Alexander Moszkowski.

Die Inseln der Weisheit





Nachdem wir uns eingerichtet, fanden wir uns im Speiseraum der Karawanserei zusammen, deren schwer aussprechbarer Name sich sinngetreu mit Palace-Hotel ?bersetzen l??t; und insofern auch sachgetreu, als tats?chlich ein gewisser Luxus vorhanden war, der die anheimelnde Bezeichnung rechtfertigte. Man a? an kleinen Tischen, und wir wurden deshalb getrennt; was uns nichts ausmachte, da wir gar keinen Wert darauf legten, dauernd zusammenzukleben. Wir verteilten uns also auf gut Gl?ck und erwarteten die kulinarischen Gen?sse, mit denen uns das Palace-Hotel segnen w?rde.

Ein Vorzeichen der Erfreulichkeit: Bedienung von zarter Hand. Ich pers?nlich hege die gr??te Hochachtung vor dem Kellnerstand, mit dem Vorbehalt, da? mir die einf?ltigste Hebe lieber ist als der t?chtigste Ganymed. Zwischen Tafelbedienung und M?nnerhand liegt f?r mich eine sexuelle Dissonanz. Diese Unstimmigkeit wurde hier vermieden. Die Dissonanzen und Querst?nde waren nichtsdestoweniger vorhanden, allein sie entluden sich, wie man bald sehen wird, nach ganz anderen Seiten.

Eine Bedienerin schwebte heran und pflanzte eine Sch?ssel mit angenehm duftendem und offenbar sorgsam pr?parierten Salat vor uns auf. Als wir, Donath und ich, uns anschickten, auf gut Homerisch gierig die H?nde auszustrecken, erhob sich vom Nachbartisch ein Ortseingesessener, trat auf uns zu und sagte: Ich warne Sie, meine Herren, und m?chte Ihnen empfehlen, diese Warnung an Ihre Gesellschaft weiterzugeben. Dieser Salat nimmt unter unseren Volksgerichten die erste Stelle ein, er setzt indes eine Gew?hnung voraus, die man bei Landfremden nicht annehmen darf. Er ist n?mlich aus den Bl?ttern des Koka-Strauches zubereitet, der hier ?berall wild w?chst und ?berdies in verfeinerten Kulturen massenhaft gez?chtet wird.

Wir sind Ihnen sehr verbunden, sagte Donath, obschon mich die Neugier lockt, wenigstens eine kleine Kostprobe zu nehmen; vorher will ich allerdings unsere Reisegenossen von Ihrer Mahnung verst?ndigen. Als er nach einigen Sekunden zur?ckkehrte, hatte ich den autochthonen Herrn bereits gebeten, bei uns Platz zu nehmen. Der Mann gefiel mir, denn er zeigte weltm?nnischen Schliff und eine Ausdrucksweise, die auf weitreichende Erfahrung schlie?en lie?. Die besa? er in der Tat. Er war seit zehn Jahren h?herer Beamter im Wohlfahrtsministerium der Inselgruppe mit dem Range etwa eines Staatssekret?rs; vordem hatte Herr Trelloar (so hie? er) als Emiss?r im strengsten Incognito ausgedehnte Reisen unternommen, und wir merkten bald, da? ihm unsere Kulturzentren recht gut bekannt waren. Ich reiste, berichtete er, unter der Maske eines finnischen Kaufmannes

Also mit gef?lschtem Pa??

Mit gar keinem Pa?. Inkommodiert wird man in Ihren L?ndern nur dann, wenn man sich ?berhaupt auf Ausweise einl??t. Verzichtet man darauf grunds?tzlich und ersetzt man die Sprache der Schriftst?cke durch das Esperanto klingender M?nze, so verschwinden alle Verkehrsschwierigkeiten von selbst. Um nun auf unser Thema zur?ckzukommen

Die Bedienerin hatte inzwischen auf sein Zeichen verschiedene andere Speisen aufgetragen, gegen deren Genu? Trelloar nichts einzuwenden hatte; Gerichte, die mit gewissen Abweichungen an die uns gel?ufigen erinnerten. Jedenfalls waren wir ganz gut versorgt und sonach disponiert, w?hrend des Mahles den Ausf?hrungen unseres Partners zu folgen.

