Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Aber soeben unterhielten Sie sich doch durch Ihr Taschentelephon. Sie k?nnen, wie es scheint, beliebig anrufen und angerufen werden; und hieraus folgt doch, da? bei Ihnen Jedermann die Zeit Jedermanns beanspruchen darf.

Das w?re ein Fehlschlu?. Unsere ganze Erziehung ist auf den Respekt vor der Zeit eingerichtet, und die Sekunde des Nebenmenschen wird mit Ehrfurcht behandelt. Vielleicht liegt gerade hierin der gr??te Vorteil unserer durchgreifenden Mechanisierung. Jeder hat freilich die technische M?glichkeit des Anrufs, allein ehe er sie aus?bt, wartet er auf das Gebot der dringendsten Notwendigkeit. Wir kennen keine telephonierenden Zeitr?uber, von Person zu Person herrscht betreffs der Zeit sozusagen Eigentumsbegriff, und ohne meinen Willen wird aus meinem Zeittresor nichts herausgenommen.

Das h?rt sich ja ganz moralisch an. Aber wie halten Sie es nun mit Ihrer freien Zeit, die ja danach recht erhebliche Ma?e erreichen mu?.

Wieder ein Fehlschlu?. Freie Zeit ist, recht betrachtet, ein Unding. Der mechanisierte Kulturmensch hat sie nicht, vermi?t sie nicht, und wenn er sie h?tte, so w?rde er versuchen, sie mit Arbeit zu f?llen. Der Mensch ist das Integral seiner Lebenserscheinungen, und diese wissen nichts von freier Zeit. Der Atem, der Blutumlauf, die Erneuerung der Gewebe, die Verdauung, sie sind die idealsten Arbeiter, kennen keine Pause und machen keinen Feierabend. Der Mensch hat die mechanischen Vorbilder in sich selbst, warum sollte er ihnen nicht nacheifern?

Weil er m?de wird und sich erholen mu?.

Je mehr er sich mechanisiert, desto weniger erm?det er. Das Werk einer Uhr braucht nicht in die Ferien geschickt zu werden; ja wenn es technisch vollendet ist, bedarf es kaum einer Krafterg?nzung. Diese Taschenuhr ist zum letzten Mal vor sieben Jahren aufgezogen worden, und sie geht heute noch. Gewi?, zu solcher Leistungsh?he wird sich der Mensch mit seiner animalischen Struktur niemals erheben, und um den leidigen Zwang der Schlafpause kommen wir nicht herum; aber unsere Physiologen sagen uns, da? sie auf dem besten Wege sind, Impulse herzustellen, die auch den schlaflosen Menschen nahezu in ein perpetuum mobile verwandeln werden. Was nun die Erholung betrifft, die vergn?gliche Mu?e, so glaube ich, da? sie aus der Zeit der Sklaverei stammt und eines freien Mannes gar nicht w?rdig ist. Ruhe haben, das hei?t f?r Unsereinen: Ruhig und ungest?rt arbeiten k?nnen; und wer ?ber Nervosit?t klagt, der soll daf?r nicht die ?berm?dung, sondern die ?berschonung verantwortlich machen. Bei sinniger T?tigkeit kann der Drang nach Kurzweil gar nicht auftreten, da er ein Symptom des Irrsinns bildet; denn Zeit und Raum sind gleichwertig, und wer sich mit Absicht, technisch zwecklos, die Zeit verk?rzt, ist nicht anders zu beurteilen, als einer, der sich mutwillig den Raum verengt. Au?erdem schl?gt ihm der Effekt fast durchweg zum Gegenteil aus, denn niemals wird die Zeit so l?stig, als wenn man sich am?siert. Einem echten Arbeiter bietet das Am?sement nichts anderes als kristallisierte, glitzernde Langeweile.

Aber Sie pflegen doch wohl auch die K?nste und haben, wie wir im Vorbeigleiten bemerkten, Unterhaltungsst?tten gebaut?

