Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Nicht ?bel! Man kann allerdings den Modezwang als ein System von Sanktionen auffassen, worin unsere wehrlose K?rperfl?che die Rolle des besetzten Gebietes spielt. Man kann machen was man will, es werden immer neue Fahnen und F?hnchen aufgepflanzt, wir beb?rden uns mit den Besatzungskosten, werden nie Herren unserer selbst und tragen, was andere uns auferlegen.

Das ist die eine Seite. Andrerseits aber wickelt sich alle Modeflucht in einem traurigen Turnus ab, der heute modern macht, was schon anno Olim modern, inzwischen aber verp?nt war. Warum verp?nt? weil das Schreckenswort geschmacklos sich aufb?umte. Da dr?ben gehen einige Insulanerinnen mit Krinolinen

Gr??lich.

Jawohl, finde ich auch. Aber die n?mlichen Tonnenr?cke hatten in Europa vier Mal lange Bl?tenperioden und k?nnen noch heute, ballettartig stilisiert, entz?ckend wirken.

Ich wiederhole trotzdem: gr??lich, weil sie die sch?ne weibliche Linie vollkommen unterdr?cken und zu einer komischen Bauschkurve karikieren.

Es fragt sich nur, ob die weibliche Naturlinie wirklich sch?n ist. Ich brauche mich gar nicht anzustrengen, um die Linie einer Medusenglocke sch?ner zu finden. Wie ja auch andere Trachten, die Ihnen sympathisch sind, auf die weibliche Linie nicht die mindeste R?cksicht nehmen. Der weite ?rmel bauscht den Arm zum Fl?gel, die Schleppe nimmt ihr Modell vom Pfauenschweif oder vom Fisch. Desinit in piscem mulier formosa superne. Aber die umfangreiche Afterflosse st?rt uns durchaus nicht, wir finden sie formos, obschon sie die Naturlinie der Extremit?ten vergewaltigt. Die Hauptsache ist und bleibt, da? eure europ?ische Mode immer auf eine tyrannische Einheit hindr?ngt, w?hrend wir auf eine freiheitliche Vielheit hinsteuern. Was ihr nur vereinzelt, etwa auf einem Kost?mfest erlebt, das erheben wir zur Regel. Wir versteifen uns nicht auf eine Nationaltracht, wir mischen die Stile, machen uns unabh?ngig von Jahr und Datum.

Und ich glaube, man mu? sehr viel Kokain im Leibe haben, um das ertr?glich zu finden

Oder einen sehr tr?gen Puls, um sich nicht aus dem Trachtenzwang hinauszuw?nschen.

Wir waren bei einem weitgestreckten Geb?ude angelangt, und Trelloar erkl?rte: Dies ist unser Institut f?r verdiente Gelehrte und ?berhaupt f?r M?nner, denen wir eine Erweiterung der Anschauungen zutrauen. Ihre Aufgabe ist es, die Schablone zu ?berwinden, neue Denkwege zu erschlie?en.

Perverse Denkwege nat?rlich.

Bleiben Sie meinetwegen bei dem Ausdruck; aber erkennen Sie es an, da? diese Leute hier auf Staatskosten verpflegt und unterhalten werden. Es ist, sozial betrachtet, wie ein Prytaneion und hat zugleich einen kl?sterlichen Anstrich wie der Port Royal, worin forschende Einsiedler vom Format eines Pascal g?nzlich frei von materieller Sorge Ihren Studien leben. Gestehen Sie nur, da? Sie dergleichen in Deutschland nicht besitzen.

Unsere Geistesarbeiter erheben auch gar nicht solche Anspr?che; sie sind schon zufrieden, wenn der Staat sie im Genu? ihrer Schmachtriemen ruhig vegetieren l??t. Aber ich h?tte Lust, und mein Gef?hrte gewi? ebenso, mich mit einigen ihrer Gelehrten zu unterhalten.

Dies lag auch im Programm unseres F?hrers. Nach wenigen Minuten standen wir im Privatgemach eines philosophischen und theosophischen Forschers, der uns als der Magister Fordax vorgestellt wurde.

D?rften wir uns erkundigen, fragte ich, was Sie augenblicklich bearbeiten?

Einige okkulte und abwegige Fragen, deren Erhellung im Interesse der Menschheit liegt. Mit geradem Verstande sind sie nicht zu l?sen, folglich m?ssen sie mit taumelnder Vernunft angefa?t werden, im Zickzack, exzentrisch.

Zum Beispiel?