Da? in den Koka-Bl?ttern dieses Salates das wichtige Alkaloid Kokain steckt, ist Ihnen nat?rlich bekannt. Ebenso, da? diese Substanz nicht nur als schmerzstillendes und verh?tendes Mittel gebraucht wird, sondern auch zur Bet?ubung in weiterem Sinne. Und indem es bet?ubt, weckt es gleichzeitig seltsame nerv?se Zust?nde nach Art der Narkotika, qualitativ modifiziert, quantitativ st?rker, besonders in solchen Mengen genossen wie hier. Unser Kokain ich sagte Ihnen schon, da? wir die Pflanze nach besonderen Verfeinerungsmethoden pflegen umh?llt den Genie?er mit den angenehmsten Visionen und Phantasmagorien; n?mlich dadurch, da? es den Schmerz aufhebt, der mit dem Dasein selbst verkn?pft ist, sagen wir: den Existenzschmerz.

Gut umschrieben, bemerkte Donath Flohr, aber ich als Europ?er w?rde das direkter bezeichnen: der Kokaingenu? an sich ist eine Perversit?t und erzeugt Perversionen. Also glattweg ein Laster. Schon in winzigen Dosen, eingespritzt oder geschnupft, untergr?bt er die sittliche Konstitution. Ich kann mir einstweilen noch gar nicht ausmalen, was aus einem Volk wird, da? sich dieses Zeug gewohnheitsm??ig aus vollen Sch?sseln einverleibt.

Trelloar entgegnete: Lassen wir es einstweilen bei Ihrem Ausdruck Perversion. Sie werden vielleicht, und ich hoffe es, dahin gelangen, diesem Begriff eine neue Bedeutung abzugewinnen. Was unter gewissen Bedingungen pervers erscheint, kann unter anderen die Form einer harmlosen und durchaus naturgem??en Gepflogenheit annehmen. Sind Sie Raucher?

Heftig. Mit Leidenschaft. Ich qualme sogar im Bett.

Nun stellen Sie sich vor, Sie allein rauchten, Sie allein bes??en Tabak, kein Mensch au?er Ihnen. Dann w?ren Sie zweifellos ein Perverser. Die Mediziner w?rden konstatieren, da? Sie dauernd ein starkes Gift schlucken, an dem Sie unabwendlich in wenigen Wochen zugrunde gehen m?ssen. Sie w?rden vielleicht auch an Moralprediger geraten, die nach historischem Vorbild beantragen, Ihnen die Nase abzuschneiden, weil Sie kraft h?llischen Feuers mit dem Satan im Bunde stehen. Aber im modernen Kulturkreis sind Sie durchaus kein Perverser, sondern ein Raucher unter Millionen, der gedeiht, der als sittliche Pers?nlichkeit hundert Jahr alt werden kann

und dem der Tabak, schaltete ich ein, die besten geistigen Inspirationen zuf?hrt. Soweit bin ich ganz einverstanden mit Ihnen, Herr Trelloar. Man m??te nur erfahren, welchen besonderen Gepflogenheiten sich Ihre Genossen hingeben, und alsdann pr?fen, ob es wirkliche Perversionen in jedem Betracht sind, oder blo? Abweichungen vom Normalgebrauch.

Beginnen wir mit Kleinigkeiten. Ich bemerke vorweg, da? ich selbst nur geringes Gewicht auf sie lege, weil sie nur die ?u?erlichkeiten, nicht die Tiefe des Lebens betreffen. Dort dr?ben sitzt ein B?rger von Kradak, der sich eben einen eigenartigen Gang schmecken l??t; Sie k?nnen s?mtliche Speisekarten zwischen Nordkap und Palermo durchgehen, ohne auf das Gericht zu sto?en: es ist Ziegenk?se mit Sardellen, am Spie? gebraten. Sein Nachbar i?t Kr?henzungen in Vanille, nachdem er vorher Kaviar mit Schlagsahne konsumiert hat. Sein Nachbar trinkt getr?ffelten Kaffee, und was er darin eintunkt, ist kein Kipfel oder H?rnchen, sondern Salzgurke. Tr?ten diese Dinge vereinzelt auf, so k?nnte man sie als feuilletonistische Scherze und die Personen als perverse Sonderlinge betrachten. Es steckt aber ein Programm darin. Wir auf Kradak sagen uns, da? wir die Tafelm?glichkeiten vertausendfachen, wenn wir an keinem Menuzwange festkleben. Wir haben unsere Geschmacksnerven auf eine Vielf?ltigkeit eingestellt, die den Europ?ern fremd ist, da Ihr aus der Unersch?pflichkeit der E?kombinationen nur ein Minimum herausholt. Genau genommen haben Sie alle, ob Amerikaner, Deutsche, Franzosen, Schweizer, Skandinavier, alle zusammen nur eine Speisekarte, bestenfalls vier Seiten lang, und Sie unterliegen mit Ihren Tafelfreuden dem ewig Gestrigen, wie Ihr Dichter sagt, das morgen gilt, weils heute hat gegolten. Wer dar?ber hinaus will, von Euch aus gesehen, hat einen perversen Geschmack. Salzgurke in s??em Kaffee oder Blindschleiche in Schokolade, das schmeckt abscheulich, so meint Ihr; aber das ist genau so, als wenn Ihr eine Klangmasse oder eine Tonfolge f?r gr??lich erkl?rtet, die fr?her einmal dissonierte; morgen wird sie konsonieren, und ein Ohr, das sich damit befreundet, ist nicht pervers, sondern nur in der Zeit voran.