F?r die kleine Minderheit der Genossen, die den Wert der Eigenarbeit noch nicht vollkommen erfa?t haben und deshalb vermuten, da? es au?erhalb ihrer noch ein Vergn?gen geben k?nne.

In dieser Hinsicht sind wir tolerant und lassen ein Ventil offen, das sich bei v?lliger Durchmechanisierung der Bev?lkerung von selbst schlie?en wird. ?brigens werden auch unsere Theater dem Prinzip der Kurzsprache unterworfen, so da? unsere l?ngsten Schauspiele beil?ufig gesagt, sehr gediegene Werke nicht l?nger dauern als bei Ihnen ein Sketch. Wir beginnen in der Regel um sechs Uhr nachmittags und schlie?en um halb sieben, wonach zwischen Theater und Nachtschlaf immer noch einige wertvolle Stunden f?r die Abendarbeit herauskommen.

Bravo! mu?te ich unwillk?rlich ausrufen. Unser Impressionismus und Expressionismus verbla?t vor dem Kompressionismus, wie Sie ihn in Szene setzen. Ich mu? Ihnen gestehen, da? ich die L?nge der Kunst schon seit Jahrzehnten als eine Tortur empfinde, und da? ich im Konzert noch heute nicht wei?, mit welchem Recht ein Symphoniker mich stundenlang auf den Platz festnageln darf.

Auch hier wird die Mechanisierung die erl?sende Ma?regel finden. Unsere Musikveranstalter haben bereits mit der Brevisonanz begonnen; das ist eine neumetronomisierte Tonkunst, die sich dem ver?nderten Zeitempfinden der Hochkultur anpa?t und vor allem die in der Altmusik grassierende Wiederholung der Phrasen, Takte und Noten vermeidet.

Kann ich mir vorstellen. Wenn zum Beispiel Beethoven in seiner siebenten Symphonie den Ton E mindestens zwanzigmal hintereinander anschl?gt und gar nicht davon loskommt, so gen?gt Ihnen an dieser Stelle ein einziges E; und wenn Sie dazu thematische Abbreviaturen einf?hren und das Tempo im Verh?ltnis von Blitzzug zu Postschnecke beschleunigen, so wird sich zu der Symphonie ein ganz ertr?gliches Verh?ltnis gewinnen lassen.

Sie wollen ironisieren und schildern doch ganz getreu eine zuk?nftige Gewi?heit. In dem Wort vita brevis ars longa ist allerdings ein Mi?verh?ltnis ausgesprochen, das sich der Kulturb?rger sp?terer Jahrhunderte ganz gewi? nicht mehr gefallen lassen wird. Er wird wirklich nur die Wahl haben, solche Symphonie als hinderlichen Ballast auszuwerfen, oder sie auf den Ma?stab seiner Emfangsorgane zu setzen.

Wohl mir, da? ich kein Enkel bin! sagte Eva; womit ich mich durchaus nicht gegen eine beschleunigte Bewegung ausspreche; ich w?re jetzt sogar f?r ein Prestissimo raten Sie mal wohin, Herr Ingenieur

Sie meinen Ihren Gasthof und die Mahlzeit, die uns im Hotel Experiment erwartet. Einverstanden. Ihr Wunsch deckt sich nebenbei mit meinem Programm, denn ich wollte eben anfangen, Ihnen ?ber die Ern?hrungsverh?ltnisse der Insel Vortrag zu halten. Da kann sich nun das Theoretische mit dem Praktischen b?ndig vereinigen.

Ich vermute, es wird Fische geben, bemerkte Eva, ohne ihren Scharfsinn sonderlich anzustrengen. Denn Fische scheinen auf einer Insel mit ausgedehntem Seebetrieb selbstverst?ndlich, und wir hatten zudem bei einem Durchblick auf Meer und Hafen zahlreiche Fahrzeuge erblickt, die zu je zweien mit Netzwerk bespannt waren. Trotzdem stimmte die Prognose der Gef?hrtin nicht mit den Tatsachen. Es gab keine Fische, sondern Plankton.