Jetzt eben behandle ich folgendes Problem: Ist Gott imstande

Halt! der Anfang klingt blasphemisch. Selbstverst?ndlich ist Gott zu allem imstande. Und es w?re Widersinn und L?sterung, an seiner Allmacht zu zweifeln.

Dann ist er also auch imstande, etwas Geschehenes ungeschehen zu machen?

Ein zweiter Widersinn. Sie konstruieren absichtlich eine Unm?glichkeit, um sie gleichzeitig in eine M?glichkeit umzuf?lschen. Das geht nicht. ?brigens hat schon die alte Scholastik diese Frage aufgestellt, und wir wollen doch nicht in den Unsinn von vor siebenhundert Jahren zur?ckfallen. Die Scholastiker operierten mit einer entarteten Dialektik

Mit dem Geiste des Aristoteles, den Sie sonst in allen Tonarten preisen. Habt ihr Europ?er nicht auch die Alchymie durch Jahrhunderte f?r Unsinn erkl?rt? Und was ist eure moderne Chemie anderes als Alchymie? Ihr verwandelt das Element Radium in das Element Blei, ihr seht die weitere Verwandlung in das Element Gold voraus, ihr seid wieder Alchymisten geworden und werdet wieder Scholastiker werden. Ich bin es schon heute und erkl?re sonach: Gott ist imstande etwas Geschehenes ungeschehen zu machen. Vermag er dies aber, dann ist es nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit so gut wie sicher, da? er diese Allmacht schon in unz?hligen F?llen ausge?bt hat, an unz?hligen Geschehnissen, die wir als historisch betrachten. C?sar ist ermordet worden, und der erste Kreuzzug hat stattgefunden, so lernen wir aus den B?chern. Wenn Gottes Allmacht inzwischen anders beschlossen hat, so ist C?sar nicht ermordet worden, und der erste Kreuzzug hat nicht stattgefunden. Somit ist die ganze Wissenschaft der Weltgeschichte eine hohle Seifenblase, die in Nichts zerstiebt, wenn wir sie nur mit der Spitze meiner Frage ber?hren.

Perversit?t des Denkens! Wir k?nnen doch unser Wissen nachpr?fen und jede Tatsache durch andere Tatsachen kontrollieren.

Nein, das k?nnen Sie nicht. Sie kontrollieren immer nur Berichte an Berichten. Sie sind ?berzeugt, da? der Kongo in Afrika flie?t. Weil es Ihnen in vielen Worten und Schriften versichert worden ist. Und weil Sie in diesem Moment Ihrem Ged?chtnis vertrauen, das Ihnen versichert, Sie h?tten das wirklich geh?rt und gelesen. Sie stehen auf dem Boden der Glaubw?rdigkeit, das hei?t, Sie glauben an den Kongo, wie an die Richtigkeit eines Dokumentes, das hundert Historiker f?r echt erkl?ren, und das sich nachher dennoch wie die ber?hmte K?niginhofer Handschrift als gef?lscht erweist. Au?erdem glauben Sie aber an die Allmacht Gottes, der, ohne Sie um Erlaubnis zu fragen, vor einer Stunde den Kongo und ganz Afrika aus der Liste aller heutigen und obendrein aller jemaligen Existenzen gestrichen haben kann.

Sie leugnen also jedes Wissen ?berhaupt?

Bis auf eines: Ich etabliere die Wissenschaft des theurgischen Widerspruchs, die unendlich reicher ist, als die von Ihnen gepflegten monotonen und in sich zusammenfallenden Wissenschaften.

Ein wahres Gl?ck, da? Sie bei aller Exzentrizit?t wenigstens das h?chste Wesen gelten lassen.

Tat ich das? dann mu? ich nat?rlich in der Linie des Widerspruchs mystagogisch weiterfolgern: Ist Gott allm?chtig, so k?nnte er, wenn er wollte, sich selbst abschaffen. Und da wir von seinem Willen nichts wissen, so ist eine Welt ohne Gott m?glich. Nun sind im Universum alle M?glichkeiten verwirklicht, somit f?hrt die strengste Orthodoxie zum Atheismus