Wenn ich Sie recht verstehe, so wollen Sie auf Folgendes hinaus: Gewisse einzelne Perversionen, die vorl?ufig nur symptomatisch auftreten, sollen sich zu einem System zusammenschlie?en, und hierin soll zum Ausdruck kommen, da? man dem Leben erheblich mehr Reizungen abgewinnen kann, als man gemeiniglich annimmt.

Sie sind auf dem Wege zum Verst?ndnis; allein Sie werden den ganzen Umfang der Reizvermehrung erst dann begreifen, wenn wir auf das geistige Gebiet gelangen. Ja! wir sind allerdings zu der Einsicht gelangt, da? der Mensch im allgemeinen von den Variationsm?glichkeiten, die ihm die Natur selber er?ffnet, nur einen ganz k?mmerlichen Gebrauch macht; und da? er der Erstarrung anheimfallen wird, wenn es ihm nicht gelingt, sich aus der Umklammerung des Formalismus zu befreien. Das Kennzeichen des Lebens, wie es sich da drau?en und besonders bei Ihnen in Europa abgewickelt hat, ist die Monotonie. Unbeschadet der Wechself?lle in Krieg und Frieden, in Revolution und sonstiger historischer Gestaltung unterliegen Sie alle der Anpassung an eine Normale, die Ihnen als Internationalismus oder Kosmopolitismus vorschwebt, die aber im Grunde nichts anderes ist, als eine entsetzliche Gleichmacherei, in welcher die Besonderheiten untergehen, die gewesenen und noch viel mehr die zuk?nftigen. Das Grundgesetz der Natur, da? es so viele Empfindungen, Daseinsm?glichkeiten, ja Logiken gibt als Einzelmenschen, wird durch den Anpassungstrieb gewaltsam au?er Kraft gesetzt. Die Dampfwalze der Nivellierung geht ?ber alles hinweg. Ich stand in London und betrachtete jene endlosen Stra?en, in denen jedes Haus dasselbe Bauschema verfolgt, jeder Bewohner dasselbe Leben absolviert, zur n?mlichen Stunde das n?mliche i?t, trinkt, hantiert, denkt, erledigt, abhaspelt. Und ich fragte mich: warum sind das Millionen, wenn sie in ihrer numerischen ?berf?lle nichts anderes aufzeigen als irgend ein Dutzend? Dann stand ich wiederum in Paris, Wien, Berlin, Stockholm, Florenz, New York, Kalkutta, und bemerkte zwar nationale Abt?nungen, andere Baustile, aber das Grundprinzip blieb dasselbe: die Unterdr?ckung der Variation zugunsten der Uniformit?t. Und wenn ich mir die Leute ansah, so war der Eindruck vorherrschend: es gibt bei euch nur noch einen Typus, den langweiligen Kosmopoliten, der ?berall dieselbe Figur machen will und der sich in l?ngstens einem Jahrhundert zum ?den Allerweltsschema durchgesetzt haben wird.

Erstens w?re das noch kein Ungl?ck; und zweitens ?bertreiben Sie, indem Sie die gemeinsamen Merkmale allzusehr hervorheben. Gewi? waren in Vorzeit die Differenzen zwischen einem Karaiben und einem Athener hervorstechender als heutzutage die Unterschiede zwischen den B?rgern und Arbeitern der Hauptst?dte. Aber eine Ver?hnlichung in Gesch?ften, Denkweisen und Lebensgestaltungen ist doch noch nicht eingetreten.

