Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit



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Ein Assistent Dnalis exerzierte im Nebenraum mit T?nzern und T?nzerinnen.

Unabh?ngig von dem Tanzvergn?gen, das man den T?nzern willig g?nnt, werden diese selbst im Sinne der Forschung und Technik als Rotationsmaschinen betrachtet. Man berechnet: so und so viele Umdrehungen in der Stunde, so und so viel Meterkilogramm Kraftarbeit, die nicht nutzlos in die Welt verfliegen darf. Dieser Energiebetrag ist aber bei einem Ball von Durchschnittsfrequenz ein ganz ungeheurer. Und wiederum tritt die Telekinese in Funktion. Irgendwo in der Ferne werden Pf?hle gerammt, Schienen genagelt, Granitbl?cke behauen. Wer rammt, nagelt, behaut? Die rotierenden Tanzpaare mit ihrer aufgefangenen und fortgeleiteten Kraftabgabe. Hierin liegt es auch begr?ndet, da? man auf der Insel in den Tanztouren selbst die kr?ftigen Urformen bevorzugt, den Galopp und andere Arten mit stampfenden Rhythmen. W?hrend wir beobachteten, wurde die ?bersch?ssige Tanzkraft gerade dazu benutzt, um zwischen zwei H?usern der Stadt einen Wohnungsumzug mit sehr erheblichem M?beltransport zu bewerkstelligen.

Der genannte Professor hat es sogar erm?glicht, die Tanzmusik zur Arbeit heranzuziehen; freilich nur, um die Theorie zu st?tzen, denn es handelt sich hierbei um sehr geringe Betr?ge. Eine Kalorie ist n?mlich ?quivalent der Energie eines eben noch h?rbaren Tones von zehntausend Jahren Klangdauer. Professor Dnali hat nun gezeigt, da? die Klangwucht eines vollbesetzten, den ganzen Abend hindurch spielenden Ballorchsters ausreicht, um einen L?ffel kalte Planktonbr?he aufzukochen.

Aber auch die geistigen Funktionen kommen f?r die Energie-Umwandlung in Betracht; und hier geraten wir in ein Gebiet der Zukunftsmechanik, in der die Praxis mit der Theorie noch nicht gleichen Schritt zu halten vermag. Die seelische G?te zum Beispiel, die Geduld, die Ungeduld, das Hoffen, der Neid, sind nach Dnali Naturkr?fte wie die Elektrizit?t. Wir m?ssen hier in eine neue Tiefendimension der Natur hinabsteigen und es zu erfassen suchen – was ?brigens auch schon ein europ?ischer Gelehrter angedeutet hat – da? Elektrizit?t und seelische Funktion nicht nebeneinander in der Fl?che, sondern hintereinander in der Perspektive liegen. Wonach also der Mensch im Wirkungsfeld artverschiedener, horizontal und vertikal wirkender Energien steht. Hier nun greift die Zukunftsmechanik ein mit der Forderung, die Arten ineinander zu ?berf?hren, das hei?t also: G?te, Ha?, Hoffnung, Neid und so weiter in Elektrizit?t zu verwandeln und damit eine Gl?hbirne zu speisen oder einen kleinen Motor anzutreiben. Die angestellten Experimente er?ffnen hierf?r die beste Aussicht, und vielleicht schon in einem Jahre wird man die ersten greifbaren Resultate erblicken. Dann wird man zum Beispiel imstande sein, eine unverhoffte Freude als Staubsauger zu verwenden oder mit einem bestimmten Quantum Langeweile ein Brett zu hobeln.

»Da kann ich nicht mehr mit!« bemerkte Eva, als dies auseinandergesetzt wurde. »M?glich ist ja auf Ihrer Insel alles, aber diese Entwicklung f?hrt doch in eine Schreckenskammer der Wissenschaft; hier erlebt man ja eine mechanische Vergewaltigung des Seelischen.«

– Ich kann das nicht finden, entgegnete der Forscher, denn die Seele selbst ist etwas durchaus Mechanisches und verlangt als solches Eingriffe von au?en.

Das l??t sich beweisen. Vergegenw?rtigen Sie sich einen historischen Fall: der gro?e Pascal wurde in einer Nacht von heftigem Zahnweh gequ?lt und griff zu dem Hilfsmittel einer Bet?ubung; nicht durch eine narkotische Substanz, sondern durch eine innere Vergewaltigung; er dachte angestrengt nach und fand in derselben Nacht eine gro?e mathematische Wahrheit, n?mlich das Gesetz der Cycloide. Also Ursache: der Zahnschmerz, Effekt: eine Erkenntnis.