Ich kann mich f?r die W?rtlichkeit seiner Schlu??u?erung nicht verb?rgen, denn wir hatten uns schon vor seinen letzten Silben mit einem raschen Sprung durch die aufgeklinkte T?r seinen weiteren Denkwagnissen entzogen. Auf dem Korridor begegneten wir unseren Expeditionsgef?hrten, die von einem anderen F?hrer geleitet ebenfalls den Weg in dieses Prytaneion gefunden hatten. Mac Lintock sah sehr aufger?umt aus, ich vermutete, da? ihn der Kost?mwirbel auf der Stra?e belustigt h?tte. Erstlich das, gab er mir zu verstehen, dann aber habe ich f?r alle F?lle auf dem Markt bei einem Grossisten so und so viel Doppelzentner Kokabl?tter franko Schiff gekauft. Direkt geschenkt. Das ergab, zu Newyorker Kokainpreis umgesetzt einen Nutzen von schwindelerregenden Ziffern. Doktor Wehner war mit seiner Taxe betreffs des Geisteszustandes der Insulaner nahezu fertig: eine verkehrte Welt; Paranoia! w?hrend Eva besch?ftigt schien, der methodischen Linie dieses Wahnsinns nachzusp?ren: Wir m?chten nicht unterlassen, einen bestimmten Gelehrten des Institutes, den sie soeben interviewt habe, zu besuchen. Ihr sei freilich mancherlei unklar geblieben, allein sie glaube doch, da? man die scheinbaren F?ulnisse dieser Denkart nicht mit dem billigen Urteil pervers einfach abtun d?rfe.

Ich hatte mich inzwischen von dem Theosophen soweit erholt, da? ich mich in der Verfassung f?hlte, ein weiteres Kolleg ?ber mich ergehen zu lassen. Ich folgte daher dem Wink der Amerikanerin, und wir begaben uns zu dreien in die R?ume des Magisters Curaxo.

Alles wies darauf hin, da? wir einem Vertreter der exakten Wissenschaft gegen?ber standen. Man erblickte Laboratoriumsgegenst?nde, und im Hintergrund am Fenster schien ein junger Assistent mit Experimenten und teleskopischen Beobachtungen besch?ftigt.

Schon nach kurzer Einleitung waren wir beim Hauptthema, beim Wesen aller Dinge, bei der Zahl. Und ich erfuhr, da? die bekannte Methode, mit Zahlen zu operieren, in diesem akademischen Gehege keine Geltung hatte.

Die Physik, sagte Curaxo, beruht auf quantitativ messenden Ergr?ndungen, mithin auf dem Rechnen. Wer falsch rechnet, kann zu keiner richtigen Naturkunde gelangen.

Das ist unbestreitbar, Herr Magister. Unsere Arithmetik wie wir sie in den europ?ischen Schulen betreiben

ist in den alten Euklidischen Formeln stecken geblieben, also gelinde gesagt, antidiluvianisch. Schon die Starrheit eures Zahlenger?stes wirkt auf einen Vorgeschrittenen emp?rend.

Also Sie haben ein biegsames Zahlensystem?

Ein vollkommen elastisches, in der jede Zahl mit jeder vetauscht werden kann, getreu unserem Grundsatz, da? der Schematismus ?berwunden werden mu?, um der freien Variation Platz zu machen. Ich gehe davon aus, da? 2 mal 2 gleich 5 ist.

Der Scherzbeweis ist mir bekannt; er beruht auf einem Trugschlu?.

7 = 3+4 identische Gleichungen 4x3 +4x4 5x7 = 4x3 + 4x4 5x7

durch Addition ergibt sich wiederum identisch:

4x3 + 4x4 4x7 = 5x3 + 5x4 5x7 oder anders geschrieben: 4 (3+47) = 5(3+4-7)

links und rechts befindet sich multiplikativ derselbe Klammerausdruck; dividiert man ihn beiderseitig fort, so erh?lt man

4 = 5 2 x 2 = 5

Ich werde Ihnen zeigen, da? es ein Ernst-Beweis ist, und da? Sie sich selbst betr?gen, wenn Sie dem Schlu? und seinen unabsehbaren Folgen ausweichen.

Sachte, Herr Magister! Jener Beweis fu?t auf richtigen, identischen Gleichungen, worin der geschlossene Ausdruck auftritt: 3 + 4 7. Diesen Ausdruck heben Sie beiderseitig durch Division fort, und das d?rfen Sie nicht; denn 3 + 4 7 ist Null, und es ist in der Mathematik streng verboten, durch Null zu dividieren.

