Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Vorz?glich konstruiert, sagte er, wenn man bedenkt, da? Sie gezwungen sind, nach den Erfordernissen der alten Mechanik zu arbeiten. Da? dieser Typus an sich nicht mehr standh?lt, ist ja Ihren Gelehrten l?ngst bekannt, denn er beruht auf der ungeheuerlichen Vergeudung an Brennstoff. Sie sind nicht die Herren, sondern die Sklaven des Materials. ?u?ersten Falles holen Sie aus einem Kilo Kohle 4000 nutzbare Kalorien, w?hrend Sie Billionen davon ungen?tzt darin stecken lassen. Ihre Kohle verh?lt sich wie ein Arbeiter, dem Sie mit ungeheurer Raumverschwendung Wohnr?ume bereiten, und der daf?r pro Tag nur den Bruchteil einer Sekunde arbeitet. In dieser Hinsicht sind wir erheblich weiter.

Wie, Herr Ingenieur! rief ich, sollte es Ihnen wirklich schon gelungen sein, durch Atomzerspaltung die ungeheuren Energien aus der Kohle freizumachen, die wir darin nur vermuten, ohne sie entwickeln zu k?nnen?

Nicht alle Energien, aber einen sehr lohnenden Teil, rund eine halbe Million Kalorien aus dem Kilogramm, also mehr als das Hundertfache Ihrer Leistung. Und wir brauchen dazu nicht einmal Kohle, jede beliebige Substanz liefert uns diesen Arbeitseffekt; wie Sie ganz richtig voraussetzen, durch Zermalmung der Atome. Wir ben?tzen hierzu eine von uns entdeckte neue Strahlenart, die radioaktiven Lambda-Teilchen, die uns in unerme?licher F?lle zu Gebote stehen. Diese Lambdas haben die F?higkeit, Atome zu zerf?llen, zwar nicht restlos, aber doch soweit, da? der eben genannte Effekt zu Tage tritt. Und Sie k?nnen sich vielleicht vorstellen, was unsere Maschinen bei solcher Energieentfaltung zu leisten verm?gen.

Nein, das kann ich mir vorl?ufig absolut nicht vorstellen; obschon uns ja Ihr eigener Flugapparat eine anschauliche Probe geliefert hat. Aber wenn Sie derma?en im Gro?en wirtschaften, wo kriegen Sie die vielen Lambdas her? Alle radioaktiven Mittel sind doch nur in minimalen Mengen vorhanden und unerschwinglich teuer; liegt denn das Radium bei Ihnen auf der Stra?e?

Sozusagen. Zwar nicht direkt bei uns, wir beziehen es vielmehr von unserer Nachbarinsel Vorreia. Dort sind die Minerale Thorium und Uran in unersch?pflichen Lagern vorhanden, die dortige Erde ist der niemals auszuleerende Kraftspeicher, aus dem wir die Radioaktivit?t in beliebigen Mengen gewinnen.

In Mac Lintocks Augen begann es wieder einmal kalkulierend zu z?ngeln. Spottbilliges Radium? Wo man in Amerika und Europa schon f?r ein tausendstel Gramm tief in die Tasche greifen mu? das er?ffnete unabsehbare Aussichten.

Forsankar erg?nzte: Ich mu? hinzuf?gen, da? diese Nachbarinsel uns nicht nur materiell, sondern auch ideell ganz hervorragend befruchtet. Unsere besten Methoden und Erfindungen stammen von dort. Sie sind in der Mehrzahl dem Kopfe eines Mannes entsprungen, der auf Vorreia lebt. Er hei?t Algabbi, und vereinigt in sich alle Genialit?ten des physikalischen Forschers und Technikers. Eine Kombination von Lionardo, Faraday und Edison in erh?hter Potenz.

Er war es auch, der als Geologe die radiumhaltigen Mineralsch?tze der Insel erschlossen hat, die Energiereservoire, die auf der Welt nicht ihres Gleichen haben.