Dieselbe Wirkung h?tte sich vielleicht eingestellt, wenn der Schmerz ausgeblieben und statt dessen dem Gehirn eine winzige Dosis Phosphor zugef?hrt worden w?re. Mithin war der Zahnschmerz ?quivalent einer gewissen Phosphormenge. Da haben Sie schon den ?bergang von der Psyche zum Stoff. Denn jene Phosphormenge vermag Kalorien zu erzeugen, sie wirkt chemisch mit me?barer Energie, und ich bin sonach berechtigt, den n?mlichen Energiebetrag dem Zahnschmerz zuzuschreiben.

Er hat etwas gehoben, hat eine Arbeitsleistung vollbracht. Ich selbst verwende in meinen Instrumenten das Cykloidenpendel und die cykloidische Konstruktion f?r Zahnr?der, die einen technischen Effekt aus?ben; und selbst in diesen Effekten steckt noch ein Nachklang von Pascals Zahnschmerzen.

Forsankar unterbrach diesen Kursus mit dem Antrag, ihm in den Seitenfl?gel zu folgen, wo der Professor Japanurro medizinisch operiere.

»Will der am Ende die sozialisierende Einheitsmedizin herstellen?« fragte Eva.

– Keineswegs. Er individualisiert sogar; aber er behandelt die Kranken nach einem neumechanischen Prinzip, das die gesamte Therapeutik au?erordentlich vereinfacht.

Wir gelangten in einen weiten Saal, an dessen W?nden hunderte von kleinen Wachspuppen aufgestellt waren. Jede Puppe bot das portr?t?hnliche Abbild eines bestimmten Insulaners und galt mit diesem als identisch in klinischer Hinsicht. Sobald nun jemand erkrankt, wird nicht der lebendige Mensch, sondern sein Wachsabbild in Behandlung genommen, es unterliegt besonderen chirurgischen Eingriffen, mit dem Effekt, da? sich die Heilwirkung auf den wirklichen Patienten ?bertr?gt.

Dieses Verfahren, hier real ausge?bt, wurzelt in einem uralten Zauberglauben der Griechen und R?mer, die abergl?ubisch den schrecklichen Empusen die n?mliche F?higkeit beima?en, die nunmehr mit dem R?stzeug der Wissenschaft bewehrt vor uns auftritt. Wie ja zahlreiche M?rchenwunder der alten Welt durch die moderne Technik nicht nur verifiziert, sondern sogar ?berholt worden sind. Die Empuse, so glaubte man, setzt ein Wachsbild dem Feuer aus, w?hrend gleichzeitig das Herz des lebenden Originals sich erweicht und dahinschmilzt. Paracelsus hat diese Idee gedankenexperimentell weiter verfolgt, Charcot gab ihm das wissenschaftlich experimentale Ger?st, und auf Sarragalla wurde die Methode bis zur unbedingten Brauchbarkeit vervollkommnet. Sie hei?t »Telurgie« und verh?lt sich zur alten Medizin wie die Funkentelegraphie zum urv?terlichen Briefbotendienst. Der noch zu erwartende Fortschritt bezieht sich lediglich auf die numerische Ausdehnung des Verfahrens; denn wir erblickten doch nur eine Minderzahl von Objekten, w?hrend die Regierung beabsichtigt, s?mtliche Einwohner in Puppen zu reproduzieren. Ist dies erreicht, dann wird sich die gesamte Heilpraxis des Staates in einem einzigen gro?en Geb?ude bew?ltigen lassen.

Der telepatische Rapport wird durch magnetisierte Spiegel und eine besondere Strahlenart, Sigma-Strahlen, hergestellt. Mit deren Hilfe erf?hrt der Arzt schon an der Puppe ein etwa erst beginnendes Leiden, oft genug, bevor noch der lebendige Mensch die schmerzhaften Symptome wahrnimmt. Eben war der Professor Japanurro dabei, eine Darmoperation auszuf?hren, w?hrend ein Assistent der benachbarten Puppe den Magen auspumpte. Die Ausdr?cke sind nicht ganz w?rtlich zu verstehen. Es handelt sich vielmehr um h?chst minuti?se Eingriffe der ?rztlichen Feinmechanik, f?r die ich den groben Ausdruck andeutend verwenden mu?, da unser Sprachregister das zutreffende Wort noch nicht enth?lt. Jedenfalls unterliegt die telurgische Wirkung keinem Zweifel: das lebende Original wird durch die Operation geheilt und erf?hrt erst sp?ter, bisweilen sogar ?berhaupt nicht, da? seine Puppe mit Instrumenten bearbeitet worden ist.