Sie ?bersehen das Wesentliche, die Empfindung, die allerdings in allen Zonen einen bedauerlichen Grad der Egalisierung erreicht hat. Jedermann, er wohne wo er mag, will aus der Unannehmlichkeit heraus in die Annehmlichkeit, er will dies unab?nderlich auf Grund seiner ?rmlichen f?nf Sinne, deren Spiel anscheinend nur geringer Modulation f?hig ist. Was dem Londoner angenehm ist, als Sinneseindruck, das ber?hrt alle angenehm, was auf ihn peinvoll wirkt, das wird in der ganzen Welt als peinvoll empfunden. Ihr alle sprecht und empfindet wie der Jude Shylock in eurem Shakespeare: mit derselben Speise gen?hrt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gew?rmt und gek?ltet von demselben Winter und Sommer, wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Religion und Philosophie ?ndern nichts an diesem Grundbestand. Aber da kommt eine neue Erkenntnisfrage: Wie wenn wir aus dem Mi?gef?hl ein Wohlgef?hl herausentwickeln k?nnten, aus dem blutigen Stechen einen angenehmen Kitzel? Wenn wir in unseren Empfindungsapparat eine neue Mechanik einzusetzen verm?chten, die uns den Schmerz ganz direkt zur Lust transformiert?

Herr Trelloar, das wird masochistisch.

Allerdings, und ich f?ge hinzu, da? wir uns auf diesen Inseln in betr?chtlicher Zahl dem Masochismus ?berliefert haben. Und um die Sache f?rs Gespr?ch zu erleichtern, bleibe ich bei dem Ihnen gel?ufigen Ausdruck. Also wir huldigen der Perversion des Masochismus in allen Formen, sind uns aber dessen bewu?t, da? wir damit den Lebenskreis erweitern und klar zum Ausdruck bringen, was auch im Unterbewu?tsein des kosmopolitischen Philisters schlummert. Dem Philister fehlt die F?higkeit und der Mut, eine angedeutete Gef?hlsm?glichkeit zu verfolgen und auszugestalten. Nur beileibe nicht aus dem gradlinigen Normalen heraus! Wir verfahren also zun?chst jedenfalls ehrlicher als er, indem wir uns nicht hinter angeblichen ethischen Hemmungen verkriechen, sondern offen zu dem bekennen, was wir sind.

Verzeihung, das tun wir ja auch; wir sind eben Nicht-Masochisten und betonen dies nachdr?cklich.

Das hei?t, ihr betont eine Unwahrheit, gelinde gesagt eine Unwahrhaftigkeit, denn euer ganzes Verhalten dem Weibe gegen?ber ist auf Masochismus eingerichtet, auf eine verhaltene, uneingestandene, mit tausend Kunstmitteln verf?lschte Perversit?t. Erlauben Sie mir, da? ich zum Beweise etwas aushole, um Ihnen die Beziehung der Geschlechter im Gedankengang einer Person zu definieren, die Sie wohl auch als Autorit?t gelten lassen; weil sie die einzige war, welche die Philosophie der Liebe theoretisch wie praktisch vollkommen beherrschte. Diese Person also, in deren Umarmungen Liebe und Erkenntnis zusammenflossen, erraten Sie, von wem ich spreche?

Es k?nnte Aspasia sein.