Verzeihen Sie, Herr Forsankar, dann w?re es doch f?r uns eigentlich ratsamer, direkt nach Vorreia zu steuern. Bei aller Hochachtung vor Ihnen und Ihrer engeren Landesgenossenschaft scheint mir doch nach Ihren eigenen Superlativen die Insel Vorreia wichtiger; um doch vor allen Dingen einen Mann wie diesen Algabbi kennen zu lernen, von dem Sie solche Wunder erz?hlen.

Das wird leider nicht so einfach sein. Algabbi ist alt und launisch, und es h?lt schwer, zu ihm vorzudringen. Mir pers?nlich w?re das ganz unm?glich; vielleicht macht er mit Ihnen sp?ter eine Ausnahme, wenn Sie zuvor erfahren haben, worauf es ankommt; und hierzu ist es eben unerl??lich, da? Sie Ihren ersten Besuch unserer Insel Sarragalla widmen, auf der die technischen Impulse jenes Mannes ihre weiteste Ausbreitung gewonnen haben.

Auf dem Bodensatz unserer Unterhaltung blieb nach wie vor ein ungekl?rter Rest. Wir stellten nat?rlich unsere Neugier zur?ck, und es fiel uns nicht schwer abzulenken, da der Ingenieur den Wunsch ?u?erte, unsere Schiffsb?cherei ein wenig genauer zu betrachten. Sie war zuvor nur gestreift worden, und uns selbst lag daran, diese Sch?tze vor dem Besucher paradieren zu lassen. Seine Sprachkunde erm?glichte ihm eine ausreichende W?rdigung der B?chersammlung, und er verstieg sich zu der schmeichelhaften ?u?erung, da? wir in dieser Hinsicht wenigstens keinen Wettbewerb zu scheuen h?tten.

Die B?cher stehen f?r die Zeit unserer Anwesenheit zu Ihrer Verf?gung, sagte Eva.

Ich werde vielleicht davon Gebrauch machen, entgegnete er, oder vielmehr, da ich gewohnt bin, sehr rasch zu lesen, so w?rde mir die Verg?nstigung gen?gen, darin eine Viertelstunde bl?ttern zu d?rfen.

Wir lie?en ihn eine Weile allein und begaben uns auf Deck, angesichts der inzwischen sehr naheger?ckten Insel. Als wir zur?ckkehrten, trat er uns mit einem aufgeklappten Bande entgegen und rief frohlockend: Denken Sie nur, ich habe hier einige Hinweise gefunden, die in wenigen Zeilen auf das Programm unserer Insel deuten

Und ich werde Ihnen auswendig sagen, worin Sie gelesen haben, erwiderte ich: in den Werken von Walther Rathenau. Ein Zufall f?r Sie, keiner f?r mich, denn die Kombination liegt nahe: Wenn Ihr Land wirklich im Zeichen der h?chstentwickelten Technik steht, so m?chte ich es schon jetzt als die mechanisierte Insel bezeichnen. Und der Begriff der Mechanisierung ist von keinem Autor so sch?n und tiefgr?ndig er?rtert worden, als eben von Rathenau. Er hat ihm gleichsam Fl?gel gegeben und ihn bef?higt, die ganze konkrete Wirklichkeit zu durchfliegen.

Donath meldete sich: Dann schlage ich vor, einige Kernworte daraus vorzulesen; wenn man nur w??te, welche; ich wei? in diesen Schriften nicht Bescheid.