Der richtige Europ?er! Wir verhandeln Mathematik, und er kommt mit der Polizei, man darf nicht! er verbietet eine Rechnungsart, so wie er die P?derastie verbietet, w?hrend er die ganze ?quivalente Tribadie erlaubt! Aber man hat auch durch Jahrhunderte die Rechnung mit imagin?ren, mit irrationalen Gr??en, ja sogar mit Negativzahlen verboten und sich schlie?lich doch dazu aufgerafft. Ja, Sie h?tten ?berhaupt keine Algebra ohne die so lange verp?nten Imagin?rgr??en.

Das ist nicht dasselbe, Herr Magister; denn mit Ihrer Null-Division gelangen Sie zu einem evident falschen Resultat.

Eine sch?ne Logik! Sie erkl?ren das Resultat f?r falsch, weil es Ihnen nicht einleuchtet. Aber dem gro?en Newton hat sie eingeleuchtet, denn er glaubte an die Trinit?t, an die Dreieinigkeit, also an 3 gleich 1. Und aus 3 gleich 1 l??t sich durch die einfachsten, auch von Ihnen gebilligten Operationen direkt ableiten 4 = 5, obendrein 4 = 2, und wenn ich diese Zahlen wiederum geometrisch verwende, so gewinne ich etwas ganz Neues, n?mlich den elastischen Pythagoreischen Lehrsatz. Nehmen Sie etwa das Dreieck mit den Seitenl?ngen von 3, 4 und 5 Zoll: ist das rechtwinklig?

Zweifellos: denn 3 im Quadrat plus 4 im Quadrat ist gleich 5 im Quadrat.

Da ich nun, wie eben gezeigt, die 3 durch 1 und die 4 durch 2 ersetzen kann, so bleibt auch das Dreieck 125 rechtwinklig: und hier ergibt die Quadratur offensichtlich: das Quadrat ?ber der Hypotenuse ist 5 mal so gro?, als die Summe der Kathetenquadrate. ?ndert sich aber der Pythagoras nach meinem Belieben, so ?ndert sich das gesamte Weltbild, das hei?t; ich bin in jedem Moment bef?higt, alle Geometrie, alle Physik, alle Anschauung ?berhaupt in gr??ter Freiheit umzuformen. Begreifen Sie nun die geistige Engnis, zu der Sie sich selbst verurteilen, weil Sie an dem verrotteten Strafparagraphen mit dem Nullverbot festkleben?

Ihre Variationslust, Herr Magister, imponiert mir durch die r?cksichtslose Konsequenz, mit der Sie sozusagen bolschewistisch an den Denks?ulen r?tteln. Ich bin nunmehr auf Ihre neue Physik gespannt.

Sie haben einen guten Moment abgepa?t, sagte er, w?hrend ein unheimliches Freudenfeuer in seinen Augen glomm: denn wir sind eben dabei, eine epochale Versuchsreihe abzuschlie?en. Und zu dem jungen Assistenten gewandt, der im Hintergrund hantierte, fragte er; Sind Sie fertig, Paraspo?

Sogleich! rief dieser. Ich bin eben dabei, die Ergebnisse tabellarisch zu ordnen. Es stimmt alles aufs Haar nach Ihren Voraussagungen, Magister!

Es geht hier um keine Kleinigkeit, erg?nzte der Forscher. Ich habe n?mlich den Raum und die Zeit definitiv ergr?ndet, weit ?ber alle Relativit?ts-Theorie hinaus. Ist es Ihnen bekannt, da? jedes Atom genau so gebaut ist wie das ganze Sonnensystem?

Freilich, das ist ja nach den Untersuchungen der modernsten Forscher ganz exakt festgestellt.

In dieser Linie bin ich vorgeschritten und habe per analogiam ermittelt, da? unser Sonnensystem nichts anderes darstellt als das kleinste Atom; was sich auch in bester ?bereinstimmung mit meiner Zahlentheorie befindet. Urspr?nglich galt das Universum als unendlich gro?, nach der Relativit?tstheorie wurde es endlich begrenzt, und nun vollziehe ich den letzten Schritt mit der Ansage: das Universum ist unendlich klein, ist Null; das will sagen: der Raum existiert ?berhaupt nicht. Das ist aber erst der Anfang. Ich habe durch einen von mir konstruierten Fernseher festgestellt: alle Sterne spiegeln. Blicke ich nach dem Polarstern, so sehe ich auf ihm ein Spiegelbild der Erde.

Das w?re theoretisch denkbar.