Getroffen. Wiederholen wir uns ihre Weisheit; die M?nner, als die Inhaber aller Machtvollkommenheit, haben alles aufgeboten, um uns, die Frauen sagt die Griechin des blo?en Gedankens einer Emp?rung gegen ihre unrechtm??ige Herrschaft unf?hig zu machen: sie fordern zum Preis aller Vergewaltigung, die wir von ihnen erleiden, unsere Liebe: wenden alle erdenklichen Verf?hrungen an, uns zu ?berreden, da? sie ohne uns nicht gl?cklich sein k?nnen, und bestrafen uns gleichwohl daf?r, wenn wir sie gl?cklich machen. Und wir, die Frauen, verdienen bestraft zu werden, wenn wir bl?de genug sind, die Feinde unserer Ruhe, die Tyrannen unseres Lebens unsere ?berlegenheit nicht sp?ren zu lassen. Warum bedienen wir uns nicht der Vorteile, die uns die Natur ?ber sie gegeben hat? Wir sollten das schw?chere Geschlecht sein, sie das st?rkere? Die l?cherlichen Gesch?pfe! Wie fein steht es ihnen an, mit ihrer St?rke gegen uns zu prahlen, da die schw?chste aus dem Kreise der Weiber es in ihrer Gewalt hat, jeden Helden, ja jeden Halbgott, mit einem l?chelnden oder s?uerlichen Blick zu ihren F??en zu legen?! Auf die rhetorischen Fragen der Aspasia gibt das Verhalten der M?nner die Antwort; sie unterwerfen sich tats?chlich, sie erh?hen instinktiv die Weibertyrannis ?ber ihre eigene Tyrannei. In aller Lyrik, in allem Troubadourwesen, in aller Galanterie steckt das Bekenntnis und der Wunsch, Gewalt zu sp?ren vom andern Geschlecht. Das ist der erste Auftakt des Masochismus, der sich mit ideellen Fu?tritten und transzendenten Gei?elungen begn?gt. Wenn wir in der Praxis weiter gehen, und die Wollust nicht gerade da kupieren, wo sie eben anf?ngt merkbar zu werden, so ?ben wir nur jene Konsequenz, die ihr ja sonst als m?nnliche Tugend feiert. Ihr verfahrt mit eurem verd?nnten Masochismus wie einer, der in die K?che hineinriecht und sich das Essen versagt. Ihr la?t nicht gegenst?ndlich werden, was seiner ganzen Natur nach wie alles Sexuelle auf die Realit?t hindr?ngt, und in dieser Resignation so k?nnte man sagen seid ihr die Perversen, da ihr den nat?rlichen materiellen Verlauf nach der entgegengesetzten Richtung umbiegt, also ganz w?rtlich genommen, pervertiert.

Wir sind da sehr weit auseinander. Zugeben will ich Ihnen, da? ein Drang nach Selbstunterwerfung existiert, der dem nat?rlichen Willen zur Macht in gewisser Weise widerspricht. Zugeben will ich ferner, da? die ganz unerl??liche Lebensfeinheit der Galanterie ihren Sinn verliert, wenn wir im Zuge zeitlicher Anforderung die politische und soziale Gewalt mit den Frauen teilen, das hei?t, die Macht preisgeben. Aber die von uns gepflegte Galanterie, mag auch ein Rest von freiwilligem Sklaventum in ihr stecken, ist doch himmelweit verschieden von der potenzierten Sklaverei des richtigen Masochismus. Ganz banal ausgedr?ckt: wirkliche Fu?tritte und Gei?elschl?ge tun doch weh, wie k?nnen Sie so pervers sein, ein Vergn?gen dabei zu empfinden?

Die Tatsache spricht f?r sich, und sie steht nicht vereinzelt. Es l??t sich sozusagen geschichtlich erweisen, da? Orgiasmus und Schmerz Erscheinungsformen ein und desselben Vorgangs sind, und da? es in gewissem Grade nur von uns abh?ngt, sie so oder so zu empfinden. Die alten Hexen und Folterberichte wimmeln von Best?tigungen. Ich besitze eine ganze Sammlung davon und habe mir erst heute eine bezeichnende Stelle dieser Art ausgeschrieben. Er zog ein Bl?ttchen hervor und las: Ein beglaubigter Gew?hrsmannCarr? de Montgeron; zitiert in Placzeks Werk Das Geschlechtsleben der Hysterischen. von 1730 beschreibt wie ein der Hexerei angeklagtes M?dchen mit einem 30 Pfund schweren Feuerblock in der Magengegend so bearbeitet wurde, da? der Block bis zum R?cken vorzudringen schien, und da? man h?tte meinen sollen, s?mtliche Eingeweide w?ren unter der Wucht der Schl?ge zerschmettert. Das Opfer aber rief nur dem Peiniger zu: Das tut gut! Mut, mein Bruder, schlage noch mehr, wenn du kannst!

Das ist Hysterie.

Sie setzen nach alter Gewohnheit ein Wort f?r die Sache und sind dann fertig mit dem Problem. Wir fassen es tiefer. Wenn auch nur in einigen F?llen der Schmerz als Lust wahrgenommen wird die F?lle sind zu Hunderten erwiesen dann sind die Kategorien Schmerz und Lust ?berhaupt nicht in Trennung aufrecht zu erhalten. Mit der neuen Kategorie aber, mit dem Lustschmerz oder der Schmerzlust gewinnt der Mensch eine Unzahl von Emotionen, die im alten Register vollst?ndig fehlen. Und wenn wir unsere sensiblen Nerven hierzu trainieren, so erreichen wir damit Variationen, in denen sich ein gesteigertes Lebensprinzip ausspricht.