Der Ingenieur reichte mir den Band hin, ich erg?nzte ihn noch durch einen andern und w?hlte auf gut Gl?ck etliche Stellen:

Gegeben ist die Quantit?t der menschlichen Einzelleistung, gegeben die bewohnbare Erdoberfl?che, gegeben, aber praktisch fast unersch?pflich und nur an den menschlichen Arbeitseffekt gebunden, ist die Menge der greifbaren Rohprodukte, praktisch unerme?lich sind die verwertbaren Naturkr?fte. Aufgabe ist es nun, f?r die zehnfach, hundertfach sich vermehrende wei?e Bev?lkerung Nahrung und Gebrauchsg?ter zu schaffen Dies war nur auf einem Wege m?glich: wenn der Effekt der menschlichen Arbeit um ein vielfaches gesteigert und gleichzeitig ihr Emanat, das produktive Gut, auf das vollkommenste ausgenutzt werden konnte. Erh?hung der Produktivit?t unter Ersparnis an Arbeit und Material ist die Formel, die der Mechanisierung der Welt zugrunde liegt Wenn ich einen Brief zur Post trage, kostet dieser Brief mich f?nf Arbeitsminuten; trage ich sechzig Briefe auf einmal zur Post, so kostet mich jeder Brief f?nf Arbeitssekunden

Dem wirtschaftlich Betrachtenden erscheint die Mechanisierung als Massenerzeugung und G?terausgleich; dem gewerblich Betrachtenden als Arbeitsteilung, Arbeitsh?ufung und Fabrikation; dem geographisch Betrachtenden als Transport und Verkehrsentwicklung und Kolonisation; dem technisch Betrachtenden als Bew?ltigung der Naturkr?fte; dem wissenschaftlich Betrachtenden als Anwendung der Forschungsergebnisse; dem sozial Betrachtenden als Organisation der Arbeitskr?fte; dem gesch?ftlich Betrachtenden als Unternehmertum und Kapitalismus; dem politisch Betrachtenden als real und wirtschaftspolitische Staatspraxis

Die Mechanisierung erscheint als eine ungeheure, nie endende Vorbereitung; Geschlechter werden erzeugt, ern?hrt, vermehrt und ins Grab geworfen, ohne Aufschauen, ohne Ausblick, und die Bewegung schreitet weiter, zu vergr??erten Zahlen, erh?hten Dimensionen und gesteigerten Kr?ften. Diese Not ist mit keiner zu vergleichen, die fr?her war. Denn sie ist nicht von den Elementen gesendet, wie K?lte, D?rre, Flut und Sterbe, sie ist vom eigenen Willen der Menschheit entfacht und hochgetrieben

Hieraus folgt, da? eine gewaltige Zunahme jener Weltbewegung, die ich Mechanisierung genannt habe, uns bevorsteht da? die intellektuale, seelenlose Geistigkeit der Mechanisierung, ihren Zenith noch lange nicht erreicht hat.Mechanik des Geistes und Kritik der Zeit von Rathenau.

Ganz gewi?, schlo? der Ingenieur an, ist damit die Linie der Notwendigkeit vorgezeichnet, und wir ziehen auf unserer Insel die vorl?ufig letzten Konsequenzen. Sie werden somit wie in einen Zauberspiegel blicken. Wenn schon ein Zenith der Mechanisierung erreichbar ist, dann d?rfen gegen diesen Aufstieg keine Bedenken auftreten. Denn sie ist und bleibt eine geistige Angelegenheit, worin der Intellekt triumphiert; der Intelligenz geoffenbart in einem H?chstma? der Technik wie wir sie, den Spuren Algabbis folgend, zum Regulativ und durchgreifenden Prinzip erhoben haben. Wenn es so ist, wie Sie sagen und die Vorzeichen sprechen ja daf?r dann liegt f?r uns genug Anla? zur Bewunderung vor. Ein Land der erh?hten Technik ist nach ?blichem Ma?stab ein Land der erh?hten Kultur. Es w?re nur zu er?rtern, wie Technik und Mechanisierung in den Grundwurzeln zusammenh?ngen. Erg?be sich hier eine Identit?t, so m??te man ja auch in der Mechanisierung des Lebens selbst den gr??ten Fortschritt anerkennen. Und ich verhehle Ihnen nicht, da? sich hiergegen etwas in meinem Innern str?ubt. Mir ist die Mechanisierung bei uns zu Lande, in Europa, in mancher Hinsicht schon so widerw?rtig, da? ich der Hochspannung dieses Prinzips nur mit Bangen entgegensehe.