Und ist praktisch beweisbar. Da nun der Polarstern, wie die Astronomen sagen, 40 Lichtjahre von uns entfernt ist, und da der Lichtstrahl f?r Hin und Her die n?mliche Zeit braucht, so sehe ich heute in diesem Spiegel die reflektierte Erde, nicht wie sie jetzt ist, sondern wie sie vor achtzig Jahren war: ich werde Zuschauer und Teilnehmer der geschichtlichen Vorg?nge von 1841. In derselben Minute kann ich aber auch von entfernteren Sternen das irdische Spiegelbild auffangen, das mir die V?lkerwanderung zeigt, die Gr?ndung Roms, den Trojanischen Krieg, den Bau der Cheopspyramide, die Steinzeit, die Entwicklung des Erdplaneten aus seiner feuerfl?ssigen Urgestalt. Mithin schrumpfen in diesem Erlebnis alle Epochen zusammen, die Zeit verschwindet, und es gibt hierf?r nur die eine erkenntnistheoretische Erkl?rung: die Zeit existiert ?berhaupt nicht. Nun beruht aber alle Physik auf der mechanischen Ergr?ndung der Bewegungen, die sich in Raum und Zeit vollziehen, und wenn diese Elemente fortfallen, so ergibt sich unweigerlich; es gibt keine Bewegung, keine Mechanik, keine Physik!

Das w?re der vollendete Nihilismus. Sie wollten mir doch aber gerade das entgegengesetzte Prinzip beweisen, n?mlich die Variationsfreiheit, die Vielf?ltigkeit Ihres Denkens gegen?ber unserem, in der Schablone erstarrten?

Das habe ich auch restlos getan. Wenn in der Welt, wie ich bewies, keine Physik regiert, so ist sie kein Kosmos, sondern ein Chaos, anarchistisch, gesetzlos. Und was Ihnen an uns Kradakern als pervers erscheint, ist nur der Ausdruck daf?r, da? wir diese Gesetzlosigkeit der anarchischen Natur auf uns Menschen ausgiebig ?bertragen.

In diesem Augenblick kam der Assistent herangesprungen, um seine Ausarbeitung dem Magister zu ?berreichen. Curaxo ?berflog das Manuskript, l?chelte befriedigt und erkl?rte; Ganz vorz?glich, das verdient eine Belohnung! Und zur Bekr?ftigung seiner Freude zog er aus dem Wams eine Karbatsche, mit der er dem Gehilfen einige krachende Hiebe verabfolgte. Der jauchzte auf und verzog sich mit seinen Verz?ckungen wieder in den Hintergrund.

Nur eine Sekunde lang war ich perplex, dann begann ich zu kombinieren; sollte hier die Synthese zweier Fehltriebe vorliegen? der Lehrer Sadist der Sch?ler Masochist? Trelloar fing meinen fragenden Blick auf und nickte best?tigend. Der Magister wollte uns zum Abschied die Hand reichen, allein Donath und ich verzichteten nach dem erlebten perversen Idyll auf die Ber?hrung.


* * *

Wir verlie?en das Staatsinstitut und verf?gten uns in den Gasthof zur?ck, wo wir die Genossen antrafen, die sich inzwischen auf eigenen Beobachtungswegen getummelt hatten. Herr Trelloar ?u?erte den Wunsch, bei uns zu verbleiben, und wir hatten nichts dagegen, kn?pften indes eine Bedingung daran; er sollte uns im Hotel einen h?bschen Extrasalon verschaffen und darin einen richtigen Tee servieren lassen: einen Tee ohne Wenn und Aber, ohne Narcotica, Aphrodisiaca und sonstige Ungeh?rigkeiten. Dies wurde ebenso prompt zugesagt wie erf?llt, und nach einer Viertelstunde erhob sich bei regul?r duftenden Tassen ein angeregter Disput.

Trelloar: Vor allem, sehen Sie jetzt schon etwas klarer in das Getriebe unseres Organismus?

Donath: Ich denke ja, und ich denke auch, es war die h?chste Zeit, das wir ihn kennen lernten; denn wenn Sie bei Ihrem ruin?sen Prinzip bleiben, wird diese ganze kleine Inselwelt durch nerv?se ?berreizung aussterben.

Trelloar: Sie sind im Irrtum. Wir besitzen schon heute eine g?nstigere Mortalit?tsziffer als die meisten L?nder Europas, und sie wird sich noch weiter verbessern. Ihre Verurteilung beweist nur, da? Sie das Prinzip unseres Gemeinwesens noch gar nicht begriffen haben: Was Ihnen als die Insel der Perversionen erscheint, ist in Wahrheit

Die Insel der Hinaufpflanzung!