Ausschlie?lich Plankton. Das Nationalgericht der Sarragallesen und zugleich das Lebenselement, worauf das soziale Gleichgewicht der Insel sich gr?ndet.

Es ist anzunehmen, da? noch keiner meiner Leser eine richtige Planktonmahlzeit genossen hat. Ich m?chte indes schon hier ansagen, da? unsere Nachkommen das von den Vorfahren vers?umte milliardenfach nachholen werden; und da? es ihnen dann wie eine tr?bselige Legende vorkommen wird, wenn sie vernehmen, da? in grauer Vorzeit so etwas wie eine Ern?hrungsfrage die Menschheit beunruhigt hat.

Die Naturgeschichte des Planktons l??t sich kurz erl?utern. Es ist ein in unerme?lichen Mengen vorhandener, sich best?ndig erneuernder Meeresauftrieb, der unorganische Substanz in organische umsetzt. Bei Filtration liefert es einen R?ckstand von einzelligen Pflanzen und kleinsten Tieren in immenser Anzahl. Auf einen einzigen Kubikmeter Wasser entfallen ungef?hr drei Millionen Organismen, winzige Algen, Diatomeen, Peridineen und viele Tausende von kleinen Krebschen. Alle Nahrungsernten auf dem festen Lande verschwinden in Quantit?t vollst?ndig gegen die Planktonernte, die sich bei geeigneter Konstruktion der Erfassungsmittel aus dem Ozean gewinnen l??t.Der erste, der in Europa auf die Zukunftsm?glichkeiten des Planktons hingewiesen hat, war der Tiefseeforscher F?rst Albert von Monaco.

Die zwischen den Schiffen ausgespannten, versenkbaren Netze gehen auf ein Urmodell zur?ck, das vor langer Zeit in Europa von Palombo erfunden wurde. In seiner Vervollkommnung durch Algabbi l?st es das Problem derartig, da? die Planktonernte direkt in die Schiffe gelangt, fertig vorgebildet f?r eine kurze chemische Behandlung, welche die ozeanische Substanz in einen f?r Menschen und Tiere geeigneten Nahrungsstoff verwandelt. Er enth?lt Eiwei?, Kohlehydrate, Fette und N?hrsalze in Prozents?tzen, die sich nach dem Willen des Chemikers beliebig ver?ndern lassen. Da die Bearbeitungskosten gering sind, und das Material an sich von der Natur selbst in Unersch?pflichkeit geliefert wird, so begreift es sich leicht, da? diese hochwertige Nahrung auf Sarragalla fast so wohlfeil ausf?llt wie Luft und Trinkwasser.

Das Plankton ist aller Aggregatzust?nde f?hig; es l??t sich als Fl?ssigkeit genie?en, als Brei, als Streifen und Scheiben von beliebiger Konsistenz. Aber hier erhebt sich der Einwand: wird nicht ein L?ffel, ein Bissen so schmecken wie der andere? und wo bleiben die feineren Anforderungen, die sich auf Variet?t des Genusses richten?

Aber gerade hierin offenbart sich der Triumph dieser Ern?hrungsmethode. Er bedeutet zugleich einen Erfolg der Wissenschaft, den wir nach dieser Seite vordem f?r unm?glich gehalten h?tten: eine hohe Messe, die von der letzten Physik zelebriert wurde, ?ber Grundakkorde, die schon Lord Kelvin, Helmholtz, Faraday und Hertz vordem leise angeschlagen hatten.