Uns gilt als Hauptsache, da? Ihnen die Gestaltung imponiert, und da? Sie Ihre Kenntnisse erweitern. Darin liegt doch ein geistiger Gewinn, den Sie gerechterweise nicht verkennen werden. ?brigens sind wir jetzt am Peer, und wenn Sie nichts dagegen haben, bleibe ich in Ihrer Gesellschaft.


* * *

Die Ortschaft bot den Anblick einer ganz modernen belebten Fabrikstadt mit Anfl?gen aufget?nchter Eleganz, ohne Hintergr?nde einer geschichtlichen Vergangenheit. Kein Edelrost lenkte in dieser versteinerten Gegenwart den Sinn auf etwas Gewesenes, und schon beim ersten Aspekt sp?rte man, da? es da keine verlorenen Winkel geben konnte, in denen sich etwa Spuren von Romantik versteckt hielten. Es sei aber vorweggenommen, da? die Menschen aus hellen Augen um sich blickten und keinen gedr?ckten Eindruck machten; der revolutionierende Typ des murrenden Fronarbeiters trat nur in ganz vereinzelten Exemplaren auf. Es bestand also eine gewisse Harmonie zwischen Stadtbau und Bev?lkerung, insofern sich die Fassaden nach keiner Vergangenheit, die Menschen nach keiner Zukunft sehnten; alles war auf die zu erlebende Minute eingestellt.

In den meisten Stra?en gab es keinen Wagenverkehr, sie waren vielmehr den Fu?g?ngern vorbehalten, die man aber genauer als Fu?fahrer bezeichnen m??te. Denn der ganze Stra?enbau war beweglich und glitt unabl?ssig, in der Mitte geteilt, nach den beiden Richtungen. Was auf einigen europ?ischen Ausstellungen als Trottoir roulant gezeigt wurde, war hier nicht eine belustigende Kuriosit?t, sondern eine st?ndige Verkehrseinrichtung. Es geh?rte eine gewisse K?rpertechnik dazu, um sich aus dem Zustand der stehenden Ruhe auf die schnell dahineilende Plattform zu schwingen und sich im Augenblick ihrer Geschwindigkeit anzupassen. Allein wir lernten es rasch, und selbst unser wenig gelenkiger Amerikaner, der zuerst ?ber die verdammte Akrobatik schimpfte, kam nach einigen grotesken Anl?ufen in ein leidliches Gleichgewicht. Und schon bei der zweiten Fahrt meinte er, dies w?re eigentlich die ideale L?sung des Bef?rderungsproblems: ein Automobil von Meilenl?nge, jeder Mensch Autobesitzer, jeder Punkt Haltestelle, keine Sekunde Stillstand, und was doch auch mitspr?che: durchweg Gratisfahrt, also eine soziale Wohltat f?r die unteren Klassen. Tats?chlich war das Ganze eine staatliche Einrichtung, die einmal vor Jahren konstruiert, nur sehr geringe Unterhaltungskosten beanspruchte; da ja all das, was wir unter Betriebsspesen verstehen, verm?ge der Atomspaltung beinahe auf Null zusammenschrumpfte.

