Erfindungen umhergewirbelt wurden, bevor noch Pers?nlichkeiten sich entwickeln konnten.

Und wie m??ten die Idealmenschen beschaffen sein, die Ihnen vorschweben?

Ganz gewi? nicht antidiluvianisch. Sie m??ten etwas vom Pythagoras in sich haben und vom Epikur; vom Appollonius und vom Galilei; vom Protagoras und Laplace. Ich stelle sie mir vor intuitiv veranlagt, mit Antennen des Geistes, die von der Achtung des Wirklichen bis zur Sch?tzung des Unwirklichen ragen; bef?higt, die ganze Mechanik der Welt zu begreifen, ohne sich ihr auszuliefern.

Ich freue mich, da? der Wert des Unwirklichen in Ihrer Kulturmessung eine Rolle spielt. Mir f?llt dabei die elegische Betrachtung unseres Dichters ein: Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere, die entg?tterte Natur! Darin steckt der Fluch der Mechanik in weitestem Sinne, und es klingt, poetisch gefa?t, nicht viel anders, als Ihre Gelehrtenprosa.

Es besteht aber ein Unterschied. Dem entg?tterten Menschen k?nnen wir einen Teil der verlorenen Gottheit wieder zuf?hren, schon dadurch, da? wir ihm die Augen ?ffnen f?r die destruktive Wirkung des Mechanisierens. Freilich gen?gt es nicht, ihm das Chaos im Bilde zu zeigen. Ich habe zu robusteren Mitteln gegriffen, nach der Methode Similia similibus. Will ich gegen die Mechanik etwas ausrichten, so mu? ich mechanisch zu Werke gehen, also mit Brutalit?t.

Auf so kleinem Gel?nde wie hier mag das m?glich sein; in der gro?en Welt w?rde Ihre Gegnerin Sie ?berrennen.

Irgendwo mu? der Anfang gemacht werden, und einer meiner Zugriffe ist Ihnen ja bekannt geworden. Es war nicht mein erster. Hier auf Vorreia konnte ich teilweis etwas milder verfahren, sozusagen feinmechanisch, weil ich hier keinen Trotz zu bef?rchten habe.

Auch in Sarragalla habe ich nichts von Trotz bemerkt.

Man hat Ihnen nicht alles erz?hlt. Es gab dr?ben eine kleine, einflu?reiche Partei, die meine Mineralsperre mit Gewalt brechen wollte. Das w?re schlimm ausgegangen. Denn unter uns, ich verf?ge noch ?ber einige kleine mechanische Hausmittelchen, durch die ich im Ernstfalle ihre ganze Insel h?tte versenken k?nnen. ?brigens sind die Leute Idioten, denn sie besitzen in ihrer eigenen Erdtiefe Uran und Thorium und wissen blo? nicht wo. Ich habe die Minerallager durch meine eigenen fernmesserischen Beobachtungen festgestellt und werde mich h?ten, ihnen die Stellen zu verraten.

Bleiben wir, bitte, bei der Hauptsache. Sehen Sie denn schon irgendeinen Erfolg Ihrer Kulturreform? K?nnen Sie mir daf?r irgendein Beispiel angeben?