Auch das Prinzip des Ausgleichs und der Transfusion kommt zur Anwendung. Zeigt sich zum Beispiel an einer lebenden Person Hypertrophie, an einer anderen Atrophie desselben Organs, so werden die entsprechenden Puppen durch ?berleitung des Plus auf das Minus ausgeglichen, wodurch sich bei den zwei Originalen der Normalzustand automatisch einstellt.

Zahlreiche Fragen best?rmten uns, und immer gr??er erschien die Schwierigkeit, in dieser Welt einer gesteigerten Mechanik das Leitseil der Erkl?rung in der Hand zu behalten. Man stelle sich einen Menschen der Steinzeit vor, der pl?tzlich in die moderne europ?ische Technik gestellt wird und hier mit seinem primitiven Warum und Weil aus einer Unbegreiflichkeit in die andere geschleudert wird. So ?hnlich war uns zu Mute. Unsere Ma?st?be reichten nicht aus, das Schema unserer Erkl?rungsm?glichkeiten versagte. Uns blieb nur die Zuflucht in den waghalsigen Gedanken: Alles was mechanisch ausdenkbar ist, l??t sich auch mechanisch verwirklichen. Und es gibt nur eine Unm?glichkeit, n?mlich die: etwas mechanisch Unm?gliches zu ersinnen.


* * *

Man bat uns, in ein Konferenzkabinett einzutreten. Hier erwartete uns der Sektionschef, mit dem unser Ingenieur, wie erinnerlich, durch die Taschenuhr telephoniert hatte. Er empfing uns mit h?flicher Begr??ung und steuerte sofort auf den Hauptpunkt:

– Als Sprecher der Regierung bin ich beauftragt, Ihnen f?r Ihr Interesse an unseren Einrichtungen zu danken. Sie legt Gewicht auf die Meinung unserer fremden G?ste, zumal von dem Grade Ihrer Wertsch?tzung sehr Bedeutendes f?r uns abh?ngt. Wir befinden uns n?mlich in der Lage, Ihre Hilfeleistung anrufen zu m?ssen.

Wie Ihnen bekannt geworden, basieren unsere technischen Errungenschaften vorwiegend auf der Verwendung der Lambda– und der Sigma-Strahlen, die aus den Uran– und Thoriumlagern unserer Nachbarinsel Vorreia gewonnen werden. Fast alle Betriebe sind hierauf eingestellt, da sie mit den sublimen Kr?ften arbeiten, die jene Strahlen durch Atomzerfallung aus der Materie herausholen. Aber auch unsere Feinmechanik, die Sie bestaunten, beruht letzten Endes auf den Wirksamkeiten der Lambdas und Sigmas, und sonach h?ngt unsere ganze Zukunftsentwicklung von dem Bezug jener Grundsubstanzen ab, die uns die Nachbarinsel bis vor Kurzem in ausreichenden Massen geliefert hat.

Bis vor Kurzem, heute nicht mehr! Denn seit vier Monaten h?lt sich Vorreia gegen uns wie mit einem undurchdringlichen Panzer abgesperrt und l??t keine Unze der Substanz hinaus. Unsere Vorr?te gehen auf die Neige, wir arbeiten schon jetzt nur noch mit Drittelenergie, die Krisis steht vor der T?r. Gelingt es nicht, auf irgend eine Weise die Sperre zu durchbrechen, so ist die Katastrophe unabwendbar. Eine Umkehr zur alten Technik ist f?r uns schon deshalb unm?glich, weil wir nicht einmal Kohlen besitzen, dann aber vornehmlich, weil ein Volk wie das unsrige das Abwelken seiner mechanischen Bl?te gar nicht ?berleben w?rde. In l?ngstens einem Jahre st?nden wir vor unserem geistigen Tode.