Der fahrbare Boden beschr?nkte sich nicht auf die Hauptstadt, sondern erstreckte sich weit ?ber die Vororte; w?hrend tiefer ins Land hinein eingleisige Eisenbahnen f?hrten. Denn die Insel Sarragalla besitzt eine bedeutende Ausdehnung, und der Handelsverkehr von Ort zu Ortschaft, von Fabrik zu Markt, entspricht in seiner Lebhaftigkeit den Gr??en der Warenproduktion. Zu neun Zehntel werden die G?ter erzeugt, weil und damit man sie verlangt, und sie werden verlangt, weil und damit sie erzeugt werden, so da? Nachfrage und Angebot zusammen eine Schraube ohne Ende bilden. Trotz dieser Massenhaftigkeit des Konsums und der Offerte gen?gt die eingleisige Anlage der Bahnen, ja das Geleis dient hier nur in Form einer einzigen Schiene als Grundlage.

Wir fanden das erstaunlich. Wieso fallen die Z?ge nicht um, wenn sie mit nur halber R?derzahl auf einem einzigen Stahlstrang rollen?

Der Ingenieur erl?uterte: Die Ihnen gel?ufige Anordnung mit R?dern rechts und links auf der Doppelschiene geh?rt f?r uns zu den Unbegreiflichkeiten der altv?terlichen Technik. Jedes Stra?enkind, das seinen Kreisel peitscht, h?tte Ihnen sagen k?nnen, da? ein sausender Schwerk?rper sogar in einem einzigen Punkte die gen?gende Gleichgewichtsunterlage findet, weil die Rotation eine widerstandskr?ftige Achse erzeugt. Es ist also lediglich eine Aufgabe vorgeschrittener Mechanik, in dem Zuge so starke Rotationskr?fte wirken zu lassen, da? ein ?berkippen zur Rechten oder Linken der einzigen Mittelschiene ausgeschlossen wird. Sobald nun ein Gegenzug signalisiert wird, senken sich vorn und hinten zwei gebogene Tangentialfl?chen herab, die, wie der ganze Zug, gleichfalls mit einer Mittelschiene versehen sind. Dann f?hrt der Zug B ?ber den Zug A glatt hinweg; und wenn man unseren Insassen erz?hlte, da? man zu derselben Prozedur anderswo vier Str?nge samt einer Menge von Weichen und Stellwerken braucht, so k?me ihnen das wie eine schnurrige Anekdote vor.

Und der Gefahrfaktor? Bei der allergeringsten Inkorrektheit in so heikler Maschinerie m?ssen sich doch bei Ihnen die ?rgsten Katastrophen ereignen!

Aus dieser Bef?rchtung spricht wieder die R?ckst?ndigkeit eines B?rgers, der noch in den Kinderschuhen der Mechanisierung steckt. Auch Sie besitzen eine Feinmechanik, allein Sie verwenden sie haupts?chlich zu zwecklosen physikalischen Spielereien, mit denen man Studenten im ersten Semester verbl?fft: etwa um in eine Glastafel unsichtbare Gitter zu ritzen, die sich unter dem Mikroskop als sch?n quadratisch entpuppen, oder um eine Wage f?r das Gewicht eines Staubkorns empfindlich zu machen. Da? man aber die Feinmechanik mit der Starkmechanik in einem Apparat verschmelzen kann, das geht euch nicht ein. Werden sie so verschmolzen, wie Sie es hier erleben, dann funktioniert eben die Gro?kraftmaschine selbst auf schmalster Unterlage mit absoluter Unfehlbarkeit, und Sie k?nnen eher erwarten, da? der Erdplanet, als da? einer unserer Z?ge auf seiner Bahn entgleist.

Dieser ?u?erung folgte eine Bewegung, die wir nicht recht verstanden. Herr Forsankar griff n?mlich in seine Tasche, zog seine Uhr, sah aufs Zifferblatt, hielt sie an den Mund und lispelte hinein. Was machen Sie da? fragte Rottek: Sie sprechen mit Ihrer Uhr?

Ich habe soeben eine wichtige Unterredung mit meinem Ressortchef gef?hrt, der zu dieser Stunde meinen Anruf erwartete. Das Instrument ist allerdings auch eine Taschenuhr, aber kombiniert mit einem drahtlosen Telephon in der n?mlichen Goldkapsel. Warum soll man zwei Gegenst?nde mit sich schleppen, wo einer gen?gt?