Die Einzelproben sind noch nicht ?berw?ltigend, allein sie gen?gen als Symptome und als Anweisungen auf die Zukunft. Vorreia hatte n?mlich vordem eine sprunghafte Entwickelung. So besa?en wir die elektrische Beleuchtung lange vor den Europ?ern und Amerikanern, sie folgte bei uns im j?hen Satze auf die Epoche des brennenden Kienspans, der Fackel und der Talglaterne. Eine der vielen ?berrumpelungen, welche die Technik zuwege bringt. Vor einiger Zeit nun verordnete ich die Ablieferung s?mtlicher elektrischer Gl?hk?rper. Das gab zuerst viel Verdutztheit und Kopfsch?tteln. Womit sollen wir beleuchten, Algabbbi? fragten die Insulaner. Mit einem weit besseren Apparate, den ich erprobt habe, sagte ich und stellte ihnen die ?llampe auf den Tisch. Man fand die Leuchtkraft zwar etwas geringer, allein bald hie? es: wie praktisch, wie modern, ganz unabh?ngig von Dr?hten, von Anschlu?, von Stromt?cken! ?berall hin transportabel! Ein Kaufmann sagte mir neulich: f?r mich ist das eine wahre Erl?sung; heut, da Sie noch leben, Algabbi, gehorcht Ihnen ja alles, aber wenn Sie einst tot sind, macht mir doch der erste Elektrizit?tsstreik alle R?ume finster! ich w?re ganz in der Hand einer ?berm?chtigen Menge, die ?ber mich Licht und Dunkelheit verh?ngen darf. Jetzt, da wir in die Epoche der ?llampe eintreten, ist diese Gefahr gl?cklich beseitigt. Und davon abgesehen, wie traulich wirkt dieses Licht, wie gesellig und anheimelnd! Etwas menschlich Intimes strahlt von ihm aus, wie vom Herdfeuer im alten M?rchen, ja richtig, Algabbi, das m?ssen Sie uns auch noch verschaffen; statt der kommunalen Fernheizung, die bei allem W?rmeeffekt die Gem?ter erk?ltet; und die uns frieren lassen wird, wenn die Maschinisten drau?en einmal Frost beschlie?en.

Worauf Sie nat?rlich mit der Erfindung des Kachelofens eingriffen. Sehr r?ckschrittlich, antikulturell im Kulturzeitalter der Lambdakr?fte, aber doch dem goldenen Zeitalter um eine Idee n?her als unsere Zentralheizung, die viel weniger nach meinem Temperaturbed?rfnis fragt, als nach der sozialen Laune meines Hauspf?rtners. Ich ging zu den Fabriken ?ber und legte einige still. Zuerst Anstalten, in denen unn?tzes Zeug produziert wurde, Flitterkram und mechanisierter Tand. Da hatten wir, um ein Beispiel herauszugreifen, eine Fabrik f?r selbstspielende Fl?ten und Klarinetten; wie denn ?berhaupt unser akustischer Mechanismus eine Vorprobe dessen gibt, was Ihnen in Europa an klingenden Automaten noch bevorsteht.

Sehr gut so weit; aber Sie erzeugten durch die Schlie?ung eine Anzahl Arbeitsloser.

Die gr??tenteils in anderen Betrieben Unterkunft fanden, besonders in lebenden Orchestern. N?mlich man entsann sich der urv?terlichen Methode, diese Instrumente nicht durch verwickelte Apparate, sondern mit den Lippen zu blasen. Das hatte in der mechanisierten Umwelt zun?chst den Reiz der Neuheit. Ein Zug der Modernit?t wurde sp?rbar in dem Verfahren, das menschliche Regung auf Instrumente ?berpflanzte, nachdem so lange das umgekehrte Prinzip geherrscht hatte. Andere Fabriken mu?ten auf meinen Befehl folgen, mit dem Ergebnis, da? wir jetzt wieder die Anf?nge eines Kunsthandwerks erleben. Manche Gebrauchsgegenst?nde, wie Kassetten, Hausger?te, vor allem B?cher, fangen wieder an, uns mit menschlicher Seele anzublicken, mit der Seele derer, die sie pers?nlich fertigen, und die vor wenigen Jahren in den uniformen Handgriffen der Fabrik zu Maschinen erstarrten.

Sagen Sie doch, Meister, wie halten Sie es mit dem Telephon?

Dem Telephon gegen?ber gibt es eigentlich nur ein passendes Argument: die Axt!

Da w?ren Sie ja wieder bei der Brutalit?t. Aber ganz aufrichtig gesagt, und mit Verleugnung der Mission, die mich zu Ihnen f?hrte, bekenne ich mich zu Ihrer Abneigung; obschon ich selbst viel telephoniere und manchmal ohne Telephon ganz ratlos w?re.