»Mir dr?ngt sich die Vermutung auf,« sagte ich, »da? der gelehrte Algabbi auf der Nachbarinsel diese Sperre verh?ngt oder verursacht hat.«

– Ja, er selbst. Er ist zwar politisch genommen nicht der K?nig der Insel, ?bt aber dort eine geistige Autokratie aus, der man sich beugt. Und er hat wissen lassen, da? die einmal verf?gte Sperre bestehen bleiben m?sse, so lange er noch einen Atemzug in der Brust habe.«

Von unserer Seite kam die Frage, was ihn wohl zu dieser verh?ngnisvollen Sperre veranla?t haben k?nnte, und ob da vielleicht ein Konkurrenzneid mitspr?che.

– Kaum anzunehmen. Das l?ge nicht im Charakter dieses Forschers. Wir kennen seine Motive nicht und betrachten sie bis auf weiteres als ein Gewebe unergr?ndlicher Altersschrullen. Algabbi selbst verweigert jede Auskunft. Wir haben alles Erdenkliche aufgeboten in Verhandlungen, Deputationen, Bittschriften – ganz vergeblich. Seit einer Woche l??t er von uns ?berhaupt nichts mehr an sich heran, keinen Menschen, keine Zeile. Und nun kommt das Erstaunlichste: Als Sie noch auf hoher See waren, empfingen wir von ihm eine ganz unvermutete radiographische Botschaft, als Antwort auf unser letztes Gesuch vom vergangenen Monat. Ich will Ihnen den Wortlaut dieser Botschaft vorlesen:

»Ich verbleibe auf meiner Weigerung, so weit sie sich auf die Regierung und die Angeh?rigen der Insel erstreckt. Dagegen w?re es mir erw?nscht, mit den fremden G?sten F?hlung zu nehmen, die demn?chst bei Euch landen. Ich bin bereit, den Urheber der europ?isch-amerikanischen Schiffsexpedition zu empfangen.

Algabbi.«

Sie k?nnen sich vorstellen, wie diese Mitteilung bei uns einschlug. Sie bedeutet f?r uns den ersten Pfeiler zu einer Br?cke der Verst?ndigung. Ja, vielleicht haben Sie es jetzt in der Hand, unser Schicksal zu wenden. Zun?chst ist es wohl selbstverst?ndlich, da? Sie der Aufforderung Folge leisten. Dann aber k?nnte doch der betreffende Herr den Anla? wahrnehmen, um Algabbi zu unseren Gunsten umzustimmen. Er sollte es wenigstens auf den Versuch ankommen lassen, in Sachen der Sperre etwas auszuwirken, da er der einzige ist, der dort zu Worte kommt, der einzige, der unser Retter werden kann. Dies ist der Inhalt unserer Bitte, die Ihnen Freund Forsankar bereits auf dem Schiff angedeutet hat.

»Herr Minister,« entgegnete ich, »Sie legen eine gewaltige Verantwortung auf meine schwache Schulter. Ich versp?re den Druck umso st?rker, als ich eben erst anfange, mich in dieser mit so vielen Erstaunlichkeiten durchsetzten Welt ein wenig zu orientieren. Es ist mir deshalb sehr zweifelhaft, ob ich imstande sein werde, einer ?berlegenen Gr??e wie Algabbi gegen?ber geeignete Argumente aufzubringen. Wenn ich, wie doch wahrscheinlich, unverrichteter Dinge zur?ckkehre, wenn ich betreffs des Uran– und Thorium-Exports nichts ausrichte, so wird mich entweder der Verdacht treffen, mein Wille h?tte versagt, oder eine h?chst peinliche Absch?tzung meiner F?higkeit als Parlament?r. Nichtsdestoweniger erkl?re ich mich bereit, unter einer Bedingung: wenn der von mir erzielte Bescheid abschl?gig ausf?llt, so entbinden Sie mich von der leidigen Verpflichtung, Ihnen den Inhalt meiner Unterredung mit dem Manne ausf?hrlich mitzuteilen; ich bringe dann nichts zur?ck als das einfache »Nein«.«

– Ich verstehe Ihre Bedenken. Sie argw?hnen, da? Algabbis Motive vielleicht noch niederdr?ckender sein k?nnten, als die harte Ma?regel an sich. Also bleibe es bei dieser Bedingung. Man benachrichtigt mich soeben, das ein kleines Boot unterwegs ist und in wenigen Minuten hier anlegen wird, um Sie an Bord zu nehmen. Das ist ein verhei?ender Anfang. Algabbi l??t Sie abholen! Daraus ist zu schlie?en, da? er sich Ihnen gegen?ber nicht auf absolute Unerbittlichkeit festlegen wird.