W?hrend wir Europ?er nur ?ber die Bedingungen der Geschmacksempfindung etwas wissen, nichts aber ?ber die Art, wie sie zustandekommt, haben die Physiker der Insel deren eigentlichen Grund aufgedeckt. Sie schlugen die Br?cke von den optischen und akustischen Erscheinungen zu den hier obwaltenden und haben ermittelt: der Geschmack beruht auf Wellenerregungen, auf Schwingungen der Elektronen in den Atomen der Zungen und Gaumennerven. Saporische Kraftfelder wurden entdeckt, in denen die Ph?nomene der Interferenz, der Polarisation und der Induktion auftreten. Die Geschmacksnuancen wurden in eine bestimmt verfolgbare Reihe aufgel?st, wie die der Farbe und des Tons. Und so wie sich eine schwingende Saite auf eine gewollte Tonh?he einstellen l??t, so gelang es hier, jeder e? oder trinkbaren Substanz jede gew?nschte Geschmacksschattierung zu induzieren. Das Instrument, das dieses Wunder leistet, ist der Telegusto.

Es arbeitet mit einer Pr?zision, die dem verw?hntesten Feinschmecker gen?gen mu?. Bevor die einzelne Planktonplatte tafelbereit aufgetragen wird, durchl?uft sie den Wirkungsbereich des Telegusto, der in hundertf?ltigen Abstufungen die saporische Beeinflussung bereit h?lt. S?mtliche Fr?chte und Gew?rze sind darin vertreten, dazu alle Geschm?cke von Wild, Fisch, Haustier, von allem was f?r K?che, Brauerei und Weinkultur in Betracht kommt. In dem Register des Telegusto gibt es keine L?cke. Auf einen Fingerdruck liefert er nach Bedarf ebenso die Auster, die Languste, den Sterlett, wie das Rehfilet, das Backhuhn, wie das Vanilleeis, die Schlagsahne, wie irgend einen Edelwein. Auf dem Wege der Illusion? Die Frage hat keinen rechten Sinn, denn unser Geschmack arbeitet auch im normalen Genu?betriebe mit einer F?lle von Illusionen. Au?erdem hat sich hier ein Seitenzweig der Technik der Angelegenheit bem?chtigt: die Maschine greift ein, um die Figur, die H?rtegrade, die Farbe der Gerichte dekorativ zu modeln. So verwirklicht sich hier durch Wissenschaft und Instrument das M?rchen vom Tischleindeckdich. Und wenn Fr?ulein Eva zuvor Fisch vermutet hatte, so war ihr Instinkt doch nicht ganz auf falscher F?hrte: als dritter Gang erschien ein Gericht, das man nach ?blichem Sinnenma? f?r Aal in Kapernsauce nehmen konnte, optisch, haptisch und saporisch. Auch der Chemiker h?tte kaum widersprechen d?rfen, h?chstens der Biologe mit der Feststellung: eigentlich ist es Plankton, und in der Substanz besteht zwischen diesem Fisch und diesem Gem?se kein Unterschied.

Mit einer leisen Dissonanz entlud sich Mac Lintock beim Nachtisch. Er erkl?rte: ihn k?nne man nicht t?uschen, er sp?re bei diesem Fruchtgelee ganz deutlich den Planktongeschmack auf der Zunge.

H?chst merkw?rdig! entgegnete Forsankar; Sie sind n?mlich der einzige Tafelgast, der wirkliches Fruchtgelee ohne Plankton bekommen hat. Ich lie? es auf Ihren Teller schmuggeln, um einen Kontrollversuch anzustellen; dessen Ergebnis beweist, da? wir allen Grund haben, mit der Illusion wie mit einer Wirklichkeit zu rechnen.

Es schmeckte uns ausgezeichnet, und der Gedanke, da? alle Insulaner ohne Ausnahme sich solcher ebenso vorz?glicher wie billiger Gen?sse erfreuen durften, stimmte uns ?ber sonstige Lebensh?he. Denn der Neid wurde hier niedergehalten durch die elementare Freude an der erreichten Kulturh?he. Sarragalla in der Welt voran! Ein Land, in dem sich die Gedanken frei auswirken k?nnen, da der Kopf von der dr?ckendsten aller Sorgen, von der Magennot entlastet wird!