Weil die Generalaxt, die s?mtliche Telephone in Splitter schl?gt, noch nicht in T?tigkeit getreten ist. Nehmen Sie den Ausdruck bildlich. Entweder verf?llt die Menschheit rettungslos der Mechanisierung, dann hat es keinen Zweck, sich bei dieser Erfindung aufzuhalten, die nur mitmordet, wo so viele technische Wunder den Seelenmord betreiben. Oder ein h?heres Bewu?tsein bricht durch, ein anscheinend antikulturelles, dann wird dieses sich endlich besinnende Bewu?tsein die Rolle der Axt ?bernehmen. Und wenn sie das, unwahrscheinlich genug, in Europa erleben sollten, dann werden Sie nicht mehr ratlos sein ohne Telephon; vielmehr nur ratlos, wieso sich die Menschheit diese Tortur hat so lange gefallen lassen.

Wenn ich Sie recht verstehe, Herr Algabbi, so meinen Sie: der Einzelne kann sich des Apparates nicht ent?u?ern, wohl aber alle zusammen.

Wie ich das hier schon durchgesetzt habe, durch generelles Schlie?en des Betriebes. Es wurde gemurrt und geknurrt, das darf ich Ihnen nicht verhehlen. Aber nach einiger Zeit befragte ich die besten Autorit?ten der Volkswirtschaft, die ?rzte, die Juristen, und lie? sie bestimmte Statistiken aufnehmen: hat sich das Volksverm?gen verringert? Ist die Sterblichkeit gestiegen oder die Kriminalit?t? Allgemein gesagt, ist im Gebiet der k?rperlichen und geistigen G?ter ein Verschlechterungskoeffizient wahrnehmbar geworden? Und es hat sich ergeben: keine Verschlimmerung in irgendeinem Felde, dagegen Verbesserung in vielen; Abnahme der Nervosit?ten, Zunahme an Zeitbesitz. Jawohl, Zunahme! Eben weil alles langsamer ging und die Zeitbedr?ngnis des Einzelnen nachlie?. Diese Bedr?ngnis ist nichts anderes als der pers?nliche Ausdruck der umklammernden Hetze Aller mit Allen. Wird diese Klammer gelockert, so verwandelt sich die ungef?hlte Minutenersparnis in einen deutlich gef?hlten Stundengewinn. Freilich m??te eine Generation erst v?llig vergessen haben, da? jemals telephoniert wurde, um die volle Segnung des Nicht-Telephons auszukosten.

Das will sagen, Sie haben noch jetzt Widerst?nde zu ?berwinden; sehr erkl?rlich; denn nichts H?rteres kann dem Menschen zugemutet werden, als das Durchbrechen einer Gewohnheit.

Ich arbeite auf lange Sicht, und treffe Vorkehrungen, die mich ?berleben sollen. So habe ich ein Anti-Patentamt gegr?ndet, und an dem Zuspruch, den dieses Institut findet, merke ich die wachsende Sympathie f?r meine Reform. Das Anti-Patentamt pr?ft alle Vorschl?ge, die eine praktische Abschaffung fr?herer Erfindungen bezwecken, vorwiegend unter dem Gesichtspunkt, da? der Ersatz langsamer arbeitet, das Hetzprinzip der Technik verleugnet und auf Einzel-, nicht auf Massenproduktion hinzielt. Und was glauben Sie, da regen sich neue Kr?fte, vornehmlich unter den J?ngeren, die meine Kehrwendung mit ?berzeugung und Intelligenz mitmachen. Ich kann Ihnen sagen, selbst damals, als ich die gro?e Entdeckung machte, den Blick-Strahldruck des Auges in mechanische Energie zu transformieren, war ich nicht so stolz auf meine Errungenschaft, wie jetzt auf diese Gefolgschaft jener Leute, die aus der barbarischen Kultur der Mechanik herauswollen! Eben f?r diese Stunde hat sich eine kleine Schar angemeldet, die mir ihre neuverfa?ten Schriften ?berreichen wird. Wenn es Ihnen Recht ist, lasse ich die St?rmer genau gesagt R?ckw?rtsst?rmer eintreten.





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