Und eine wichtige Besprechung erledigen Sie in einer halben Minute?

Durch Breviloquenz. Es ist mir sehr wohl bekannt, wie Sie in Europa trotz der ungeheuerlichen Fernsprechtaxen telephonieren. Sie, und besonders Ihre Damen h?ngen sich viertelstundenlang an den H?rer zur Er?rterung und Beplauderung der gleichg?ltigsten Angelegenheiten; weil Sie eben so wenig mechanisiert sind, da? Ihnen der kostbarste, gar nicht ersetzliche Rohstoff, die Zeit, f?r nichts gilt. Unser Prinzip der Zeitersparnis hat uns dazu gef?hrt, eine neue, ?beraus kompendi?se Kurzsprache zu erfinden. Wir sprechen brachistolinguisch; in Abk?rzungen, die ich nat?rlich nicht anwenden darf, wenn ich mich mit Ihnen unterhalte, die aber bei uns von jedermann vestanden werden.

Diese Methode ist uns nicht ganz fremd. Wir sagen Hapag, Ufa, AEG, Aboag, Sipo und viele derartige Abbreviaturen, die l?ngere Wortgebilde ersetzen. Wir haben auch im Telegrammverkehr ein Register von Chiffreworten zur Ersparnis l?ngerer S?tze. Wenn ich an ein Hotel telegraphiere Belab Gransera so versteht der Empf?nger ohne Weiteres: Ich w?nsche f?r heute zwei Zimmer mit zwei Betten und gedenke zwischen sieben Uhr abends und Mitternacht dort einzutreffen.

Sie haben also eine dunkle Ahnung vom Prinzip, dessen Ergiebigkeit Ihnen v?llig verborgen bleibt. Es ist so, als w?ren Sie beim ersten elektrischen Lichtbogen zwischen zwei Kohlenspitzen stehen geblieben, ohne zu vermuten, da? sich darin die Beleuchtungstechnik f?r die ganze Welt versteckt; oder als h?tten Sie eine Erzader angeschlagen und begn?gten sich mit den ersten paar Kilogramm, w?hrend dahinter Millionen von Tonnen des kostbaren Minerals lagern. Mit einem Wort: diese Breviloquenzen, wenn Sie zur Zeitgewinnung wertvoll werden sollen, m?ssen das Hauptprinzip der ganzen Verkehrssprache werden. Tats?chlich l??t sich der l?ngste Sinn durch Fortlassung alles Entbehrlichen und durch Komprimierung der S?tze, Worte und Silben auf Elementarlaute in den knappsten Ausdruck pressen. Sie w?rden staunen in unseren Ministerkonferenzen und Kammerdebatten; von der ersten Vorbereitung eines Gesetzes bis zur Annahme: ein Vormittag. Maximale Sprechdauer eines Redners 35 Sekunden.

Wir w?rden das Durchpeitschung in drei Lesungen nennen.

Das sind mindestens zwei Lesungen zuviel; denn wenn man sich zuvor zwischen Ministern und Abgeordneten ausreichend drahtlos verst?ndigt hat, gen?gt eine breviloquente Sitzung von k?rzester Dauer. In der Zeit, die Sie f?r eine Zeile der Gesch?ftsordnung brauchen, verbunden mit den pers?nlichen Beschimpfungen der gegnerischen Parteien, erledigen wir einen ganzen Jahresetat. Und wenn ein Gesetz bei Ihnen im amtlichen Druck zwanzig Seiten verschlingt, so kommen wir mit einer halben Spalte aus; und proportional hierzu mit einer winzigen, leicht zu besoldenden Beamtenschar.

Wir halten eben auf Genauigkeit im Gesetzestext, w?hrend sich doch bei Ihnen leicht Mi?verst?ndnisse einstellen k?nnen.