Die Gef?hrten begleiteten mich zur Abfahrt. Unterwegs brachte Mac Lintock eine praktische Anregung zum Vorschein; falls es mir n?mlich gel?nge, betreffs der radioaktiven Substanzen etwas zu erzielen. Sein Gedankengang war wie schon wiederholt sehr einleuchtend: auf Vorreia herrscht ?berflu? an diesem Stoff, in New York wird das Gramm Radium, wenn ?berhaupt erlangbar, mit 100 000 Dollars bewertet. Die Konklusion f?r den n?chternen Gesch?ftsverstand lag nahe.

Vorreia

Die r?ckschrittliche Insel

Die Fahrt zur ?berquerung des vierzehn Kilometer breiten Meeresstreifens w?hrte nur wenige Minuten. Der F?hrmann, der die Bootsmaschine bediente, geleitete mich auch als F?hrer durch die stille, provinziell anmutende Ortschaft. An mehreren Stellen bemerkte ich Fabrikschornsteine, die nicht rauchten, Leitungsdr?hte, die au?er Funktion zu sein schienen, da sie zerrissen oder zerschnitten herabhingen. Ich erkannte die Anlage eines rollenden Stra?enpflasters, das sich au?er Betrieb befand, und in dessen Fugen junges Unkraut spro?. Die Menschen bewegten sich ohne Hast, blieben vielfach stehen, sahen in den Himmel, machten den Eindruck von Leuten, die nicht recht wu?ten, was sie mit dem Tage anfangen sollten. In verschiedenen Vorg?rten sa?en Gruppen bei der Mahlzeit, anscheinend beim Fr?hst?ck, obschon sich die Sonne dem Untergang zuneigte. Zwischen B?umen auf der Stra?e spannten sich H?ngematten, in denen sich M?nner und Weiber wiegten. Auf einem Geleise stand ein unbenutzbarer Trambahnwagen, aus dessen Fenster Trockenw?sche in den Wind hinauswedelte.

Wir waren am Wohnhaus des Forschers angelangt, und mein Begleiter verlie? mich. Ich kann nicht behaupten, da? ich besonders feierlich empfangen wurde. Eine Magd, die die Treppe fegte, wies mich mit nachl?ssigem Fingerzeig nach oben. Eine Entreeklingel war nicht vorhanden, allein die T?r war nur lose angelegt und sogleich stand ich in einem behaglichen Gemach, dem Manne gegen?ber, der sich m?hsam vom Lehnstuhl erhob, und mir die Hand reichte. Sein ?u?eres entsprach dem Bilde, das ich mir von ihm entworfen hatte. Ein Leonardo da Vinci in bebrillter Ausgabe. Die Vorh?nge waren geschlossen, und der Raum lag in der matten Beleuchtung einer H?ngelampe. Nichts deutete auf Laboratorium oder Versuchswerkstatt. Auch die B?cherstapel und Skripturen verrieten kaum mehr, als da? man sich eben bei einem Geistesarbeiter befand, der darum durchaus noch nicht eine Leuchte der Wissenschaft zu sein brauchte. Aber von der Person ging ein Fluidum aus, etwas Transzendentes, wie eine magische Welle, deren Str?mung man im Finstern versp?rt h?tte.

Minder transzendent war die erste Anrede: »Sie sehen angestrengt aus, wie erkl?rlich, da Sie von Sarragalla herkommen. Die dortige Gesellschaft wirkt strapazi?s. Also ruhen Sie sich zun?chst einmal gr?ndlich aus. Sind Sie hungrig?«

Ich verneinte.

– Dann leisten Sie mir beim Schlafen Gesellschaft. Damit kann man nie fr?h genug anfangen und sp?t genug aufh?ren. Hier ist ein breites Sofa, darauf sollen Sie sich bequem ausstrecken. Morgen wollen wir weiter reden.

Ich wagte keinen Widerspruch und f?gte mich seiner Anordnung. Ich hatte Herzklopfen und sah der Nacht mit Bangen entgegen. Der Andere war in seinen Sessel zur?ckgesunken, und seine ruhigen Atemz?ge rhythmisierten die tr?ge schleichenden Minuten. Schlie?lich l?ste sich meine innere Spannung, und ich unterlag der M?digkeit. Als ich erwachte, war die Lampe erloschen, der Tag leuchtete durch die offenen Fenster.