Mir wird jetzt mancherlei klar, sagte ich, und vor allem sehe ich die Mechanisierung in neuem Lichte. Wenn es der Technik gelingt, das Ern?hrungsproblem in so gro?em Stil zu l?sen, dann hat es gewi? l?ngst das Gespenst der sozialen Frage verscheucht.

Nicht l?ngst. Denn auch wir befinden uns noch in einem sozialen ?bergangsstadium. Richtig ist, da? wir die Morgenr?te einer neuen Zeit erlebt haben, deren Licht dem sozialen Gespenst das Umherspuken gewaltig erschwert. Allein wir leiden doch noch an gewissen Nachwehen einer dunklern Vorzeit, die durch mangelhafte Technik und also auch durch soziale Mi?st?nde charakterisiert war. Richtig ist vor allem, da? unsere Arbeiterschaft allen Grund zur Zufriedenheit besitzt, und da? die Lohnk?mpfe auf der so sch?n bereiteten Ern?hrungsgrundlage nahezu allen Sinn verloren haben. Wo noch unausgeglichene Reste zwischen Anspruch und Bewilligung existieren, da finden wir uns in der Regel leicht auf einer mittleren Linie. Denn unsere Arbeiterschaft besitzt, wie begreiflich, einen Zug ins Geistige, sie hat fast durchweg die Stufe des Frondienstes ?berwunden, um in die Edelarbeit hineinzuwachsen. Jeder Gedanke unserer Forscher setzt eine Unsumme von Arbeitskr?ften in Bewegung, die sich im Experiment, an der Maschine, zu praktischem Behuf bet?tigen m?ssen, um den Gedanken zu allseitig brauchbarer Wirklichkeit auszufolgern. Wenn ein Mechanismus bedient wird, so wiederholt sich nicht ein und derselbe Handgriff in trostloser Unendlichkeit, sondern die T?tigkeit selbst differenziert sich erfinderisch in der Hand des Arbeiters. Wissen Sie, was uns schon passiert ist? Wir hatten in einem bestimmten Betrieb f?r die Arbeiten den Achtstundentag von Staats wegen eingef?hrt. Da regte sich die Unzufriedenheit, es entstand eine Bewegung unter den Leuten Dergleichen ist uns bekannt; sie wollten Verk?rzung auf sieben oder sechs

Nein, Verl?ngerung auf zw?lf Stunden. Und zwar ohne gewinns?chtige Absicht, denn sie waren ohnehin am Ertrage reichlich beteiligt. Allein sie erkl?rten, sie h?tten soviel Interesse an der Arbeit, soviel geistigen Genu?, da? sie sich dieses Vergn?gen nicht durch ein knappes Limitum beschr?nken lassen wollten. Unsereiner kann das ja nachf?hlen, denn ich zum Beispiel, den die geistigen Obliegenheiten bis in die Tr?ume hinein verfolgen, ich kann mich getrost auf einen zwanzigst?ndigen Normalarbeitstag berufen; und ich w?rde direkt in Geistesnot geraten, wenn mir mitten im Tage mit einem Klingelzeichen Schlu? befohlen w?rde.

Das k?nnte zu einer neuen Auslegung des Tr?gheitssatzes von Galilei f?hren: der geistige Mensch arbeitet unausgesetzt, weil ihm die Tr?gheit, das Beharrungsverm?gen dazu zwingt; er ist zu tr?ge, um aufh?ren zu k?nnen.