* * *

Wir traten auf die Stra?e, da Trelloar uns ein wichtiges Staatsgeb?ude zeigen wollte. Wir beide hatten uns Zigaretten angesteckt, und Donath hielt auch ihm sein Etui anbietend entgegen. Allein der Kradaker bevorzugte seine eigene Sorte und entz?ndete sich einen Stengel, dessen Aroma wir im geschlossenen Speiseraum schwerlich ausgehalten h?tten. Sehen Sie, sagte er, auch im Rauchen sind Sie beim ersten, leisen Perversit?tsansatz stecken geblieben, da Sie an dem unvariablen Dogma festhalten: Nur Tabak! was ungef?hr dem primitiven Standpunkt des S?uglings entspricht, dessen Dogma lautet: nur Milch! Ich habe hier in meiner Dose zw?lf verschiedene Sorten, und unsere Industrie erzeugt hunderte, unter denen der Tabakstyp h?chstens zu f?nf Prozent vorkommt. Die Zigarette, an der ich mich eben delektiere, ist aus den Bl?ttern des Bilsenkrauts gewickelt, in den andern befindet sich L?wenzahn, Euphorbium, Schierling, Fingerhut, Meerzwiebel, Taumellolch, und so weiter, lauter Giftpflanzen, deren Alkaloide es mit Ihrem Nikotin getrost aufnehmen k?nnen.

Pfui Teufel! rief Donath; wenn Ihre Giftnudeln so schmecken wie sie duften, dann m?chte ich diese Perversion allerdings nicht mitmachen.

Ich zwar auch nicht, sagte ich, aber trotzdem bist du hier offenbar gegen unseren Mentor im Unrecht. Wir d?rfen so viel habe ich von seiner Lehre schon begriffen den Stand unserer Gaumen und Nasennerven nicht als den alleingiltigen ansprechen, da wir sonst in denselben Urteilsfehler verfallen w?rden, wie der absolute Rauchfeind gegen den Raucher. Ich halte es f?r durchaus m?glich, da? uns die Kradaker auf diesem Gebiet, wenn auch nicht ?berlegen, so doch in der Zeit m?chtig voraus sind.

Ich freue mich, da? Sie sich bem?hen, das Prinzip als solches zu w?rdigen, bemerkte Trelloar. Und ich verkenne Ihre Anstrengung um so weniger, als wir ja selber mit allen Einzelheiten des Prinzips noch nicht im Reinen sind. Wir befinden uns in vieler Hinsicht noch im Versuchsstadium, da wir erst seit wenigen Generationen die Wohltat der Variation und die Unw?rdigkeit der Monotonie erkannt haben. So sind wir zum Beispiel mit dem Trachtenwesen immer noch in gewisser Abh?ngigkeit von den alten Stilen

Das sieht man auf den ersten Blick, ?u?erte Donath wegwerfend, indem er die Jahrmarktsmenge mu?terte. Es ist ein Durcheinander aller erdenklichen Bekleidungen, die auf unsereinen chaotisch, barbarisch und grotesk wirkt. Die Gruppe dort sieht aus wie aus einem Apachenball hierher verschlagen; M?dchen in Zwittertracht zwischen einer friesischen Magd und Indianerin, zwischen Bonne und Kokotte. Der junge Mann dabei tr?gt ein Schurzfell, ein Spitzenjabot und einen blanken Zylinder mit Gemsbart und Spielhahnfeder. Das alles ist Potpourri, Olla potrida, aber keine Nationaltracht.

Wir w?nschen auch gar keine, denn damit w?rden wir uns schon wieder der Schablone ?berliefern. Vergegenw?rtigen wir uns, da? in aller Mode, aller Trachtenbildung zwei Elemente stecken, ein revolution?res, das uns aus der Kralle der vorigen Mode befreien will, und ein konservatives, das die neue Mode wie eine sakrosankte Herrscherin ausruft. Man befreit sich nur aus einer Kralle, um in eine neue zu fallen, man vertauscht Fesseln mit Ketten. Ein dunkler Trieb sagt uns: befreit euch endlich vom Diktat der Schneider und Konfektion?re, und jedesmal, wenn wir eben daran sind, den Zwang abzusch?tteln, akzeptieren wir schon ein neues Ultimatum





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