Gegen neun Uhr sa?en wir am Tisch, der recht einladend mit Tee, Milch und Fr?chten besetzt war. Anheimelnd und gem?tlich. Er bot mir eine schlanke Zigarre, w?hrend er sich selbst eine beh?bige, auf Dauer berechnete Pfeife zurechtmachte. Ein paar Mal hatte ich angesetzt, um das gro?e Thema aufzurollen – denn ausschlie?lich um zu schlafen und zu essen war ich doch nicht von Berlin bis Vorreia gefahren – aber eine abwinkende Handbewegung meines Wirtes bedeutete jedesmal: hat noch Zeit; nur keine ?berst?rzung. Endlich kam er meiner Ungeduld entgegen:

– Sie sind zu mir gekommen, lieber Herr, weil ich Sie eingeladen habe und weil Sie sich eines Auftrages von da dr?ben entledigen wollen. Dieser Auftrag wird uns nicht lange besch?ftigen, wenigstens soweit er das Endergebnis betrifft. Dieses steht unverr?cklich fest: die Sperre bleibt bestehen. Weit wichtiger indes als diese Tatsache sind die Motive, die mich zu dieser Ma?regel bewogen haben. Denn die Sperre ist nur eine lokale Angelegenheit zwischen zwei Inseln, die Motive aber betreffen die ganze Welt. Und es liegt mir daran, da? sie so weit als m?glich hinausgetragen werden. Deshalb habe ich in meinem gestrigen Funkspruch Ihren Besuch beantragt.

»Herr Algabbi!« sagte ich, »gestatten Sie mir das Gest?ndnis, da? ich einen Teil Ihrer Motive errate und w?rdige. Nichtsdestoweniger m?chte ich mich der Hoffnung nicht verschlie?en, da? es mir gelingen k?nnte, Sie umzustimmen. Die Insel, deren Einrichtungen unsere Bewunderung erregt haben, befindet sich in offenbarer Not. Aus den Mienen des Ministers, der mir Ihre Einladung ?bergab, las ich die Furcht vor der Vernichtung. Wie auch die Dinge liegen m?gen – zwischen Schuld und S?hne besteht hier kein Gleichgewicht. Und je h?her Sie als Geistesmensch emporragen, desto lebhafter mu? Ihnen Ihr sittliches Bewu?tsein zurufen, da? Sie nicht grausam sein d?rfen.«

– Sie werden gut tun, die Begriffe grausam und mild ganz beiseite zu lassen. Nicht einmal der Begriff der Gerechtigkeit pa?t hierher. Ich richte nicht, sondern vollziehe eine Notwendigkeit. Gewi?, ein Verh?ngnis steht bevor, aber ein ganz anderes als die da dr?ben vermuten. Die reden von Vernichtung, denken an k?rperlichen Untergang. Glauben Sie das nicht. Die Leute werden nicht verhungern. ?u?ersten Falles w?rde aus einem ?berv?lkerten Lande ein unterv?lkertes werden, und das w?re f?r die ?brigbleibenden kein Ungl?ck. Maximum ist ganz bestimmt kein Optimum, und wenn Hesiod gesagt hat, die H?lfte ist mehr als das Ganze, so erg?nze ich: ein Zehntel lebt besser als zehn Zehntel. Das Verh?ngnis, dem ich einen Riegel vorschieben will, liegt in der Mechanisierung selbst, die nicht nur die Bev?lkerung der Gegenwart, sondern auch die der Zukunft verw?stet; um so rascher und radikaler, je weniger die Menschen Zeit behalten, dar?ber nachzudenken. Zwei Jahrzehnte der Besinnung w?rden vielleicht gen?gen, um die schlimmsten Folgen abzuwehren. Indem ich ihnen das Mineral absperre und ihre diabolischen Maschinen zum Stillstand bringe, verschaffe ich den Menschen die Atempause zur Besinnung; und darauf kommt es mir an.

»Meister Algabbi,« rief ich, »Sie legen Maschinen still, die Sie selbst geschaffen haben, die gar nicht existieren w?rden ohne Ihr Genie! Und Sie fallen Menschen in den Arm, die nur Ihre eigenen Impulse ausfolgern und praktisch fortsetzen!«



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