Dr. Wehner: Machen Sie sich nicht l?cherlich! Das wird ein sch?ner Menschentyp werden, der sich aus einem Prinzip der gepflegten Abnormit?t entwickelt!

Eva: Wir m?ssen versuchen, die Sache zu kl?ren. Vielleicht gelingt es, zwischen unseren widerstreitenden Anschauungen eine neutrale Linie aufzufinden. Da? ich Ihre ethischen Hemmungslosigkeiten aufs ?u?erste mi?billige, versteht sich ja von selbst, und ich bitte mir aus, da? diese Verirrungen aus der Debatte ausscheiden. Allein ich halte es trotzdem nicht f?r unm?glich, da? in Ihrem Prinzip irgendwo ein berechtigter Kern steckt. Die Abnormit?t an sich befremdet mich zwar, aber sie erschreckt mich nicht mehr als sonst ein Kuriosum, und ich meine sogar, wenn es ?berhaupt eine Hinaufpflanzung gibt was freilich zu bezweifeln so kann sie nur mit Hilfe der Abnormit?t zustande kommen.

Mac Lintock: Aber Eva! was f?r eine Sprache! Du hast emp?rt zu sein, wie wir alle!

Ich: Gestatten Sie mir, Ihre Nichte in Schutz zu nehmen. Mit der blanken Emp?rung kommen wir nicht durch. Und ihre Bemerkung, da? die Hinaufpflanzung irgendwie mit der Abnormit?t zusammenh?ngt, ist doch wohl nicht ganz absurd. Wir m?ssen jedenfalls h?ren, was sich ein Kenner der hiesigen Verh?ltnisse denkt, wenn er f?r seine Insel einen solchen Ehrentitel in Anspruch nimmt.

Trelloar: Ja, das will ich Ihnen jetzt erkl?ren, in einzelnen Etappen. Zun?chst werden Sie mir zugeben, da? jede Emporz?chtung eine Auslese voraussetzt, und zwar die Auslese gewisser Individuen, die vom Normaltypus abweichen. Erst durch dieses Nicht ganz normal erh?lt jede Z?chtung ?berhaupt einen Sinn. Und alles Organische st?nde heut noch auf der Stufe des ersten Protoplasmakl?mpchens, wenn sich nie etwas anderes durchgesetzt h?tte, als das Normale. Es wird gez?chtet, nat?rlich und k?nstlich, um die Abnormit?t zu vervielf?ltigen und zugleich, um immer neue unvorhergesehene Abnormit?ten hervorzubringen. Hierauf beruht alle Entwicklung, aller Fortschritt. Und wer das nicht einsieht, der beweist nur, da? er nicht nit den Augen der Zukunft zu sehen vermag.

Dr. Wehner: Das ist nur bedingungsweise richtig. Die Abnormit?t bedroht uns mit zwei immensen Gefahren. Erstlich kann sie einen R?ckfall in Vergangenes darstellen, zweitens eine krankhafte Art, die den ganzen Gattungstypus gef?hrdet.

Trelloar: Beide Gefahren werden durch eure europ?ischen Methoden und W?nsche heraufbeschworen, da ihr gleichzeitig das Optimum der Masse und das Ideal des ?bermenschen ersehnt. Das eine ist ein Hinunterdr?cken in etwas Vorzeitliches, Untermenschliches, Insektenhaftes, das andere ein Hinaufwollen in ein Vakuum, worin jede k?rperliche Existenz unm?glich wird. Zum Gl?ck ist euer ?bermensch eine Utopie. Ihr habt ein ganz gutes Wort: Nullum ingenium sine dementia. Nun hat es sich eklatant gezeigt, da? in der Fortpflanzung der Genialen das Ingenium verschwindet, und wesentlich nur der Schwachsinn ?brig bleibt; falls nicht die blanke Unfruchtbarkeit jede Zukunftslinie abschneidet. Der ?bermensch, wie ihr ihn denkt, wird nicht existieren, weil sein vorgestellter Urahn entweder gar nicht zeugungsf?hig war oder nur seine Minderwertigkeiten vererbte. Euch schweben Grundtypen vor: Alexander der Gro?e, Cesare Borgia, Napoleon, Goethe, Bismarck verl?ngert die Liste wie ihr wollt, ihr findet in der Deszendenz entweder Nichts, oder weniger als Nichts, n?mlich die platte Gew?hnlichkeit. Nein, so geht es nicht; auf diesem Wege wird keine Hinaufpflanzung.





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