Klingt ein bi?chen paradox, ist aber richtig. Die Hauptsache im mechanisierten Staate bleibt, da? sich der Mu?-Arbeiter zum Will-Arbeiter umbildet. Innerhalb der Kohlewirtschaft ist das unm?glich. Allein da wir uns durch die Lambdakr?fte von der Kohle emanzipiert haben, so werden wir dieses Ziel in wenigen Jahrzehnten auf der ganzen Linie erreichen. Erst jetzt beginnt man zu f?hlen, da? die Intensit?t der Arbeit Selbstzweck ist; da? die Zeit reif wird zur ?berwindung des Million?r-Kapitalismus, um den geistigen Kapitalismus an seine Stelle zu setzen. Das alles vertr?gt sich sehr gut mit einer Sozialisierung, in der die Individuen der Unterschicht ganz von selbst in die intellektuelle Oberschicht hineinwachsen. Die Freude an der Bew?ltigung der mechanischen Probleme, Jedermann als Teilhaber des Lustmonopols, der Staat als Freudenversorger, die Mechanisierung und der Sozialismus als rein geistige Angelegenheit, das sind die Dinge, auf die es ankommt.

Sind Sie denn nun mit der Sozialisierung wirklich fertig geworden?

Noch nicht, oder vielmehr, wir beabsichtigen gar nicht, es zu werden. Denn sie ist unvollendbar; es gibt kein Finale und keinen Schlu?punkt. Aber es wird Sie interessieren, einiges aus den Zwischenstadien zu erfahren, in denen allerdings viel experimentell Unfertiges zu Tage trat. Da waren Schwarmgeister, die nicht nur die Betriebe, sondern auch die Ehe und die Familie sozialisieren wollten. Das Reservat des Einzelnen an die Frau sollte beseitigt werden. Andere begn?gten sich nicht damit, die Liebe aus dem Privatbesitz auszuschalten, sie wollten sogar die Freundschaft in Kommunalverwaltung ?berf?hren.

Das ist ein h?bscher Gedanke. Der Staat als Monopolist aller seelischen Neigungen, der die Bed?rfnisse des Gem?tes als ein Rechenexempel behandelt. Er ermittelt die Summe der vorhandenen Liebes und Freundestriebe, dividiert sie durch die Kopfzahl und weist jedem sein Quantum zu. Eigentlich w?re diese Rationierung ganz korrekt; denn es ist ja nicht n?tig, da? der eine als ein Kr?sus an Freundschaften und zarten Beziehungen dasteht, w?hrend sein Nebenmensch um ein bi?chen Zuneigung betteln mu?. Man k?nnte die Idee noch weiter spinnen. Ich denke es mir beispielsweise gar nicht ?bel, wenn das Sanit?tswesen gr?ndlich sozialisiert w?rde.

Daf?r haben wir in der ganzen Welt die Ans?tze im Impfzwang, in der Krankenversicherung und anderen Einrichtungen. Wir hatten allerdings vor zehn Jahren radikale Reformer mit weit sch?rferem Programm. Sie behaupteten, es m?sse der medizinischen Technik gelingen, die Einheitsarznei herzustellen und verlangten die gleichm??ige Verteilung dieses Medikamentes an s?mtliche Patienten; auch d?rfe keinem Kranken eine kr?ftigere Di?t oder eine l?ngere Bettruhe verordnet werden als dem andern. So weit lie? sich die Nivellierung nat?rlich nicht durchf?hren, ebensowenig auf gewissen anderen Gebieten. Einige Extremisten versuchten sich an der Kunst; sie forderten das sozialisierte Theater und Orchester. Der Dirigent, so sagten sie, ist ein Monarch mit autokratischen Befugnissen; also fort mit ihm. Die Musikkapelle ist eine soziale Einheit, in der jedem Teilnehmer das gleiche Recht an Taktzahl, Tonschwingung und Klangst?rke zusteht. ?hnlich im Theater. Wie kommt eine Heroine dazu, sich oben zehnmeterweis in Raumwillk?r auszutoben, w?hrend unten die Souffleuse bewegungslos im engen K?fig hocken mu?? Warum soll ein prominenter Schauspieler mehr Beifall und Lohn beziehen als ein Kulissenschieber? Tats?chlich ist dieses Extremprogramm sehr weit verfolgt worden; bis wir merkten, das wir ?ber all diesen Organisationen, Tariffragen und Gewerkschaften die Kunst doch allzusehr aus den Augen verloren