Umgekehrt, verehrter Herr! Wir sind ja ?ber eure Verh?ltnisse gut unterrichtet, und wir wissen, da? sich bei Ihnen das Volk ?ber den Inhalt der Paragraphen genau so den Kopf zerbricht wie die Beh?rden, die das Gesetz auszuf?hren haben. Weil Unklarheit und Mi?verst?ndnis die nat?rlichen Kinder der Weitschweifigkeit sind. Ihr Deutschen insbesondere seid ja ein Volk der Dichter und der Denker, das hei?t, ihr habt auch in das Gesetzwesen von den Dichtern den Schwulst und von den Philosophen die Dunkelheit ?bernommen. In jedem Deutschen steckt ein dunkler Heraklit, da er im Grunde wenig mechanisiert ist. W?re er wirklich auf Exaktheit eingerichtet, so h?tte er l?ngst die Kunst der Stenologie, der Formelsprache, des zeitsparenden Ausdrucks erfunden.

K?nnen Sie uns nicht einige Proben dieser Kunst aufsagen?

Sie w?rden sie kaum verstehen, weil Sie von Natur aus gew?hnt sind, in breiten, grammatisch konstruierten S?tzen zu denken. Aber oberfl?chlich will ich Ihnen andeuten, worauf es ankommt. Ich kn?pfe dabei an die ?beraus seltenen F?lle an, in denen Sie selbst die Vielw?rterei als l?stig und un?konomisch empfinden, die Verk?rzung Aposiopese oder Ellipse dagegen als eine Wohltat. Im Virgil beschwichtigt Neptun die Winde mit dem ber?hmten Kurzruf Quos ego! Kein Substantiv, kein Verbum, keine Spur eines Satzes. Die Drohung bedeutet aber: H?rt mal, ihr Winde, wenn ihr jetzt nicht Ruhe gebt, dann will ich euch meine Macht f?hlen lassen, da? euch das Blasen vergehen soll! Hat nun die K?rze die Deutlichkeit beeintr?chtigt? Im Gegenteil, sie hat sie verst?rkt. Oder stellen Sie sich vor, Sie k?men auf den Bahnhof einer Provinzstadt und l?sen dort die Bekanntmachung: Da hier erwiesenerma?en viele Taschendiebe verkehren, die sich das Gedr?nge zunutze machen, um ihr unsauberes Handwerk auszu?ben, so wird das Publikum aufgefordert, mit gesch?rfter Aufmerksamkeit auf seine Wertsachen Acht zu geben, damit es keinen durch die Langfinger verursachten Verlust beklage, wobei zu bemerken, da? diese Warnung nicht nur den Reisenden selbst gilt, sondern ?berhaupt allen Personen, die sich zu irgendeinem Zwecke in den Hallen dieses Bahnhofes aufhalten. Wie umst?ndlich! w?rden Sie denken, wie langatmig, zweckwidrig, vorsintflutlich! da doch die zwei Worte Achtung Taschendiebe! ganz dasselbe besagen. Nun, genau so wie Sie dieses Provinzplakat taxieren, so beurteilen wir Ihre gesamte Verkehrssprache. Und wohl verstanden: mit der Fortlassung der entbehrlichen Worte ist es nicht getan; es m?ssen tausende von Formeln erfunden und durch Verabredung eingeb?rgert werden, tausende von Sigeln, die in wenigen Silben lange Gedankeng?nge aufnehmen; sowie die kurzen Formeln der Fallgesetze alle erdenklichen M?glichkeiten des freien Falles umspannen. Daraus ergeben sich Ersparnisse, die sich auf europ?ische Dimensionen ?bertragen zu Milliarden von Arbeitsstunden summieren w?rden. Und nun ?berlegen Sie, welche Unsummen Sie durch Ihre Longiloquenz vergeuden, und mit wie geringem Recht Sie sich den Titel mechanisierter V?lker beilegen.





: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30