Es gibt kein allzusehr, sollte ich meinen, in einem Staate, der doch ohnehin auf die Kunst keinen entscheidenden Wert legt. Entweder man sozialisiert, oder man unterl??t es

Oder man sucht die gesunde mittlere Linie, wie ich bereits betonte; auf die Gefahr hin, mit diesem Suchen niemals zu Ende zu gelangen. Genug davon! Ich m?chte Sie jetzt einladen, mir in das Experimentier-Institut zu folgen. Sie werden dort Einblicke in Experimente gewinnen, die zum Teil in eine gro?artige mechanische Zukunft hinweisen. Dort werden Sie auch erfahren, da? gewisse Sorgen uns bedr?cken, zu deren Linderung Sie beitragen k?nnen. Sie entsinnen sich, da? ich Ihnen bereits auf dem Schiff davon sprach.

Jawohl. Und wir verstehen Ihre Andeutungen jetzt ebensowenig, wie vorher. Aber gleichviel. Sie halten unserer Neugier eine neue Verlockung vor, also zu den Experimenten!


* * *

Wir gelangten in eine Abteilung f?r technische Versuche, von denen die Mehrzahl den Zweck verfolgte, unbeachtete Energien in nutzbare umzuwandeln. Hier galt das Prinzip: es darf nichts verloren gehen; und selbst wenn es sich um unerhebliche Betr?ge handelt, sind wir verpflichtet, das Brauchbare aus ihnen herauszuholen. Das geh?rt zu den moralischen Erfordernissen der Mechanisierung.

Als wir uns in den Experimentiers?len umsahen, bearbeitete einer der Hauptforscher, Professor Dnali, gerade das Problem der menschlichen Kinnbacken. Er hantierte mit etlichen Versuchspersonen, an denen er mittels sinnreich konstruierter Apparate folgendes konstatiert hatte: ein erwachsener Mensch von durchschnittlicher K?rperanlage leistet mit seinen Backz?hnen bei einmaligem Kauen eine Kraft von rund 90 Kilogramm. Zur Verarbeitung der Nahrung braucht er aber nur 10 Kilogramm Kraftaufwand. Mithin werden bei jeder Kaubewegung 80 Kilogramm nutzlos verschwendet, welche der Allgemeinheit dienstbar gemacht werden k?nnen. Die Aufgabe besteht also darin, einen Mechanismus zu konstruieren, der die ?bersch?ssige Kaukraft auff?ngt und in zweckdienliche Arbeit umsetzt. Die Schwierigkeit liegt wesentlich darin, diesen Mechanismus so zu gestalten, da? er den Esser bei der Mahlzeit nicht behindert, ja von ihm gar nicht bemerkt wird. Dies bewirkt Professor Dnali durch Telekinese. Das ist ein Verfahren der neuesten Technik, Kraft durch Projektionen und Effluvien in die Ferne zu verpflanzen. Eine Erweiterung der drahtlosen Kraft?bertragung, bei der die Elektrizit?t durch vitale Schwingungen ersetzt wird. In ihren Prinzipien ist die Telekinese viel zu abgr?ndig, als da? sie hier er?rtert werden k?nnte. Genug, sie ist vorhanden, wir sahen ihre Effekte, ohne die physikalischen Zusammenh?nge ergr?nden zu k?nnen. Und diese Effekte waren erstaunlich: hier sa? eine Reihe von Leuten beim Essen dort, auf Distanz und kausal scheinbar abgetrennt, wurde Holz gespalten und industriell verarbeitet. Die Kraftquelle aber lag in den Kinnbacken.





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